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Segne mich

Segne mich, Vater,

denn ich habe gesündigt


von


Ray Bradbury

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Es war am Heiligabend, als Pfarrer Mellon kurz vor Mitternacht wieder aufwachte, nachdem er erst ein paar Minuten geschlafen hatte. Ein sonderbares Gefühl drängte ihn, aufzustehen, hinauszugehen und die Tür seiner Kirche zu öffnen, ganz weit, daß der Schnee hereinwehte, und sich dann in den Beichtstuhl zu setzen und zu warten.

Zu warten, worauf ? Wer wußte das ? Wer hätte es sagen können ? Aber der Drang war so stark, daß er sich einfach nicht verleugnen ließ.

Was ist nur los ?“ knurrte er leise vor sich hin, während er sich anzog. „Ich werde anscheinend verrückt. Wer will denn, wer muß um diese Zeit - und warum, zum Kuckuck, soll ich -“

Er zog sich dennoch an, ging dennoch hin, die Kirchen- tür zu öffnen, und stand ehrfürchtig vor dem herrlichen Kunstwerk da draußen, schöner als alle Bilder der Geschichte, einem Gobelin von Schnee, spitzendurchwirkt, der sich sanft über die Hausdächer legte und den Laternen Mützen aufsetzte und die Autos, die geduckt am Straßen-rand standen und auf den Segen warteten, mit Schals umwickelte. Der Schnee legte sich auf die Trottoirs, auf seine Lider, sein Herz. Er hielt unwillkürlich den Atem an ob der launischen Pracht, dann drehte er sich um und ging, von Schnee gefolgt, und suchte Zuflucht im Beichtstuhl.

Einfaltspinsel, schalt er sich. Närrischer Alter. Mach daß du hier rauskommst. Geh wieder zu Bett !

Doch dann hörte er es. Ein Geräusch an der Tür, schlurfende Schritte auf dem Steinboden und endlich ein klammes Rascheln, als jenseits der Trennwand jemand im Beichtstuhl Platz nahm. Pfarrer Mellon wartete.

Segne mich, Vater“, flüsterte eine Männerstimme, „denn ich habe gesündigt.“

Die Bitte kam so schnell, daß Pfarrer Mellon in der ersten Verblüffung nur erwidern konnte:

Woher wußten Sie überhaupt, daß die Kirche offen ist und ich hier bin ?“

Ich habe gebetet, Hochwürden“, kam leise die Antwort. „Gott hat Sie geschickt, die Kirche aufzuschließen.“

Dagegen gab es nichts zu sagen, und so saßen der alte Priester und der hartgesottene alte Sünder, der er wohl war, ein paar lange Sekunden in der Kälte, während die Uhrzeiger gen Mitternacht rückten, und endlich wiederholte der Flüchtling aus der Finsternis:

Segne den Sünder, Vater !“

Doch statt der üblichen Fragen und salbungsvollen Worte lehnte sich Pfarrer Mellon, während Weihnachten in Eile durch den Schnee nahte, ans Gitter und konnte sich nicht enthalten, zu sagen:

Es muß eine schlimme Sündenlast sein, die Sie mit sich herumtragen, wenn es Sie in einer solchen Nacht hinaus-treibt auf eine unmögliche Mission, die dann doch noch möglich wurde, weil Gott Sie erhört und mich aus dem Bett gejagt hat.“

Sie ist schlimm, Hochwürden. Sie werden sehen.“

Dann sprich, mein Sohn“, entgegnete der Priester, „bevor wir beide hier erfrieren -“

Nun gut -“, flüsterte die wintrige Stimme hinter der dünne Trennwand. „Es war so - vor sechzig Jahren -“

Sechzig ?!“ rief der Priester. „Schon so lange her ?“

Sechzig !“ Eine peinliche Stille folgte.

Sprich weiter“, sagte der Priester, denn er schämte sich, weil er ihn unterbrochen hatte.

