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Der Pazifist

Mack Reynolds

Der Pazifist



Es war eine andere Zeit, ein anderer Raum, ein anderes Kontinuum.


»He, du da! Junge! Du bist doch Fredric McGivern, nicht wahr?«

Der Junge blieb stehen und runzelte erstaunt die Stirn. »Ja, Sir.« Er war etwa neun Jahre alt. Er wirkte ein wenig dick, vor allem im Gesicht.

»Komm her, mein Sohn, ich soll dich abholen«, sagte Warren Casey.

Der Junge sah einen Mann von Mitte Vierzig vor sich, dessen Gesicht trotz einer gewissen Müdigkeit Energie ausstrahlte.

Er trug eine Uniform, die der Junge McGivern nicht kannte, ihn aber irgendwie beruhigte.

»Meinen Sie mich, Sir?« fragte der Junge. »Sie sollen mich abholen?«

»Stimmt genau. Steig ein, dann werde ich dir alles erklären.«

»Aber mein Vater hat gesagt ...«

»Dein Vater hat mich ja selbst geschickt. Senator McGivern. Jetzt komm aber schnell, sonst ist er böse.«

»Stimmt das auch?« Noch immer zweifelnd, kletterte Fredric McGivern in den Heliowagen. Nach wenigen Sekunden hatte dieser sich auf die zweite Ebene erhoben, dann auf die erste, und raste gegen Südwesten davon.

Erst eine Stunde später entdeckte man die Entführung.

Warren Casey ging nieder, stürzte sich mit einem Satz durch zwei Ebenen und brachte den Heliowagen so sanft herunter, daß das Aufsetzen auf der Garage kaum zu verspüren war.

Mit der linken Hand betätigte er einen Schalter, während er mit der rechten eine schon ziemlich abgenutzte Pfeife aus der Jacke zog. Während der Garagenfahrstuhl nach unten sank, stopfte er die alte Bruyere mit Tabak aus einem gleichfalls uralten Tabaksbeutel.

Mary Baca wartete bereits in der Garage. Obgleich sie den Jungen sah, fragte sie nervös: »Hast du ihn?«

»Ja«, antwortete Casey. »Ich habe ihm eine Spritze gegeben. Er wird wohl erst in einer halben Stunde wieder zu sich kommen. Mach bitte weiter, ja?«

Voller Bitterkeit blickte die Schwester auf die zusammengekrümmte Gestalt. »Es durfte nicht sein Vater sein, was? Wir mußten ausgerechnet ein Kind entführen.«

Casey warf ihr einen kurzen Blick zu, während er seine Pfeife ansteckte. »Der Plan wurde gut durchdacht, Mary.«

»Natürlich.«, sagte sie. Ihre Stimme wurde hart. »Ich werde ihn in die Zelle hinter der Rumpelkammer stecken.«

Casey ging in das Zimmer, das ihm zugewiesen worden war, und zog die Uniform aus. Dann duschte er sich sorgfältig, schabte ein Drittel der Haare von seinem Kopf und spülte die Farbe aus den ihm noch verbliebenen. Als er das Bad verließ, war er zwar nur wenig erfrischt, aber um einige Jahre älter.

Er zog einen billigen Anzug an, der nicht besonders gut gebügelt und an einigen Stellen schon ziemlich abgetragen war. Sein Hemd war nicht sauber, als trüge er es schon den zweiten Tag, und auf seinem Schlips war ein Fettfleck.

Er nahm einen automatischen Schreibstift vom Tisch und steckte ihn in die Brusttasche des Anzugs, in die Seitentasche stopfte er ein dickes Notizbuch. Einen Augenblick sah er auf die Pistole, dann verzog er das Gesicht zu einer Grimasse und ging aus dem Zimmer. Er verließ das Haus durch die Vordertür und schlenderte zur Rolltreppe der Metro.

Vom nächstgelegenen Metroausgang bis zu Senator McGiverns Haus war es etwa eine Viertelmeile, und Warren Casey ging die Strecke zu Fuß. Als er ankam, trug er eint Art zynischer Langeweile zur Schau. Er machte sich nicht einmal die Mühe, die Person, die ihm die Tür öffnete, anzusehen.

»Jakes«, sagte er. »Vom H.N.S., Senator McGivern erwartet mich.«

»H.N.S.?« fragte der Butler steif.

»Hemisphere News Hemisphere News Servie.« Warren Casey gähnte. »Himmel, wollen wir den ganzen Tag hier rumstehen? Hab' noch was anderes zu tun.«

»Treten Sie bitte ein, Sir. Ich werde nachsehen.« Der Diener drehte sich um und ging den Gang entlang.

Casey steckte ihm einen Finger in den Rücken. Mit eisiger Stimme sagte er: »Regen Sie sich nicht auf, dann passiert Ihnen vielleicht nichts. Bringen Sie mich zum Senator. Machen Sie keine Bewegung, die mich veranlassen könnte, abzudrücken.«

Das Gesicht des Butlers wurde aschfahl. »Der Senator ist in seinem Arbeitszimmer. Ich warne Sie ... Sir ... die Polizei wird sofort benachrichtigt werden.«

»Aber natürlich, Mac. Und jetzt wollen wir ins Arbeitszimmer gehen.«

»Es ist direkt dort drüben ... Sir.«

»Schön«, sagte Casey. »Und was ist das da, unter der Treppe?«

»Das, oh, das ist die Besenkammer.«

Casey ließ die flache Hand auf ihn niedersausen. Der Diener sackte zusammen, und Casey packte ihn, noch bevor er zu Boden fiel, schleifte ihn zu der Besenkammer und stieß ihn hinein. Mit einem schnellen Griff zog er eine Syrette aus der Westentasche. »Das wird dich für ein paar Stunden außer Gefecht setzen«, murmelte er und schloß die Tür.

Dann ging er auf die schwere Tür zu, auf die der Butler gezeigt hatte, und klopfte. Sie öffnete sich sofort; vor ihm stand ein junger Mann mit einer von seiner Wichtigkeit überzeugten Miene. Er runzelte die Stirn. »Ja, bitte?« fragte er.

»Steve Jekes von den Hemisphere New«, sagte Warren Casey. »Der Chef schickt mich ...« Während er sprach, ging ' er an dem anderen vorbei in das Zimmer.

Hinter dem Schreibtisch saß eine ältere Ausgabe des neunjährigen Fredric McGivern. Ein Fredric McGivern von vielleicht fünfzig Jahren, dessen jungenhafte, dicke Backen jetzt wie schwere Säcke herunterhingen.

