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Da oben, mitten in der Luft

 

 Eine Episode aus den Mars-Croniken :
(vor der vorherigen Geschichte [Die andere Haut ] zu lesen)

 

Da oben, mitten in der Luft
Ray Bradbury

 

 http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1257&Itemid=55

 

„Hast du schon gehört ?“
    „Was denn ?“
    „Die Nigger, die Nigger !“
    „Was ist mit denen ?“
    „Sie verschwinden, verziehen sich, hauen ab - hast du's nicht gehört ?“
    „Was meinst du damit, sie hauen ab ? Wie sollen die das können ?“
    „Sie können's, sie schaffen's, sie tun es schon !“
    „Nur ein paar ?“
    „Jeder einzelne verdammte Nigger hier im Süden !“
    „Nein !“
    „Doch !“
    „Das muß ich sehen. Ich glaub's einfach nicht. Wohin ziehen sie denn - nach Afrika ?“
    Schweigen.
    „Auf den Mars.“
    „Du meinst den Planeten Mars ?“
    „Ja.“
    Die Männer standen im heißen Schatten der Veranda vor dem Eisenwarengeschäft. Einer unterbrach sein Pfeifeanzünden. Ein anderer spuckte in den heißen Mittagsstaub.
    „Sie können doch nicht einfach abhauen, können sie nicht.“
    „Sie tun's aber.“
    „Woher hast du das ?“
    „Man hört's überall, wurde gerade vor einer Minute im Radio durchgegeben.“
    Die Männer, eine Reihe staubiger Standbilder, gerieten in Bewegung.
    Samuel Teece, der Besitzer des Eisenwarenladens, lachte unsicher. „Hab mich schon gewundert, was mit Silly ist Ich hab ihn vor einer Stunde mit dem Fahrrad weggeschickt. Er ist von Mrs.Bordman noch nicht wieder zurück. Meinst du, der schwarze Dummkopf ist geradewegs zum Mars geradelt ?“
    Die Männer schnaubten.
    „Ich kann nur sagen, daß er gut daran täte, mir mein Fahrrad wiederzugeben. Klauereien laß ich mir von keinem gefallen, bei Gott !“
    „Hört doch mal !“
    Im Umdrehen stießen die Männer ungehalten zusammen. Weit hinten beim Getto der Schwarzen schien der Damm gebrochen. Die schwarzen warmen Wasser kamen herab und verschlangen die Stadt. Zwischen den blendend weißen Ufern der Läden, zwischen dem Schweigen der Bäume strömte eine schwarze Flut. Sie ergoß sich zäh wie Zuckersirup über die zimtfarbene, staubige Straße. Sie drang langsam vor, sehr langsam, und sie bestand aus Männern und Frauen und Pferden und bellenden Hunden und aus kleinen Jungen und Mädchen. Und aus den Kehlen der Menschen, die ein Teil der Flut waren, kam das Geräusch eines Flusses - eines sommerlichen Flusses, der unaufhaltsam dahinmurmelte. Und in dem langsamen, dunklen Kanal, der den weißen Schimmer des Tages gleichmäßig durchschnitt, blitzten muntere weiße Punkte auf, Augen, elfenbeinfarbene Augen, die nach vorn gerichtet waren oder schnelle Blicke zur Seite warfen, während der Fluß, der lange und endlose Fluß, aus dem alten Kanal in einen neuen einschwenkte. Aus den verschiedensten Zuflüssen gespeist, waren Rinnsale und Bäche aus Farbe und Bewegung entstanden, die zusammentrafen und zu einem großen Fluß wurden. Und in der Flut schwammen zahlreiche Dinge mit: alte schlagende Standuhren, tickende Küchenuhren, gackernde Hühner in Käfigen, schreiende Babys; in den großen Wirbeln fanden sich zudem Esel und Katzen und dann und wann ein großer Berg geplatzter Matratzen mit hervorstehenden Sprungfedern und Füllungen, dazu Kästen und Schachteln und eichengerahmte Großvaterbilder - der Fluß schwemmte alles vorbei, während die Männer wie nervöse Jagdhunde auf der Veranda des Eisenwarenladens saßen, mit leeren Händen. Es war zu spät, den Damm zu flicken.
    Samuel Teece traute seinen Augen nicht. „Teufel, wie lassen die sich befördern ? Wie kommen sie zum Mars ?“
    „Raketen“, sagte Großvater Quartermain.
