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Die Violine

Die Violine

von

Lloyd Biggle jr.

 

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Karl Branden sah das Schild nur durch einen Zufall. Ein Luftauto fuhr unter ihnen hindurch, und er blickte ihm nach, weil es das neueste Modell von Smires war; dabei fiel sein Blick auf ein kleines Schild, das sich, umgeben von vielen anderen auf dem Dach eines kleinen Hauses inmitten eines Geschäftszentrums befand.
›Antiquitäten‹, stand auf dem Schild, Brandon blickte auf die Uhr und stellte fest, daß er fünfundzwanzig Minuten Zeit hatte. Er tippte seinem Chauffeur auf die Schulter und deutete auf das Schild.
Zwei Minuten später betrat er den Laden. Mit einem schnellen Blick überflog er das mit Staub bedeckte unordentliche Innere und wandte sich wieder um, um zu gehen. Er hatte einen gut entwickelten Instinkt, der ihn fast nie trog, und dieser Instinkt sagte ihm, daß hier nichts zu holen war. Es war nichts als eine schäbige Ansammlung alten Krams.
Der Eigentümer, ein kleiner, glatzköpfiger alter Mann, kam herbeigehumpelt und rieb sich die Hände. „Womit kann ich Ihnen dienen ?”
„Feuerzeuge”, antwortete Brandon.
„Jawohl, Sir. Gewiß, Sir. Wir haben eine gute Sammlung, Sir. Wenn Sie bitte hier entlangkommen wollen …”
Brandons massiger Körper schob sich dicht hinter den Ladenbesitzer; er war so aufgeregt, daß er dem kleinen Mann auf die Hacken trat. Wenn dieser Laden, so unwahrscheinlich das klang, eine hübsche Sammlung Feuerzeuge barg, dann wäre dies der Coup seines Lebens - hier in Pala City, direkt unter Harry Morrisons Nase ! Morrison würde ein Geschrei anheben, das man bis nach Acturis hören würde, und Brandon würde jeden einzelnen Ton davon genießen.
Der Ladenbesitzer stellte ein Tablett vor ihn, und Brandon holte tief Luft, als er darauf niederblickte, langsam, um seine Enttäuschung zu unterdrücken. Vor ihm lag ein fast unbeschreibliches Durcheinander verrosteter Teile. Nicht ein einziges sauberes Stück war darunter.
„Nein !” stieß Brandon hervor und drehte sich um. „Ich habe eins, das richtig funktioniert”, sagte der Eigentümer hastig. Er ergriff ein unförmiges Stück Metall, drückte einen Teil mit dem Daumen nieder und hielt die flackernde Flamme hoch.
Brandon schnaubte verächtlich. „Mein lieber Mann, ich besitze siebenhunderteinundsechzig Feuerzeuge in meiner Sammlung, und alle funktionieren sie. Und wie.”
Der alte Mann schüttelte den Kopf und ergab sich in das Unvermeidliche. „Irgend etwas anderes gefällig ?”
Ungeduldig schüttelte Brandon den Kopf. Noch einmal warf er einen Blick durch den Raum, während er zur Tür ging, und dann, als er gerade die Klinke niederdrücken wollte, zögerte er. Ein seltsamer Gegenstand war ihm ins Auge gefallen, auf einem Haufen seltsamer Dinge lag etwas, das er nicht kannte. Unter der dicken Staubschicht, die die Oberfläche bedeckte, erspähten Brandons scharfe Augen das Glänzen eines seltsamen Stoffes.
Er hob den Gegenstand auf. Es sah aus wie eine Art Behälter mit einem langen Griff, aber es war keine Öffnung zu sehen außer zwei seltsam geformten Ritzen an der oberen Seite und einem gezackten Loch am Boden, das anscheinend von einem Schlag herrührte. Brandon betastete das Loch, betrachtete es genau und ging näher an die Lampe heran.
„Was, zum Teufel, ist das ?” murmelte er, mehr zu sich selbst.
Der alte Mann war dicht herangetreten und stieß ein triumphierendes Lachen aus. „Ich hatte mir gedacht, daß Sie das nicht kennen«, sagte er. „Es ist Holz.”
„Holz ?” Brandon beugte sich noch tiefer über den Gegenstand.
„Haben Sie sowas schon mal gesehen ?” fragte der Besitzer.
„Ich weiß nicht. Ich glaube, ich habe einmal einen Holztisch in einem Museum gesehen.”
„Schon möglich”, antwortete der Besitzer. „Schon möglich. Aber es ist etwas sehr Seltenes. Und dies ist ein echtes, antikes Stück. Schauen Sie.”
Er hielt den Gegenstand unter das Licht und deutete mit dem Finger darauf. Auf der Innenseite, kaum erkennbar hinter einem der Schlitze, befand sich ein verblichenes, aufgeklebtes Papier. »Jacob Raymann, Bell House, Southmark, London 1688.«
„Das ist echt”, wiederholte der Besitzer. „Fast tausend Jahre alt.”
„Was Sie nicht sagen. Und - es ist aus Holz ?”
„Ja - Holz. Von einem Baum.” Der Verkäufer holte ein weiches Tuch hervor und staubte die glatte Oberfläche ab. „Von einem Baum”, wiederholte er und hielt den Gegenstand gegen das Licht. „Haben Sie schon einmal einen Baum gesehen ? Natürlich nicht. Früher, auf der Mutter Erde, da gab es eine Menge Bäume, aber woanders wachsen sie nicht. Deshalb gibt es auch nirgends Bäume. Und auf Mutter Erde existiert nichts mehr. Die Kosten des Krieges, mein Freund, lassen sich nicht in Geld berechnen, sondern in Dingen, die ein für allemal verloren sind, so wie Bäume zum Beispiel.”