»Was soll das?« fragte er unwillig.

Casey trat noch weiter in das Zimmer. »Jakes, Senator. Mein Chef schickt mich ...«

Senator Phil McGivern war nicht dumm, vor allem besaß er eine schnelle Kombinationsfähigkeit. Er sprang auf die Füße. »Halten Sie ihn fest, Walters!« schrie er. »Er ist ein Schwindler!« Er beugte sich nach vorn, um eine Schublade aufzuziehen.

Walters bewegte sich, aber nicht schnell genug.

Warren Casey kam ihm zuvor. Er packte den Sekretär an den Aufschlügen seines eleganten Anzugs. Er schob eine Hüfte vor, drehte sich schnell herum, so daß er dem anderen halb seinen Rücken zuwandte. Dann riß er den jungen Mann hoch und warf ihn mit einem heftigen Ruck auf den Rücken.

Casey machte sich nicht die Mühe, zu Boden zu blicken. Er steckte die eine Hand in die Seitentasche, bohrte den ausgestreckten Finger durch den Stoff und richtete ihn auf McGivern.

Das normalerweise rötliche Gesicht des anderen verlor jede Farbe. Er ließ sich in den Stuhl fallen.

Warren Casey ging um den Tisch herum und zog den Revolver hervor, nach dem der andere in der Schublade gesucht hatte. Er erlaubte sich ein verächtliches Lachen, bevor er ihn sorglos in die Tasche steckte.

Senator Phil McGivern war kein Feigling. Von unten herauf blickte er Warren Casey lauernd an. »Sie sind in mein Haus eingedrungen - Verbrecher«, sagte er. »Sie haben meinen Sekretär überfallen und mich mit einer tödlichen Waffe bedroht. Sie werden Glück haben, wenn Sie nicht mehr als zwanzig Jahre bekommen.«

Casey ließ sich so auf einem Stuhl nieder, daß er McGivern und seinen noch bewußtlosen Assistenten im Auge behielt. »Ich repräsentiere die Pazifisten, Senator«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme. »Vor ungefähr einer Stunde wurde Ihr Sohn entführt. Sie sind einer der wichtigsten Männer, die wir auf unserer Liste haben. Sie können sich ja denken, was das bedeutet.«

»Fredric! Sie wollen einen neunjährigen Jungen töten!«

Caseys Stimme war ruhig. »Ich habe schon viele neunjährige Jungen getötet, Senator.«

»Sie sind ein Ungeheuer!«

»Ich war Pilot in einem Bomber, Senator.«

Der andere, der sich halb vom Stuhl erhoben hatte, ließ sich wieder zurückfallen. »Das ist etwas anderes.«

»Für mich nicht.«

Während seiner harten Laufbahn hatte sich Phil McGivern schon vielen gefährlichen Situationen gegenübergesehen. Er richtete sich wieder etwas auf. »Was wollen Sie - Verbrecher? Ich warne Sie, ich bin kein sehr rücksichtsvoller Mann. Dafür werden Sie mir zahlen, Mister ...«

»Nennen Sie mich einfach Jakes, wenn Sie wollen«, sagte Casey ruhig. »Ich bin nicht wichtig. Nur ein Mitglied einer weit verbreiteten Organisation.«

»Was wünschen Sie?« fuhr ihn der Senator an.

»Was wissen Sie über die Pazifisten, McGivern?«

»Ich weiß, daß sie eine Bande bösartiger Verbrecher sind!«

Casey nickte zustimmend. »Das kommt ganz darauf an, nach welchen Gesichtspunkten Sie es beurteilen. Wir lehnen die Ihren ab.«

»Was wollen Sie?« wiederholte der Senator.

»Es hat sich als notwendig erwiesen«, fuhr Casey mit ruhiger Stimme fort, »daß unsere Organisation im geheimen arbeitet; allerdings gehören ihr einige der fähigsten Gehirne der Welt an, fast aus jedem Wissensgebiet, selbst Mitglieder der Regierungen beider Hemisphären.«

Phil McGivern stieß ein verächtliches Lachen aus.

Casey fuhr fort, während er einen kurzen Blick zu Walters warf, der noch immer auf dem Boden lag, sich jetzt aber leicht bewegte. »Unter uns sind Männer, die fähig sind, die Entwicklungen der Weltpolitik abzuschätzen. Durch Extramanipulationen sind sie darauf gekommen, daß Ihre Politik innerhalb der nächsten drei Jahre zu einem Nuklearkrieg führen wird.«

Dem anderen stieg die Zornesröte ins Gesicht, er mußte sich anstrengen, um seine Stimme zu beherrschen. »Spione! Subversive Kräfte! Geben Sie sich keiner Täuschung hin, Jakes - wie Sie sich nennen. Wir wissen genau, daß Sie nichts sind als ein Mittel für die Polarianer.«

Der Pazifist lachte bitter in sich hinein. »Das sollten Sie, besser wiesen, Senator. Unsere Organisation ist in der nördlichen Hemisphäre genauso aktiv wie hier.« Plötzlich sprang er auf die Füße und beugte sich über Walters, der sich bewegt hatte. Seine Hand holte aus und versetzte dem anderen einen Schlag gegen die Kieferknochen. Ohne einen Ton von sich zu geben, verlor der Sekretär von neuem das Bewußtsein.

Warren Casey ging wieder zu seinem Stuhl. »Unsere Experten sind der Meinung, daß Sie sich aus der Politik zurück ziehen sollten, Senator McGivern. Ich schlage vor, Sie reichen innerhalb einer Woche Ihr Rücktrittsgesuch ein.«

Der Senator zuckte zusammen; dann blieb er nachdenklich sitzen. »Und Fredric?« fragte er schließlich.

Casey zuckte die Achseln. »Sobald Sie unsere Bedingung erfüllt haben, wird er frei sein.«

Der Senator zog die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen. »Woher wollen Sie wissen, daß ich mein Versprechen auch halte? Ein Vertrag, der unter Zwang entstanden ist, ist ungültig.«

»Daß wir Fredric jetzt in unseren Händen haben, ist nur ein nebensächlicher Punkt«, antwortete Casey ungeduldig. »Das haben wir nur getan, um unsere Forderungen zu bekräftigen, Senator. Wir haben Ihr Leben sorgfaltig geprüft. Sie haben eine Frau; die Sie ganz gern mögen, und eine Geliebte, die Sie lieben. Sie besitzen drei erwachsene Kinder von Ihrer ersten Frau, dann vier Enkelkinder. Von Ihrer zweiten Frau haben Sie zwei Kinder, Fredric und Jenny. Außerdem haben Sie einen Onkel und zwei Tanten und fünf Cousins ersten Grades. Als Politiker besitzen Sie viele oberflächliche Freunde, die wir aus dem Spiel lassen werden, aber außer denen existieren noch ungefähr dreißig Personen, die Ihnen viel bedeuten.«

McGivern begann sich an diese absonderliche und ungewöhnliche Unterhaltung anzupassen. »Was hat all dies damit zu tun?« brummte er.