    „Ausgerechnet. Woher hätten die wohl Raketen ?“
    „Sie haben gespart und sich die Dinger gebaut.“
    „Davon weiß ich ja gar nichts.“
    „Anscheinend haben die Nigger alles geheimgehalten und selbst an den Raketen gearbeitet, wer weiß wo - vielleicht in Afrika.“
    „Dürfen sie denn das ?“ fragte Samuel Teece und ging auf der Veranda auf und ab. „Gibt's dagegen kein Gesetz ?“
    „Sie erklären uns ja nicht gleich den Krieg“, sagte Großvater leise.
    „Wo kommen wir da hin, verdammt noch mal, so im geheimen zu schaffen und sich zu verschwören?“ brüllte Teece.
    „Es heißt, alle Nigger der Stadt sollen draußen am Loon-See zusammentreffen. Die Raketen kommen um ein Uhr, nehmen sie an Bord und bringen sie zum Mars.“
    „Wir müssen den Gouverneur anrufen und die Bürgerwehr zusammentrommeln !“ rief Teece. „Sie hätten uns Bescheid sagen müssen !“
    „Da kommt deine Frau, Teece.“
    Wieder wandten sich die Männer um.
    Und in der windstillen Helle der heißen Straße erschien eine erste weiße Frau, andere folgten; ihre Gesichter waren ratlos, ihre Röcke raschelten wie altes Papier. Manche Frauen weinten, andere blickten düster. Sie alle kamen, um mit ihren Männern zu sprechen. Sie stießen die Schwingtüren der Bars auf und gingen hinein. Sie betraten kühle, stille Lebensmittelläden. Sie verschwanden in Drogerien und Garagen. Und eine, Mrs.Clara Teece, stellte sich zu den Männern auf die staubige Veranda des Eisenwarenladens und sah blinzelnd zu ihrem starren, ärgerlichen Mann auf, während hinter ihr der schwarze Fluß weitersrömte.
    „Es geht um Lucinda, Pa; du mußt mitkommen !“
    „Wegen einer verdammten Dunkelfrau geh ich nicht extra nach Hause !“
    „Sie verläßt uns. Was soll ich ohne sie anfangen ?“
    „Kannst dich mal selbst um den Haushalt kümmern Ich schmeiße mich nicht auf die Knie, damit sie hierbleibt.“
    „Aber sie gehört doch fast zur Familie“, klagte Mrs.Teece.
    „Schrei hier nicht herum ! Ich will nicht, daß du in aller Öffentlichkeit herumheulst wegen einer gottverdammten …“
    Ein leises Schluchzen seiner Frau brachte ihn zum Schweigen. Sie betupfte sich die Augen. „Ich hab ihr immer wieder gesagt, 'Lucinda', hab ich gesagt, 'du bleibst, und ich erhöhe deinen Lohn, und du kannst zwei Abende in der Woche frei haben, wenn du willst', aber sie war ganz entschlossen ! Noch nie hab ich sie so entschlossen gesehen, und ich sagte: 'Liebst du mich denn icht mehr, Lucinda ?' Und sie sagte, doch, aber sie müßte gehen, weil es eben sein müßte. Sie hat das Haus saubergemacht und staubgewischt und das Mittagessen auf den Tisch gestellt, und dann ging sie zur Tür - und stand da mit einem Bündel links und einem Bündel rechts und schüttelte mir die Hand und sagte : 'Auf Wiedersehen, Mrs.Teece.' Dann ging sie. Und da stand ihr Mittagessen auf dem Tisch, und wir alle waren viel zu durcheinander, um überhaupt davon zu essen. Es steht jetzt noch da; als ich das letztemal hinsah, wurde es schon kalt.«
    Teece schlug sie fast. »Himmel Herrgott, Mrs.Teece, mach, daß du nach Hause kommst. Stehst hier und machst dich zum Gespött der Leute …!“
    „Aber Pa…“
    Er marschierte in das heiße Dämmer des Ladens. Sekunden später kam er mit einer silberglänzenden Pistole zurück.
    Seine Frau war gegangen.
    Der Fluß floß schwärzlich zwischen den Gebäuden und raschelte und knarrte und schlurrte gleichmäßig flüsternd dahin. Er war sehr leise, und über allem lag eine große Ruhe und Gelassenheit; kein Gelächter, kein wildes Herumtanzen, nur die gleichmäßige, zielstrebige, endlose Flut.
Teece setzte sich auf die Kante seines Stuhls. „Wenn einer der Kerle lacht, bei Gott, bringe ich alle um.“
    Die Männer warteten.
    Leise strömte der Fluß durch den verträumten Mittag.
    „Mir scheint, du mußt deine Rüben bald selber hacken, Sam“, sagte Großvater und lachte leise.
        „Auf Weiße schießen kann ich auch ganz gut.“ Teece sah Großvater nicht an. Großvater wandte den Kopf und hielt den Mund.
