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Stille Nacht

Stille Nacht
von
Alberto Sacchetto

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... es schneite, weil Weihnachtsabend war.

Craig war allein im Haus am Stadtrand. Die Parks und die anderen verlassenen Häuser waren von Schnee bedeckt.

Auch die Pinien, die Birken und die Stechpalmen im Garten hinter dem Haus bedeckte Schnee.

Craig war allein, kein Fußabdruck und keine Radspur auf dem weißen Leichentuch der Straße unterbrach den Schnee. Die Menschen hatten in ihrem Wahnsinn beschlossen, sich in einem allgemeinen Holocaust selbst zu vernichten.

Deshalb war Craig allein, genau wie die zerstreute Handvoll Überlebender, die mehrere Kilometer Entfernung zwischen einander gelegt hatten.

Die Menschen, die dem Virus entgangen waren, der die beherrschende Rasse des dritten Planeten des Sonnensystems ausgerottet hatte, trafen nie zusammen, sie wollten es auch gar nicht. Wenn sie einander - was selten geschah - sahen, vermieden sie eine Begegnung … als hätten sie Angst, sich mit einer tödlichen Krankheit anzustecken.

Vielleicht mieden sie einander, weil sie sich schämten, unter so vielen Toten noch am Leben zu sein. Craig hatte sich nie mit diesem Problem befaßt; die Erde war eine ungeheure, verwüstete Totenstadt.

Abgesehen von den Auswirkungen der Tragödie führte Craig ein recht angenehmes Leben mit seinen Büchern und Hunderten von Stichen, die er aus den Geschäften der Stadt geholt hatte. Er verfügte sogar über elektrisches Licht; wahrscheinlich hatte irgendein Techniker nichts Besseres zu tun als die Atomzentrale in Gang zu halten. Oder vielleicht arbeitete dieser Unbekannte unbeirrt weiter … wie ein Automat, der unfähig war, andere, nicht programmierte Aufgaben zu erfüllen. Vielleicht leitete dieses gesichtslose Individuum sogar eine Mannschaft arbeitender Gespenster. Jedenfalls war in den Hauptstraßen, die zum Platz vor dem Dom führten, die Straßenbeleuchtung eingeschaltet.

Die Schaufenster strahlten wie seinerzeit, die Waren lagen schön ordentlich wie auf dem Präsentierteller.

Ja, Craigs Haus wirkte gemütlich. Die Heizung funktionierte, seit er ein Lager mit flüssigem Brennstoff entdeckt hatte. Der Keller war mit allen Arten von Nahrungsmitteln in Dosen sowie mit ausgezeichneten Weinen gefüllt. Die Vorräte reichten für mehrere Jahre wie auch das Benzin, das er vorsichtshalber in einem hundert Meter entfernten Gebäude gelagert hatte.

Normalerweise bedrückte Craig die Einsamkeit nicht, da er unabhängig war, aber dies war der heiligste Abend des Jahres. Der Tag, an dem die Menschen einander die Hand reichten und alles Gute wünschten. Es war der Tag der fröhlichen Einkäufe, und der Mitternachtsmette in der überfüllten Kirche.

Man bereitete ein Festessen für die ganze Familie vor, die Leute kamen zusammen, und die Kinder warteten aufgeregt auf die Geschenke.

Für diese Gelegenheit wurde das beste Tischtuch aufgelegt, das Silberbesteck hervorgeholt, wenn man eines besaß, und die Kristallgläser auf den Tisch gestellt. An diesem Tag gab jeder das Geld mit vollen Händen aus. Es war Heiliger Abend.

Ein Hauch von Schwermut schlich sich in Craigs verhärtetes Herz. Von sich selbst angewidert öffnete er eine Flasche Kognak und schenkte sich reichlich ein, fest entschlossen, diese dumme, plötzliche Schwäche zu vertreiben.

Aber der Kognak schmeckte merkwürdig bitter und wärmte ihn nicht. Außerdem machte es ihm keinen Spaß, allein zu trinken.

Einem Impuls folgend, den er sich nicht einzugestehen wagte, zog er den Pelzmantel an und ging in die Garage.

Einige Augenblicke später fuhr der alte Ford vorsichtig die schneebedeckte Straße entlang.

Zwei Blocks weiter sah ihn ein Hund an; er ließ die Zunge heraushängen, und sein Atem kondensierte sich zu Dampfwölkchen.

»Alles Gute, Hund !« rief Craig fröhlich.

»Auch dir alles Gute«, glaubte er als Antwort zu hören.

Er schüttelte den Kopf. Die Einbildung spielte einem manchmal dumme Streiche. Der Domplatz … natürlich hieß er nicht so, aber der Name spielte ja keine Rolle mehr … so wie es keine Rolle mehr spielte, in welcher Stadt man lebte. Craig blieb im Halteverbot stehen und ging zu den beleuchteten Auslagen.

Am liebsten waren ihm die Spielsachen; es gab da alles mögliche. Puppen mit blauen Haaren, Züge, die auf winzigen Schienen liefen; die Triebwagen surrten, die Scheinwerfer eingeschaltet.