Warren Casey blickte ihm in die Augen. »Wir werden sie töten, einen nach dem anderen. Ein Schuß aus sicherer Entfernung mit einem Tele-Gewehr. Durch Explosion mit Bomben. Mit Maschinengewehren, wenn sie, sagen wir, die Stufen ihres Hauses hinabgehen.«

»Sie sind wahnsinnig! Die Polizei. Die ...«

Casey fuhr fort, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Wir haben keine Eile. Einige Ihrer Kinder, Ihrer Verwandten, Ihrer Freunde, Ihre Geliebte vielleicht, können sich aus Angst verstecken. Aber es gibt kein Versteck für sie - nirgends auf der ganzen Welt. Unsere Organisation hat es nicht eilig, und wir haben gute Quellen und Mittel. Vielleicht werden einige von uns im Verlauf dieses Auftrags gefangen oder getötet werden. Das hat nichts zu bedeuten. Wir tun unsere Arbeit freiwillig. Wir werden für nichts anderes leben, als die Menschen zu töten, die Sie lieben. Wenn alle erledigt sind, werden wir Sie töten. Glauben Sie mir, das wird gerade so aussehen, als würden Sie uns leid tun. All Ihre Freunde, alle, die Sie lieben, Ihre engste Verwandtschaft, alle werden sie tot sein.

Wir werden töten, töten, töten - aber alles in allem werden es weniger als hundert Menschen sein. Es werden nicht Tausende und Millionen sein. Nur Ihre engsten Freunde, Ihre Verwandten, Ihre Kinder, und am Ende Sie selbst. Am Ende, Senator, werden Sie eine Ahnung haben, was Krieg bedeutet.«

Als er geendet hatte, taumelte Phil McGivern im Stuhl zurück, als hätte ihn jemand tätlich angegriffen. Mit heiserer Stimme wiederholte er seine früheren Worte: »Sie sind wahnsinnig.«

Warren Casey schüttelte den Kopf. »Nein, in Wirklichkeit sind Sie es, Sie und alle, die wie Sie denken, sind wahnsinnig. Eingehüllt in Ihre Positionen der Macht, in Ihrer Gier nach Reichtum, in dem Haltenwollen Ihrer Privilegien würden Sie uns in eine Lage bringen, die uns alle vernichten wird. Sie sind diejenigen, die wahnsinnig sind.«

Der Agent der Pazifisten lehnte sich vor. »Schon immer in der Geschichte hat es Pazifisten gegeben, Senator. Aber nie solche Pazifisten, wie wir es sind. Früher hat man sie ausgelacht und in Friedenszeiten Witze über sie gerissen; in Kriegszeiten hat man sie eingesperrt oder noch Schlimmeres mit ihnen getan.«

»Feiglinge«, murmelte Senator McGivern verächtlich.

Casey schüttelte den Kopf und lachte. »Niemals, Senator. Suchen Sie bei den Pazifisten und Kriegsdienstverweigerern niemals nach Feiglingen. Es kostet Mut, gegen den Strom der öffentlichen Meinung anzuschwimmen. Ein Feigling kommt meistens besser voran und ist auch sicherer. Im modernen Krieg, wenigstens bis zur Ankündigung des nuklearen Konflikts, sieht nur ein ganz geringer Teil der Soldaten wirklich die Schlacht. Die anderen betätigen sich in der Logistik, in tausend verschiedenen Arbeitsgebieten hinter der Kampflinie. Einer von zwanzig steht vielleicht einmal dem Feind gegenüber.«

»Ihre Philosophie interessiert mich nicht, Verbrecher«, fuhr ihn McGivern an. »Kommen Sie zur Sache. Ich will meinen Sohn zurückhaben.«

»Ich halte mich an Tatsachen, Senator. Heutzutage sind wir Pazifisten realistisch. Wir sind gewöhnt zu kämpfen, zu töten und zu sterben, um den Krieg zu verhindern. Einzellleben interessieren uns nicht, wir sind der Meinung, daß ein weiterer Krieg unsere gesamte Rasse vernichten wird, und um das zu verhindern, um die Menschheit zu retten, würden wir praktisch alles tun.«

McGivern schlug mit der Faust auf die Lehne seines Sessels. »Sie Narr! Die nördliche Hemisphäre will die ganze Welt beherrschen. Wir müssen uns verteidigen!«

Wieder schüttelte der Pazifist den Kopf. »Wir kümmern uns nicht darum, wer recht oder unrecht hat - ob die eine oder die andere Seite. Einmal ist ein Punkt erreicht, an dem das bedeutungslos wird. Unsere Kameraden arbeiten auch bei den Polarianern, genauso wie wir in der südlichen Hemisphäre tätig sind. Auf der anderen Seite gibt es genau solche Leute wie Sie, die uns dem Tod entgegenführen, indem sie einen Krieg vorbereiten.«

Warren Casey stand auf. »Wir geben Ihnen eine Woche, um sich von Ihrem Posten zurückzuziehen, Senator. Wenn Sie das nicht tun, werden Sie Ihren Sohn Fredric niemals wiedersehen. Aber von da an werden Sie nach und nach vom Tod all Ihrer Verwandten und Freunde hören.«

Der Pazifist lief um den Schreibtisch herum, und der ältere Mann, der zu entkommen versuchte, stieß seinen Stuhl zurück und wollte aufspringen. Aber er war nicht - schnell genug. Warren Casey beugte sich über ihn und stieß eine Syrette in den Nacken des anderen.

Senator Phil McGivern stieß eine Verwünschung aus, sackte in die Knie und versuchte noch einmal, sich aufzurichten. Aber er schaffte es nicht. Seine Augen wurden glasig, dann fiel er bewußtlos zu Boden.

Warren Casey beugte sich noch einmal über Walters, den Sekretär, entschied aber, daß dieser noch für eine Zeitlang sicher ohne Bewußtsein sein würde. Dann warf er einen kurzen Blick durch das Zimmer. Was hatte er berührt? Hatte er irgend etwas zurückgelassen?

