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Schwestern

Schwestern
von
Greg Bear




„Aber du bist die einzige, Letitia.“ Reena Cathcart legte mit einem Blick äußerster Aufrichtigkeit eine leichte, schlanke Hand auf ihre Schulter. „Du, weißt, keine der anderen kann es. Ich meine …“ Sie hielt   inne. Schwach dämmerte ihr der Fauxpas, der ihr unterlaufen war. „Du bist einfach die einzige, die die alte - die ältere - Frau spielen kann.“
   Letitia Blakely blickte auf den Flurboden. Ihr Gesicht wurde heiß. Sie wandte ihren Blick zur Decke und versuchte, keine neuen Tränen zu vergießen. Reena warf ihr langes schwarzes Haar zurück, perfekte Augen in der Farbe von Haselnüssen schauten flehend drein. Einige Nachzügler bummelten den reinlichen und mit Teppich ausgelegten Flur des neuen Schulflügels hinunter zu ihren Klassen. „Wir kommen zu spät zur ersten Stunde“, sagte Letitia. „Warum die alte Frau ? Warum bist du nicht zu mir gekommen, als noch andere Rollen zu besetzen waren ?“
   Reena war zu gerissen, um nicht zu wissen, was sie tat. Gerissen, aber nicht übermäßig feinfühlig. „Du bist eben der Typ dafür.“
   „Meinst du gruftig ?“
   Reena reagierte nicht. Sie war erpicht auf ein Ja, der perfekten Lösung ihrer Probleme.
   „Oder nur untersetzt ?“
   „Du solltest dich wegen deines Aussehens nicht schämen.“
   „Ich sehe gruftig und untersetzt aus ! Ich bin perfekt für die alte Frau in deinem verlogenen Stück geeignet, und du bist die einzige, die den Mut hat, mich zu fragen.“
   „Wir wollen dir eine Chance geben. Du bist eine solche Einzelgängerin und wir wollten, daß du dich fühlst wie ein Teil …“
   „Bullshit !“ Die Tränen begannen nun doch hervorzuquellen, und Reena wich zurück. „Laß mich in Ruhe. Laß mich nur in Ruhe.“
   „Kein Grund zum Fluchen.“ Verdrießlich, beleidigt.
   Letitia, hob die Hand, als wolle sie zuschlagen. Reena schwang herausfordernd ihr Haar und wandte sich ab, um zu geben. Letitia lehnte sich gegen die geflieste Wand und wischte sich die Augen ab, wobei sie versuchte, ihr sorgfältig, aufgetragenes Make-up nicht zu verschmieren. Der Schaden war allerdings bereits angerichtet. Sie spürte die Tränenspuren durch die Wimperntusche ihrer Mutter und den verschmierten Lidschatten. Mit einem Seufzen ging sie zum Waschraum, ohne darauf zu achten, wie spät sie dran war. Sie wollte nach Hause gehen.
   Fünfzehn Minuten nach dem Schellen erreichte Letitia ihre Klasse und war überrascht, die Schüler in einer selbstgeregelten Diskussion vorzufinden, ohne eine Spur von Mr.Brant. Einige aus Reenas Drama-Gruppe warfen ihr frostige Blicke zu, als sie ihren Platz einnahm.
   „AV“, sagte Edna Corman im Flüsterton von der anderen Seite des Ganges aus.
   „RK dich“, erwiderte Letitia, nickte zur Seite und paßte ihren Ton dem Ednas genau an. Sie klopfte John Lockwood auf die SchuIter. Lockwood kümmerte sich nicht besonders um Geselligkeit. Er bemerkte nur selten, wenn etwas um ihn herum vorging. „Wo ist Mr.Brant ?“
   „Georgia Pischer hat geblitzt, und er bringt sie zum Rat. Er hat gesagt wir sollen hierbleiben und weitermachen.“
   „Oh.“ Georgia Fischer war vor zwei Monaten aus einer Begabten-Klasse in Oakland hierher versetzt worden. Sie war intelligenter als die meisten anderen, aber etwa alle zwei Wochen hatte sie einen Blitz. „Vielleicht bin ich fett und häßlich“, sagte Letitia in Lockwoods Ohr, „aber ich habe noch nie geblitzt.“
   „Ich auch nicht“, sagte Lockwood. Er war ein VEK, genau wie Georgia, aber kein Begabter. Letitia mochte ihn, aber nicht genug, um sich durch ihn bedroht zu fühlen.  „Besser weitermachen.“
   Letitia lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und schloß die Augen, um sich besser konzentrieren zu können. Ihr Mod sprang an und Projektionen tanzten vor ihr und stabilisierten sich. Sie hatte sich nun seit einer Woche beharrlich mit Patienten-Psychologie vollgestopft und näherte sich  nun der Schwelle. Die kleine  Computergraphik-Schwester in Weiß mit Schwesternhäubchen begann die Erörterung der Patientenpflege. Für Letitia schien dies alles sehr AV zu sein. Wer starb jetzt überhaupt noch an Krankheiten ? Sie traf eine Entscheidung und ließ sich von derselben CG-Schwester den RoR-Schock - Ersatz und Erholung erkIären. Was sie wirklich studieren wollte, war Kolonie-Medizin, aber wie könnte sie es je nach Dort Draußen schaffen ?
   Einige VEKs waren von ihren Eltern derart entworfen worden, daß sie sich physisch und mental für eine Weltraum-Karriere qualifizierten. Einige waren mit Biochemien ausgerüstet worden, deren eine in der Erdschwere aktiv wurde, die andere im Raum. Wie konnte ein NG damit konkurrieren ?
   Von den siebenhundert Jugendlichen in den Trainigsprogrammen ihrer Highschool war Letitia Blakely eine von zehn Ngs, - Besitzerin von natürlichen unveränderten Genomen. Jeder andere war stolzer Besitzer frisierter Gene, VEKs oder Vorher-Entworfene Kinder. Sie alle waren reizend und ausgeglichen mit genau der angemessenen Anhäufung von Fettpolstern und genau der angemessenen Einflößung elterlicher Charakteristiken und ausgewählten Zügen, um hübsch und unterschiedlich zu sein - groß, gesund, zu bändigendes Haar, unbefleckte Haut, wohlangepaßt (außer dem gelegentlich auftretenden Blitzen), mit warmherzigen und heiteren Persönlichkeiten. Der alte, herabwürdigende Slangausdruck für VEKs war RK – Rekombiniert.
   Letitia Brown - ein wenig übergewichtig, mit bleicher, Haut, krausem Haar, einer Knollennase und schwachem Kinn, einer Brust größer als die andere und bereits so schlaff, um darunter einen Schreiber einzuklemmen, mit schmerzvollen Menstruationsperioden und einer absoluten Abneigung gegenüber Athletik - war das Spiel. So wurden sie genannt. NG Spiele. AVs - Atavismen. Neandertaler.
   All die hübschen VEKs riskierten eine Menge, wenn sie Animositäten den NGs gegenüber zeigten. Ihre Eltern hatten das Recht, das System zu verklagen, wenn sie zum Nachteil ihrer Schulleistungen belästigt wurde. Dies war keine Privatschule, für die alle Eltern astronomisch hohe Unterrichtsgebühren zahlen mußten; dies war eine öffentliche Schule alten Stils, mit öffentlichem Schulprogramm und Regeln. Die Lehrer tendierten dazu, mit Störenfrieden nicht viel Federlesen zu machen. Und, so gestand sie sich mit einer schmerzvollen Selbstbeschuldigung ein, sie machte es ihnen nicht gerade leichter.
   Sicher, sie konnte mitmachen und die alte Frau spielen - wieviel Realismus würde sie dem kleinen Drama mit ihrem ehrlichen TB-Körper geben ! Sie könnte fröhlich und bescheiden sein, wie Helen Roberti, die ohnehin gar nicht so schlecht aussah. Oder sie könnte ruhig und unauffällig sein, wie Bernie Thibhault.
   Die CG-Schwester schloß die Ersatz und Erholungs-Pflege ab. Letitia hatte kaum etwas davon aufgenommen. Echtzeit-Mod-Unterricht war langweilig, aber sie hatte sich bisher noch nicht für das Erlebnistraining qualifiziert. Sie hatte nun lediglich einen Kurs des Karriere-Studiums - keine Alternativen - und zwei ästhetische Programme, Individualorchester am Freitag nachmittag und LitVid-Edieren an alternierenden Wochenenden.
   Als Vorstudentin der Medizin war sie ein Versager, aber das wollte sie nicht zugeben. Sie war NG. Ihr Gehirn brauchte länger, um zu reifen; es war nicht so fein verdrahtet.
   Sie dachte, sie wäre unglaublich langsam. Sie bezweifelte, daß sie jemals eine erfolgreiche Ärztin werden würde; sie war empfindlich und niemand, nicht einmal ihre Mit-NGs, wollten von einer Ärztin behandelt werden, die bei dem Anblick von Blut bleich wurde.
   Letitia wies die Schwester leise an, noch einmal zu beginnen und diese gehorchte.
   Währenddessen war Reena Cathcart gewaltig in ihr Mod eingestiegen. Ihr glückseliger Ausdruck sagte alles. Die Echtzeit-Ausgabe glitt so glatt, so schnell in sie hinein - es war die pure Freude.
   Keine Pickel im Verstand.
   Zehn Minuten später kehrte Mr.Brant mit einer blassen und triefäugigen Georgia Fischer zurück. Sie saß einen Gang und zwei Reihen hinter Letitia. Sie stöpselte ihr Mad beflissen ein und Brant ging zu seiner Konsole, um sein Multimedia einzuschalten und die gesamte Klasse zu koordinieren. Edna Corman flüsterte ihr etwas zu.
   „Alles in allem kein schlechter Blitz“, kommentierte Georgia leise.
   „Wie geht es dir, Letitia ?“ fragte der Autoratgeber. Das CG-Gesicht projizierte sich vor ihr mit ein paar Störungen, denen Letitia keine Aufmerksamkeit schenkte.  CG-ARs waren die Gestörten, und sie schätzte sie nicht einmal in ihrer ursprünglichen Perfektion.
   „Dürftig“, sagte sie.
   „Wirklich ? Lust, darüber zu reden ?“
   „Ich möchte mit Dr.Rutger reden.“
   „Vertraust deinem freundlichen AR nicht ?“
   „Ich möchte mit Dr.Rutger reden.“
   „Dr.Rutger ist beschäftigt, Letitia. Anders wie dein freundlicher AR, können Menschen zu einer gewissen Zeit nur an einem Ort sein. Ich möchte helfen, wenn ich darf.“
   „Dann möchte ich Programm sechzehn.“
   „Steht bereit, Letitia.“ Die Projektion flackerte, und das Gesicht wandelte sich zu einer Realperson-Simulation von Marian Tempesino, der einzigen CG-AR, bei der sich Letitia wohl fühlte. Tempesino hatte keine Störungen, was nahelegte, daß sie ein nur selten genutztes Programm war. Das war Letitia nur recht. „Hier Sechzehn Letitia ? Du siehst niedergeschlagen aus. Noch mehr Einstellungsstörungen ?“
   „Ich wollte mit Dr.Rutger reden, aber er ist beschäftigt. Also rede ich mit dir. Und ich möchte eine Aufzeichnung. Ich will raus aus der Schule. Ich möchte, daß mich meine Eltern herunternehmen und mich auf eine NG-Schule gehen lassen.“
   Tempesinos Gesicht hatte keinen besonderen Ausdruck, was einer der Gründe war, weshalb Letitia das Programm 16 AR mochte. „Warum ?“
   „Weil ich ein Freak bin. Meine Eltern haben mich zu einem Freak gemacht, und ich möchte wissen, warum ich nicht bei all den anderen Freaks bin.“
   „Du bist eine Natürliche, kein Freak.“
   „Um wie irgendeine von den anderen auszusehen - selbst wie Reena Cathcart - müßte ich den Rest meines Lebens mit Bioplasty verbringen. Ich halte es nicht mehr aus. Sie haben mich gefragt, ob ich nicht die alte Lady in einem ihrer Dramen spielen will. Die einzige Rolle, die zu mir paßt. Eine alte Lady !“
   „Sie versuchen, dich miteinzubeziehen.“
   „Es tut weh !“ sagte Letitia mit Tränen in den Augen.
   Tempesinos Bild flackerte etwas, als die Gefühlsregung registriert wurde und eine höhere Autoritäts-AR hinter 16 trat.
   „Ich will nur raus. Ich möchte allein sein.“
   „Wohin, würdest du denn gerne gehen, Letitia ?“
   Letitia dachte einen Augenblick lang darüber nach. „Ich will zurück dahin, als häßlich sein normal war.“
   „Na gut. Laß es uns simulieren. Sechzig Jahre sollten ausreichen. Bereit ?“
   Sie nickte und verwischte mit ihrem Handrücken noch mehr Wimperntusche.
   „Dann mal los.“
   Es war wie ein Traum, etwas verschwommener als das Einstöpseln in ein Mad. CG-Bilder, zusammengestellt aus Tausenden von Kilometern an alten Filmen und Bändern und beschreibenden Aufzeichnungen gaben ihr das Gefühl, als fliege sie in der Zeit zurück zu einem Ort, den sie gerne ihr Zuhause genannt hätte. Gesichter erschienen ihr - Gesichter in häßlichen Variationen, die vorzeitig altern, Brillen trugen, auch einige hübsche Gesichter, die auch heute bestehen könnten - und die Gesichter wichen zurück, um mit Körpern verbunden zu werden. Körpern, die aus der Form geraten waren, sich in guter Verfassung befanden, übergewichtig, krank oder gesund waren, rotgesichtig, mit zu hohem Blutdruck: das gesamte Spektrum der veränderlichen und zum Desaster neigenden Bevölkerung der Menschheit vor sechzig Jahren. Das war es, wo Letitia sich zugehörig fühlte.
   „Sie sind schön“, sagte sie.
   „Sie denken nicht so. Sie stürzten sich auf die Chance sicherzustellen, daß ihre Kinder schön, adrett und gesund würden. Es war eine Zeit des Übergangs, Letitia. Genau wie auch jetzt.“
   „Jeder schaut nun gleich aus.“
   „Ich glaube nicht, daß das fair ist“, sagte die AR. „Es gibt eine beträchtliche Vielfalt in der Art, wie die Leute heute aussehen.“
   „Nicht in meinem Alter.“
   „Besonders in deinem Alter. Schau her.“ Die AR zeigte ihr Dutzende von Gesichtern. Wenige sahen gleich aus, aber alle waren sie ansehnlich oder reizend. Einige bereiteten Letitia vom bloßen hinsehen Schmerzen; Gesichter, mit denen sie nie gut Freund sein konnte, nie würde lieben können, weil es stets jemand schöneres und wünschenswerteren gab als eine NG.
   „Meine Eltern hätten damals leben müssen. Weshalb haben sie mich zu einem Freak gemacht ?“
   „Du bist entwicklungsmäßig normal. Du bist kein Freak.“
   „Sicher. Ich bin eine SNG. Schäbig. So nennen sie mich.“
   „Forderst du die Beschimpfung nicht manchmal heraus ?“
   „Nein !“ Dies brachte sie nicht weiter.
   „Letitia, wir alle müssen uns anpassen. Selbst die heutige Welt ist nicht fair. Bist du sicher, daß du alles tust, um dich anzupassen ?“
   Letitia wand sich auf ihrem Stuhl um und sagte, sie wolle weg. „Nur einen Moment“, sagte die AR „Wir sind noch nicht fertig.“ Sie kannte diesen Ton. Den ARs wurde zuweilen erlaubt, etwas grob zu werden. Sie konnten ungebärdigen Studenten Aufträge auf dem Gelände zuweisen oder sie stundenlang zurückhalten und ihnen Aufgaben stellen, die gewöhnlich Computern überlassen wurden. Sie haßte es, Strafpredigten    hören zu müssen.
   „Junge Frau, du trägst einen gigantischen Chip auf deiner Schulter.“
   „Um so mehr Computerkapazität für mich.“
   „Sei ruhig und hör zu. Uns allen ist es erlaubt, die Politik zu kritisieren, wer auch immer sie macht. Ämterwürden und Respekt vor Übergeordneten haben sich im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht gut gehalten. Die Leute müssen sich ihren Respekt verdienen. Das gilt auch für Studenten. Der durchschnittliche Student hier hat vier wichtige Talente, von denen jedes in eine öffentliche Planungspolitik paßt, die ihnen einen Job, der zwei oder mehr dieser Talente miteinander verbindet, garantiert. Sie werden nicht gezwungen, diese Jobs anzunehmen, und wenn sie zaudern, bleiben sie vielleicht nicht in diesen Jobs. Aber die Öffentlichkeit hat versucht, einem jeden von uns eine qualitative Beschäftigungsmöglichkeit zu garantieren. Das gilt für dich genauso. Du bist SNG, aber du zeigst genausoviel Intelligenz und zumindest genausoviele entwicklungsfähige Talente wie die VEKs. Du bist jung, und dein Reifeplan ist ein natürlicher - aber du bist nicht geringer oder schwächer, Letitia. Das ist mehr, als man von den Abkömmlingen einiger Eltern behaupten kann, die noch zurückhaltender waren als deine. Dir wurde zumindest pränatale Pflege und Ernährungsmodifikation zuteil, und deine Eltern haben die Biotechniker deine Allergien korrigieren, lassen.“
   „Also ?“
   „Für dich ist es also eine Sache des Willens. Wenn dein Willen schwankt, wird dir nicht mehr Beachtung geschenkt, als einem VEK. Du mußt zwischen den sekundären und tertiären Beschäftigungen wählen oder sogar …“ Die AR hielt inne. „Öffentliche Unterstützung. Willst du das ?“
   „Meine Noten sind gut. Ich komme gut zurecht.“
   „Du wählst Karrieretraining, das nicht deinen entwicklungsfähigen Talenten entspricht.“
   „Ich mag Medizin.“
   „Du bist empfindlich.“
   Letitia zuckte die Achseln.
   „Und man kommt nicht leicht mit dir aus.“
   „Dann sag ihnen, sie sollen aufhören. Ich werde umgänglich sein … aber ich will nicht, daß sie mich wie einen Freak behandeln. Edna Corman rief mich …“ Sie hielt inne. Dies könnte Edna Corman in eine Menge Schwierigkeiten einbringen. Unter den Studenten war AV ein beiläufiges Attribut; angewandt auf einen NG, konnte es für die Schulbehörden der Grund für einen Eintrag in Cormans Akte sein. „Nichts. Nicht wichtig.“
   Der AR schaltete auf niedrigere Autorität, und Tempesinos Gesicht nahm einen anderen Beratungsausdruck an. „Gut. Berichtigungen sind auf beiden Seiten notwendig. Danke, daß du vorbeigeschaut hast, Letitia.“
   „Yeah. Ich möchte immer noch mit Rutger reden.“
   „Die Anfrage wurde notiert. Bitte kehre nun zum Unterricht zurück.“