„Und was ist das hier ?”
„Es ist eine Violine.”
Brandon fuhr mit dem Finger über die Oberfläche. Unter der Glätte des Stoffes spürte er ein zartes Muster, so wie er es noch nie zuvor gesehen hatte.
„Und was ist eine Violine ?”
„Ein Musikinstrument.”
„Was Sie nicht sagen. Wie funktioniert es ?”
Zum erstenmal schien der kleine Mann etwas unsicher, „Tja, das weiß ich eigentlich nicht genau.”
„Nicht viel Platz da drinnen - für einen Mechanismus”, sagte Brandon und spähte durch das Loch in das Innere.
„Aber mein lieber Herr !” rief der Besitzer aus. „Damals gab es keine Mechanismen.”
„Wie, zum Teufel, hat es dann die Musik hervorgebracht ?”
Der Besitzer schüttelte den Kopf.
Brandon legte den Gegenstand auf den Tisch zurück. „Wozu ist es dann heute noch gut ?”
„Aber bedenken Sie doch, mein Freund. Jahrhunderte vor dem letzten Krieg wuchs auf der Erde ein Baum, einer von Millionen vielleicht, und dies - dies war ein Teil seines lebenden Gewebes. Ein Meister hat es mit seinen eigenen Händen geformt, denn in jenen Tagen gab es noch keine Maschinen. Es ist aus Holz gemacht, dem seltensten Material in der ganzen Galaxis. Und es ist ein außerordentlich schönes Stück. Wunderbar. Für die Wand, oder vielleicht um auf den Tisch zu legen …”
„Schönes Stück oder nicht - wenn ich ein Musikinstrument kaufe, dann will ich damit auch Musik machen. Ich habe siebenhunderteinundsechzig Feuerzeuge zum Funktionieren gebracht, und es sollte mir doch gelingen, aus diesem Ding hier Musik herauszulocken - wie nannten Sie es doch gleich ?”
„Violine.”
„Es müßte doch Bücher geben, in denen steht, wie es funktioniert.”
Der Besitzer nickte. „Bestimmt gibt es in der Universitätsbibliothek welche.”
„Wieviel kostet es ?”
„Zehntausend.”
Brandon starrte ihn fassungslos an. „Das ist ja lächerlich ! Das Ding hier ist kaputt, es funktioniert nicht, und wahrscheinlich fehlen alle möglichen Teile. Schließlich ist es ja nichts weiter als eine Kiste !”
„Ein echtes, antikes Stück”, fuhr der Besitzer auf. „Echtes Holz. Fast tausend …”
„Guten Morgen !”
Wütend warf Brandon die schwere Tür hinter sich zu. Sein Chauffeur sprang aus dem Wagen und erwartete ihn. Einen Moment blieb Brandon in Gedanken versunken stehen. Es war Zeit, daß er ein anderes Hobby entwickelte. Er verlor allmählich das Interesse an den Feuerzeugen. Es gab keine besonderen Arten mehr, zu keinem Preis. Und dann - Holz ! Harry Morrison hatte nicht das kleinste Stückchen Holz in seiner ganzen großen Sammlung.
Brandon drehte sich um und betrat noch einmal den Laden. „Ich werde es nehmen”, sagte er.


Morrison legte sein Vergrößerungsglas beiseite und nickte ernst. „Ja”, sagte er. Mit den sorgfältig manikürten Fingern strich er über seine schmalen Wangen. Die Nägel waren hellblau gefärbt. Brandon blickte ihn stirnrunzelnd an. Er hielt Morrison für einen Gecken.
„Ja”, wiederholte Morrison. „Es könnte wirklich ein guter Fund sein.”
„Das dachte ich mir schon”, antwortete Brandon.
„Oder aber -” Morrison legte den gutgeformten Kopf mit den schon leicht grauen Haaren etwas zurück und blickte gegen die Decke - „oder auch nicht. Lassen Sie einmal das Bild sehen. Ah - ja, ja. Man sieht genug. Angenommen, dieser Bursche hier ist der Musiker, der darauf spielt. Zu schade, daß er das eine Ende unter den Arm geklemmt hat. Ist das das beste Bild, das Sie auftreiben konnten ?”
„Es ist das einzige, das ich finden konnte.”
„Soso. Tja. Nun, offensichtlich fehlen ein paar Stücke. Diese Dinge …”
„Saiten”, bemerkte Brandon lebhaft.
„Sie scheinen der ganzen Länge nach daran entlangzulaufen. Obgleich man nicht feststellen kann, wie sie befestigt sind, weil der Mann seinen Arm davorhält. Und was, zum Teufel, hat er denn da in der anderen Hand ? Sieht wie ein langer Stab aus.”
„Das wissen wir nicht genau. In der Beschreibung steht nichts davon.”
„Ach ja - die Beschreibung. Lassen Sie mich hören.”
Brandon las vor: „Violine. Sie ist das wichtigste der Streichinstrumente und Klangträger des Orchesters. Sie ist mit vier Saiten bespannt. Der Resonanzkörper besteht aus Decke, Boden und den beide Teile verbindenden Zargen. Vielleicht gehört noch mehr dazu, aber dies war ein sehr altes Buch, und leider fehlten einige Seiten.”
Noch einmal blickte Morrison auf das Bild und schüttelte den Kopf. „Anscheinend fehlen einige Stücke. Und es gibt auch keinen Hinweis darauf, was eigentlich das Wichtigste von allem ist. Wie spielt man sowas ?”
„Ich weiß nicht”, antwortete Brandon. „Selbst Professor Weltz hat nicht die leiseste Ahnung. Er wird sie sich einmal genau ansehen. Er hat sie fotografiert und ihre Maße genommen, und er hat vor, sie zu kopieren.«
„Aus Holz ?” fragte Morrison.