Und dann die Lebensmittelgeschäfte mit den fetten Putern, den Süßigkeiten, den geheimnisvollen Behältern mit eingelegtem Gemüse. Eine Schneiderei fesselte Craigs Aufmerksamkeit - eine Schneiderei und ein Smoking. Der Anzug, den eine Schaufensterpuppe trug, war eine Pracht; und Craig hatte nie einen Smoking besessen. Er war versucht, über den verrückten Einfall zu lachen, der ihm durch den Kopf ging. Aber er lächelte nur bitter und sagte leise: »Es ist ja Weihnachten.«

Gewiß, es war sehr dumm, ein Kleidergeschäft zu betreten, eine Schaufensterpuppe auszuziehen und sich am Heiligen Abend in einen Smoking zu werfen. Aber Craig hatte nie einen Abendanzug besessen, und dieser hier sah aus, als würde er ihm passen. Er entschloß sich; er zuckte resignierend die Schultern, stieß die Tür auf und betrat die Schneiderei.

»Der Herr wünscht ?«

Der elegante Jüngling hinter dem Ladenpult wendete sich Craig zu. Für einige Augenblicke kehrte Craig in die Vergangenheit zurück und schwieg verblüfft. Dann riß er sich zusammen.

Dieser Mann mußte die gleiche Absicht gehabt haben wie er: Er brauchte einen Anzug … der, den er trug, war funkelnagelneu … er war also ins Geschäft gegangen und hatte ihn angezogen. Jetzt wollte er sich vielleicht mit Craig einen Spaß machen.

Craig beschloß mitzuspielen. Die Abwechslung gefiel ihm.

»Ich habe in der Auslage einen Smoking gesehen und möchte ihn gern kaufen.«

Der andere verbeugte sich vollendet höflich, distanziert, wie ein echter Verkäufer.

»Wenn Sie die Güte haben wollen, einen Augenblick zu warten; ich hole ihn herein.« Und er verschwand im Hintergrund.

Dieser Grünschnabel versteht sein Handwerk wirklich, stellte Craig bewundernd fest.

Der selbsternannte Verkäufer brachte den Smoking und forderte Craig auf, ihn zu probieren.

Craig hatte nichts dagegen. Mit einer gewissen Erregung betrachtete er sich im Spiegel; der Anzug saß tadellos und verlieh ihm eine Note raffinierter Eleganz. In gewollt fröhlichem Ton sagte er:

»Ist der Stoff gut ? Man erwischt manchmal minderwertiges Material, und nach dem zweiten oder dritten Tragen hat man nur noch einen Putzlappen.«

Craig benahm sich wie ein Kenner.

»Es handelt sich um reine Seide vom Vegamarkt«, behauptete der Verkäufer freundlich schnurrend wie eine Katze.

Craig sah ihn einen Augenblick lang verblüfft an.

Da haben wir's. Bei dem ist eine Schraube locker. Der ist sicherlich nicht ganz in Ordnung.

»Aha. Und sagen Sie, muß man ihn bügeln ? Wissen Sie, ich lebe allein. Man findet heutzutage so schwer Hausangestellte.«

Unbeeindruckt, gleichmütig antwortete der andere ernsthaft:

»Ich verstehe, mein Herr … aber Sie müssen keine Angst haben. Dieser Smoking wird Ihnen überhaupt keine Schwierigkeiten bereiten. Nach zwölf Stunden regeneriert sich der Stoff automatisch. Er bügelt und putzt sich selbst.«

Craig, der sich jetzt unbehaglich fühlte, wollte es kurz machen.

»Ich nehme an, daß er nicht billig ist.«

»Er ist praktisch geschenkt, mein Herr … viertausendachthundert Vdhaa.«

Craig hatte den Smoking über den Daumen auf zweihundert Dollar geschätzt. Er schüttelte, zum Rückzug entschlossen, den Kopf.

Was war ihm überhaupt eingefallen, zu diesen Narren in die Stadt zu gehen ?

»Es tut mir leid, ich verfüge nur über gangbare Zahlungsmittel. Amerikanische Dollar.«

»Das spielt keine Rolle, mein Herr, wir akzeptieren jede Währung zum offiziellen Kurs; soviel ich weiß, ist der Dollar nie gesetzlich abgeschafft worden. Ich werde den Betrag einmal umrechnen …« Gleichmütig stellte er eine Berechnung an. »Sechs Dollar fünfunddreißig Cent.«

Craig begann zu lachen, weil er erst jetzt begriff, daß man ihn sehr geschickt auf den Arm genommen hatte. Der junge Mann verfügte tatsächlich über einen außergewöhnlichen Sinn für Humor. Es blieb ihm nichts übrig, als sein Gesicht zu wahren und einen Zehndollarschein aus der Tasche zu ziehen, den er dort vergessen hatte. Er hielt ihn großzügig dem Verkäufer hin.

Dieser gab ihm einen Zweidollarschein, einen Eindollarschein und fünfundsechzig Cent in Münzen. Dann drückte er ihm das Paket in die Hand und murmelte höflich:

»Frohe Weihnachten, mein Herr.«

»Frohe Weihnachten«, stammelte Craig. Er flüchtete auf die Straße, um dem Wahnsinn zu entgehen, der anscheinend die wenigen Menschen ergriffen hatte, die die Stadt noch bewohnten.