Eilig verließ er das Zimmer, ging denselben Gang zurück, durch den ihn der Butler vor fünfzehn Minuten geführt hatte, und verließ das Haus durch die Vordertür.

Vor einem alten, aber gut erhaltenen Haus verließ er das Taxi, warf ein paar Münzen in den Zahlschlitz und sah zu, wie der Wagen sich in den Verkehr eingliederte und davon fuhr.

Dann ging er zur Tür und identifizierte sich am Bildschirm. Die Tür öffnete sich, und er trat ein. Eine junge Frau, deren Gesicht so ernst war, daß ihre

natürliche Schönheit fast verborgen blieb, saß am Empfangstisch.

Sie stand auf und begleitete ihn zum Konferenzsaal. Am Tisch saßen drei Männer, alle trugen Masken.

Casey fühlte sich durch ihre Gegenwart nicht gehemmte Er zog einen Stuhl heran und ließ sich ihnen gegenüber nieder. Das Mädchen ergriff einen Notizblock.

Der Vorsitzende, der in der Mitte saß, fragte: »Wie ist es mit der McGivern-Sache gegangen, Casey?«

»Wie geplant. Der Junge machte keine Schwierigkeiten. Er befindet sich im Versteck, unter der Aufsicht von Mary Baca.«

»Und der Senator?«

»Wie erwartet. Ich habe ihn gewarnt.«

»Und der Sekretär. Walters? Wurde er beseitigt?«

»Nein, nicht direkt. Ich ließ ihn bewußtlos zurück.«

Schweigen folgte seinen Worten.

Einer der maskierten Männer sagte: »Es war geplant, den Sekretär auszulöschen, um den Senator von der Ernsthaftigkeit unserer Drohung zu überzeugen.«

Caseys Stimme blieb ruhig. »Es erschien mir zweckdienlicher, so zu handeln, wie ich es getan habe.«

»Also gut«, sagte der Vorsitzende. »Sie haben weitgehende Vollmachten. Niemand kann voraussehen, wie sich eine Operation entwickelt, wenn sie einmal läuft.«

Warren Casey schwieg.

Der eine der Männer seufzte. »Aber wir hatten gehofft, daß der Anblick eines brutalen Mordes, direkt vor seinen Augen, Phil McGivern so schockieren würde, daß er seinen Rücktritt sofort einreicht. Wie es aber jetzt steht, falls wir seinen Charakter richtig beurteilen, müssen wir froh sein, wenn er kapituliert, nachdem mehrere seiner Freunde haben dranglauben müssen.«

»Er wird niemals kapitulieren, ganz gleich, was wir tun«, entgegnete Casey müde. »Er gehört zu den ganz Sturen.«

Der dritte der Männer, der bis jetzt noch nichts gesagt hatte, bemerkte nachdenklich: »Vielleicht wäre seine sofortige Ermordung das beste.«

Der Vorsitzende schüttelte den Kopf. »Nein. Wir haben das alles wohl bedacht. Wir wollen McGivern als ein Exempel hinstellen. Später, wenn wir uns mit ähnlichen Dingen befassen, werden unsere Leute sein Schicksal als Drohung benutzen können. Wir werden so weitermachen, wie es geplant ist.« Er blickte Casey an. »Wir haben für Sie einen anderen Auftrag,«

Mit ausdruckslosem Gesicht lehnte sich Warren Casey im Stuhl zurück. »Schön«, sagte er.

Der eine der Männer ergriff ein Auftragsformular. »Es ist etwas Besonderes. Etwa zwanzig Agenten sind darin verwickelt« Er räusperte sich. »Während des Krieges waren Sie Jagdflieger, nicht wahr?«

»Ja, ein Jahr lang. Ich wurde zweimal abgeschossen, und danach wurde ich den mittleren Bombern zugeteilt«, antwortete Casey.

»Wir hörten, daß Sie die Y-36 G geflogen sind.«

»Jawohl.« Casey war neugierig, worauf er hinauswollte.

»In zwei Wochen beschließt die erste Klasse der Raumakademie ihre Ausbildung«, sagte der maskierte Mann, »Bis jetzt waren die Kriegsmittel auf das Land, die See und die Luft beschränkt. Mit dieser Ausbildung aber wird ein nettes militärisches Feld erschlossen.«

»Ich habe davon gelesen«, sagte Casey.

»Die Abschlußfeier wird ganz groß aufgezogen. Die Klas­se ist nur sehr klein, ungefähr fünfundsiebzig Leute, aber schon jetzt erweitert sich die Schule. Bei den Feierlichkeiten werden alle anderen Disziplinen zugegen sein.«

Warren Casey wünschte, daß der andere schnell zur Sache käme.

Wir wollen die Gelegenheit benutzen, um auf höchst dramatische Weise gegen die militärischen Vorbereitungen zu protestieren, fuhr der andere fort. »Etwas, das der ganzen Nation einen Schock versetzt, und jedem, der etwas mit Waffen zu tun hat, Furcht einflößt.«

»Die Luftwaffe wird die Gelegenheit benutzen, eine große Show abzuziehen«, fuhr der Vorsitzende fort. »Ein Geschwader vom Typ Y-36 G wird über das Podium brausen, auf dem die Abschlußschüler sitzen, um auf ihre Ernennung zu warten.«

Casey begann zu ahnen, was kommen würde.

»Sie werden eine der Y-j6 Gs fliegen«, sagte der Vorsitzende. Sein nächster Satz kam langsam und deutlich. »Und Ihr Flugzeug wird das einzige im ganzen Geschwader sein, das voll bewaffnet ist.«

Ohne Erregung sagte Warren Casey; »Ich nehme an, ich soll geopfert werden.«

Der Vorsitzende machte eine verneinende Handbewegung.. »Nein. Wir haben Pläne für Ihre Flucht. Sie greifen nur einmal an, wobei ihr Ziel die Schüler sind. Dann fliegen Sie., mit voller Geschwindigkeit nach Norden ...«

Casey unterbrach ihn hastig. »Bitte, sprechen Sie nicht weiter. Ich glaube nicht, daß ich diesen Auftrag annehmen kann.«

Der Vorsitzende war sichtlich erstaunt. »Aber warum nicht, Warren? Sie sind eines unserer ältesten Mitglieder und ein erfahrener Pilot.«

Casey schüttelte den Kopf. »Ich habe persönliche Gründe. Niemand von uns ist gezwungen, einen Auftrag anzunehmen, den er nicht ausfuhren möchte. Diesen kann ich leider nicht erfüllen, und ich bitte Sie, mir nicht mehr darüber zu sagen. Dann besteht nicht die Gefahr, daß ich unter Zwang etwas darüber aussagen kann.«

»Also gut«, antwortete der Vorsitzende, mit harter Stimme. »Möchten Sie Ferien machen, wollen Sie sich erholen und eine Zeitlang keinen Auftrag übernehmen?«

»Nein. Ich möchte einfach einen anderen.«

Einer der maskierten Männer griff ein anderes Blatt Papier. »Die Sache mit Professor Leonhard LaVaux«, sagte er.