Brandon lachte. „Aus Metall oder Plastik. Der Professor glaubt, daß er eine Menge Fragen über alte Musik beantworten kann, wenn er herausfindet, wie man diese Violine spielt.”
„Und was wollen Sie damit tun ?”
„Ich lasse sie in Ordnung bringen”, antwortete Brandon. „Und dann werde ich lernen, sie zu spielen.”
„Das ist vielleicht ein größeres Problem, als Sie glauben. Zu schade, daß wir kein Bild haben, aus dem man sehen kann, wie man darauf spielt.”
„Ach, das werden wir schon herauskriegen. Was ich Sie fragen wollte, obgleich -”, er drehte die Violine um und betastete mit den Fingern das Loch, „- das erste wird sein, dies hier zu reparieren. Wer weiß, wie man ein Loch im Holz repariert ?”
Morrison schwieg eine Zeitlang. Endlich sagte er: „Ich werde Erkundigungen einziehen müssen. Vielleicht weiß es niemand.”


Brandons Privatsekretär war ein ernsthafter, hart arbeitender junger Mann, der die glückliche Eigenschaft besaß, sich für etwas begeistern zu können, und der daher Brandons Lieblingsprojekte zu seinen eigenen machte. Brandon erkannte dies an und bezahlte ihn entsprechend.
Aber in diesem Falle tat er nicht sehr begeistert. Vorsichtig legte er die Plastikkiste auf Brandons Tisch und sagte bedrückt: „Dies wird schwieriger werden, als ich geglaubt hatte.”
Brandon öffnete den Kasten, um einen stolzen Blick auf die Violine zu werfen. „Was ist los, Parker ?”
„Ich habe mit dem Direktor des Kongreßmuseums gesprochen. Sie besitzen dort einen einzigen Gegenstand aus Holz, einen Tisch.”
„Ich erinnere mich daran”, sagte Brandon.
„Er sagte, daß der Tisch repariert werden mußte, als sie ihn erhielten, daß dies aber vor allem ein Problem eines geeigneten Stoffes war, den man dazu benutzen konnte, an Holz zu arbeiten. Sie hatten alle Teile - sie mußten sie nur zusammensetzen. Ich habe die Formel für diesen Klebestoff erhalten.”
Brandon nickte anerkennend.
„Aber der Direktor sagte, daß sie nie in die Verlegenheit gekommen wären, fehlende Teile aus Holz herzustellen. Er hatte keine Ahnung, wie man das tun könnte oder wer dazu fähig wäre. Ich habe einen Techniker aus unserer Polivar-Abteilung ausfindig gemacht, der sich anbot, ein Stück Plastik in das Loch einzulassen -”
„Unsinn !” fuhr ihn Brandon an.
„Gewiß. Er glaubte, es auch mit Holz tun zu können, aber natürlich hat er keins. Wenn wir ihm etwas Holz zur Verfügung stellen, will er es versuchen.”
„Dann besorgen Sie ihm Holz.”
„Aber das ist ja gerade das Problem, Sir. Es gibt kein Holz. Ich habe mich überall erkundigt.”
„Aber irgendwo muß es doch welches geben. Ich habe dies gefunden, ohne mich überhaupt darum zu bemühen.”
„Das muß ein außerordentlicher Glücksfall gewesen sein, Sir, denn überall, wo ich gefragt habe …”
„Ja, ja. Man muß eben wissen, wo man nachzufragen hat. Geben Sie mir Morrison.”
Ungeduldig wartete er, bis Morrison auf dem Bildschirm an der Wand erschien. Morrison hob eine Hand zum Gruß - an diesem Tag waren seine Fingernägel matt rot gefärbt - und sagte: „Wahrscheinlich handelt es sich um Ihre Violine ?”
Brandon nickte. „Harry, ich bin sicher, Sie kennen jeden guten Antiquitätenhändler. Würden Sie wohl bitte überall bekanntgeben, daß ich ein Stück Holz brauche ?”
„Das habe ich bereits getan”, antwortete Morrison. „Wenn ich etwas höre, gebe ich Ihnen sofort Bescheid.”
„Ich danke Ihnen.”
„Außer ich finde etwas, das sich lohnt, aufgehoben zu werden. Es hat keinen Sinn, irgendeinen wertvollen Gegenstand zu zerstören, nur um einen anderen zu reparieren.”
Brandon mußte ein Lächeln unterdrücken. Sein Fund, die Violine, hatte Morrison mehr gewurmt, als er geglaubt hatte. Es bedurfte gar keiner Diskussion, daß jeder wertvolle Gegenstand, der irgendwo auftauchte, zu Morrisons Sammlung gehörte. „Nein, das sollte natürlich nicht sein”, sagte er. „Ich brauche nur ein paar kleine Stücke.”
„Also schön. Wenn ich etwas Geeignetes finde, werde ich Sie benachrichtigen lassen.”
Morrison winkte ihm noch einmal zu, und dann verschwand sein Bild. Brandon blieb nachdenklich sitzen und drehte nervös die Daumen. Dann stand er auf und ging im Zimmer auf und ab. Er setzte sich wieder und drückte auf einen Knopf am Schreibtisch. „Parker !” brüllte er. „Besorgen Sie mir etwas Holz !”


Parker verschwand für eine volle Woche. Als er zurückkehrte, sah er müde und abgemagert aus. Brandon warf ihm einen kurzen Blick zu und sagte: „Kein Glück, was ? Wo sind Sie gewesen ?”
„In der Congressiona ! Reference Library, Sir.”
„Haben Sie etwa erwartet, dort Holz zu finden ?”