In dieser Woche, vor sechzig Jahren“, sagte die graue Stimme, „als ich zwölf war, bin ich mit meiner Großmutter zum Weihnachtseinkauf gewesen, in einem kleinen Städt-chen im Osten. Wir mußten den ganzen Weg hin und zurück zu Fuß gehen. Wer hatte denn damals ein Auto ? Wir gingen also zu Fuß, und als wir mit den Geschenk-paketen zurückkamen, hat meine Großmutter irgend etwas gesagt, ich habe längst vergessen was, aber ich bin wütend geworden und ihr fortgelaufen. Ich hörte sie von weitem nach mir rufen und dann furchtbar schreien, ich soll zurück-kommen, zurück zu ihr, aber ich wollte nicht. Schrecklich geheult hat sie, und ich wußte, daß ich ihr weh tat, worauf ich mir ganz stark und mächtig vorkam, und ich habe gelacht und bin nur noch schneller gerannt und war lange vor ihr zu Hause, und als sie ankam, hat sie gekeucht und geweint, als wollte sie gar nicht mehr aufhören. Da habe ich mich geschämt und bin weggerannt, um mich zu verstecken …“

Lange Stille.

War es das ?“ half der Pfarrer nach.

Es ist eine lange Liste“, klagte die Stimme hinter der dünnen Wand.

Dann sprich weiter“, sagte der Pfarrer mit geschlossenen Augen.

So ähnlich habe ich es auch mit meiner Mutter gemacht, zu Silvester. Sie hat mich geärgert, da bin ich ihr fortgelaufen. Ich hörte sie rufen und habe nur gegrinst und bin noch schneller gelaufen. Warum ? O Gott, warum ?“

Der Priester wußte keine Antwort.

War es das dann ?“ fragte er endlich leise und fühlte sich seltsam angerührt von dem alten Mann hinter der Trenn-wand.

An einem Tag im Sommer“, sagte die Stimme, „haben mich einmal ein paar Rabauken verprügelt. Als sie fort waren, sah ich auf einem Strauch zwei Schmetterlinge in inniger Umarmung, so schön ! Mir war ihr Glück verhaßt. Da habe ich sie gepackt und in meiner Hand zu Pulver zerrieben. Welche Schmach, Hochwürden !“

In dem Moment wehte ein Windstoß zur Kirche herein, und beide blickten auf und sahen in der Tür ein Weihnachtsgespenst aus Schnee umherwirbeln, das zu weißem Staub zerfiel und sich über das Pflaster verteilte.

Das Schrecklichste kommt noch“, sagte der alte Mann aus dem Dunkel, wo er allein mit seinem Schmerz saß. Und er fuhr fort:

Es war wieder in der Weihnachtswoche, und ich war dreizehn, als mein Hund Bo mir weggerannt und drei Tage fortgeblieben ist. Ich liebte ihn mehr als mein Leben. Er war ein besonderer Hund, so schön und treu. Und plötzlich war er fort, und alle Schönheit mit ihm. Ich habe gewartet. Ich habe geweint und gewartet und gebetet, ich habe innerlich geschrien. Er würde nie, nie mehr wiederkommen, das wußte ich ! Und siehe da, in der Heiligen Nacht, als es schneite und Schneematsch auf den Straßen lag und Eiszapfen von den Dächern hingen, da vernahm ich morgens um zwei ein Geräusch im Schlaf und erwachte davon, und dann hörte ich ihn an der Tür kratzen ! Fast hätte ich mir das Genick gebrochen, so schnell war ich aus dem Bett. Ich riß die Tür auf, und da stand mein Köter, bibbernd und aufgeregt und völlig verdreckt. Mit einem Schrei habe ich ihn ins Haus gerissen, die Tür zugeschlagen, mich auf die Knie geworfen und ihn weinend umarmt. Welch ein Geschenk ! Ich rief seinen Namen, immer wieder, und er weinte und jaulte und winselte mit mir vor Freude. Und plötzlich war es aus. Wissen Sie, was ich getan habe ? Können Sie sich das Entsetzliche vorstellen ? Ich habe ihn verprügelt. Ja, verprügelt. Mit Fäusten. Händen, Fäusten, Händen, und angeschrien habe ich ihn: ‘Was fällt dir ein, mich zu verlassen, wie konntest du weglaufen, wie kannst du mir das antun, wie konntest du nur, wie konntest du ?!‘

Und ich habe ihn geprügelt, und geschluchzt, und geprügelt, bis ich nicht mehr konnte, weil ich sah, was ich getan hatte, und er stand nur da und ließ sich alles gefallen, als wüßte er, daß er es verdient hatte, denn er hatte mich enttäuscht, und jetzt enttäuschte ich ihn, und da ließ ich von ihm ab, in Tränen aufgelöst und halb erstickt, und packte ihn wieder und drückte ihn an mich, aber jetzt rief ich: ‘Verzeih mir, Bo, bitte vergib mit ! Ich habe es nicht gewollt. Bitte, Bo, verzeih …‘