    „Moment mal !“ Samuel Teece sprang von der Veranda und griff einem Pferd in die Zügel, auf dem ein großer Neger ritt. „Los, Belter, steig sofort ab !“
    „Ja, Sir.“ Belter glitt herab.
    Teece musterte ihn von oben bis unten. „Also, was soll das ? Was hast du vor ?“
    „Nun, Mr.Teece …“
    „Du denkst wohl, du kannst absausen wie in dem Lied - wie geht das doch ? 'Da oben, mitten in der Luft', das ist es, nicht ?“
    „Ja, Sir.“ Der Neger wartete.
    „Du weißt, daß du mir fünfzig Dollar schuldest, Belter ?“
    „Ja, Sir.“
    „Und du willst dich davonmachen ? Bei Gott, ich geb dir die Peitsche !“
    „In der Aufregung ist es mir entfallen, Sir.“
    „Ist ihm entfallen.“ Teece blinzelte den Männern auf der Veranda boshaft zu. „Bei Gott, Mister, weißt du, was du machst ?“
    „Nein, Sir.“
    „Du bleibst hier und arbeitest die fünfzig Piepen ab, oder ich will nicht mehr Samuel W.Teece heißen.“ Wieder wandte er sich um und lächelte selbstsicher zu den im Schatten Sitzenden hinüber.
    Belter warf einen Blick auf den Fluß hinter sich, auf jenen dunklen Fluß, der endlos zwischen den Läden dahinfloß, der dunkle Fluß auf Rädern und Pferden und staubigen Schuhen, der dunkle Fluß, dem er entrissen worden war. Er begann zu zittern. 
Lassen Sie mich weiterziehen, Mr. Teece. Ich schicke Ihnen das Geld von oben, ich versprecht Ihnen !“

    „Hör zu, Belter.“ Teece ergriff die Hosenträger des Mannes und spielte daran herum wie an zwei Harfensaiten; dabei schnaubte er verächtlich zum Himmel und zeigte mit knochigem Finger direkt auf Gott. „Belter, weißt du überhaupt, wie's da oben aussieht ?“
    „Was die so sagen …“
    „Was die so sagen ! Himmel ! Habt ihr das gehört ? Was die so sagen !“ Er schwang den Mann an seinen Hosenträgern lässig hin und her und schnipste ihm mit den Fingern in das schwarze Gesicht. „Belter, du fliegst höher und immer höher wie eine Feuerwerksrakete, und peng ! Da schwirrst du dann in verkohlten Stücken rum, überall im Weltall verstreut. Die verrückten Wissenschaftler wissen doch überhaupt nichts - sie bringen euch alle um !“
    „Das ist mir egal.“
    „Freut mich zu hören. Denn du weißt ja sicher, was es da auf dem Planeten Mars gibt ! Ungeheuer mit wilden großen Augen wie Pilze. Du hast doch die Bilder auf den utopischen Magazinen gesehen, die's überall für einen Zehner gibt, nicht ? Also ! Die Monster springen auf dich los und saugen dir das Mark aus den Knochen !“
    „Das ist mir egal, völlig egal ist nur das.“Belter sah, wie die Parade vorüberglitt und ihn zurückließ. Schweiß glitzerte auf seiner schwarzen Stirn. Er schien kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen.
    „Und kalt ist es da oben; Luft gibt es nicht. Du fällst um und zappelst wie ein Fisch und schrappst nach Luft und stirbst, du schnappst nach Luft und schnappst nach Luft und stirbst. Magst du das ?“
    „Ich mag vieles nicht, Sir. Bitte, Sir, lassen Sie mich ziehen. Ich bin schon spät dran.“
    „Ich laß dich ziehen, wenn ich Lust dazu habe. Wir quatschen hier höflich weiter, bis ich sage, daß du gehen kannst, und das weißt du sehr gut. Reisen willst du, ja ? Also Mr.Mitten-in-der-Luft, du scherst dich jetzt nach Hause, und arbeitest die fünfzig Piepen ab, die du mir schuldest. Kostet dich glatt zwei Monate !“
    „Aber wenn ich's abarbeite, verpasse ich die Rakete, Sir !“
    „War das nicht schade ?“ Teece versuchte bekümmert auszusehen.
    „Ich gebe Ihnen mein Pferd, Sir.“
    „Ein Pferd ist vor dem Gesetz kein Pfand. Du bleibst hier, bis ich mein Geld habe.“ Teece lachte innerlich. Er fühlte sich ausgesprochen wohl.
    Eine kleine Gruppe Schwarzer war zusammengekommen und hatte das Gespräch verfolgt. Während nun Belter mit gesenktem Kopf zitternd dastand, trat ein alter Mann vor.
