Bildvorschau

 
       

Besucher

 
Heute45
Woche862
Alle625038
Der alte Zinnsoldat

Der alte Zinnsoldat

von

JOAN D. VINGE

http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1237&Itemid=55

Das Raumschiff glitt am dichten Sternnebel der Plejaden vorbei, hing für einen kurzen Augenblick über dem Horizont wie eine erlesene Perle und versank dann im mitternächtlich schwarzen Wasser der Bucht, tauchte wieder auf und wiegte sich in den Wellen die nun mit unzähligen Blasen bedeckt waren. Die Gischt bildete eine Kette, die sich bis ans Ufer erstreckte.

Das ewig wachende ›Auge‹ des Hafens blinkte einmal, die Fähre antwortete. Neu-Piräus, zwischen den Bergen eingebettet, erstrahlte in festlicher Beleuchtung und hieß die Neuankömmlinge willkommen. Es war ein Schauspiel voller Klang und Glanz. Der Aufenthalt schien vielversprechend zu werden. Durch den transparenten Schiffsrumpf sah die Mannschaft nach draußen. Die Gesichter waren erwartungsvoll. Eine von den Frauen kicherte nervös.Über der wuchtigen Tür blitzte eine Leuchtreklame mit einer einbeinigen Spielzeugfigur auf. Darunter war der Name der Kneipe zu sehen - Zinnsoldat - und die Aufschrift Essen. Trinken. Wiedersehen macht Freude ! Die Gäste kehrten immer wieder dort ein, weil sie wußten, daß der Zinnsoldat noch da sein würde.

»Bitte noch eine Runde, Soldat !« rief einer der Gäste. Die Bestellung war trotz der ohrenbetäubenden Musik zu hören.

Der Besitzer der Kneipe, auch »Zinnsoldat« genannt, der die Theke der Bar polierte, warf seinen Gästen einen flüchtigen Blick zu, nickte, bückte sich nach den Flaschen und stellte sie auf die Theke. Er mixte die Drinks selbst. Sein Gesicht hatte nichts Außergewöhnliches an sich, fiel allenfalls durch die dunklen Augen und den geduldigen Blick auf. Sein Haar war kupferfarben und kräftig wie Draht. Er hatte es mit einem Tuch zusammengebunden. Aber die Schädeldecke unter den roten Locken bestand aus einer Plastikplatte. Und auch die flinken Finger der Hand, die sich an der Flasche mit dem Siphon zu schaffen machten, waren aus Plastik. Ja der ganze, glatte Arm war künstlich. Manchmal war es dem Soldaten so, als ob er ihn klicken hörte wenn er ihn bewegte. Überhaupt war er, der Kneipenbesitzer, der wie fünfundzwanzig aussah, halb Roboter, halb Mensch. Sein Gesicht hatte sich in fünfzig Jahren nicht verändert.

Er stellte die Gläser aufs Tablett und stieß es an. Dann beschäftigte er sich wieder mit der Tischplatte, polierte sie fertig und schaute sich seine Arbeit an. Die Tischplatte war aus Achat. Wolkige Farbschichten sowie Maserung und Wirteln eines Baumes waren deutlich zu erkennen. Der Stein wies die für Chalkedon so typischen Trübungen auf. Den Stein hatte der Soldat in der Wüste im Osten gefunden. Die Affinität zwischen ihm und dem zerstückelten, versteinerten Baum war zum Gegenstand des Spottes bei der Stammkundschaft geworden: Sie waren beide »Imitationen« und zum Stillstand in der Zeit verurteilt.

»Komm. schau dir unsere Mensch gewordene Legende an !«

Er blickte auf. Sie kam mit der Besatzung der Wer-hat-die-Puppe-709 herein. Er kannte sie nicht. Soviel stand fest. Sie hielt sich im Hintergrund, als sich die anderen um ihn scharten. Im blauen Laternenlicht sah ihr kurzes, aschblondes Haar aus, als ob es aus gehämmertem Metall wäre. Neu, dachte er bei sich. Er schätzte, daß sie so um die achtzehn war. Weitgeöffnete Augen. Unsteter Blick. Er lächelte ihr zu, als er die anderen begrüßte. Die Frauen, die er schon kannte, zerrten sie zur Bar aus Achat. Er hörte Harkarie sagen: »Komm. Schwesterchen, du gehörst doch auch zu uns.« Die Unbekannte erwiderte sein Lächeln.

»Ich kenne dich zwar noch nicht ... aber du solltest Diana heißen, wie die silberne Mondgöttin.« Er war verblüfft, als er sich so reden hörte.

»Quecksilber«. wie er die Neue bei sich nannte, war aber wieder ganz reserviert und sagte trocken: »Ist aber nicht mein Name.«

Die muß ganz neu angefangen haben bei denen, dachte er wieder. Er ertappte sich dabei, daß er noch weiter in sie dringen wollte, es aber eigentlich nicht sollte. Und doch spürte er ein unstillbares Verlangen, mehr über sie zu erfahren. Er fragte sie also - und Bitterkeit und Freude schwangen in seiner Stimme mit: »Wie heißt du dann wirklich ?«

Sie zuckte zusammen, hielt dann aber doch seinem Blick stand und. lächelte sogar dabei. »Ich heiße Brandy.«

Eine Person, die Verständnis für die beiden hatte, sagte: »Später, wenn du Zeit hast, für uns das Übliche, Soldat !«

Er nickte geistesabwesend und griff nach irgendwelchen Flaschen unter der Theke. Man hörte das Geräusch von Holz auf Stein, als Brandy einen Barhocker nahm und sich darauf niederließ. Sie sah ihm beim Ausschenken zu. »Du bist aber penibel«. sagte sie und nahm sich ein paar Nüsse aus dem Schälchen.

»Ausgiebige Übung macht den Meister !«

Sie lächelte, obwohl sie die Pointe nicht mitbekommen hatte. »Brandy ist ein hübscher Name«, fuhr er fort. »Ich habe ihn, glaube ich, schon irgendwo gehört ... «

»Eigentlich heiße ich Branduin. Meine Mutter sagte mir, daß es ein alter Name ist.«

Er starrte sie an und überlegte sich, ob sie gemerkt hatte, daß nur die eine Hälfte seines Gesichts rot wurde. »Was trinkst du ?«

»Oh ... hast du vielleicht -Brandy ? Es soll so eine Art Wein sein. Ich frage immer danach, weil wir doch Namensvettern sind. Bis jetzt habe ich aber immer Pech gehabt.«

Er runzelte die Stirn. »Ich habe keinen ... oder - Moment mal - doch, klar habe ich welchen.«

Er brachte die Flasche mit dem Weinbrand, an dessen Existenz sie schon beinahe nicht mehr geglaubt hatte, wischte sorgfältig den Staub ab, der sich im Lauf der Jahre darauf angesammelt hatte. Als sie glänzte, stellte er die Flasche auf die Theke. Der Inhalt schimmerte warm und goldbraun.

»Diese ganzen Jahre über muß die hier gelegen und auf einen Konsumenten gewartet haben. Ach ja, das ist' s auch, wo ich' s herhabe - vom Etikett: › genuine vintage brandy ‹. Er ist übrigens von zu Hause.«

»Ach' wirklich von der Erde, von Terra ? Ich danke dir ! « Sie berührte die Flasche, berührte seine Hand. »Das muß mir ja Glück bringen «

Er hatte den Weinbrand in bauchige Gläser gegossen und ihr eins davon gegeben. »Auf die Sterne!« Sie hob ihr Glas.

»Auf die Sterne !« Er stieß mit ihr an und fügte in Gedanken hinzu: »Heute nacht ... «


Sie waren allein. Sie atmete schwer, als sie die neugepflasterten Straßen von der im Tal gelegenen Altstadt zu seiner Wohnung hinaufgingen. Im Tal erloschen allmählich die Lichter.

An eine niedrige Steinmauer gelehnt, blieb er stehen. »Willst du dich hier ein wenig verschnaufen ?« fragte er sie. Hinter sich sah er im Licht der Straßenlaterne die verschwommenen Umrisse eines verwilderten Gartens.

»Danke.« Sie lehnte sich an ihn, mit dem Rücken zur Stadt » Auf so einem Ausbildungsflug wir man träge. An Bord gibt es nicht viel zu tun. Man soll zwar auch Gymnastik treiben, aber du weißt ja, wie das ist ... « Unter dem gesteppten, blau-silbernen Anzug zuckte sie die Achseln. Der Soldat absorbierte die Wärme ihres Körpers.

Sie berührte sanft seine Hand, mit der er sich aufgestützt hatte. »Aber wie heißt du eigentlich ? Du hast mirs nämlich noch nicht verraten.«

»Man nennt mich ›Soldat‹.«

»Aber das ist doch nicht dein richtiger Name !« Sie blickte ihn forschend an und lächelte.

Er senkte den Kopf, griff nach ihrer Hand und umschloß sie fest. »Nein ... natürlich nicht. Ich heiße Maris.« Er sah sie wieder an. »Weißt du, es ist ebenfalls ein alter Name und bedeutet soviel wie ›Mann. der dem Kriegsgott geweiht ist‹. Ich habe meinen Namen nie sonderlich gemocht.«

»Du kommst also vom Mars, Sols viertem Planeten, der dem Kriegsgott geweiht ist ?« Sie bog sich zurück und spähte in die Dunkelheit. Nebel verhüllte die Sterne.

»Ja.«

»Warst du Soldat ?«

»]a. In meiner Heimat haben alle das Kriegshandwerk gelernt, wenigstens alle Männer. Der Krieg bestimmt den Lebensstil.«

»Also quasi ein Versuch, um das notleidende männliche Selbstbewußtsein wieder aufzurichten ?«

Er schaute sie verdutzt an.

Sie runzelte die Stirn, weil sie sich auf das konzentrierte, was sie nun sagte. »Die irdische Zivilisation wurde in ihren Grundfesten erschüttert, als sich herausstellte, daß Männer aus physischen Gründen weniger für den Raumflug geeignet sind als Frauen und diese sich eine MonopolsteIlung in diesem umstrittenen Bereich eroberten und damit mehr Macht. Die Folge davon ist, daß in der Galaxis zahlreiche neue Systeme mit oft regressiven Tendenzen entstehen. Eines davon ist zum Beispiel als Gegenschlag auf einen übertriebenen männlichen Chauvinismus zu verstehen ... «

»Dann gibt es aber auch Beispiele für das Wiederaufleben der Krieger-Sklaven-Tradition.«

»Du hast also das Buch schon gelesen.« Sie sah ihn niedergeschlagen an.

»Ich lese eine Menge. Du meinst doch Neue Methoden anstelle der alten von Ebert Ntaka ?«

»]a. Entschuldige aber, daß ich gerade die Beherrschung verloren habe. Ich habe mich fortreißen lassen, weil ich das Buch eben erst gelesen habe und der Eindruck noch sehr frisch ist.«

»War ja gar nicht so schlimm. Übrigens bin ich der gleichen Meinung wie Ntaka. Glatte - ein entsetzlicher Name - ist ein gefährlicher Planet. Das ist auch der Grund, weshalb ich hier bin und nicht dort.«

»Autsch !«. Sie befreite sich aus seinem Griff. »Bist du aber stark !« Sie blies sich in die schmerzenden Hände.

Er brachte sich beinahe um vor Entschuldigungen, aber sie schüttelte nur verwundert den Kopf und besah sich ihre Hand. »Nein wirklich, es geht schon wieder, es hat mich nur ein bißchen überrascht. Muß ziemlich schlimm gewesen sein ?«

Er nickte. Die Lippen hatte er zusammengepreßt. Sie klopfte ihm auf die Schulter und berührte und dann seine Lippen mit den Fingern. »Küsse sie, damit wir wieder quitt sind.« Sanft nahm er ihre Hand und küßte sie. Brandy schmiegte sich an ihn. »Es ist schon sehr spät. Komm, wir gehen vollends hinauf ... «

»Nein.« Ein Gefühl des Hasses gegen sich selber überkam ihn, und er schob sie von sich.

»Nein ? Aber ich dachte ... «

»Ich weiß. Es ist dein erster Raumflug, und ich habe dich nach deinem Namen gefragt. Wie ich wohl bemerkt habe, wolltest du es sogar. Du könntest also mit mir schlafen. Aber ich bin ein Kyborg. Brandy ... Du konntest es natürlich nicht wissen, weil du neu bist, und die anderen wollten nur ihren Spaß mit dem armen Grünschnabel treiben. Das haben sie übrigens schon öfters getan.«

»Du. ein Kyborg ?« Die grauen Augen flackerten unruhig, und sie ließ ihre Blicke über ihn gleiten.

»Man sieht nichts, wenn ich angezogen bin.«

»Oh ... « Sie war nun sehr blaß, und die Augenlider wurden ihr schwer. Dann holte sie tief Luft und hielt den Atem an. »Läßt du's eigentlich immer so weit kommen ? Ich meine ... «

»Nein. Aber verdammt noch mal, ich weiß wirklich nicht, warum ich mich. so ausführlich rechtfertigen soll. Aber - nein, gewöhnlich frage ich nicht nach dem Namen. Wenn es mir aber doch passiert, dann kläre ich sie gleich darüber auf, daß ich ein Kyborg bin. Bis jetzt hat mich noch keine beim Wort genommen. Ich zähle einfach nicht.« Er lächelte matt.

»Aber ich bin nicht ganz aus Plastik.« Mit seinen Fingern, die nichts fühlten, pochte er gegen die Mauer. »Bei Gott ich bin es wirklich nicht, obwohl ich es manchmal wünschte.«

»Keine ? Keine wollte also … ?«

Er hielt ihrem fragenden Blick stand und sagte dann: »Branduin. du kehrst jetzt besser um. Versuche zu schlafen. Du wirst sehen, morgen lachst du schon über die Sache, und abends wirst du dir dann einen duften Typen aufgabeln, mit dem du dich amüsieren kannst. Besuche mich in fünfundzwanzig Jahren wieder. wenn du aus dem Weltraum zurückkommst, und erzähl mir, was du gesehen hast.« Zögernd strich er ihr mit seiner natürlichen Hand über die Wange, instinktiv senkte sie den Kopf, um sich liebkosen zu lassen. »Leb wohl !« Er machte Anstalten, den Hang hinaufzugehen.

»Maris ... «

Am ganzen Leib zitternd, blieb er stehen.

»Ich danke dir für den Brandy ... « Sie hatte ihn eingeholt und ging nun neben ihm her. Plötzlich packte sie ihn am Gürtel. »So schnell wirst du mich aber nicht los ! Du mußt mich hinaufziehen !

« Er nahm sie in seine Arme und küßte sie zärtlich, seine Hände liebkosten ihren Körper. Er konnte es immer noch nicht fassen, daß sie ihm nachgeeilt war.

»Es ist sehr, sehr spät geworden. Beeilen wir uns also.«


Maris erwachte, als Brandy die Fensterläden aufklappte. Verwirrt hob er den Kopf und war überwältigt vom Anblick, der sich ihm darbot. Den Hintergrund bildeten die leuchtenden Farben der Morgendämmerung. Die Silhouette Brandys zeichnete sich dun­ kel darauf ab, sie war umgeben von einem Strahlenkranz. Er verließ das zerwühlte Bett und ging über die kalten Fliesen zu ihr hin. »Was machst du da ?« fragte er schläfrig.

»Ich wollte den Sonnenaufgang sehen. Die letzten Monate waren eine einzige, lange Nacht. Schau, der Nebel hebt sich schon, die Sonne verbrennt ihn, sie steht in Flammen - dort drüben, über den Bergen ... «

Zärtlich strich der Soldat Brandy über die Haare, die mattgolden glänzten. »Und die Glut in der Schlucht ... « Sie blickte auf die grauen Nebelfelder hinab, die sich langsam rot färbten. Dann drehte sie sich um und sah Maris an. »Guten Morgen!« Sie mußte lachen, weil sie beide nackt waren. »Gott sei Dank wohnen dort unten keine Nachbarn !«

Er grinste. »Das gefällt mir auch an der Lage hier.« Sie schmiegte sich fest an ihn, als er die Arme um sie legte, und fühlte sich geborgen bei ihm, der zugleich Kühle und Wärme ausstrahlte.

Sie schauten sich den Sonnenaufgang vom Bett aus an.

Am Abend kam sie mit der Besatzung der KAT-736 in die Bar. Sie winkten ihm zu und verabschiedeten sich von ihr durch Kopfnicken. Sie setzte sich zu ihm an die Bar. Plötzlich wurde ihm klar, daß neun Stunden doch eine lange Zeit waren.

»Das ist die Besatzung meines Schulschiffs. Würdest du ihnen bitte auf meine Kosten eine Flasche Weißwein servieren. Die Marke ist egal.«

Er holte die Flasche unter der Bar hervor. »Und vielJeicht einen Brandy, auf Rechnung des Hauses ?« Das Tablett schwebte durch den Raum. Maris hatte es weggestoßen.

»Hallo, Maris ... «, sagte Brandy jetzt.

»Hallo, Brandy.«

Sie stießen auf den Morgen an, den sie miteinander verbracht hatten. »Auf neblige Morgen !« hieß ihr Trinkspruch.

»Übrigens ... « - sie sah ihn dabei verschmitzt an - »habe ich das Gerücht in Umlauf gesetzt, daß die Leute bisher etwas versäumt haben - nämlich dich !«

Sein »Danke« klang aufrichtig. »Ich bezweifle allerdings, ob sie ihre Meinung über mich ändern werden.«

»Aber warum denn nicht ?«

»Nun, du hast doch auch Ntaka gelesen und kennst seine Theorie über Fremdenfeindlichkeit. In den meisten Kulturen gelten Kyborgs als etwas Unnatürliches, sie sind nicht viel mehr wert als Leichen. Man müßte also nekrophil veranlagt sein, wenn …

Sie runzelte die Stirn.

» ... oder aber etwas Besonderes sein. Brandy, du bist der erste außergewöhnliche Mensch, dem ich innerhalb von hundert Jahren begegnet bin.«

Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, verschwand aber schnell wieder. »Maris. sag mal, dann bist du auch keine fünfundzwanzig mehr. Wie alt bist du eigentlich ?«

»Hundertfünfzehn trifft die Sache schon eher.« Er wartete ihre Reaktion ab.

Sie starrte ihn an. »Aber du siehst wirklich wie fünfundzwanzig aus ! Du bist doch wirklich, lebendig. Alterst du denn nicht ?«

»Doch. schon. Alle hundert Jahre werde ich 5 Jahre älter.« Er zuckte die Achseln. »Der prothetische Teil meines Körpers verlangsamt den Prozeß des Alterns. Das kommt einerseits davon, daß nur ein Teil der Zellen im Körper sich regenerieren muß, und andererseIts von der Behandlung, der man mich unterzogen hat, um einer Gewebeabstoßung vorzubeugen. Aber so ganz versteht es eigentlich keiner. Es passiert eben hin und wieder.«

»Ach so.« Sie war verwirrt. »Das ist also, was du mit dem ›Komm zurück und besuche mich‹ gemeint hast ... Glaubst du wirklich, daß du tausend Jahre alt wirst ?«

»Wahrscheinlich nicht. Ich schätze, daß in den nächsten drei, vier Jahrhunderten etwas Lebenswichtiges kaputtgeht. Plastik hält ja auch nicht ewig.«

»Meinst du ... «

»Länger leben, weniger genießen - an dem Spruch ist was Wahres dran. Die Ausnahme bestätigt die Regel. Was hast du übrigens heute gemacht ? Hast du überhaupt geschlafen ?«

»Nein.« Sie faßte sich wieder. »Ich war mit ein paar Leuten zum Essen und habe mich vollgefressen. Wenn wir im Hafen sind, bleiben wir die ganze Zeit über wach. Wir wollen jede Sekunde ausnützen. Das Aufbleiben ist an und für sich nur für den Notfall, aber alle tun's.«

Er hätte beinahe lachen müssen, hoffte aber, daß sie's nicht gemerkt hatte. Wieder ernst geworden, meinte er: »Du mußt aber vorsichtig sein damit. Wenn du nicht genügend Schlaf hast, wirst du krank.«

»Ach nein, das ist nicht so schlimm.« Verlegen spielte sie mit ihrem Glas, weil sie nicht wußte, was sie mit seinem väterlichen Gehabe anfangen sollte.