Der Schnee fiel in großen Flocken, blieb auf seinen Haaren liegen, wirbelte vor seinen Augen. Überall herrschten Stille und leises Rascheln.

Jemand vernügte sich damit, die Glocken zu läuten: die silbernen Töne verliehen dem stillen Abend ein festliches Gepräge.

Es war Heiliger Abend.

Originalseide von der Vega, ein Stoff, der sich selbst bügelt und putzt. So etwas Verrücktes, lachte er. Einen Augenblick später hatte er es schon vergessen.

Der Supermarkt zog ihn mit seinen lockenden Angeboten an; er war leer, also war Craig vor unangenehmen Begegnungen sicher.

Er legte das Paket mit dem Smoking in einen Einkaufswagen und begann durch die Reihen zu gehen.

Den traditionellen Puter wollte er selbst braten, denn er hielt sich für einen ziemlich guten Koch.

Das Etikett der Champagnerflasche besagte, daß der Inhalt achtzehn Jahre alt war, aber die Marke war ihm unbekannt. Weihnachten zu feiern, war eine unumgängliche Pflicht, daher … zum Teufel mit der Sparsamkeit. Er nahm vier Flaschen von dem Sekt … und ließ sie beinahe fallen. Das Glas war eiskalt, buchstäblich eiskalt, als käme es direkt aus dem Kühlschrank. Craig schrieb den Zufall einem Kunden zu, der die Flaschen wahrscheinlich ins Eis gestellt und dann die überflüssigen zurückgelassen hatte.

Aber die Marke … Rosathee vom Skorpius … klang merkwürdig.

Er überschritt die Schwelle des Alptraums, deckte sich auf gut Glück mit Honig ein, der von nicht näher bezeichneten Infusionstierchen stammte. Sein Verstand näherte sich dem Delirium, und er kaufte Pasteten von Tieren ohne Namen. Dann Austern und nie gesehene Früchte.

Schließlich stürzte er sich erschöpft in die Sicherheit der faßbaren Welt.

Es schneite immer noch, denn es war wahrscheinlich Heiliger Abend.

Dann stellte sich ihm ein Greis, ein zerlumpter, einfacher Greis, in den Weg.

»Wir sind allein, du und ich«, sagte er. »Allein auf dieser Welt, die sich jeden Tag etwas mehr verändert.« Er erklärte nicht, welche Bedeutung diese Veränderung hatte. Und Craig fragte ihn nicht.

Die Hände, mit denen er die Pakete, die Schachteln und die Flaschen festhielt, die Mühe, die er aufwenden mußte, um nichts fallen zu lassen, bewiesen ihm, daß er nicht träumte.

Der Greis, der so alt zu sein schien wie die Zeit, fügte hinzu:

»Warum unternehmen wir nicht gemeinsam etwas, wenn du allein bist ?« Die Idee war nicht schlecht, aber die obszöne Bosheit, die der Fremde ausströmte, stieß Craig ab.

»Ich kann nicht, nicht heute abend. Ich habe jemanden zum Abendessen eingeladen !« rief er und lief davon.

Wo sollte er Zuflucht suchen ? Er stieg mühsam die Stufen des Doms hinauf, während ihm der Alte mit höhnischem Gelächter nachrief:

»Dann holen wir es ein anderesmal nach, gut ?«

Das riesige Bronzeportal mit den Darstellungen des Lebens der Heiligen war geschlossen; aber seine Anwesenheit genügte, die Türflügel sprangen vor ihm auf.

Der Dom leuchtete in mystischem Licht, und die Orgel spielte zu Ehren der Geburt des Erlösers einen Choral.

Craig zuckte unwillkürlich zusammen: Vielleicht bewegten sich die Tasten der Orgel von selbst. Jetzt war alles möglich.

Gottes Tröstung stimmte ihn wieder heiter, obwohl er nicht mehr gewohnt war zu beten; er hatte auch keine Ahnung, wie er Ihn ansprechen oder was er Ihm sagen sollte. Aber Er würde sich sicherlich nicht über die Verzweiflung eines Seiner Kinder lustig machen.

Und wieder zog Friede in das gequälte Herz ein, und die Ängste verschwanden, wie sie gekommen waren.

Es waren frohe Weihnachten; sie mußten es sein.



Die Behaglichkeit des warmen Hauses empfing ihn so wohltuend, daß sie ihm beinahe körperlichen Schmerz verursachte. Die Ruhe innerhalb der vier Wände verstärkte das Gefühl inneren Friedens, genau wie die starke Wirkung einer Droge.

Craigs Blicke wendeten sich jetzt nicht mehr von der billigen Komödie ab, die er beim Einkaufen erlebt hatte; nur glaubte er nicht mehr an fiebrige Halluzinationen, sondern war von lebhafter Neugierde erfüllt.

Es war Weihnachten, und für Craig war jedes Ereignis eine angenehme, willkommene Ablenkung. Er fühlte sich seelisch etwas besser und begriff intuitiv, daß er den Zauber wie eine Seifenblase zerstören würde, wenn er sich dem unausweichlichen, merkwürdigen Geschick widersetzte.

Wenn die Hypothese einer unwahrscheinlichen Realität sich mit den Träumen vermengte, na schön, dann würde er bis in die Ewigkeit schlafen.

