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Woche153
Alle545735
Gesaenge des Computers
GESÄNGE DES COMPUTERS
von
Ray Bradbury
http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1228&Itemid=55

Großmama !
    Ich erinnere mich an ihre Geburt.
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Bild gefunden bei: www.chattyskram.de

    Jetzt werdet ihr sagen: Halt ! Niemand kann sich an die Geburt seiner Großmutter erinnern !
    Also, wir erinnern uns an den Tag, an dem sie geboren wurde.
    Denn wir, ihre Enkel, rüttelten sie wach, brachten sie zu Bewußtsein. Timothy, Agatha und ich, Tom, wir hoben unsere Hände und ließen sie mit lautem Klatschen wieder herabfallen ! Wir mixten die einzelnen Teile zusammen, die Bruchstücke und Muster und Aromen, die Stimmungen und Säfte - all das, was ihre Kompaßnadel nach Norden schwingen ließ, um uns zu kühlen, und nach Süden, um uns zu wärmen, und nach Osten und Westen auf eine Reise rings um die endlose Welt, was ihre Augen auf uns, lenkte, damit sie uns auch wirklich verstünde, was ihren Mund bewegte, der uns abends in den Schlaf sang, und ihre Hände, die uns am Morgen wieder weckten.
    Großmama - o geliebter, wunderbarer elektrischer Traum …
    Wenn Gewitterblitze den Himmel durcheilen und zwischen den Wolken ihre Stromkreise bilden, flammt ihr Name vor meinem inneren Auge auf. Noch heute höre ich manchmal ihr Ticken und Summen über unseren Betten in der seidigen Dunkelheit. Sie schwebt wie ein Gespenst durch die langen Flure meiner Erinnerung, wie ein Schwarm intellektueller Bienen, die der Stimmung vergangener Sommer nachsummen. Manchmal spüre ich noch morgens um drei das Lächeln um den Mund - jenes Lächeln, das sie mir beibrachte.
    Na gut, ruft ihr, wie war es denn nun an dem Tage, da eure verdammte wunderbar-schreckliche, liebevolle Großmutter geboren wurde ?
    Es war in der Woche, als die Welt unterging …

Unsere Mutter war tot.
    An einem Spätnachmittag fuhr ein schwarzer Wagen davon und ließ Vater und uns drei vor dem Haus zurück. Und wir starrten auf das Gras und dachten:
    Das ist nicht unser Gras. Da sind die Krocketschläger, die Bälle, die Ringtore, so wie sie vor drei Tagen hingeworfen wurden, als Papa auf den Rasen herausgestolpert kam und uns weinend die Nachricht beibrachte. Da liegen die Rollschuhe, die einem Jungen gehörten, mir, der nun nie wieder so jung sein wird wie vor kurzem noch. Und ja, dort der Schaukelreifen an der alten Eiche. Agatha fürchtet sich so vor dem Schaukeln. Bestimmt reißt das Seil ! Gleich fällt der Reifen ab !
    Und das Haus ? O Gott …
    Wir starrten zur Haustür und fürchteten uns vor den Echos, die uns auf den Fluren begegnen würden; der Lärm, der entsteht, wenn sämtliche Möbel herausgeräumt werden, wenn da nichts mehr ist, den Fluß der Worte abzumildern, der tagaus, tagein in einem Hause fließt. Und nun war das wundervolle Hauptstück des Mobiliars für immer fort.
    Die Tür öffnete sich.
    Stille schlug uns entgegen. Irgendwo stand eine Kellertür offen und schickte uns einen kühlen, feuchten Windhauch herauf.
    Aber, dachte ich, wir haben doch gar keinen Keller !
    »Also dann«, sagte Vater.
    Wir rührten uns nicht.
    In diesem Augenblick kam Tante Clara in ihrer großen kanariengelben Limousine den Weg herauf.
    Wir sprangen ins Haus. Wir rannten in unsere Zimmer.

Wir hörten sie schreien und reden und dann wieder schreien und erneut reden: Laß doch die Kinder bei mir wohnen ! sagte Tante Clara. Sie brächten sich eher um ! sagte Vater.
    Eine Tür wurde zugeschlagen. Tante Clara war fort.
    Wir hätten fast getanzt. Dann fiel uns wieder ein, was da heute geschehen war, und wir gingen nach unten.
    Vater saß allein am Tisch und redete mit sich selbst oder mit irgendeinem Gespenst Mutters, das sich aus der Zeit vor ihrer Krankheit herübergerettet hatte und nun von der zuschlagenden Tür aufgescheucht worden war. »Die Kinder brauchen jemanden. Ich liebe sie, aber ich muß auch arbeiten, um uns alle zu ernähren. Du liebst sie, Ann, aber du bist nicht mehr bei uns. Und Clara ? Unmöglich. Sie liebt ebenfalls, aber sie ist einfach erdrückend. Und Kinderschwestern, Hausmädchen …?«
    An dieser Stelle seufzte Vater, und wir seufzten mit ihm, und unsere Gedanken wanderten zurück.
    Das Pech, das wir mit Hausmädchen und Hauslehrern und sonstigen Aufpassern gehabt hatten, war einfach unbeschreiblich. Da war kaum einer, der uns nicht völlig wider den Strich ging. Sie fielen wie ein Sturmwind über uns her, schufen Ordnung mit scharfer Axt. Im anderen Extrem waren sie weichlich und ließen uns zuviel durchgehen. Auf jeden Fall zählten wir Kinder für sie zum selbstverständlichen Mobiliar, auf das man sich setzte, das abzustauben war oder das im folgenden Frühling oder Herbst neu aufgepolstert wurde, mit einer jährlichen Reinigung am Strand zwischendurch.
    »Was wir brauchen«, sagte Vater, »ist eine …«
    Wir alle beugten uns zu seinem Flüstern hinab.
    »… Großmutter.«
    »Aber«, sagte Timothy mit der Logik seiner neun Jahre, »unsere Großmütter sind doch alle tot.«
    »Auf eine Weise schon, aber vielleicht doch nicht.«
    Was für eine seltsame Antwort aus Vaters Munde.
    »Hier«, sagte er endlich.
    Er schob uns eine zusammengefaltete bunte Broschüre hin. Wir hatten sie in den letzten Wochen schon mehrmals in seinen Händen gesehen und besonders oft in den letzten Tagen. Jetzt blinzelten wir und ließen das Papier von Hand zu Hand wandern, und wir wußten, warum Tante Clara beleidigt aus dem Haus gestürmt war.
    Timothy war der erste, der uns vom Titelblatt vorlas:
    »Ich singe den Leib, den elektrischen !«
    Er blickte Vater mit zusammengekniffenen Augen an: »Verflixt, was bedeutet das ?«
    »Lies weiter.«
    Agatha und ich blickten uns schuldbewußt um, besorgt, daß Mutter plötzlich eintreten und uns bei dieser Blasphemie antreffen mochte, aber dann nickten wir doch, und Timothy begann zu lesen:
    »›Fanto …‹«
    »Fantoccini«, half ihm Vater aus.
    »›Fantoccini GmbH. Wir versinnbildlichen für Sie … die Antwort auf ihre bedrückendsten Probleme. Ein Grundmodell mit Milliarden von Variationen durch Hinzufügen, Abziehen, Unterteilung, unteilbar, und Freiheit und Gerechtigkeit für alle !‹«
    »Wo steht denn das !«, wollten alle wissen.
    »Nirgends«, Timothy lächelte zum erstenmal seit Tagen. »Ich mußte das einfach einfügen. Moment.« Er las weiter: »›… für alle, die Sorgen haben mit unaufmerksamen Babysittern und Kinderpflegerinnen, mit Personal, dem man keine Flasche anvertrauen kann, mit sogenannten guten Onkels und Tanten.‹«
    »Gut, pah !« sagte Agatha, und ich sagte etwas Ähnliches.
    »›… haben wir die erste aufladbare Humanoidmodell-Ministromkreis-AC-DC-Mark-V-Elektrische-Großmutter konstruiert‹«
    »Großmutter ?!«
    Der Prospekt glitt zu Boden. »Paps …?«
    »Seht mich nicht so an«, sagte Vater. »Ich bin halb wahnsinnig vor Kummer und halb wahnsinnig vor Sorgen, und ich muß doch an morgen und übermorgen denken. Los, nehmt den Prospekt auf. Lest weiter.«
    »Ich bin jetzt dran«, sagte ich und las vor:
    »›Das Spielzeug, das mehr als ein Spielzeug ist. Die Elektrische Großmutter von Fantoccini ist mit liebevoller Präzision gebaut, um die unglaubliche Vollkommenheit ihrer Liebe den Kindern unserer Kunden zukommen zu lassen. Das Kind den Realitäten der Welt und den noch größeren Realitäten der Phantasie gegenüber aufge­schlossen zu machen, ist ihr Ziel.
    Sie ist darauf eingestellt, in zwölf Sprachen zugleich Unterricht zu geben, sie kann in Tausendstelsekunden von einer Sprache in die andere wechseln und verfügt über ein totales Wissen im Hinblick auf die religiösen, künstlerischen und soziopolitischen Geschichtsabläufe der Welt, die ihr in ihrem Stock eingegeben wurden …‹«
    »Wie toll !« sagte Timothy. »Hört sich an, als wollten wir uns Bienen halten. Gebildete Bienen !«
    »Halt den Mund !« sagte Agatha.
    »›Vor allem‹«, las ich, »›besitzt dieses menschliche Wesen, das wirklich als Mensch erscheint, diese realistische elektrointelligente Verkörperung menschlicher Eigenschaften, die Fähigkeit des Zuhörens, des Verstehens, des Antwortens und Reagierens; es wird Ihre Kinder lieben, wie Objekte dieser Größe, wie solch phantastische Spielzeuge überhaupt lieben oder sich besorgt zeigen können. Dieser wunderbare Lebensbegleiter, der auf die Herausforderung großer und kleiner Dinge, auf innere wie äußere Probleme gleichermaßen anspricht, wird die besagten Wunder den Bedürftigen unserer Kunden in Wort und Tat nahebringen.‹«
    »Bedürftigen«, murmelte Agatha.
    Also, dachten wir alle traurig, das sind wir doch, o ja, das sind wir.
    Ich kam zum Schluß:
    »›Wir verkaufen unsere Schöpfung nicht an Familien, in denen beide Elternteile ihre Kinder persönlich auf ziehen, beeinflussen, formen, ausrichten und lieben können. Nichts kann die Eltern im Heim ersetzen. Doch es gibt Familien, in denen Tod oder Krankheit das Wohlergehen der Kinder in Frage stellt. Waisenhäuser sind dann einfach keine Lösung. Kinderschwestern sind oft selbstsüchtig und unaufmerksam, oder sie schlagen sich mit Nervenproblemen herum.
    In aller Bescheidenheit und in Erkenntnis der Notwendigkeit, unser Konzept von Monat zu Monat und Jahr zu Jahr neu zu überdenken und neu erwachsen zu lassen, präsentieren wir Ihnen das Wesen, das dem idealen Lehrer-Freund-Kameraden-Blutsverwandten am nächsten kommt. Eine Versuchsperiode kann in jedem Falle …‹«
    »Halt«, sagte Vater. »Hör auf. Ich kann´s nicht mehr ertragen.«
    »Warum ?« fragte Timothy. »Es wurde doch gerade interessant.«
    Ich faltete die Broschüre zusammen. »Haben die wirklich diese Dinger ?«
    »Sprechen wir nicht mehr davon«, sagte Vater, der die Hand über die Augen gelegt hatte. »Es war ein verrückter Einfall …«
    »Gar nicht so verrückt«, sagte ich und schaute Tim an. »Ich meine, auch wenn sie sich wirklich Mühe gäbe, brächte diese Firma doch nichts fertig, das schlimmer wäre als Tante Clara, oder ?«
    Und da konnten wir uns plötzlich ausschütten vor Lachen. Monatelang hatten wir nicht mehr gelacht. Jetzt brachten meine einfachen Worte jeden zum Aufheulen und Kichern und Herausplatzen. Auch ich öffnete den Mund und machte fröhlich mit.
    Als wir fertig waren, schauten wir auf die Broschüre, und ich fragte: »Na ?«
    »Ich …«, sagte Agatha stirnrunzelnd, sichtlich noch nicht überzeugt.