Und ob das schlimm ist ? dachte er bei sich. Er schaute in Richtung Tür.

»Brandy ! Da bist du ja !« Die Besatzung der WGH-709 kam herein. »Soldat, du mußt dich nachher zu uns setzen, aber zuerst einmal müssen wir dir Brandy wegnehmen.«

Es war Harkarie die Intima der Mactav an Bord der WGH-709, die das sagte. Brandy und Maris schauten sie an. Harkarie war dunkel, hatte braune Augen und silberweißes Haar. Das Netz der Fältchen um ihre Augen ließ auf Erfahrungsreichtum .und Altersweisheit schließen. Sie war eine seiner ältesten Kundinnen. Aber im Augenblick mutete ihn sogar ihre Redeweise merkwürdig an : »Ach. Soldat«, sagte sie ironisch, »bei dir fühlt man sich doch jedesmal wieder jung … . Aber komm jetzt zu deiner Familie, Schwesterchen ! Teilen wir sie uns, Soldat.«

Brandy goß den Brandy vollends hinunter, ihre Stiefel klapperten, als sie sich vom Barhocker herabließ. »Vielen Dank für den Drink!« Einen Augenblick lang war ihr Lächeln echt. »Also dann vielleicht bis später - Soldat.« Ihr Abgang schockierte ihn etwas, weil er so ohne Gefühl war, aber ihm sollte es recht sein.

Wieder polierte der Soldat die Platte aus Achat. Sein enttäuschtes Gesicht, das sich in ihr spiegelte, ignorierte er. Zu vorgeschrittener Stunde sah er sie dann mit einem geschniegelten Laffen in Bundhosen aus Samt weggehen, einem ›Schatten‹, wie sie es nannten.


Außerhalb der Tür drang gelbgrünes Zwielicht in die Bucht. Die Gäste, die früh dran waren, trafen sich bei Anbruch der Nacht. »He. Maris ... !« Er sah ihr ins Gesicht. Die Wangen waren eingefallen, Silberglanz, der bleiern geworden war. Die schmalen Hände zitterten und suchten nach einem Halt in der Luft.

»Brandy ... «

»Was für ein Mittel hast du gegen Übelkeit ?« Sie dachte, daß er sie verspotten würde.

»Katzenjammer, was ?« Er lachte aber nicht dabei.

Sie nickte nur. »Du hast recht gehabt, Maris. Von den Pillen wird mir nur übel. Ich wäre beinahe eingeschlafen und habe dann noch welche genommen ... « Unruhig trommelte sie mit den Fingern auf die Theke.

»Und das war ziemlich unvernünftig, nicht wahr ?« Er schenkte ihr ein Glas Wasser ein und sah zu, wie sie zu trinken versuchte. Er drückte dabei auf einen Knopf an der Unterseite der Theke. »Jetzt hör mal zu. Ich habe dir gerade ein Taxi bestellt. - Du fährs jetzt zu mir nach Hause und legst dich ins Bett.«

»Aber ... «.

»Ich bin noch ziemlich lange hier, ich muß arbeiten. Versuch ein bißchen zu schlafen. Danach wird's dir sicher wieder besser gehen. Hier hast du den Code für meine Tür.« Er nahm eine Serviette und schrieb ein paar große Ziffern darauf. »Verlier sie nicht !«

Sie nickte, trank und verstaute die Serviette im Ärmel. Sie trank noch einen Schluck Wasser und verschüttete es. »Mein Mund ist wie gelähmt.« Sie lachte plötzlich ganz unmotiviert. »Ich werd' sie schon nicht verlieren.« Zur Bestätigung hob sie die Hand, die immer noch zitterte. Draußen vor der Tür sah man es golden aufblitzen. Es waren Sonnenstrahlen, die von Metall reflektiert wurden. »Dein Taxi ist da«, sagte Maris.

»Ich danke dir.« Ihr Lächeln war etwas verkrampft, aber sie sah Ihn dabei sehr zärtlich an. Dann schwankte sie zur Eingangstür.


Sie war noch da, als er nach Hause kam. Sie schlief in einem Haufen zerwühlter Kissen. Er schlich sich leise aus dem Zimmer, denn er wollte sie nicht berühren. Erschöpft sank er in einen Ledersessel. Richtig schlafen konnte er zwar nicht, aber doch ein wenig schlummern, während der Plejaden-Nebel am noch dunklen Himmel langsam dem Morgen wich.

»Maris. warum hast du mich denn nicht aufgeweckt ? Du hättest doch nicht die ganze Nacht in einem Sessel verbringen müssen.« Brandy stand vor ihm und trocknete sich gerade mit einem Handtuch ab. Ihre Augen waren vom Schlaf geschwollen, die Haare hingen ihr naß und strähnig ins Gesicht. Mit ihren nassen Füßen hinterließ sie kleine Lachen auf dem geknüpften Teppich.

»Es hat mir nichts ausgemacht. Ich brauche nicht viel Schlaf.«

»Ach so - das hast du wohl von mir ?«

»Aber bei mir stimmt's. Du hast den Schlaf nötig gehabt.«

»Verdammt noch mal ... ich weiß !« Sie gab sich geschlagen.

»Maris. du bist ein netter Kerl !«

»Ich finde dich auch gar nicht so übel ... «

Sie wurde rot. »Freut mich, daß du mich magst. Um Himmels willen, was habe ich bloß mit deinem Teppich gemacht ! Er ist ja ganz naß !« Sie verschwand im Schlafzimmer.

Widerwillig streckte sich Maris und starrte die Balken an der Decke an, auf denen sich die Strahlen der frühen Morgensonne abzeichneten. Er seufzte leise. »Willst du ein Frühstück ?«

»Klar ! Ich habe vielleicht einen Hunger ! Aber warte ... « Sie streckte wieder ihren nassen Kopf zur Tür herein. »Laß mich dein Frühstück machen, ja ? Warte ... « .

Er saß da und sah dem Mädchen im silberblauen Anzug zu, wie es die Schränke in der Küche nach etwas Eßbarem durchsuchte. »Du hast ja kaum was zum Essen da.« .

»Stimmt.« Er fegte die Brosamen vom Tisch. »Ich nehme gewöhnlich ein Fertigfrühstück zu mir und lebe von Tiefkühlkost. Ich koche nicht gern.«

Sie schnitt eine Grimasse.

»Igitt ! Nach fünfzig Jahren wird sie aber ziemlich fad. Bis jetzt habe ich's nur auf Oro erlebt, daß sie ihre Tiefkühlkost so lange hatten. Sie wird auf keinen Fall besser !«

Sie schob etwas in den Mikrowellenherd. »Tut nur leid, daß ich mich so blöd benommen habe.«

»Weswegen denn ?«

» Ach so - wegen deiner hundert Jahre, Ich weiß nicht warum, aber ich habe es mit der Angst zu tun gekriegt. Es war einfach unfair von mir.«

»Nein.«

»Doch. Ganz bestimmt.« Sie runzelte die Stirn.

»Also - wie du meinst. Aber ich verzeihe dir. Wann gibt's was zu essen ?«

Sie saßen wie zwei artige Kinder da und nahmen ihr Frühstück zu sich.

»Für Raumfahrerinnen ist Kochen aber ein etwas merkwürdiges Hobby.« Genüßlich kratzte Maris die Reste auf seinem Teller zusammen. »Wann kann man in einem Raumschiff eigentlich kochen ?«

»Praktisch nie. Wir haben unsere Fertigmahlzeiten. Damit wir uns nicht überfressen. Deswegen freuen wir uns auch so auf das Essen und Trinken, wenn wir Station machen. Aber ich kann auch dann nicht richtig kochen, weil ich ja kein Zuhause habe. Man kann es also kaum ein Hobby nennen. Übrigens hat mein Vater schrecklich gern gekocht, von ihm habe ich' s auch gelernt ... « Mit geschlossenen Augen und tief atmend hing sie ihren Erinnerungen nach.

»Lebt denn deine Mutter nicht mehr ?«

»Doch ... sie kocht nur nicht gern.« Sie war verblüfft.

»Trotzdem hätte ihr wahrscheinlich Glatte nicht zugesagt.« Er rieb sich an der Nase.

Dann sagte sie wieder: »Ich bin in Kaliko zu Hause: sieben Lichtjahre von hier. Ein Ort, den Ntaka wahrscheinlich als ˲›gesund‹ bezeichnen würde. Der Lebensraum ist dort noch nicht so beengt, es ist wie im All. Das ist sehr wichtig. Zwar ist das Klima ziemlich kalt und die Vegetation nicht besonders üppig, aber man kann es dort aushalten. Meine Mutter und mein Vater haben die Arbeit unter sich aufgeteilt ... Sie besitzen eine Farm.« Brandy brach sich noch ein Stück Brot vom Laib herunter.

»Was haben sie eigentlich gesagt, als du Astronautin werden wolltest ?«

»Sie haben nicht, versucht, mich daran zu hindern. Aber begeistert waren sie natürlich nicht. Wenn man so bodenständig ist wie meine Eltern, kann man diesen Freiheitsdrang nur sehr schwer verstehen ... Es war traurig für sie, daß sie mich, und traurig für mich, daß ich sie verloren habe. Aber ich mußte einfach weg ... «

Ihre Stimme begann plötzlich zu zittern. »Weißt du, ich werde sie nie wieder sehen, unsere Flüge dauern ja so lang, sie werden altern und sterben ... « Ihr traten Tränen aus den Augen. »Und mir fehlt natürlich mein Zuhause ... «, brachte sie schluchzend hervor und klammerte sich dabei angsterfüllt an ihn.

Maris streichelte sie besänftigend, konnte ihr aber auch keinen Rat geben. Er, schon seit hundert Jahren einsam, war unfähig, mit ihrer Einsamkeit fertig zu werden.

»M-Maris, kann ich dich immer hier aufsuchen, wirst du auch immer hier sein und mich mögen, wenn ich dich brauche ?«

»Immer ... « Er wiegte sie sanft in seinen Armen. »Komm, wann immer du Lust dazu hast, und bleib, so lange du willst. Doch, ich werde immer hier sein für dich ... «


Und er hielt Wort. Als sich fünfundzwanzig Jahre später die Besatzung der WGH-709 wieder um ihn scharte, ihn umarmte und piesackte, konnte er es beweisen.

»Hallo, Soldat !«

»Schau mal einer an ... «

»Wo bleibt denn ... ?«

»Brandy ?« fragte er naiv. »Ja, wo ist denn Brandy ?«

»Ehrlich. Soldat, du vergißt aber auch wirklich nicht so leicht 'n Gesicht, was ?«

»Wetten, es geht ihm nicht nur ums Gesicht !« spottete eine andere.

»Aber sie war doch noch gerade bei uns.« Harkané, die diese Bemerkung gemacht hatte, konnte bequem die Gruppe um sie herum überblicken.

»Vielleicht ist sie unterwegs wo hängengeblieben ?«

»Und vielleicht hat sie sich auch schon einen Schatten aufgegabelt ?« sagte Nilgiri voll Bewunderung.

»Das kleine Luder würde das glatt fertigbringen. Die gabelt sich auch noch einen auf, wenn bei keinem von uns was läuft.« Wynmet platzte beinahe vor Neid.

»Bring uns bitte das Übliche Soldat. Sie wird schon noch eintrudeln, setz dich zu uns wenn sie da ist.« Harkané machte eine einladende Bewegung mit der Hand. Ihre Fingernägel leuchteten in allen Farben. »Kommt. Schwestern. Das Klatschen macht erst richtig Spaß nach einem Drink.«

»Dieses kleine Biest !«

Maris schenkte den Alkohol ein. Er bemühte sich krampfhaft, ja keinen Tropfen zu vergießen, weil er seine Emotionen nicht verraten wollte, bis er dann schließlich merkte daß er die falsche Flasche erwischt hatte. Fluchend trank er selbst die Drinks, einen nach dem anderen.

»Hallo, Maris.«

Er stieß das Tablett an.

»Hallo, Maris.« Dieses Mal sagte sie es mit mehr Nachdruck. Sie wedelte ihm mit der Hand vor dem Gesicht herum. Er zuckte zusammen. »He. Du !«

»Brandy ... !«

Die Gäste an der Bar drehten sich um und starrten die beiden an.

»Brandy ... !«

»Klar. wer denn sonst. Hast du gar nicht mit mir gerechnet ? Die anderen sind schon hier.«

»Weiß ich. Ich dachte : ... ich meine ... das heißt, sie sagten ... daß du vielleicht schon mit jemandem ausgegangen seist.« Er war bemüht, es so harmlos als möglich darzustellen. »Und ... «

Sie unterbrach ihn. »Maris, für wen hältst du mich eigentlich ?« Sie war beleidigt. »Ich wollte ja nur so lange warten, bis alle anderen sitzen, damit ich dich ganz für mich habe. Und du hast also gedacht, ich hätte dich vergessen ! Wie gefühllos du doch sein kannst !« Sie wuchtete einen bunten Sack auf die Theke. »Schau her, ich hab' dir sogar was mitgebracht !« Sie öffnete den Beutel und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Es war ein wirres Durcheinander. »Bücher, Tonbänder, Plaketten, vieles zum Ansehen. Du hast mir gesagt, daß du alle Bücher in der Bibliothek schon fünfmal gelesen hast. Deswegen habe ich überall für dich gesammelt, ein paar von den Sachen sind wahrscheinlich sogar neu ... Gefallen sie dir etwa nicht ?«

»Ich ... « Er hüstelte verlegen. »Es ist einfach ganz toll. Ich bin ganz überwältigt. Weißt du, niemand hat mir jemals etwas mitgebracht. Ich danke dir. Vielen herzlichen Dank. Und willkommen in Neu-Piräus !«

»Ich bin ja so froh, wieder hier zu sein.« Sie lehnte sich über die Bar, schloß ihn ganz spontan in die Arme und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Der Metallgürtel mit Einlegearbeit, den sie anhatte, war neu. »Maris, du siehst noch genauso aus, wie ich dich in Erinnerung habe.«

»Und du bist noch viel schöner geworden.«

»Alter Schmeichler !« Sie strahlte.

Das aschblonde Haar trug sie nun ziemlich lang. Ihre Gesichtszüge waren ausgeprägter. Die flinken, quecksilbrigen Augen betrachteten die Welt ohne Erstaunen. »Weißt du, ich werde heute einundzwanzig !«

»Wirklich ? Das müssen wir aber feiern. Willst du einen Brandy ?«

»Ach - hast du immer noch welchen ?« Ihre Augen weiteten sich. »Klar. Wir sollten den Brauch beibehalten, solange wir den Brandy haben.«

Zufrieden lächelte er vor sich hin. Mit den Gläsern stießen sie auf Geburtstage und auf die Sterne an.

»Nicht sehr voll heute abend ?« Brandy warf einen flüchtigen Blick auf die Gäste. »Nicht wie letztes Mal ... «

»Die Gäste kommen und gehen. Es gibt ein paar Fischer, die regelmäßig bei mir einkehren. Die halten noch an der Tradition fest. Übrigens habe ich es aufgegeben, mich über die Ankunftszeiten der Raumschiffe auf dem laufenden zu halten.«

»Wir können uns ja nicht einmal auf unseren eigenen Fahrplan verlassen«, meinte Brandy, »wir kommen nur ganz selten pünktlich an. Zum Beispiel sind wir dieses Mal einen Monat zu spät dran.«

»Ich weiß - das habe ich nämlich zufällig bemerkt ... « Um seine Verlegenheit zu verbergen, machte er sich an einem Buch mit verbogenem Umschlag zu schaffen. Er schloß es und strich darüber. »Aber lassen wir das. Wie hat dir übrigens dein erster Raumflug gefallen ?«

»O Maris, es war einfach fantastisch ! Wenn ich anfange, davon zu erzählen, kann ich nicht mehr aufhören ... die Stadt in den Wolken auf Patris ... der Freihafen auf Sanalareta ... die Plejaden ... und die Grenzenlosigkeit von Nacht, Eis und Feuer.« Sie durchbohrte ihn mit Augen, die die Abgründe der Ewigkeit ausgelotet hatten. »Es ist unvorstellbar !«

»Das habe ich mir auch sagen lassen.«

Sie sah ihn forschend an, weil sie wissen wollte, ob er verbittert wäre. Aber sie entdeckte keine Spuren der Verbitterung in seinen Zügen. Er fuhr fort. »Weißt du, ich bin ein Kyborg, aber auch ein Mensch - kurz, ein lebender Widerspruch. Die Regeln unserer Ordnung sind gegen mich, ich kann sie nicht ändern. Aber ich höre die Geschichten gern.« Er zuckte nur mit den Mundwinkeln.

»Magst du Gedichte ?«

»Manchmal.«

»Darf ich dir meine zeigen? Ich schreibe einen Gedichtzyklus. Die Gedichte handeln vom Weltraum. Vielleicht wird eines Tages ein Buch daraus. Ich habe sie außer dir noch niemandem gezeigt, aber nur, wenn du willst ... «

»Doch, sehr gerne.«

»Ich suche sie dann für dich zusammen. Ich sollte mich aber jetzt, glaube ich, zu meiner Gruppe setzen, meine Freundinnen halten mich sonst für unsozial. Und außerdem ... « - sie zuckte zusammen, als sie das sagte - »bin ich sicher, daß sie über mich klatschen. Manchmal benehmen wir Raumfahrerinnen uns wie die letzten Provinzler !«

Lachend erwiderte er ihr: »Nicht - du nimmst mir ja alle Illusionen. Aber sag mir noch, willst du wieder bei mir übernachten wie früher ?«

»Bei dir übernachten ? Ja geht denn das ? Aber ich will dir keine Unannehmlichkeiten bereiten !«

»Quatsch ! Du bist doch immer willkommen bei mir.«

»Ich werde dir auch was Gutes kochen ... «

»Ich habe vorsorglich ein paar Eier eingekauft ... «

»Abgemacht ! Amüsier dich gut bei deinen Büchern !« Sie wand sich zwischen den Tischen durch und grüßte hier einen Matrosen, dort eine Raumfahrerin. Ihr lachendes Gesicht wurde undeutlich und ging allmählich in der Menge unter, nur hie und da trafen ihn noch silberne Blitze aus ihren Augen. Er verstaute die Bücher im Sack und stellte ihn so unter die Theke, daß er an seinem Schienbein lehnte. Wenig später sah er, wie sie mit einem Schatten das Lokal verließ.

