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Clotaires Ballon

 

Clotaires Ballon
von
Nancy Etchemendy
 
http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1224&Itemid=55

Während nun mein siebzigster Geburtstag näherrückt, denke ich immer öfter an Tante Henrietta und an die schreckliche Sache, die mein Bruder Harry und ich ihr vor so vielen Jahren angetan haben. Es wird Herbst, und ich werde alt; vielleicht hat es damit zu tun. Seit einer Weile sitze ich jeden Morgen eine Stunde lang auf der Veranda. Von dort aus kann ich, wenn ich Glück habe, einen oder zwei Ballons vorbeischweben sehen, hoch und riesig und wundervoll, still wie Wolken. Manchmal raschelt eine Brise in den Sumachbüschen, oder ich rieche den Duft von Apfelwein. Und dann glaube ich Tante Henrietta zu verstehen, wie ich sie damals nie verstanden habe. Es ist eigentlich kein Bedauern, das ich empfinde - eher so etwas wie Wehmut. Wenn Henrietta nur unser jugendliches Gefühl für Gerechtigkeit respektiert hätte; wenn Clotaire, der Ballonfahrer, es nur etwas weniger respektiert hätte.
Als Harry acht und ich zehn Jahre alt waren, erkrankte unsere Mutter. Wir hatten damals eine wundervolle Wohnung in der Stadt, in einem wunderschönen Haus mit einem kupfernen Dach, das einen der Parks überblickte. Harry und ich streunten dort immer im Dunkeln herum, wenn wir schon längst schlafen sollten. Eines Abends, es war im Vorfrühling, lugten wir um die Tür des Wohnzimmers. Im warmen, flackernden Feuerschein saß Mutter, in ihrem Morgenrock und ihre Decke gehüllt, im größten und bequemsten Lehnstuhl. Vater saß neben ihr auf dem Boden, an ihre Knie gelehnt, ein leeres Brandyglas schräg in der Hand haltend. Ich hatte ihn noch nie auf dem Boden sitzend gesehen. Keiner der beiden bewegte sich oder sprach ein Wort, doch etwas an der Art, wie sie ins Feuer starrten, erzeugte in mir ein hohles, ängstliches Gefühl. In diesem Augenblick erkannte ich zum ersten Mal, wie krank Mutter wirklich war. Was unser Vater danach tat, verdeutlichte dies noch. Mitte Mai zogen wir aufs Land um, und Mutter lag die meiste Zeit im oberen Stock in einem sonnigen Zimmer im Bett. Der Arzt ordnete an, daß Harry und ich sie nicht länger als eine Stunde pro Tag sehen durften, und daß wir selbst dabei still sein mußten und sie nicht aufregen durften. Diese Anweisung erzürnte und erschreckte mich zugleich. Zur Vergeltung begann ich, Vasen zu zerbrechen und Silberbesteck auf den Boden zu werfen. Harry sah mir ängstlich zu.
Als Konsequenz geschahen zwei Dinge. Zuerst einmal wurden Harry und ich nachdrücklich aufgefordert, so oft wie möglich draußen zu spielen, wodurch wir Clotaire entdeckten. Und zweitens ließ Vater seine Schwester Henrietta kommen. So traten Clotaire und Tante Henrietta gleichzeitig in unser Leben, auf ganz ähnliche Weise, wie sie wieder aus ihm verschwanden.
An einem der ersten Frühlingsnachmittage auf dem Land, als wir mit Vater auf der weiten Wiese vor unserem neuen Haus standen, bemerkten Harry und ich in der Ferne einen Ballon. Ich hatte noch nie einen Ballon gesehen und wußte nicht, was es war. Ich erinnere mich noch, wie er aussah - glänzendes Silber, eine prächtige Sonne, der Mond und die Sterne daraufgemalt. Er gehörte natürlich Clotaire, auch wenn wir das in diesem Augenblick noch nicht wußten.
Ich sprang hoch, um ihn über den Baumwipfeln besser sehen zu können, und rief: »Was ist das ? Es ist so schön !«
»Das ist ein Ballon, Catherine«, sagte Vater. »Darunter hängt ein Korb, in dem ein Mann ist. Er fährt damit.«
Harry sprang auch hoch, und seine Wangen glühten erregt. »Daddy, laß ihn herkommen ! Ich will auch damit fahren !«
Vater lachte. Er lachte in dieser Zeit nur selten und dann auch nur leise, und ich dachte dabei immer an Mutter, die so bleich in ihrem Bett lag. »Ich fürchte, er ist zu weit weg, um uns zu hören«, sagte er, während er Harrys braune Locken zauste.
Harry verzog mißmutig das Gesicht, doch dann blitzte sein gedankenverlorenes, sonniges Lächeln auf. Vater sah zu ihm hinab, erwiderte etwas unbeholfen das Lächeln und sagte: »Kommt jetzt rein, Kinder. Ich habe eine Überraschung für euch.«
Wir schirmten unsere Augen mit den Händen ab und blickten dem sich entfernenden silbernen Ballon nach. Dann stolperten wir den Weg zur Vordertür hinauf, wo wir mit Vaters Überraschung zusammenprallten - mit Tante Henrietta. Er hatte uns nicht verraten, daß er sie erwartete, und ich glaube, wir hatten beim Spielen den Wagen überhört, der sie vom Bahnhof hergebracht hatte. Auf jeden Fall traf uns der unerwartete Anblick ihrer ausladenden, mächtigen Gestalt in der Tür wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Harry und ich waren wie betäubt.