Allmählich zog sich der sanfte Mystizismus seiner Umgebung in Randbereiche zurück, die kaum noch vom Bewußtsein erfaßt werden konnten.

Craig erforschte das Haus, er ging von einem Zimmer ins andere, beladen mit Paketen in allen Größen. Er betrachtete sein Heim zum erstenmal genau. Und plötzlich empfand er so etwas wie Zärtlichkeit für die ihm so teure Intimität.

Endlich entschloß er sich, alles auf den Küchentisch zu legen. Die unglaublich eisigen Flaschen. Den fetten Puter. Und die fantastischen Produkte von … wie sollte man sie richtig beschreiben ?

Die unverständlichen Etiketten wiesen eine Schrift auf, die an Sanskrit oder Runen erinnerten; er verscheuchte lächelnd die Illusionen, an die er in Wirklichkeit gar nicht glauben wollte.

Den Alten auf der Marmortreppe vor dem Dom hatte Craig belogen: Er hatte behauptet, daß er die Nacht mit einem Gast verbringen würde. Aber hatte er wirklich gelogen ? Oder hatte ihn die krankhaft bösartige Ausstrahlung dieses menschlichen Relikts zu der Lüge veranlaßt ?

Craig machte sich fröhlich pfeifend an die Arbeit. Es waren nur noch wenige Stunden bis Mitternacht, und er wollte rechtzeitig fertig werden …

Der Puter war im Rohr, ebenso die Kartoffeln. Die fremdartigen Vorspeisen, die aus einem unbekannten Teil des Universums stammten, waren angerichtet wie auch der Obstsalat aus den merkwürdigen fremden Früchten.

Erdrückt von der Ungeheuerlichkeit seiner Handlungen, versank Craig in einem Wirbel seines Bewußtseins; aber dieser Wirbel fegte jeden Widerstand hinweg. Eine unsichtbare Hand zwang ihn heftig zum Handeln.

Ah, ja, die Martinis. Natürlich sehr trocken. In zwei Kristallgläser, die er in den Kühlschrank stellte.

Das Radio, das seit Monaten stumm geblieben war und logischerweise weiterhin schweigen sollte, sendete plötzlich ein passendes Lied. Stille Nacht !

Unsicher ging Craig aus der Küche in die große Halle, wo er feststellte, daß der Apparat schwieg, dieser unnötige Anachronismus aus Zeiten, die er vergessen wollte.

Craig hatte sich noch nicht entschließen können, das unnötige, sinnlose und überflüssige Radio wegzuwerfen.

Die hellen Stimmen kamen von draußen, von jenseits des Fensters, durch das er die flackernde Helligkeit kleiner Lichter erblickte. Craig hatte eine Schürze umgebunden, die Hemdärmel aufgekrempelt und einen Putzlappen in der Hand; er trat in die offene Tür und sah sich um. Er öffnete den Mund, ohne einen Ton hervorzubringen. Zwölf Kinder, jedes mit einer Kerze in der Hand; in der Gruppe waren offensichtlich die verschiedensten Klassen und Altersschichten vertreten. Sie sangen, ihre ovalen Gesichter waren ernst und konzentriert.

Stille Nacht ! Heilige Nacht !

Alles schläft, einsam wacht

Nur das traute, hochheilige Paar.

Craig flossen Tränen über die Wangen. Und während ihn die Tränen blendeten, gingen die Kerzen aus, eine nach der anderen.

Stille Nacht! Heilige Nacht!

Gottes Sohn, o wie lacht

Lieb aus deinem göttlichen Mund .. .

Die Nacht wirkte noch dunkler, als die letzten Töne verklangen; und als Craigs Augen wieder klar waren, waren die Kinder verschwunden. Sie waren fortgegangen.

Auf dem Schnee, der immer noch auf die Welt herunterfiel, war keine einzige Spur als Beweis für das herrlichste Weihnachtsgeschenk zu sehen, das Craig je erhalten hatte.


Er fand keine plausible Erklärung für die ungewöhnlichen Ereignisse. Craigs Gefühle konzentrierten sich auf Dankbarkeit; er vermied es, in Panik zu geraten. Der Regisseur dieser vergänglichen Aufführung verwendete die schweigende Erde als seine Bühne.

Craig war der Hauptdarsteller, der aus dem Stegreif spielte. In den kleinen, rührenden Begebenheiten fiel ihm ein durchgehender Zug von Altruismus auf; das ferne Echo eines erträumten, aber unerreichbaren Eden.

Die Menschen hatten sich auf dem überfüllten Planeten ständig, ununterbrochen, aber vergebens bemüht, die vollkommene Verbrüderung herbeizuführen. Sie hatten die Eintracht durch defaitistischen Nationalismus, den Sanftmut der Philosophen durch den hochmütigen Stolz der kampflustigen Militärs, die Pflugschar durch das Schwert ersetzt.

Die wichtigsten Ziele der Zivilisation, die auf der ungeheuren technischen Entwicklung der Kriegstechnik beruhten, wurden hemmungslos angestrebt. Der Eckpfeiler des menschlichen Wissens.