„Gib acht, wenn dein Bruder redet“, sagte Jane. Roald machte sich selbst zur Last, indem er von seinem Vor-Flug-Training schwätzte, das er in der Grundschule bekam. Letitia brachte ein oder zwei Kommentare an und fiel in die Betrachtung ihres Essens vor ihr zurück Sie aß nicht. Jane beobachtete sie aus den Augenwinkeln und reichte eine Schüssel mit gezuckerten Beeren herum. „Was nagt an dir ?“
   „Ich nage selbst“, sagte Letitia schelmisch.
   „Ha“, sagte Roald. „Volle Ladung von dieser Seite.“ Er grinste sie an,   seine beiden Vorderzähne fehlten. Er sah abscheulich aus, dachte sie. Jede andere Familie hätte ihm Ersatz beschafft, nicht jedoch ihre.
   „Ein wenig mehr Respekt, ihr beiden“, sagte Donald. Ihr Vater nahm Roald die Schüssel weg und schaufelte eine bescheidene Portion in seine Tasse. Dann setzte er sich neben Letitia. „Ganze fünfzehn und ganze acht.“ Dies war seine Predigt; sich erwachsen verhalten, ob nun mit acht oder mit fünfzehn.
   „Autoratgeber heute ?“ fragte Jane. Sie kannte Letitia viel zu gut.
   „AR“, bestätigte Letitia.
   „Bist du reingegangen ?”
   „Ja.“
   „Und ?“
   „Ich bin nicht eingestellt.“
   „Das heißt ?“ fragte Donald.
   „Das heißt, sie zischt und knattert“, sagte Roald mit dem Mund voller Beeren und über das Kinn laufenden Saft. Er wölbte die Hand darunter und schlürfte ihn lautstark auf. Jane langte vor und wischte mit einer Serviette nach. „Sie beschwert sich“, schloß Roald.
   „Worüber ?“
   Letitia schüttelte ihren Kopf und antwortete nicht.
   Das Dessert war beinahe beendet, als Letitia beide Handflächen auf den Tisch schlug. „Warum habt ihr das getan ?“
   „Warum haben wir was getan ?“ fragte ihr Vater verwundert.
   „Warum sind Roald und ich normal ? Warum habt ihr uns nicht designen lassen ?“
   Jane und Donald warfen einander einen schnellen Blick zu und wandten sich an Letitia. Roald betrachtete sie, selbst etwas betroffen, mit großen Augen.
   „Jetzt weißt du es doch sicherlich selbst“, sagte Jane und blickte auf den Tisch. Sie war entweder verdutzt oder wurde ärgerlich. Nun, da sie diesen Weg eingeschlagen hatte, konnte Letitia nicht anders, als sich weiter vorzuarbeiten.
   „Ich weiß es nicht. Nicht wirklich. Es ist nicht, weil ihr religiös seid.“
   „Etwas in der Art“, sagte Donald.
   „Nein“, sagte Jane und schüttelte entschieden den Kopf.
   „Warum dann ?“
   „Deine Mutter und ich …“
   „Ich bin nicht nur ihre Mutter“, sagte Jane.
   „Jane und ich glauben, daß es in der Natur einen gewissen Plan gibt - einen Plan, den wir nicht stören sollten. Wenn wir es wie die meisten anderen gemacht und versucht hätten, VEKs zu bekommen - an den Jungen-Mädchen-Lotterien teilgenommen und für die vorgeburtlichen Beratungsmöglichkeiten unterschrieben hätten - nun, dann hätten wir sie gestört.“
   „Seit ihr in die Klinik gegangen, als wir geboren wurden ?“
   „Ja“, sagte Jane, immer noch den direkten Blickkontakt meidend.
   „Das ist nicht natürlich“, sagte Letitia. „Warum nicht die Natur entscheiden lassen, ob wir lebendig zur Welt kommen oder nicht ?“
   „Wir haben nie behauptet, konsequent zu sein“, sagte Donald.
   „Donald“, sagte Jane stirnrunzelnd.
   „Es gibt Grenzen“, führte Donald weiter aus und lächelte versöhnlich. „Wir glauben, diese Grenzen beginnen, wenn Leute versuchen, in die Geschlechtszellen einzugreifen. Ihr hattet das alles in der Schule. Ihr wißt von den Protesten, als die ersten VEKs geboren wurden. Eure Großmutter war eine der Protestierenden. Eure Mutter und ich sind beide NGs; unser Kurs, unsere Generation hat einen bei weitem höheren Prozentsatz an NGs.“
   „Jetzt sind wir Freaks“, sagte Letitia.
   „Wenn du damit meinst, daß es nicht viele Teenager-NGs gibt, nehme ich an, daß es stimmt“, sagte Donald und berührte den Arm seiner Frau. „Aber es kann ebenso bedeuten, daß du etwas Besonderes bist. Auserwählt.“
   „Nein“, sagte Letitia. „Nicht auserwählt. Ihr habt bei uns beiden gewürfelt. Wir hätten BGs werden können. Blindgänger. Nicht nur Schäbige, sondern Spätzünder.“
   Eine unbehagliche Stille breitete sich am Tisch aus. „Unwahrscheinlich“, sagte Donald mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war. Eure Mutter und ich haben beide gute Genotypen. Eure Großmutter beharrte darauf, daß eure Mutter einen guten Genotyp heiratet. Es gibt keine entwicklungsmäßig unfähigen Leute in unseren Familien.“
   Letitia fühlte sich in die Enge getrieben. Sie konnte keinen Ausweg erkennen, also stieß sie ihren Stuhl zurück und entschuldigte sich vom Tisch.
   Als sie auf dem Weg hinauf in ihr Zimmer war, hörte sie von unten Erörterungen. Roald polterte hinter ihr die Stufen herauf und warf ihr einen verärgerten Blick zu.  „Warum mußtest du das alles aufbringen ?“ fragte er. „Es ist schon in der Schule schlimm genug, wir müssen es nicht auch noch hier so haben.“
   Sie dachte an die Geschichte, die ihr die AR gezeigt hatte. Damals wäre es einer Familie mit ihrem Einkommen nicht möglich gewesen, in einem Haus mit vier Schlafzimmern zu wohnen. Damals hatten halb so viele Leute in den Vereinigten Staaten und Kanada gelebt als heute. Es gab mehr Arbeitslose, eine viel größere wirtschaftliche Unsicherheit und bei weitem weniger automatisierte Jobs. Der Prozentsatz der Menschen, die für ihren Unterhalt körperliche Arbeit leisten mußten - Bauhandwerk, Landwirtschaft, Entsorgung und ähnliche harte Arbeiten - war zehn Mal größer gewesen als jetzt. Die meisten der Menschen, die solche Arbeiten auch heute noch leisteten, gehörten religiösen Sekten an oder einer der Wendell-Barry-Farmkommunen.
   Damals wären Roald und Letitia als talentierte Kinder mit glänzender Zukunft betrachtet worden.
   Sie dachte an die Bilder und die Gefühle beim Anblick der Vergangenheit und fragte sich, ob Reena nicht recht gehabt hatte.
   Sie wäre eine perfekte alte Frau.
   Ihre Mutter betrat das Zimmer, während Letitia ihr Haar hochsteckte. Sie stand im Türrahmen. Es war offensichtlich, daß sie geweint hatte. Letitia beobachtete ihr Bild im Spiegel des Ankleidetisches ihrer Großmutter, den sie vor vier Jahren bekommen hatte. „Ja ?“ fragte sie leise mit zeitlosen Haarklammern im Mund.
   „Es war mehr meine Idee, als die deines Vaters“, sagte Jane und trat, die Hände vor sich gefaltet, näher. „Ich meine, ich bin deine Mutter. Wir haben bisher noch nie richtig darüber gesprochen.“
   „Nein“, sagte Letitia.
   „Also, warum gerade jetzt ?“
   „Vielleicht, weil ich erwachsen werde.“
   „Ja.“ Jane blickte auf die zarten, flimmernden Bilder, die an den Wänden hingen, Pastellszenen von unwahrscheinlichen Wäldern. „Als ich mit dir schwanger war, hatte ich große Angst. Ich hatte Sorge, wir hätten die falsche Entscheidung getroffen, indem wir dem entgegen handelten, was alle anderen dachten und rieten, oder was ihnen selbst geraten wurde. Aber ich trug dich in mir und spürte deine Bewegungen … und ich wußte, daß du unser bist und nur unser, und das wir für deinen Körper und deine Seele verantwortlich sind. Ich war deine Mutter, nicht die Ärzte.“
   Letitia blickte mit gemischten Gefühlen auf: Ärger, Frustration - und Liebe.
   „Und nun sehe ich dich. Ich denke zurück an das, was ich fühlen würde, wäre ich noch einmal in deinem Alter, an deiner Stelle. Ich wäre vielleicht auch wütend. Roald hatte noch keine Zeit, um etwas anderes zu fühlen; er ist noch zu jung. Ich bin nur heraufgekommen um dir das zu sagen. Ich weiß, daß das, was ich tat, richtig war, nicht für uns, nicht für sie“ - sie deutete auf die weite Welt, jenseits der Wände des Hauses - „aber richtig für dich. Es wird sich herausstellen. Das wird es tatsächlich.“  Sie legte die Hände auf Letitias Schultern. „Sie haben auch keine leichte Zeit. Du weißt das.“ Sie hielt für einen Moment inne und offenbarte dann hinter ihrem Rücken ein Buch mit einem flexiblen braunen Deckel. „Ich habe dir dies mitgebracht, um es dir noch einmal zu zeigen. Erinnerst du dich an Urgroßmutter ? Ihre Großmutter kam zusammen mit Großvater den ganzen Weg von Irland herüber.“ Jane gab ihr das Album. Zögernd öffnete Letitia es. Es waren echte Fotographien darin, auf Papier, uralte Schwarz-Weiß-Bilder und verblichene Farbbilder. Ihre Urgroßmutter ähnelte nicht sehr ihrer Großmutter, die grobknochig gewesen war, schwerfällig. Urgroßmutter sah aus, als wäre sie ihr ganzes Leben lang mager gewesen. „Behalte das“, sagte Jane. „Denk eine Weile darüber nach.“