Engstirnigkeit und die Gerüche von gestärkter Spitze und Lavendel schwebten um Tante Henrietta wie Motten. Wir kannten sie nicht besonders gut. Sie lebte weit entfernt und besuchte uns nur einmal im Jahr für eine Woche; sie brachte uns immer kratzige neue Unterwäsche mit. Sie war Lehrerin an einer privaten Mädchenschule und züchtete in ihrer Freizeit große Rosen. Ich hatte zwei lebhafte Erinnerungen an sie, die in diesem Augenblick wie gefangene Spatzen in meinem Kopf herumflatterten. Die erste war, daß sie mir einmal auf die Hand geschlagen hatte, als ich beim Tee nach einem dritten Stück Kuchen greifen wollte. Die zweite war die an Harrys würgende Schreie, als sie ihn am Ohr festhielt und ihm den Mund mit Waschpulver auswusch.
Er hatte den Fehler begangen, laut zu sagen, daß er »sich einen Dreck um die Heidenkinder in China scherte«, eine Redewendung, die er bei Vater aufgeschnappt hatte.
Ich glaube, Harry und ich haben sie ziemlich befremdet angestarrt, als wir ihr auf der Türschwelle begegneten. Sie hatte gewaltige, ausdrucksvolle schwarze Augenbrauen, die sie jetzt fast bis zum Ansatz ihres marmorgrauen Haares hob. »Kinder !« sagte sie, und ihre Stimme war so warm und süß wie die ekligen Feigentörtchen, die sie so gerne aß. »Wie schön, euch wiederzusehen.«
Vater legte jedem von uns eine Hand auf die Schulter. »Henrietta wird bei uns bleiben, bis es Mutter wieder besser geht. Ist das nicht nett von ihr ?«
Die Augenbrauen senkten sich wieder, und eine Art Lächeln spaltete Tante Henriettas gepudertes Gesicht. »Ja, ich will eurem Vater eine Weile helfen, auf euch aufzupassen. Ist das nicht schön ?«
Ich glaube, sie hielt das für richtig. Vielleicht glaubte sie sogar, sie könnte sich mit diesem Opfer einen Platz im Himmel sichern. Schließlich war sie eine anständige und gläubige Frau mit vernünftigen Ansichten. Höchstwahrscheinlich kam es ihr nie in den Sinn, daß sie alles nur schlimmer machte, wenn sie ihre Dienste anbot.
Harry und ich waren viel zu jung, um dies alles zu verstehen. Ich wußte nur, daß Tante Henriettas Anwesenheit in so einem Augenblick bedeuten mußte, daß meine Mutter in schrecklicher Gefahr war.
Ich würdigte die neue Situation, indem ich wie am Spieß schrie: »Ich will nicht ! Ich will nicht, daß du auf mich aufpaßt. Mutter soll auf mich aufpassen. Laß mich in Ruhe !« Ich rannte über die Wiese davon in den Wald, wo ich zwischen den rauhen Ästen eines Ahornbaums Zuflucht fand. Ich weinte, bis es dunkel wurde, und als mich immer noch niemand holen kam, kletterte ich hinunter und trottete nach Hause. Ich fühlte mich hungrig und verlassen.
Tante Henriettas Gegenwart im Haus führte dazu, daß Harry und ich mehr Zeit draußen verbrachten denn je. Mitte Juli, als wir Clotaire zum ersten Mal trafen, wußten wir schon genau, welche Bäume in unserem Wald von den Nachtigallen bevorzugt wurden und welche von den Turteltauben; wir hatten Zentimeter für Zentimeter jeden Weidezaun und jede Felswand untersucht und sogar mit dem großen schwarzen Bullen Frieden geschlossen, der manchmal auf der Wiese hinter unserem Himbeerfeld graste.
Und am wichtigsten war, daß wir inzwischen einschätzen konnten, wann der wundervolle Silberballon höchstwahrscheinlich vorbeischweben würde. Es mußte ein ganz bestimmtes Wetter sein. Auf der Straße mußte der Staub schimmern wie ein Heiligenschein, der Himmel mußte aussehen wie Mutters blaue Kristallvase. Und dann, wenn wir Glück hatten und der Wind in unsere Richtung wehte, sahen wir vielleicht den Ballon, der im strahlenden Sonnenlicht glänzte wie ein verirrter Mond. Ab und zu kam er so nah, daß wir dem Mann im Korb zuwinken konnten. Manchmal erwiderte er unseren Gruß, manchmal nicht.
Eines Nachmittags, mitten in einem unserer Lieblingsspiele, Missionar und Kannibale, hörten wir ein seltsames Geräusch. Harry und ich standen stocksteif und lauschten. Es war ein Geräusch wie das Flattern gewaltiger Schwingen, begleitet von jenem seltsamen Brüllen und Röhren, das wütende oder erschrockene Bullen manchmal von sich geben.
»Cathy, da ist was auf der Wiese«, flüsterte Harry. Der trockene Weidenzweig, den er als Kannibalenspeer benutzt hatte, glitt unbemerkt aus seiner Hand. Das und das leise Krächzen in seiner Stimme ließen mir die Haare zu Berge stehen.