Genauso war es mit der Atomenergie; bevor man mit ihr die erste Turbine antrieb und Licht erzeugte, einen Leuchtturm auf dem Weg in die Zukunft errichtete, hatte man beweisen müssen, wie schrecklich sie sein konnte, indem man zwei Städte auslöschte und hunderttausend Leben erbarmungslos vernichtete. Die Apokalypse war durch zwei winzige, beinahe noch im Experimentierstadium befindliche Kriegsgeräte ausgelöst worden, die noch sehr primitiv waren. Sie hatten bei weitem noch nicht die Perfektion des späteren Kriegsinstrumentariums erreicht, mit dem man den Tod herbeiführen, die Zahl der Toten vervielfachen konnte.

Jetzt lagen Tausende von diesen schrecklichen Geschossen auf der Welt herum, unnütze, vergessene, sinnlose Erzeugnisse.

Vielleicht stöberten die wilden Hunde um sie herum nach Nahrung und heulten …

In diesem Augenblick wußte Craig noch nicht, wem er dankbar sein sollte. Einem unbekannten, wohltätigen Nemo oder dem barmherzigen Selbsterhaltungstrieb, der das geistige Gleichgewicht schützt, indem er Trugbilder erzeugt.

Craig zog es vor, nicht darüber nachzudenken, sondern gab sich vollkommen dem merkwürdigen, ein wenig melancholischen Glücksgefühl hin. Er fragte sich, ob er jemals in seinem Leben ein Glas an den Mund geführt und diesen unbeschreiblichen, unbegreiflichen Duft empfunden hatte.

Der Schnee fiel, linderte die Wunden der Vergangenheit, verwandelte sie in eine Zeitenfolge ohne Erinnerung.

Der Frühling und seine Blüten erwachten in den Blumen einer Wiese.

Das Summen der Insekten vibrierte um die warmen, reifen Früchte; eine Melodie, die verschwunden war, wie die Spur eines Meteors. Vieler Meteore. Eine unendliche Zahl von Meteoren, die über den Himmel flackern, zum Horizont sinken und sich auflösen. Jetzt unterhielt sich Craig in der Stille mit den Schneeflocken und wartete.



Als die Türglocke ging, hatte Craig den neuen Smoking noch nicht angezogen.

Auf dem Tisch lag jedoch das neue, blendendweiße Damasttischtuch. Zwei Leuchter ergänzten mit ihrem warmen Schimmer das Licht des großen Lüsters.

Das hauchdünne Porzellangeschirr, das er aus der Stadt geholt hatte, wetteiferte an Glanz mit dem Silberbesteck von Montales und den Kristallgläsern von Rosenthal.

Drei rüstige Greise lächelten ihn an und verbreiteten buchstäbliche Freude.

Einer war klein und dicklich. Die wenigen weißen Haare umgaben den Kopf wie eine Krone, sein Gesicht war rosig wie das eines Kindes. Der zweite war groß und mager, kahlköpfig; seine Augen waren dunkel, und er trug einen langen, majestätischen weißen Bart.

Der dritte war von normaler Körpergröße. Haar und Bart waren weiß wie die Flocken, die vom Himmel fielen.

Sie alle trugen makellose Smokings unter roten Atlasmänteln.

Sie verneigten sich gleichzeitig steif und sagten wie aus einem Mund:

»Fröhliche Weihnachten, Craig.«

Craig schwieg zunächst, weil er nichts zu sagen wußte. Dann entschloß er sich zu sprechen.

»Fröhliche Weihnachten, meine Herren !«

Der kleine Dicke stellte sich vor:

»Ich bin Kaspar.«

Der Große stellte sich vor:

»Ich bin Balthasar.«

Der Mittelgroße stellte sich vor:

»Ich bin Melchior.«

Verzweifelt lehnte Craig sich an den massiven Türpfosten; die Fantasie, der er seine Halluzinationen verdankte, neigte sichtlich zu Übertreibungen.

»O nein !« stöhnte er und wiederholte: »Das ist nicht möglich.«

Der, der sich Kaspar genannt hatte, rief betrübt:

»Gefallen dir unsere Namen nicht, Craig ? Welch unangenehme Situation. Wir hatten geglaubt, daß sie den Umständen angemessen wären.«

Er machte eine kurze Pause und fügte hinzu:

»Du mußt entschuldigen, wenn wir die hier übliche Etikette verletzt haben, aber versuche zu verstehen … dort, wo wir herkommen, gibt es ein anderes System, um sich gegenseitig zu erkennen. Die Bräuche der Bevölkerung variieren stark und sind sehr unterschiedlich.

Das grundsätzliche Konzept der Identifizierung stellt ein Beispiel für das Auftreten eines unlösbaren Problems dar; angesichts der Schwierigkeit, sich in Bezug auf die Interpretierung eines beliebigen Kodex auszudrücken, wollen wir dich nicht in Verlegenheit bringen. Dir ist ja klar, daß wir deinen großzügigen Empfang nicht mißachten wollen, Craig ?«

»Ja, das ist mir klar«, antwortete Craig, der kein Wort von dieser anscheinend sinnlosen Rede verstanden hatte. Kaspars Erklärung, daß er Craigs Gefühle nicht verletzen wollte, schien jedoch ehrlich gemeint zu sein.

Craig seufzte wieder, diesmal erleichtert.