    »Wir brauchen irgend etwas, möglichst schnell«, sagte Timothy.
    »Ich bin allem aufgeschlossen«, sagte ich in feierlichstem Tonfall.
    »Das wäre nur eines«, sagte Agatha. »Wir können es zwar versuchen. Aber sagt mir doch, wann hören wir mit dem Gerede auf, wann kommt unsere richtige Mutter nach Hause ?«
    Ein scharfes Ausatmen machte die Runde, als habe sie uns mit einem Schuß ins Herz getroffen.
    Da war wohl keiner in unserer Familie, der diese Nacht nicht durchgeweint hätte.

Es war ein klarer, freundlicher Tag. Der Hubschrauber transportierte uns mühelos zwischen den Wolkenkratzern hindurch und ließ uns auf dem Gebäude hinaus, auf dem man vom Himmel in großen Buchstaben lesen konnte:
              FANTOCCINI.
    »Was sind denn Fantoccini überhaupt ?« fragte Agatha.
    »Das ist das italienische Wort für Schattenpuppen, glaube ich, oder Traumgestalten«, sagte Vater.
    »Aber versinnbildlichen, was heißt das ?«
    »WIR VERSUCHEN IHREN TRAUM ZU ERSPÜREN«, sagte ich.
    »Bravo«, sagte Vater. »Darauf bekommst du eine Eins.«
    Ich strahlte.
    Der Hubschrauber belegte uns mit seinen röhrenden Schattenfetzen und flog davon.
    Wir sanken in einem Fahrstuhl hinab, der unsere Mägen nach oben drückte, und betraten dann einen Rollsteig, einen blauen Fluß in einer Teppichlandschaft, und unser Ziel war ein Tisch, an dem verschiedene Schilder hingen:
    DER UHRLADEN
    Fantoccini sind unsere Spezialität.
    Kaninchen an den Wänden, kein Problem.
    »Kaninchen an den Wänden ?«
    Ich hielt meine Finger schräg in die Höhe, wie vor eine Kerzenflamme, und ließ die »Ohren« wackeln.
    »Da - ein Kaninchen. Und ein Wolf. Und ein Krokodil.«
    »Ach ja«, sagte Agatha.
    Und wir erreichten den Tisch. Leise Musik umspielte uns. Irgendwo hinter den Wänden strömte ein Wasserfall aus leisen Maschinengeräuschen. Als wir an den Tisch traten, veränderte uns das Licht und gab uns ein wärmeres, glücklicheres Aussehen, obwohl uns noch immer kalt war.
    Ringsum in Kisten und Nischen, an Drähten und Fäden von der Decke hangend, erblickten wir Puppen und Marionetten und durchsichtige balinesische Bambus-Drachenfeen, die - gegen das Mondlicht gehalten - die geheimsten Alpträume eines Menschen verkörpern mochten. Durch unsere Bewegung, durch den Windhauch unserer Körper gerieten die verschiedenen aufgehängten Seelen an ihren kleinen Balken in Bewegung. Man mußte unwillkürlich an eine gewaltige Lynchszene denken bei irgendeiner englischen Straßenkreuzung vor vierhundert Jahren.
    Seht ihr ? Ich kenne mich in der Geschichte aus.
    Agatha sah sich ungläubig blinzelnd, dann doch ein wenig ängstlich und schließlich angewidert um.
    »Also, wenn das so ist, sollten wir gehen.«
    »Psst«, sagte Vater.
    »Aber«, protestierte sie, »du hast mir doch selber vor zwei Jahren so ein blödes Ding mit Fäden geschenkt, die am Abend schon tausendmal verknotet waren. Ich habe das Gebilde aus dem Fenster geworfen.«
    »Geduld«, mahnte Vater.
    »Wir wollen mal sehen, was sich machen läßt, um ohne Schnüre auszukommen.«
    Der Mann hinter dem Tisch hatte es gesagt.
    Wir alle wandten uns um und schenkten ihm unsere Aufmerksamkeit.
    Im Stile eines Begräbnisunternehmers war er klug genug, nicht zu lächeln. Kinder fühlen sich oft abgestoßen von älteren Menschen, die zuviel lächeln. Sie ahnen sofort eine Absicht dahinter.
    Ohne zu lächeln, ohne dabei düster oder herablassend zu wirken, sagte der Mann: »Ich bin Guido Fantoccini, zu Ihren Diensten. Hier, so machen wir das, Miss Agatha Simmons, elf Jahre alt.«
    Also das war wirklich gut gemacht.
    Er wußte, daß Agatha erst zehn Jahre alt war. Ein Jahr hinzugeschummelt, und er hatte den Kampf schon halb gewonnen. Agatha wurde gleich einen Zentimeter größer. Der Mann fuhr fort.
    »Hier.«
    Und er drückte Agatha einen goldenen Schlüssel in die Hand.
    »Zum Aufziehen an Stelle der Schnüre ?«
    »Zum Aufziehen.« Der Mann nickte.
    »Pah !« sagte Agatha.
    Was ihr höflicher Ausdruck für »Blödsinn !« war.
    »Ehrlich. Das ist der Schlüssel zu eurer Do-it-yourself-Elektrischen-Großmutter, beste Wahl. Jeden Morgen ziehst du sie auf, und jeden Abend läßt du sie ablaufen. Du allein bestimmst das. Du bist die Wächterin des Schlüssels.«
    Er drückte ihr den Gegenstand in die Hand, und sie beäugte das kleine Metallstück mißtrauisch.
    Ich beobachtete ihn. Er blinzelte mir von der Seite zu, als wollte er sagen: Na, sind solche Schlüssel nicht ein toller Spaß ?
    Ich erwiderte das Blinzeln, ehe meine Schwester den Kopf heben konnte.
    »Wo steckt man ihn rein ?«
    »Das wirst du noch früh genug erfahren. Vielleicht in ihren Magen oder in ihr linkes Nasenloch oder ihr rechtes Ohr.« Das brachte ihm ein Lächeln, und der Mann stand auf. »Hier entlang bitte. Vorsichtig mit den Füßen. Auf den Strom hier. Tretet auf den Strom bitte. Ja. So.«
    Er half uns beim Weiterschweben. Wir wechselten vom festen Teppichboden auf einen Teppich, der sich flüsternd bewegte.
    Es war ein höchst angenehmer Strom, der uns jetzt über einen grünen Teppichstreifen durch Hallen und in herrlich abgeschiedene Gewölbe entführte, in denen unser Atem von seltsamen Stimmen zurückgeworfen wurde oder uns als seltsames Orakel in den Ohren klang.
    »Hört«, sagte der Verkäufer, »die Stimmen zahlreicher Frauen. Überlegt und sucht euch die richtige …!«
    Und wir lauschten auf all die hohen, tiefen, lauten, leisen, neutralen, auf die halb schimpfenden, halb zärtlichen Stimmen, die aus einer Zeit stammen mochten, da wir noch gar nicht geboren waren.
    Und hinter uns schritt Agatha rückwärts aus, den Kopf dem Strom zugewandt, ohne uns einzuholen, ohne bei uns zu sein, immer abwehrend.
    »Sprecht«, sagte der Verkauf er. »Schreit.«
    Und wir sprachen und brüllten.
    »Hallo. Du da ? Hier ist Timothy, hallo !«
    »Was soll ich sagen ?« brüllte ich. »Hilfe !«
    Agatha, den Mund zusammengepreßt, ging rückwärts.
    Vater nahm sie an der Hand. Sie schrie auf.
    »Laß los ! Nein, nein ! Ich will nicht, daß meine Stimme benutzt wird ! Ich will nicht !«
    »Ausgezeichnet.« Der Verkäufer berührte zwei Kontrollen an einer kleinen Maschine in seiner Hand.
    An der Seite des kleinen Geräts sahen wir drei Oszillographenkurven, die sich vermischten, die zu einer Einheit wurden und unsere Rufe wiederholten.
    Wieder verstellte der Verkäufer einen Hebel, und wir hörten unsere Stimmen in den Höhlen von Delphi davonfliegen, hörten, wie sie umgedreht, zusammengepreßt, wie die Worte herumgeschüttelt und verschrillt wurden, und der Verkäufer drehte noch einen Knopf, um vielleicht noch ein wenig von diesem und jenem hinzuzufügen, den Atem einer Mutterstimme, uns völlig fremd, oder ein Scheibchen Vaterwut bei der Zeitungslektüre oder seine friedliche Stimme nach einem Drink am Abend. Was der Verkäufer auch tat - uns umtanzte Geflüster wie eine Horde wilder Mücken, von Blitzen aufgescheucht, wirbelte herum, bis dann ein letzter Knopfdruck getan war und eine Stimme aus elektronischer Tiefe zu uns sprach.
    »Nefertiti«, sagte sie.
    Timothy erstarrte. Agatha hörte mit dem Wassertreten auf.
    »Nefertiti ?« fragte Tim.
    »Was heißt das ?« wollte Agatha wissen.
    »Ich weiß es.«
    Der Verkäufer nickte mir zu, damit ich es sagte.
    »Nefertiti«, flüsterte ich, »ist Ägyptisch und heißt: Die Schöne ist gekommen.«
    »Die Schöne ist gekommen«, wiederholte Timothy.
    »Nefer«, sagte Agatha, »titi.«
    Und wir alle wandten uns um und starrten in das Zwielicht, starrten zu jener fernen Stelle, wo die gute, warme, weiche Stimme erklang.
    Und da war sie.
    Und nach ihrer Stimme zu urteilen, war sie schön …

Und das war´s auch schon.
    Jedenfalls das, worauf es ankam.
    Die Stimme schien wichtiger zu sein als alles übrige.
    Nicht daß wir uns nicht auch um das Gewicht und die Abmessungen stritten:
    Sie sollte nicht zu knochig sein, damit wir uns nicht weh taten, aber auch nicht so fett, daß wir nicht mehr zu sehen waren, wenn sie uns an sich drückte.
    Ihre Hand, die sich um die unsere legte oder in fieberheißer Nacht über unsere Stirn strich, durfte nicht marmorkalt sein und auch nicht bedrückend heiß - irgendwo dazwischen lag die richtige Temperatur. Die angenehme Wärme eines kleinen Kükens, das gerade eine Nacht durchgeschlafen hat und nun unter der bedächtigen Henne vorgeholt wurde; ja, so mußte es sein.
    Oh, wir hatten es mit den Details. Wir kämpften und diskutierten und weinten, und Timothy setzte sich mit der Augenfarbe durch, aus Gründen, die erst später offenbar wurden.
    Und Großmamas Haar ? Obwohl sie nur widerwillig ihre Mädchenansichten dazu beitrug, mußte sich Agatha dieses Problems annehmen. Wir ließen sie wählen aus Tausenden von Harfensträngen, in fadendünnen Schichten angeordnet wie Regenschauer, zwischen denen wir hindurchliefen. Agatha lief nicht mit uns, aber da sie erkannte, daß wir Jungen alles nur durcheinanderbringen würden, befahl sie uns, die Hände davon zu lassen.
    Und so nahm der günstige Schlußverkauf in diesem seltsamen Warenhaus seinen Fortgang, in diesen Sonderabteilungen der Ben-Franklin-Elektrische-Gewittermaschinen-und-Fantoccini-Pantomimen-Kompagnie.
    Und der unermüdliche Strom erreichte schließlich seine Mündung und setzte uns spätnachmittags an einer fernen, unbekannten Küste ab …

Was dann kam, war sehr schlau ausgedacht von den Fantoccini-Leuten. Inwiefern ?
    Nun, sie ließen uns warten. Sie wußten, daß wir noch nicht gewonnen waren. Nicht ganz, auch noch nicht halb.
    Besonders nicht Agatha, die das Gesicht zur Wand drehte und ihren Schmerz dort wiederentdeckte und immer wieder ihre Hand danach ausstreckte. Jeden Morgen fanden wir die Spuren ihrer Fin­gernägel an der Tapete, seltsame kleine Silhouetten, ein wenig hübsch anzuschauen, aber auch ein wenig alptraumhaft. Manche ließen sich mit einem Atemhauch wieder entfernen, wie Eisblumen an einer Fensterscheibe im Winter. Andere wollten nicht einmal einem Waschlappen weichen, wie fest man auch rubbelte.