Aber, Hochwürden, er konnte mir doch nicht vergeben ! Wer war er denn ? Ein Tier nur, ein Hund, mein Liebling. Und er hat mich mit großen dunklen Augen angesehen, daß es mir das Herz verschloß, und verschlossen ist es bis heute geblieben vor Scham. Ich konnte mir nicht vergeben ! All die Jahre, immer wieder die Erinnerung an meinen Liebling und wie ich ihn enttäuscht habe, und jeden Heiligabend kommt seitdem sein Geist wieder, das ganze Jahr sonst nicht, aber jeden Heiligabend sehe ich wieder den Hund, höre die Schläge und weiß, wie ich mich versündigt habe. O Gott !“

Und schluchzend verstummte der Mann.

Endlich wagte der Pfarrer das Wort an ihn zu richten: „Und darum sind Sie jetzt hier ?“

Ja, Hochwürden. Ist es nicht schlimm, ist es nicht furchtbar ?“

Der Pfarrer konnte nicht antworten, weil auch ihm die Tränen übers Gesicht liefen und aus unerklärlichen Gründen der Atem stockte.

Werden Sie mir vergeben, Hochwürden ?“ fragte der andere.

Ja.“

Wirst du mir vergeben, Vater ?“

Ja. Aber ich will dir zuerst etwas sagen, mein Sohn. Mir ist es auch so ergangen, als ich zehn war. Meinen Eltern - natürlich. Aber dann - dann ist mein Hund, die Liebe meines Lebens, mir weggelaufen, hat mich einfach verlassen, und ich habe ihn gehaßt dafür, und als er wiederkam, habe ich ihn genauso geherzt und geprügelt und wieder geherzt. Das habe ich bis heute abend noch niemandem erzählt. All die Jahre habe ich die Schmach für mich behalten. Ich habe meinem Beichtvater immer alles gesagt. Aber das nie. Und darum -“

Stille.

Und darum, Vater ?“

Ach Gott, ach Gott, guter Mann ! Der Herr wird uns vergeben. Schließlich haben wir es bekannt, es ausgesprochen. Und ich, auch ich will dir vergeben. Aber anschließend -“

Der alte Pfarrer konnte nicht weitersprechen, denn die Tränen strömten ihm jetzt nur so übers Gesicht.

Der Fremde auf der anderen Seite ahnte es wohl und fragte sehr bedächtig: „ Soll ich dir vergeben, Vater ?“

Der Priester nickte stumm. Vielleicht fühlte der andere den Schatten des Nickens, denn er sagte rasch: “Nun denn - es ist vergeben.“

Sie saßen beide noch eine ganze Weile im Dunkeln, und wieder erschien ein Gespenst in der Tür und zerfiel zu Schnee und verwehte.

Bevor Sie gehen“, sagte der Priester, „kommen Sie noch auf ein Glas Wein zu mir ?“

Die große Uhr auf dem Platz vor der Kirche schlug Mitternacht.

Es ist Weihnachten, Vater“, sagte die Stimme hinter der Wand.

Die schönste Weihnacht aller Zeiten, glaube ich.“

Die schönste.“

Der alte Priester stand auf und verließ den Beichtstuhl.

Er wartete kurz, ob sich auch auf der anderen Seite etwas bewegte.

Nichts zu hören.

Der alte Priester runzelte die Stirn, griff nach der Tür und öffnete sie, um in den Beichtstuhl zu sehen.

Nichts und niemand war darin.

Er riß den Mund auf. Schnee wehte ihm über den Nacken.

Er streckte die Hand aus und tastete in die Dunkelheit.

Der Beichtstuhl war leer. Im Umdrehen starrte er zur Kirchentür, dann lief er hin und sah hinaus.

Schnee dämpfte die Schläge der fernen Uhren, die spät die Stunde verkündeten. Die Straßen waren menschenleer.

Als er sich wieder umdrehte, sah er den hohen Spiegel im Kircheneingang.

In dem kalten Glas spiegelte sich ein alter Mann, er selbst.

Fast ohne nachzudenken, hob er die Hand zum Segen. Das Spiegelbild tat es ihm gleich.

Da wischte der Pfarrer sich über die Augen, drehte sich noch ein letztes Mal um und ging den Wein holen.

Und draußen war Weihnachten, und Schnee, überall.



Gelesen in :

Ray Bradbury

Die Laurel & Hardy-Liebesgeschichte

und andere Erzählungen

Diogenes Taschenbuch 22478

ISBN 3-257-22478-8