»Entschuldigt, wenn ich mich geirrt habe … ich habe auf andere Personen angespielt, die diese Namen vor vielen Jahren getragen haben. Vor Tausenden von Jahren. Als in der gleichen Nacht wie heute ein großer Komet auf dem Himmel brannte.«

»Eine gute Beobachtung … auch jetzt leuchtet auf dem Gewölbe der Unendlichkeit ein unvergleichliches Licht«, deklamierte Balthasar hochtrabend.

Es schneite nicht mehr, der Himmel war sternenklar. Die Wolken waren verschwunden. Und zwischen den Sternen begleitete ein neues Gestirn, heller als der Sirius, blendender als die Venus, die schweigende Erde.

»Wir haben seinen Stern im Osten erblickt und sind hierhergekommen, um ihn anzubeten«, murmelte Craig, der sich an vergessene Worte aus antiken Büchern erinnerte.

»Was sagst du ?« Melchior blickte ihn mit seinen durchdringenden Augen unverwandt an.

»Nichts. Der Stern ist zur Geburt Christi zurückgekehrt. Aber jetzt ist es zu spät. Es ist zu spät … ihr könnt das nicht verstehen.« Craigs Stimme klang gepreßt, als unterdrücke er das Weinen.

Balthasar erklärte freundlich, allerdings ohne viel Überzeugungskraft:

»Das ist nicht merkwürdig, Bruder. Diese launischen Kieselsteine des Raums haben oft periodische Umlaufbahnen; eine banale kosmische Konstante. Einige Kometen brauchen sehr lange, bevor sie wieder an den Ursprungsort zurückkehren. Ganze Generationen …« Die sinnlosen Worte verklangen.

Nach einem letzten Blick schob Craig die drei alten Herren in das Haus.

»Das Märchen, auf das ich mich beziehe, unterliegt nicht den Gesetzen der himmlischen Mechanik. Aber bitte, kommt herein … draußen ist es sehr kalt.«



Einige Einzelheiten, die bei flüchtiger Prüfung nicht weiter auf­fielen, entgingen Craigs forschendem Blick nicht; und wenn sich keine transzendentalen Effekte daraus ergaben, dann nur, weil sein Gefühlspotential erschöpft war.

Kaspars Pupillen zum Beispiel waren nicht kreisrund.

Kaspars Pupillen wirkten polygonal, mit konzentrischen Sektionen, wie die Blende eines Fotoapparates.

Bei Balthasar wieder vibrierten die Nasenflügel leicht, wenn er atmete. Auch die Ohren, die im übrigen vielleicht ein bißchen zu spitz waren; die fliehenden Ohrläppchen schienen sich unabhängig davon zu bewegen.

Die langen, schlanken, aristokratischen Hände Melchiors verdankten diese Eigenschaften einer zusätzlichen Gliederreihe. Melchiors Finger hatten vier statt drei Glieder.

Aber abgesehen von diesen kleinen, fremdartigen Unterschieden waren die drei alten Herren sympathische und gesprächige Gäste ! Sie scherzten fröhlich, und es gelang ihnen, Stimmung in den Abend zu bringen. Freundlich lächelten sie über den nur für zwei Personen gedeckten Tisch.

Kaspar bestand darauf, Craig beim Auflegen der beiden zusätzlichen Gedecke zu helfen; Melchior und Balthasar verließen das Haus und behaupteten, sie hätten etwas im Fahrzeug vergessen. Craig hatte nicht bemerkt, daß sie über ein Fahrzeug verfügten, obwohl sie in der Dunkelheit offensichtlich unmöglich hatten zu Fuß kommen können. Kaspar zog jedoch Craig in die Küche.

Craig betraute Kaspar mit dem Amt des Kochs und machte weitere Martinis zurecht.

Inzwischen arbeitete sein Gehirn angestrengt, obwohl er nicht das Gefühl hatte, daß ihm eine Gefahr drohte. Die drei Unbekannten mußten mehr wissen, als sie vorgaben. Und abgesehen von der angenehmen Gesellschaft mußte ihre Anwesenheit im Zusammenhang mit einem größeren Kontext gesehen werden.

Wenn man die Ereignisse des Tages einzeln betrachtete, waren sie fragmentarisch und unzusammenhängend, bildeten jetzt jedoch ein kaleidoskopisches Mosaik, dessen Gesamtumrisse sich undeutlich abzuzeichnen begannen.

Mit beachtlicher Geschicklichkeit waren die drei der Gefahr ausgewichen, zu präzise Anspielungen zu machen; im Augenblick waren sie am Zug. Ihre Zurückhaltung störte Craig nicht; er wußte, daß sie im geeigneten Augenblick reden und ihn informieren würden.

Melchior und Balthasar erschienen auf der Schwelle der Küche. Craig drückte jedem einen eiskalten Martini in die Hand.

»Ich schlage einen Trinkspruch vor. Freunde … ein typisch … terranischer Brauch.«

Kaspar, Melchior und Balthasar schienen die Zweideutigkeit dieses Satzes nicht zu bemerken; oder vielleicht waren sie an solche Äußerungen gewöhnt.

»Ja, in der Halle, gehen wir in die Halle«, rief Balthasar ängstlich.

»Man feiert Weihnachten nicht in der Küche«, unterstützte ihn Melchior sofort.