„Nein, aber Informationen über Holz, Sir. Aber leider ist darüber nicht allzuviel bekannt. Aber etwas habe ich doch gefunden. Vor etwa hundert Jahren gab es auf dem Planeten Beioman - das ist im Partusektor - einen Mann, der seinen Beruf mit Holzschnitzer angab.”
„Ich zweifle, daß er uns noch zur Verfügung steht”, sagte Brandon trocken.
„Sicher nicht, Sir. Aber wenn sein Beruf Holzschnitzer war, dann muß er irgend etwas mit Holz getan haben, und das bedeutet, daß er welches gehabt haben muß. Wenn er lange damit gearbeitet hat, dann muß er eine Menge Holz gehabt haben, und vielleicht ist noch etwas übriggeblieben.”
„Holzschnitzer”, murmelte Brandon vor sich hin. „Jemand, der Holz schnitzt. Jemand, der aus Holz etwas herstellt. Aber das ist unmöglich ! Selbst vor hundert Jahren gab es nicht mehr so viel Holz, daß jemand davon hätte leben können. Wo haben Sie diese Information her ?”
„Aus einem kleinen Buch mit dem Titel Seltsame Berufe. Darin stand weiter nichts als ›Im vorigen Jahrhundert übte ein Mann auf Beioman den Beruf eines Holzschnitzers aus‹. Der Partusektor ist ziemlich abgeschieden, und es könnte sein, daß die Nachforschungen, die Mr. Morrison betreibt, gar nicht bis dorthin gelangen. Vielleicht lohnt es sich, dort einmal nachzufragen.”
„Beioman. Das klingt mir irgendwie bekannt. Habe ich dort irgendwelche geschäftlichen Interessen ?”
„Ja, Sir. Sie besitzen dort einige Bergwerke. Ich bin sicher, daß Sie leicht herausfinden könnten, ob es dort Holz gibt, wenn Sie Ihren dortigen Verwalter fragen.”
„Das ist eine Idee. Vielleicht sogar eine gute Idee. Bin ich jemals auf Beioman gewesen, Parker ?”
„Nicht, daß ich wüßte. Ganz gewiß nicht, seit ich bei Ihnen bin.”
„Ich glaube, ich bin noch nicht einmal im Partusektor gewesen. Parker, stellen Sie eine Übersichtsliste all meiner Besitztümer und Teilhaberschaften in Partu und Umgebung auf. Es wird Zeit, daß ich mich einmal auf eine Inspektionsreise dorthin begebe.”


Es regnete, als sie auf Beioman landeten. Charles Rozdel, Brandons hiesiger Sachverwalter, führte sie zum Luftwagen und stammelte Entschuldigungen. „Das ist eine politische Sache”, erklärte er. „Nur ein einziges Mal in der Woche legt ein Passagierschiff an, und zwar ausgerechnet am Regentag, denn es regnet hier einmal in der Woche. Aber weder die interstellare Transportgesellschaft noch die Wetterkontrollbehörden ändern daran etwas. Ich sage ihnen immer wieder, daß das keinen guten Eindruck auf die Besucher macht. Ich persönlich weiß von Touristen, die nur einen Blick auf den Schlamassel hier warfen und mit dem gleichen Schiff, das sie hierhergebracht hatte, wieder starteten.”
Brandon brummte etwas Unverständliches vor sich hin. Parker umklammerte den Violinkasten mit beiden Händen und hoffte, daß er wasserdicht war. Rozdel fuhr sie zu einem Hotel.
Eine Stunde später schob Brandon den Stapel Bücher und Bände beiseite und ging zum Fenster. Beioman war ein Grenzplanet, die Straßen seiner Stadt, die breit und luftig angelegt waren, wirkten irgendwie kahl und unfertig, und diesen Eindruck unterstützten noch die klobigen Steinhäuser zu beiden Seiten. Der Regen schlug noch immer gegen die Fenster.
„Haben Sie schon mal Holz gesehen ?” fragte Brandon.
„Holz ? Was ist das ?” fragte Rozdel verwundert.
Brandon zeigte seine Enttäuschung deutlich. „Wenn Sie es nicht wissen, dann hat es gar keinen Sinn, daß wir uns darüber unterhalten. Parker, am besten Sie gehen jetzt und schauen sich ein wenig um.” Er wandte sich wieder an Rozdel. „Wir hörten, daß auf diesem Planeten ein Mann lebte, der sich als Holzschnitzer ausgab. Deshalb glaubten wir, daß es hier Holz gibt. Aber zurück zu den Bergwerken -”
„Holzschnitzer ?” fragte Rozdel. „Ja, jetzt erinnere ich mich. Der alte Thor Peterson nannte sich einen Holzschnitzer. Ich habe nie darüber nachgedacht, aber er stellt alle möglichen Nippessachen her und - natürlich, aus Holz. Er verlangt ganz schöne Preise, arbeitet auch auf Bestellung. Ich schätze, er schickt das Zeug nach Partu. Vielleicht haben die Leute dort Geld genug, um es für derlei unsinnigen Kram auszugeben. Hier jedenfalls tun sie`s nicht.”
„Dann lebt er also noch ?”
„Ich habe keine Ahnung. Ich habe ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Schon damals kam er nicht mehr gut zurecht. Er ist schon ziemlich alt, müssen Sie wissen.”
„Das sollte man meinen !” rief Parker aus. „Er muß ja …”
„Das ist egal”, unterbrach ihn Brandon. „Wenn er noch lebt, werden wir ihn aufsuchen. Wenn nicht, dann wollen wir trotzdem Holz haben. Woher kriegte er das Holz ?”
„Keine Ahnung”, antwortete Rozdel. „Das können Ihnen sicher seine Verwandten sagen. Ich werde mich erkundigen, ob er noch lebt, und ausfindig machen, wie man am besten zu der Peterson-Farm kommt.”