Am Morgen des dreizehnten Tages entdeckte er beim Aufstehen, daß Brandy schon zu Hause war. Das überraschte ihn. Sie hatte sich auf die Kissen in der Nähe der Tür gelegt und schlief fest und tief. Neugierig sah er durchs Fenster. Er wollte wissen, wie spät es war. Ein dichter, wassergrauer Nebel versperrte ihm die Sicht. Seltsam, es war das erste Mal, daß sie vor der Morgendämmerung nach Hause gekommen war. Nach Hause ? Vorsichtig hob er sie vom Kissen empor. Sie seufzte. Im Schlaf legte sie die Arme um ihn und begann ihn zu küssen. Er trug sie vorsichtig zum Bett, legte sie sanft nieder und beugte sich über sie ... Nein ! Es durfte nicht sein. Er drehte sich um und verließ das Zimmer. Nur einmal hatte er mit ihr geschlafen, und sie hatte ihm damals gesagt, daß sie sich kein zweites Mal lieben würden. Das war vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren gewesen. Sie hielt sich an die Regeln. Eine Raumfahrerin durfte nur ein einziges Mal mit dem gleichen Mann schlafen.

In der Küche machte er sich eine Mahlzeit aus der Tiefkühltruhe warm und verzehrte sie, ohne daß ihm jemand dabei Gesellschaft geleistet hätte.


»Was ist denn das, D. W.?« Brandy stand plötzlich neben Maris. Sie war in ein Bettlaken gehüllt und setzte sich zu Maris, der barfuß war, auf die Kissen. Er trank Wein und lächelte sie an.

»Nennt sich - Dreidimensionale Werbung. Was du siehst, ist der Morgenbericht von der Oro-Zeche. Du bist ziemlich früh wach - es ist noch nicht mal zwölf.«

»Ich habe genug geschlafen. Ich bin nicht müde.« Sie trank einen Schluck aus seinem Glas.

»Du bist heute morgen ziemlich früh nach Hause gekommen. Ist irgend was ?«

»Nein - es war nur nichts los. Es gibt kaum mehr Partys. Alle anderen sind erschöpft, außer mir.« Sie sah ihn mißtrauisch von der Seite an. »Soll das eigentlich ein Verhör sein ? --Früh nach Hause gekommen--!« Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu und brach in ein lautes Gelächter aus.

»Du spinnst ja l« Er grinste.

»Was hast du denn mit deiner Couch gemacht ?« Um seinem Gedächtnis nachzuhelfen, deutete sie auf die Kissen.

»Ach so - sie ist aus dem Leim gegangen. Du darfst nicht vergessen, daß du vor fünfundzwanzig Jahren zum letzten Mal hier warst.«

»Oh, ... schade.« Dann wurde sie plötzlich ernst. »Maris soll ich dir nun meine Gedichte vorlesen ?« Sie zog ein kleines, abgegriffenes Notizbuch unter der Decke hervor.

»Klar.« Er lehnte sich zurück und dachte über die kaum wahr zu nehmenden Veränderungen in ihrem Gesichtsausdruck nach. Auch in seinem Innern begann sich etwas zu wandeln. Er war stolz auf sie und spürte das Verlangen in sich, sie an sich zu binden, sie zu besitzen.


... bis wir, in Dunkelheit versunken,

Den seidenen Sternengesang tanzen.

 

Es war das letzte der Gedichte, das sie ihm vorlas. »Ich nenne es ›Genesis‹. Es handelt von der Anfangsphase eines Flugs … und gemeint ist damit natürlich auch - der Beginn eines Lebens.« Brandys Blick zeigte an, daß sie wieder von ihrem imaginären Flug durchs Weltall zurückgekehrt war. Sie bemerkte nun, daß zwei dunkle Augen sie stillschweigend beobachteten.

»Die Sterne zur Zierde, werden wir ewig dort weilen und über den Tod, den Zufall und dich, o Zeit, triumphieren ... « Er schaute weg und spielte geistesabwesend mit der Quaste an einem Kissen.

»Das war von Milton ... nicht von mir. Ich würde so was nie zustande bringen.« Er schaute sie wieder voller Bewunderung an. »Deine Gedichte sind so schön, wie du selbst. Du solltest einen Gedichtband schreiben. Wenn man begabt ist, sollte man geben. Und du bist begabt.«

Ihre Wangen glühten vor Freude. »Glaubst du wirklich, daß man sie lesen würde ?«

»Ja.« Er nickte und überlegte sich, was er ihr sagen wollte. »Siehst du, noch nie habe ich die Illusion gehabt, als ob ich mitflöge ... ich hatte das Gefühl, mit dir im Weltraum zu sein ... die anderen ließen mich bei ihren Berichten immer zurück.«

Sie drehten sich um, blickten zum Fenster hinaus und schwiegen. Nach einer Weile rückte Brandy näher an ihn heran und lächelte. »Weißt du, was ich jetzt gern tun würde ?«

»Was ?« Er holte tief Atem. .

»Ich würde mir gerne die Umgebung hier ansehen, deine Heimat.« Sie legte ihr Notizbuch zur Seite. »Komm, wir machen einen Spaziergang durch Neu-Piräus, das ich bei Tag noch gar nicht richtig kenne - ich meine den Teil, in dem sich das Leben abspielt. Ich will ihn noch sehen, bevor sie ihn abreißen. Bist du mit meinem Vorschlag einverstanden ?«

Er zögerte. »Bist du dir ganz sicher, daß du … ?«

»Klar. Komm jetzt und trödle nicht so lange herum.« Sie gab ihm zu verstehen, daß er aufstehen sollte.

Und immer noch grübelte er darüber nach, warum sie so früh nach Hause gekommen war.

Es war ihr letzter Nachmittag in Neu-Piräus vor dem Abflug. Sie gingen durch enge, gewundene, gepflasterte Gäßchen. Die kleinen, weißen Häuser standen dicht beieinander und schienen sich gegenseitig zu stützen. Die beiden stiegen enge Treppen hinauf und blieben stehen, um die frische Seeluft einzuatmen und weil sie außer Atem waren. Bei einer freundlichen alten Marktfrau mit einem Gesicht wie ein Lederapfel kauften sie Obst ein.

»Das schmeckt !« Brandy leckte den Saft vom knallroten Stein ab. »Wer war übrigens diese Frau ? Ich habe nicht verstanden was sie sagte, nur daß sie dich mit ›Herr‹ anredete. Ihr habt wohl Dialekt gesprochen ? Es hat mich gewundert, daß die Worte im Mundartlichen so undeutlich werden.«

Er wischte sich den Mund ab. »Und es wird immer noch schlimmer mit der Sprache, weil so viel Fremde hierherkommen. Aber in der Altstadt gewöhnt man sich an alles. Das war eine alte Bekannte von mir, die ich während der Epidemie kennengelernt habe. Sie war damals krank.«

»Epidemie ? Welche Epidemie denn ?«

»Die Oro-Zeche hatte sich mit zusätzlichen Arbeitskräften für die Bergwerke eingedeckt, weil die Nachfrage nach Rohstoffen im Wachsen war. Kurz nach deinem letzten Besuch hier hatten sie mit der Erweiterung begonnen. Einer der neuen Arbeiter hatte eine Krankheit, die bei uns unbekannt war. Sie raffte ungefähr ein Drittel der Bevölkerung von Neu-Piräus dahin.«

»Das darf doch nicht wahr sein !«

»Es passierte vor ungefähr fünfzehn Jahren ... Dann wurde in den Laboratorien von Oro ein Impfstoff entwickelt, der die Epidemie eindämmte. Aber sie wissen bis heute nicht, was für eine Krankheit das war.«

»Die Bewohner eines Sterns müssen sich wie Gefangene fühlen !«

» Ja ... das stimmt zwar, aber es hat auch seine Vorteile, ein festes Zuhause zu haben.«

Sie aß fertig und wechselte das Thema. »Warst du Krankenpfleger während der Epidemie ?«

Er nickte. »Ich war ganz offensichtlich immun, so daß ... «

Sie klopfte ihm auf die Schulter. »Du bist so hilfsbereit !«.

Er lachte nur und schaute weg. »›So synthetisch‹ würde die Sache schon eher treffen !«

»Wirst du denn nie krank ?«

»Außerst selten. Ich werde ja nicht einmal richtig betrunken. Der Gedanke verfolgt mich, daß ich eines Tages aufwachen könnte und ganz aus Plastik bin.«

»Und trotzdem wärst du ein guter Mensch.«

Sie gingen weiter . »Was hat denn eigentlich die Obstfrau gesagt ?«

» Sie sagte ›Soldat, ich sehe, du hast eine Freundin‹. Sie hat sich, glaube ich, darüber gefreut.«

»Und was hast du ihr erwidert ?«

»Ich sagte: ›Ja, das stimmt.‹« Er lächelte aber ließ sie los. Heimlich ballte er die Hand zur Faust.

»Ich bin froh, daß sie sich darüber gefreut hat ... Die meisten hier sehen aus, als ob wir ihnen unangenehm wären.«

»Scher dich nicht drum. Schau lieber dorthin ... « Mit einer einladenden Handbewegung zeigte er ihr das Meer. Gedämpftes Rauschen drang herauf. Er deutete auf die Grün-und Blauflächen, die sich unter ihnen ausdehnten, und auf das elfenbeinfarbene Durcheinander der südländischen Häuser, aus dem die Stadt bestand. Im Norden und Süden reichte das Faltengebirge bis ans Meer.

»Ach ja - das Meer, meine erste Liebe. Ich lebte mit meinen Eltern auf einer Insel. Wir waren vom Meer umgeben. Das Weltall ist eigentlich auch nichts anderes : grenzenlos, ewig, ewig im Wechsel ... «

»Raumfahrerin !« riefen zwei junge Mädchen und kicherten. Sie machten einen weiten Bogen um die beiden. So eilig hatten sie's, daß sie beinahe hingefallen wären, weil sich die schwarzen, langen Röcke um ihre Beine gewickelt hatten.

Brandy wurde rot, runzelte die Stirn, weil sie sich ärgerte, und suchte dann wieder das Meer mit dem Blick. »Ich ... ich werde langsam müde. Ich glaube, wir haben genug gesehen.«

»Dort oben gibt es nicht mehr viel zu sehen. Nur den neueren Teil der Stadt, und der ist uninteressant.« Er nahm sie bei der Hand, und sie gingen wieder hinunter. »So weit droben sind wir eben eine Sensation.« Ein korpulenter Mann mit einem schweren Kaftan drängte sich an ihnen vorüber. Maris bemerkte, wie er Brandy einen lüsternen Blick zuwarf. Mit ihm hatte Brandy bei ihrem letzten Besuch etwas gehabt; in all den Jahren war er alt geworden.

»Entweder schauen sie einen geil an oder sie verurteilen einen mit den Blicken.« Er fühlte, wie sich ihre Fingernägel in seinen Arm gruben. »Was ist eigentlich mit ihnen los ?«

Maris hob die Schultern. »Der Neid der Sterblichen bestimmt ihre Reaktionen. Ihr Raumfahrerinnen stellt eine Bedrohung für sie dar ... Hast du dir eigentlich nie Gedanken darüber gemacht, welche Wirkung freie und schöne Unsterbliche auf Sterbliche ausüben ?«

»Sie wissen, daß auch wir nicht unsterblich sind, daß wir nicht länger leben als alle anderen.«

»Sie registrieren aber zum Beispiel, daß ihr von einem Flug zurückgekommen seid, der fünfundzwanzig Jahre gedauert hat, und fast nicht älter ausseht als damals. Vielleicht erkennen sie euch nicht einmal wieder, aber sie wissen Bescheid. Und sie sind natürlich um fünfundzwanzig Jahre gealtert. Warum, meinst du, haben sie wohl diese sackartigen Gewänder an ?«

»Um recht häßlich damit auszusehen. Sie müssen entsetzlich unterdrückt sein.« Verdrossen schüttelte sie den Kopf.

»Das stimmt zwar auch, aber in der Hauptsache tragen sie diese Kleider, um Veränderungen zu verbergen. So absurd es klingen mag, sie ahmen damit euch, die ihr immer gleich ausseht, nach. Das war übrigens der Fall, so weit ich zurückdenken kann. Sie sind neidisch auf alles, was ihr habt, weil sie es selbst besitzen wollen.

Sie seufzte. »Ich habe mir sagen lassen, daß sie auf EIder die Haut mit irgendwelchen Mustern bemalen, um die Altersspuren zu verbergen. Ntaka spricht von einern ›Fixieren‹ der Jugend. Hast du' s auch gelesen ?« Der Zorn war verraucht, und ihre Augen wurden wieder kalt und graugrün wie das Meer.

»Ja, doch - wir haben uns auch schon Gedanken darüber gemacht ... dann nämlich, wenn wir uns über die armen Landratten und ihre eingeengten Lebensverhältnisse lustig machten. Dann lachen wir über die armen, keuchenden Schatten, die sich so richtig abzappeln und dabei meinen, daß sie uns ausbeuten. Wo doch gerade das Gegenteil der Fall ist ! Manchmal habe ich das Gefühl, daß wir kalt und grausam sind.«

»Grausam wie die Götter, grausam wie Diana. die Silberne Mondgöttin.«

»Seit der Nacht - jener unvergeßhchen Nacht - hast du mich nicht mehr so genannt.« Ihre Finger gruben sich in seinen Arm ein. so daß es beinahe weh tat. Er sagte aber nur: »Ich nehme an, daß sie einen Kyborg um der gleichen Dinge willen beneiden ... «

»Allerdings läßt sich das Phänomen eines Kyborgs leichter rationalisieren und es ist unmöglich, ihn nachzuahmen.« Er zuckte die Achseln. »Im großen und ganzen lassen sie uns deswegen auch in Ruhe.«

»Und so müssen wir Unsterblichen also auf die Begegnung mit einem Leidensgenossen warten.

Aber sei's drum - es ist trotzdem eine schöne Stadt. Im Grunde genommen kann es mir gleich sein, was sie von mir denken.«


Er saß da und lauschte ihrem Gesang, der sich durch das Geräusch des fließenden Wassers hindurch merkwürdig abgerissen anhörte. Er war nervös, und seine Finger verfingen sich in dem gewundenen Armband aus schwerem Metall. Wollte sie sich von der »Besudelung« reinwaschen ? Er konnte sich nicht auf seine Lektüre konzentrieren und las den gleichen Abschnitt zum achten Mal. Plötzlich hörte sie auf zu singen.

»Maris. hast du ...«

Sein Blick fiel auf ihren schmalen, schimmernden, mädchenhaften Körper, der plötzlich in der Tür erschien. »Brandy. verdammt noch mal, du bist doch jetzt nicht auf einem Flug durchs All ! Willst du, daß dich alle Leute auf der Straße so sehen ?«

»Aber ich ... «

Sie begriff plötzlich, wurde unsicher und verschwand wieder. Er schaute immer noch auf die Fenster, die vom Dunst der Sonne verhüllt waren, und war sich völlig darüber im klaren, daß niemand hereinsehen konnte. Die Wurzeln seiner Unzufriedenheit lagen woanders. Aber sein Zorn verrauchte, und die Atemzüge wurden wieder regelmäßiger.

Schüchtern kam sie zurück. Sie hatte ihren bläulich-silbernen Steppanzug angezogen und ließ sich auf der Kante eines Sessels nieder. »Ich vergesse es immer wieder ... «, sagte sie kleinlaut.

»Ist ja alles in Ordnung.« Er schämte sich und konnte ihr nicht in die Augen sehen. »Tut mir leid, daß ich dich angeschnauzt habe ... Was wolltest du mich fragen ?« .

»Ach - es war nichts von Bedeutung ... « Verlegen zerrte sie an ihren verfilzten Haaren. »Aua ! Verdammt noch mal !« Als sie merkte, daß er sie beobachtete, lächelte sie gezwungen. »Weißt du, ich bin froh, daß wir Mima aufgelesen haben. Sie kommt von Treone. Nun bin ich endlich nicht mehr das ›Schwesterchen‹. Ich hatte es satt, immer den Grünschnabel spielen zu müssen. Sie ist ... «

»Brandy ... «

»Ja ?«

»Warum dürfen eigentlich keine Kyborgs mitfliegen ?« fragte er unvermittelt.

Man merkte ihr an, daß sie durch seine Frage verwirrt war. »Es ist eine Vorschrift.«

»Ich will doch von dir nicht hören, daß es eine Vorschrift ist, sondern warum.«

»Nun -weil ... « Verlegen strich sie ihr nasses, strähniges Haar mit den Fingern glatt. » ... Sie haben es versucht, aber es hat sich nicht bewährt. Mit den Kyborgs ging es ähnlich wie mit den frühen Astronauten. Sie haben bei langen Raumflügen versagt. Sie brachen zusammen, und ihr Hormonhaushalt geriet durcheinander. Bei den Kyborgs war der Grund für den Zusammenbruch in der Spannung zwischen den natürlichen und künstlichen Substanzen in ihrem Körper zu suchen, die da draußen zu groß wurde. Sie hatten schon ein Verfahren entwickelt, um die Kyborgs für die Raumfahrt zu ertüchtigen und den Hormonhaushalt bei den Männern umzustellen. Die Männer sollten den Weltraum beherrschen. Aber beide Methoden versagten. Ob sie nun physischer oder psychischer Natur war, die Belastung war zu groß. Es wurde daraufhin vereinbart, keinen Mann mehr auf einen Raumflug mitzunehmen.«

»Aber das war vor tausend Jahren ! In der Zwischenzeit hat man auf dem Gebiet der Kyborggenetik wesentliche Fortschritte gemacht. Ich zum Beispiel bin gesünder und lebe länger als jeder normale Mensch. Und vor allem bin ich stärker ... « Er lehnte sich vor, berauschte sich an seiner Rede.

»Ihr seid aber auch langsamer als Frauen. Physische Kraft ist nicht mehr so wichtig, dazu haben wir Maschinen. Aber wie dem auch sei - Männer wären einem größeren Streß ausgesetzt als Frauen, und das könnte gefährlich werden.«

»Gibt es eigentlich weibliche Kyborgs, die auf Raumflügen mitgenommen werden ?«

»Nein.«

»Haben sie es überhaupt einmal mit ihnen versucht ?«

»Nein.«

»Siehst du. Die Liga für Raumfahrerinnen hat ein Monopol für die Raumfahrt und verteidigt es mit völlig veralteten Mitteln. Der eigentliche Grund für diese Bestimmung ist, sie wollen einfach nicht daß andere dort draußen sind.« Er war in Fahrt geraten.

»Ja, du magst recht haben.« Ihr Arm ruhte auf der Seiten lehne des schweren. weichen Sessels. Unentschlossen öffnete und schloß sie ihre Hand. Ihre Augen waren grau und glanzlos. »Kannst du es uns denn übelnehmen ? Die Raumfahrt ist unser Lebensinhalt, deswegen müssen wir die anderen davon ausschließen. Um uns herum ist alles dem Wechsel unterworfen, es gibt keine Kontinuität. Wir sind einzig und allein auf unsere Gruppe angewiesen, die sich nicht verändert, nicht verändern darf. Deswegen haben wir auch unsere Vorschriften, tragen einheitliche Kleidung. Ja wir gehen sogar so weit, daß wir versuchen, ähnlich zu fühlen und zu handeln. Mehr können wir nicht tun wenn wir einigermaßen normal bleiben wollen. Wir leben vollkommen isoliert von der Außenwelt.« Man sah Ihr an, daß sie nervös war. Sie machte sich wieder an ihren Haaren zu schaffen. »Deswegen wechseln wir auch unsere Liebhaber ständig. Genau wie die übrigen Menschen haben wir Bedürfnisse, die wir befriedigen müssen, aber wir können es uns nicht leisten, dauerhafte Beziehungen aufzubauen, uns mit jemandem einzulassen, ja ihn sogar an uns zu binden. Das würde eine Gefährdung unserer Ideologie darstellen oder wäre zumindest ein Unsicherheitsfaktor. Das verstehst du doch, Maris ? Andererseits ist dies aber auch schuld daran, daß ich nicht ...« Sie unterbrach sich.