Und dann sah ich, was Harry meinte - ein gewaltiges, glänzendes Ding, das sich direkt hinter den Himbeeren und der Hecke in Wellen bewegte. Ich ließ mich auf Hände und Knie nieder, kroch durch unseren geheimen Tunnel durch die Hecke und lugte zur anderen Seite hinaus.
Harry war direkt hinter mir; er wollte hinter einem Mädchen nicht zurückstehen.
»Ist es was Gefährliches ?«
Ich machte ihm Platz. »Komm her und sieh dir's selber an.«
Vor uns auf der Weide eröffnete sich ein Anblick, der bis heute, da ich eine alte Frau bin, meine Träume heimsucht. Mitten auf der Wiese stand ein großer, doch ansonsten völlig langweiliger Walnußbaum, und in seinen Ästen hatte sich der riesige Silberballon verfangen. Wir sahen sofort, daß der schiefhängende Korb leer war. Und direkt darunter lag ein Mann im Gras, halb auf die Ellbogen gestützt und mit sehr besorgtem Gesicht. Unser Freund, der schwarze Bulle, trampelte keine zwei Meter vor ihm das Gras nieder.
Ich stand auf, um besser sehen zu können, und wie es bei kleinen Mädchen manchmal passiert, verliebte ich mich auf der Stelle. Ich hatte früher immer geglaubt, daß kein Mann schöner und strahlender sein könnte als mein Vater, doch als ich den Mann nun im Licht der Nachmittagssonne sah, wußte ich, daß er meinem Vater ebenbürtig war. Er trug Fliegerstiefel und Gamaschen und ein wunderschönes elfenbeinfarbenes Halstuch. Seine Augen, blau wie Rotkehlcheneier, strahlten in einem energischen, gebräunten Gesicht, und sein Haar und sein Schnurrbart funkelten wie goldene Münzen. Außerdem schien er Schmerzen zu haben, und er war in Gefahr. Ich fühlte mich sogleich zu wahren Heldentaten beflügelt. Ich verging in Visionen, mit ihm Freundschaft zu schließen und ihn Vater und Tante Henrietta vorzuführen, die mich immerhin die halbe Nacht allein in einem Baum sitzengelassen hatten.
»Wir müssen ihm helfen«, sagte ich. Tapfer, und wie ich heute weiß, ziemlich naiv, marschierte ich ins Feld hinaus und warf dem Bullen einen Stein in die breite Flanke.
Der Bulle drehte sich um, abgelenkt, aber noch nicht recht überzeugt, und Harry brüllte: »Nicht, Cathy ! Er wird auf uns losgehen !«
»Unsinn«, sagte ich. Ich hoffte, der hübsche Flieger könnte mich hören. »Der Bulle kennt uns. Siehst du ?« Und ich klatschte in die Hände und rief so laut ich konnte: »Kscht !«
Manchmal glaube ich, Gott hat auf der Schulter jedes kleinen Jungen und jedes kleinen Mädchens einen Engel postiert, und nur aus diesem Grund können Kinder zu Erwachsenen heranreifen. Mein Engel hatte an diesem Tag reichlich zu tun, denn der Bulle drehte sich tatsächlich um und trottete davon, als wäre er von einer Wespe gestochen worden.
»Kscht !« sagte ich noch einmal, und er trottete noch weiter.
Mit triumphierendem Strahlen wandte ich mich an Harry. »Bleib hier. Paß auf, daß er nicht zurückkommt. Bleib hier, bis ich dir Bescheid sage.«
»Aber Cathy …« flüsterte er.
»Bleib hier, sonst reiß ich dir die Ohren ab.« Der arme Harry. Ich kannte seine wunden Punkte, auch damals schon.
Harry sank in sich zusammen, und die kleinen blauen Adern in seinem Hals traten hervor, während er immer wieder laut »Kscht !« zischte. Ich rannte unterdessen hinüber, um dem wunderschönen Ballonfahrer zu Hilfe zu kommen.
»Können Sie aufstehen ?« fragte ich, atemlos durch viele verschiedene Arten von Aufregung. »Oui, Made-moiselle, ich glaube schon«, erwiderte er. Und meine Knie wurden butterweich.
Ich half ihm auf. Doch er zuckte zusammen und schwankte, als er versuchte, sein Bein zu belasten. Ich bot ihm an, sich auf mich zu stützen, und das tat er auch, und es war schwer und ein köstliches Gefühl. Wir eilten zum Tor in der Hecke. Er roch wundervoll, wie kalte Luft und Blitz und Pfefferminze.
Als wir sicher auf der anderen Seite des Tores standen, rief ich: »Lauf, Harry ! Lauf !«
Er kreischte auf wie ein verwundeter Vogel und brach hinter uns durch die Büsche, obwohl der Bulle ihm gar nicht folgte; der Stier interessierte sich anscheinend überhaupt nicht mehr für meinen gestrandeten Helden, sondern machte sich eifrig über das fette Gras her. Und so lernten Harry und ich Clotaire kennen, den besten Ballonfahrer der Welt.
Später am Nachmittag, als Clotaire vor unserem Kaminfeuer saß und seinen Fuß und den Knöchel in Magnesiumsalz badete, sagte er etwas, das unser Leben verändern sollte. Er sagte: »Ich stehe tief in eurer Schuld. Und wenn ich es euch irgendwie vergelten kann, dann müßt ihr es mir sagen.«
Der eigenartige Blick in seinen himmelblauen Augen ließ jedem im Zimmer, einschließlich Tante Henrietta, das Mark in den Knochen gefrieren. Ihre beweglichen Augenbrauen verrieten die Nervosität, die hinter ihrer Fassade ihrer hochnäsigen Ablehnung lag. Es schien, als wäre ein kalter, scharfer Wind durchs Feuer geweht, denn die Flammen flackerten leicht, obwohl es ein windstiller, milder Tag war.