    „Mister ?“
    Teece warf ihm einen schnellen Blick zu. „Was ?“
    „Wieviel schuldet Ihnen dieser Mann, Mister ?“
    „Das geht Sie einen Dreck an !“
    Der alte Mann wandte sich an Belter. „Wieviel, mein Sohn ?“
    „Fünfzig Dollar.“
    Der alte Mann streckte den Leuten in der Gruppe seine schwarzen Hände entgegen. „Ihr seid fünfundzwanzig. Jeder gibt mir schnell zwei Dollar, wir haben keine Zeit zum Diskutieren.“
    „Einen Augenblick !
 rief Teece und richtete sich auf, starr.

    Das Geld kam zusammen. Der alte Mann zählte es in seinen Hut und reichte ihn Belter. „Mein Sohn“, sagte er, „du verpaßt die Rakete nicht !“
    Belter lächelte in den Hut. „Nein, Sir. Sieht nicht so aus.“
    Teece brüllte: „Du gibst das Geld sofort zurück !“
    Belter verbeugte sich respektvoll und hielt ihm das Geld hin, und als Teece es nicht nehmen wollte, legte er es ihm zu Füßen in den Staub. „Da haben Sie Ihr Geld, Sir“, sagte er. „Schönen Dank.“ Lächelnd stieg er wieder in den Sattel, trieb sein Pferd an und dankte dem alten Mann, der mit ihm ritt, bis sie verschwunden waren.
    „Hurensohn«, flüsterte Teece und starrte blind in die Sonne. „Hurensohn.“
    „Nimm das Geld, Samuel“, sagte eine Stimme von der Veranda.
    Und überall geschah Ähnliches. Kleine weiße Jungen kamen barfuß herbeigerannt. „Wer was hat, hilft den anderen, die nichts haben ! Und so kommen alle frei ! Hab einen reichen Mann gesehen, der einem Armen zweihundert Dollar gab, damit er jemand freikaufen konnte. Hab gesehen, wie einer einem anderen zehn Dollar gab, fünf Dollar, sechzehn, viel Geld, überall, jedermann !“
    Die Weißen hatten einen bitteren Geschmack im Mund. Ihre Augen schienen zugeschwollen, als hatten sie ihre Gesichter zu lange dem Wind und dem Sand und der Hitze ausgesetzt.
    Samuel Teece kochte vor Wut. Er stieg wieder auf die Veranda und starrte wütend auf die vorüberziehenden Menschenmassen. Er schwenkte seine Pistole. Und als er dann auch etwas tun mußte, begann er hinabzubrüllen, begann er jeden Neger anzubrüllen, der zu ihm aufschaute. „Wums ! Und wieder eine Rakete ins All !“ brüllte er so laut, daß alle ihn hören konnten. „Wums! Bei Gott !“ Die schwarzen Köpfe duckten sich nicht und und ließen sich auch nicht anmerken, ob seine Worte verstanden wurden, doch Blicke glitten hastig über ihn dahin und wurde wieder gesenkt.
Und Krach ! Alle Raketen stürzen ab ! Und ihr schreit und sterbt ! Wums ! Allmächtiger, hin ich froh, daß ich hier auf der alten terra firma bin. Wie's in dem alten Witz heißt, je firma, desto weniger terra ! Ha, ha !“
    Pferde trabten vorbei und wirbelten Staub auf. alter Wagen quietschte.
    „Wums.“ Seine Stimme war allein in der Hitze und versuchte den Staub und den grellen Sonnenhimmel zu erschrecken. „Bumm ! Nigger, überall Nigger ! Aus den Raketen rausgeschleudert wie ein Fischschwarm, von einem Meteor getroffen, bei Gott ! Der Weltraum ist voller Meteore. Wißt ihr das ? Natürlich ! Dick wie Schrot, peng ! Die schießen eure Blechraketen ab wie Enten, wie Tontauben. Alte Sardinendosen voller schwarzem Zeug. Knallen tut's wie Knallfrösche, peng, peng, peng ! Zehntausend Tote hier, zehntausend Tote da ! Die schweben dann im All, um die Erde rum, endlos herum, kalt und weit draußen, Herrgott ! Habt ihr das gehört, ihr da !

Schweigen. Der Fluß war breit, und noch war kein Ende abzusehen. Nachdem er in der letzten Stunde in alle Hütten eingedrungen war und alle wertvollen Dinge herausgespült hatte, führte er jetzt Uhren und Waschbretter und Seidenbündel und Gardinenstangen die Straße hinab, einem fernen schwarzen Meer entgegen.