Professor Leonhard LaVaux wohnte in einem kleinen Bungalow in einem Teil der Stadt, der nie den Anspruch erhoben hatte, mehr als Mittelklasse zu sein. Der Rasen hätte ein wenig mehr Pflege nötig gehabt, die Rosen hätten geschnitten werden müssen, aber im übrigen wirkte das kleine Grundstück sehr nett und anheimelnd.

Warren Casey hatte eine seiner von ihm bevorzugten Verkleidungen angelegt, die eines Zeitungsreporters. Diesmal trug er eine Pressekamera an einem Riemen über der Schulter. Dazu eine Ledertasche. Er klopfte, lehnte sich gegen die Türfüllung und blickte gewollt gelangweilt um sich.

Professor LaVaux sah genauso aus, wie man sich einen Gelehrten vorstellt. Jeder Filmproduzent hätte ihn sofort für eine solche Rolle engagiert. Durch seine Brille mit Bifocalgläsern blickte er den Pseudojournalisten prüfend an.

»Ich komme vom Star, Professor«, sagte Casey. »Ich soll ein paar Aufnahmen machen.«

Der Professor war erstaunt. »Fotos? Aber ich wüßte keinen Grund, weshalb ich in die Zeitung kommen sollte.«

»Sie wissen ja, wie es ist«, antwortete Casey. Manchmal erscheint Ihr Name in den Nachrichten. Wir hätten gern etwas bei der Hand, das wir jederzeit bringen können. Der Redakteur möchte ein paar Aufnahmen aus Ihrem Arbeitszimmer. Sie wissen schon, wie Sie gerade ein Buch lesen oder so.«

»Ach so«, sagte der Professor. »Ja ja, natürlich. Wie ich ein Buch lese? Was für ein Buch? Kommen Sie herein, junger Mann.«

»Das ist mir ganz gleich«, bemerkte Casey mit journalistischem Zynismus. »Meinetwegen den Struwwelpeter, wenn es sein muß.«

»Natürlich, wie dumm von mir«, erwiderte der Professor. »Der Leser wird den Titel kaum erkennen können.«

Das Arbeitszimmer des Professors war eine richtige Junggesellenbehausung. Überall lagen Bücherstapel herum, Pfeifen, eine tragbare Bar, zwei oder drei wirklich bequeme Sessel und eine Couch, auf die man sich werfen konnte, ohne die Schuhe ausziehen zu müssen.

LaVaux ließ sich in einem der Sessel nieder und bot dem Fotografen einen anderen an. »Also«, sagte er. »Was soll ich tun?«

Casey blickte sich forschend im Zimmer um. »Wohnen Sie hier ganz allein?« fragte er, als wollte er nur die Unterhaltung aufrechterhalten, während er die Aufnahme vorbereitete»

»Ich habe eine Haushälterin«, antwortete der Professor.

»Vielleicht könnten wir sie auch mit auf eins der Bilder bringen.«

»Leider ist sie gerade nicht hier. Sie hat heute ihren freien Tag.«

Casey ließ sich in dem Sessel nieder, den der andere ihm angeboten hatte. Der Ton seiner Stimme änderte sich plötzlich. »Dann können wir ja sofort zum Geschäft kommen«, sagte er.

Der Professor blickte ihn erstaunt an. »Wie bitte?«

»Sie haben sicher von den Pazifisten gehört, Professor?« fragte Warren Casey.

»Wieso ... ja, natürlich. Eine illegale Untergrundbewegung. Eine böswillige und verbrecherische Gesellschaft, so hört man jedenfalls, obgleich ich eigentlich annehme, daß die Zeitungen immer übertreiben.«

»Ich glaube, in diesem Fall irren Sie sich«, antwortete Casey.

»Wieso meinen Sie das?« ,

»Ich bin ein Pazifist, Professor LaVaux, und ich bin hierhergeschickt worden, um Sie zu warnen, geben Sie Ihre gegenwärtigen Forschungen auf, sonst ist Ihr Leben in Gefahr.«

Der andere hielt den Atem an, unfähig, sich der völligen Veränderung der Situation sofort anzupassen.

» Anscheinend sind Sie sich über unsere Organisation nicht ganz im klaren, Professor«, fuhr Warren Casey fort »Ich werde Sie etwas aufklären. Unser Bestreben ist es, diesen Planeten vor weiteren Kriegen zu bewahren. Um dieses erreichen, bedienen wir uns aller möglichen Mittel. Wir sind rücksichtslos, Professor. Ich bin nicht daran interessiert, Sie umzustimmen, sondern ich habe Sie nur darüber zu informieren, daß Sie ein toter Mann sind, falls Sie Ihre gegenwärtigen Forschungen nicht sofort aufgeben.«

Der Professor protestierte. »Aber so bedenken Sie doch, was Sie verlangen. Ich bin Wissenschaftler, kein Politiker. Ich betreibe reine Forschungsarbeit. Was die Ingenieure, die Militärs und die Regierungen mit meinen Entdeckungen tun, geht mich nichts an.«

»Das ist richtig«, nickte Casey zustimmend. »Bis jetzt haben Sie, wie so viele Ihrer Kollegen, nie bedacht, was die Ergebnisse Ihrer Forschung anrichten könnten. Von jetzt ab werden Sie das tun müssen, Professor, oder wir werden Sie töten. Sie haben eine Woche Zeit, um Ihren Entschluß zu fassen.«

»Die Regierung wird mich beschützen.«

Casey schüttelte den Kopf. »Nein, Professor, das wird sie nicht. Vielleicht für eine bestimmte Zeit, falls sie hundert Sicherheitsbeamte dafür einsetzt. Aber wenn Sie die Geschichte zurückverfolgen, so werden Sie sehen, daß es stets gelungen ist, jede noch so gut beschützte Person zu beseitigen, falls irgendeine Gruppe sich dies ernsthaft vorgenommen hatte.«