Sie warf ihm noch einen wehmütigen Blick zu, hinter dem sich eine unaussprechliche Furcht verbarg.

Er ging noch einmal auf das ein, was sie zuletzt gesagt hatte, und brachte es sogar fertig, dabei zu lächeln: »Habe ich mich denn etwa bei dir beklagt ?«

» Ja ... es sah so aus ... « Sie hob den Kopf. Er gab es zögernd zu, denn es war eine schmerzliche Erfahrung für ihn: »Ich glaube, du hast recht gehabt.« Aber ich verändere mich ja nicht, dachte er bei sich. Ganz schnell schloß er die Augen, bevor sie seine innersten Gedanken daran ablesen konnte. Aber das ist eigentlich auch nicht der springende Punkt dabei, sagte er sich.

»Maris. wäre es dir lieber, wenn wir uns nicht mehr sähen ?«

»Nein - nein ... ich habe schon verstanden. Es ist schon okay. Ich will dich ja um mich haben.« Er streckte sich und schüttelte die unangenehmen Gedanken von sich ab. »Aber, bedecke dich wenigstens mit einem Handtuch, ja ? Ich bin nämlich auch nur ein Mann. Zumindest, was das betrifft.«

»Ich verspreche dir, in Zukunft etwas mehr Rücksicht auf dich zu nehmen.«

Er machte sich Gedanken über die Zukunft. Morgen in aller Frühe würde Ihr Raumschiff wieder abfliegen. Aber er verriet ihr nicht, was ihn bewegte.


Fluchend ging er mit unsicheren Schritten vom Schlafzimmer zur Glastür. Er war aus dem Schlaf gerissen worden. Draußen stand Brandy, mit der er überhaupt nicht gerechnet hatte. Sie strahlte ihn an. »Das ist eine Überraschung, was !« Sie lachte, umarmte ihn und zog seinen nachlässig zugebundenen Morgenmantel herunter.

»He ! Willst du, daß man mich wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses einsperrt ?« Er packte sie am Arm, zog sie in die Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu. Er brachte seine Kleidung wieder in Or?nung und drehte ihr dabei den Rücken zu. Brandy stand hinter ihm und kicherte. Dann wandte er sich wieder ihr zu. Immer noch schlaftrunken, musterte er sie. Er konnte es kaum glauben. »Dieses Mal bist du sogar zu früh dran -beinahe zwei Wochen zu früh !«

»Ja. ich weiß. Ich konnte einfach nicht bis heute abend warten. Ich mußte dich jetzt gleich überraschen. Und das ist mir ja auch gelungen, ja ?« Man konnte sehen, wie freudig erregt sie war. Sie rollte die Augen. »Ich hörte dich zur Tür kommen.«

Sie hatte es sich auf seiner alten, gestreiften Couch gemütlich gemacht und warf einen Blick durchs Fenster, während er seine Sandalen zuschnürte. »Du hattest früher so viel Platz. Hoffentlich haben sie die Schlucht, in der dein Haus steht, nicht vollständig zugebaut !« Ihre Stimme wurde plötzlich wehmütig.

»Nein, noch nicht ganz ... Und wenn sie es jemals tun, dann werde ich nicht mehr hier sein ... Wie war diesmal der Flug ?«

»Wieder sehr schön - und ich kann mir nicht vorstellen, daß es jemals anders sein wird. Vermutlich wird man, selbst wenn man hundertmal dort war, noch nicht alles gesehen haben.


Durch dein Kristallauge

O Mactav, sehe ich,

Wie der Mitternachtsstern

Sein Innerstes nach außen kehrt ...


Übrigens habe ich eine große Neuigkeit. Meine Gedichte werden auf Treone veröffentlicht. Ich habe den Zyklus wahrend der Reise abgeschlossen. Auf Treone hat man sich sehr lobend darüber geäußert.«

Er nickte selbstgefällig. »Die Leute dort scheinen einen ziemlich guten Geschmack zu besitzen. Müssen die sich aber verandert haben.«

»]a. das stimmt. Sie haben wirklich ungeheure Fortschritte gemacht in den letzten Jahrzehnten. Seit einem Jahrzehnt geben sie sich sehr künstlerisch. Ihre Schatten sind wirklich anders ... « Sie schüttelte den Kopf. »Einer von ihnen hat mir von meinem Verleger erzählt.«

»Hast du ihm denn deine Gedichte gezeigt ?« Er versuchte, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.

»Du meine Güte, nein ! Er hat mir von seinen Gedichten erzählt. Und so dachte ich, daß ich eigentlich nichts zu verlieren hätte, wenn ich ihn nach seinem Verleger fragte.«

»Wann bekomme ich ein Exemplar davon ?«

»Ich weiß nicht.« Sie machte einen ziemlich niedergeschlagenen Eindruck. »Wenn ich nach fünfundzwanzig Jahren wieder dorthin zurückkehre, ist das Buch wahrscheinlich vergriffen. ›Lang ist die Kunst, die Zeit, sie flieht ... ‹ Bei Longfellow ist das Verhältnis umgekehrt. Aber ich habe dir eine Kopie von den Gedichten und andere Lektüre mitgebracht. Eines von den Büchern ist ziemlich interessant, du solltest es lesen. Bei den Leuten am Drücker hat es Ntakas Anschauungen längst überflüssig gemacht. Ich hielt es allerdings für ziemlich mittelmäßig. Aber wer sind wir schon, daß wir uns ein solches Urteil erlauben können ! Weshalb lachst du ?«

»Wo ist eigentlich das kleine Mädchen mit den Sommersprossen und den Zöpfen geblieben ?«

»Was meinst du damit ?« Sie zog die Nase kraus.

»Wie alt bist du nun ?«

»Vierundzwanzig. Oh ... « Sie war geschmeichelt. »Frau Poetin, darf ich Sie zum Essen einladen ?«

»Essen, klar ! Immer !« Sie vollführte Freudensprünge, aber als sie ihn grinsen sah, wurde sie plötzlich wieder sehr ernst. »Ja. doch, ich würde sehr gerne ausgehen. Gehen wir ins ›Schlemmer-Piräus‹ ?«

»Das Lokal hat zugemacht, kurz nachdem ihr weg wart.«

»Die hatten heiße Musik. Wie hieß doch die Fischbratstube mit dem Fischnamen ?«

Er schüttelte den Kopf. »Der Besitzer ist vor mehr als zwanzig Jahren gestorben.«

»Verdammt noch mal, sieht ganz so aus, als ob gar nichts geblieben wäre !« Sie seufzte.

»Weißt du was, ich mache uns ganz einfach ein Abendessen. Ich existiere ja wenigstens noch. Und es würde mir auch Spaß machen.«

An diesem Abend und den darauffolgenden stand er an der Bar und mußte mitansehen, wie sie mit einem Schatten oder ein paar fröhlichen Kolleginnen zu einer Party wegging. Einmal winkte sie ihm zu, und er zerbrach ein bruchsicheres Glas, das er gerade in der Hand hielt. Verwirrt und wütend über sich selbst kickte er es unter die Theke.

Dreimal kam sie früh nach Hause während ihres Aufenthaltes. Aber er stellte keine Fragen. Sie zeigte sich dafür erkenntlich, indem sie ihm keine Märchen mehr erzählte. Sie schlief dann auf der Couch, und am Nachmittag unternahmen sie etwas zusammen.

Einmal machten sie einen Ausflug zum Raumschiff. Seite an Seite gingen sie den jadefarbenen Strand entlang. Das Meer kam Maris wie ein riesiges Lebewesen vor, das seine Fangarme aus Schaum abwechselnd ausstreckte und wieder einzog. »Du fliegst morgen wieder ab, ja ?« fragte er Brandy.

Brandy nickte. »Ja.«

Er seufzte.

»Maris, wenn ... «

»Was denn ?«

»Oh - nichts. Vergiß es.« Sie wischte sich den Sand vom Stiefel. Er war immer noch fasziniert von der Bewegung des Wassers. »Hast du eigentlich schon einmal den Wunsch verspürt, ein Raumschiff von innen zu sehen ?« Ihre Nerven waren aufs äußerste angespannt, als sie die Türklappe des Beiboots aufzog.

Er folgte ihr hinein. »Natürlich !« sagte er.

»Soll ich dir die WGH-709 zeigen ?«

»Ich dachte, das wäre verboten !«

»Die Bestimmung der Liga lautet : ›Kein Mann soll ein Raumschiff betreten, es sei denn im Schlaf.‹ Dieser Vorschrift, die schon mindestens zweitausend Jahre alt ist, liegt der Aberglaube zugrunde, daß Männer an Bord Unglück bringen, es sei denn: sie schlafen. Aber wir befinden uns ja jetzt in einer anderen Situation, wir sind im Hafen. Also kannst du uns kein Unglück bringen.«

Trotzdem hatte er seine Bedenken und schaute sie ungläubig an.

»Maris. ich möchte, daß du siehst, wie wir leben, denn schließlich habe ich ja auch deine Lebensweise kennen gelernt. Das kann doch kein Verbrechen sein ? Und außerdem wird es niemand erfahren, weil wir allein hier draußen sind.«

Sie lachte ihn durchtrieben an, und er tat sein Bestes, es ihr gleichzutun. »Gut, wenn du meinst, bin ich dabei.«

Die leichte Brise trieb den Flugkörper fast unmerklich vom Ufer weg. Jenseits des Felsvorsprungs, der ins Meer ragte, sahen sie Neu-Piräus. Von einigen Fenstern wurden die Strahlen der späten Nachmittagssonne reflektiert. Es war, als ob der Glanz von gediegenem Gold ihre Augen blendete.

»Ach, wenn Neu-Piräus nur so bleiben wurde, wie es ist … Da ist ja ein neues Gebäude - ein Wolkenkratzer.«

Er sah nun auch in die Richtung, in die sie deutete. »Ja, und eben erst fertig geworden. Es wäre schon möglich, daß Neu-Piräus wächst. Das hatten wir der Oro-Zeche zu verdanken. In den letzten hundert Jahren hat es sich nämlich kaum verändert. Nach dieser langen Zeit ist man nun, was den Fortschritt anbetrifft, überängstlich.

»Gilt das auch für einen Zeitraum von drei – beziehungsweise fünfundzwanzig Jahren ?« Sie zeigte mit dem Finger auf etwas. »Achtung, Maris, hier ist die Luftschleuse.«

Das Beiboot landete auf dem Wasser, unmittelbar unter dem halb durchsichtigen Rumpf der WGH-709, die in der Luft schwebte.

Maris starrte das Schiff mit großen Augen an und sah sich dann nach Brandy um. »Es ist ja sehr viel gewaltiger, als ich dachte.«

»Leer hat es eine Masse von zwanzigtausend Tonnen.« sagte Brandy und griff nach der Leiter, die herunterhing. »Wir müssen hier hinaul.« Sie sah ihn an.

»Einverstanden. Aber nicht so schnell !«

Sie gelangten durch die Luftschleuse ins Raumschiff, schlichen auf leisen Sohlen schmale Korridore entlang, an deren Seiten sich nischenartige Lagerräume befanden.

»Ist das ganze Schiff transparent ?« Er berührte eine Wand. Plastik, die Plastik berührte. »Wie kann man denn hier überhaupt einmal für sich sein ?«

»Warum flüsterst du eigentlich ?«

»Stimmt ja gar nicht - aber warum flüsterst denn du ?«

»Shhh ! Weil es hier so ruhig ist.« Sie blieb stehen. Voller Stolz sagte sie nun zu ihm: »Wir können unser Schiff fast ganz transparent machen, wenn wir wollen. So wie jetzt. Gewöhnlich ist es nicht so durchsichtig. Sämtliche Wände und der Rumpf sind aus polarisiertem Glasit und können daher undurchsichtig gemacht werden. Das hier ist der Laderaum, der ohnehin den größten Teil des Schiffes beansprucht. Die Kabinen für die Passagiere sind oben. Man hat dort Vorrichtungen angebracht, die für einen Druckausgleich sorgen und daher für die Erhaltung des menschlichen Organismus im Weltraum unerläßlich sind. Hier ist der Aufzug. Komm, wir fahren zur Brücke hinauf !«

»Brandy !« Als sie den Aufzug verließen, kam ein Mädchen in Rot mit einer Schreibunterlage in der Hand auf sie zugestürzt. Wütend herrschte sie Brandy an: »Was fällt dir eigentlich ein ! - Ach. Du bist es, Soldat ? Gott, ich dachte schon, sie hätte einen Mann hierhergeschleppt !«

Maris zuckte zusammen. »Hallo, Nilgiri !«

Brandy war sehr blaß geworden und sagte zu Nilgiri : »Wir sind hergekommen, um nach Mactav zu sehen. Aber was hast du hier eigentlich verloren ?« Und dann im Flüsterton: »Du Biest !«

Nilgiri erklärte ihr, daß sie ebenfalls nach Mactav schauen wollte und daß sie von Harkaué hergeschickt worden sei. Nilgiri blickte prüfend auf die Schalttafel, die an der Wand hinter ihr angebracht war. Dann sah sie Maris wieder an. Es war ihr peinlich, daß er hier war, und sie sagte deshalb zu Brandy:

»Da ich nun schon einmal hier bin, brauchst du dich nicht um Mactav zu kümmern. Zeig dem Soldaten unser Schiff !« Die Röte war ihr ins Gesicht gestiegen. Sie glühte. »Bis später«, sagte sie hastig und verschwand im Aufzug.

»Die ist manchmal wirklich zu blöd !«

»Sie hat's doch nicht so gemeint, Brandy.«

»Oh, ich hätte ... «

»Ihr hat der Ausrutscher nämlich wirklich leid getan. Auf diese Weise habe ich wenigstens erfahren, daß wir den Vorschriften nicht zuwiderhandeln«, sagte er sarkastisch.

»Ach, Maris, wie kannst du es ertragen ? Hast du's nicht langsam satt ?«

»Klar ! Das würde jedem so gehen ... Aber ich kann mich doch nicht dauernd aufregen. Und außerdem ... « - er warf einen Blick auf die geschlossenen Türen -, »ein verbitterter Barkeeper taugt nichts. Los, zeig mir das Schiff !«

Ihre Faust öffnete sich wieder, und sie nahm seine Hand. »Hier geht es zur Brücke.« Sie zog ihn mit sich fort, und sie standen plötzlich unter einer Kuppel. Sein Blick fiel auf ein handschriftliches Schild über dem Hauptkontrollpult: »Für Männer verboten«. Brandy versuchte es ihm zu erklären: »Hier wird unser Computer programmiert, da ist der Bereich für den BSSWL-Antrieb, den Ursula erfunden hat, eine der ersten Astronautinnen. die ... «

»Klingt gut. Die Bezeichnung haben auch schon andere Raumfahrerinnen mir gegenüber gebraucht. Was heißt das eigentlich ?«

»BSSWL bedeutet - beinahe so schnell wie Lichte. Es gibt auch einen Fachausdruck dafür.«

»Hmm.« Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er leicht enttäuscht. »Ich bin ja gewöhnt an ... « Seine Resignation verwandelte sich in Neugier, als er sah, daß sie sich königlich über ihn amüsierte. »Hmm - es ist doch etwas anderes als Antigravitation ?« Siebzig Jahre bevor sie das Licht der Welt erblickte, hatte er sich das Elementarwissen auf dem Gebiet der Astronautik im Selbststudium erworben.

»Klar. ganz was anderes !« Sie lachte plötzlich. »Natürlich benutzen wir auch ein AG-Aggregat, dann nämlich, wenn wir in die Sonnensysteme eintreten und sie wieder verlassen. So ein AG-Aggregat funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie das im Beiboot. Es bewirkt, daß wir uns aus dem Gravitationsbereich eines Planeten oder eines Sonnensystems herausbewegen, bis wir BSSWL-Zündgeschwindigkeiten erreichen. Mit dem AG-Aggregat kann man nur auf Bruchteile der Lichtgeschwindigkeit kommen, aber sie reicht aus, um genug Gase und Staub zwischen den Sternen aufzufangen, zu sammeln und zu komprimieren. Die Kraftfelder leiten dieses Gemisch weiter zum Antriebsaggregat, wo es in Energie umgewandelt wird. Die AG' s brauchen wir, bis wir unsere BSSWL-Geschwindigkeit erreicht haben.

Wir benutzen die AG's auch beim Starten und Landen, um die Beschleunigung besser unter Kontrolle zu halten. Es ist deshalb meist so, daß die Anfangs- und die Schlußphase einer Reise die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Je weiter man draußen im Raum ist, desto unabhängiger ist man von der Masse eines Sonnensystems und desto gleichmäßiger ist die Beschleunigung. Es ist ein fantastisches Erlebnis. Durch das polarisierte Glasit des Schiffsrumpfes sieht man einen Regenbogen, der sich in Fahrtrichtung des Raumschiffes bewegt.

Und man ist vollkommen isoliert.« Sie beugte sich über ein Schaltpult das nicht in Betrieb war, und drückte ein paar Knöpfe. Im Raum wurde es dunkel. »In absoluter Nacht, und allein mit den Sternen ... « Und sie waren mitten drin in einer Planetariums-Vorführung, Sterne wurden im Raum sichtbar, astrale »Leuchtkafer« beleuchteten ihre Gesichter und Schultern.

»Wie gefallen dir unsere Sterne ?« fragte ihn Brandy.

»Sind wir hier ?«

Er deutete auf einen Punkt in der Luft, in dem vier bläuliche Lichtstreifen zusammenliefen.

»Ja ... wird sind an dieser Ecke des Raumkubus'. Das ist unsere Navigationskarte für die Kubusroute. Siehst du dieses Sternenband, diesen hellen Streifen mit dem Knick – das sind die Plejarden. Patris … Sanalareta … Treone bis hinunter zu – Oro. Auch die anderen Verbindungslinien zwischen mehreren Sternen verlaufen im Zickzack,aber von hier aus sieht man das nicht. Folge mir nun ... wir zünden die Triebwerke und öffnen unsere BSSWL-Netze im All ... «

Wie hypnotisiert befolgte er ihre Anweisungen, seine Blicke wanderten in die Nacht, wo ein flimmerndes Netz winzige Spuren interstellaren Gases auffing. Das Nichts des Raums erwies sich als angefüllt mit Materie. Es schien ein unerschöpflicher Vorrat davon vorhanden zu sein, denn das Gesetz von der Erhaltung der Energie war selbstverständlich auch hier wirksam. Ein Jahrtausend wissenschaftlicher Arbeit war nötig gewesen, um diesen Flug eines Raumschiffs der Liga in den Weltraum zu realisieren. Das Schiff fiel durch das unendliche All, umschiffte die wechselvollen Strömungen des Raums und bahnte sich einen Weg durch die Stürme des Alls, Sterne glitzerten wie Schneekristalle auf dem gewölbten Rumpf des Schiffs, sandten kalte Lichtstrahlen aus, die sich vor seinen Augen in Blaulicht verwandelten, als er sich umdrehte, nahm er eine Verschiebung der Strahlen nach dem roten Ende des Spektrums hin wahr. Unmerklich dehnte sich die Zeit. Die Antriebskraft nahm zu und mit ihr Beschleunigung und Geschwindigkeit. Maris sah den silbrigen Nebel, der zuerst zu ihrer Rechten war, sich vor dem Schiff ausbreiten: eine Schattenwand ... Sie flogen an den Plejaden vorbei, diesem endlosen Wall aus heißglühendem Nebel, der von innen heraus, durch unsichtbare Feuerinseln, in Brand gehalten wurde. Ausläufer des schimmernden Dunstes erstreckten sich über hunderte Milliarden von Kilometern. Die Energienetze füllten sich und schleuderten das Schiff an den Rand des Sternennebels.