Der Morgen kam mit geplantem Regen. Letitia nahm die halbleere Metro zur Schule. Sie betrachtete die terrassenförmige und begrünte und gelegentlich vernachlässigte Landschaft der ausgedehnten Vororte durch die tropfenbesetzte Scheibe. Sie erreichte das Schulgelände und ging zu einem der älteren Gebäude der Schule, wo es einen wenig benutzten Waschraum in altem Stil gab. Dieser diente ihr manchmal als Heiligtum. Sie stand in einem weißen Verschlag und atmete für einige Minuten tief durch, dann ging sie zu einem Becken und wusch sich die Hände, als würde sie einem Ritual nachkommen. Bedächtig, zaudernd betrachtete sie sich selbst in dem gesprungenen Spiegel. Ein Hausmeister ging seinen Aufgaben nach und hinterließ den frischen, dunstigen Geruch von sauberen Installationen.
   Der frühe Teil des Tages war eine empfindungslose Zeit. Letitia begann die Distanz zu ihren eigenen Gefühlen, zu den Menschen um sie herum zu fürchten. Jede Minute mochte sie in einen alten Waschsaal eintreten und einfach aus der Gegenwart verschwinden, um sich sechzig Jahre in der Vergangenheit wiederzufinden …
Und was sollte sie nun wirklich davon halten?
   In ihrer dritten Unterrichtsstunde erhielt sie eine Notiz mit der Bitte, sich, so bald es ginge, in Rutgers Beratungsbüro einzufinden. Das war die Kurzform für sofort. Sie sammelte ihre Mads ein und erhaschte Reenas undeutbaren Blick, als sie an ihr vorüberging.
   Rutger war ein ansehnlicher Mann von dreiundvierzig (die Jahreszahl war auf seiner Schreibtisch-Lebensuhr registriert, eine Vorliebe einiger der älteren VEKs), mit einem breiten Lächeln und einem etwas zu grellen Geschmack was Kleidung betraf. Er war der Kopf der Beratungsabteilung und an der Schule allgemein gut gelitten. Er schüttelte ihr die Hand, als sie das Beratungsbüro betrat, und bot ihr einen Stuhl an. „Nun. Du wolltest mit mir sprechen ?“
   „Das nehme ich an“, sagte Letitia.
   „Probleme ?“ Seine Stimme war ein angenehmer Bariton. Er war wahrscheinlich ein ziemlich guter Sänger. In den frühen Tagen der VEKs war dies ein beliebter Zug gewesen.
   „Die ARs sagen, es ist meine Haltung.“
   „Und was ist damit ?“
   „Ich - bin häßlich. Ich bin das häßlichste Mädchen … das einzige Mädchen an dieser Schule, das häßlich ist.“
   Rutger nickte. „Ich glaube nicht, daß du häßlich bist. Aber was ist schlimmer, einzigartig zu sein, oder häßlich ?“ Letitia verzog in schnaubender Anerkennung des Spaßes den Mundwinkel.
   „Heutzutage ist jeder einzigartig“, sagte sie.
   „Das ist, was wir lehren. Glaubst du daran ?“
   „Nein“, sagte sie. „Alle sind gleich. Ich bin …“ Sie schüttelte den Kopf. Sie nahm es Rutger übel, daß er sie über ihre Gefühle aushorchen wollte. „Ich bin AV. Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, ein VEK zu sein, aber das bin ich nicht.“
   „Ich denke, das ist nur ein untergeordnetes Problem“, sagte Rutger schnell. Er hatte noch nicht einmal Platz genommen. Offensichtlich wollte er ihr nicht viel Zeit zugestehen.
   „Es fühlt sich nicht untergeordnet an“, sagte sie. Seine Worte lösten Ärger in ihr aus.
   „Oh, nein. Jung sein bedeutet, daß sich nebensächliche Probleme wie große anfühlen. Du spürst Neid und magst dich selbst nicht, wenigstens nicht so, wie du aussiehst. Nun, das Aussehen kann mittels Diät verändert werden oder zumindest durch die Zeit. Wenn ich ein Gutachter sein sollte, würde ich sagen, du wirst gut aussehen, wenn du älter bist. Und ich bin so etwas wie ein Gutachter. Was das Verhältnis der anderen zu dir angeht … Ich war einst ein Freak.“
Letitia blickte ihn an.
   „Gewiß. Echt. Ich war ein größerer Freak als du. Es gibt nun auf dieser Schule zehn NGs wie du. Als ich in deinem, Alter war, war ich der einzige VEK auf meiner Schule. Stets gab es Argwohn und sogar Aufruhr. Einige VEKs wurden getötet, als Eltern das Gelände einer Schule stürmten.“
Letitia machte große Augen.
   „Die anderen Kinder haßten mich. Ich sah nicht schlecht aus, aber sie wußten, warum. Sie hatten Eltern, die ihnen sagten, VEKs wären Frankensteins Monster. Erinnerst du dich an die Rifkin-Gesellschaft ? Es gibt sie immer noch, aber sie ist jetzt eine extreme Randgruppe. Das tut jetzt nichts zur Sache. Sie dachten, ich wäre in einem Reagenzglas herangewachsen und von einem Inkubator ausgebrütet worden. Du hast bisher noch keinen richtigen Haß erlebt, vermute ich. Ich schon.“
   „Sie sehen gut aus“, sagte Letitia. „Sie wußten, daß jemand Sie gern mögen, vielleicht sogar lieben würde. Aber was ist mit mir ? Weil ich bin, was ich bin, so, wie ich aussehe, wer wird mich da schon haben wollen ? Und wird sich je ein VEK mit einer Schäbigen abgeben wollen ?“
   Sie wußte, es waren schwere Fragen, und Rutger gab auch nicht vor, sie beantworten zu können. „Nehmen wir an, alles läuft schlecht“, sagte er. „Du endest als alte Jungfer und niemand wird dich jemals lieben. Du verbringst den Rest deiner Tage allein. Ist es das, worüber du dir Sorgen machst ?“
   Ihre Augen weiteten sich. Sie hatte diese Dinge noch nicht so recht durchdacht. Nun schmerzte es wirklich.
   „Jedermann wählt Schönheit für seine Kinder. Sie wählen schlanke, athletische Körper und scharfe Geister. Du hast einen scharfen Verstand, aber du hast keinen athletischen Körper. Wenigstens scheinst du davon überzeugt zu sein; ich habe keine Aufzeichnungen darüber, ob du es je mit Athletik versucht hast. Wenn du aber in die Welt der Erwachsenen eintrittst, wirst du mit Sicherheit anders aussehen. Aber warum kann das kein Vorteil sein ? Du magst überrascht sein, wie sehr wir VEKs versuchen, anders zu sein. Und wie schwer das ist, da sich der Geschmack unserer Eltern so wenig voneinander unterscheidet. In dir ist es schon eingebaut.“
   Letitia hörte zu, aber die Worte überzeugten sie nicht. „Zuckerguß auf dem Kuchen“, sagte sie.
   Rutger betrachtete sie mit seinen klugen blauen Augen und zuckte die Achseln. „Komm in einem Monat noch einmal vorbei. Dann reden wir noch mal darüber“, sagte er. „Bis dahin, denke ich, leisten die Autoratgeber gute Arbeit.“