Etwa eine Stunde später holte Vater unsere Familienkutsche, die er jederzeit gern vorführte, aus der Garage und fuhr Clotaire in die Stadt. Als sie vor unserer Zufahrt auf die Straße einbogen, wandte sich Tante Henrietta an uns, und ihr Gesicht wirkte im trüben Licht des Wohnzimmers wie ein Rattengesicht. Sie sagte: »Ihr werdet euch nicht mehr mit diesem ehrlosen Vagabunden abgeben, ist das klar ?«
Ich wußte natürlich, daß Clotaire ein ehrloser Vagabund war. Genau aus diesem Grund mochte ich ihn ja. Ich verabscheute Tante Henriettas strenge Befehle bereits so leidenschaftlich, daß jedes Wort von ihr mich genau das Gegenteil tun ließ.
Ich sprang auf und rief: »Du bist nicht unsere Mutter ! Du kannst uns nicht verbieten, ihn wiederzusehen. Ich hasse dich. Ich hasse dich !«
Diesmal wurde mein Mund mit Waschpulver gewaschen, während Harry dabeistand und sich sein Kichern nicht ganz verkneifen konnte. Nach diesem Opfergang stolperte ich mit Tränen in den Augen die Treppe hinauf und schlüpfte in Mutters Zimmer. Ich legte mich neben ihr aufs Bett. Sie schlief. Ich hatte einen Traum, an den ich mich heute noch erinnern kann. Ich träumte, Mutter sei wieder wohlauf, und wir lebten in dem Haus mit dem Kupferdach, das den Park überblickte.
Ich entschied mich, alles Menschenmögliche zu tun, um Clotaire wiederzusehen, und wenn auch nur, um Tante Henrietta zu ärgern. Harry und ich verbrachten buchstäblich jede freie Stunde draußen, spielten Kinderspiele und suchten ständig den Himmel nach Clotaires gewaltigem Ballon ab.
Im Laufe der nächsten Monate sahen wir ihn tatsächlich noch dreimal. Die ersten beiden Male schwebte er über den Baumwipfeln vorbei und winkte uns zu. Wir hüpften herum und winkten zurück. Aber wir wußten nicht, ob er unsere Namen rief oder nicht, denn beide Male stieg er gerade höher, und der Brenner des Ballons fauchte und spuckte Flammen wie ein Drachen aus dem Märchen.
Beim dritten Mal jedoch schwieg der Brenner, und Clotaire rief herunter: »Ich lande auf der Wiese !«
Ich geriet natürlich in die höchsten Höhen verzückter Ekstase.
Ich sollte an dieser Stelle vielleicht erwähnen, daß ich viele Jahre später als erwachsene Frau einen Freier hatte, der einen Heißluftballon besaß. Ich weiß aus berufenem Munde, daß dieser Mann ein erfahrener Ballonfahrer war, und daß sein Ballon, obwohl er an ein zu groß geratenes Osterei erinnerte, von bester Machart war. Doch er landete nie dort, wo er landen wollte, und er ist nie gestartet oder gelandet, ohne mindestens zwei starke Männer auf dem Boden als Hilfe zu haben. Wenn ich mich an Clotaire und sein Silberschiff erinnere, staune ich heute noch, wie gut er sein Gefährt unter Kontrolle zu haben schien. Abgesehen von unerwarteten Winden, und manchmal auch ihnen zum Trotz, schien er jederzeit fähig, sein ungelenkes Fahrzeug ohne Hilfe in jede gewünschte Richtung zu steuern. Und genau das tat er in der Situation, die ich jetzt beschreiben will.
Harry und ich hatten die Wiese an diesem Tag schon einmal erkundet, und wir wußten, daß der Bulle nirgends zu sehen war.
Als Clotaire zu uns hinunterrief, purzelten wir übereinander wie junge Kaninchen und rannten so schnell wie möglich zum Loch in der Hecke, um ihn zu empfangen. Ein gutes Stück vom Walnußbaum entfernt plumpste der lackierte Weidenkorb des Ballons auf den Boden. Gerade als er wieder zu steigen begann, sprang Clotaire mit einer langen Ankerleine heraus. In Windeseile klopfte er einen langen Messingpfahl in den Boden und band die Leine daran fest. Damit war der Ballon verankert, und es hatte ausgesehen wie die leichteste Übung der Welt.
Clotaire betrachtete uns wortlos. Sein Lächeln empfand ich wie eine Kerzenflamme in der Dunkelheit, wenn auch mit einem Geschmack von kaltem Wind und dünner Luft. Er ließ mich schaudern und erschreckte und entzückte mich zugleich.
»Oh, bitte, Mister Clotaire«, sagte Harry, während er begeistert in die Hände klatschte. »Bitte, lassen Sie uns mitfahren !«
Ich stieß ihn an. »Sei nicht unhöflich, Harry.«
Clotaire stemmte eine Hand in die Hüfte und zwirbelte mit der anderen die Spitze seines goldenen Schnurrbarts.