Er war geblendet, sah nur noch leuchtende Ringe von farbigem Licht, als die Netze zum Schiffsrumpf hin zusammenfielen. Da die Kraftfelder hoch aufgeladen waren, konnten sie den zerbrechlichen Kern, den Schiffsrumpf, auf diesem rasenden Flug durchs All schützen. Die Geschwindigkeit nahm weiter zu. Maris beobachtete, wie tiefblaue und karminrote Farbschichten durch den Doppler-Effekt entstanden. Die anhaltende Helligkeit verwob sich mit den Kuppeln aus leuchtendem Dunst. Der Nebel jagte mit rasender Geschwindigkeit am Raumschiff vorbei, bis das ganze Flammenmeer aus Wolken und Sternen zu einer bläulich-weißen, fortflatternden Nebelschwade zusammenschrumpfte.

Erneut geriet das Raumschiff in ein Lichtgebilde, das die Form eines Kegels hatte und auf einen leuchtenden Punkt in der Ferne zulief. Die zusammengeschrumpften Netze »angelten« in einem nahezu luftleeren Raum und füllten sich wieder. Die Geschwindigkeit des Raumschiffs näherte sich 0.999 c ... und blieb konstant, als im Innern keine Materie mehr in Energie umgesetzt wurde. Die Geschwindigkeit begann sich wieder zu verringern. Langsam wurde das Universum wieder vertrauter. Sie näherten sich heimatlichen Gefilden. Vor ihnen wurde ein Gestirn allmählich größer : Es war die Sonne des Patris.

Eine Sonne ging in, ihrer ganzen verschwenderischen, purpurnen Pracht über Patris' Stadt in den Wolken auf. Sie waren nun nur noch sieben Lichtjahre und neun Monate von Oro entfernt ... Und auch Patris schwand wieder dahin und der Freihafen von Sanalareta. Das Schiff nahm Kurs auf Treone. Sie kamen jetzt allerdings nur noch sehr langsam voran, weil der Weg dorthin voller Smog war, der während eines Jahrtausends im Nachstrom von Raumschiffen entstanden war ... Und dann ...

Maris kam wieder zu sich. Er befand sich an Bord eines Raumschiffes in der Bucht von Neu-Piräus, inmitten von Sternen, die wie Leuchtkäfer aussahen. Es wurde ihm plötzlich bewußt, daß Brandy aufgehört hatte zu sprechen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Seine Augen leuchteten wie die eines Kindes. »Ich hab' ja gar nicht gewußt, daß Zauberei dein Hobby ist.«

Sie brach in Gelächter aus. »Ich danke dir für das Kompliment. Aber was die stellare Magie anbetrifft, so ist Mactav die eigentliche Spezialistin. Ihre Lichteffekte sind einfach fantastisch : Sie kann einem den ganzen bewohnten Teil der Galaxie mit den Handelsrouten darin zeigen. Das sieht dann aus wie ein Spinnennetz, das in der Luft hängt und Tautropfen aufgefangen hat.« Auf dem Schirm am Schaltpult wurde es wieder taghell. »Mactav - das dort drüben ist übrigens ihre Wand - führt beinahe die gesamte Navigation durch und überwacht die Lebenserhaltungseinrichtungen. Manchmal glauben wir, daß wir die Arbeit tun, aber in Wirklichkeit sind wir nur Mactavs Handlanger.«

»Wer oder was ist eigentlich Madav ?«

Maris schaute auf den verdunkelten Schirm an Mactavs Wand. Als er etwas Bernsteinfarbenes auf seinem Grund glimmen sah, wich er zurück.

»Du hast sie noch nie gesehen - wir übrigens auch nicht, aber gerade hast du ihr direkt ins Auge geblickt.« Brandy stand neben ihm. »Sie wird jetzt dort unten Giri zuhören ... Und das ist gut so. - Nun die Mactavia-Einheit ist das Gehirn, das Nervensystem eines Schiffes. Sie überwacht seine lebenswichtigen Funktionen, rechnet und koordiniert. Wir müssen nur die Fragen stellen, aber manchmal erübrigt sich sogar das. Bei der Mactav handelt es sich um das Gedächtnis einer Raumfahrerin, die wirklich existiert hat. Es kommt oft vor, daß eine Raumfahrerin, die ausscheidet, doch noch in irgendeiner Form dabeisein will. Mit den Informationen, die in ihrem Gehirn gespeichert sind, wird ein Computer programmiert. Ein menschliches Datenverarbeitungssystem ist leistungsfähiger, flexibler und vor allem sehr viel billiger als ein Computer, der nur Maschine ist.«

»Dann ist also eure Mactav so eine Art Kyborg ?«

Sie lächelte. »Gewissermaßen, ja.«

»Und doch lassen die Bestimmungen für die Raumfahrt keine Kyborgs bei der Besatzung zu.«

Man sah ihr an, daß sie sich über seine Bemerkung ärgerte.

Er zuckte die Achseln. »Entschuldige. War ungeschickt von mir, so etwas zu sagen ... Aber was für eine Funktion hat dieses rote Etwas dort unten ?«

»Oh. das ist unser ›Magen‹ : die BSSAL-Einheit, wo ... « -sie grinste -»der Sternenstaub zur Gewinnung von Energie ›verdaut‹ wird. Es ist die einzige Stelle im ganzen Schiff, die nie durchsichtig gemacht wird, die rote Platte ist nämlich der Schutzschild.«

»Und wie funktioniert das Ganze ?«

»Das weiß ich auch nicht so genau. Ich kann die Einheit zwar in Betrieb setzen, aber habe keine Ahnung von den einzelnen Arbeitsprozessen. Was mein technisches Wissen anbetrifft, so stehe ich erst zwischen der fünften und sechsten Stufe.« Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. »Aha. jetzt habe ich dich endlich doch noch beeindruckt !«

Er lachte. »Du bist gar nicht so dumm wie du aussiehst !« Vor einem halben Jahrhundert hatte er sich aus purer Langeweile der Tauglichkeitsprüfung unterzogen, die ihn zum Techniker der sechsten Stufe machte.

»Nun kannst du mich ja aufziehen ... «

»Tu ich ja auch.« Sie gingen wieder zurück. Brandy ging voran, und er folgte ihr über den dezent schillernden transparenten Boden. Er konnte seinen Blick nicht davon losreißen. »Es ist, als ob man auf Wasser ginge ... warum ist er durchsichtig ?«

Sie drehte sich um, schaute aber durch ihn hindurch auf den Himmel und lächelte.

»Weil es so schön ist dort draußen !«

Sie kamen ein paar Stockwerke tiefer wieder heraus und befanden sich plötzlich in einem Saal. Maris hörte leise Musik.

Brandy sagte zu ihm: »Hier ist übrigens meine ... «

Abrupt brach die Musik mit einem langgezogenen Klagelaut ab, und man konnte die Schmerzensschreie einer Frau hören.

»Um Gottes willen !« hörte er Brandy sagen. Dann war sie von seiner Seite verschwunden. Sie rannte durch den Saal auf eine flimmernde Wand zu. Er eilte ihr nach. Sie stand an der Tür, starr vor Schrecken. Der Raum war von grellem, farbigem Licht überflutet. Aus kristallenen Orgelpfeifen drang ein ohrenbetäubendes Gekreisch. Nilgiri kroch auf dem Boden herum und stieß hysterische Schreie aus, eine Hand hielt sie gegen den Leib gepreßt. »Hör auf damit, Mactav ! Hör doch endlich auf damit ! Hör auf !«

Maris tippte Brandy auf die Schulter, sie schaute ihn nur flüchtig an und nahm seine Hand. Mit vereinten Kräften zogen sie Nilgiri aus diesem Inferno.

»Nilgiri, was ist denn passiert ?« Brandy mußte ihr ins Ohr brüllen, damit sie überhaupt etwas verstand. »Mactav, Mactav !«

»Ja, aber warum denn ?«

»Sie beschuldigt uns ... ist wahnsinnig vor Wut ... Sie meint … Oh, Mactav, hör doch endlich auf damit !« schluchzte sie wieder und klammerte sich dabei an Brandy.

Maris hielt sich die Ohren zu und ging in die Folterkammer zurück.

»Wie stellt man denn diese Höllenmaschine ab ?«

»Maris. Warte !«

»Sag mir, wie man's macht, Brandy !«

»Es ist elektrisch geladen, um Gottes willen, berühr's nicht !«

»Du sollst mir nur sagen, wie ... «

»Auf der linken Seite ... drei Schalter – Maris, nein – Mactav, hör auf damit, um Gottes willen, hör doch auf !«

Sie schrie immer noch, als er seine linke Hand dem Schalter näherte. Er zögerte noch, der ohrenbetäubende Lärm erschlug ihn fast. Die Funken sprühten, als er den Schalter niederdrückte, einmal, zweimal und noch ein drittes Mal.

»-es-es-es-es-!«

Brandys Stimme hallte noch durch die Räume, in denen nun wieder Totenstille herrschte. Nilgiri brach an der Tür zusammen. Weinend kauerte sie auf dem Boden.

»Maris bist du okay ?« fragte Brandy besorgt.

Er hörte sie zwar, aber ihre Stimme klang so, als ob er Watte in den Ohren hätte. Er atmete tief durch. Immer noch verwirrt, trat er ein paar Schritte vom schimmernden Schaltpult zurück. Er nickte Brandy zu, durchquerte den Raum und gesellte sich zu den Frauen.

»Mann ... Mann ... Mann ... « Die leise, dumpfe Stimme hallte von den Wänden wider. »Was hast du hier zu suchen ?«

»Mactav ?« Brandy starrte ängstlich nach rechts. Er drehte sich links herum und sah ein zweites, künstliches Auge aufleuchten, das die Farbe von glühendem Bernstein hatte.

»Branduin. du hast ihn hierhergebracht. Du weißt, daß es verboten ist !«

»Mein Gott !« Nilgiri begann wieder, schrille Schreie auszustoßen. Brandy kniete sich neben ihr nieder und ergriff ihre verbrannten Hände. Maris sah, wie Brandys Gesicht rot wurde vor Zorn. »Mactav, wie konntest du nur ... ?« empörte sie sich.

»Brandy ... « Maris schüttelte den Kopf. Er holte tief Atem. Auch er hatte Angst. Dann sagte er: »Ich bin kein Mann - Mactav. Du hast dich geirrt !«

»Maris, kein ... «

Er runzelte die Stirn. »Ich bin hunderteinundvierzig Jahre alt und bestehe zur Hälfte aus Plastik. Ich bin ein Kyborg. Ich bin so wenig Mensch wie du.« Er hielt ihr die Arme hin. »Sieh mich an.«

»Männer sind schlecht, Männer haben ... « Die Stimme brach ab.

»Mactav wurde von Männern umgebracht«, erklärte Brandy

leise.

Sein Lächeln wurde unsicher. »Also das hätten wir dann auch noch gemeinsam.« Seine Vergangenheit wurde ihm wieder schmerzlich bewußt.

Er bemerkte, daß ihn das goldene Auge fixierte. Dann konnte man wieder die Stimme vernehmen, die das erlösende Wort »Kyborg« hervorbrachte.

Er atmete auf und ging zur Tür: Brandy stand dort und wartete auf ihn. Nilgiri saß zusammengekauert zu ihren Füßen. Sie schreckte hoch, als er auf sie zukam.

»Nilgiri !« Brandys Stimme klang traurig. »Es tut mir schrecklich leid. Komm, gehen wir auf die Krankenstation. Wir müssen dir die Hände versorgen. Du kannst dich auf meinen Arm stützen.«

Behutsam half Brandy der verletzten Nilgin beim Aufstehen.

»Schon gut. Alles in Ordnung, Mactav. Ich gehe ja schon runter«, sagte Nilgiri.

»Giri, sollen wir ... ?«

Nilgiri schüttelte den Kopf. »Nein. Brandy, ich komme schon zurecht.« Ihr Lächeln war zaghaft. Man sah ihr an, daß sie immer noch Schmerzen hatte. Aber sie ging allein den Korridor entlang zum Lift.

»Branduin. Maris, ich muß mich auch bei euch entschuldigen. Gewöhnlich reagiere ich nicht so ... « Das bernsteinfarbene Auge verschwand vom Bildschirm.

»Ist sie nun weg ? Kann sie nicht mehr zuhören ?« fragte Maris.

»Ja, sie ist weg«, sagte Brandy.

»So ein emotional reagierender Computer ist mir noch nie begegnet !« sagte Maris kopfschüttelnd.

Ihr fiel wieder seine Hand ein, und sie fragte ihn, ob er verletzt sei.

Er lächelte und hielt ihr seine Hand hin. »Nein. das hat ihr nichts ausgemacht. Der Stoff, aus dem man sie gemacht hat, ist nämlich ein Nichtleiter.«

Ihr lief es eiskalt über den Rücken. Sie hielt einen Kyborg an der Hand, der wie ein Mensch fühlen wollte. »Weißt du, gewöhnlich benimmt sich die Mactav nicht so. Aber in letzter Zeit ist sie ziemlich launenhaft. Wir müssen sie checken lassen, wenn wir nach Sanalareta kommen. Vielleicht braucht sie eine Behandlung.«

»Aber ist es denn nicht gefährlich mit ihr ?«

»Ich glaube nicht. -Nein, nicht wirklich. Sie hat eben ihre ganz speziellen Probleme und ist dort drin, weil sie gar keine andere Wahl hatte. Ein machthungriger Staat hat ihr Schiff zerstört. Sie war noch sehr jung, als es passierte. Was sich da drin in den Speicherbänken befindet, ist alles, was von ihr übriggeblieben ist.«

»Nicht viel mehr als ein paar gespeicherte Informationen in einer komplexen Maschinerie.« Maris schnitt eine Grimasse. Erinnerungen stiegen in ihm auf.

»Den Siegern tat es furchtbar leid. Sie versuchten ihr Bestes.«

»Weißt du, was aus ihnen geworden ist ?«

»Nein. Wir haben nach dem Vorfall jede Verbindung zu ihnen abgebrochen. Unser oberstes Gebot besteht darin, daß wir uns vor Gefahr schützen.«

Er nickte und schaute zur Seite. »Glaubst du, daß sie eines Tages wiederkommen werden?«

»Kann schon sein. Ich weiß es nicht.« Sie lehnte sich an die Tür. »Wie dem auch sei, es ist der Grund dafür, daß Mactav die Männer haßt, die Männer und den Krieg. Ihr persönliches Schicksal und unser altes Tabu haben den Männerhaß in ihr so stark werden lassen. daß die Mittel, die angewandt wurden, um ihre schlimmen Erinnerungen zu löschen, einfach nicht richtig wirken konnten«

Nilgiri erschien in der Tür. »Es geht mir nun besser«, sagte sie und zeigte ihre Hände, die wieder hellrosa waren. »Gibt es etwas Dringendes zu erledigen ?«

»Was ist mit Mactav ?«

»Es tut ihr sehr leid. Aber sie ist immer noch aufgebracht wegen Maris.«

An den geschweißten Verbindungsstücken zwischen den Wänden, der Decke und dem Boden flackerte Licht auf. Maris sah Brandy an. »Draußen wird es schon dunkel. Ich muß jetzt aufbrechen und meinen Dienst antreten.« Dann sagte er zu Nilgiri und Brandy: »Das ist doch eure letzte Nacht in der Stadt ... « Nilgiri nickte lächelnd; Brandy reagierte zögernd und sagte:

»Vielleicht sollte ich doch lieber hierbleiben, wenn Mactav immer noch verstimmt ist. Sie muß bis morgen wieder in Ordnung sein, wenn wir die Reise antreten.« Schuldgefühle hatten den Entschluß in ihr reifen lassen.

»Ich könnte hierbleiben«. sagte Nilgiri. Sie sah dabei aber so unglücklich aus, daß Brandy ihr entgegnete:

»Nein, Nilgiri. Ich bin schuld daran, daß sie in dieser Verfassung ist. Ich bleibe hier. Und außerdem habe ich einen herrlichen Tag dort draußen verbracht. Ich könnte mich heute abend nicht schon wieder amüsieren. Jetzt, geh schon !« Und zu Maris gewandt, sagte sie: »Vielen Dank, Maris. Schade, daß es schon wieder zu Ende ist.«

»Ja, leider!« Die Liebe triumphierte über den Schmerz, den er empfand, weil er Brandy wieder einmal verlor. »Soweit ich mich entsinnen kann, habe ich niemals einen so schönen und aufregenden Tag erlebt«. sagte er und verzog das Gesicht dabei.

Sie lächelte und reichte ihm die Hand. Nilgiri kam aus dem Staunen nicht heraus. »Ich begleite euch hinaus«, sagte Brandy.

Nilgiri kletterte als erste zum Beiboot hinunter. Sie war ganz in den Widerschein der untergehenden Sonne getaucht. Auf der obersten Sprosse der Leiter wandte sich Maris noch einmal nach Brandy um. Ihr Gesicht, das er durch Strähnen herunterhangenden Haares sah, hatte einen merkwürdigen Ausdruck.

»Alles Gute, Maris !«

»Alles Gute, Brandy!«

»Weißt du, die zwei Wochen waren kurz.«

»Das finde ich auch.«

»In Neu-Piräus gefällt es mir am besten. Ich weiß auch nicht warum.«

»Ich hoffe, daß es dir auch noch gefällt, wenn du zurück kommst.«

»Das hoffe ich auch ... Dann sehe ich dich also in drei Jahren ?«

»In fünfundzwanzig !«

»Ach ja, natürlich. Die Zeit vergeht so schnell.« Was sie sagte, klang nicht so ganz echt. Sie lächelte.

»Schreib wieder Gedichte, wenn du unterwegs bist !« Er begann langsam hinunter zu klettern.

»Ich versprech' dir's ... He, aber mein Zeug ist noch bei dir.«

»Ich geb' s Nilgiri mit.«

Er setzte sich vors Armaturenbrett. Es erwachte zum Leben, und das Beiboot begann aufzusteigen. Maris und Nilgiri winkten Brandy zu. Im Rückspiegel sah er, daß Brandy zurückwinkte. Er beobachtete sie so lange, bis sich ihre Umrisse nicht mehr von der großen, schimmernden Kugel der WGH-709 abhoben. Schmerzlich kam ihm die Kluft zu Bewußtsein, die sich zwischen ihnen auftat, und die größer war als die, welche die Zeit und die Entfernung bisher auftun konnten.


»Du hast es nun gesehen und mußt mir sagen, ob es dir gefällt.«

In Gedanken zählte Maris auf: Fünfundsiebzigstes Jahr. Vierter Besuch. Erster Tag. Spätnachmittag.

Brandy stand an der Küchentür und schaute zu ihm herein. »Alles ist anders geworden ... «

»Ich weiß. Ist alles noch zu neu. Ich vermisse das hölzerne Gebälk, obwohl es schon morsch war. Es geht mir einfach ab. Morgens beim Aufwachen weiß ich manchmal nicht mehr, wo ich bin. Aber daß ich nicht mehr in der Bergschlucht wohne, ist für mich am schlimmsten.«

Sie drehte sich nach ihm um. und er war erstaunt über ihren unglücklichen Gesichtsausdruck.