Während des Essens wurde nur wenig gesprochen und noch weniger danach. Sie ging bereits früh hinauf ins Bett; sie fühlte sich beschissen.
   Ihr Vater machte seinen üblichen Gute-Nacht-Gang, eine Stunde nachdem sie ihren Pyjama angezogen und sich hingelegt hatte. „Schön zugedeckt ?“ fragte er.
   „Hmm“, erwiderte sie.
   „Träum was Schönes“, sagte er. Rituale und Formeln. Ihr Leben war von Eltern gestaltet worden, denen die allabendlichen Rituale und Formeln am Herzen lagen.
Beinahe unmittelbar nach dem Einschlafen - wenigstens kam es ihr so vor - wachte sie abrupt auf. Sie setzte sich im Bett auf und erkannte, wo sie sich befand und wer sie war, und begann zu weinen. Sie hatte den seltsamsten und schönsten Traum gehabt, den besten überhaupt - und das ohne Traum-Mod. Sie konnte sich nun an keine Einzelheiten mehr erinnern, so oft sie es auch versuchte, aber das Erwachen daraus war mehr, als sie ertragen konnte.

In der ersten Unterrichtsstunde blitzte Georgia Fischer schon wieder und mußte ins Krankenhaus gebracht werden. Letitia beobachtete die anderen und sah allgemeine Ausdruckslosigkeit, die die Gefühle überspielen sollte. Edna Corman entschuldigte sich in der zweiten Stunde und kam mit roten, geschwollenen Augen und geröteten Wangen zurück. Die Spannung hielt für den Rest des Tages an, und sie fragte sich, wie sich überhaupt jemand konzentrieren konnte. Sie lernte ohne rechte Überzeugung; sie war noch immer von ihrem Traum gefangen und versuchte herauszufinden, was er bedeutete.
   In der achten Stunde saß sie wieder hinter John Lockwood. Es war, als wäre sie in einen Kreis eingetreten, der am Morgen begonnen hatte und mit ihrer letzten Stunde enden würde. Sie blickte gespannt auf die Uhr. Wieder hatten sie bei Mr.Brant Unterricht. Er schien unaufmerksam zu sein, so, als hätte auch er einen Traum gehabt, der aber nicht so erfreulich gewesen war wie ihrer.
   Brant hatte sie bis zur Stundenmitte Mods ansehen lassen, und begann nun ein Gespräch über das, was sie gelernt hatten. Dies waren die sogenannten integrativen Momente, wenn das Lernen mit Medien durch soziale Interaktion gefestigt wurde. Letitia empfand diese Stunden bestenfalls als Prüfung. Die anderen diskutierten die Volkswirtschaft, wobei Reena Cathcart in einer Klasse von dominanten Persönlichkeiten wie gewöhnlich herausragte.
   John Lockwood hörte aufmerksam zu und hatte ein mildes lächeln auf dem Gesicht, als er Letitia sein Profil zuwandte. Es sah so aus, als wolle er sich herumdrehen und mit ihr reden. Sie legte die Hand auf die Ecke ihrer Konsole und hob einen Finger, um seine Aufmerksamkeit zu erregen.
   Er blickte auf ihre Hand, wandte sich ab und blickte erschaudernd noch einmal hin, starrte sie mit großen Augen regelrecht an. Sein Mund verzog sich, als wäre ihre Hand das Schrecklichste, was er je gesehen hätte. Sein Kinn zuckte, dann seine Schultem, und bevor Letitia reagieren konnte, stand er auf und stöhnte. Seine Knie gaben nach, und er fiel auf die Konsole. Die Arme hingen hinab, und er glitt zu Boden. John Lockwood - der in seinem Leben noch nie so etwas durchgemacht hatte - lag auf dem Boden, krümmte sich, ächzte und zitterte, gefangen in einem heftigen Blitz.
   Brant drückte den Notschalter der Klasse und kam um seinen Schreibtisch herum. Bevor er Lockwood erreichte, wurde der Junge ruhig. Seine Augen waren geöffnet, und seine Hand löste ihren festen Griff um das Bein seines Stuhls. Letitia konnte sich nicht regen. Sie beobachtete seine leeren Augen; er schien so schrecklich schlaff zu sein.
   Brant faßte den Jungen unter die Arme und zog ihn, ständig vor sich hinfluchend, aus dem Klassenzimmer. Letitia folgte ihnen in den Flur, um zu helfen. Edna Corman und Reena Cathcart standen mit verdutzten Gesichtern neben ihr. Andere Schüler folgten, hielten sich aber von Brant und dem Jungen fern.
   Brant legte John Lockwood auf den Beton und begann damit, auf seine Brust zu drücken und Mund-zu-Mund-Beatmung zu verabreichen. Er zog eine Spritze aus seiner Jackentasche, machte die Kappe ab und schoß die ganze Ladung unter das Brustbein in die Haut des Jungen. Letitia richtete ihren Blick verwundert auf die Spritze. Sie war in seiner Tasche gewesen, nicht im Erste-Hilfe-Kasten.
   Die ganze Klasse stand schweigend und betroffen im Flur. Die medizinische Einheit traf ein, gefolgt von Rutger. Sie hob John Lockwood auf ihre Ladefläche und schwang mit funkelnden Lichtern herum. „Haben Sie KVN verabreicht ?“ fragte der Roboter Brant.
   „Ja. Fünf cc’s. Direkt ins Herz.“
   Eine Klasse nach der andern kam in den Flur, um nachzusehen, was passiert war. Alle VEKs hefteten die Augen auf die beladene medizinische Einheit, die den Flur hinabrollte. Edna Corman weinte. Reena blickte Letitia an und wandte sich ab, als würde sie sich schämen.
   „Das wären fünf“, sagte Rutger mit müder Stimme. Brant sah erst ihn an, dann die Klasse, und sagte ihnen, sie wären entlassen. Letitia blieb zurück. Brant verzog sein Gesicht in Kummer und Ärger. „Geh ! Raus hier !“
   Sie rannte. Das letzte, was sie Rutger sagen hörte, war: „Diese Woche mehr als letzte.“

Letitia saß in dem verlassenen weißen Waschraum, wischte sich die Augen und schämte sich ihrer Wehleidigkeit. Sie wollte wie eine Erwachsene reagieren - sie sah sich, wie sie ruhig und besonnen jenen in der Klasse Hilfe bot, die sie benötigten - aber die Tränen und das Zittern wollten nicht aufhören.
   Mr.Brant schien verärgert zu sein, so als hätte die gesamte Klasse Schuld. Mr.Brant war nicht nur erwachsen, er war auch VEK.
   Also erwartete sie von Erwachsenen, besonders von VEK-Erwachsenen, daß sie besonnener auftraten ?
   War es das nicht, worum es überhaupt ging ?
   Sie starrte sich im gesprungenen Spiegel an. „Ich sollte nach Hause gehen, oder zur Bibliothek zum lernen“, sagte sie. Würde und Anstand. Zwei Mädchen kamen in den Waschraum, und ihr privater Augenblick war vorbei.
   Letitia ging nicht zur Bibliothek. Statt dessen ging sie zur alten Festhalle aus Beton und Stahl, trat durch den geöffneten Bühneneingang und blieb in der Dunkelheit der Kulissen stehen. Drei Schülerinnen saßen etwa zehn Meter von Letitia entfernt in der ersten Reihe unterhalb der Bühnenebene. Reena erkannte sie, nicht jedoch die anderen beiden, sie hatten keine gemeinsamen Kurse.
   „Kanntest du ihn ?“
   „Nein, nicht sehr gut“, sagte Reena. „Aber er war in meiner Klasse.“
   „Keine Ausflüchte !“ schnaubte die dritte.
   „Trish, behalt es bitte für dich. Reena hatte es schwer.“
   „Er hat nicht geblitzt. Er war kein Begabter. Niemand hat damit gerechnet.“
   „Wann war seine Initiierung ?“
   „Ich weiß es nicht“, erwiderte Reena. „Wir sind alle im gleichen Alter, innerhaIb von ein paar Monaten. Wir sind alle aus dem gleichen Modelljahr, mit der gleichen Ergänzung. Wenn es etwas mit dem Genotyp zu tun hat, in den Ergänzungen … Ich habe jemanden sagen hören, daß es bisher fünf sind.“
   „Ich habe überhaupt nichts gehört“, sagte die dritte.
   „Ich auch nicht“, sagte die zweite.
   „Nicht in unserer Schule“, sagte Reena. „Außer bei den Begabten. Und von denen ist noch keiner gestorben.“
   Letitia preßte die Hand auf den Mund und wich zurück in die Dunkelheit. War Lockwood tatsächlich gestorben ?
   Sie dachte in einen verrückten Augenblick lang daran, hinauszutreten zu den dreien und zu sagen, es täte ihr leid. Der Impuls schwand schnell. Es wäre sehr aufdringlich gewesen.
   Sie waren nicht älter als sie und klangen nicht viel reifer. Sie klangen ängstlich.

Morgens, im Stationsraum für Sekundär-Vorstudenten der Medizin, erklärte Brant ihnen, daß John Lockwood am vorherigen Tag gestorben sei. „Er hatte einen Herzanfall“, sagte Brant. Letitia ahnte, daß dies nicht die vollständige Wahrheit war. Eine kurze Lobrede wurde verlesen, und es wurden besondere Stunden für psychologische Beratungen für die Schüler arrangiert, die meinten, daß sie Bedarf dafür hätten.
   Das Wort ›blitzen‹ wurde den gesamten Tag weder von Brant noch von irgendeinem der VEKs erwähnt. Letitia versuchte, etwas über dieses Thema herauszufinden, fand aber äußerst wenig Material in den Bibliotheken, die für ihr Mod zugänglich waren. Sie vermutete, es lag daran, daß sie nicht wußte, wo sie suchen mußte. Es war kaum zu glauben, daß niemand wußte, was passiert war.
   