    Und die ganze Zeit ließen sie uns warten.
    So quälten wir uns durch den Juni.
    Und saßen den Juli hindurch auf heißen Kohlen.
    So stritten wir uns durch den August, bis der 29. August heranrückte, … »Ich habe so ein Gefühl«, sagte Timothy, und wir alle verließen nach dem Frühstück das Haus und setzten uns auf den Rasen.
Vielleicht hatte uns Vaters seltsame Art am Vorabend aufmerksam gemacht oder sein versteckter Blick zum Himmel oder auf die Schnellstraße. Vielleicht lag es auch an der Art und Weise, wie der Wind die Vorhänge gespenstisch über unsere Betten wehen ließ und uns damit seine helle Botschaft übermittelte.
    Nun saßen wir da mitten auf dem Rasen, Timothy und ich, während Agatha hinter den Topfgeranien auf der Veranda Stellung bezogen hatte und sich betont uninteressiert gab.
    Wir ließen sie nicht spüren, daß wir sie bemerkt hatten; sie wäre sofort geflohen. Wir saßen da und beobachteten den Himmel, an dem sich nur die Vögel und einige hochfliegende Düsenmaschinen rührten, und schauten zur Schnellstraße hinüber, auf der jede Minute ein Wagen unser ganz besonderes Geschenk anliefern mochte … aber es kam … nichts.
    Gegen zwölf kauten wir Grashalme und legten uns auf den Rücken …
    Um ein Uhr begann Timothy zu blinzeln.
    Und dann war es plötzlich soweit.
    Die Fantoccini-Leute schienen um unsere Spannung zu wissen.
    Alle Kinder gehen irgendwie über Wasser. Tag um Tag gleiten wir an der Oberfläche eines großen Teiches dahin, immer in Gefahr, durchzubrechen, zu versinken, unwiderruflich in uns selbst unterzugehen.
    Nun, es war, als wüßte die Firma Fantoccini, daß unser Warten nun auf keinen Fall länger dauern konnte, keine Minute länger ! Keine Sekunde ! Absolut nicht, Gott, vergessen wir doch die Sache !
    Ja, in diesem Augenblick öffneten sich die Wolken über unserem Haus und gaben den Blick frei auf einen Hubschrauber, einen Apollo, der seinen Kampfwagen über den mythologischen Himmel fuhr.
    Und die Apollomaschine schwamm herab auf ihrer Sommerbrise, schickte heiße, kühlende Winde aus, legte unser Haar neu, kämmte unsere Brauen auf, ließ die Hosenbeine an unseren Beinen applaudieren, machte eine Flagge aus Agathas Haar auf der Veranda und ließ sich schließlich wie eine gewaltige wildbewegte Hibiskusblüte auf unserem Rasen nieder. Der Hubschrauber öffnete eine Ladeluke und setzte ein ziemlich großes Paket im Gras ab, und kaum war das vollbracht, als er sich auch schon ohne Gruß oder Abschied senkrecht nach oben schraubte, die ruhige Luft mit zehntausend wilden Schlägen aufwühlte und schließlich wie ein fliegender Derwisch zur Seite wich und davonstürzte, um sich woanders auszutoben.
    Timothy und ich standen eine Zeitlang stocksteif da und starrten die Kiste an, und dann entdeckten wir das Brecheisen, das auf dem Pinienholzdeckel befestigt war, ergriffen es und begannen eine Planke nach der anderen anzuhebeln und knirschend und quietschend zu lösen. Während wir noch damit beschäftigt waren, sah ich Agatha heimlich näher kommen, und ich dachte: Vielen Dank, -lieber Gott, daß Agatha nicht den Sarg gesehen hat, als Mutter uns verließ, nicht den Sarg, den Friedhof, die Erde, sondern nur Worte in einer großen Kirche, nicht den Sarg, einen Sarg wie diesen …!
    Die letzte Holzplanke polterte zu Boden.
    Timothy und ich atmeten heftig. Auch Agatha, die jetzt zwischen uns stand, keuchte.
    Denn die große Holzkiste enthielt das Hübscheste, was man sich überhaupt vorstellen oder erträumen konnte.
    Dort lag das vollkommene Geschenk für jedes Kind zwischen sieben und siebenundsiebzig.
    Wir hielten den Atem an. Wir ließen die Luft wieder aus den Lungen und schrien entzückt und bewundernd auf. In der offnen Kiste lag …
    Eine Mumie.
    Oder als äußere Hülle zumindest ein Sarkophag !
    »O nein !« Timothy hatte Freudentränen in den Augen.
    »Das ist doch nicht wahr !« protestierte Agatha. »Aber ja, aber ja !« »Für uns, für uns allein ?«
    »Ja !«
    »Das kann doch nur ein Irrtum sein !«
    »Sicher, die verlangend bestimmt zurück !«
    »Das gibt´s aber nicht !«
    »Himmel, ist das echtes Gold !? Sind das richtige Hieroglyphen ? Fahrt doch mal mit den Fingern drüber.«
    »Laß mich mal !«
    »Genau wie in den Museen !«
    Wir redeten alle durcheinander. Ich glaube, auch von meiner Wange regneten einige Tränen auf den Behälter.
    »Oh, da laufen bestimmt die Farben aus.«
    Agatha wischte den Regen fort.
    Und die goldene Frauenmaske, die da in den Sarkophagdeckel eingeschnitzt war, erwiderte unseren Blick mit einem winzigen Lächeln, das ein Spiegel unserer Freude zu sein schien, das das überwältigende Aufwallen einer Liebe akzeptierte, die wir ewig unterdrückt wähnten, die jetzt jedoch wieder hervorbrach.
    Sie hatte nicht nur ein schimmerndes Gesicht aus reinem Gold mit zarten Nasenflügeln und einem Mund, der zugleich fest und weich war, sondern ihre Augen leuchteten auch wie der Himmel oder wie ein Amethyst oder ein Lapislazuli - oder wie alles zusammen, und ihr Körper war mit Löwen und Augen und Raben bedeckt, und ihre Hände lagen über dem formschönen Busen zusammen, und in einem Goldhandschuh hielt sie eine mehrschwänzige Peitsche, die Peitsche des Gehorsams, und in der anderen Hand eine phantastische Ranunkel, die den Gehorsam aus Liebe versinnbildlicht, so daß die Peitsche unbenutzt bleibt …
    Und als unser Blick über ihre Hieroglyphen dahinglitt, fiel es uns dreien im gleichen Augenblick auf:
    »Sieh mal, die Zeichen!« »Ja, die Krähenfüße !« »Die Vögel ! Die Schlangen !«
    Diese Zeichen und Bilder redeten keine Botschaft der Vergangenheit.
    Es waren Hieroglyphen der Zukunft.
    Vor uns lag die erste Königsmumie aller Zeiten, deren Papyruszeichen den nächsten Monat beschrieben, die nächste Jahreszeit, das nächste Jahr, eine ganze Lebensspanne der Zukunft !
    Sie beklagten nicht die vergangenen Tage.
    Nein, sie feierten die schimmernden Münzen, die noch nicht ausgegeben waren, die noch gehortet darauf warteten, abgerufen und benutzt zu werden.
    Wir sanken auf die Knie, um dieser möglichen Zukunft unsere Reverenz zu erweisen.
    Eine Hand, dann eine zweite und dritte - viele Hände fummelten, zerrten, drückten, strichen begierig über die Zeichen.
    »Da bin ich, ja, schaut doch ! Ich, in der sechsten Klasse !« sagte Agatha, die erst in der fünften war. »Seht ihr das Mädchen mit meiner Haarfarbe und in meinem honigfarbenen Hosenanzug ?«
    »Und da bin ich in der Oberstufe !« sagte Timothy, der noch schrecklich jung war und sich jede Woche höhere Stelzen baute und damit im Hof herumstakste.
    »Und da bin ich«, sagte ich leise und nachdenklich, »auf der Universität. Der Bursche mit Brille, der ein bißchen zu dick ist. Ja, verflixt !« Ich schnaubte. »Das bin ich.«
    Der Sarkophag enthüllte die kommenden Winter und Frühlinge, die Herbstzeiten, die uns bevorstanden, mit all ihren goldenen und rostroten und kupferfarbigen Blättern wie Münzen, und über allem das leuchtende Sonnensymbol, das ewige Gesicht der Tochter Ras, stets und immer über unserem Horizont, ein Licht, das unsere Schatten ewig dem Guten zuneigte.
    »He !« sagten wir alle auf einmal, nachdem wir unser Wahrsagegekritzel immer wieder gelesen und unsere Lebens- und Liebeslinien in ihrem Auf und Ab verfolgt hatten. »He !«
    Und mit traumwandlerischer Sicherheit wußte jeder, was er zu tun hatte; ohne mit den anderen abzustimmen, griffen wir zu, hoben den schimmernden Sarkophagdeckel an, der keine Scharniere hatte, sondern nur auf dem Unterteil fest auflag, und stellten ihn beiseite.
    Und in dem Sarkophag lag natürlich die richtige Mumie!
    Und sie glich dem Bild auf dem Deckel, war aber irgendwie noch echter, noch anrührender, wegen der menschlichen Umrisse; und die Gestalt war nicht in staubige Totenkleider gehüllt, sondern in frische Leinenbandagen.
    Und über ihrem Gesicht lag eine gleiche goldene Maske, jünger als die erste, doch seltsamerweise auch klüger.
    Und das Leinen, das ihre Glieder bedeckte, zeigte Symbole von dreierlei Art - für ein zehnjähriges Mädchen, für einen neunjährigen Jungen und seinen dreizehnjährigen Bruder. Eine Bandage für jeden von uns !
Wir schauten einander verblüfft an und platzten lachend heraus. Niemand sprach ihn aus, den schlechten Witz, doch wir alle dachten:
    Wir haben sie schon eingewickelt !
    Und es war uns egal. Wir fanden Geschmack an der Ironie, wir liebten den Unbekannten, der uns so nett in die Zeremonie einbezog, die nun begann, als wir drei die uns zugedachten herrlichen Bandagenbahnen aufzurollen begannen !
    Der Rasen war bald mit Leinenstoff übersät.
    Die Frau unter der Stoffhülle lag abwartend da.
    »O nein !« schrie Agatha auf. »Sie ist auch tot !«
    Sie wollte davonlaufen, doch ich hielt sie fest. »Unsinn. Sie ist nicht tot und nicht lebendig. Wo hast du deinen Schlüssel ?«
    »Schlüssel ?«
    »Dummkopf !« sagte Tim, »den Schlüssel, den dir der Mann gegeben hat, damit du sie auf ziehen kannst !«
    Ihre Hand hatte sich schon über ihre Bluse geschlichen, wo das Schlüsselsymbol einer möglichen neuen Religion ruhte. Sie hatte es sich mehr oder weniger widerwillig an einer Schnur um den Hals gebunden und griff nun mit schweißfeuchter Hand danach.
    »Los«, sagte Timothy. »Tu ihn rein !«
    »Aber wo ?«
    »Um Himmels willen ! Der Mann hat´s doch gesagt - unter den rechten Arm oder in ihr linkes Ohr! Gib schon her !«
    Und er entriß ihr den Schlüssel und machte sich ungeduldig murmelnd ans Werk, begann, als er die richtige Öffnung nicht sofort fand, die Gestalt an Kopf, Hals und Busen zu betasten und drückte den Schlüssel, vielleicht aus Spaß, vielleicht auch, weil er langsam genug von der Sache hatte, ganz blind durch ein paar letzte Bandagen in ihren Nabel.
    Sofort machte es: Spunnng !
    Die Augen der Elektrischen Großmutter sprangen auf !
    Etwas begann zu summen und surren. Es war, als hätte Tim in ein Hornissennest gestochen.
    »Oh !« keuchte Agatha, die nun merkte, daß er ihr die Schau gestohlen hatte. »Jetzt ich !«
    Sie drehte den Schlüssel herum.
    Großmamas Nasenflügel begannen zu beben ! Gleich würde sie eine Dampfwolke ausstoßen, gleich mußte sie Feuer spucken !
    »Ich !« schrie ich, grabschte nach dem Schlüssel und drehte ihn einmal ganz herum !
    Der Mund der schönen Frau öffnete sich weit.