    Die Flut überschritt ihren Höhepunkt. Es war zwei Uhr, als die Ebbe einsetzte. Bald war der Fluß ausgetrocknet, und die Stadt lag wieder still da; eine dünne Staubschicht senkte sich auf die Läden, die sitzenden Männer, die großen heißen Bäume.
    Schweigen.
    Die Männer auf der Veranda lauschten.
    Als sie nichts hörten, streiften ihre Gedanken und ihre Phantasie über das Land ringsum. Noch am Morgen waren die Wiesen mit dem gewohnten Lärm erfüllt gewesen. Da und dort, hartnäckig an alten Traditionen festhaltend, ertönten singende Stimmen, Honiglachen unter Mimosenästen, dazu das Platschen und Quietschen der Negerkinder im klaren Wasser, gebückte Bewegungen auf den Feldern, Witze und amüsierte Rufe aus den Schindelhütten mit den frischen grünen Reben.
    Jetzt schien ein starker Wind alle Geräusche aus dem Land geweht zu haben. Nichts war übriggeblieben. Türgerippe hingen in ihren Lederscharnieren. Gummireifen, von den Jungen als Schaukel benutzt, verharrten leer in der reglosen Luft. Die Waschsteine an den Flüssen waren verlassen, und die Felder mit Wassermelonen, wo es sie gab, lagen einsam da, und ihre verborgenen Säfte erhitzten sich in der Sonne. In den verlassenen Hütten begannen Spinnen mit neuen Netzen, goldene Staubschlieren sanken von ungeflickten Dächern herab. Hier und dort glomm, in der Eile vergessen, ein Feuer, um in einem plötzlichen Anfall von Kraft das trockene Skelett einer unordentlichen Hütte aufzuzehren. In der stillen Luft lag das Geräusch eines leise schwelenden Brandes.
    Die Männer saßen auf der Veranda des Eisenwarenladens, ohne zu blinzeln, ohne herunterzuschlucken.
    „Kann mir nicht vorstellen, warum sie ausgerechnet jetzt abhauen. Wo doch alles für sie besser wurde. Ich meine, sie haben doch jeden Tag mehr Rechte gekriegt. Was wollen sie also ? Die Kopf-Steuer gibt's nicht mehr, und immer mehr Staaten verabschieden Anti-Lynch-Gesetze, und überall Gleichberechtigung. Was wollen sie denn noch ? Sie verdienen fast so gut wie die Weißen - und trotzdem ziehen sie ab.“
    Ganz hinten auf der leeren Straße kam ein Fahrrad in Sicht.
    „Da soll mich doch der Teufel … Teece, da kommt dein Silly.“
    Das Fahrrad kam vor der Veranda zum Stehen. Ein siebzehnjähriger Negerjunge saß im Sattel, ein Junge, der fast nur aus Armen und langen Beinen und einem runden Melonenkopf zu bestehen schien. Er sah zu Samuel Teece auf und lächelte.
    „Dich hat also dein schlechtes Gewissen zurückgetrieben.“
    „Nein, Sir, ich wollte Ihnen nur das Fahrrad bringen.“
    „Was ist los, hast du es nicht in der Rakete verstauen können ?“
    „Nein Sir, das war es nicht.“
    „Erzähl mir nicht, was es war ! Steig ab - ich laß mir nicht mein Eigentum klauen !“ Er versetzte dem Jungen einen Stoß. Das Fahrrad stürzte um. „Geh rein und putz das Messing.“
    „Bitte ?“ Der Junge riß die Augen auf.
    „Du hast mich ganz deutlich gehört. Da ist auch eine Waffensendung gekommen, die ausgepackt werden muß, und eine Kiste Nägel von Natchez …“
    „Mr.Teece.“
    „Und eine Kiste mit Hämmern ist kaputt …“
    „Mr.Teece, Sir !“
    „Bist du immer noch da ?“ Teece starrte den Jungen wütend an.
    „Mr.Teece, hätten Sie was dagegen, wenn ich mir den Tag frei nehme ?“ fragte er entschuldigend.
    „Und morgen und übermorgen und überübermorgen auch“, sagte Teece.