Der Traum kam wieder, noch stärker in der folgenden Nacht, und Letitia erwachte daraus vor Aufregung kalt und zitternd. Sie sah sich selbst, wie sie vor einer Menge stand. Kein einziges Gesicht war sichtbar, denn sie stand im Licht, und die anderen waren in der Dunkelheit. Im Traum hatte sie eine beinahe unerträgliche Glückseligkeit, Kummer gemischt mit Freude, verspürt, mit nichts zu vergleichen, was sie vorher erlebt hatte. Sie liebte und wußte nicht, was sie liebte - nicht die Menge, keinen Mann kein Familienmitglied, nicht einmal sich selbst.
   Sie setzte sich in ihrem Bett auf, umklammerte die Knie und fragte sich, ob noch jemand anderes wach war. Es schien möglich, daß sie bis jetzt noch nie wach gewesen war; jeder Nerv war lebendig. Um in diesem Moment von niemandem gestört zu werden, stand sie leise auf und ging den Flur hinab zum Nähzimmer ihrer Mutter. Dort betrachtete sie sich in einem, Ankleidespiegel als besäße sie neue Augen.
   „Wer bist du ?“ flüsterte sie. Sie zog ihr Baumwollnachthemd hoch und starrte auf ihre Beine. Kleine Waden, klumpige Knie, Schenkel nicht übel auf jeden Fall nicht fett. Ihre Arme sahen weich aus, nicht muskulös, aber auch nicht besonders plump. Sie hatten einen rosigen Vanilleton mit Erdbeerflecken auf den Ellbogen, wo sie sich während ihrer Bettlektüre aufgestützt hatte. Sie hatte mütterlicherseits irische Vorfahren. Dies zeigte sich in ihrer Hautfarbe, ihren ausgeprägten Wangenknochen und ihrem breiten Gesicht. Väterlicherseits mexikanisch und deutsch. Es gab nicht viele Anzeichen des Mexikanischen. Ihr Bruder sah dunkelhäutiger aus. „Wir sind Mischlinge“, sagte sie. „Verglichen mit den reinrassigen VEKs sehe ich wie ein Mischling aus.“ Aber VEKs waren nicht reinrassig, sie wurden entworfen.
   Sie hob ihr Nachthemd noch etwas höher, zog es schließlich über den Kopf und stand nackt da. Vor Kälte und der Erinnerung an ihren Traum zitternd, zwang sie sich zur Konzentration auf ihre Charakteristiken. Immer wenn sie sich zuvor nackt in einem Spiegel betrachtet hatte, hatten ihre Augen sich auf eine Stelle gerichtet, die anderen ausgeblendet; und in eine akzeptablere Form gebracht. Nun war sie in der Stimmung, sich so zu sehen, wie sie war.
   Breite Hüften, kräftiger Bauch - plump, aber kräftig. Von ihrem Vorstudium wußte sie, daß sie wahrscheinlich nur wenig Schwierigkeiten bei der Geburt eines Kindes hätte. „Zuchtstute“, sagte sie, aber es lag keine kritische Schärfe in ihren Worten. Um Kinder zu haben, mußte sie erst Männer anziehen und gerade jetzt schien es dafür nur wenig Chancen zu geben. Sie besaß die Attraktionspunkte nicht, die so oft im Fernsehen genannt wurden oder die sie als fette Überschriften auf den LitVid-Mods gesehen hatte. Die ästhetisch vorgeschriebenen geometrischen Kurven wurden von der Natur nur sehr wenigen zugewiesen, waren nun aber so vielen durch Design zugänglich. Hat Ihr Kind den besten Entwurf für den Erfolg ?
   Solch eine schockierende Trivialität. Sie fühlte in sich einen rechtschaffenen Ärger wachsen - ein anderes Gefühl, das ihr bisher unbekannt war - und nahm ihn in ihre Aufregung mit auf, da sie die positive Stimmung nicht verlieren wollte. „Vielleicht schaue ich mich nie wieder auf diese Weise an“, flüsterte sie.
   Ihre Brüste waren von nur mäßiger Größe, die linke war etwas fülliger als die rechte und hing ein wenig mehr herab. Unter ihrer linken Brust konnte sie tatsächlich einen Schreiber einklemmen, worum sich ein VEK-Mädchen auf Jahre hinaus nicht sorgen mußte, wenn überhaupt. Rippen und Muskeln waren nicht deutlich zu erkennen, sie waren abgerundet, weich. Ihr Gesicht verriet Neugierde, es war freundlich, hatte große Augen. Ihre Haut war fehlerhaft, aber nicht so schlimm, daß sie sich nicht selbst hätte erholen können. Sie hatte lange Füße und dicke Zehennägel, die nur schwer zu schneiden waren. Sie hatte noch nie an eingewachsenen Zehennägeln gelitten.
   In ihrer Familiengeschichte deutete nur wenig auf eine Tendenz zum Krebs - der nun zwar heilbar, aber immer noch quälend war - oder Herzleiden hin. Auch alle anderen Leiden von Schmelztiegelkulturen, mobilen Populationen und wechselhaften Gewohnheiten gab es kaum. Sie sah einen starken Körper im Spiegel, einen, der ihr gut diente.
   Und sie sah ebenfalls, daß sie mit ein wenig Make-up leicht die Rolle einer älteren Frau spielen konnte. Etwas Schatten unter den Augen, Linien, um hervorzuheben, was in dreißig oder vierzig Jahren Tränensäcke sein würden, Lachfalten …
   Aber jetzt sah sie nicht alt aus. Letitia kehrte, sacht auf den Teppich auftretend, um und ging wieder in ihr Zimmer. Dort angelangt, veranlasst sie das Licht, sich einzuschalten, legte sich auf ihr Bett, nahm das Fotoalbum, das Jane ihr gegeben hatte, vom Nachttisch und blätterte behutsam die empfindlichen Seiten durch. Sie starrte auf das Gesicht ihrer Urgroßmutter und dann auf das Bild ihrer Großmutter als kleines Kind.

Individualorchester wurde von drei Lehrern in einem älteren Klassenzimmer hinter der Festhalle unterrichtet. Es war ein beliebter Kurs; die Schullautsprecher waren besser als die meisten heimischen und die Lehrer waren sehr beliebt. Sie waren alle VEKs.
   Nach einer halben Stunde in der Gruppe konnte sich jeder Schüler in ein Keyboard-Abteil zurückziehen, eine geräuschdämmende Kapsel schließen, um Kakophonien zu vermeiden, und üben.
   An diesem Tage übte sie weniger als eine halbe Stunde. Dann starrte sie, die Zunge zwischen den Zähnen, in die Leere über dem Keyboard. „Geräuschdämmung zurück, bitte“, wies sie an und erhob sich von ihrer schwarzen Bank. Mr.Teague, der älteste der Lehrer, fragte, ob sie für den Tag fertig wäre.
   „Ich muß noch etwas erledigen“, sagte sie.
   „Üb deine Polyrhythmen“, riet er ihr.
   Sie verließ den Klassenraum und ging zum Bühneneingang der Festhalle. Sie wußte, daß sich Reenas Dramagruppe dort treffen würde.
   Die Festhalle war dunkel, nur die Bühne war von einigen wenigen Spots beleuchtet. Die Dramagruppe saß in einem Stuhlkreis in einer erleuchteten Ecke der Bühne und las laut Text von alten Papierskripten ab. Mit gefalteten Händen ging sie auf die Gruppe zu. Rick Fayette, ein stiller Älterer mit kurzem schwarzen Haar, machte sie als erster aus, sagte aber nichts und blickte zu Reena. Reena hielt in ihrem Text inne, wandte sich um und starrte Letitia an. Edna Corman sah sie als letzte und schüttelte den Kopf, als wäre das der Gipfel der Unverfrorenheit.
   „Hallo“, sagte Letitia.
   „Was machst du denn hier ?« Es lag mehr Verwunderung als Verachtung in Reenas Stimme.
   „Ich dachte, vielleicht wollt ihr immer noch …“ Sie schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich nicht. Aber ich dachte, vielleicht könnt ihr mich immer noch gebrauchen.“
   „Also wirklich“, sagte Edna Corman.
   Reena legte ihr Skript beiseite und stand auf. „Warum hast du deine Meinung geändert ?“
   „Ich dachte, ich würde es nicht mögen eine alte Lady zu spielen“, sagte Letitia. „So schlimm ist es auch wieder nicht. Ich habe ein Bild meiner Urgroßmutter mitgebracht.“ Sie holte eine Plastikkladde aus ihrer Tasche und öffnete sie, so daß eine von ihr gemachte Kopie des Fotos aus dem Album zu sehen war. „Ihr könnt mich so zurechtmachen wie meine Urgroßmutter.“
   Reena nahm die Kladde. „Du siehst wie sie aus“, sagte sie.
   „Ja. Ungefähr.“
   „Seht mal her“, sagte Reena und hielt das Bild den anderen entgegen. Sie scharten sich um sie, reichten die Kladde von Hand zu Hand weiter und blickten verwundert drein. Selbst Edna Corman schaute es kurz an. „Sie sieht tatsächlich wie ihre Urgroßmutter aus.“
   Rick Fayette pfiff verwundert. „Du“, sagte er, „wirst eine wirklich großartige alte Lady abgeben.“

Rutger rief sie eine Woche später unvermittelt in sein Büro. Sie saß ruhig vor seinem Schreibtisch. „Letzten Endes hast du dich der Dramaklasse angeschlossen“, sagte er. Sie nickte.
   „Aus welchem Grund ?“
   Es war nicht leicht, es zu erklären. „Wegen dem, was Sie mir gesagt haben“, sagte sie.
   „Keine Reibungspunkte ?“
   „Es wird schon gehen.“
   „Sehr, gut. Haben sie dir eine andere Rolle gegeben ?“
   „Nein. Ich bin die alte Lady. Sie werden mich mit Make-up schminken.“
   „Du hast keine Einwände ?“
   „Ich glaube nicht.“
   Rutger schien etwas Falsches daran zu suchen, konnte aber nichts finden. Mit einem schwachen argwöhnischen Lächeln bedankte er sich für ihr Kommen. „Komm wieder, wann immer es dir recht ist“, sagte er. „Berichte mir, wie es läuft.“
   