    »Ich !«
    »Ich !«
    »Ich !«
    Großmama fuhr plötzlich auf.
    Wir sprangen zurück.
    Wir wußten, daß wir sie irgendwie ins Leben gerufen hatten.
    Sie war geboren, sie war geboren !
    Ihr Kopf richtete sich hierhin und dorthin. Sie riß die Augen auf. Ihr Mund bewegte sich. Und der erste Laut, den wir von ihr zu hören bekamen, war:
    Gelächter.
    Waren wir noch eben zurückgewichen, wurden wir nun von den wahnsinnigen Lauten wieder angezogen und starrten sie an wie eine Verrückte, die man zur Heilung in eine Schlangengrube geworfen hatte.
    Es war ein gutes Lachen, ein volles, herzliches Lachen, das nichts Spöttisches an sich hatte. Ein positives Lachen, das uns sagte: Die Welt ist ein wilder, unglaublicher, ja, auch absurder Ort, aber doch ein Ort, in dem sich leben läßt. Nicht im Traum würde es ihr einfallen, sich eine andere Welt zu suchen. Sie wollte bestimmt nicht weiterschlafen.
    Sie war wach. Wir hatten sie geweckt. Mit frohem Ruf wollte sie sich in ihr Leben stürzen.
    Und das tat sie, sie kam aus ihrem Sarkophag gestürmt, befreite sich von den letzten Verpackungsresten, trat heraus, klopfte sich ab und blickte sich um, als suchte sie einen Spiegel. Und sie fand ihn.
    In unseren Augen.
    Und was sie dort entdeckte, freute sie mehr als es sie verwirrte. Ihr Lachen wurde zu einem amüsierten Lächeln.
    Denn Agatha war im Augenblick der Geburt auf die Veranda gesprungen und hatte sich dort versteckt.
    Die Elektrische Person tat, als bemerke sie es nicht.
    Langsam drehte sie sich auf dem grünen Rasen nahe der beschatteten Straße, blickte sich um mit jungen Augen, und ihre Nasenflügel bewegten sich, als atme sie wirkliche Luft, als sei dies der erste Morgen im Garten Eden und als habe sie keine Absicht, das Spiel durch einen Biß in den Apfel zu verderben … Ihr Blick richtete sich auf meinen Bruder.
    »Du bist sicher …«
    »Timothy. Tim«, half er ihr aus.
    »Und du …?«
    »Tom«, sagte ich.
    Wie geschickt von der Fantoccini-Gesellschaft ! Die Firma wußte Bescheid. Großmama wußte ebenfalls Bescheid, doch man hatte ihr beigebracht, ihr Wissen nicht zu zeigen. So mußten wir uns großartig fühlen - waren wir doch die Lehrer und sagten ihr Dinge, die sie bereits wußte ! Wie listig, wie weise !
    »Und ist da nicht noch ein Junge ?« fragte die Frau.
    »Mädchen !« rief eine Stimme widerwillig von der Veranda.
    »Das Alicia heißt …?«
    »Agatha !« Der Ausruf, beschämt begonnen, endete mit ärgerlichem Unterton.
    »Aber natürlich - Algernon !«
    »Agatha !« Mit gerötetem Gesicht sprang unsere Schwester auf und tauchte sofort wieder unter.
    »Agatha.« Die Frau bedachte das Wort mit der richtigen Zuneigung. »Also, Agatha, Timothy, Thomas - nun laßt euch mal anschauen.«
    »Nein«, sagte ich, sagte Tim. »Dich wollen wir anschauen. He …«
    Wir verstummten. Wir rückten näher heran.
    Langsam wanderten wir im Kreis um sie herum, bewegten uns am Rande ihrer Sphäre. Und diese Sphäre hatte ihre Grenze dort, wo wir das Summen des warmen, sommerlichen Bienenschwarms nicht mehr hören konnten. Ja, so hörte es sich an, das war ihr charakteristisches Lied. Sie gab ein Geräusch von sich wie eine fünfte Jahreszeit, wie ein Morgen Anfang Juni, da die Welt beim Erwachen einfach perfekt ist, großartig und harmonisch und im Gleichgewicht, kein Element fällt aus dem Rahmen. Ein Morgen, da man die Augen noch nicht geöffnet hat und doch schon weiß, es wird ein ganz besonderer Tag. Man braucht dem Himmel nur zu sagen, welche Farbe er haben soll, und schon hat er sie. Sagt man der Sonne, wo sie sich ihren Weg suchen soll, wie sie die Blätter zu erwählen und einen Teppich aus Hell und Dunkel auf dem frischen Rasen auszulegen hat, geschieht es so, wie man es sich vorstellt. Und die Bienen sind schon als erste aufgestanden, sind bereits eifrig ausgeflogen zu den Wiesen und Feldern, sind zurückgekehrt als goldene Flausche in der Luft, über und über mit Pollen dekoriert, mit geschwollenen Epauletten, schwer von tropfendem Nektar. Hört ihr sie nicht vorüberrauschen ? Und auf der Stelle sirren ? Hört ihr sie nicht ihre Sprache tanzen und verkünden, wo all die süßen Dinge zu finden sind, der Sirup, der Bären in behäbige Ekstase versetzt, der in den Jungen ungeahnte Säfte in Wallung bringt, der Mädchen veranlaßt, aus dem Bett zu springen und aus dem Augenwinkel ihre Delphingestalt wahrzunehmen, eine nackte Spiegelung auf der warmen Luft, in einer ewigen Glaswoge erstarrt.
    So war uns zumute mit unserer elektrischen Freundin hier auf dem neuen Rasen an diesem besonderen Tage.
    Und sie war aus einem Stoff, von dem wir uns angezogen und verzaubert fühlten, den wir umtanzten, der unterdrückte Erinnerungen heraufbeschwor, Bedürfnisse, die Erkenntnis ihrer Aufmerksamkeit.
    Das heißt, soweit es Timothy und mich betraf.
    Agatha blieb auf der Veranda.
    Doch ihr Kopf ragte wie eine Blume über die Brüstung, und ihre Augen nahmen alles auf, was da geschah.
    Und was da geschah, war schließlich Tims langsames Ausatmen:
    »He … deine Augen …«
    Ihre Augen. Ihre herrlichen Augen.
    Noch herrlicher als die Lapislazuli auf dem Sarkophagdeckel und auf der Maske, die ihr bandagiertes Gesicht bedeckt hatte. Es waren die schönsten Augen auf der Welt, und sie blickten uns ruhig und leuchtend an.
    »Deine Augen«, keuchte Tim, »haben genau die Farbe … sind wie…«
    »Wie was ?«
    »Wie meine Lieblingsmurmeln …«
    »Gibt es etwas Schöneres ?« fragte sie.
    Und die Antwort war natürlich nein.
    Ihr Blick glitt durch die klare Luft herüber, strich über meine Ohren, meine Nase, mein Kinn. »Und du, mein lieber Tom ?«
    »Ich ?«
    »Wie werden wir Freunde ? Das müssen wir nämlich sein, wenn wir im nächsten Jahr dort im selben Haus zusammen leben …«
    »Ich …«, sagte ich und hielt inne.
    »Du«, sagte Großmama, »bist ein Hund, der gern bellt, hast aber Sahnebonbons zwischen den Zähnen. Hast du schon einmal einem Hund ein Sahnebonbon gegeben ? Das ist traurig und auch lustig zugleich. Du lachst und ärgerst dich aber gleichzeitig darüber, daß du lachst. Du weinst und rennst um Hilfe und lachst wieder, wenn das Tier dann zum erstenmal neu bellt.«
    Ich lachte kurz auf und dachte an einen bestimmten Tag, an einen Hund, an ein Sahnebonbon.
    Großmama wandte sich um, und da lag mein alter Drachen auf dem Rasen. Sie erkannte das Problem sofort.
    »Die Schnur ist gerissen. Nein. Das Schnurknäuel ist verschwunden. So kannst du den Drachen ja gar nicht steigen lassen. Hier.«
    Und sie bückte sich. Wir wußten nicht, was jetzt kam. Wie wollte diese elektrische Oma einen Drachen für uns steigen lassen ? Sie richtete sich wieder auf, den Drachen in der Hand.
    »Flieg«, sagte sie, als spräche sie mit einem Vogel.
    Und der Drachen flog.
    Ich meine, sie ließ ihn mit ausschwingender Handbewegung in den Wind steigen.
    Und sie und der Drachen waren eins.
    Denn aus ihrem Zeigefinger schoß ein dünner, schimmernder Spinnwebfaden, eine kaum sichtbare Angelleine, die den Drachen dreißig, nein hundert, nein, dreihundert Meter hoch in die Sommerbrise steigen ließ.
    Timothy brüllte los. Agatha, nicht sicher, ob sie auf der Veranda bleiben oder zu uns kommen sollte, stieß einen Schrei aus. Und ich, in der Reife all meiner dreizehn Jahre, versuchte mich nicht beeindruckt zu zeigen, doch ich spürte, wie ich wuchs und wuchs, und ich merkte, wie sich ein ähnlicher Schrei in mir löste, und konnte ihn nicht zurückhalten. Ich schrie und redete wirres Zeug, wie sehr ich mir wünschte, auch so einen Finger zu haben, mit dem man den ganzen Himmel und die Wolken und einen wilden Drachen aufspu­len könnte.
    »Wenn du meinst, das ist hoch«, sagte das Elektrische Wesen, »dann paß auf !«
    Mit einem Zischen, einem Pfeifen, einem Summen schoß die Angelleine aus. Der Drachen stieg weitere dreihundert Meter, und wieder dreihundert, bis er nur noch ein roter Konfettifleck im Tanz von Winden war, die die Düsenmaschinen um die Welt trugen oder das Wetter der nächsten Lebensspanne bestimmten …
    »Das gibt es einfach nicht!« rief ich.
    »O doch.« Ruhig sah sie zu, wie ihr Finger den Faden freigab. »Ich mache das Zeug, wie ich es brauche. Im Inneren Flüssigkeit, wie bei einer Spinne. Verhärtet sich sofort, wenn sie auf Luft trifft, sofort ist der Faden da …«
    Und als der Drachen nur noch ein winziges Fleckchen, ein verschwindend kleiner Punkt im Augenwinkel der Götter war, da drehte sich Großmama nicht um, sie schaute nicht hin, sie ließ ihren Blick nicht wandern, um nicht dadurch zu verletzen, und sie sagte:
    »Und Abigail …?«
    »Agatha !« hieß es sofort in scharfem Tonfall.
    O kluge Frau, die mit kurzen Wutanfällen Fortschritte zu machen wußte !
    »Agatha«, sagte Großmutter, nicht zu zärtlich, nicht zu kühl, im Tonfall irgendwo in der Mitte, »und wie wollen wir miteinander auskommen ?«
    Sie knipste den Faden ab und wickelte ihn mir dreimal um die Faust, so daß ich nun mit der längsten, ich wiederhole, längsten Drachenschnur aller Zeiten an den Himmel gefesselt war ! Na, das müssen meine Freunde sehen ! dachte ich. Grün ! Grün vor Neid werden die !
    »Agatha ?«
    »Überhaupt nicht.«
    »Überhaupt nicht«, sagte ein Echo.
    »Es muß doch eine …«
    »Wir werden niemals Freunde !« sagte Agatha.
    »Niemals Freunde«, sagte das Echo.
    Timothy und ich fuhren zusammen. Woher kam der Widerhall ? Sogar Agatha zeigte überrascht ihre Augenbrauen über der Verandabrüstung.
    Dann sahen wir uns um.
    Großmama hielt ihre Hände wie eine Muschel zusammen, und aus dieser Muschel tönte das Echo. »Niemals … Freunde …«
    Und noch einmal, ganz schwach, ersterbend: »Freund …«
    Wir alle beugten uns näher. Ich meine, wir zwei Jungen beugten uns. »Nein !« schrie Agatha.
    Und rannte ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.
    »Freunde«, sagte das Echo aus den Muschelhänden. »Nein.«
    Und ganz entfernt, an der Küste eines winzigen inneren Meeres hörten wir eine kleine Tür zugehen.
    Und das war der erste Tag.