»Vielleicht gefällt es euch gar nicht. Von dort oben sieht die Welt sehr seltsam aus«, sagte er. Wie kalt und wundervoll seine Augen doch waren.
Ich weiß noch genau, was ich antwortete. Ich wußte es damals noch nicht, aber ich hätte keine passenderen Worte finden können. »Oh, es wird uns bestimmt gefallen, nicht wahr, Harry ? Wir lieben seltsame Welten.«
»Nun, wir werden sehen«, sagte Clotaire und lächelte wieder so geheimnisvoll wie die Sphinx.
Clotaire hob uns mühelos über den Rand des Korbes, als wären wir zwei Federkissen, und stieg hinter uns ein. Er zupfte leicht am Ankertau, der Messingpfahl kam frei, und wir stiegen in den Himmel.
Viele Jahre lang habe ich über diese seltsame Reise nachgedacht. Manche Menschen zweifeln später an der Wahrheit ihrer Kindheitserinnerungen. Aber ich kann Ihnen eines sagen: Ich wurde mit einem scharfen Gespür für das geboren, was real ist und was nicht, und Sie können mich beim Wort nehmen. Was Harry und ich sahen, als wir über den Rand des Korbes lugten, war real.
Clotaire zündete den Brenner, und wir stiegen über die Baumwipfel in den kaltblauen Himmel hinauf. Kein Hauch bewegte die Nachmittagsluft, und als wir nicht mehr weiter stiegen, schwebten wir fast bewegungslos, beinahe wie an einem Seil. Unten konnten wir unser Haus sehen, die Wiese und den Wald und weiter entfernt die Stadt.
Clotaire verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: »Ihr wißt noch nichts von den Welten. Vielleicht werdet ihr es nie verstehen, aber ich will es euch trotzdem zeigen.«
Er streckte den Arm aus und deutete zur Szenerie unter uns. »Das ist eine Welt.« Dann schnippte er mit den Fingern.
Harry und ich hielten den Atem an, als ein Schatten sich über die Sonne legte und uns ein kalter Wind in die Knochen fuhr. Ich blickte hinauf, doch ich konnte keine Wolken sehen, keine Falken und keine Raben, die den Schatten hätten erklären können. Einen Augenblick später war alles vorbei.
»Und dies ist eine andere Welt«, sagte Clotaire. Plötzlich erschienen fünfundzwanzig oder dreißig Kühe auf der Wiese mit dem Walnußbaum. Einige drangen durchs Tor in der Hecke und grasten auf unserer Wiese, die ungepflegt und voller Unkräuter war. Das Haus brauchte einen Anstrich. »In dieser Welt seid ihr nie aufs Land gezogen«, sagte Clotaire.
Schnipp. Schatten wirbelten über die Sonne, und wir sahen eine Frau in mittleren Jahren mit zwei Kindern, die in Vaters Auto über den Weg fuhren. Der Krach des Motors drang mit gespenstischer Klarheit zu uns herauf. »Eine Welt, in der eure Tante eine begeisterte Weltreisende ist, die von einem Mönch in Katmandu Toleranz gelernt hat.«
Schnipp. »Eine Welt, in welcher die Regeln der Höflichkeit etwas anderes sind.« Zwei Kinder, die Harry und mir sehr ähnlich sahen, rannten über die Wiese. Wir starrten fasziniert zu ihnen hinab. Sie zogen schlimme Grimassen und bleckten scharfe, gelbliche Zähne wie wilde Nagetiere. Das Mädchen warf mit kräftigen Armen Steine nach uns, und der Junge trug ein Bündel mit spitzen Stöcken.
»Kannibalenspeere«, rief Harry. »Richtige Kannibalen-speere !«
»Die will ich kennenlernen«, sagte ich plötzlich.
»Kennenlernen ?« Der Himmel klirrte unter Clotaires hellem Gelächter wie eine Kristallschale. »Die würden auf euch losgehen und euch auf der Stelle töten.« Er hielt inne, dann fuhr er fort: »Aber das ist nicht alles. Sie sind eure Gegenstücke. Wenn ihr sie berührt, hört ihr zu existieren auf.«
Der Junge warf einen Speer nach uns. Der Wurf war viel zu kurz, doch die unmenschliche Wut in seinem Gesicht ließ mich schaudern. Die Angst legte sich um mich wie eine gewaltige Klaue, als stünde ich des Nachts allein in einer dunklen Gasse. »Bring mich nach Hause ! Bitte, bitte bring mich nach Hause !« rief ich.
Clotaire sah mich an, und seine Augen waren wie blaue Sonnen, flammend und zugleich eiskalt. Er lächelte sein Sphinxlächeln, schnippte noch einmal mit den Fingern, und unter uns lag die vertraute, alte Welt, ausgebreitet wie eine alte Decke.
Wir sanken. Clotaire sprang hinaus, verankerte den Ballon wie zuvor und hob uns aus dem Korb. Zuerst sagte niemand etwas. Ich beobachtete das Heben und Senken seiner breiten Schultern, als er kräftig atmete, ein und aus, ein und aus, und ich roch den Duft von Pfefferminze und Blitzen.