    „Ich fürchte ja, Sir.“
    „Du hast auch wirklich Grund zum Fürchten, Jung. Komm her !“ Er führte den Jungen über die Veranda und nahm ein Stück Papier aus seinem Schreibtisch. „Kennst du das ?“
    „Sir ?“
    „Das ist dein Arbeitspapier ! Unterschrieben hast du es, hier ist dein Kreuz, nicht wahr ? Los, antworte !“
    „Das hab ich nicht unterschrieben, Mr.Teece.“ Der Junge zitterte. „So ein Kreuz kann jeder machen.“
    „Hör mir gut zu, Silly. Vertrag: 'Ich werde vom 15 Juli 2001 an zwei Jahre für Mr.Teece arbeiten, und wenn ich aufhören will, kündige ich einen Monat vorher und arbeite so lange weiter, bis ein Nachfolger gefunden ist. So.“ Teece schlug mit der Hand auf das Papier; seine Augen blitzten. „Wenn du Schwierigkeiten machst, gehen wir vor Gericht.“
    „Das kann ich nicht“, jammerte der junge, und Tränen liefen ihm über das Gesicht. „Wenn ich heute nicht geh, geh ich überhaupt nicht.“
    „Ich weiß, wie du zumute ist, Silly; ja, ich fühle mir dir, Junge. Aber wir werden dich gut behandeln und dir ordentlich zu essen geben. Junge. Und jetzt geh rein und fang mit der Arbeit an und vergiß den ganzen Unsinn ! Was, Silly ? So ist's recht.“ Teece grinste und klopfte dem Jungen auf die Schulter.
    Der Junge wandte sich um und sah die alten Manner auf der Veranda an. Er konnte kaum noch etwas erkennen vor Tränen. „Vielleicht …vielleicht könnte einer der Herren …“ Die Männer im heißen ungemütlichen Schatten schauten hoch, sahen den Jungen an, dann Mr.Teece.
„Du meinst, ein weißer Mann soll deine Stelle übernehmen, Junge ?“ fragte Teece kalt.
Großvater Quartermain nahm seine roten Hände von den Knien. Nachdenklich schaute zum Horizont und fragte: „Wie wär's mit mir, Teece ?“
    „Was ?“
    „Ich übernehme Sillys Arbeit.“
    Auf der Veranda herrschte Schweigen.
    Teece hielt sich ganz still. „Großvater“, sagte er warnend.
    „Laß den Jungen gehen. Ich mache dein Messing sauber.“
    „Würden Sie das tun, würden Sie das wirklich tun ?“ Silly rannte zu Großvater, tränenüberströmt und er lachte ungläubig.
    „Klar.“
    „Großvater“, sagte Teece, „halt dich da raus, verdammt noch mal.“
    „Laß den Jungen in Ruh, Teece.“
    Teece trat vor und packte den Jungen am Arm. „Er gehört mir. Ich schließe ihn bis heute abend hinten im Haus ein.“
    „Nicht, Mr.Teece !“
    Der Junge begann zu schluchzen. Sein weinen erfüllte die Veranda. Er hatte die Augen zugekniffen. Unten an der Straße kam eine alte Büchse von einem Ford angekeucht. Er brachte eine letzte Ladung Farbiger. „Da kommt meine Familie. Mr.Teece, o bitte, bitte, o Gott, ich bitte Sie !“
    „Teece“, sagte einer der anderen Männer auf der Veranda und stand auf. „Laß ihn gehen.“
    Ein zweiter stand auf. »Das meine ich auch.“
    „Und ich auch“, sagte ein dritter.
    „Was solls denn ?“ Sie sprachen jetzt alle. 
Laß ihn in Ruhe, Teece“

    „Laß ihn gehen.“
    Teece tastete nach der Pistole in seiner Tasche. Als er die Gesichter der Männer sah, nahm er die Hand wieder fort und ließ die Pistole, wo sie war, und sagte: „So steht es also ?“
    „Ja, so steht es“, sagte jemand.
    Teece ließ den Jungen los. „Also gut. Verschwinde.“ Er machte eine Kopfbewegung nach hinten. „Aber glaub ja nicht, daß du deinen Kram hierlassen kannst, damit er mir das Haus verschandelt.“
    „Nein, Sir !“
    „Du räumst deinen Schuppen hinten säuberlich aus und verbrennst alles.“
    Silly schüttelte den Kopf. „Ich nehm's mit.“
    „Das wird man aber kaum an Bord der Rakete lassen.“
    „Ich nehm's mit“, beharrte der Junge leise.
    Er rannte durch den Laden nach hinten. Die Männer hörten, wie er ausfegte und saubermachte und aufräumte, und einen Augenblick später kam er wieder zum Vorschein, die Hände voller Kreisel und Murmeln und alter staubiger Drachen und sonstigem Kram, der sich im Laufe der Zeit angesammelt hatte. Schon hielt der alte Ford vor dem Haus, und Silly stieg ein, und die Tür wurde zugeschlagen. Teece stand auf der Veranda und lächelte bitter. „Was fängst du denn an da oben ?“
    „Etwas Neues“, sagte Silly. „Ich mache einen eigenen Eisenwarenladen auf.“
    „Verdammt noch mal, hast du meinen Beruf gelernt, damit du mir eines Tages fortlaufen und ihn brauchen kannst ?“
    „Nein, Sir, ich hatte ja keine Ahnung, daß so etwas passieren würde, Sir, aber dann ist es passiert. Und ich kann nichts dafür, daß ich etwas gelernt habe, Mr.Teece.“
    „Vermutlich habt ihr auch Namen für eure Raketen ?“
    Sie sahen auf die Uhr am Armaturenbrett.