Kaspar machte Platz; seine Blicke folgten den beiden Gefährten aufmerksam.

Der Baum, der Form nach eine Tanne, verfügte über alle äußeren Charakteristika der Nadelbäume; aber damit hörte die Ähnlichkeit auch schon wieder auf.

Die dichte Masse der Zweige, die mit zarten Nadeln bedeckt waren, hatte die Farbe blassen Goldes. Ihr Glanz war ein Zwischending zwischen Gold und Silber.

Einige undurchsichtige Kugeln, auch aus blassem Gold, schmückten die Tanne, und dazu zarte, blendend weiße Streifen.

Es sah aus, als hätte man ein Stück der Milchstraße vom Himmel heruntergeholt.

Außerdem gab es winzige, facettierte Kristallglöckchen, die leise klingelten, jedes auf einen anderen Ton gestimmt. Auf dem Wipfel leuchtete die Miniatur eines Sterns, und es war unmöglich, ihn direkt anzusehen.

»Das ist das Schönste, das Wunderbarste, das ich je gesehen habe«, flüsterte Craig ergriffen. Dann versagte ihm die Stimme.

»Auch meine Augen erfreut es, mein Freund«, gab Melchior in seiner gewählten Ausdrucksweise zu und fügte hinzu: »Reizend ist auch der Empfang, den du uns bereitet hast, uns unerwarteten, fremden Gästen. Das war ein sehr schöner Zug von dir, Craig.«

Dann wendete Craig den Männern den Rücken zu, weil er nicht wollte, daß sie sahen, wie er weinte; auch wenn man sich dessen nicht schämen muß. Die Tränen läutern den Menschen und sein Herz, so wie der Schnee, der jetzt wieder fiel.

Melchior legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. Der Trost eines verlorenen und unversehens wiedergefundenen Bruders. In der Hand Melchiors, unendlich trostspendend, kamen alle unbekannten Dinge, die sich am Himmel befanden, zu Craig. In der zauberischen Luft der Halle flüsterten die Stimmen von Vindemiatrix; die Stimmen der Engel.

Und sanft und lachend die silbernen Triller von Arcor.

Und zärtlich wie das Seufzen des verliebten Windes das Echo von Genna in der Krone. Auch von Auriga und den Pleiaden. Nacheinander. Alkione, die hellste, und Atlas, Pleione, Asterope, Celaeno, Maia, Elektra, Merope und Taygetos. Craig entzog sich plötzlich der Verzauberung und stieß Melchior heftig von sich.

»Da draußen«, er zeigte mit einer knappen, müden Geste zum Fenster, und seine Stimme war kalt und ernst, »liegen beinahe sieben Milliarden Tote. Eine schöne Totenstadt, nicht wahr ?«

Craig verzog angeekelt das Gesicht. Seine Totenwache währte schon ein Jahr, Tag für Tag. Die Hände ringend, begann er wieder zu sprechen; er schluchzte beinahe wegen der schrecklichen Wahrheit, die ihn quälte.

»Es war ein schmutziger Krieg. Sie haben die Kernwaffen nicht eingesetzt, und dabei haben sie sie gerade für diesen Fall erzeugt.« Er lachte, bitter, gellend.

Kaspar versuchte ihn zu unterbrechen, aber eine Handbewegung Craigs ließ ihn verstummen.

»Nein, sie haben die Überschallflugzeuge nicht eingesetzt, nichts Derartiges. Nur das Schweigen und das Keuchen der Sterbenden. Und jetzt … jetzt ein paar Millionen verwilderte Wesen, eine Millionen herumstreunender Tiere. Wir sind wieder zu Wilden geworden, die Angst, in der Gruft der Menschheit weiterleben zu müssen, hat uns dazu gemacht; versteht ihr mich ? Wir sind nur deshalb am Leben, weil unsere Antikörper, unsere weißen Blutkörperchen, besser waren als die der anderen.« Er senkte den Kopf und fügte bitter hinzu: »Wir sind in Wirklichkeit wilde Tiere, bereit, auch das Universum anzustecken, falls uns jemand die Hand reicht. Laßt es bleiben. Es ist für alle Beteiligten besser.«

Kaspar hielt ihm die Hand hin.

Balthasar hielt ihm die Hand hin.

Melchior hielt ihm die Hand hin. Die ganze Galaxis hielt der Erde symbolisch die Hand hin.



Craig lief verzweifelt durch die Nacht. Er vergaß den alten Ford, er vergaß Kaspar und seine Freunde. Er vergaß, daß er sich im Dämmerungsstadium einer Welt befand.

Er mußte eine einzige Frage stellen, und niemand konnte ihm eine Antwort geben. Nur Er war in seinem unendlichen Wissen Hüter der Erkenntnis.

Der Schnee, der aus einem blutroten Himmel fiel, blendete ihn. Der Schnee, der vom Himmel auf die Erde gefallen war, ließ ihn stolpern. Die eiskalte Luft schnitt ihm den Atem ab, er wurde kaum langsamer, obwohl er am Ende seiner Kräfte war. Er blieb nicht stehen. Er mußte wissen.

Da, die Lichter der Hauptstraßen kamen näher. Sie tanzten vor seinen Augen, wie auch die unpassenden, beleuchteten Schaufenster.