Harry brach schließlich das gebannte Schweigen. »Cathy ! Da kommt Tante Henrietta ! Sie kommt hier rüber !«
Die Magie des Augenblicks verdunstete wie Benzin auf heißem Teer. Clotaire salutierte und sagte: »Adieu. Ich muß jetzt fort, aber wir werden uns wiedersehen.«
Blut strömte heiß in meine kalten Wangen, während ich ihn beobachtete, wie er mit einer einzigen fließenden Bewegung in den Korb zurücksprang. Ich konnte Tante Henrietta schon rufen hören. Ihre Stimme war heiser und wütend wie die einer Krähe. »Ihr bösen Kinder ! Heute bekommt ihr kein Abendessen.«
Harry zupfte ängstlich an meinem Ärmel.
»Clotaire !« rief ich. »Passen Sie auf. Lassen Sie sich nicht von Ihren Gegenstücken berühren.«
Clotaire winkte und löste den Ankerpfahl. Seine Worte trieben trotz des brüllenden Brenners, der den silbernen Ballon in die Luft hob, klar zu uns herunter. »Ich habe keine Gegenstücke.«
Ich lag später viele Male nachts wach und versuchte, eine vernünftige Erklärung für die Dinge zu finden, die ich bei dieser Fahrt gesehen hatte. Ich bin bisher zu keinem befriedigenden Schluß gekommen. Und auf jeden Fall wurden alle Dinge, selbst meine zauberhaften Erinnerungen an Clotaire, in den folgenden Wochen völlig nebensächlich, denn der Doktor, ein großer und plumper Mann, fast wie ein Ochsenfrosch, kam immer öfter zu uns. Manchmal blieb er sogar über Nacht. Er und Vater kamen morgens mit grauen Gesichtern und eingesunkenen Schultern aus Mutters Zimmer. Tante Henrietta saß mit ihnen im Wohnzimmer, während sie starken Tee oder Kaffee tranken (Vater kippte oft Brandy in seinen Tee) und sich flüsternd unterhielten.
Eines Nachmittags im Herbst kam der Doktor eilig zu uns. Sein rundes Gesicht glänzte vor Schweiß, und sein schütteres weißes Haar klebte an der Stirn. Als Tante Henrietta die Tür öffnete, sagte er. »Ich bin so rasch gekommen, wie ich konnte.« Tante Henrietta nickte nur und neigte den Kopf in die Richtung von Mutters Zimmer, worauf der Doktor, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, wie eine Dampflok schnaufend die Treppe hinaufrannte.
Harry und ich rannten hinter ihm her und wären ihm in Mutters Zimmer gefolgt, wenn Tante Henrietta uns nicht am Kragen gepackt und gesagt hätte: »Ihr stört da nur.« So warteten wir - ich weiß nicht mehr, wie lange, ein paar Minuten vielleicht - vor der Tür, die größer und dunkler schien denn je.
Als die Tür endlich aufging, kam Vater zuerst heraus, eine gesichtslose Silhouette in der Nachmittagssonne, die Mutters Zimmer erfüllte. Er sagte nichts. Er sah aus wie ein sehr alter Mann, gebückt und müde.
Ich fühlte mich, als hätte ich einen großen, tauben Klumpen im Bauch. Ich flüsterte: »Mutter !« und wollte zwischen Vater und dem Türrahmen hindurchhuschen; ich wollte hindurchhuschen und mich überzeugen, daß meine Ängste unbegründet waren. Doch er hielt mich natürlich auf. Er packte fest meinen Arm und schloß hinter sich die Tür. Er stand nur einen kurzen Moment im dunklen Flur. Er sah uns überhaupt nicht. Er drehte sich einfach um und ging die Treppe hinunter.
Als Mutter beerdigt wurde, weigerte ich mich zuerst, das schwarze Kleid zu tragen, das Tante Henrietta für mich gekauft hatte. Ich stand in Unterhemd und Schlüpfern da, spannte jeden Muskel im Gesicht und im Hals, bis mein Kopf zitterte und meine Augen sich anfühlten, als wollten sie gleich herausfallen. »Ich will nicht ! Ich will das rote Kleid mit den Blumen anziehen ! Mutter würde es so wollen !«
Zuerst versuchte Tante Henrietta, vernünftig mit mir zu reden. »Deine Mutter wußte genau, was sich gehörte. Sie würde wollen, daß du deine Trauer zeigst.«
»Sie haßt schwarze Sachen. Du kannst mich nicht zwingen, das da zu tragen !«
Henrietta hatte eine Begabung, empfindliche Stellen zu treffen und den Dolch noch einmal herumzudrehen. Sie zog die Augen zusammen und sagte: »Du mußt dir über eins klar werden, Kind. Deine Mutter will überhaupt nichts mehr. Und sie haßt auch nichts mehr. Sie ist tot und kann sich nicht mehr um dich oder um sonst jemanden kümmern.«
Ich warf mich auf den Boden und trat und kreischte, bis Tante Henrietta einen Stiefelknecht holte und meinen nackten Hintern blau prügelte. Ich war noch nie geschlagen worden, und das Erlebnis erschreckte und verwirrte mich so sehr, daß ich ohne ein weiteres Wort da schwarze Kleid anzog. Ich wollte es Vater erzählen, doch er hatte seit dem Tod meiner Mutter ständig getrunken und schien sich nicht besonders für meine Sorgen zu interessieren.
An diesem Abend schlich Harry in mein Zimmer, nachdem man uns ins Bett gesteckt hatte. Ich lag auf der breiten Fensterbank, denn ich konnte nicht ohne Schmerzen sitzen, und Harry kuschelte sich an mich. Es war fast Vollmond. Das silberne Licht überzog die Hügel mit Reif und strömte durchs Fenster auf unsere Hände und Gesichter.