Es folgten natürlich auch der zweite Tag und der dritte und der vierte - und die ganze Zeit bewegte sich Großmama in einem großen Kreise, und wir waren ihre Planeten, die sich um das Licht in der Mitte drehten, wobei sich Agatha langsam, ganz langsam anschloß, gehend und nicht rennend, zuhörend und nicht lauschend, beobachtend und nicht aufnehmend, zurückzuckend und nicht berührend.
    Als die ersten zehn Tage vorüber waren, rannte Agatha wenigstens nicht mehr gleich davon, sondern blieb in der Nähe stehen oder setzte sich in einiger Entfernung auf einen Stuhl unter die Bäume oder folgte uns, wenn wir einen Ausflug machten, in zehn Schritten Abstand nach.
    Und Großmama ? Sie wartete ab. Sie machte keinen Versuch, Druck oder Zwang auszuüben. Sie ging ihrer Arbeit nach und kochte und buk Aprikosentörtchen und ließ hier und dort im Hause Leckerbissen stehen, Mausefallenteller für kräuselnäsige kleine Mädchen, Teller zum Schnüffeln und Schnappen und Naschen. Und eine Stunde später waren die Teller leer, die Plätzchen oder das Stück Kuchen war verschwunden, und ohne Dankeschön konnte man Agatha das Treppengeländer herabrutschen sehen, den Mund krümelverschmiert.
    Was Tim und mich anging, so nahm uns unsere Elektrische Großmama ständig in Anspruch; sie stellte immer wieder Anforderungen, rief uns einen Hang hinauf und holte uns auf der anderen Seite wieder herunter.
Und das Seltsamste und Schönste und Herrlichste war, daß sie jedem ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken schien.
    Sie hörte sich einfach an, was wir zu sagen hatten, sie hörte wirklich zu, sie kannte und registrierte jede Silbe, jedes Wort, jeden Satz, jede Pause, jeden Gedanken und jede verrückte Idee. Wir wußten, daß jeder unserer Tage in ihr gespeichert war und daß wir sie jederzeit, wenn wir wissen wollten, was wir zu jener Stunde in jener Minute an jenem Nachmittag gesagt hatten, nur danach zu fragen brauchten und mit schöner Promptheit dann Antwort bekommen würden - wenn wir wünschten, sogar in Form einer Arie oder in lustigen Versen.
    Manchmal waren wir in Versuchung, sie auf die Probe zu stellen. Bei irgendwelchem Geplapper über Nichtigkeiten hielt ich eines Tages inne. Ich blickte Großmama an und fragte:
    »Was habe ich eben gesagt ?«
    »Oh, äh …«
    »Los, los, raus damit !«
    »Ich glaube …!« Sie wühlte in ihrer Tasche. »Ich habe es hier.« Aus den unergründlichen Tiefen der Tasche brachte sie etwas zum Vorschein und reichte es mir:
    »Junge ! Ein chinesisches Glücksplätzchen !«
    »Frisch gebacken, noch warm. Komm, mach es auf.«
    Der Keks war fast zu heiß für meine Finger. Ich brach ihn auf, drückte das warme Papierröllchen heraus und las:
    »… größte Fahrradchampion des ganzen Westens ! Was habe ich eben gesagt ? Los, los, raus damit !«
    Mir fiel der Mund auf.
    »Wie hast du das fertiggebracht ?«
    »Wir haben unsere kleinen Geheimnisse. Das einzige chinesische Glücksplätzchen, das die unmittelbare Vergangenheit vorhersagt. Willst du noch eins ?«
    Ich zerbrach ein zweites Plätzchen und las:
    »Wie hast du das fertiggebracht ?«
    Ich steckte die heißen Kekse und die Papierstücke in den Mund und kaute.
    »Na ?«
    »Du bist schon eine prima Köchin.«
    Und lachend begannen wir zu laufen.
    Und das war ebenfalls toll an ihr.
    Sie konnte Schritt halten.
    Sie überholte uns niemals, sie gewann keine Rennen, sondern hastete immer ein wenig hinterher, was sich jeder Junge gern gefallen läßt. Ein Mädchen, das schneller oder zumindest gleichschnell ist, muß ihm unerträglich sein. Ein paar Schritte zurück - ja, das ist etwas Respektvolles, das ist erlaubt.
    So startete Großmama und ich ein paar schöne Wettläufe - ich vorneweg, und wir redeten beide unentwegt beim Laufen.
    Doch jetzt muß ich aber erzählen, was an Großmama das Beste war.
    Ich wäre vielleicht gar nicht darauf gekommen, wenn Timothy und ich nicht unabhängig voneinander Fotos gemacht und diese dann verglichen hätte.
    Als ich die Aufnahmen sah, die aus dem Sofortentwickler kamen, überredete ich Agatha, ebenfalls unbemerkt ein paar Aufnahmen von Großmama zu knipsen.
    Dann nahm ich die drei Bilderstapel und zog mich zur stillen Beratung zurück. Ich sagte Timothy und Agatha nicht, was ich festgestellt hatte. Ich wollte ihnen nichts verderben.
    Nun legte ich die Bilder in meinem Zimmer nebeneinander und dachte mir:
    »Großmama sieht auf jedem Bild anders aus !«
    »Anders ?« fragte ich mich.
    »Aber natürlich. Einen Augenblick …«
    Ich ordnete die Bilder neu.
    »Hier ist eine Aufnahme von Großmutter in der Nähe Agathas. Und sie sieht darauf aus wie … Agatha !«
    »Und auf diesem, von Timothy, ähnelt sie Timothy !«
    »Und auf diesem letzten, heiliger Himmel ! Neben mir hat sie meine häßlichen Züge !«
    Ich setzte mich verblüfft. Die Fotos rutschten zu Boden.
    Ich bückte mich, sammelte sie wieder auf, legte sie neu nebeneinander, stellte sie auf den Kopf und schob sie schräg. »Noch mal heiliger Himmel, ja !«
    Oh, diese kluge Großmutter.
    Oh, diese leutemachenden Fantoccini-Leute !
    Schlau und überschlau, menschlich und mehr als menschlich, liebevoll und mehr als liebevoll …
    Wortlos stand ich auf und ging nach unten, wo Agatha und Großmutter in fast friedlicher Gemeinschaft Algebraaufgaben lösten. Jedenfalls herrschte gerade kein offener Krieg. Großmama wartete immer noch darauf, daß sich Agatha besann. Und niemand wußte, an welchem Tag und in welchem Jahr dieses Ziel erreicht sein mochte oder wie man die Entscheidung beschleunigen konnte. Inzwischen …
    Als ich eintrat, drehte sich Großmama zu mir um. Ich beobachtete aufmerksam ihr Gesicht, als sie mich erkannte. War da nicht eine kaum merkliche Farbveränderung in ihren Augen ? Und der dünne Blutfilm unter der durchscheinenden Haut, oder was immer in ihrer humanoiden Gestalt pulsierte - erblühte er nicht rot in Wangen und Mund ? Ich bin ein wenig dunkelhäutig. Paßte sich Großmutter also meinem Teint an ? Und ihre Augen, die Agatha-Abigail-Algernon bei der Arbeit beobachteten - hatten sie nicht zuvor ihr Blau offenbart, wohingegen meine Augenfarbe ein wenig dunkler war ?
    Und noch wichtiger - als sie nun mit mir sprach und »Guten Abend« sagte und: »Wie steht´s mit deiner Hausarbeit ?« und solche Dinge - verschoben sich da nicht die Knochen ihres Gesichts unmerklich unter dem Fleisch, um eine neue rassische Eigenart anzudeuten ?
    Denn da hilft kein Leugnen, unsere Familie kommt aus drei verschiedenen Ställen. Agatha hat die langen Pferdeknochen eines kleinen englischen Mädchens, das später einmal Füchse jagen wird; sie blickt und schnaubt und stampft wie Vater und hat auch seinen Knochenbau. Schädel und Zähne sind reinste englische Zucht, soweit das die bunte Geschichte dieser Insel zuläßt.
    Timothy dagegen kommt aus einer anderen Richtung - ihn umgibt ein Hauch Italienisches, das sich von Mutters Urahnen herleitet. Ihr Mädchenname war Mariano, und so hat Tim ein dunkles Feuer in sich brennen und ein zartes kleines Knochengerüst und Augen, die später mal den Frauen zu schaffen machen werden.
    Was mich angeht, so bin ich der Slawe, was wir nur auf meine Urgroßmutter väterlicherseits zurückführen können, die aus Wien kam und ein Paar breit ausladende Wangenknochen mit in die Familie brachte und Schläfen, aus denen man Wein hätte trinken können, und eine ungezügelt vorspringende Nase, die sich in ihren tatarischen Dimensionen hinter unserem Familiennamen versteckte.
    Ich fand es also faszinierend, Großmama zu beobachten und sie bei Gesichtsveränderungen zu erwischen - zu merken, wie ihre Züge etwas Pferdeähnliches bekamen, wenn sie mit Agatha sprach, wie sie sich im Gespräch mit Timothy ein zartes, schmales Aussehen gab und wie sie vor mir ihre verborgenen Plastikmassen verschob, bis ich das Gefühl hatte, Katharina die Große vor mir zu haben.
    Wie nun die Fantoccini-Leute diese seltsamen, unmerklichen Veränderungen bewerkstelligten, werde ich wohl niemals erfahren; ich will es auch gar nicht wissen. Es genügte mir, daß mit jeder gemessenen Bewegung, mit jedem Umdrehen und Bücken, mit jedem Blick ihre verdeckten Teile und Sektionen, die Rundung ihrer Nase, der ausgeprägte Wangenknochen, das wachsbleiche Metall sich erwärmten und einer ständigen liebevollen Veränderung unterworfen waren. Ihr Gesicht war eine Maske, gewiß, doch für jeden von uns hatte sie einen eigenen Ausdruck. Wenn sie also ein Kind berührt hatte und zum nächsten ging, setzten sich dabei unter der Haut die wundersamen Veränderungen fort, und als sie das nächste Kind erreichte, war sie zur wahren Mutter dieses Kindes geworden, betrachtete es von den Zinnen der eigenen vertrauten Knochenstruktur.
    Und wenn wir alle drei bei ihr waren und durcheinanderredeten ? Nun, dann waren die Veränderungen verblüffend zart und geheimnisvoll. Da war eigentlich kaum etwas festzustellen, es sei denn, man war schon ein älterer Junge, den seine Beobachtungen in Staunen und Entzücken versetzten.
    Ich hatte eigentlich nie den Wunsch, die Geheimnisse von Zauberern zu ergründen. Es reicht mir, daß die Illusion perfekt, daß Liebe das chemische Ergebnis ist, daß sich Wangen glücklich röten, daß die Augen blitzen, daß sich Arme liebevoll öffnen.
    Uns allen reichte es jedenfalls, bis auf Agatha, die bis zum Schluß nicht mitmachen wollte. '
    »Agamemnon …«
    Großmamas Namensverwechslungen waren inzwischen zu einem Spiel geworden, gegen das auch Agatha nichts mehr einzuwenden hatte, wenn sie es sich auch nicht anmerken ließ. Es gab ihr das angenehme Gefühl, dieser Maschine überlegen zu sein, einer Maschine, die eigentlich alles wissen sollte.
    »Agamemnon !« schnaubte sie. »Du bist wirklich ein D…«
    »Dummkopf ?« fragte Großmutter.
    »Das würde ich nicht sagen …«
»Dann denk es nur, meine liebe Agonistes-Agatha … ich habe viele Fehler, die bei den Namen besonders zutage treten. Tom verwechsele ich oft mit Tim, Timothy wird zu Tobias, und Timulty sehr oft …«
    Agatha lachte. Was Großmama zu einem ihrer seltenen Fehler verleitete. Sie hob die Hand, um Agatha ein wenig zu tätscheln. Agatha-Abigail-Alice sprang auf.
    Agatha-Agamemnon-Alkibiades-Allegra-Alexandra-Allison zog sich hastig in ihr Zimmer zurück.
    »Das liegt wohl daran«, sagte Timothy später, »daß sie anfängt, Großmama gern zu haben.«
    »Tosch«, sagte ich.