Die Gruppe traf sich jeden Freitag, eine Stunde nach ihrem Individualorchester-Kurs. Letitia traf Vorbereitungen für heimische Keyboardübungen. Nach einer Lesung und einer halben Stunde der Befragung erhielt sie die Erlaubnis der Beraterin der Dramagruppe, Miss Darcy, einer ledigen Nicht-VEK, die nur selten in den Flurbereichen anzutreffen war. Miss Darcy schien altmodisch zu sein und redete jeden ihrer Schüler entweder mit ›Mister‹ oder mit ›Miss‹ an. Aber sie hatte Dramen- und Theatererfahrung. Sie war die älteste der sechs NG-Lehrer der Schule.
   Reena blieb während des Vorsprechens bei Letitia und hatte ein starkes Argument für ihre späte Aufnahme, da die Besetzung mit Rick Fayette als ältere Frau nicht gut klappte. Fayette war genauso begierig darauf, die Rolle loszuwerden; er hatte noch einen Part, und der Gedanke, zwei Charaktere in diesem Stück zu spielen, bereitete ihm Sorge.
   Fayette gestand seine Dankbarkeit an ihrem zweiten Freitagstreffen ein. Er stellte sie einem elfengleichen, ansehnlichen, großäugigen, schlanken Gruppenmitglied, Frank Leroux, vor. Leroux wäre viel zu schüchtern, um auf die Bühne zu treten, sagte Fayette, aber er wäre für das Make-up zuständig. „Er ist ganz schön verblüffend.“
   Letitia stand nervös vor dem sie musternden Leroux. „Du hast ein wirkliches Gesicht“, sagte er leise. „Darf ich dich berühren, um deine Konturen zu erkunden ?“
    Letitia kicherte und wurde unvermittelt ernst, verlegen. „Okay“, sagte sie. „Du ziehst Linien und trägst Schatten auf ?“
   „Viel mehr als das“, sagte Leroux.
   „Er wird ein Video von deinem Gesicht machen. In der Bewegung“, sagte Fayette. „Dann digitalisiert er es und fertigt eine Laserschaum-Form an - viel besser, als für einen Gesichtsabdruck sitzen zu müssen. Letztes Jahr hat er einen Gesichtsabdruck von mir gemacht, um mich in den Glöckner von Notre Dame zu verwandeln. Das war kein Spaß.“
   „Diese Technik ist weitaus besser“, sagte Leroux, berührte sanft die Haut an ihrer Wange und unter ihrem Kinn, zog ihr Haar zurück, um ihre Schläfen zu ertasten. „Ich kann zwei oder drei Formen fertigen, die zeigen, wie dein Gesicht und dein Hals sind, wenn sie sich in verschiedenen Positionen befinden. Dann kann ich das Gießmittel der Flexibilität und Plastizität anpassen.“
   „Wenn er mit dir fertig ist, erkennst du dich selbst nicht mehr“, sagte Fayette.
   „Reena sagt, du hast ein Bild von deiner Urgroßmutter. Darf ich es sehen ?“ fragte Leroux. Sie gab ihm die Kladde, und er blickte sich das Bild mit solcher lntensität an, daß er ein wenig schielte. „Was für ein wundervolles Gesicht“, sagte er. „Ich habe meine Urgroßmutter nie getroffen. Meine eigene Großmutter sieht fast so alt aus wie meine Mutter. Sie könnten Schwestern sein.“
   „Wenn er mit dir fertig ist“, sagte Fayette, dessen Enthusiasmus langsam lästig wurde, „sehen du und deine Urgroßmutter aus wie Schwestern !“
   
Als sie an diesem Abend mit einer späten Metro von der Schule nach Hause fuhr, fragte sie sich, was sie da eigentlich tat. Die ganzen Jahre in der Schule hatte sie sich von ihren Mitschülern ferngehalten. Was einer Freundschaft noch am nächsten kam, waren ihre gelegentlichen Neckereien mit John Lockwood, während sie an den Mods saß und auf die Lehrer wartete. Nun mochte sie tatsächlich Fayette und den sonderbaren Leroux, dessen Hände dünn und blaß und stark und etwas kalt waren. Leroux war ein VEK, aber offensichtlich besaßen seine Eltern verschiedene Geschmäcker; war er ein Begabter ? Niemand hatte etwas davon gesagt. Vielleicht war es eine Frage der Ehre unter den VEKs, daß sie vorgaben, sich nicht um ihre Klassifikationen zu scheren.
   Reena war freundlich und hilfreich, aber immer noch distanziert.
   Als Letitia die Stufen hinaufstieg, über die Veranda durch die Tür ihres Zuhauses ging und ihr Keyboard neben dem Abstellraum ablud, sah sie aus den Augenwinkeln eine Nachrichtensendung im Wohnzimmer flimmern. Niemand sah zu; sie vermutete, daß alle in der Küche waren.
   Von diesem Winkel aus wirkte die Sprecherin durchscheinend und blau, wie ein Gespenst. Als Letitia weiterging, wurde der Winkel besser und die Sprecherin solider.  Es war eine förmliche Göttin von orientalisch - negroiden Zügen mit hohen Wangenknochen, glatten goldenen Haaren und kupferfarbenem Hautton. Letitia kümmerte sich nicht um ihr Aussehen. Was sie sagte, erregte ihre Aufmerksamkeit.
   … heute offenbart worden, daß ein Viertel aller VEKs, die vor sechzehn und siebzehn Jahren initiiert wurden, mit einer fehlerhaften Chromosomensequenz mit der Bezeichnung T56-WA 5659 ausgerüstet worden sind. Ursprünglich Teil einer Intelligenzsteigerungs-Makrobox, die für den Zuwachs kreativer und mathematischer Fähigkeiten verwendet wurde, wurde T56-WA 5659 verbessert und zur Standardoption für förmlich alle Vorher-Entworfenen Kinder. Die Folgen dieser fehlerhaften Sequenz sind bis jetzt noch nicht genau bekannt, aber mindestens zwanzig Kinder in unserer Stadt sind bereits gestorben. Sie alle hatten die Anfangssymptome, die auch bei Epilepsie auftreten. Nationenweite Fälle sind bisher nicht bekannt. Die Rifkin-Gesellschaft beschuldigt die Regulationsdienststellen der Regierung einer großangelegten Vertuschungsaktion.
   Die Elterliche-Vorgeburts-Entwurf-Administration rät den Eltern von VEK-Kindern mit der betreffenden Initiierung, unmittelbar Kontakt mit ihren Medizinern und Design-Spezialisten aufzunehmen, und diese um Rat und Behandlung zu bitten. Für jüngere Kinder kommt eventuell eine retrovirale Ganzkörpertherapie in Frage. Für weitergehende Informationen wenden Sie sich bitte direkt an unsere LitVid-Online und rufen …“
   Letitia wandte sich um und sah ihre Mutter, die das Ganze in einer Art grimmiger Zufriedenheit beobachtete. Als sie den betroffenen Ausdruck ihrer Tochter bemerkte, schien sie plötzlich bekümmert. „Wie bedauerlich“, sagte sie. „Ich frage mich, wie weit das wohl noch gehen wird.“
   Letitia aß während des Dinners nicht viel. Auch schlief sie in dieser Nacht nicht mehr als ein paar Stunden. Das Wochenende schien sich bis in alle Ewigkeit ausdehnen.

Leroux verglich die Laserschaumform mit ihrem Gesicht, drehte ihr Kinn vor dem grünen Zimmerspiegel mit sanften Händen hierhin und dorthin. Während Leroux vor sich hinsummte und die verschiedenen Gußmaterialien an Letitia testete, probte der Rest der Dramagruppe eine Szene, die ihre Anwesenheit nicht erforderte. Als die Teilnehmer damit fertig waren, ging Reena in das grüne Zimmer, stellte sich hinter sie und sah zu. Letitia lächelte steif durch die eifrig aufgetragenen Leinentücher und den Hügel hautähnlicher Plastik.
   „Du wirst großartig aussehen“, sagte Reena.
   „Ich werde alt aussehen“, sagte Letitia scherzend.
   „Ich hoffe, du bist deswegen nicht beunruhigt“, sagte Reena. „Niemand macht sich etwas daraus. Sie alle mögen dich. Sogar Edna.“
   „Mir macht es nichts aus“, versicherte Letitia.
   Leroux zog die Teile ab und legte sie sorgfältig in einen Kasten. „Hab es“, sagte er. „Ich werde langsam so gut, ich könnte sogar Reena alt aussehen lassen, wenn sie es zuließe.“
   Letitia überlegte einen Moment lang. Die Folgerung dessen war, mehr noch als die Bedeutung, unangemessen deutlich. Reena errötete und starrte Leroux verärgert an. Leroux bemerkte ihren Blick, schaute zwischen ihnen hin und her und sagte: „Nun, ich könnte es.“ Reena konnte nichts vorbringen, ohne tiefer in die Sache hineinzugeraten. Letitia blinzelte und entschied dann, sie von diesem Haken zu lassen. „Sie würde nicht wie eine Großmutter aussehen. Ich werde eine viel bessere alte Lady sein.“
   „Selbstverständlich“, sagte Leroux, nahm seinen Kasten und die Formen. Er ging zur Tür wie ein verrückter Scharfrichter. „Wie deine Urgroßmutter.“
   Für einen langen Augenblick standen sich Reena und Letitia allein im grünen Zimmer gegenüber. Die alten weißglühenden Make-up-Lichter leuchteten grell um den gesprungenen Spiegel herum und warfen einen perligen Glanz auf die weißen Wände hinter ihnen. „Du bist eine gute Schauspielerin“, sagte Reena. „Es kommt wirklich nicht darauf an, wie du aussiehst.“
   „Danke.“
   „Manchmal wünschte ich mir, ich sähe aus wie jemand in meiner Familie“, sagte Reena.
   Ohne nachzudenken sagte Letitia: „Aber du bist doch schön.“ Und sie meinte es auch so. Reena war schön. Mit ihrer levantinischen Dunkelheit, den langen schwarzen Haaren, ihrem kleinen scharfen Kinn, großen haselnußfarbenen Mandelaugen und der schmalen, ein wenig gebogenen Nase war sie einfach reizend. Sie hatte die Art von Gesicht und besaß die Intelligenz, die sie vor zwei oder drei Generationen in die Unterhaltungsbranche geführt oder sie in die gesellschaftlichen Kreise der Reichen und Berühmten gebracht hätten. Hinter ihrer körperlichen Schönheit befand sich ein Funken verborgenen Witzes und etwas Sanftes. VEKs waren gesünder, fühlten sich besser und ihr Verstand war, im Durchschnitt gesehen, scharfsinniger, ausgeglichener. Letitia fühlte sich nicht unterlegen, jedenfalls nicht diesmal.
   Etwas Magisches überkam sie. Die vorherige Unannehmlichkeit und deren gewandte Auflösung führte sie zu einer bezaubernden Unterhaltung. Keine der beiden könnte sich der anderen gegenüber verteidigen, das war ohne Worte klar.
   „Meine Eltern sind ebenfalls schön. Ich bin die zweite Generation“, sagte Reena.
   „Warum willst du anders aussehen ?“
   „Will ich gar nicht, glaube ich. Ich bin glücklich, so, wie ich aussehe. Aber ich sehe meiner Mutter und meinem Vater nicht ähnlich. Oh, Farbe, Haare, Augen, das alles … Trotzdem, meine Mutter war mit ihrem Gesicht nicht zufrieden. Sie ist mit meiner Großmutter nicht gut zurechtgekommen … Sie hat ihr die Schuld daran gegeben, daß sie ihr Gesicht nicht ihrer Persönlichkeit angepaßt hat.“ Reena lächelte. „Das Ganze ist reichlich töricht.“
   „Manche Menschen sind niemals glücklich“, bemerkte Letitia.
   Reena trat einen Schritt nach vorn und beugte sich etwas vor, um Letitias Spiegelbild anzusehen. „Wie fühlst du dich jetzt, wo du aussiehst wie deine Großmutter ?“
   Letitia biß sich auf die Lippe. „Bis du mich gefragt hast, ob ich mitmache, habe ich gedacht, ich würde es niemals wissen.“ Sie erzählte ihr davon, wie ihre Mutter ihr das Album gegeben und sie sich im Spiegel betrachtet hatte - ohne dabei ihre Nacktheit zu erwähnen - und sich mit den alten Bildern verglichen hatte.
   „Ich glaube, das nennt man eine Epiphanie“, sagte Reena. „Es muß schön gewesen sein. Ich bin froh, daß ich dich gefragt habe, auch wenn ich dumm gewesen bin.“
   „Warst du …“ Letitia hielt inne. Der Zauber der Unterhaltung schwand bedauerlicherweise. Sie wußte nicht, ob ihre Frage so aufgefaßt würde, wie sie gemeint war.  „Hast du mich gefragt, um mir eine Chance zu geben, nicht so dumm und zurückhaltend zu sein ?“
   „Nein“, sagte Reena fest. „Ich habe dich gefragt, weil wir eine alte Lady brauchten.“
   Als sich die beiden ansahen, mußten sie plötzlich lachen, und der magische Moment war vergangen und wurde durch etwas Beständigeres, Dauerhafteres ersetzt: Freundschaft. Letitia nahm Reenas Hand und drückte sie. „Dank dir“, sagte sie.
   „Du bist willkommen.“ Dann, mit kaum einer Pause dazwischen, sagte Reena: „Wenigstens mußt du dich nicht sorgen.“
   Letitia starrte sie mit halb offenem Mund und fragenden Augen an.
   „Muß jetzt nach Hause“, sagte Reena. Sie drückte Letitias Schulter mit mehr als nur freundlicher Kraft und offenbarte damit einen körperlichen Ärger oder eine Eifersucht, die entgegen allem stand, was sie bisher gesagt und getan hatten. Sie wandte sich um, ging durch die Tür des grünen Zimmers hinaus und ließ Letitia, die einige Latexstückchen und Klebstoff abriß, allein.
   