»]a ... aber wenigstens werden sie hier nicht alles so schnell zubauen.«

»Wir können nun nicht mehr zu Fuß nach Hause gehen.«

»Nein«. sagte sie traurig. »Hast du eigentlich nur eingebaute Möbel ?«

»Ja. Sie sollen so lange halten wie das Haus.«

»Und wenn du sie schon vorher satt hast ?«

Er lachte. »Solange sie mir gute Dienste tun, ist es mir egal, wie sie aussehen. Aber etwas finde ich doch sehr schön an der Wohnung. Das muß ich dir zeigen !« Er drückte auf einen Knopf an der Wand und schaute zur Decke empor. »Das Dach ist aus polarisiertem Glasit. wie eure Schiffshülle. Nachts kann man die Sterne sehen.«

»Oh !« Sie beugte sich zurück und schaute hinauf. Er sah, wie sie in der Fantasie die dichte Wolkendecke durchbrach und auf der Suche nach den Sternen das Tageslicht zum Erlöschen brachte. »Wie schön !« sagte sie schließlich. »Ich habe es noch nie gesehen.«

Er mußte lächeln. Weil es seine Idee gewesen war und weil er darauf gekommen war, als er an sie dachte.

»Hier draußen sind sie ja richtig fortschrittlich, wenn sie so etwas machen !« Sie probierte die Polster auf einem supermodernen Sessel aus. »Hmm ... «

»Was die technologische Entwicklung anbetrifft, ist man an einem Punkt zwischen der zweiten und der dritten Stufe angelangt und nicht mehr nur auf den Bergbau fixiert. Die rückständige Führungsspitze holt auf, hoffentlich nicht auf Kosten der Bevölkerung. Ich werde wahrscheinlich auch noch den Tag erleben, an dem wir nicht mehr zu den rohstoffexportierenden Welten gehören, die den anderen die leeren Vorratskammern füllen. Vorausgesetzt natürlich, daß bis dahin noch etwas von Oro übrig ist.«

»Würdest du so lange bleiben ?«

»Das weiß ich nicht.« Er sah sie an. »Das kommt ganz darauf an. Erzähl mir lieber von der geplanten Reise.« Er machte es sich auf dem Sitz an der Wand bequem. »Meine Neuigkeiten bin ich ja nun schon losgeworden.« Er wartete darauf, daß ihre Augen aufleuchteten wie sonst. Sie senkte aber den Blick, die Augen blieben farblos und matt. »Nun. es sind ein paar gute Nachrichten dabei und ein paar schlechte.«

»Schieß los!« Es überlief ihn kalt.

»Erfreulich ist, daß ich dieses Mal fast einen ganzen Monat hier bleibe. Wir haben dann mehr Zeit, etwas zusammen zu unternehmen das heißt wenn du Lust dazu hast.«

»Wie hast dd denn das zuwege gebracht ?« Er setzte sich auf und sah sie überrascht an.

»Ja - das ist die andere erfreuliche Nachricht : Ich kann auf einem anderen Raumschiff mitfliegen. Das heißt daß ich nicht mehr die übliche Route fliegen werde. Ich werde Dinge kennen lernen, von denen ich bis jetzt nur geträumt habe neue Welten ...«

» Und die schlechte Nachricht ist, daß du sehr lange unterwegs

sein wirst.«

»]a.«

»Wie viele Jahre ? Sag schon ?«

»Die Reise wird sich in die Länge ziehen. Es ist eine Handelsmission. Wenn wir Glück haben, sind wir in fünfunddreißig Jahren wieder irgendwo in der Nähe von Oro ... Nach eurer Zeitrechnung wären es also zweihundert Jahre. Und wenn wir Pech haben, kommen wir vielleicht nie hierher zurück.«

»Ach so, ich verstehe.« Er hielt den Blick gesenkt und starrte den Boden an. Ineinander verkrampft hielt er die Hände zwischen den Knien, um sie am Zittern zu hindern. »Ja, es ist wirklich eine großartige Chance ... du wirst sicherlich auch einen schöpferischen Höhenflug erleben. Ich beneide dich drum. Aber du wirst mir fehlen !«

»Ich weiß !« Sie biß sich auf die Lippen. »Aber wir können lange beisammen sein, bevor ich wieder weg muß. Nun - ich habe dir etwas mitgebracht, ein Geschenk, damit du mich nicht vergißt !«

Es handelte sich um einen Anhänger, ein Sternmedaillon mit silbernen Schnörkeln. Der Stern in der Mitte brannte in einem kalten Feuer. Er war von einem Künstler entworfen worden, der wußte, was Feuer ist. Als er das Medaillon aufklappte, sah er ihr lachendes, fröhliches Konterfei.

»Den Schmuck habe ich auf Treone entdeckt ... Sie erleben dort wirklich eine Art Renaissance. Und ich mag das Bild, ich dachte, daß du vielleicht ... «

Er assoziierte das Silber des Anhängers mit der Silberfarbe ihres Haars. Dann streichelte er sie zärtlich und küßte sie auf den Mund. Er merkte, daß sie zitterte. Er legte sich den Anhänger um den Hals. »Ich habe auch etwas für dich«. sagte er zu Brandy.

Er stand auf, ging zum Bücherregal und kam mit einem dünnen, weinroten Bändchen wieder, das er ihr überreichte.

»Meine Gedichte !«

Er nickte und griff nach dem Stern auf seiner Brust. »]a. Ich habe mir zwei Exemplare beschafft, was gar nicht so leicht war, weil das Buch inzwischen berühmt geworden ist. Besonders die Raumfahrerinnen tragen es mit sich herum. Sie lassen es einen sehen, aber geben es nicht her. Du bist nun sogar auf Planeten bekannt, die du nicht einmal gesehen hast.«

»Oh. ich wußte ja nicht, daß ... « Plötzlich mußte sie lachen. »Mein Ruhm ist mir vorausgeeilt. Aber auf der nächsten Reise ... « Da erinnerte sie sich plötzlich wieder und schaute weg. »Ach so - nein -, ich werde ja diese Route nicht mehr fliegen.«

»Aber die neuen Eindrücke auf der Reise werden dich wieder zu Gedichten inspirieren.« Seine Stimme war gekünstelt heiter.

»Ja ... ja, ich weiß ... «

»Ein Monat im Weltraum ist eine lange Zeit ... «

Plötzlich hörten sie Wasser niederprasseln und schauten nach oben. Durch das Glas sahen sie große Regentropfen, die beim Zerfließen häßliche Schmutzspuren auf dem flachen Dach hinterließen.

»Ach ja, Regen - das war gar kein Nebel. Die Regenzeit hat begonnen.«

Sie standen da und beobachteten, wie der Himmel langsam fahl und düster und dann von zuckenden, grellen Blitzen wieder aufgerissen wurde. Der Regen fiel nun dichter, die Wasserrinnsale auf dem Glasitdach bildeten bizarre Muster. Die Scheiben wurden undurchsichtig. Daher führte Maris Brandy zum Fenster. Über dem sanft hügeligen Land bauschte sich ein Regenschleier, der die ausgedörrten, staubigen Täler mit Wasser versorgte. Die Erde wurde wieder frisch und die Dornensträucher mit den Kakteenblättern. »Jedesmal bin ich gespannt, ob es auch wirklich passiert«, sagte Maris, »und ich bin noch kein einziges Mal enttäuscht worden.« Er erwartete einen begeisterten Blick von ihr, statt dessen liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie weinte still vor sich hin, den Blick auf die Regenlandschaft gerichtet.

In den darauffolgenden zwei Wochen teilte sie nur den Regen und die kühle, frische Luft mit ihm. Abends, wenn er an der Bar bediente, ging sie aus. Es war das letzte Mal, daß sie ihre Freizeit mit der Besatzung der WGH-709 verbrachte. Am Morgen traf Maris sie dann schlafend an. Den Nachmittag verbrachten sie gemeinsam. Sie gingen in den verwinkelten Gassen der verelendeten Altstadt spazieren, die aber gerade im Begriff war, sich zu verändern, oder sie durchstreiften die Docks, wo die Fischer mit den wettergegerbten Gesichtern arbeiteten. Er nahm sie mit zu Makerrah, den er schon gekannt hatte, als dieser noch ein ganz kleiner Junge gewesen war und Fischernetze flickte. Im ›Zinnsoldaten‹ hatte er ihn dann später als Schatten im Fischernetz-Look gesehen. Beinahe vierzig Jahre lang war er Raumfahrerinnen nachgelaufen. Das Alter hatte Makerrah träge und langsam gemacht. Er führte dieselben schleppenden Bewegungen wie sein Holzschiff aus, das er voller Stolz dem weiblichen Matrosen aus dem Weltraum zeigte. Sie unterhielten sich über Fangnetze und aßen Fisch.


»Diese Welt wird alt ... «, sagte Brandy, die bei Anbruch der Nacht mit Maris zur Kneipe gekommen war.

Maris lächelte. »Aber die Nacht ist jung«, sagte er mit gemischten Gefühlen; Freude war mit Neid gepaart.

»Ja. das ist wahr ... «, sagte Brandy. Sie nickte zur Bestätigung, und die langen, fahlen Haare fielen ihr dabei ins Gesicht. »Aber weißt du ... wenn ich weitere fünfundzwanzig Jahre weg wäre, würde ich diese Straße wahrscheinlich nicht wiedererkenen. Nur der ›Zinnsoldat‹ verändert sich nicht.« Sie saß an der Bar, die Ellbogen hatte sie auf der Achatplatte aufgestützt. Sie überlegte.

Er mixte Drinks. »Nun, ich glaube, es ist gut, wenn etwas im Leben Dauer hat.«

»Wem sagst du das ! Natürlich wissen wir das auch zu schätzen. Wahrscheinlich noch mehr als alle anderen ... « Sie ließ ihre Blicke über die Wände und die Decke der Kneipe mit den dunklen Dachbalken gleiten. »Ja. es stimmt, die Astronautinnen kommen immer zuerst hierher und verbringen in der Kneipe die meiste Zeit. Das Bewußtsein, daß dies möglich ist, bedeutet ihnen viel. Und wichtig für sie ist auch, daß du immer hier bist, jung und real, und dich an sie erinnerst.« Sie warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu.

»Nun. ich brauche sie ebenso, wie sie mich brauchen«, sagte Maris und sah sie dabei an.

»Ich weiß, ich weiß ... Übrigens, ich wollte dich schon immer fragen, warum du die Kneipe ›Zinnsoldat‹ nennst ? ›Soldat‹. das lasse ich mir gefallen, aber warum ›Zinn‹.?«

»Das ist ein Spaß, den nur ich verstehe. Ein Märchenbuch hat mich dazu inspiriert - es heißt ›Andersens Märchen‹.« Er war verlegen und entschuldigte sich. »Ich hatte nämlich schon alles andere gelesen. Es ist die Geschichte eines einbeinigen Zinnsoldaten, der jahrelang an der gleichen Stelle auf dem Regal gestanden hat. Eine Art Ladenhüter also ... Er verliebt sich in eine Porzellanfigur, eine Tänzerin, die aber nur ihre Tanzkunst im Kopf hat. Am Schluß des Märchens fällt sie ins Feuer, und er stürzt ihr aus Verzweiflung nach. Von ihr bleibt nur ein Häuflein Asche übrig, während er zu einem herzförmigen Klumpen verschmilzt ... « Maris gab sich Mühe, nicht zu lachen, als er ihren Gesichtsausdruck sah. »In einer Fußnote hieß es dann im Buch, daß die Geschichte auch manchmal einen glücklichen Ausgang hat. Ich wollte, es wäre wahr ... « (*)

Sie nickte zustimmend. »Ich auch ... Wo kommt eigentlich dieser Steinblock her ? Er ist sehr schön. Undurchdringlich und geheimnisvoll wie das Randgebiet der Plejaden.«

»Was hast du mit all den Fragen im Sinn ?«

»Die Steinplatte gefällt mir, hat mir schon immer gefallen. Ich habe nur noch nichts gesagt weil es für mich selbstverständlich war, daß er schön ist. Es ist aber, glaube ich, falsch, wenn man nicht darüber redet. Deswegen wollte ich, daß du erfährst, was ich davon halte.« Zärtlich strich sie mit der Hand über den geschliffenen Stein.

Gemeinsam erforschten sie das Farbenspiel im Stein. »Es ist eine Versteinerung von Holz«. sagte Maris. »Organische Materie, die zu Stein erstarrte, Zellen, die durch Mineralien ersetzt wurden. Die Struktur blieb erhalten. Ich fand den.Stein in der Wüste.«

»Wüste ?«

»Sie erstreckt sich vom Gebirge aus ostwärts. Was die Versteinerungen anbetrifft, so fand ich eine Schlucht, die voll davon ist. Überhaupt etwas Großartiges, die Wüste !«

»Ich habe noch nie eine gesehen. Nur davon gehört. In den Schilderungen war sie immer gleich unfruchtbar und verhängnisvoll. Ich fürchte mich davor.«

»Ausgerechnet du ! Wo du ständig die allerschrecklichste Wüste durchquerst, nämlich die zwischen den Sternen!«

»Aber die ist nicht öde.«

»Auch die Wüste, die ich kenne, ist es nicht. Laß mich mal überlegen ... Wir haben jetzt Winter. Wenn du willst, könnten wir zusammen hingehen und die Versteinerungen anschauen.« Er lächelte. »Wenn du dich getraust !«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Also gut, ich wage es ! Wir könnten morgen gehen. Ich mache uns vorher was zu Mittag.«

»Wir müßten allerdings ziemlich früh aufbrechen. Und wenn du wieder die Nacht durchmachen willst ... «

»Das geht schon in Ordnung. Ich nehme eine Tablette.«

»Na ... «

Sie wand sich vor Verlegenheit. »Ich habe eine Tablette gefunden, bei der mir nicht übel wird. Wie meine Kolleginnen, habe ich sie die ganze Zeit über in den anderen Häfen genommen.«

»Warum hast du dann ... «

»Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung: Ich wollte bei dir bleiben. Ich habe dich also hinters Licht geführt. So ,nun weißt du's. Ich habe mein Geständnis abgelegt. Bist du jetzt böse auf mich ?«

Er war erstaunt und erfreut. »Wohl kaum ... Ich muß zugeben, ich habe mir nur manchmal den Kopf darüber zerbrochen, was ... «

»Sol-dat !«

Maris blickte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Jemand bestellte noch eine Flasche Wein. Durch eine Handbewegung zeigte er an, daß er verstanden hatte.

»Brandy. komm, wir gehen zu einem Fest.«

Sie winkte ihm zum Abschied. »Also. bis morgen früh !« Dabei sah sie ihm fest in die Augen.

»Schon gut ... Bis morgen ... «

»Tschüs !« Sie glitt vom Barhocker herunter und war im Nu verschwunden.


Geräuschlos erhob sich das Beiboot in die Luft. Es flog der Morgensonne entgegen. Brandy saß neben Maris. Sie schaute hinter sich und hinunter. Sie mußte blinzeln, weil das Licht sie blendete. Neu-Piräus an der grünen, glasklaren Bucht wurde immer winziger. »Schau. wie es hinter den Bergen zurückbleibt, kleiner und kleiner wird, bis man nur noch Land und Meer und keine Details mehr unterscheiden kann. Im Raumschiff ist es genauso, aber alles geht so schnell, daß man überhaupt keine Zeit hat, den Start zu genießen.« Ihre Augen strahlten, als sie sich wieder Maris zuwandte. »Wir reisen von Welt zu Welt, aber sehen sie nie richtig. Wir schauen immer hinauf. Aber wie schön es doch ist, wenn man auch einmal hinabsieht !«

Sie stiegen noch höher, paßten die Flughöhe dem ansteigenden Gebirge an. Sie sahen, wie der zerknitterte, samtige Küstenstreifen mit seiner rotbraunen und olivfarbenen Tönung allmählich in die zerklüftete Gebirgslandschaft mit ihren grünen und schwarzen, grauen und blendend weißen Flecken überging.

»Ist das auch wirklich Schnee ?« Sie zupfte ihn am ArmeI und deutete auf die weißen Stellen.

Er nickte. »Trotz des milden Klimas bekommen wir jedes Jahr ein bißchen davon ab.«

»Seit Kaliko habe ich nur noch einmal Schnee gesehen in meinem Leben. Wir landeten zur Winterszeit auf Treone. Stell dir vor, wir haben uns so richtig in Pelze und warme Umhänge eingehüllt, obwohl es garnicht nötig gewesen wäre. Schneeballschlachten gabs auch -mit den Schatten ... Wenn ich so zurückdenke …. Auf unserer Insel auf Kaliko war es eigentlich das ganze Jahr über kalt, wir wohnten ziemlich weit droben im Norden. Auch hatten wir natürlich unsere eigene, dem Klima angepaßte Feldbebauung ... und ich weiß noch ganz genau, wir Kinder hatten zottiges Hornvieh, auf dem wir ritten.« An seine Schulter gelehnt, gab sie sich ganz ihren Erinnerungen hin. Auch er war in Nachdenken versunken und erinnerte sich an das Anwesen, das er auf Glatte besessen hatte. Schneebedeckte Felswände verschwammen vor seinen Augen, als sie einen Berg in Meeresnähe überflogen.

Sie hatten die Wasserscheide überschritten. Das Batholith, das Gestein der Bergkuppen, verödete in brüchige, gewellte Geröllhalden von gigantischen Ausmaßen. Vor ihnen dehnte sich die narbige Trostlosigkeit aus wie ein unendliches gelbes Meer, das in der Ferne in zartvioletten Dunst überging. »Wo hört das denn auf ?« fragte Brandy.

»Es geht ewig so weiter. Vielleicht handelt es sich dann nicht mehr um diese Wüste, sondern um eine andere, in die diese übergegangen ist - die ganze Welt ist eine riesige Wüste, sei's aus Sand oder Stein. Seit Äonen von Jahren ist der Planet in einem Austrocknungsprozeß begriffen. Das Meer, an dem Neu-Piraus liegt, ist das einzige größere Gewässer, das jetzt noch übrig ist. Aber auch das Meer trocknet langsam aus, es ist insgesamt um ungefähr eineinhalb Zentimeter gesunken, seit ich hier bin. Nur der Küstenstreifen ist bewohnbar, aber bis heute sind dort nur wenige Siedlungen entstanden.«

»Dann sind also auf Oro gar nicht die Voraussetzungen für große Veränderungen gegeben.«

»Iedenfalls genug, um dem Menschen zu schaden. Siehst du die Staubhalden dort unten ? Ein Bergwerk im Tagebau, das sich über siebzig Kilometer in nördlicher Richtung hinzieht. Und das ist noch gar nichts im Vergleich zu den großen Bergwerken.«

Sie flogen nun südwärts, glitten durch die Luft über ein Gebiet, das die Flüsse im Laufe der Zeit erodiert hatten. Sie suchten sich mühsam ihren Weg durch die Engtäler des Gebirges, dessen waagrechte Gesteinsablagerungen durch einen tektonischen Gewaltakt entstanden waren, dann jagten sie über Urstromtäler hinweg, in denen niedrige Felsbuckel wie Klippen aus einem gewellten Meer aus Treibsand ragten.