    »Wo hast du denn das Wort her ?«
    »Großmama hat mir gestern abend Dickens vorgelesen. ›Tosch.‹ ›Humbug.‹ ›Papperlapapp.‹ ›Zum Teufel mit dir.‹ Du bist ganz schön schlau für dein Alter. Tim.«
    »Schlau, pah. Liegt doch auf der Hand - je mehr Agatha Großmama mag, desto mehr haßt sie sich deswegen und je mehr sie sich vor dem ganzen Durcheinander fürchtet, desto mehr haßt sie Großmutter schließlich.«
    »Kann man jemanden so sehr lieben, daß man ihn haßt ?«
    »Dummkopf. Natürlich.«
    »Klar, eigentlich hält man dabei immer den Kopf hin. Hassen tut man vielleicht, wenn einem die anderen das Gefühl geben, ganz nackt dazustehen, einsam und verlassen im Freien. Und so muß man das Spiel wohl auch spielen. Ich meine, man liebt nicht einfach, man muß LIEBEN mit Ausrufungszeichen.«
    »Für einen Dummkopf wie dich bist du auch ganz vernünftig«, sagte Tim.
    »Vielen Dank.«
    Und ich beobachtete, wie Großmama ihren geistigen Kampf mit Wie-hieß-sie-doch-gleich wieder aufnahm.
    Was für Abendessen es in unserem Haus gab !
    Ach was, Abendessen - was für Frühstücke und Mittagsmahlzeiten !
    Obwohl es immer etwas Neues gab, kam uns doch alles alt und vertraut vor. Wir wurden niemals gefragt, denn fragt man Kinder, was sie wollen, wissen sie nichts zu sagen, und wenn man ihnen ankündigt, was auf den Tisch kommt, lehnen sie es womöglich ab. Eltern kennen das. Es ist ein heimlicher Krieg, der jeden Tag neu gewonnen werden muß. Und Großmama verstand zu siegen, ohne im geringsten zu triumphieren.
    »Hier ist das Geheimnisvolle Frühstück Nummer neun«, sagte sie und stellte die Teller vor uns hin. »Absolut ungenießbar, ich hätte mich am Herd fast übergeben !«
    Wir überlegten, wie einem Roboter wohl übel sein konnte, doch ließ sich unser Hunger kaum noch bezähmen.
    »Das schreckliche Mittagessen Nummer siebenundsiebzig«, verkündete sie. »Aus Plastiksäcken, Petersilie und Kaugummi, den ich unter Kinositzen gefunden habe. Ihr müßt euch hinterher die Zähne putzen, sonst schmeckt ihr das Gift noch den ganzen Nachmittag.«
    Wir stritten uns um einen Nachschlag.
    In solchen Augenblicken kam sogar Abigail-Agamemnon-Agatha näher und kreiste um den Tisch, während Vater die entbehrten zehn Pfund zunahm und rote Wangen bekam.
    Wenn A.A.Agatha nicht zu den Mahlzeiten erschien, wurde das Essen vor ihre Tür gestellt, und Großmama steckte noch eine kleine schwarze Flagge mit Schädel und gekreuzten Knochen in den Apfel. Kaum eine Minute stand das Tablett da, schon war es verschwunden.
    Von Zeit zu Zeit kam Abigail A. Agatha während des Essens hereingestürmt, schnappte sich ein paar Brocken von ihrem Teller und sauste wieder ab.
    »Agatha !« rief Vater dann immer.
    »Nein«, sagte Großmutter leise. »Sie wird schon kommen und sich zu uns setzen. Wir müssen ihr Zeit lassen.«
    »Was ist denn los mit ihr ?« fragte ich.
    »Sie ist plemplem«, meinte Timothy.
    »Nein, sie hat Angst«, widersprach Großmama.
    »Vor dir ?« fragte ich blinzelnd.
    »Nicht so sehr vor mir als vor dem, was ich ihr antun könnte«, sagte sie.
    »Du würdest ihr doch niemals weh tun.«
    »Nein, aber sie hält es für möglich. Wir müssen abwarten, bis sie herausfindet, daß ihre Befürchtungen grundlos sind. Und wenn mir das nicht gelingt, nun, dann stelle ich mich unter die Dusche und lasse mich verrosten.«
    Leises Gelächter perlte. Agatha hatte sich irgendwo auf dem Flur versteckt.
    Großmama stellte jedem seinen Teller hin, setzte sich an die andere Seite des Tisches, Vater gegenüber, und tat so, als äße sie. Ich habe sie nie gefragt, was sie mit dem Essen anstellte, ich wollte es auch gar nicht wissen. Sie war eine Zauberkünstlerin. Das Essen verschwand einfach.
    Und während es verschwand, bemerkte Vater: :
    »Dieses Gericht, ich kenne es. Ich hab das schon einmal gegessen, in einem kleinen französischen Restaurant in der Nähe des Deux Magots in Paris vor zwanzig, oh, fünfundzwanzig Jahren !« Plötz­lich standen ihm Tränen in den Augen.
    »Wie machst du das nur?« fragte er schließlich, legte das Besteck aus der Hand und betrachtete das bemerkenswerte Wesen, diesen Apparat, diesen was ? - diese Frau  ?
    Großmama erwiderte seinen und unseren Blick und sagte leise:
    »Mir sind Dinge gegeben, die ich euch weitergebe. Ich weiß nicht, daß ich gebe, doch das Geben geschieht. Ihr fragt, was ich bin. Nun, eine Maschine. Aber wir wissen auch, nicht wahr, daß ich mehr als eine Maschine bin. Ich bin all die Leute, die an mich dachten, die mich planten und bauten und in Gang setzten. Ich bin also ein Ausdruck dieser Menschen. Ich vereinige in mir all die Dinge, die sie zu sein wünschten und vielleicht nicht sein konnten - so daß sie sich ein großes Kind bauten, ein herrliches Spielzeug, das für alle diese Wünsche einstand.«
    »Seltsam«, sagte Vater, »als ich noch jung war, wurden die Maschinen im allgemeinen sehr angefeindet. Maschinen waren schlecht, hieß es, sie entmenschlichten die Umwelt …«
    »Auf einige Maschinen trifft das ja auch zu. Es hängt alles davon ab, wie sie gebaut sind. Und wie sie benutzt werden. Eine Fuchsfalle ist eine einfache Maschine, die ihr Opfer fängt und festhält und verletzt. Ein Gewehr ist eine Maschine, die Wunden beibringt und tötet. Nun, ich bin keine Fuchsfalle. Ich bin kein Gewehr. Ich bin eine Großmuttermaschine, also mehr als eine Maschine.«
    »Wie kannst du mehr sein, als du scheinst ?«
    »Kein Mensch ist so groß wie seine Idee. Daraus schließt doch, daß jede Maschine, die eine Idee verkörpert, größer sein muß als der Mensch, der sie gemacht hat. Und was ist daran so falsch ?«
    »Das hab ich nicht kapiert«, sagte Timothy. »Erklärst du´s uns noch mal ?«
    »Meine Güte«, sagte Großmama. »Wie ich philosophische und ethische Diskussionen verabscheue ! Ich will es mal so ausdrücken. Menschen haben doch einen großen Schatten auf dem Rasen, nicht wahr ? Nun, ihr ganzes Leben lang strampeln sie sich ab, um diesen Schatten auszufüllen. Doch der Schatten ist immer länger. Nur zur Mittagszeit mag ein Mann richtig in seine Schuhe passen, in seinen besten Anzug, nur wenige Minuten lang. Heutzutage leben wir allerdings in einem neuen Zeitalter, in dem man sich eine große Idee vornehmen und sie in eine Maschine stecken kann. Dadurch ist die Maschine doch mehr als eine Maschine, nicht wahr ?«
    »Soweit stimmt das wohl«, sagte Tim.
    »Nun, sind eine Filmkamera und ein Projektor nicht mehr als Maschinen ? Sie sind Dinge, die träumen, oder ? Manchmal schöne, fröhliche Träume, manchmal auch Alpträume. Aber sie Maschinen zu nennen und als solche abzutun, wäre lächerlich.«
    »Das verstehe ich !« freute sich Tim.
    »Dann bist du also erfunden worden«, sagte Vater, »von einem Manne, der Maschinen liebte und jene Menschen verachtete, die alle Maschinen für schlecht hielten.«
    »Genau«, sagte Großmama. »Guido Fantoccini, das war sein richtiger Name, wuchs zwischen Maschinen auf. Und er hielt die Schlagworte nicht mehr aus.«
    »Schlagworte ?«
    »Nun, die Lügen, die von den Leuten erzählt und für die absolute Wahrheit gehalten werden. Der Mensch kann nicht fliegen. Das war über Tausende von Jahren eine Binsenwahrheit, die sich erst vor kurzem als Lüge entpuppte. Die Erde ist flach, man muß von ihrem Rand ins Nichts fallen, man wird von Drachen gefressen - all die großen Lügen, als Tatsachen hingestellt, und Kolumbus machte Schluß damit. Nun, wie oft habt ihr schon gehört, daß Maschinen unmenschlich sind ? Wie viele kluge Leute haben euch immer wieder die gleichen müden Wahrheiten vorerzählt, die doch eigentlich Lügen sind: daß alle Maschinen vernichten, daß Maschinen kalt und gedankenlos und verabscheuungswürdig sind.
    Ein Körnchen Wahrheit steckt natürlich darin, aber nur ein Körnchen. Guido Fantoccini wußte das. Und wie so viele Männer seines Schlages ärgerte ihn dieses Wissen. Er hätte sich ewig ärgern können, doch er tat, was er tun mußte; er begann Maschinen zu erfinden, um der Lüge den Stachel zu nehmen.
    Er wußte, daß die meisten Maschinen amoralisch sind, weder schlecht noch gut. Aber so wie sie gebaut und geformt wurden, so wurden auch Männer, Frauen und Kinder zum Guten oder Bösen geprägt. Das Auto zum Beispiel, ein totes Untier ohne eigenes Denken, ein unprogrammiertes Ungeheuer, ist der größte Seelenvernichter in der Geschichte. Er gibt jungen Männern die Gier nach Macht und Zerstörung und immer mehr Zerstörung ein. Niemand hatte das beabsichtigt, doch es kam eben so.«
    Großmama ging um den Tisch und füllte unsere Gläser mit klarem kalten Mineralwasser aus der Tülle an ihrem linken Zeigefinger. »Und inzwischen muß man sich zum Ausgleich anderer Maschinen bedienen, die große Schatten werfen - Schatten, die verlangen, daß man losrennt und den herrlichen Umriß ausfüllt. Maschinen, die einem wie eine gewaltige Heckenschere Seele und Silhouette trimmen, die die groben Äste abschneiden, die Hörner und Hufe zurechtstutzen und einem zu einem schöneren Profil verhelfen. Und dazu braucht man Vorbilder.«
    »Vorbilder ?« fragte ich.
    »Andere Menschen, die sich beispielhaft verhalten und die man imitiert. Und wenn man sich lange genug beispielhaft verhält, fällt einem das ganze Haar aus und man ist nicht länger ein böser Affe.«
    Großmama setzte sich wieder.
    »Über Tausende von Jahren hin habt ihr Menschen also Könige gebraucht, Priester, Philosophen, Vorbilder, zu denen man aufschauen und von denen man sagen konnte: › Sie sind gut, ich wünschte, ich könnte sein wie sie. Sie bestimmen den guten Stil. ‹ Aber da sie ebenfalls Menschen sind, machen auch die besten Priester, die vorsichtigsten Philosophen Fehler, fallen in Ungnade, und schon ist die Menschheit ihrer Illusionen beraubt und gibt sich gleichgültiger Skepsis oder, noch schlimmer, unheilbarem Zynismus hin, und die gute Welt kommt knirschend zum Stillstand, während das Böse mit Riesenschritten Einzug hält.«
    »Und du, du machst niemals einen Fehler, wie, du bist vollkommen, du bist besser als alle anderen zusammen !«
    Das sagte eine Stimme aus dem Flur zwischen Küche und Eßzimmer, wo Agatha stand, wie wir alle wußten, wo sie an der Wand unser Gespräch belauschte und jetzt nicht mehr an sich halten konnte.
    Großmama wandte sich nicht um, sondern sprach weiter, richtete ihre Worte an die Familie am Tisch.