Das Desaster wuchs. Letitia hörte sich spät am Abend in ihrem Zimmer die Nachrichten an. Geflüster in ihren Ohren, projizierte Geister von Sprechern, Ärzten und Wissenschaftlern, die vor ihrem Gesicht tanzten und ihr Dinge sagten, die sie nicht wirklich verstand, aber spüren konnte. Ein Ungeheuer schritt durch ihre Generation, aber es würde sie nicht erreichen.
   Als sie am Montag zur Schule ging, sah sie Studenten, die sich in düsterer Stimmung vor dem Läuten in den Fluren versammelten und mit leisen Stimmen miteinander sprachen und sie anblickten, als sie an ihnen vorbeikam. Während ihrer zweiten Stunde hörte sie aus den Unterhaltungen heraus, daß Leroux am Wochenende gestorben war. „Er war ein Begabter“, erzählte ein großes, athletisch gebautes Mädchen ihrer Nachbarin. „Gewöhnlich sterben sie nicht, sondern blitzen. Aber er ist gestorben.“
   Letitia suchte zu Beginn der Mittagspause Zuflucht in dem alten Waschraum. Sie fand ihn verlassen vor, blickte jedoch nicht in den Spiegel. Sie wußte, wie sie aussah und akzeptierte es.
   Was sie schwer zu akzeptieren fand, war das neue Gefühl in ihrem Innern. Die junge Letitia war verschwunden. Sie konnte nicht auf einem Schlachtfeld leben und ein Kind bleiben. Sie dachte an den schlanken, elfengleichen Leroux, der ihr Gesicht mit sanfter, professioneller Bewunderung berührt hatte. Starke, kühle Finger. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, aber sie weinte nicht. Sie ging zum Essen und fühlte sich leer, furchtsam und verwirrt.
   Sie wandte sich jedoch nicht an die Beratung. Dies war etwas, dem sie sich selbst stellen mußte.
   An den nächsten paar Tagen ereignete sich viel. Sie hatte keine Schwierigkeiten, ihren Text zu lernen. Ihre Rolle besaß eine Schwermut, die gut zu ihrer Stimmung paßte. Am Mittwochabend nach der Probe begleitete sie Reena und Fayette zu einem Sandwichstand im Supermarkt in der Nähe der Schule. Letitia hatte ihren Eltern nicht gesagt, daß es spät werden würde; sie hatte das Bedürfnis, niemandem außer ihresgleichen verantwortlich zu sein. Sie wußte, Jane würde aufgebracht reagieren, aber nicht für lange. Dies  war eine Notwendigkeit.
   Weder Reena noch Fayette erwähnten die Ereignisse direkt. Sie waren feenhaft in ihrer Heiterkeit. Sie neckten Letitia damit, daß sie ihre Rolle nun ohne Make-up würde spielen müssen, und es erschien ihr, trotz ihres verborgenen Kummers, komisch. Sie aßen Sandwiches, tranken Fruchtsäfte und redeten darüber, was sie werden wollten, wenn sie erwachsen waren.
   „Die Dinge sind für gewöhnlich nicht so einfach“, sagte Fayette. „Kinder haben nicht so viele Möglichkeiten. Die Schule ist kein sehr effizientes Training für die wirkliche Welt, sie ist zu akademisch.“
   „Lernen war langsamer“, sagte Letitia.
   „So sind die Kinder“, sagte Reena und zeigte ein verantwortungsloses Grinsen.
   „Das gefällt mir nicht“, sagte Letitia. Dann sagten sie alle zusammen: „Ich bestreite es nicht, es gefällt mir bloß nicht.“ Ihr Gelächter erregte die Aufmerksamkeit eines älteren Paars, das in einer Ecke saß. Selbst wenn sich der Mann und die Frau nicht ärgerten, wollte Letitia, daß sie es taten, und sie beugte den Kopf hinunter, kicherte in ihren Strohhalm, bekam Luftblasen in die Nase und erstickte fast. Reena machte ein mißbilligendes Gesicht und Fayette bedeckte, prustend vor Lachen, den Mund.
   „Du kannst dir Gummi übers ganze Gesicht kleben“, schlug Fayette,vor.
   „Ich würde aussehen wie Frankensteins Monster, nicht wie eine alte Lady“, sagte Letitia.
   „Und wo ist der Unterschied ?“ sagte Reena.
   „Also wirklich, Leute“, sagte Letitia. „Ihr führt euch eurem Alter entsprechend auf.“
   „Nicht aufführen“, sagte Fayette. „Wir sind es.“
   „Ich wünschte, wir könnten uns unserem Alter entsprechend aufführen“, sagte Reena.
   Nicht einmal erwähnten sie Leroux, aber es war, als säße er die ganze Zeit neben ihnen und nähme an ihrer Leichtfertigkeit teil.
   Von allem, was sie tun konnten, kam dies einer Totenwache am nächsten.

“Warst du bei deinem Designer, deinem Mediziner ?“ fragte Letitia Reena hinter dem Bühnenvorhang. Die Lichter waren aus. Bühnenarbeiter zogen Musselinwände auf Karren über die Bühne. Frischer Farbgeruch erfüllte die Luft.
   „Nein“, sagte Reena. „Ich bin nicht besorgt. Ich habe eine andere Initiierung.“
   „Wirklich ?“
   Sie nickte. „Ist okay. Wenn es irgendein Problem geben würde, wäre ich nicht hier. Keine Sorge.“ Und mehr wurde nicht gesagt.

Der Abend der Generalprobe kam. Letitia trug ihr eigenes Make-up auf, zeichnete Bleistiftlinien und benutzte Farben und Schatten. Sie hatte geübt und fand sich leidlich geschickt im Ältermachen. Mit dem Bild ihrer Urgroßmutter vor sich imitierte sie die Tränensäcke, die sie später haben würde, malte Lachfalten um ihre Lippen und vervollständigte den Effekt mit einer übelriechenden grauen Perücke, die sie in einer Requisitenschachtel gefunden hatte.
   Die Schauspieler versammelten sich für eine Inspektion durch Miss   Darcy. In den Kostümen der Zeit schienen sie recht erwachsen, groß und ansehnlich. Letitia machte es nichts aus, sich hervorzuheben. Eine alte Frau zu sein, verlieh ihr einen besonderen Status.
   „Entspannt euch diesmal, seid ganz ruhig“, sagte Miss Darcy. „Jeder erwartet von euch, daß ihr euren Text verpfuscht, also werdet ihr wahrscheinlich alles perfekt hinbekommen. Wir haben eine Audienz, aber sie sind hier, um uns unsere Fehler zu verzeihen, nicht, nun über sie zu lachen. Das hier“, sagte Miss Dany und hielt inne, „ist für Mr.Leroux.“
   Sie alle nickten ernst.
   „Morgen, wenn wir unsere erste Aufführung geben, ist es für dich.“
   Sie nahmen ihre Plätze in den Kulissen ein. Letitia stand hinter Reena, die die erste auf der Bühne sein würde: Reena warf ihr ein flinkes, nervöses Lächeln zu.
   „Wie geht´s deinem Magen ?“ flüsterte sie.
   „Wo ist die Tüte ?“ fragte Letitia und gab vor, sich den Finger in den Hals zu stecken.
   „AV“, meinte Reena heiter.
   „RK“, erwiderte Letitia. Sie schüttelten sich fest die Hände.
   Der Vorhang ging hoch. Die Festhalle war mit Eltern, Freunden und Verwandten halb gefüllt. Letitias Eltern befanden sich auch darunter. Die Dunkelheit hinter der Bühnenbeleuchtung war so tief, daß sie eigentlich mit Sternen und Nebeln angefüllt hätte sein müssen. Würde ihre schwache Stimme so weit tragen ?
   
Die aufgezeichnete Musik vor dem ersten Akt gelangte zu ihrem Ende. Reena machte Anstalten, um auf die Bühne zu treten - und hielt inne. Letitia stieß sie an. „Na los !“
   Reena drehte sich herum, um sie anzusehen; ihr Gesicht war zur Seite geneigt, und Letitia sah eine große Träne, die aus ihrem linken Auge lief. Fasziniert beobachtete sie die Träne, die wie in Zeitlupe über ihre Wange kullerte und auf den Satin ihres Gewandes tropfte.
   „Es tut mir leid“, wisperte Reena mit zuckenden Lippen. „Ich kann das jetzt nicht tun. Sag. Sag.“
   Erschreckt langte Letitia vor und versuchte, ihren Fall zu verhindern, sie zu stützen und sie auf ihrem Platz zu halten. Aber Reena war zu schwer, und sie konnte den Fall nicht verhindern, nur abbremsen. Reenas Füße traten wie die eines Pferdes aus, trafen schmerzhaft Letitias Beine. Alles schien in Stille erstarrt. Ihre Augen waren groß und leer und feucht, sie flatterten und zeigten schließlich das Weiße.
   Letitia beugte sich mit erhobenen Händen über sie, fürchtete, sie zu berühren, fürchtete, es nicht zu tun. Dabei war sie sich nicht bewußt, daß sie schrie.
   Fayette und Edna Corman standen, ebenfalls hilflos, hinter ihr.
   Reena lag, leblos wie eine verdrehte Puppe, mit dem Gesicht nach oben da. Ihre Augen bewegten sich langsam auf Letitia zu, erzitterten, wurden starr.
   „Nicht du !“ schrie Letitia und bemerkte den Aufruhr unter den Zuschauern kaum. „Bitte, Gott, laß mich es sein, nicht sie !“
   Fayette wich zurück, und Miss Darcy erschien im Licht, ergriff Letitias Schulter. Sie schüttelte sie ab.
   „Nicht sie“, schluchzte Letitia. Die Mediziner erschienen und stellten sich im Kreis um Reena, blockierten sie vor den Augen der Umherstehenden. Miss Darcy stieß ihre Schüler entschlossen, beinahe brutal von der Bühne und trieb sie in das grüne Zimmer. Ihr Gesicht war reglos wie eine Maske, ihre Augen wirkten starr in ihrer Blässe.
   „Wir müssen etwas tun !“ sagte Letitia mit flehend erhobenen Händen.
   „Fasse dich erst einmal“, sagte Miss Darcy scharf. „Es wird bereits alles getan, was getan werden kann.“
   Fayette sagte: „Was ist mit der Aufführung ?“
   Alle starrten ihn an.
   „Es tut mir leid“, sagte er mit zitternden Lippen. „Ich bin ein Idiot.“