„Bitte, tun Sie das”, sagte Brandon. „Und zwar sofort. Parker, bestellen Sie einen Luftwagen.”


Auf Beioman wurde Landwirtschaft und Bergbau betrieben. Brandon und sein Sekretär flogen über weite Landstriche, die von gewundenen Straßen durchzogen waren, die noch immer benutzt wurden. Bald überquerten sie die Grenze zu einer anderen Wetterzone und vertauschten somit den Regen der Stadt gegen goldenes Sonnenlicht. Ungeduldig blickte Brandon auf die Landschaft hinab. „Wir müßten bald da sein. Ist das nicht schon der Fluß, den Rozdel erwähnte ?”
Parker studierte die Landkarte. „Ja. Dort drüben - das müßte die Farm sein.”
Sie landeten auf einem großen Platz, inmitten von alten, aber peinlich sauber gehaltenen Steinhäusern - großen Scheunen, kleineren Werkstätten, Speichern, Ställen mit Tieren. Das Steinhaus, ein großes, viereckiges Gebäude, an das man an drei Seiten Flügel angebaut hatte, stand in der Mitte. Als sie darauf zugingen, packte Brando Parker am Arm und hielt ihn fest.
„Sehen Sie mal !”
Es stand in der Nähe des Hauses - ein gerader, rauher Finger, der nach oben ragte und in einer breiten Krone mit grünen Blättern auslief.
„Ist das …”
Parker nickte. „Ein Baum.”
„Ich dachte, in der ganzen Galaxis gäbe es keinen einzigen Baum mehr ?”
„Offensichtlich ist doch noch einer übriggeblieben”, erwiderte Parker.
„Vielleicht gibt es hier noch mehr. Daher also bekommt er sein Holz. Parker, der dort muß mindestens vier Meter hoch sein.”
Sie gingen darauf zu. Der Boden senkte sich ein wenig, und zwischen dem Haus und den Nebengebäuden befanden sich von Steinen umgebene Löcher.
„Hier pflanzt er sie an”, rief Brandon. „Dreiundzwanzig, nein, vierundzwanzig Löcher. Aber nur noch ein Baum. Kommen Sie - wir wollen mit dem Burschen reden.”
An der Tür kam ihnen eine dickliche junge Frau entgegen, die sie höflich grüßte und zu einem der kleineren Nebengebäude führte.
„Gehen Sie einfach hinein”, sagte sie und rief: „Jemand möchte dich sehen, Vater !”
Sie betraten das Gebäude. Außer einer Bank und einem Kasten mit Werkzeugen war der Raum leer. Ein Gesicht wandte sich ihnen zu, alt, zerfurcht und zerfältelt, mit dunkler Haut unter weißem Haar. Die Arbeitsbank war hell erleuchtet, sonst lag der Raum im Halbdunkel.
„Bitte, entschuldigen Sie mich. Ich kann nicht aufstehen, um Sie zu begrüßen.” Die Stimme klang hoch und dünn. „Meine Beine wollen mich nicht länger tragen. Auch meine Stimme habe ich schon fast verloren. Meine Augen und die Hände sind nicht mehr das, was sie früher waren. Zum Glück läßt mich mein Appetit nicht im Stich, und für den, der noch Appetit hat, besteht auch noch Hoffnung.” Er kicherte. „Was wünschen Sie, meine Herren ?”
Brandon trat einen Schritt vor und reichte ihm seine Karte. Der alte Mann saß in einem Rollstuhl, um den bunt geflickte Decken gelegt waren. Auf der Bank befand sich ein Stück Holz; in groben Zügen war der zum Teil schon fertige Kopf einer Frau geschnitzt. Brandon starrte darauf nieder.
„Sie kommen einen weiten Weg, Mr.Brandon”, sagte Pe-terson. „Doch sicher nicht nur, um mich zu sehen.”
„Wir hatten nicht erwartet, Sie zu sehen”, antwortete Brandon. „Wir - mein Sekretär, fand in einem alten Buch einen Hinweis auf einen Holzschnitzer.”
„Wie alt ist das Buch ?”
„Es wurde vor einhundertundvier Jahren veröffentlicht”, sagte Parker.
„Ach so ! Dann bezog es sich auf meinen Großvater. Oder vielleicht auf dessen Vater. Wir Petersons sind seit vielen Generationen Holzschnitzer, solange ich zurückdenken kann. Aber ich bin der letzte. Meine Söhne haben sich aussichtsreichere Berufe gesucht. Meine Töchter haben Bauern geheiratet - gute Bauern. Es geht ihnen gut. Und ich, ich mache mit dem, was von meinem Talent noch übriggeblieben ist, Kinkerlitzchen, denn meine Hände wollen nicht mehr ruhigbleiben.”
„Ich habe den Baum gesehen”, sagte Brandon. „Ich dachte, Bäume wachsen nur auf der Erde.”
„Nicht einmal mehr dort”, antwortete Peterson. „Dort wächst jetzt nichts mehr. Aber die Petersons haben Bäume gepflanzt, weil Holzschnitzer Holz brauchen. Eine lange Zeit war das Pflanzen von Bäumen ein Familiengeheimnis. Wenn ein Baum geschlagen wurde, dann war der neue schon gesetzt. Aber jetzt ist das nicht mehr so. Ich pflanze keine neuen Bäume mehr an, denn ich würde nicht mehr lange genug leben, um sie aufzubrauchen. Der, den sie draußen gesehen haben, ist der letzte. Wenn ich ihn aufgebraucht habe, wird es keinen Holzschnitzer mehr geben auf Beioman. Aber Sie sind nicht so weit hergekommen, um auf die Klagen eines alten Mannes zu hören.”
„Dies ist vielleicht der letzte Baum in der ganzen Galaxis”, sagte Brandon.