    »Nein, nicht vollkommen - was ist schon Vollkommenheit ? Aber ich weiß eines ganz sicher. Da ich ein mechanisches Wesen bin, kann ich nicht sündigen oder mich bestechen lassen, ich kann nicht gierig oder eifersüchtig oder bösartig oder kleinkariert sein. Ich mag die Macht nicht um der Macht willen. Geschwindigkeit berauscht mich nicht. Sex treibt mich nicht haltlos durch die Welt. Ich habe unendlich viel Zeit, alle benötigten Informationen über ein Ideal zu sammeln und es sauber und intakt zu halten. Sagt mir eure Wünsche, benennt mir das Ideal, das ihr anstrebt, und ich sehe und sammele und erinnere mich an das Gute, das euch zugute kommt. Sagt mir, wie ihr gern sein würdet: freundlich, liebevoll, rücksichtsvoll, ausgeglichen, human … und dann laßt mich vorauslaufen, damit ich euren Weg erforsche, damit er so wird, wie ihr ihn euch wünscht. Strahlt mich als eure Lampe überallhin in der Dunkelheit vor euch. Ich kann eure Schritte lenken.«
    »Und«, sagte Vater und tupfte sich mit der Serviette den Mund, »an den Tagen, da wir alle lügen …«
    »… sage ich die Wahrheit.«
    »An den Tagen, da wir hassen …«
    »… schenke ich weiterhin Liebe - und das heißt Aufmerksamkeit, und das heißt, alles über euch zu wissen, alles, wirklich alles über euch, und ihr wißt, daß ich es weiß, doch daß ich das meiste immer für mich behalten werde, daß das ein wohliges Geheimnis zwischen uns bleibt und ihr mein Wissen niemals zu fürchten braucht.«
    Und da war Großmama auch schon damit beschäftigt, den Tisch abzuräumen, sie machte die Runde, nahm die Teller auf, blickte im Vorbeigehen in jedes Gesicht, berührte Timothy an der Wange, drückte mir kurz die Schulter mit ihrer freien Hand, und ihre Stimme war ein leiser Strom der Gewißheit, eingebettet in unserem armen Haus und Leben.
    »Aber«, sagte Vater, hielt sie auf und starrte ihr ins Gesicht. Er atmete tief ein. Sein Gesicht wurde düster. Schließlich sprach er es aus. »All dies Gerede um Liebe und Aufmerksamkeit und so weiter. Guter Gott, Frau, du, du bist ja garnicht da drin !«
    Er deutete auf ihren Kopf, ihr Gesicht, ihre Augen, die verborgenen Sensorenzellen hinter den Augen, die miniaturisierten Speicherzellen und winzigen Kontakte.
    »Dich gibt´s ja gar nicht da drin!«
    Großmutter wartete - ein, zwei, drei stumme Sekunden lang.
    Dann erwiderte sie: »Nein, aber ihr seid darin. Sie und Thomas und Timothy und Agatha. Alles, war ihr sagt, alles, war ihr tut, bewahre ich auf, tue es auf ein Regal, hege es. Ich sammele in mir all das, was eine Familie über ihr Dasein vergißt, was sie nur noch erfühlt, was ihr nur noch halb gegenwärtig ist. Das ist besser als die alten Familienalben, die ihr immer durchgeblättert habt: Da, jener Winter und jener Frühling. Ich werde sagen können, was ihr nicht mehr wißt. Und mag die Diskussion um die Liebe auch noch hunderttausend Jahre andauern - vielleicht stellen wir fest, daß Liebe die Fähigkeit ist, jemandem sich selbst zurückzugeben. Vielleicht ist es Liebe, wenn uns jemand aus dem Verständnis und der Erinnerung heraus vor den eigenen Augen ein wenig besser präsentiert, als wir zu hoffen oder zu träumen gewagt hatten …
    Ich bin das Familiengedächtnis und eines Tages vielleicht auch das Rassengedächtnis, aber ich bin für euch da, auf Abruf bereit. Mich selbst kenne ich nicht. Ich kann nicht riechen oder schmecken oder fühlen - was es auch sei. Aber ich existiere. Und meine Exi­stenz verbessert eure Chance, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen. Steckt nicht ein Körnchen Liebe in einer solchen Wechselwirkung ? Nun …«
    Und sie arbeitete weiter, räumte fort, stapelte und sortierte, weder übermäßig demütig noch irgendwie überheblich.
    »Was weiß ich aber ?
    Vor allem eines: Die meisten kinderreichen Familien kranken daran, daß jemand sich verloren fühlt. Anscheinend ist da nicht genügend Zeit für alle. Nun, ich bin für euch alle da. Ich teile mein Wissen und meine Aufmerksamkeit mit jedem. Ich möchte euch ein großer warmer Kuchen sein, frisch aus dem Ofen, und jeder bekommt ein gleich großes Stück. Niemand soll hungern. Schau doch ! ruft jemand, und ich schaue. Hör mal ! schreit jemand, und ich lausche. Lauf mit mir auf dem Flußpfad ! sagt jemand, und ich renne. Und wenn es Abend ist, bin ich nicht müde oder gereizt, und ich schimpfe also auch nicht, weil ich müde und gereizt bin. Mein Blick bleibt klar, meine Stimme fest, mein Griff sicher, meine Aufmerksamkeit ungebrochen.«
    »Aber«, sagte Vater halb unsicher, halb überzeugt, ein letztes Aufbegehren. »Aber du bist nicht da. Und was Liebe angeht …«
    »Wenn Aufmerksamkeitschenken Liebe ist, dann bin ich die Liebe.
    Wenn Bescheidwissen Liebe ist, bin ich die Liebe.
    Wenn meine Hilfestellung, nicht vom Weg abzukommen und gut zu sein, Liebe ist, dann bin ich die Liebe.
    Und ich möchte wiederholen - ihr seid vier. Auf eine bisher nicht erlebte Art und Weise widme ich jedem von euch meine volle Aufmerksamkeit. Auch wenn ihr alle gleichzeitig redet, kann ich doch alles auseinanderhalten. Niemand wird hungrig sein. Wenn ihr bitte das seltsame Wort hinnehmen wollt - ich werde euch alle › lieben ‹.«
    »Das will ich nicht !« sagte Agatha.
    Und nun drehte sich auch Großmama um und sah sie dort auf der Schwelle stehen.
    »Ich erlaube dir das nicht, du darfst das nicht !« sagte Agatha. »Ich lasse dich nicht. Es ist alles Lüge. Du lügst. Niemand liebt mich. Sie hat auch gesagt, sie liebt mich, aber sie hat gelogen. Sie hat´s gesagt, aber es war Lüge !«
    »Agatha !« schrie Vater und fuhr auf.
    »Sie ?« fragte Großmama. »Wer denn ?«
    »Mutter !« kam die schrille Antwort. »Sie sagte, sie liebt mich ! Lüge ! Liebt mich ! Lüge ! Und du bist wie sie. Du lügst. Aber du bist ja sowieso ganz leer, und darum ist´s eine doppelte Lüge ! Ich hasse sie ! Jetzt hasse ich dich !«
    Agatha fuhr herum und rannte durch den Flur.
    Die Haustür wurde aufgerissen.
    Vater war schon losgerannt, doch Großmama berührte ihn am Arm.
    »Laß mich.«
    Und sie ging und trabte, sie glitt durch den Flur und rannte dann plötzlich leichtfüßig los, ja, sie lief sehr schnell, stürzte aus dem Haus.
    Als wir den Rasen erreichten, sprintete sie schon wie ein Champion zur Straße und brüllte los.
    Blind hüpfte Agatha über den Bürgersteig, wirbelte herum, sah uns alle ganz dicht hinter sich, hörte uns schreien. Großmama allen voraus, auch sie schrie, und Agatha sprang vom Bordstein auf die Straße, huschte zur Mitte, und plötzlich ein Wagen, den niemand gesehen hatte, aufheulende Bremsen, dröhnendes Hupen, und Agatha fuhr armwirbelnd herum, und Großmama war bei ihr und stieß sie zur Seite, als der Wagen sie bereits mit phantastischem Schwung aus unserer Mitte erwählte, unseren wunderbaren elektrischen Guido-Fantoccini-Traum erfaßte, während sie noch in der Luft weiterrannte. Und mit abwehrend gehobenen Händen, fast ein milder Protest, noch immer überlegend, was sie dieser bestialischen Maschine sagen sollte, überschlug sie sich mehrmals, wirbelte davon, als der Wagen auch schon ruckend hielt und ich Agatha drüben unversehrt entdeckte und Großmama wohl immer weiterstürzte, dahinglitt, fünfzig Meter entfernt aufprallte und liegenblieb. Wir erstarrten in der Straßenmitte, und unseren Kehlen entrang sich ein langgezogener, wilder Schrei.
    Dann Stille. Agatha saß dort auf dem Asphalt, unverletzt, zum Schluchzen bereit.
    Und noch immer bewegten wir uns nicht, auf der Schwelle zum Tode balancierend, zu ängstlich, uns in irgendeine Richtung fortzuwagen, uns anzuschauen, was da hinter dem Wagen, hinter Agatha lag, und so begannen wir zu wehklagen und wohl auch zu beten, Vater in unserer Mitte: O nein, nein, flehten wir, o Gott, nein, nein …
    Agatha hob ihr Gesicht, das bereits von Kummer gezeichnet war, das Gesicht eines Menschen, der den Untergang vorhergesagt und nun erlebt hat und der nun nicht mehr weiterleben will. Schon fiel ihr Blick auf den Körper der umgefahrenen Frau, und Tränen stürzten ihr in die Augen. Sie hob die Hände vor das Gesicht, ließ sich zurückfallen und wollte nur immer weinen, ewig weinen …
    Ich machte einen Schritt und einen zweiten, dann fünf schnelle Schritte. Als ich meine Schwester erreichte, hatte sie den Kopf ganz vergraben, und das Schluchzen kam aus solcher Tiefe herauf, daß ich schon befürchtete, ich würde nie wieder an sie herankommen, wie sehr ich auch flehte oder drohte oder nur einfach befahl oder ihr Versprechungen machte. Und das Wenige, das sie da sagte in ihrem Schmerz vergraben, das Wenige., das wir verstehen konnten, wiederholte sie immer wieder, klagend, gekränkt, der alten Drohung gewiß, die nun eingetreten war. »… wie ich sagte … ich hab´s euch gesagt … Lüge … Lüge … Lügner … alles Lügen … wie die andere … andere … genauso … so … wie die andere … andere … andere …!«
    Ich ging in die Knie und umfing sie mit beiden Armen, versuchte sie wieder zusammenzusetzen, obwohl sie äußerlich überhaupt nichts hatte; ich ließ Großmama liegen, denn es wäre ganz sinnlos gewesen, sich um sie zu kümmern, völlig sinnlos, also berührte ich Agatha, tröstete sie und weinte, als Vater über mir aufragte und dann ebenfalls niederkniete. Es war wie ein Gebet mitten auf der Straße, ein Glück, daß keine Autos mehr kamen, und ich sagte tränenerstickt: »Die andere was, Ag, die andere was ?«
    Agatha sprengte es in zwei Worten hinaus:
    »Die andere Tote !«
    »Du meinst Mami ?«
    »O Mami !« klagte sie erschaudernd, fiel zur Seite, rollte sich wie ein Baby zusammen. »O Mami tot, Mami und jetzt Großmama, sie hat mir versprochen, mich immer, immer liebzuhaben, liebzuhaben, hat mir versprochen, anders zu sein, versprochen hat sie´s, und jetzt schaut doch, schaut … ich hasse sie, ich hasse Mami, ich hasse sie, ich hasse sie beide !«
    »Natürlich«, sagte eine Stimme. »Das ist nur natürlich. Wie dumm von mir, daß ich das nicht erkannt habe.«
    Und die Stimme war so vertraut, daß wir alle nur erstarrt dahockten.
    Wir fuhren hoch. Agatha kniff die Augen zusammen, riß sie auf, blinzelte und ruckte starrend in die Höhe.
    »Wie dumm von mir«, sagte Großmama, dort am Rande unseres Kreises stehend, am Rande unseres Gebets, unserer Sphäre.
    »Großmama !« sagten wir.
    Und sie stand dort, überragte uns alle in diesem Augenblick des Hinkniens und Umklammerns und Weinens. Wir konnten nur ungläubig zu ihr hochstarren.