Die Erschöpfung zwang Craig endlich stehenzubleiben. Er lehnte sich an die Glasscheibe eines Schaufensters. Trotz der späten Stunde gab es im Geschäft eine gewisse Bewegung.

Eine männliche Schaufensterpuppe, die noch das Preisschild am Sakko trug, bediente zwei weibliche Schaufensterpuppen. Eine im Brautkleid und die andere in einem Mantel aus kanadischem Nerz.

Ein kleiner Junge, ein Diener und der alte Weihnachtsmann, der am Eingang gestanden hatte - lauter Schaufensterpuppen -, stellten sich ordentlich vor dem Pult für Metallgeschirr an.

Im Supermarkt ging es zu wie zur Hauptgeschäftszeit. Von überall kamen Schaufensterpuppen. Ein kleines Mädchen rannte in Craig hinein und warf ihn beinahe um. Es hielt die Hand seiner Schaufensterpuppen-Mama fest.

Die Schaufensterpuppen-Mama sagte vorwurfsvoll:

»Los, Liebling, entschuldige dich bei dem Herrn !«

Das kleine Schaufensterpuppen-Mädchen verneigte sich steif.

»Entschuldigen Sie bitte, mein Herr ! Und fröhliche Weihnachten.«

»Fröhliche Weihnachten !« echote Craig.

Die rot bemalten Gipslippen des Kindes hatten sich nicht bewegt. Sie waren steif und unbeweglich.

Craig lief die Marmortreppe des Doms hinauf und betrat das gotische Gewölbe der Kirche.

Wie er erwartet hatte, berührte keine Hand die Tasten der Orgel. Die Tasten bewegten sich von selbst, genau wie die Register. Die Blumen auf dem Altar öffneten sich und blühten in einer Sequenz ohne Ende immer wieder auf.

Craig kniete nieder und betete inbrünstig; er wartete auf eine Antwort, die er nie erhalten würde.

Auch Gott hatte ihn verraten.

Der Alte erwartete ihn auf der Schwelle des Bronzeportals. Er schien das einzige lebende Wesen zu sein, das bereit war, ihn anzuhören.

Craig wandte sich mit einer Frage an ihn.

»Warum ist dieser Abend anders als alle anderen Abende des Jahres ?«

Der Alte antwortete ihm.

»Deine Worte sind die gleichen wie die der alten Schriften. Du willst eine Antwort. Gut, höre, da ist sie.

Dieser Abend ist anders als alle anderen, weil wir an ihm den wichtigsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes feiern. In dieser Nacht feiern wir den triumphalen Übergang von der Sklaverei zur Freiheit.

Das Volk Israels glaubte an diese Verse. Vielleicht feiern auch wir heute unsere Befreiung von allem, was uns in der Vergangenheit bedrückt hat.«

Während der Enthüllung schien das Gesicht des Alten von einem übermenschlichen Glanz erhellt zu werden. Craig erkannte endlich, wer der Alte in Wirklichkeit war. Einem Impuls folgend, rief er :

»Du hast gesagt, daß du allein bist ! Folge mir, wir wollen beisammen bleiben. Du wirst das essen, was ich esse.«

»Aber dein Gast … Ich bin in Lumpen gekleidet …«

»Das macht nichts, ich nehme an, daß das Haus leer sein wird. Vielleicht hat er genug davon, auf mich zu warten.«

In diesem Augenblick schlug die Uhr des Doms Mitternacht.



So war es endlich Weihnachten, und es schneite wieder dicht. Der Schnee lag jetzt mehr als dreißig Zentimeter hoch.

Vom offenen Fenster aus betrachteten Craig und der Alte die gewohnte Winterlandschaft; sie spürten die beißende Kälte nicht. Einige Minuten später ertönte am Himmel ein dumpfes Dröhnen. Es wurde lauter und näherte sich deutlich.

Ein silbernes Geschoß tauchte aus den niedrigen Wolken auf. Es schwebte in wenigen hundert Metern Höhe über der Erde. Das Himmelsschiff hielt sich schwerelos im Gleichgewicht. Es war etwa fünfzig Meter lang.

Es setzte vor Craigs Haus auf der Straße auf.

Das Dröhnen verstummte. Einige Minuten später öffnete sich eine kleine Tür.

Menschliche Gestalten verließen das Schiff. Und auch nichtmenschliche Gestalten verließen das Schiff.

Sie lachten und unterhielten sich laut.

Ein großer brauner Mann. Ein merkwürdiges, mißgebildetes Wesen sprang herum und stieß leise, summende Töne aus. Ein Mädchen mit langen weißen Haaren nahm eine Handvoll Schnee. Es entdeckte den Schnee.

Und immer mehr. Wie lauter seltsame Engel.

Dann wendeten sie sich alle gemeinsam Craig zu und schwenkten grüßend die Hände.

Nicht alle Gliedmaßen waren Hände, aber die Grüße waren freundschaftlich und liebevoll.

Der große braune Mann sagte dem Mädchen etwas in einer unbekannten Sprache. Sie nickte und lief, fortwährend winkend, auf das Haus zu …



gelesen in :

Die Stimme der Unendlichkeit

Italienische SF

Ein HEYNE.Buch Nr. 312

ISBN 3-453-30714-3