»Das war vielleicht früher so«, antwortete der Professor. »Heute, in unserer modernen Zeit, ist das etwas völlig anderes.«

Casey schüttelte den Kopf. »Ich will Ihnen nur ein einziges Werkzeug zeigen, dessen wir uns bedienen.« Er hob die Kamera auf und entfernte die Rückseite. »Sehen Sie diese kleine Vorrichtung hier? Es ist ein kleines Federgeschoß, das eine winzige Injektionsnadel hervorschießt, und zwar dorthinaus, wo die Linse dieser falschen Kamera sein sollte. Diese Nadel ist so winzig, daß Sie nicht mehr als einen Moskitobiß spüren würden, wenn sie in Ihren Nacken, Ihre Hand, Ihren Bauch eindringen würde.«

Der Professor war so beeindruckt, daß er seine Furcht vergaß. Er lehnte sich vor, um sich die Vorrichtung genauer anzusehen.

»Erstaunlich«, sagte er. »Und Sie haben dies schon erfolgreich angewandt?«

»Andere Männer unserer Organisation haben es getan. Ea gibt wenige, besonders unter den Politikern, die einem Pressefotografen entrinnen. Diese Kamera ist nur eins unserer vielen Requisiten, und mit ihm fällt es einem Mörder nicht schwer, in die Nähe seines Opfers zu gelangen.«

Bewundernd schüttelte der Professor den Kopf. »Höchst erstaunlich«, wiederholte er. »Nie wieder werde ich mich in Gegenwart eines Fotografen sicher fühlen.«

»Sie brauchen sich nicht zu fürchten, Professor, wenn Sie Ihre Forschungen aufgeben«, entgegnete Warren Casey.

»Und ich habe eine Woche Zeit, meinen Entschluß zu fassen?« fragte Leonard LaVaux. »Also gut, in einer Woche werde ich die Presse benachrichtigen - entweder, daß ich meine Forschungen aufgegeben habe, oder daß die Pazifisten mich bedroht haben und ich um Schutz bitte.»

Casey wollte gerade aufstehen, als der Professor eine Hand hob. »Warten Sie«, sagte er. »Ich möchte Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«

Müde blickte der Pazifist den Professor an.

»Sie sind das erste Mitglied Ihrer Organisation, mit dem ich sprechen kann«, sagte LaVaux.

»Das bezweifle ich«, erwiderte Casey.

»So? Alles sehr geheim, was? Überall gibt es Mitglieder, die sich nicht zu erkennengeben. Wie werben Sie dann aber neue Mitglieder an? So illegal, wie Sie sind, dürfte es Ihnen doch schwerfallen, jemanden offen daraufbin anzusprechen.«

»Das stimmt«, antwortete Casey und nickte. »Wir gehen sehr vorsichtig vor. Wir nähern uns nie jemandem, wenn es nicht ganz offensichtlich ist, daß er eine Antwort auf das Problem sucht, den Krieg zu verhindern. Diese Menschen Professor, sind von allein zu unserer Überzeugung gelangt. Sie beginnen, das Thema zu diskutieren, suchen nach Antworten, suchen andere Menschen, die wie sie denken.«

Der Professor war fasziniert. »Aber selbst dann müssen doch hier und da einmal Fehler vorkommen und einige Ihrer Mitglieder den Behörden bekanntwerden.«

»Eine Untergrundbewegxmg muß immer Risiken eingehen.«

»Und dann bricht Ihre gesamte Organisation zusammen«, rief der Professor triumphierend. »Der eine verrät den anderen, wenn er vor der Polizei aussagen muß.«

Casey stieß ein kurzes Lachen aus. »Nein. So ist es nicht. Wir profitieren von denen, die vor uns waren. Die Geschichte der Untergrundbewegungen ist sehr lang, Professor. Jede Einheit von fünf Pazifisten kennt nur jene Leute, die zur eigenen Gruppe gehören, und außerdem einen Koordinator. Der Koordinator wiederum kennt nur vier andere Koordinatoren, mit denen er zusammenarbeitet, und dazu einen Abteilungsleiter, der wiederum nur vier andere Abteilungsleiter kennt, mit denen er zu tun hat, und so weiter und so weiter, bis ganz nach oben, zur Spitze der Organisation.«

»Aha, ich verstehe«, murmelte der Professor. »Folglich kann ein gewöhnliches Mitglied höchstens fünf andere verraten. Aber wenn die Polizei einen Koordinator fängt?«

»Dann sind fünfundzwanzig Personen in Gefahr«, gab Casey zu. »Und gelegentlich kommt so etwas vor. Aber wir haben Zehntausende von Mitgliedern, Professor, und täglich kommen neue hinzu: Wir wachsen etwas schneller an, als man uns zu fassen vermag.«

Der Professor wechselte das Thema. »Nun, niemand würde Sie beschuldigen, ein Patriot zu sein, nicht wahr?«

»Es ist eine andere Art von Patriotismus«, entgegnete Casey. »Ich identifiziere mich nicht mit dieser Hemisphäre.«

Der Professor zog die Augenbrauen hoch. »Ach so, dann sind Sie ein Polarianer?«

Casey schüttelte den Kopf. »Auch mit ihnen identifiziere ich mich nicht. Unser Patriotismus umfaßt die menschliche Rasse, Professor. Dies ist nicht mehr eine Sache von Nation, Religion oder Hemisphäre. Es ist eine Angelegenheit des Uberlebens unserer Rasse. Wir interessieren uns nicht für Politik, sozio-ökonomische Systeme oder Ideologie, nicht, wenn sie nicht zu bewaffneten Konflikten zwischen verschiedenen Nationen führen.«

Der Professor bildete ihn eine lange Zeit schweigend an. Endlich sagte er: »Glauben Sie wirklich, daß es funktionieren wird?«

»Wieso nicht?« fragte Warren Casey. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund gingen ihm die Worte dieses ernsten, klugen alten Wissenschaftlers sehr nahe. Die Unterhaltung mit Ihm hatte ihn entspannt, eine Entspannung, die ihm, wie er sich eingestehen mußte, seit langen Monaten nicht vergönnt gewesen war.