Jane, Donald und Roald kamen in das grüne Zimmer. Letitia umarmte mit fest geschlossenen Augen wild ihre Mutter und vergrub ihr Gesicht an Janes Schulter. Sie begleiteten sie nach draußen, wo immer noch einige Schüler mit ihren Eltern umherliefen. „Wir sollten heimgehen“, sagte Jane.
   „Wir müssen hierbleiben und herausfinden, ob es ihr gutgeht.“ Letitia stieß sich von Janes Arm ab und blickte auf die Leute. „Sie sind so verängstigt. Ich weiß es. Sie hatte auch Angst. Ich habe sie gesehen. Sie sagte mir …“ Ihre Stimme versagte. „Sie sagte mir …“
   „Wir bleiben noch eine Weile“, sagte ihr Vater. Er verschwand, um mit einem anderen Mann zu sprechen. Sie unterhielten sich eine Zeit lang. Der Mann schüttelte den Kopf, und sie gingen auseinander. Roald stand mit den Händen in den Taschen abseits, erschreckt, jung, unbehaglich.
   „In Ordnung“, sagte Donald einige Minuten später. „Heute Abend finden wir nichts mehr heraus. Laßt uns nach Hause gehen.“
   Diesmal protestierte sie nicht. Daheim schloß sie sich in ihr Zimmer ein. Sie mußte es nicht erfahren. Sie hatte gesehen, was passiert war; alles andere war Selbsttäuschung.
   Eine Stunde später kam ihr Vater an die Tür und klopfte leise. Letitia fuhr aus einem unruhigem Dösen auf, erhob sich vom Bett und ließ ihn ein.
   „Es tut uns so leid“, sagte er.
   „Danke“, murmelte sie und kehrte zum Bett zurück Er setzte sich neben sie. Sie mochte wieder acht oder, neun Jahre alt sein; sie blickte durch den Raum zu den Spielsachen, den Büchern, den Kinkerlitzchen.
   „Deine Lehrerin, Miss Darcy, hat angerufen. Sie sagte, wir sollen dir ausrichten, Reena Cathcart sei gestorben. Sie war bereits tot, als sie in der Klinik ankamen. Deine Mutter und ich haben die Vids gesehen. Fast alle Kinder sind jetzt krank. Viele sind gestorben.“ Er berührte sie, tätschelte zärtlich ihren Kopf. „Ich denke, du weißt nun, warum wir ein natürliches Kind wollten. Es gab Risiken …“
   „Es ist nicht fair“, sagte sie. „Ihr hattet uns nicht …“ - sie schluckte - „… auf diese Weise, weil ihr an die Risiken gedacht habt. Ihr redet, als wäre etwas nicht in Ordnung mit diesen … Menschen.“
   „Ist es nicht ?“ fragte Donald mit plötzlich hart gewordenen Augen. „Sie sind fehlerhaft.“
   „Sie sind meine Freunde !“ schrie Letitia.
   „Bitte“, sagte Donald zurückweichend.
   Sie kniete sich aufs Bett; wieder kamen die Tränen. „Es ist nichts Falsches an ihnen ! Sie sind Menschen ! Sie sind nur krank, daß ist alles.“
   „Das macht keinen Sinn“, sagte Donald.
   „Ich habe mit ihr geredet“, sagte Letitia. „Sie muß es gewußt haben. Du kannst nicht einfach sagen, etwas ist falsch mit ihnen. Das reicht nicht.“
   „Ihre Eltern hätten es wissen müssen“, fuhr Donald mit erhobener Stimme fort. „Letitia …“
   „Laß mich bitte in Ruhe“, verlangte sie. Er stand hastig auf, verwirrt, und ging hinaus, wobei er die Tür hinter sich schloß. Sie legte sich aufs Bett zurück und fragte sich, was Reena wollte, was sie sagte und zu wem.
   „Ich werde es tun“, flüsterte sie.

Das Frühstück am Morgen verlief ruhig. Roald aß sein Müsli mit Vorsicht, blickte die anderen mit großen, betroffenen Augen an. Letitia aß wenig, stieß sich vom Tisch ab und sagte: „Ich gehe zur Beerdigung.“
   „Wir wissen nicht …“ sagte Jane.
   „Ich gehe.“
   
Letitia ging lediglich zu Reenas Beerdigung. Mit einem verwirrten Ausdruck beobachtete sie Reenas Eltern über das Grab hinweg und verglich sie mit Jane und Donald.  Sie weinte nicht. Sie kam nach Hause und schrieb die Dinge, die sie gedacht hatte, nieder.
   Dieses Schuljahre war das schlimmste. Einhundertzwölf Schüler von ihrer Schule starben. Weitere zweihundert wurden sehr krank.
   John Fayette starb.
   Die Drama-Klasse machte weiter, aber es wurden keine Aufführungen gegeben. In der Schule war es ruhig. Viele Schüler waren von der Schule genommen worden; Letitia sah zu, wie die Hysterie wuchs, hörte das Gerücht, daß es sich um eine Seuche handle, nicht um einen VEK-Fehler.
   Es war keine Seuche.
   Nationenweit erkrankten zwei Millionen Kinder. Eine Million starb.
   Ohne die gesamte Tragweite zu verstehen, las Letitia, daß es sich um  die größte Katastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten handelte. Aufrührer zerstörten VEK-Zentren. Frauen, die mit VEK-Babys schwanger waren, forderten Abtreibungen. Die Rifkin-Gesellschaft wurde zu einer politischen Macht mit beträchtlichem Einfluß.
   Jeden Tag nach der Schule hörte sie sich die Nachrichten an. Alles in ihrem Leben schien bedeutungslos. Ihre Familie war gesund. Sie wuchsen normal auf.
Am Ende eines Schultags, zwei Wochen vor dem Abschluß, kam Edna Corman auf sie zu. „Können wir reden ?“ fragte sie. „Irgendwo, wo es ruhig ist.“
   „Sicher“, sagte Letitia. Sie waren keine engen Freunde geworden, aber sie fand Edna Corman erträglich. Letitia nahm sie mit in den alten Waschraum und dort standen sie, umgeben vom Widerhall der weißen Fliesen.
   „Du weißt, alle, ich meine, jeder der älteren Leute, starren mich, starren uns an“, sagte Edna. „So, als wenn wir jede Minute umkippen würden. Es ist wirklich schlimm. Ich denke nicht, daß ich krank werde, aber … Es ist so, als … als fürchteten sich die Leute, mich anzufassen.“
   „Ich weiß“, sagte Letitia.
   „Warum ?“ sagte Edna mit zitternder Stimme.
   „Ich weiß nicht“, sagte Letitia. Edna stand mit schlaff herunterhängenden Händen vor ihr.
   „War es unsere Schuld ?“ fragte sie.
   „Nein. Du weißt das.“
   „Bitte sag es mir.“
   „Was soll ich dir sagen ?“
   „Was wir tun können, um es in Ordnung zu bringen.“
   Letitia blickte sie für einen Augenblick an, dann breitete sie die Arme aus, nahm sie an den Schultern und zog sie näher an sich heran, umarmte sie. „Erinnere dich“, sagte sie.

Fünf Tage vor dem Abschluß fragte Letitia Rutger, ob sie bei der Zeremonie eine Rede halten könne. Rutger saß hinter seinem Schreibtisch, verschränkte die Arme und sagte: „Weshalb ?“
   „Weil es einige Dinge gibt, die niemand sagt“, erklärte Letitia. „Und sie sollten gesagt werden. Wenn kein anderer darüber reden will, dann …“ - sie schluckte schwer. - „vielleicht kann ich es.“
   Er betrachtete sie einen Moment lang zweifelnd. „Du denkst wirklich, du hast etwas Wichtiges zu sagen ?“
   Sie blickte ihn an. Nickte.
   „Schreib die Rede auf“, sagte er. „Zeig sie mir.“
   Sie zog ein Stück Papier aus der Tasche. Er las es sorgfältig, schüttelte seinen Kopf - aus Ablehnung, dachte sie zuerst - und gab es ihr zurück.
   Letitia Blakely wartete in den Kulissen darauf, auf die Bühne zu gehen. Sie lauschte auf das gedämpfte Murmeln der jugendlichen Menge in der Festhalle. Sie mied den Spot neben dem Vorhang.
   Rutger agierte als Conférencier. Die Festlichkeiten waren düster, kraftlos. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als würde sie einen, schrecklichen Fehler begehen. Sie war zu jung, um diese Dinge zu sagen; es würde sich schrecklich unbeholfen anhören, sogar kindisch.
   Rutger machte seine Eröffnungsbemerkungen, stellte sie dann vor und forderte sie auf, zum Pult zu kommen. Letitia ging absichtlich durch das Licht des Scheinwerfers neben dem Vorhang, verweilte kurz, schloß ihre Augen und atmete tief ein, als wolle sie in sich aufnehmen, was immer von Reena noch da war. Sie ging an Miss Darcy vorbei, die sie anstarrte.
   Ihre Kehle schnürte sich zu. Sie rieb sich unauffällig den Hals, blinzelte zu den grellen Lichtern auf dem Beleuchtungsgerüst und versuchte, die Gesichter jenseits der Lichter zu sehen. Sie waren lediglich Flecken in einer großen Dunkelheit. Aus den Augenwinkeln erblickte sie Miss Darcy die ihr zunickte. Geh weiter.
   „Es war für uns alle eine schlechte Zeit“, begann sie mit hoher und kratziger Stimme. Sie räusperte sich. „Ich habe viele Freunde verloren, genau wie Sie. Vielleicht haben Sie Söhne und Töchter verloren. Ich denke, selbst von dort aus, wo Sie sitzen und mich sehen, können Sie erkennen, daß ich nicht … entworfen bin. Ich bin natürlich. Ich muß mich nicht fragen, ob ich krank werde und sterbe, aber ich …“ Sie räusperte sich erneut. Es wurde nicht leichter. „Ich dachte, jemand wie ich, könnte Ihnen etwas Wichtiges sagen.
   Die Menschen haben Fehler begangen, schlimme Fehler. Aber Sie sind nicht diejenigen … Ich meine … Sie taten nichts Falsches. Ich kann nur davon träumen, Dinge zu tun, die Sie tun können. Einige von Ihnen sind dazu bestimmt, für lange Zeit im All zu leben, ich kann das nicht. Einige von Ihnen werden Dinge denken, die ich nicht denken kann, und an Orte gehen, wohin ich nicht gelangen kann … zu den Sternen reisen. Wir unterscheiden uns in vielen Dingen, aber ich dachte nur, es wäre wichtig,   Ihnen zu sagen …“
   Sie hielt sich nicht an ihre vorbereitete Rede. Sie konnte es nicht. „Ich liebe Sie. Ich kümmere mich nicht darum, was die anderen sagen. Wir lieben Sie. Sie sind sehr wichtig. Bitte vergessen Sie das nicht. Und vergessen Sie nicht, was es uns gekostet hat.“
   Die Stille war vollkommen. Sie fühlte sich, als müsse sie sich verstecken. Statt dessen richtete sie sich auf, dankte ihnen, hörte nicht ein Wort, kein unruhiges Flüstern. Dann neigte sie den Kopf im grellen Schein der Beleuchtung vor der interstellaren Dunkelheit jenseits davon.
   Miss Darcy streckte steif und formell den Arm aus, als Letitia vorüberging. Sie schüttelten sich fest die Hände und Letitia erkannte zum ersten Mal, daß Miss Darcy sie als Gleichgestellte betrachtete. Letitia stand während des Fortgangs der Festlichkeit hinter der Bühne und musterte den alten Holzboden, den Vorhang, die Gegengewichte, die Bühnenmaschinerie, das Beleuchtungsgerüst.
   Es schien so lange her zu sein, das sie geträumt hatte, was sie nun fühlte, diese nicht spezifizierte Liebe, nicht für ihre Familie, nicht für sich. Liebe für etwas, daß sie damals nach nicht wissen konnte; Liebe für Kinder, die nicht ihre eigenen waren, denen sie aber nun nichtsdestoweniger verbunden war.
   Brüder.
   Schwestern.
   Familie.

Gelesen in :
Greg Bear ; TANGENTEN
Heyne Science Fiktion & Fantasy
Band 0605663
ISBN 3-453-11951-7