    „Ja, Sir.“
    „Zum Beispiel 'Elijah im Feuerwagen', 'Big Boss' und 'Kleiner Fisch', 'Glaube, Hoffnung, Liebe' – wie ?“
    „Ja - wir haben Namen für die Schiffe, Mr. Teece.“
    „'Gottessohn und Heiliger Geist' - das würde mich nicht wundern ! Sag, Junge, habt ihr auch eine, die 'Erste Baptistenkirche' heißt ?“
    „Wir müssen los, Mr. Teece.“
    Teece lachte, „Habt ihr eine, die 'Swing Low' heißt, und 'Sweet Chariot' ?“
    Der Ford setzte sich in Bewegung. „Leben Sie wohl, Mr.Teece.“
    „Habt ihr eine mit Namen 'Laßt die Würfel rollen' ?“
    „Leben Sie wohl, Mister !“
    „Und 'Über den Jordan' ! Ha ! Also, rein mit dir in die Rakete, Junge, hinauf in den Himmel, hau ab und laß dich zersprengen, ist mir doch egal !“
    Der Wagen ruckelte durch den Staub davon. Der Junge stand auf, legte die Hände um den Mund und rief Teece zu: „Mr.Teece ! Mr.Teece, was machen Sie von nun an in der Nacht ? Was machen Sie in der Nacht, Mr.Teece ?“
    Schweigen. Der Wagen wurde kleiner. Dann war er verschwunden.
Was, zum Teufel, hat er gemeint ?“ überlegte Teece. „Was ich in der Nacht mache …?“
    Er sah zu, wie sich der Staub setzte, und plötzlich fiel es ihm ein.
    Er dachte an die Nächte, da ihn die Männer von zu Hause abholten, mit angezogenen, spitz aufragenden Knien und mit Gewehren, die noch spitzer aufragten, wie eine Wagenladung von Kränen unter den Sommernachtsbäumen, und ihre Augen waren tückisch. Die Hupe ging, und er schlug seine Tür zu, das Gewehr in der Hand, und er lachte leise vor sich hin, und sein Herz schlug so schnell wie bei einem Zehnjährigen, und sie fuhren durch die Sommernacht, ein Stück aufgerolltes Hanfseil auf dem Wagenboden, während die gefüllten Patronenschachteln die Mäntel der Männer ausbeulten. Wie viele Nächte waren das gewesen in all den Jahren, wie viele Nächte, in denen der Wind durch den Wagen brauste, das Haar über die tückischen Augen wehte, während sie einen Baum aussuchten, einen guten starken Baum, und an eine Hüttentür klopften …
   
Das hat der Hurensohn also gemeint ! Teece stürzte ins Sonnenlicht hinaus. „Komm zurück, du Bastard ! Was ich in der Nacht mache ? Du verdammter, frecher Huren…“
    Es war eine gute Frage. Übelkeit überkam ihn, und er fühlte sich leer. Ja, was machen wir jetzt in der Nacht ? fragte er sich. Wenn sie alle verschwunden sind, was machen wir da ? Er fühlte sich absolut leer und starr.
    Er holte die Pistole aus der Tasche und überprüfte das Magazin.
    „Was hast du vor, Sam ?“ fragte jemand.
    „Ich bringe den Hurensohn um !“
    Großvater sagte: „Reg dich nicht so auf.“
    Aber Samuel Teece war schon um das Haus herumgelaufen. Einen Augenblick später fuhr er seinen offenen Wagen in die Einfahrt. „Will jemand mit ?“
    „Ich hab Lust auf ein Fährtchen“, sagte Großvater und stand auf.
    „Noch jemand ?“
    Niemand sagte etwas.
    Großvater stieg ein und schlug die Tür zu. Samuel Teece jagte den Wagen in einer großen Staubwolke auf die Straße. Schweigend rasten sie unter dem hellen Himmel dahin. Auf den trockenen Wiesen schimmerte die Hitze.