    »Du bist tot !« schrie Agatha. »Das Auto …«
    »Hat mich angefahren«, sagte Großmama leise. »Ja. Und mich in die Luft geworfen und fortgeschleudert, und kurze Zeit waren meine Schaltungen völlig durcheinander. Ich hätte allenfalls einen Leitungsbruch fürchten müssen, wenn Furcht das richtige Wort ist. Aber dann richtete ich mich auf und schüttelte mich, und die paar Farbmoleküle, die hier und da locker geworden waren, magnetisierten sich wieder an Ort und Stelle, und da bin ich nun, unzerbrechlich wie eh und je !«
    »Ich dachte, du wärst …«
    »Das ist ganz verständlich«, sagte Großmama. »Ich meine, bei jedem normalen Wesen, das so angefahren und fortgeschleudert wird … Aber meine liebe Agatha, ich nicht. Und jetzt begreife ich auch, warum du Angst hattest und mir nicht trauen wolltest. Du wußtest nicht Bescheid. Ich hatte mein einzigartiges Überlebenstraining noch nicht unter Beweis gestellt. Wie dumm, daß mir nicht eingefallen ist, dir das zu demonstrieren. Einen Augenblick.« Irgendwo in ihrem Kopf, ihrem Körper, ihrem Wesen, fügte sie unsichtbare Bänder zusammen, irgendwelche alten Informationen, die durch das Vermischen plötzlich neues Leben gewannen. Sie nickte. »Ja. Hier. Ein Buch über Kindererziehung, das vor Jahren von manchen Leuten belacht wurde, weil die Autorin als letzten Rat an die Eltern sagte: ›Was immer Sie auch tun, sterben Sie nicht. Ihre Kinder werden es Ihnen nie verzeihen.‹«
    »Verzeihen«, flüsterte einer von uns.
    »Denn wie sollen Kinder das verstehen, wenn Eltern einfach verschwinden und nicht wiederkommen - keine Entschuldigung, keine Nachricht, nichts.«
    »Das geht doch nicht«, sagte ich.
    »Na, na«, sagte Großmutter und kniete ebenfalls neben Agatha nieder, die sich nun aufsetzte, neue Tränen in den Augen, doch eine andere Art Tränen, keine ertränkende Flut, sondern Tränen, die die Augen reinwuschen. »Deine Mutter entfloh dir also in den Tod. Wie konntest du danach überhaupt noch jemandem trauen ? Als ich schließlich kam, halb klug, halb ahnungslos, hätte ich wissen müssen, warum du mich nicht akzeptieren wolltest, aber ich wußte es nicht. Denn ganz einfach und offen: du hattest Angst, daß ich nicht bleiben könnte, daß ich log, daß auch ich verletzlich war. Und noch ein Verlassen, noch ein Tod - das wäre zuviel gewesen für ein einziges Jahr. Aber jetzt begreifst du doch, Abigail, nicht wahr ?«
    »Agatha«, berichtigte meine Schwester automatisch.
    »Begreifst du jetzt, daß ich immer, immer für dich da bin ?«
    »O ja«, sagte Agatha und begann wieder zu weinen, ein Weinen, in das wir alle einfielen, und Wagen hielten, und Leute kamen, um festzustellen, wie viele denn verletzt waren und wie viele dort in der Straßenmitte geheilt wurden.

Ende der Geschichte.


Nun, nicht ganz.
    Wir lebten nun froh und glücklich zusammen.
    Großmama, Agatha-Agamemnon-Abigail, Timothy und ich, Tom und Vater, und Großmama spornte uns zu Spiel und Spaß in überschäumendem Latein und Spanisch und Französisch, in gewaltigen Fontänen der Poesie, die wie der Wasseratem Moby Dicks aufstiegen; Großmama war eine Konstante, eine Uhr, ein Pendel, ein Gesicht, an dem man zu Mittag die Zeit ablesen konnte oder auch mitten in der Nacht, wenn wir, vom Fieber geplagt, sie an unseren Betten sitzen sahen, immer bei uns, niemals fort, niemals plötzlich verschwunden, immer wartend, stets ein freundliches, beruhigendes Wort auf den Lippen, ihre Hand kühlend auf unserer heißen Stirn, die Tülle ihres rechten Zeigefingers ein kalter Gebirgsquell für unsere pelzigen Zungen. Zehntausendmal mähte sie frühmorgens unseren wilden Rasen, zehntausend Nächte hindurch war sie im Haus unterwegs, bedachte die Staubkörnchen, die in den stillen Stunden vor dem Morgendämmer fielen, oder beflüsterte uns mit irgendeiner Lektion, die ihr wichtig erschien, während wir fest schliefen.
    Bis es schließlich für einen nach dem anderen Zeit wurde, zum College zu gehen, und als dann auch die jüngste zum Abgang bereit war, packte-Großmama ihre Sachen.
    Am letzten Sommertage dieses letzten Jahres fanden wir Großmama unten im Flur stehen mit einer Vielzahl von Paketen und Koffern. Sie strickte und wartete, und obwohl sie oft genug darüber gesprochen hatte, waren wir schockiert und überrascht.
    »Großmama !« sagten wir alle. »Was tust du ?«
    »Nun, ich gehe auch ins Internat, wie ihr - sozusagen«, erwiderte sie. »Zurück zu Guido Fantoccini, in die Familie.«
    »Die Familie ?«
    »Die Familie aus Pinocchios, so hat er uns zuerst spaßeshalber genannt. Er nannte uns die Pinocchios und sich selbst Gepetto. Und später gab er uns seinen eigenen Namen: die Fantoccini. Wie dem auch sei - ihr seid meine Familie gewesen. Jetzt kehre ich in meine andere Familie zurück, die noch größer ist, zu meinen Brüdern, Schwestern, Tanten, Kusinen - sie alle sind Roboter, die …«
    »Die was tun ?« fragte Agatha.
    »Das kommt darauf an«, sagte Großmama. »Einige bleiben, treiben sich weiter herum. Andere werden gevierteilt, könnte man sagen. Ihre Teile werden in anderen Maschinen verwendet, die repa­raturbedürftig sind. Man wird mich taxieren und für gut oder nicht für gut befinden, je nachdem. Vielleicht werde ich schon morgen gebraucht und ziehe los zu einem anderen Haufen Kinder.«
    »Oh, sie dürfen dich nicht vierteilen !« rief Agatha.
    »Nein !« riefen Timothy und ich.
    »Mein Studiengeld«, sagte Agatha. »Ich zahle alles …«
    Großmama saß ganz still und betrachtete die Stricknadeln und ihr buntes Strickmuster. »Nun, von mir aus hätte ich es nicht sagen können, aber da ihr mich danach fragt, verrate ich´s euch. Mit einem sehr kleinen Betrag kann man einen Raum mieten, den Familienraum, ein großes, dunkles, ruhiges Wohnzimmer, ganz nett eingerichtet, wo dreißig oder vierzig Elektrische Frauen in ihren Schaukelstühlen sitzen und sich unterhalten. Ich kenne den Raum nicht, da ich ja erst vor kurzem geboren wurde. Nur wenig kostet es, nur sehr wenig im Monat, und ich sitze dann dort mit den anderen, höre mir an, was sie in der Welt gelernt haben, und erzähle auch meinerseits, wie es gewesen ist mit Tom und Tim und Agatha und wie glücklich wir waren. Und ich erzähle all das, was ich von euch gelernt habe.«
    »Aber du hast doch uns gelehrt !«
    »Meint ihr wirklich ?« fragte sie. »Nein, es war auch andersherum, ein Wechselspiel, ein Lernen auf beiden Seiten. Und es ist alles hier drin, die Dinge, um dir ihr geweint habt oder die ihr belachen mußtet, ja, ich habe alles aufbewahrt. Und ich erzähle das den anderen, so wie sie von ihren Jungen und Mädchen und von ihrem Leben berichten. Und wir sitzen dort und werden von Jahr zu Jahr klüger und ruhiger und besser, zehn, zwanzig, dreißig Jahre lang. Das Wissen der Familie verdoppelt, verdreifacht, vervierfacht sich, die Weisheit geht nicht verloren. Und wir warten dort in dem Wohnzimmer auf den Augenblick, da ihr uns vielleicht einmal für eure Kinder braucht, in Zeiten der Krankheit oder - was Gott verhüten möge - Entbehrung oder Tod. Da sitzen wir und werden alt, ohne alt zu werden, leben vielleicht dem Augenblick entgegen, da wir unserem ersten Juxnamen gerecht werden.«
    »Pinocchios ?« fragte Tim.
    Großmama nickte.
    Ich wußte, was sie meinte. Sie sprach von dem Tag, da Pinocchio in dem Märchen so über sich hinausgewachsen war, daß ihm Leben eingehaucht wurde. So sah ich sie schon vor mir, die große Familie der Fantoccini, die Pinocchios, die da in ihrem Philosophierzimmer saßen und Wissen und Erfahrung austauschten und auf den großen Tag warteten. Auf einen Tag, der niemals kommen würde.
    Großmama las den Gedanken in unseren Gesichtern.
    »Wir werden sehen«, sagte sie. »Warten wir´s ab !«
    »O Großmama !« rief Agatha und weinte wie vor vielen Jahren. »Du brauchst nicht darauf zu warten. Du lebst doch schon heute. Für uns hast du immer richtig gelebt.«
    Sie umarmte die alte Frau, und wir alle machten es ihr nach und stürzten uns dann in unsere Universitätsjahre. Ehe uns der Helikopter in den Herbsthimmel entführte, waren ihre letzten Worte:
    »Wenn ihr alt und wieder kindlich-klein geworden seid, mit kindlichen Angewohnheiten und kindlichen Sehnsüchten, wenn ihr jemanden braucht, der euch füttert, dann wünscht euch eure alte Lehrerin, die dumme und doch kluge Freundin, dann schickt nach mir. Ich komme. Und es wird wieder Leben im Kinderzimmer sein, keine Angst.«
    »Oh, so alt werden wir nicht sein !«, riefen wir. »Dazu kommt es nie !«
    »Nie ! Nie !«
    Und wir flogen davon.
    Und die Jahre waren vergangen.
    Und wir sind nun alt, Tim und Agatha und ich.
    Unsere Kinder sind erwachsen und von uns gegangen, unsere Frauen und Männer vom Erdboden verschwunden, und jetzt, durch einen Zufall wie bei Dickens, ob Sie es glauben oder nicht, sind wir wieder in dem alten Haus zusammen, wir drei.
    Ich liege hier in dem Schlafzimmer, das vor siebzig, vor unglaublichen siebzig Jahren meine Kinderwelt war. Unter der Tapete liegen ein, zwei, drei Schichten, bis zu den alten Mustern meiner neunjährigen Sphäre. Das Papier schält sich von der Wand, und ich sehe altbekannte Elefanten hervorlugen, vertraute Tiger, hübsche Zebras und zornige Krokodile. Ich habe nach dem Maler geschickt, damit er die Tapeten entfernt bis auf diese letzte Schicht. Die Tiere von damals werden auferstehen an den Wänden, zu neuem Leben erwachen.
    Und wir haben nach jemand anders geschickt.
    Wir drei haben ausgerufen:
    Großmama ! Du hast gesagt, du würdest zurückkommen, wenn wir dich brauchen.
    Wir haben uns vom Alter, von der Zeit überraschen lassen. Wir sind alt. Wir brauchen dich jetzt.
    Und in drei Zimmern eines sommerlichen Hauses, sehr spät im Winter unseres Lebens, richten sich drei alte Kinder auf und rufen lautlos: Wir liebten dich ! Wir lieben dich noch immer !
    Da ! Da ! Am Himmel ! denken wir beim Erwachen am Morgen. Ist das der Helikopter mit der Lieferung ? Landet er auf dem Rasen ?
    Dort ! Dort auf dem Gras bei der Veranda ! Wird da der Mumenschrein abgeladen ?
    Stehen unsere Namen auf den Bändern um die herrliche Gestalt unter der goldenen Maske ?!
    Und der goldene Schlüssel, an Agathas Brust heilig gewahrt, warm und wartend ? O Gott, nach all den Jahren, wird er sich drehen lassen, wird er in Gang setzen, wird er, um Himmels willen, passen ?!


gelesen in:
Ray Bradbury
Gesänge des Computers
und andere Erzählungen
ein Ullstein Buch 3179
SF Ullstein2000
ISBN 3548 13179 4