Der alte Mann seufzte. „Vielleicht. Das Wachstum wird chemische Mittel gefördert, und es ist ein langwieriger und aufwendiger Vorgang. Ich habe das Geheimnis vielen freiwillig erzählt, aber niemand scheint sich darum zu kümmern. Und warum sollte sich jemand die Mühe machen, wenn es keinen Holzschnitzer gibt, der das Holz verarbeitet ?”
Brandon nahm den Kasten, den Parker gehalten hatte, und öffnete ihn. „Deshalb bin ich hier”, sagte er.
Die weißen, von blauen Adern durchzogenen Hände hoben die Violine heraus. Die Augen leuchteten vor Erregung. Peterson hielt sie gegen das Licht, drehte sie um und um. „Wunderschön !” flüsterte er. „Wunderschön ! Was ist es ?”
„Eine Violine”, antwortete Brandon. „Ein Musikinstrument.”
„Oh ! Früher gab es wirkliche Künstler. Und auch wirkliche Musiker.” Strahlend blickte der alte Mann Brandon an. „Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir dies gezeigt haben. Es ist schwierig für mich, zu reisen, aber ich wäre weit gefahren, um dies zu sehen. Wirklich wunderschön !”
„Ich möchte, daß Sie sie reparieren”, sagte Brandon. Das Lächeln verschwand vom Gesicht des alten Mannes. Peterson betrachtete das Loch in der Violine, betastete es mit den Fingern. „Warum ?”
„Warum -” Brandon starrte ihn verwundert an „- weil ich es repariert haben möchte. Hier, wir haben ein Bild, auf dem zu sehen ist, wie das Instrument in Wirklichkeit aussieht. Ich möchte lernen, auf ihm zu spielen.”
Peterson blickte vom Bild zur Violine. Langsam schüttelte er den Kopf. Mit unendlicher Zärtlichkeit strich er nocheinmal über das Instrument, dann legte er es wieder in den Kasten. „Nein”, sagte er. „Es tut mir leid, aber meine Antwort ist - nein.”
„Aber warum nicht ? Holz ist doch Ihr Geschäft ?”
„Mein Großvater besaß ein Musikinstrument”, erzählte Peterson. „Eine Flöte. Er ging immer hinaus in die Felder, um darauf zu spielen. Die Tiere kamen, um ihm zu lauschen. Ich habe sie selbst gesehen. Er machte wunderbare Musik. Dann starb er. Ich erbte die Flöte und versuchte selbst auf ihr zu spielen. Ich brachte einige Töne zustande, aber keine richtige Musik. Die Musik starb mit dem Musiker.”
„Und was geschah mit der Flöte ?« fragte Branden. Plötzlich sah er im Geiste eine riesige Sammlung seltener und unbezahlbarer Musikinstrumente vor sich.
„Ich habe sie begraben”, antwortete Peterson. „Es war ein altes, ein sehr altes Instrument - wie diese Violine. Das Geheimnis, wie man Musik macht, übertrug sich von Besitzer zu Besitzer, bis zu meinem Großvater, der niemanden finden konnte, der sie zu spielen wünschte. Als er starb, starb auch ihre Musik. Und genauso ist die Musik dieser Violine tot.” Sanft strich er über den Kasten. „Begraben Sie sie”, sagte er.
„Unsinn !” rief Brandon. „Es ist ein wunderbarer Gegenstand. Das haben Sie doch selbst gesagt. Warum sollte ich sie nicht reparieren lassen, selbst wenn niemand auf ihr spielen könnte ?”
„Würden Sie einen Arzt bitten, einen toten Mann zu heilen ? Nein. Er könnte ihn vielleicht flicken, aber er könnte ihn nicht heilen. Ich würde nur zu froh sein, ihre Violine zu heilen, wenn ich sie wieder zum Sprechen bringen könnte. Aber da ich das nicht kann, will ich sie auch nicht flicken. Begraben Sie sie.”
„Ich zahle gut”, erwiderte Brandon. „Sie haben Holz. Sie haben die Fähigkeit. Es würde nicht lange dauern.”
„Viel zu lange”, entgegnete die zittrige Stimme. „Immer und ewig, und selbst dann könnte ich sie nicht heilen. Aber das können Sie nicht verstehen. Die Musik - die alte Musik - war nicht wie die Musik, die wir jetzt kennen. Wir haben Musikmaschinen, und die haben keine Seele. Die alte Musik aber wohl - das weiß ich genau, weil ich meinen Großvater spielen hörte.” Sorgfältig schloß er den Kasten. „Es tut mir leid, daß Sie den ganzen weiten Weg umsonst gekommen sind.”
„Kennen Sie irgend jemand anderen, der sie reparieren könnte ?”
Peterson schüttelte den Kopf. „Es gibt nur noch mich. Bald werde ich sterben, und dann wird es niemanden mehr geben.”
Brandon warf die Schultern zurück, hob den Kopf und sagte eigensinnig: „Ich glaube, Sie haben nicht recht verstanden, wer ich bin. Selbst auf diesem lächerlich kleinen Planeten …”
„Sie sind ein Mann mit einer toten Violine, und ich kann Ihnen nicht helfen.” Peterson rollte seinen Stuhl zurück zur Bank und ergriff ein Werkzeug.
„Kommen Sie, Parker”, sagte Brandon. Er sprach kein Wort, bis sie zurück in Beioman City waren. Dann brummte er: „Eingebildeter alter Knacker. Ich werde ihm zeigen, ob er der einzige ist.”