    An einer Kreuzung hielten sie an. „Wo sind sie durch, Großvater ?“
    Großvater kniff die Augen zusammen. „Geradeaus vermutlich.“
    Sie fuhren weiter. Unter den Sommerbäumen klang das Brummen des Wagens ganz verlassen. Die Straße war leer, und im Weiterfahren bemerkten sie etwas Seltsames. Teece fuhr langsamer und beugte sich hinaus. Seine gelben Augen blitzten.
    „Verdammt, Großvater, sieh mal, was die Schweinehunde gemacht haben.“
    „Was denn ?“ fragte Großvater und schaute hinaus. Sorgfältig am Rand der leeren Landstraße abgesetzt, säuberlich zu Bündeln und Haufen gestapelt, sah er alte Rollschuhe, Tücher voller Trödelkram, ein Paar alter Schuhe, ein Wagenrad, stapelweise Hosen und Mäntel und abgetragene Hüte, orientalisch anmutende Glasstücke, die einst im Wind geklimpert hatten, rosa Geranien in Blechdosen, Teller mit wächsernen Früchten, kartonweise Südstaatengeld, Bottiche, Waschbretter, Wäscheleinen, Seife, ein Fahrrad, eine Heckenschere, einen Spielzeugwagen, einen Springteufel in einer Schachtel, ein buntes Fenster aus der Baptistenkirche, einen ganzen Satz Bremsfelgen, Radioröhren, Matratzen, Sofas, Schaukelstühle, Salbentöpfe, Spiegel. Keiner dieser Gegenstände war einfach hingeworfen worden, nein, er war vorsichtig und mit Gefühl hingelegt, mit Würde abgesetzt am Rand der Straße, als wäre hier eine ganze Stadt mit vollen Händen gewanden, dann hätte eine gewaltige bronzene Trompete geblasen, und alle Gegenstände wären dem stillen Staub überantwortet worden, und alle Erdbewohner, alle, wären geradewegs in den blauen Himmel entfleucht.
    „Nicht verbrennen wollten sie das Zeug, haben sie gesagt“, rief Teece wütend. „Nein, sie wollten es nicht verbrennen, wie ich gesagt hab, sie mußten es mitnehmen und hier liegenlassen, wo sie es alle noch einmal auf der Straße sehen können, all das Zeug zusammen. Diese Nigger halten sich für ganz schlau.“
    Er begann in wilden Schlangenlinien zu fahren; Meile um Meile legte er so auf der Straße zurück und zerschmetterte, zerbrach, zerstreute die Bündel aus Papier, Schmuckkasten, Spiegeln, Stühlen. „Da, verdammt noch mal, da !“
    Der vordere Reifen stieß einen pfeifenden Schrei aus. Der Wagen kippte von der Straße in einen Graben und schleuderte Teece gegen die Scheibe.
    „Hurensohn !“ Er klopfte sich den Staub ab und stieg aus. Fast weinte er vor Wut.
    Er sah die stille, leere Straße hinab. „Jetzt packen wir sie nie, nie !“ Soweit er sehen konnte, erstreckten sich die Bündel und Häufchen wie kleine verlassene Reliquienschreine im warmen
    Wind des späten Nachmittags.
    Eine Stunde später trafen Teece und Großvater, müde gelaufen, wieder beim Eisenwarenladen ein. Die Männer saßen noch immer dort und horchten und starrten in den Himmel. Als Teece sich gesetzt hatte und seine engen Schuhe aufmachte, rief jemand : „Schaut !“
    „Verdammt, nein !“ sagte Teece.
    Aber die anderen blickten auf. Und sie sahen die Goldspulen, die fernab in den Himmel stiegen. Flammenschnüre hinter sich herziehend, verschwanden sie.
    Auf den Baumwollfeldern wehte der Wind müßig zwischen den schneeigen Stauden. Auf anderen Feldern, weiter entfernt, lagen die Wassermelonen in der Sonne, unberührt, gestreift wie Schildpatt-Katzen.
    Die Manner auf der Veranda setzten sich, sahen sich an, beschauten das gelbe Tau, das säuberlich zusammengerollt in den Regalen des Ladens lag, warfen einen Blick auf die Gewehrpatonen die messingglänzend in ihren Schachteln ruhten, betrachteten die Silberpistolen und langen schwarzen, metallschimmernden Flinten, die ganz oben reglos in den Schatten hingen. Jemand steckte sich einen Strohhalm in den Mund. Ein anderer zeichnete etwas in den Staub.
    Dann hielt Samuel Teece triumphierend seinen leeren Schuh hoch, drehte ihn um, starrte ihn an und sagte : „Habt ihr gemerkt ? Bis zum Schluß, bei Gott, hat er 'Mister' gesagt !“



von Ray Bradbury
aus den
Mars-Croniken
Diogenes Taschenbuch 20863
ISBN 3 257 20863 4