»Sollen wir weglaufen ?« sagte Harry.
»Das ist albern. Wir würden verhungern.«
»Aber wir können nicht hierbleiben. Sie wird uns umbringen.«
Ich starrte trübselig zum Mond hinaus und fragte mich, ob Harry nicht doch recht hatte.
Was dann geschah, hätte ich gerne als Einbildung abgetan, doch Harry sah es auch. Weit entfernt über einem Wald erschien etwas Großes, Glänzendes im kalten Himmel, fast wie aus dem Nichts. Ich brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, daß es ein Ballon war. Ich versuchte, seine Farbe auszumachen oder die vertrauten Sternbilder auf seiner Wölbung zu erkennen, doch im Mondlicht konnte ich nicht sicher sein. Wir sahen ihm ein oder zwei Minuten nach, wie er gleich einer gewaltigen Stahlkugel vorbeitrieb, die irgendwie die Schwerkraft überwunden hatte. Dann verschwand er. Mir lief ein Schauer von Angst und Aufregung über den Rücken. Harry und ich wechselten einen jener Blicke, die einen komplizierten, gemeinsamen Gedankengang übermitteln können — in diesem Fall war es die Erinnerung an ein Feuer im Sommer, das in einem unmöglichen, kalten Wind zu spucken beginnt. Ich stehe tief in eurer Schuld. Und wenn ich es euch irgendwie vergelten kann, dann müßt ihr es mir sagen.
»Clotaire !« flüsterten wir gleichzeitig.

Wir verbrachten die Nacht am offenen Fenster, dösten abwechselnd, um Clotaires Ballon nicht zu verpassen, falls er noch einmal auftauchte. Nach einer Weile ging der Mond unter, und die Nacht wurde dunkel und bedrohlich, nur von Sternenlicht erhellt. Ich kämpfte gegen den Schlaf, aber irgendwann am frühen Morgen mußte ich eingeschlafen sein, denn ich erwachte in der Dämmerung, als Harry drängend flüsterte und mich schüttelte.
»Er ist da ! Er ist da ! Schau nur, da ist der Ballon.«
Ich rieb mir die Augen und sah in den windstillen Herbstmorgen hinaus. Das Zwielicht raubte allen Dingen ihre Farbe. Die Hügel, die Wälder, das Feld, alles lag kalt und grau. Einige wenige Vögel zwitscherten ihre Morgenlieder. Der süße Geruch vernachlässigter Reste in der Apfelpresse eines Nachbarn trieb zu uns herauf und mischte sich mit dem schwachen Geruch von brennendem Herbstlaub. Und dort draußen, strahlend vor dem bleichen Himmel, schwebte der silberne Ballon. Ich kletterte blinzelnd auf die Fensterbank, winkte wie wild und rief: »Clotaire ! Warte, Clotaire !«
Als ich sicher war, daß er mich gesehen hatte, drehte ich mich um und schoß durch die Tür und die Treppe hinunter. Harry rannte hinter mir her, seine nackten Füße tappten laut auf dem polierten Holzboden. Wir standen in Nachthemden auf der Wiese und winkten und riefen, bis der Weidekorb den Boden berührte und Clotaire ins Gras sprang.
»Hallo, meine Freunde«, sagte er leise.
Ich sammelte mich, so gut ich es vermochte, richtete mich auf und sagte: »Sir, Sie haben uns einmal etwas versprochen.«
Er nickte und lächelte ganz leicht.
»Sie sollten jemanden mitnehmen …«
Ein Ruf aus einem der oberen Fenster unterbrach mich. »Catherine ! Harry ! Ich werde euch windelweich prügeln.«
»Das ist mir schnurzegal !« rief Harry, drehte sich zum Haus um, schob trotzig den Unterkiefer vor und stemmte die Hände in die schmalen Jungenhüften.
Ich kniff die Augen zusammen, bis ich Sterne sah. »Ich sagte, Sie müssen jemanden mitnehmen. In diese letzte Welt … in der die Kinder grausam und stark sind. Bitte !« Ich öffnete die Augen. »Nehmen Sie sie mit.«
Die Sonne war gerade über den Horizont gestiegen, und ihr Licht umströmte Clotaire wie eine Woge aus geschmolzenem Kupfer. Seine Ledergamaschen, seine kräftigen Stiefel, sein Halstuch, sein Haar und sogar sein schönes Gesicht - alles an ihm war in dieser eigenartigen Morgendämmerung stark und hart wie Metall.
Er sah zu uns herab und sagte: »Seid ihr sicher ?«
»Wir sind sicher !« erwiderten wir gleichzeitig.
Ohne ein weiteres Wort ging Clotaire zum Weidenkorb, öffnete eine kleine Holzkiste und nahm eine Pistole heraus. Ich schluckte schwer. »Was wollen Sie damit ?« quetschte ich heraus. Statt zu antworten packte Clotaire mich und hielt mir die Pistole an den Kopf. Ich glaubte, kalte Finger packten mein Herz. Ich werde sterben, dachte ich. Und ich werde wahrscheinlich zur Hölle fahren.
Tante Henrietta platzte aus der Vordertür des Hauses, ihr Morgenrock flatterte hinter ihr her, und ihr Haar wehte im Wind. »Rette mich«, schluchzte ich. »Oh, Tante Henrietta, rette mich !« Die Mündung von Clotaires Pistole erwärmte sich an meiner heißen Schläfe.