Sie landeten schließlich unter einer steilen Felswand, die sich nach außen wölbte und aus roten und grünen Schichten bestand. Im kalten Licht der Nachmittagssonne hatte der angeschwemmte Sandboden der breiten, aber unwirtlichen Talsohle eine blasse Färbung angenommen. Wenn man darüberging, knirschte er unter den Füßen. Maris ließ an Brandy das Kaleidoskop der Zeitalter vorüberziehen. Die Steine, die von den Bergen herabgestürzt waren, dienten als Demonstrationsmaterial. Sie kletterten den Abhang hinauf. Oben angekommen, riefen sie laut und warteten darauf, daß das Echo ihnen antwortete. Staunend betrachtete Brandy die Steine, die sie in der Hand hielt. Der Wind wehte ihr seidige Haarsträhnen ins Gesicht. Gehorsam steckte Maris ihre Lieblingssteine. die sie für sich ausgesucht hatte, in die Tasche. »Frierst du ?« Er nahm sie bei der Hand.

»Nein. mir ist nicht kalt. Mein Anzug wärmt mich. Aber wo hast du nur diese geologischen Kenntnisse erworben ?«

Er schüttelte den Kopf und half ihr beim Hinuntersteigen. »Weißt du, es deprimiert mich, daß es hier sehr viel mehr Gesteinsarten gibt, als ich jemals kennen werde. Ich habe mir erst vor kurzem in der Bibliothek ein Video-Band über Geologie besorgt, das in der Bergakademie verwendet wird. Es hat sich nicht bewährt, es wurde mir klar, daß es wichtiger war, die Entstehungsgeschichte des Planeten am Objekt selber zu studieren und hierher zu kommen, wo die Vergangenheit offen zutage tritt und wo man begreifen lernt, wie sich Schicht um Schicht geformt hat. Es ist ein Trost, zu erfahren, wie lange die Welt zu ihrer Entstehung gebraucht hat, denn dann kann man sich mit einigem Recht jung fühlen. Was meine Perspektiven anbetrifft, so kommt mir das sehr gelegen.«

»Wir maßen uns an, ganze Welten zu kennen, aber das stimmt nicht. Im Grunde genommen sehen wir nur die Leute und machen bei ihnen wiederum nur die Bekanntschaft mit Veränderungen, Wandel und Kleinmut. Wir vergessen darüber die Dauer, die im Universum begründet ist. Wir fürchten uns davor, zu erkennen, wie erbärmlich wir eigentlich sind ... .« Plötzlich polterten Steine den Abhang herunter. Brandy ergriff Maris' Hand und hielt sie fest als sie sah, daß er ausgeglitten war. Er schaute ärgerlich hinter sich. Sie aber lachte nur und sagte: »Du brauchst mich hier nicht zu führen. Zu Hause auf Kaliko bin ich wie eine Bergkatze geklettert und ich habe noch nicht alles verlernt.«

Empört ließ er ihre Hand los. »Also gut. Du führst von nun an.«

Lachend führte sie ihn den Abhang vollends hinunter.

Unten übernahm er wieder die Führung, weil er ihr die Bäume zeigen wollte. Über Felsen bahnten sie sich ihren Weg durch einen Seitenarm der Geröllhalde. Als sie um eine Kurve bogen, sahen sie die Bäume plötzlich in ihrer vollen, statischen Pracht vor sich. Er bemerkte, daß sie den Atem angehalten hatte. »Maris ... «, sagte sie nur und strahlte dabei.

Maris verglich Brandy, ihre Ausstrahlung und Schönheit mit der kalten Farbenpracht dieser Kunstwerke der anorganischen Welt. Sie kniete zwischen Amethysten und Achaten, Bergkristallen und sechskantigen Baumstämmen, die zu raffinierten und bizarren Formen zerbrochen waren. Sie suchte sich ein paar zerstreut daliegende Äste aus und hielt sie gegen das Licht.

Er saß auf einem Baumstumpf und las ein paar Achate auf. »Weil sie meine ganz speziellen Freunde und weil wir im Prinzip das gleiche sind.« Er betrachtete sie mit großem Stolz. »Nur sind sie natürlich sehr viel anmutiger !«

»Hier machen wir unser Picknick !«

Auf einem Platz, den sie zuvor gesäubert hatten, breiteten sie eine Decke aus. Sie hielten ihr Picknick inmitten dieses künstlichen Waldes ab. Sie sonnten sich in der windgeschützten Mulde. Maris faltete seine Jacke zu einem Kopfkissen zusammen. Sie legten sich nebeneinander und betrachteten zufrieden den wolkenlosen, türkisfarbenen Himmel.

»Deine Lunchpakete sind aber ganz vorzüglich.«

»Danke. Ich freue mich, wenn ich etwas zu diesem wunderschönen Ausflug beitragen konnte. Und außerdem war es ja sehr viel mehr als ein Ausflug - du hast mir deine tiefsten Geheimnisse anvertraut und mich gelehrt, daß die Wüste keineswegs öde, sondern jenseits von Raum und Zeit und voller Rätsel ist. Aber ist sie denn wirklich ohne Leben ?«

»Ja. Die Wüste lebt nicht mehr, weil es hier kein Wasser gibt. Nur im und am Meer ist noch Leben. Und nur die Dinge, die wir durch die Wüste des Alls geflogen haben, können lebendig sein.«

»Auch noch so weit vom Ewigen entfernt sind unsere Seelen doch eingedenk des unbegreiflichen Ozeans, der uns hier angeschwemmt.« Sie blickte gen Himmel. »Wordsworth. Das einzige von ihm, was ich mag.«

Gemeinsam genossen sie die Wärme der Sonnenstrahlen und die Stille. Ein Achat fiel herunter, und sie zuckten zusammen.

»Maris.«

» Ja ?«

»Hast du dir eigentlich einmal Gedanken darüber gemacht, daß wir uns nun schon seit fünfundsiebzig Jahren kennen ?«

»Ja klar.«

»Ich hab' dich schon beinahe eingeholt - was das Alter anbetrifft. Ich bin jetzt siebenundzwanzig. Bald werde ich dich sogar überholt haben. Aber es wird dir ja nun erspart bleiben, mich noch mehr altern zu sehen.« Sie strich ihm zärtlich über die roten Haare.

»Ich habe nie gemerkt, daß du älter geworden bist. Du bist einfach nur immer schön gewesen.«

»Maris ... « Sie knöpfte sein Hemd auf und begann ihn zu liebkosen. Sanft schob er sie von sich und richtete sich auf. »Bitte laß das.«

Sie war entmutigt und versuchte seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Nein, so hab' ich's nicht gemeint ... « Sie blickte ihn an. Ihre grauen Augen drückten Trauer aus. »Nein ... Maris ... Ich - will dich ganz einfach haben.« Sie öffnete ihren blausilbernen Anzug und streifte ihn von den Schultern. Dann kniete sie sich vor ihm nieder.

Das offene, silberblonde Haar reichte ihr bis zur Taille. Zärtlich nahm sie seine Hand und liebkoste sie. Die Berührung ihrer Haut entflammte seine Leidenschaft, und er zog Brandy zu sich herab. Sie küßten sich, und seine Hände verloren sich in ihrem seidigen Haar. »Ach Brandy ... «

»Ich liebe dich, Maris. Ich glaube, ich habe dich von Anfang an geliebt.« Vor Kälte zitternd, schmiegte sie sich an ihn. »Weißt du, ich hätte ein schlechtes Gefühl gehabt, wenn ich weggegangen wäre, ohne es dir einmal gesagt zu haben.«

Und er begriff plötzlich, daß sie vor Angst zitterte, Angst, die mit ihrer Liebe zu tun haben mußte. Aber was es genau war, konnte er nicht begreifen. Dann verdrängte er einfach seine düsteren Ahnungen, zog sie sanft zu sich nieder und rang mit ihrer Angst, indem er das Glück, das er empfand, auf sie übertrug.


Am Abend saßen sie sich an der Bar gegenüber und nipten Brandy. Sie hatte einen Nimbus aus blauem Licht. Ihre Gesichter strahlten weil sie getrunken hatten, aber mehr noch, weil sie glücklich waren, obwohl sie wußten, daß die Trennung bevorstand.

»Erst vor ein paar Jahren habe ich mir wieder Brandy besorgt, damit wir einen Vorrat haben. Wenn wir ihn nicht vollends austrinken, kannst du ihn mitnehmen.« Er stellte die staubige, rotgeprenkelt Flasche vorsichtig auf die Theke.

»Du könntest sie aber auch aufheben für den Fall, daß ich zurück komme. Ich könnte dann spielend leicht deine Großmutter sein. Dann brauche ich garantiert etwas zum Aufwärmen ... « Sie schwenkte lächelnd ihr Glas, das sich bis zum Rand hinauf golden färbte. »Was meinst du, vielleicht sind meine Gedichte dann endlich zu Hause angekommen ? Und möglicherweise liest sie sogar Ntaka, was bedeuten würde, daß sie unter den Leuten, auf die es ankommt, Verbreitung gefunden haben.«

»Nun. die Machtverhältnisse werden sich aber bis dahin geändert haben. Unten wird oben sein und umgekehrt. Übrigens ist Ntaka schon längst gestorben.«

»Mag sein.« Sie schmollte. Dann wurde ihr Blick traurig, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Verdamrnt. ich wünschte nur, daß ... «

»Branduin, du hast dich noch gar nicht zu uns gesetzt ! Ist doch unser letzter Abend zusammen.« Harkarné stand plötzlich neben ihr, und ein Lächeln huschte über ihr schmales, dunkles Gesicht, das von vollem, bläulich schimmerndem Haar umrahmt war. Harkané setzte sich.

»Ich komme gleich.« Brandys Blick war verschleiert, und sie blickte sofort wieder zur Seite.

Harkané nickte. »Ich kann dich verstehen. Der Abschiedsschmerz hält dich fern. Wir waren so lange beisammen. Es fällt schwer, sich von seiner ›Familie‹ zu trennen.« Dann schaute Harkané Maris an. »Ein guter Barkeeper muß den Kummer mit seinen Gästen teilen, aber seinen eigenen hinunterschlucken, stimmt's. Soldat ? - Übrigens, meine Mädchen wollen noch ein paar Drinks.«

Maris begriff, daß Harkané ein Gespräch unter vier Augen mit Brandy führen wollte. In all den Jahren hatte er gelernt, diskret zu sein, wenn es die Situation erforderte. Er kam deshalb wieder seinen Pflichten als Barkeeper nach.

»Brandy, du machst einen ziemlich niedergeschlagenen Eindruck«. sagte Harkané zu ihr. »Ich glaube, du willst diese andere Route gar nicht fliegen.«

»Doch, schon ... Aber ... «

»Nein. ich bin davon überzeugt, daß du nicht willst. Es ist doch immer das gleiche, wenn wir vor einer Entscheidung stehen. Entweder man trifft die richtige Wahl und geht auf dem einmal eingeschlagenen Weg weiter, obwohl man Angst hat, oder man trifft die falsche Wahl und macht aus Angst weiter, weil man seinen Fehler nicht zugeben will. Und dieser Fall ist bei dir eingetreten. Du hast dich anders besonnen, stimmt's ?«

»Aber das geht doch nicht ... «

»Und warum nicht ? Wir sagen der Besatzung von dem anderen Raumschiff Bescheid. Und sie werden sich ein anderes Mitglied für ihre Crew suchen.«

»Glaubst du wirklich, daß es so einfach ist ?«

»Nein ... nicht ganz. Aber wir werden es schon deichseln, das heißt, wenn du wirklich willst.«

Es entstand eine Pause, während der Maris abtrug und Gläser abzuwaschen begann.

»Da du es ja nur aus einem Pflichtgefühl heraus zu tun scheinst, will ich dir einen Vorschlag machen. Ich werde mich von der Raumfahrt zurückziehen. Ich wollte es schon dieses Mal, als wir auf Sanalareta landeten. Das Problem ist dann allerdings, daß Mactav eine engste Mitarbeiterin braucht, die mich ersetzt. Wir werden so langsam alt und streitsüchtig. Wie groß doch die Last der Verantwortung ist, hat sich in diesen vergangenen Jahren in ihren Launen gezeigt. Sie muß unbedingt eine Person um sich haben, die ihre Bedürfnisse kennt. Ich hatte schon früher im Sinn gehabt, dir diesen Job vorzuschlagen, dann aber gedacht, daß dir die andere Sache wichtiger wäre. Ist das aber nicht der Fall, dann würde ich dich jetzt ganz offiziell fragen, ob du die rechte Hand der Mactav werden willst.«

»Aber Harkarie. du bist doch noch nicht alt ... «

»Ich bin sechsundachtzig und nicht mehr so unternehmungslustig wie früher. Ich lasse mich zu einer Mactav machen. Ich habe Glück gehabt und schon etwas in Aussicht.«

»Du willst ... ? Also abgemacht ! Wenn die Dinge so liegen, bleibe ich.«

Unwillkürlich schaute Maris von seiner Arbeit auf. Brandy strahlte übers ganze Gesicht, so froh und erleichtert war sie ...

»Brandy ?« fragte er.

»Maris. stell dir vor, ich fliege nicht mit !«

»Ich hab's gehört !« Er lachte und beteiligte sich an ihrem Gespräch.

»Soldat«, redete ihn Harkané an. Er wandte sich ihr zu und begegnete ihrem dunklen, durchdringenden Blick. »Wir sehen uns nicht wieder. Ich trete zurück. Diese ganzen Jahre über bist du gut zu mir gewesen, hast mir geholfen, mich jung zu fühlen. Du hast überhaupt gut für uns gesorgt. Ich will mich revanchieren und dir ein Abschiedsgeschenk machen.« Sie nahm seine Rechte und legte sie mit Nachdruck in Brandys beringte Hand. »Ich gebe sie dir zurück. Brandy - komm bald zu uns rüber. wir wollen feiern.« Sie erhob sich und verschwand im überfüllten Raum.

Ihre Hände hielten sich noch immer umschlungen. Brandy schloß die Augen. »Ich bin ja so froh«. flüsterte sie.

»Ich auch.«

»Aber meine Gedichte ... «

»Du hast mir einmal gesagt, daß du noch so oft dorthin fahren kannst und doch immer etwas Neues entdeckst !«

»Ja. das stimmt.« Sie war wieder versöhnt mit ihrem Schicksal und strahlte. »Maris. das ist der letzte Abend, und ich muß ihn mit meinen Freundinnen verbringen. Wir haben ja nun etwas zum Feiern !«

»Stimrnt. Ich sehe keine Möglichkeit, dich für immer an mich zu binden. Aber okay. Was sind schon fünfundzwanzig Jahre gegen hundert !«

»Sie werden dir wie drei vorkommen.«

»Nein, fünfundzwanzig. Aber ich werde sie überstehen, wie all die Jahre vorher.«


Und er hatte nicht so ganz unrecht damit. Vierundzwanzig Jahre lang schaute er jedesmal erwartungsvoll auf, wenn er die Stimmen und das Gelächter von neuangekommenen Raumfahrerinnen an der Tür hörte.

»Soldat ! Soldat, du bist ja immer noch … «

»Wir haben dich ja so vermißt, Soldat … «

»Zwei ganze Wochen, die wir ... «

»Will einen ganzen Sack davon zum Mitnehmen kaufen ... «

Die Besatzung der DOM-428 scharte sich um ihn. Die Frauen berührten ihn, und ihm wurde bewußt, daß er immer noch existierte. Aber nur die eine, die natürliche Wange fühlte die Zärtlichkeit. Mit ihrem langen Haar streiften sie die Platte aus Achat. Er umarmte gleich vier auf einmal.

»Hallo ! Aralea ! Vlasa ! Das darf doch nicht wahr sein. Was hast du denn mit deinem Haar gemacht, Elsah ? Und du, Ling-shan ? Hübsch bist du, wie immer ! Cathe ... « Sein Gedächtnis, das eine unverwüstliche, verläßliche Datenbank war, vergaß aber auch wirklich kein einziges strahlendes, frisches Gesicht, nicht einmal nach siebenunddreißig Jahren. Ihre Augen leuchteten, als er sie willkommen hieß, und ihre Hände hinterließen Spuren auf der Platte aus Achat, während sie sich leidenschaftlich begrüßten.

»Du hast ja immer noch deine Theke aus Stein. Bin echt froh darüber, verkauf sie bloß nie ... «

»Und was gibt's Neues bei dir ?« Elsah war außer Atem. Dann brachen sie alle miteinander in ein überschwengliches Gelächter aus.

Er schüttelte den Kopf und hielt sich die Ohren zu, mußte aber auch lachen. »Ihr wollt wohl, daß ich vorzeitig taub werde ? Ich spendiere die erste Runde. Aber jetzt eine nach der anderen, ja ?«

Elsah strich sich Strähnen ihres grüngetönten langen Haars zurück, so daß ihre tiefgrünen Augen voll zur Geltung kamen. »Sind wir aber einfallslos, Soldat ! Vier Jahre haben wir dich nicht gesehen und doch reden wir nur über den Quatsch, den wir uns nun schon x-mal gegenseitig vorgekaut haben.« Die funkelnden Steine an ihrem Gürtel blitzten türkisfarben auf dem Hintergrund ihres grünen, gesteppten Fluganzugs.

»Vier Jahre ? Sieht eher nach siebenunddreißig aus.« Und wieder lachten sie, denn er hatte recht. »Willkommen im alten ·›Zinnsoldaten‹ .Womit kann ich dienen ?«

»Mit dir, mein Schatz«, sagte die dunkelhaarige Brigit und zwinkerte ihm dabei ermutigend zu.

Sein Lächeln wurde ein ganz klein wenig sarkastisch, aber er zwinkerte zurück. »Wir sind nur für die Drinks zuständig, Mädel.« Sein Lächeln war dann wieder herzlich und offen.

Die anderen kicherten.

»Ooch. wie schade !« Brigit schmollte. Ihr Halsschmuck war eine Filigranarbeit, die auf dem dunklen Astronautenanzug aussah wie eine winzige Galaxis.

»Dann eben ein kleines Olivenbier, wie in der guten alten Zeit.«

»Nein, zwei.«

»Will auch jemand einen Krug ?«

»Klar. warum nicht ?«

»Aber komm bald zu uns herüber, Soldat. Es gibt Neuigkeiten !«

Sie gingen zu ihrem Tisch hinüber. Maris zwängte den unförmigen Krug unter den Zapfhahn und drückte den Hebel herunter, bernsteinfarbenes Bier floß über den weißen Schaum ins Gefaß.

»Servus, Alta. Du kommst gerade recht. Aber wie steht's an Bord der E50-115 ?«

Ganz gut. Danke. Habt ihr Neuigkeiten von Chrysalis - hat sich dort viel verändert ?«

Maris lief Schaum über die Hand. Das Gespräch der Raumfahrerinnen nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Er wischte ich die Finger an der Schürze ab.

»Richtig ausgeflippt waren die ! Du hättest die Kleider sehen sollen, die sie anhatten ! Einfach nicht zu fassen !«

Er stellte den glitschigen Krug auf die Theke und achteckige Becher auf ein Tablett.

»Aralea. hast du gehört, was der ... «

Er hob den Krug an, um ihn aufs Tablett zu stellen.

» ... WGH-709 zugestoßen ist ?«

Der Krug begann zu schwanken.

»Ihre Mactav hat die Nerven verloren, als sie auf Sanalareta ankamen. Branduin, die Dichterin, ist dabei gestorben.«

Der Krug stürzte mit großem Getöse auf die Achatplatte. Ein Gemisch aus Schaum, Bier und Glassplittern ergoß sich über die Theke.