»Ihr wollt den Frieden auf der Welt bewahren, indem ihr droht, Furcht einflößt, ja selbst jene mordet, die, wie ihr behauptet, für den Krieg sind. Glauben Sie wirklich, daß das der richtige Weg ist?«

Plötzlich überfiel ihn wieder die langgewohnte Müdigkeit. Die Angespanntheit der vielen Monate, Zweifel und die wachsende Übelkeit, die ihm die Gewalt verursachte, Gewalt, immer nur Gewalt. Wenn er doch nie wieder das Wort töten zu hören brauchte.

»Als ich mich der Sache der Pazifisten verschrieb, war ich völlig sicher, daß sie die einzige Antwort barg«, antwortete er. »Jetzt bin ich schon lange bei ihnen und habe viel für sie geleistet, aber ich glaube, ich bin nicht mehr ganz so sicher wie früher. Wieso glauben Sie, daß wir keinen Erfolg haben werden?«

Der Wissenschaftler deutete mit dem ausgestreckten Finger auf ihn. »Sie begehen einen grundsätzlichen Fehler, wenn Sie glauben, daß dies eine Angelegenheit von Einzelpersonen ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Sie sagen, man muß den Diktator töten, dann wird die Demokratie in das Land zurückkehren. Das ist Unsinn. Sie spannen den Wagen vor das Pferd. Denn dieser Diktator gelangte nicht an die Macht, weil er so unwahrscheinlich fähig war, eine gesamte Nation von seiner freiheitlichen Gesinnung-zu überzeugen. Er selbst ist das Produkt einer Situation. Verändert man die Situation, dann wird er verschwinden, wenn man ihn aber tötet, dann erreicht man damit nichts anderes, als daß ein neuer Diktator auftaucht.«

Die Worte des Professors beeindruckten Warrtn Casey sehr. Nicht weil sie ihm etwas Neues sagten, denn im Unterbewußtsein hatte er das von Anfang an gewußt. Er blickte den Wissenschaftler an und wartete darauf, daß dieser weiterspräche.

LaVaux tippte sich mit dem rechten Zeigefinger gegen die Brust »Nehmen Sie mich, zum Beispiel. Ich betätige mich auf einem Gebiet, das militärischen Zwecken dienlich sein kann« obgleich das nicht in meinem eigentlichen Interesse liegt. Im Grunde genommen verabscheue ich das Militär. Aber Sie bedrohen mein Leben, wenn ich fortfahre zu arbeiten. Also gut. Angenommen, Sie überzeugen mich, und ich gebe meine Forschungen auf. Glauben Sie etwa, daß deswegen Hunderte, ja Tausende anderer fähiger Männer die Forschung auf diesem Gebiet auch aufgeben werden? Natürlich nicht. Das Gebiet der Wissenschaft, auf dem ich arbeite, steht vor verschiedenen umwälzenden Entdeckungen. Wenn ich sie nicht mache, dann wird es jemand anderes tun. Man hält eine Lawine nicht auf, indem man einen einzigen Stein festhält.«

Caseys sonst ausdrucksloses Gesicht rötete sich. »Sie glauben also -«, fuhr er auf.

LaVaux' Augen hinter den Brillengläsern leuchteten. Er war ein Mann, der seine Meinung mit Enthusiasmus vertrag. »In der modernen Welt wird kein Krieg von Einzelpersonen begonnen.« erwiderte er. »Aber das ist alles noch viel grundsätzlicher. Wenn die Welt ein Ende aller Kriege erzielen will, dann muß sie die Gründe für alle internationalen Konflikte finden und sie beseitigen.« Er kicherte in sich hinein. »Aber das bedürfte natürlich einer völlig neuen Methode der Untersuchungen.«

Warren Casey erhob sich. »Inzwischen aber, Professor, vertrete ich eine Organisation, die, wenn vielleicht auch zu Unrecht, nicht mit Ihren Meinungen übereinstimmt«, sagte er, »Das Ultimatum ist gestellt. Sie haben eine Woche Zeit.«

Professor LaVaux begleitete ihn bis zur Tür.

»Ich würde diese Frage gern später noch einmal mit Ihnen diskutieren«, sagte er. »Aber sicherlich werde ich Sie wohl nie wiedersehen?«

»Das stimmt«, antwortete Casey. Er verzog den Mund ein wenig. »Wenn wir uns noch weiterhin mit Ihnen beschäftigen müssen Professor, und ich hoffe sehr, daß das nicht nötig sein wird, dann wird jemand anderes die Sache erledigen.« Er blickte den Wissenschaftler an und überlegte einen Augenblick, ob er ihn bewußtlos machen sollte, bevor er ging. Dann schüttelte er den Kopf. O Gott, wie satt er die Gewalt hatte!

Als er den Weg zum Gartentor entlangging, rief ihm Professor LaVaux nach: »Übrigens - was Ihre Maske betrifft, Sie werden herausfinden, daß es einige ausgezeichnete Pillen gibt, die Ihren Teint noch wirksamer dunkler machen, als es Ihre augenblickliche Methode tut.«

Warren Casey hätte fast laut aufgelacht.


Für den Augenblick hatte er keinen weiteren Auftrag, das war eine Erleichterung. Er wußte, daß er sowohl physisch als auch geistig müde war. Er wollte das Angebot, ausgedehnte Ferien zu machen, annehmen.

Nachdem er alle Vorsichtsmaßregeln eingehalten hatte, um mögliche Verfolger abzuschütteln, kehrte er in seine eigene Wohnung zurück. Er war seit einer Woche nicht mehr hier gewesen, und es war ein Vergnügen, sich auf wenigstens ein paar Stunden völliger Entspannung vorzubereiten.

Er duschte sich und zog dann einen bequemen Hausanzug an. Dann ging er in die winzige Küche und bereitete sich einen Cocktail zu, konnte aber kein Eis finden, da er den Kühlschrank vor einer Woche ausgeschaltet hatte.

Er ließ sich in den Lehnstuhl fallen und ergriff einen Paperback, den er vor einer Woche, als er weggegangen war, gerade gelesen hatte. Er hatte ganz vergessen, wovon er handelte. Ach ja, ein historischer Roman. Er stieß ein verächtliches Lachen aus. Darin sah alles so einfach aus. Alles, was der Held tun mußte, war, den bösen Grafen in einem Duell zu töten, und alles löste sich wie von selbst. Er ertappte sich dabei, daß er immer noch über Professor LaVaux' Worte nachdachte. Im Grunde genommen war das genau dasselbe, was die Pazifisten zu tun versuchten. Indem sie den bösen Grafen - Individuen, mit anderen Worten - zu beseitigen suchten, hofften sie, die Probleme der Welt zu lösen. Im Grunde genommen war das ein völliger Unsinn.