»Wie kannst du es wagen !« rief sie zuerst. Dann sah sie die Pistole, ihre Augenbrauen hoben sich, und sie legte die Hände auf den Mund. »Oh, guter Gott !« sagte sie.
»Tun Sie, was ich sage, dann wird dem Kind nichts geschehen«, sagte Clotaire. »Steigen Sie in den Korb.«
»Hilfe !« krächzte Harry. »Oh, Vater, hilf uns !« Aber Vater lag betrunken in seinem Zimmer und schlief. Tante Henrietta kletterte unbeholfen in den Weidenkorb. »Sir, ich bitte Sie, tun Sie den Kindern nichts zuleide.«
»Clotaire … ich habe es mir anders überlegt. Es ist gut. Sie müssen sie nicht mitnehmen.« Ich schluchzte.
Aber Clotaire lachte nur, ein Geräusch, so hart und scharf wie gesplittertes Glas. »Du hast den Handel abgeschlossen, meine Freundin. Es ist nicht zu ändern.«
Er löste seinen Griff, stieß mich sanft in Harrys Richtung und richtete die Pistole auf Tante Henrietta. Ich glaube, ich habe mich noch nie so verwirrt und machtlos gefühlt wie in dieser Situation, als Clotaire zu ihr in den Korb stieg. Alles war durcheinander. Ich wollte, daß er sie mitnahm, und doch erschreckte mich die Verwirklichung meines Wunsches mehr als alles andere, was ich je erlebt hatte. Ich erwartete Genugtuung und Erleichterung, doch die kamen nicht. Vielleicht dämmerte mir damals an diesem Herbstmorgen ein erstes, winziges Stück der Erwachsenenwelt. Außer im Märchen ist wirkliche Gerechtigkeit etwas höchst Subjektives.
»Du hättest besser den Mund gehalten, Madame«, sagte Clotaire, während er den Brenner zündete.
»Wohin bringen Sie mich ?« wimmerte Tante Henrietta. Ihr Gesicht war grau wie Asche.
Clotaire lachte, diesmal musikalischer, und sagte: »Zu einem Ort, der weit entfernt und doch ganz nah ist, wo die Dinge gar nicht so anders sind. Zu einem Ort, an dem Sie kein Gegenstück haben, wo Sie noch nie eins hatten und nie eins haben werden.«
Dann brüllte der Brenner auf. Flammen brachen aus ihm hervor, und der silberne Ballon zerrte an seiner Verankerung. Tante Henrietta packte mit großen Augen den Rand des Korbes. Clotaire rief: »Der Himmel behüte euch, meine Freunde.« Er zog an der Ankerleine, und sie stiegen hinauf, immer höher, bis sie schließlich kleiner waren als die Sonne und verschwanden.
Harry und ich standen entsetzt und schweigend auf der Wiese. Der Geruch des Herbstlaubes und der vergorenen Äpfel umspülte uns, während die Vögel wieder zu zwitschern begannen.
Sechzig Jahre sind seitdem vergangen, und doch lauert dieser Morgen immer noch in meinem Kopf wie ein Schatten, der über ein Feld wandert und dabei das Antlitz der Erde verändert. Ich habe ein gutes Leben geführt und halte nicht viel von Wunschdenken, aber ich mache mir immer wieder Gedanken über diese anderen Welten. In welcher würde ich heute leben, wenn Clotaire Nein gesagt hätte; in welcher würde ich leben, wenn Tante Henrietta nicht mit einem Ballon verschwunden wäre ?
Eine Weile nach Henriettas Verschwinden schickte Vater Harry und mich auf getrennte Schulen; wahrscheinlich, weil er glaubte, es würde ihm leichter fallen, sich ins Grab zu trinken, wenn wir Kinder nicht in der Nähe waren. Er starb vor meinem zwanzigsten Geburtstag. Auch Harry ist tot. Er starb letztes Jahr an einer Herzkrankheit, von der er nichts wußte. Nun bin ich allein, denn ich habe nie geheiratet. Zwar gab es in meiner Jugend reichlich Freier, doch keiner von ihnen hatte das, was ich suchte - eine gewisse selbstverständliche Unparteilichkeit, die Fähigkeit, außerhalb der Komplikationen des Lebens zu stehen und darüber zu lachen.
Nach diesem schicksalhaften Morgen habe ich Clotaire nie wiedergesehen. Er verflüchtigte sich wie eine Rauchwolke. Manchmal, wenn ich hier auf der Veranda sitze und mich an die alten Tage erinnere, sehne ich mich danach, noch einmal diese veilchenblauen Augen zu sehen, die so hell in diesem starken, braunen Gesicht strahlten. Ich sehne mich danach, ihm zu erklären, daß ich jetzt viel besser verstehe, daß ich betrunkene Väter verstehe und all die Henriettas und all die Kinder, die so zornig auf sie sind. In der besten aller möglichen Welten möchte ich sterben mit dem Duft von Blitzen und Pfefferminze in meiner müden alten Nase. Und so halte ich Ausschau und hoffe, Clotaires Ballon noch ein letztes Mal zu sehen.

 

 

Gelesen in:
Der Fensterjesus
Internationale ScienceFictionStories
HEYNE Buch 1680
ISBN 3-453-05396-6