Entsetzt drehten sich die Leute im Schankraum nach Maris um. Sie waren sprachlos. Der Soldat versuchte mit den Händen die Glasscherben aus dem Schaum, der sich leicht rosa gefärbt hatte, herauszuklauben. Seine Anstrengungen blieben aber ohne Erfolg.

Er verlor die Geduld und fegte die Scherben mitsamt dem Bier von der Theke. Sein Gesicht sah versteinert aus.

»Hast du 'nen Lappen ? Wir helfen dir aufwischen ... He, ist das Blut ?« Brigit und Ling-shan sammelten die größeren Glasscherben auf und legten sie auf die Bar.

Der Soldat schüttelte unwillig den Kopf und band sich notdürftig ein Handtuch ums Handgelenk, das blutete. »Nein ... nein, danke. laßt es gut sein. Ich bringe euch einen frischen Krug ... Es ist wirklich nicht so schlimm. Laßt doch. Ich mach' das schon.« Sie schauten ihn an. »Der Krug wird gleich auf dem Tisch sein.« Er versuchte zu lächeln.

Das Lächeln verschwand wieder. »Den Krug ... « Mechanisch führte er die Befehle aus, die ihm sein Verstand diktierte. Er füllte den Krug, beseitigte die Spuren der Katastrophe. Der Boden saugte die Flüssigkeit auf, und die Glassplitter fegte er unter die Bar. Als er die Achatplatte abtrocknete, sah er, daß sie geborsten war. Die Sprünge, die entstanden waren, bildeten bizarre Muster, und er begann die Linien mit dem ausgestreckten Zeigefinger nachzuziehen und zählte dabei leise ... »Sie liebte mich, liebte mich nicht, sie liebte mich ... «

»Zwei Kepheus-Shakes und ein Viertel Wein, Soldat !«

»Komm dann zu uns, Soldat, wenn du fertig bist, und hör dir an, was wir auf Chrysalis alles gesehen haben.«

Er nickte, schenkte ein und kniff die Augen fest zu dabei. Dieses verdammte süßliche Zeug, das die rauchten ... Aber alles war verflucht hier. Elsah ging mit einem Jüngling in enganliegenden grünen Hosen und einer Sternkarten-Tätowierung auf der Brust zur Tür hinaus. Er starrte ihnen so lange nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Brandy kam ihm in den Sinn, Brandy, die er so oft durch diese Tür hatte gehen sehen ...

»He, Soldat, was tust du denn so lange ?« Er gab sich einen Ruck.

»Kommst du jetzt zu uns rüber ?«

Er kam bis zum ersten Tisch. Die Besatzung der DOM-428 belegte ihn mit Beschlag.

»Wie geht's deiner Hand ?« Die dunkelhäutige Vlasa strich ihm sanft mit der beringten Hand über den Arm.

»Danke, Es geht. Tut eigentlich nur weh, wenn ich lache.«

»Du bist ja wirklich ein Chaote !« Ling-shans Lächeln wich einem sorgenvollen Gesichtsausdruck. »Soldat. was hast du eigentlich ?«

»Ich habe die Achatplatte kaputtgemacht !«

»0 je ... nichts als Hiobsbotschaften heute abend ! Bringt ihn doch zum Lachen. So geht's doch wirklich nicht ! Wir kommen hierher und ... «

»Erzähl ihm den Witz, den du auf Chrysalis gehört hast ... «

»Den von dem Schatten mit dem Katzenauge im Nabel ? Nun, sieht ganz so aus, als ob ... «

Verstohlen griff Maris nach dem Stern unter seinem Patchwork-Hemd, dem Anhänger, den ihm Brandy geschenkt hatte. Er holte ihn hervor, seine Hand umschloß fest die kurzen Zacken. Er fühlte nur ein leichtes Ziehen, die Ursache des Schmerzes, den er spürte, lag woanders.

Eine Raumfahrerin machte wieder einen faulen Witz. Er hob den Kopf und blickte in lachende Gesichter.

»Ein Witz für Grünschnäbel auf dem Gebiet der Technik«. erklärte ihm Ling-shan.

»Ach so.« Er lachte mit, ohne zu wissen, warum.

»Soldat. wir haben Bilder von unserer Höhle gemacht !« Vlasa zupft ihn am Ärmel. »Versteht sich, aus gebührender Entfernung ! Aber es war trotzdem ein äußerst merkwürdiges Erlebnis !«

»Doch keine Bilder -Hologramme ... « berichtigte man sie.

»Du solltest sie sehen - die Wirkung ist seltsam. Du meinst, deine Augen ... «

»Soldat. bring noch eine Runde !«

»Entschuldigt mich.« Er stieß seinen Stuhl zurück. »Dann vielleicht bis später !« Er war aber mit den Gedanken woanders. Sie kreisten um die Frage, ob denn diese verfluchte Nacht nie enden würde.


Endlich war für Maris der Augenblick gekommen, als er die verwitterte Tür der Kneipe hinter sich schließen konnte. Er hatte geflochtene Sandalen an und glitt auf dem feuchten Pflaster aus, als er auf die Straße trat. Zwei schlanke Gestalten, eine davon in einem meerblauen Anzug, gingen an ihm vorbei. Er sah rotes Haar im Dunkeln aufleuchten und erkannte Marena, die mit ihrem aufgeputzten, munteren Schatten einherstolzierte. Sie war vollständig absorbiert und machte einen zufriedenen Eindruck. Sie gingen bergauf. Maris schlug die entgegengesetzte Richtung ein. Vorsichtig ging er über die Pflastersteine. die durch den Nebel und mit der Zeit schlüpfrig geworden waren. Er hinkte ein wenig. Nebelschwaden, die vom Meer aufstiegen, trieben durch die Straßen und verwandelten die alten Straßenlaternen in dunkle Engel, deren Häupter ein schillernder Heiligenschein krönte. Beim Gehen bildeten sich in Maris' Haar helle Tröpfchen. Seine Schritte hallten leise vom Pflaster wider. Das Gelächter verstummte. Er war allein mit seinen Erinnerungen.


Er wurde von der Morgendämmerung überrascht.

»Soldat, bist du's ?«

Maris drehte sich um und blickte in ein Gesicht mit grauen Bartstoppeln.

»Bist schon okay, oder ? Was tust denn hier unten am Hafen, Junge - so in aller Herrgottsfrühe ?«

Er erkannte nun Makerrah, den alten Fischer, der sich in letzter Zeit einen Spaß daraus machte, ihn mit »Junge« anzureden.

»Ich tue nichts hier ... gar nichts.« Er riß sich vom Geländer los, das durchs Salzwasser ganz ausgelaugt war. Die Sonne ging nun hinter den Bergen auf, der Saum des Nebels wurde lohfarben. Die Sonne löste den Nebel auf. Es würde ein heißer Tag werden. Soviel stand fest. »Servus. Alter !« Makerrah wandte sich wieder zum Gehen.

»Bist dir auch ganz sicher, daß alles in Ordnung ist ?«

Als er wieder allein war, setzte er sich seitwärts aufs Geländer, um den Sog und die Bewegung des Wassers unter dem Landungssteg zu spüren.

Wann war schon jemals alles in Ordnung gewesen bei ihm ? Maris versuchte sich zu erinnern, wie es gewesen war, bevor er Brandy kannte, konnte aber keine Antwort darauf finden.

Glatte, wo er geboren war, war jedenfalls nicht der Ort, an dem man hätte glücklich werden können. Für Glatte mit seiner neofeudalen Gesellschaftsform lieferte eine hochentwickelte Technologie die Rechtfertigung für militärische Auseinandersetzungen im Namen der Zivilisation. In seiner Jugend hatte er mitansehen müssen, wie seine Leute niedergemetzelt wurden und selber mordeten. Ihre Handlungen wurden von einem sinnlosen Aberglauben bestimmt. Maris haßte das alles, wurde aber gezwungen, mitzumachen, was schließlich zu seiner Zerstörung führte. Obwohl seiner Person nur noch ganz wenig von diesem früheren Leben anhaftete, so war es doch für sein Gefühl der Fremdheit in dieser Umgebung hier verantwortlich. Der Geschmack von Neuschnee - und der Geschmack von Blut - er hatte beides nicht vergessen. Genausowenig wie er vergessen hatte, daß er mit neunzehn im Krieg, den er so sehr haßte, in Stücke gerissen wurde ... Er versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, wie es gewesen war, als er merkte, daß sie ihn notdürftig zusammengeflickt hatten und daß er ein halber Roboter war. Er konnte sich noch genau daran erinnern, daß sein Stiefvater damals mit so etwas wie Stolz in der Stimme gesagt hatte, daß er nun ein »richtiger Mann« sei ... Ohne daß es ihm bewußt geworden war, hatte der Soldat den Atem angehalten. Sein Name war »Maris«. Er war dem Kriegsgott geweiht, und als er dann begriffen hatte, warum, kehrte er Glatte den Rücken.

Seinen ganzen Besitz gab er den berüchtigten Astronautinnen in Zahlung, damit sie ihn wie ein Gepäckstück - das heißt in einem bewußtlosen, beinahe schon leblosen Zustand - von einem Stern zum anderen brachten.

Was seine technologische und zivilisatorische Entwicklung anbetraf, so war Oro ein ziemlich rückständiger Planet. Maris mußte die schmerzliche Erfahrung machen, daß ihn die übrigen Menschen nicht mehr als ihresgleichen betrachteten. Sechsundneunzig

Jahre hatte er auf Oro verbracht, ohne mit den anderen Bewohnern in Kontokt zu treten. Gealtert war er allerdings kaum. Sechsundneunzig Jahre ... Der kunterbunte Haufen von weißen Häusern, der sich Neu-Piräus nannte, hatte sich immer weiter ausgedehnt. Die Menge der Gesichter im trüben blauen Laternenlicht, das war nun seine Welt. Mit der unendlichen Geduld eines Mannes in der Fremde hatte er unzählige Male die alten und doch neuen Cesichter in der Kneipe mit demselben stereotypen Lächeln willkommen geheißen. Es handelte sich dabei um Menschen, die ihn zwar brauchten, aber nicht in näheren Kontakt mit ihm kommen wollten. Er dagegen sehnte sich danach. Dann, eines Tages, war Brandy auf Oro gelandet, und alles war anders geworden. Der verwunschene Zinnsoldat, der all die Jahre über den Dingen gestanden hatte, verliebte sich in die Ballerina, die zwischen den Sternen hin und her tanzte.

Die Stirn, mit der er sich ans kalte, rostige Geländer gelehnt hatte, tat ihm weh. Ach - ich bin also doch noch nicht so ganz gefühllos, dachte er bei sich. Es ist noch nicht alles zu Plastik geworden ! Verdammt auch ... ! Er versuchte die dreimal fünfundzwanzig Jahre aus seinem Gedächtnis zu verbannen, die er nur damit verbracht hatte, nachts anderen zu dienen und in den kalten Morgenstunden, wenn er dann endlich allein gewesen war, versucht hatte, sich ihr Gesicht vorzustellen. Neuntausendeinhundert Tage hatte er nun schon die Schmerzen des wiedererlangten Lebens ertragen und die Zweifel mit sich herumgeschleppt und sich gefragt und immer wieder gefragt, ob sie wohl wiederkommen würde, und nun ...

»Siehst du ? Das dritte in der Reihe, das ist unser Schiff.«

Ohne es zu wollen, wurde der Soldat Zeuge des Gesprächs. Eine Astronautin im lavendelfarbenen Anzug stand mit ihrem Schatten an der Stelle, wo das Hafenbecken einen rechten Winkel bildete. Die Frau deutete auf das Meer hinaus.

»Können wir nicht hingehen und es anschauen ?« Als der Jüngling sich übers Geländer beugte, sah Maris blaue eingewebte Glasplättchen an seiner Jacke aufblitzen.

»Auf gar keinen Fall. Männer dürfen die Raumschiffe nicht betreten. Das wäre gegen die Vorschriften. Im übrigen möchte ich auch hierbleiben.« Sie zog ihn zu einer Hausecke. Amethyste leuchteten an ihrem Hals. Die beiden umarmten sich.

Der Soldat stand auf und ging. Er ließ das Liebespaar allein. Die Sonne war gestiegen, bewegte sich auf Mittag zu. Das Panorama von Neu-Piraus zitterte vor ihm in der dunstigen, heißen Luft, als er langsam nach Hause ging. Er blickte zurück und sah die riesige Baustelle der Universalbank mit ihren vierzig Stockwerken. Weiter unten waren die Lagerhäuser, die Docks, »seine« Altstadt, die immer mehr zusammenschrumpfte. Das penetrante Rumoren der Industrieanlagen war sogar durch das Kreischen der Seevögel hindurch zu hören. Sie waren der Verdauungstrakt einer Welt, die im Wandel begriffen war. Und dennoch triumphiere ich über den Tod, den Zufall und dich, o Zeit ...


»Aber ich kann es einfach nicht mehr ertragen !« Er mußte sich festhalten. »Sechsundneunzig Jahre lang war ich ein Ladenhüter.« Mit ihren Klagelauten äfften ihn die Seevögel nach, kreischten im graugrünen Licht der Dämmerung. Jetzt.' Jetzt.' -Er spürte den eiskalten Wind durch sein offenes Hemd. -War sechsundneunzig Jahre lang ohne Leben, bevor sie karn.

Seit Stunden hatte er nun schon die Raumschiffe beobachtet, die im Hafen gelandet waren. Ein Schiff war heruntergeglitten. als ob's eine Träne wäre, die die Sonne vergossen hatte. Die Schiffe hoben sich nun, da der Tag sich seinem Ende zuneigte, hell vom dunklen Wasser der Bucht ab. Er war schon ganz steif vom Herumlungern. Als er sich heimwärts wandte, schwankte er ein bißchen.

Die Vergangenheit überwältigte ihn, als er durch die Gassen der Altstadt den Berg hinaufhinkte. Wie durch einen Schleier sah er den Nachthimmel. Sein Blick war plötzlich ganz leer, bis er zu der verwitterten Tür, zur massiven abbröckelnden Mauer unter der Neonreklame kam. Liebevoll strich er über das glitschige Schloß der Tür, wie er das nun schon zweihundert Jahre lang jeden Tag bei Einbruch der Dunkelheit gemacht hatte. ZINNSOLDAT ... Liebte eine Ballerina. Plötzlich hämmerte er mit den Händen gegen die Tür. »Nein, diese Bar bleibt heute geschlossen«, murmelte er vor sich hin.


Die Haustür gab nach, als Maris sie berührte und seine ruhig gelegene Wohnung betrat. Er stand ganz still, um den dumpfen Klängen der Nacht zu lauschen. Nun war er wirklich allein für den Rest seines Lebens.

Er ging durch die Räume, ohne Licht anzumachen. Er öffnete die Schlafzimmertür. Die kalte Klinke brannte in seiner verletzten Hand. Dann sah er Brandy auf seinem Bett liegen. Sie schlummerte unter dem silbrig schimmernden Baldachin der Plejaden. Er schloß die Augen, um die Halluzination zu bannen, und drückte die Tür zu, dann öffnete er vorsichtig die Augen und schaltete das Licht ein.

Brandy richtete sich auf, hielt die Fäuste schützend vor die Augen, das aschblonde Haar hing ihr bis zur Taille. Sie hatte ein langes Gewand an, das mit Blumen in gedämpften Farben bedruckt war. »Maris«. sagte sie schlaftrunken, »ich habe dich gar nicht kommen hören, ich muß wohl eingenickt sein.«

Er ging zum Bett und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. »Sie haben mir gesagt, du seist tot ... Den ganzen Tag lang hat mich der Gedanke daran nicht losgelassen ... Ich ... «

»Aber ich bin tot.« Ihre Stimme klang plötzlich unendlich müde. Er sah, daß sie dunkle Ringe unter den Augen hatte.

»Das stimmt doch nicht !«

»Doch. Für sie bin ich tot. Ich bin keine Raumfahrerin mehr. Der Raumflug ist für mich zu Ende, und das bedeutet für sie den Verlust des Lebens. Unsere Madav hat durchgedreht. Ich habe nicht geglaubt, daß wir den Hafen erreichen würden. Wir versuchten eine Notlandung und stürzten ab. Ich wurde schwer verletzt ... « Sie wußte nicht, wie sie es ihm beibringen sollte, wickelte verlegen die Haare um die Finger und zupfte daran.

»Und wie ... ? Haben sie dich wieder ... ?«

Sie schüttelte traurig den Kopf. »Nein.« Sie hielt ihm die Hand hin. Er nahm sie in seine. Sie fühlte sich weich und warm an. »Sie ist aus Plastik, Maris«, sagte sie.

Er drehte ihre Hand um, streichelte ihr über den Handrücken und versuchte die langen, geschmeidigen Finger abzubiegen. »Das darf doch nicht wahr sein !«

»Doch. Sie ist ohne Gefühl. Ich spüre fast nichts, wenn du mich berührst. Sie sagten mir, daß ich wahrscheinlich noch Hunderte von Jahren lebe.« Sie schloß ihre Hand zur Faust. »Und obwohl ich noch eine Frau bin, kann ich nicht mehr an Raumflügen teilnehmen, weder als Madav noch als Besatzungsmitglied. Allenfalls kann ich noch als ›Gepäckstück‹ in einem Raumschiff befördert werden. Und ich kann nicht einmal behaupten, daß es unfair ist ... « Heiße Tränen rannen ihr übers Gesicht. »Ich war vollkommen ratlos. Ich wußte nicht einmal, ob ich hierherkommen sollte. Ob du eine Ballerina haben willst, die im Feuer war.«

»Ist das wahr ?« Er drückte ihren Kopf fest an seine Schulter, damit sie seine Tränen nicht sah.

Ein halberstickter Klagelaut kam aus ihrer Kehle, ihre Arme verkrampften sich. »Ach, Maris. Hilf mir ... so hilf mir doch !«

Er wiegte sie sanft in seinen Armen, bis ihr Schluchzen nachließ und erinnerte sich, daß er vor hundert Jahren einen heimwehkranken Teenager auf die gleiche Weise besänftigt hatte.

»Wie kann ich es ertragen ... in einer Welt Hunderte von Jahren zu leben, ohne jemals zu vergessen ?« schluchzte sie.

»Du mußt nur herausfinden, was wirklich für dich zählt ... Die Welten sind ja so klein ! Wenn du willst, können wir uns zu anderen Welten bringen lassen, zum Beispiel könnten wir deine Heimat wieder besuchen. Du wirst erstaunt sein, wie dein Ansehen in zweihundert Jahren wächst !« Er küßte ihr vom Weinen gerötetes Gesicht. »Und vielleicht ändern sich eines Tages sogar die Vorschriften.«

Sie schüttelte den Kopf. Man sah ihr an, daß sie niedergeschlagen war. »Ach. Maris, mein verständiger Schatz, umarme mich, hab' mich gern. Bring mich dazu, daß ich mich nicht mehr so sehr nach dem Weltraum sehne.«

Er nahm ihre künstliche Hand, die weich war wie eine natürliche, und bedeckte die Handfläche und die Finger mit Küssen. Maris, du mußt dich anstrengen. Du mußt es gutmachen, dachte er bei sich. Er lächelte glücklich, obwohl er wußte, daß er eine große Verantwortung auf sich genommen hatte.

Dann löschte er das Licht.


Gelesen in :
SIENCE FICTION
Story-Reader 13
HEVNE-Buch 3685
ISBN 2-453-20605-8

Hier das Märchen von Hans Christian Andersen : 
https://www.maerchenblog.de/kommentare/der-zinnsoldat....108/