Auf der geschäftigen, kosmopolitanischen Welt von Partu besichtigte Brandon Fabriken, besuchte Konferenzen, hielt Reden und kaufte Holz. Der unermüdliche Parker machte immer neue Gegenstände ausfindig, er ging allen Spuren der Schnitzereien Thor Petersons nach - oder denen seines Vaters, seines Großvaters, ja selbst noch deren Vorfahren. Es gab Holzkästen aller Größen, mit geschnitzten Deckeln. Es gab eindrucksvoll geschnitzte Holzfiguren, Wandteller und Holzschüsseln. Es gab sogar Holzuhren, die eine ganze Gruppe von Holzfiguren in Bewegung setzen konnten.
Die Liste wurde immer länger und vielseitiger. Brandon hatte keine Schwierigkeiten, die einfacheren Dinge zu bekommen. Sie hatte es auf Partu immer zu kaufen gegeben, und anscheinend glaubten die Bewohner hier, daß es ewig so weitergehen würde. Brandon brachte Geschenke, nahm welche entgegen und behielt sein Wissen über den verkrüppelten alten Mann und über den einen verbliebenen Baum für sich.
Die komplizierteren Gegenstände, wie zum Beispiel die Uhren, waren oft ererbtes Familiengut, aber Brandon besaß Geld und Einfluß, er verstand es, jemanden zu überzeugen, und er wandte diese drei Eigenschaften großzügig oder rücksichtslos an, je nachdem, wie es erforderlich war. In wenigen Tagen besaß er die größte Holzsammlung der ganzen Galaxis, eine Sammlung, die Harry Morrison vor Neid erblassen lassen würde. Durch eine finanzielle Zuwendung hatte er auch von dem Agenten Thor Petersons das Versprechen erhalten, die gesamte künftige Produktion des alten Mannes zu bekommen.
„Jetzt können wir wieder nach Hause fahren”, sagte er fröhlich zu Parker, „und diese Violine hier reparieren.”
Brandon sah seine Sammlung durch und wählte nach einigem Zögern einen kleinen Holzkasten aus, den er zu opfern gedachte. Der Techniker nahm sich seiner an, zerlegte ihn in einzelne Teile und begann zu experimentieren, damit er lernte, mit Holz umzugehen. Er schnitt Stücke, er fertigte eine bestimmte, gewünschte Dicke an, er formte und gestaltete sie.
Tage vergingen. Brandon bezwang seine Ungeduld und ermutigte den Mann, sich Zeit zu lassen. Er wollte, daß die Arbeit genau und richtig ausgeführt wurde.
Endlich war der Techniker bereit. Er durchsuchte Brandons gesamte Sammlung nach einem geeigneten Stück, das der feinen Maserung des Holzes der Violine am besten angepaßt war. Er kratzte und schnitt feine Blättchen, die Brandon wehmütig als verloren betrachtete. Er hatte für sie keine Verwendung, aber da sie aus Holz bestanden, hob er sie auf. Mit peinlicher Genauigkeit ebnete der Techniker die gezackten Ecken des Loches ab. Dann paßte er den Flecken an, den er einzusetzen gedachte. Aber er hielt nicht.
Brandons Enttäuschung wurde durch die Ankunft einer Schiffsladung Schnitzereien von Petersons Agent auf Partu gedämpft: Er erhielt die kleine Plastik, die der alte Mann gerade geschnitzt hatte, als sie ihn besuchten, und ein paar Kästen mit einfachen Ornamenten in den Deckeln. Brandon untersuchte sie kritisch. Er fand sie nicht so vollkommen wie die früheren. Er schlug dem Techniker auf die Schulter und sagte: „Bald können Sie`s ebenso gut. Machen Sie weiter.”
Der Techniker versuchte es ein zweites und ein drittesmal. Und dann befestigte er das Holzstück über dem Loch mit viel Fingerfertigkeit und Geduld durch Streben am Inneren des Instruments. Es hielt. Vor Freude strahlend rief Brandon seine Chemiker und befahl ihnen, die Oberfläche des Ersatzstückes der Oberfläche der Violine anzupassen. Wenig entzückt zog sich der Chemiker mit Reststücken, die der Techniker von seinen Experimenten übriggelassen hatte, zurück. Auch seine Arbeit kostete Zeit, und er fand die Aufgabe so schwierig, daß er Brandon sogar einmal anfuhr, als dieser ihn nach dem Fortgang der Arbeit fragte. Aber am Ende stellte er eine Art Lack her, die dem auf dem Original nicht unähnlich war.
„Na also”, sagte Brandon. „Wir werden`s schon schaffen.”
Zusammen mit Professor Weltz studierten Brandon und der Techniker das Bild der Violine. Sie stellten fest, daß auch das sogenannte Griffbrett fehlte, und Brandon mußte ein weiteres Holzstück opfern, damit auch dieses vom Techniker geschnitzt werden konnte. Da der Violinspieler mit dem Arm einen Teil des Instruments verdeckte, ließ sich nicht genau erkennen, ob noch etwas fehlte. An dem einen Ende der Violine befestigte der geschickte Techniker eine Leiste, an der die Saiten angebracht werden sollten. Der Stoff, aus dem die Saiten bestanden, war das schwierigste Problem. Professor Weltz löste es nach einem eingehenden Studium der Bedeutung des Wortes Saite. Er schlug vor, eine Faser zu benutzen, von der Brandon noch nie gehört hatte.
Brandon bestellte diese Faser meterweise. Der Techniker schnitt passende Längen ab und befestigte sie an der Violine. Brandon streckte einen Finger aus und zog an der Saite. Die Violine gab einen weichen Laut von sich.
„Wir haben es geschafft !” jauchzte Brandon.
Professor Weltz demonstrierte den Gebrauch der an der einen Seite herausstehenden Dübel, mit denen man die Saiten stimmte. Er zeigte Brandon, wie er die Finger richtig auf die Saiten legen mußte und wie dies den Klang des Instruments veränderte. Nach einer Woche konnte Brandon eine einfache Melodie spielen, die man sogar erkannte. Nach zwei Wochen hatte er eine noch größere Fingerfertigkeit erreicht.