Er legte den Roman beiseite und blickte auf die gegenüberliegende Wand. Seit drei Jahren arbeitete er jetzt schon bei den Pazifisten. Wahrscheinlich war er sogar ihr ältester Agent. Ein Agent konnte im allgemeinen kaum erwarten, so lang zu leben. Sein Durchschnittsalter lag viel niedriger.

In diesem Augenblick leuchtete die Bildscheibe des Telefons auf.

Senator Phil McGiverns Gesicht zeichnete sich darauf ab,

Warren Casey wollte aufspringen, starrte aber auf das Bild.

Mit kalter, bestimmter Stimme sagte McGivern: »Das Gebäude ist umstellt, Casey. Ergeben Sie sich. Es sind mehr als fünfzig Sicherheitspolizisten da, die jede Fluchtchance zunichte machen.«

Die Gedanken des Pazifisten arbeiteten fieberhaft. Gab es irgend etwas Wichtiges zu tun? Befand sich in dem Appartement irgend etwas, das die Organisation oder irgendein Einzelmitglied verraten könnte? Er brauchte ein paar Minuten, um nachzudenken. Er bemühte sich, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. »Was wollen Sie von mir, McGivern?«

»Meinen Sohn!« Der Politiker unterdrückte den Triumph in seiner Stimme nicht.

»Es tut mir leid, aber Fredric befindet «ich nicht mehr bei mir«, sagte Casey. Log der Senator über die Zahl der Polizisten? Gab es irgendeine Möglichkeit zur Flucht?

»Bei wem befindet er sich dann? Sie wissen es, Warren Casey, und wir haben Sie in unserer Gewalt.«

»Er ist nicht hier«, sagte Casey. Vielleicht konnte er der Organisation doch noch einen Dienst erweisen. Vielleicht konnte er die Methode verraten, durch die McGivern ihn gefunden hatte. »Wieso haben Sie mich gefunden? Woher wissen Sie meinen Namen?«

McGivern stieß ein verächtliches Lachen aus. »Sie sind nicht, nur ein Verbrecher, sondern auch ein Narr. Sie saßen in meinem Büro und sprachen im Dialekt Ihrer Heimatstadt. Das habe ich sofort herausgefunden. Sie erzählten mir, Sie wären ein Bomberpilot gewesen und hatten aktiv am letzten Krieg teilgenommen. Als Pseudonym benutzten Sie den Namen Jakes. Wußten Sie, daß Leute mit Pseudonymen fast Immer an irgendwelche Tatsachen anknüpfen? Wir haben in Ihrer Heimatstadt nachgeforscht, und tatsächlich gab es dort einen Reporter mit dem Namen Jakes. Wir fragten ihn aus. Kannte er einen früheren Bomberpiloten, einen Veteranen des letzten Krieges? Ja, allerdings, er kannte einen. Einen gewissen Warren Casey. Von da an war es ein Leichtes - Verbrecher. Und jetzt, wo ist mein Sohn?«

Für einen Augenblick fühlte Warren Cäsey sogar eine müde Zuneigung zu dem anderen. Der Senator hat gearbeitet, um seinen Sohn zu finden, hart und erfolgreich. »Es tut mir leid, McGivern, ich weiß es wirklich nicht.« Casey warf sein Glas gegen den Bildschirm, der zerbrach.

Fast gleichzeitig sprang er auf die Füße und lief in die Küche. Er hatte seine Fluchtroute schon lange festgelegt, bevor er die Wohnung bezogen hatte. Der Müllschlucker war groß genug, um ihn aufzunehmen. Er zwängte sich hinein, ergriff das Seil und schoß abwärts.

Im Keller öffnete er ein Seitenfach im Schacht. Er griff hinein und zog die Maschinenpistole und zwei Munitionsschachteln hervor. Die eine steckte er in eine Seitentasche, dann lud er das Gewehr und zog das Sicherheitsschloß zurück. Währenddessen eilte er zum Heizungssystem. Er rechnete mit der Tatsache, daß die Sicherheitspolizei noch nicht genügend Zeit gehabt hatte, herauszufinden, daß dies Gebäude seine Zentralheizung und das Lüftungssystem mit dem daneben liegenden Appartementhaus teilte.

Offensichtlich hatte er recht. Ein Gepäcklift brachte ihn zum Dach des nächsten Gebäudes. Mit etwas Glück konnte er von hier aus zu einem noch weiter entfernten Gebäude gelangen und so entkommen.

Geuckt betrat er das Dach und warf einen schnellenBlick um sich.

Fünfzehn Meter entfernt standen drei Sicherheitspolizisten. Sie kehrten ihm den Rücken zu. Zwei von ihnen waren mit automatischen Gewehren bewaffnet, der dritte trug eine Pistole. Sie blickten über das Gelände hinweg nach unten, wahrscheinlich auf die Fenster seiner Wohnung.

Er legte an, zielte, aber dann überkam ihn wieder die schwere Müdigkeit, der Überdruck; er wollte nicht mehr töten. Er konnte einfach nicht mehr. Er senkte das Gewehr, drehte sich um und entfernte sich leise in der entgegengesetzten Richtung.

Hinter ihm schrie eine Stimme: »He! Halt! Sie -« Er begann zu laufen.

Der heftige Schlag eines abgefeuerten Schusses erreichte Warren Casey, als er gerade zum nächsten Gebäude springen wollte. Es durchzuckte ihn, Dunkelheit hüllte ihn ein. Und sein letzter Gedanke war: Gott sei Dankt Es ist vorbei.

Fünfzehn Minuten später blickte Phil McGivern mit gerunzelter Stirn auf die zur Unkenntlichkeit verstümmelte Gestalt hinab. »Sie hätten ihn wohl nicht gefangennehmen können?« sagte er böse.

»Nein, Sir«, verteidigte sich der Sicherheitssergeant. »Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder schießen oder ihn entwischen lassen.«

McGivern räusperte sich verächtlich.

»Seltsam war nur eins«, bemerkte der Sergeant nachdenklich. »Er hätte uns alle drei fertigmachen können. Wir waren die einzigen auf dem Dach. Er hatte uns erschießen und dann fliehen können.«

»Wahrscheinlich hatte er nicht den Mut dazu«, sagte einer der Männer.

»O doch«, brummte McGivern. »Der hatte sogar eine Menge Mut.«


Gelesen in:
HEYNE-BUCH NR. 286
im
Wilhelm Heyne Verlag
München