„Und jetzt zu diesem Stab, den der Spieler in der anderen Hand hält”, sagte Professor Weltz.
„Ach, lassen wir doch den Stab”, meinte Brandon. „Ich mache auch ohne ihn Musik. Was kann man von einem Musikinstrument mehr erwarten ?”
Morrison kam, bewunderte und ging mit hochgezogenen Schultern davon, nachdem ihn Branden durch seine HolzSammlung geführt hatte. Brandon überschlug sich fast vor Schadenfreude. Und dann kam die zweite Schiffsladung von Partu. Darunter befand sich ein geschnitzter Kasten, in dessen Deckel ein perfektes Abbild einer Violine geschnitzt war.
„Verdammt !” murmelte Brandon.
Er konnte sich vorstellen, wie der alte Thor Peterson über seine Arbeitsbank gebeugt saß, aus der Erinnerung heraus schnitzte, in der Gewißheit, daß er der einzige Mann im Universum war, der mit Holz zu arbeiten vermochte. Brandon sprang auf die Füße und ging unruhig in seinem Büro auf und ab. Er kehrte zum Tisch zurück und blickte auf seinen Terminkalender. Dann rief er Parker.
„Wir fahren nach Beioman.”
Der sonst so gelassene Parker war erstaunt. „Schon wieder ?”
„Treffen Sie alle Vorbereitungen”, befahl Brandon. „Übermorgen können wir starten.”
Wieder landeten sie bei strömendem Regen in Beioman City und tauchten kurz darauf in das warme, freundliche Sonnenlicht der anderen Wetterhälfte. Unter ihnen wiegten sich die reifen Ährenfelder im Wind. Unruhig blickte Brandon nach allen Seiten, um nach dem Weg zu suchen. Sie überflogen den Fluß und landeten wieder inmitten des Bauerngehöfts. Brandon sprang hinaus und Parker folgte ihm vorsichtig mit der Violine.
„Der Baum ist weg”, rief Parker.
„Er sagte, er würde ihn bald benutzen”, antwortete Brandon.
Sie gingen direkt auf die Werkstatt zu, und Brandon hatte schon eine Hand auf dem Türgriff, als ein Ruf ihn innehalten ließ. Die junge Frau, die sie schon bei ihrem ersten Besuch gesehen hatten, eilte auf sie zu.
„Was wünschen Sie ?” fragte sie.
„Wir möchten Mr.Peterson sprechen”, sagte Brandon.
„Es tut mir leid. Vater ist tot. Er ist vor einem Monat gestorben.”
Brandon blieb wie erstarrt stehen. „Es tut mir leid”, wiederholte die Frau.
„Mir tut es auch leid”, entgegnete Brandon.
Sie drehten sich um und schritten langsam zurück zum Luftwagen. Dann flogen sie davon.
Brandon berührte Parkers Arm. „Lassen Sie uns dort irgendwo landen”, sagte er. „Ich möchte nachdenken.”
Parker landete auf einer großen Wiese in der Nähe der tiefen Schlucht des Flusses. Brandon hielt die Violine unter dem Arm und ging zum Rand des Felsens, von wo aus er auf das tosende, wilde Wasser hinuntersehen konnte. Er setzte sich nieder.
Vor ihm tauchte das Gesicht des alten Thor Peterson in voller Schärfe auf - das weiße Haar, die tiefen Falten, die eingesunkenen, traurigen, nachdenklichen Augen.
„Die Musik dieser Violine ist tot.”
Brandon öffnete den Kasten und berührte eine Saite.
„Mein Großvater besaß ein Musikinstrument. Eine Flöte. Er ging hinaus auf die Felder und spielte darauf. Die Tiere kamen und lauschten ihm.”
Wieder zupfte Brandon an der Saite, die einen leisen Ton von sich gab.
„Die Musik starb mit dem Musiker.”
Er dachte an den verblichenen Zettel in der Violine: ›Jacob Raymann, Bell House, Southmark, London 1688.‹ Fast tausend Jahre. Jahrhunderte großer, bewegender Musik.
Plötzlich glaubte Brandon Musik zu hören: Er hörte ein aufschluchzendes, dröhnendes Klagen, einen einzelnen, bezaubernden Ton einer Melodie, die sich mit unendlicher Süße aus dem Nichts löste; er hörte ein unfaßbares, verschwommenes Anschwellen von Tönen, das schneller wurde, sich überschlug, sich zu einem Brausen erhob und in der Luft hing.
Und er sah Menschen, Tausende von Menschen, die bewegungslos, überwältigt von Gefühlen, lauschten.
Brandon lehnte sich über den Felsen hinaus und ließ die Violine in den Fluß fallen. Gebannt beobachtete er, wie sie sich auf ihrem Sturz nach unten überschlug, er hörte nicht den entsetzten Schrei Parkers. Mit einem leichten Aufklatschen berührte sie das Wasser, und zu seinem großen Erstaunen schwamm sie darauf. Einen Augenblick lang tanzte sie auf dem aufgewühlten, bewegten Strom hin und her. Dann stürzte sie in ein Gefälle, schlug gegen einen Felsen, taumelte ein Stück weiter und verschwand dann in einem Regen von Gischt und Schaum.
Branden wandte sich ab. Wieder glaubte er Musik zu hören, aber als er stehenblieb und lauschte, vernahm er nur das gedämpfte Brausen des Flusses in der Schlucht und das Zischen des heißen Windes, der über die trockenen Wiesen strich.


Gelesen in:
The Magazine of Fantasy
and Sciencefiction
Musik aus dem All
HEYNE-Buch Nr.286

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Eine Dokumentation
Verfügbar bis 05.04.2021