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Vana

Vana


von


Alain Dorémieux


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Slovic war fünfundzwanzig Jahre alt, als er beschloß, eine Vana zu erwerben.

Slovic wohnte in Neu-Paris im Villenviertel von Meudon. Seine Wohnung lag im siebenundzwanzigsten Stock eines Wohnblocks von mittlerem Ansehen. Dort verbrachte Slovic friedliche Tage. Er erfüllte seine Bürgerpflichten, indem er die obligatorischen zwei Arbeitsstunden absolvierte. Die übrige Zeit war seinen Freizeitbeschäftigungen gewidmet.

Slovic war ruhig und sensibel. Er liebte es, zu Hause Freunde seines Alters zu empfangen, die wie er unverheiratet waren. Miko sein bester Freund, arbeitete in der gleichen Verwaltung, doch sie trafen sich dort selten, da ihre Arbeitsstunden so gut wie nie in die gleiche Zeit fielen. Miko und Slovic nahmen oft die Mahlzeiten gemeinsam ein.

Die Rechtsprechung untersagte Männern unter dreißig, mit einer Frau zusammenzuleben. Miko meinte, ein Mann müsse die Wartezeit nutzen. Er genoß Vergnügungen aller Art. Slovic hatte einen einfacheren Geschmack. Manchmal bedauerte er, nicht in der Vergangenheit zu leben, im zwanzigsten Jahrhundert, wo, wie man sagte, ein junger Mann schon kurz nach der Pubertät eine Familie gründen durfte. Doch damals war die Erde noch nicht übervölkert. Das katastrophale Anwachsen der menschlichen Geburtenrate hatte zu der Verordnung geführt, die gegenwärtig in Kraft war.

Miko machte sich über Slovic lustig, als dieser gestand, daß es ihm nicht mißfallen würde, wenn eine Frau sein Leben teilte. Er lachte und sagte, Slovic sei ein großes Kind und wisse nicht wovon er rede. Und er veranlaßte ihn, mit zum Frauenhaus in der Reservierten Zone zu gehen. Dort würde er das Mittel finden, um seine verrückten Ideen zu vergessen.

Slovic begleitete Miko Aber an manchen Tagen kam es vor, daß er keine Lust hatte, ihn zu sehen. Dann verkroch er sich in seiner Wohnung, meist im Harmonieraum, wo der Akustikapparat durch große, in die Wand eingelassene Lautsprecher Musik ausstrahlte.

Slovic hatte Neigungen die seine Freunde als rückständig ansahen. Er mochte die Musik seiner Zeit mit ihrer subtilen Verbindung komplexer Tonelemente nicht. Er bevorzugte die derbere Sprache der Komponisten aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts: Geny Mulligan, John Lewis, Horace Silver, Thelonius Monk, die Vorfahren des gegen-wärtigen musikalischen Ausdrucks. Zu enormen Preisen sammelte er die äußerst seltenen und abgenutzten Aufnahmen ihrer Werke.

Zu anderen Zeiten, wenn er nicht in der Stimmung war, Musik zu hören, nahm er seinen turbinengetriebenen Wagen und machte eine Spazierfahrt ans Meer. Er benutzte das oberste Band der mehrstöckigen Autobahn, das am wenigsten verstopft war. Die Geschwindigkeit vermittelte ihm ein Gefühl exaltierter Trunkenheit. Er glaubte, intensiver zu leben. Dann sagte er sich, daß er die Gesellschaft von seinesgleichen haßte.

Aber das war nur ein flüchtiges Gefühl. Sobald Slovic wieder mit Miko oder seinen anderen Freunden zusammen war, begriff er nicht mehr, wie er auf solche Gedanken hatte kommen können. Im übrigen sprach er nicht davon. Er hatte Angst, die anderen könnten ihn mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachten. Und es wäre das Gerücht entstanden, er sei des Verbrechens des Individualismus schuldig; man hatte Leute schon aus weniger triftigen Gründen eingesperrt.

So war Slovics Leben geteilt zwischen seiner Arbeit, der Musik, dem Wagen und der Zeit, die er mit Miko oder seinen anderen Freunden verbrachte, den Besuchen im Frauenhaus oder manchmal im Spielpalast. Slovic dachte nicht darüber nach, ob er glücklich oder unglücklich war. Diese Antithese existierte nur in den Büchern über die Vergangenheit. Jetzt war niemand mehr „unglücklich“. Und das Wort „Glück“ war heutzutage eine altmodische Wendung. Das Synonym dafür lautete „Wohlbefinden“.

Und doch empfand Slovic gelegentlich ein Gefühl des Unbehagens, als wünsche er sich etwas, das er nicht erreichen konnte. Er wußte nicht, was es war, und im übrigen machte er sich keine Gedanken über dieses Gefühl. Nichts fehlte ihm; wie jedermann hatte er alles, was er zum Leben brauchte. Was ihm fehlte, war keine Frau, denn im Haus in der Reservierten Zone konnte er jede Frau finden, die er wünschte. Was das Zusammenleben mit einer von ihnen betraf, so hatte Miko recht: Es war kein Grund zum Neid, sondern eine kindische Utopie.

Wären die Vanas nicht gewesen, hätte Slovic auf unabsehbare Zeit so weitergelebt. Es war Miko, der ihm zum erstenmal von den Vanas erzählte. Zwar hatte Slovic schon von ihrer Existenz gehört, doch er hatte dieser Tatsache nicht mehr als zerstreute Aufmerksamkeit geschenkt. Er interessierte sich wenig für Tagesereignisse; er war der Ansicht, daß es nie etwas wirklich Neues gab.

Die Vanas waren eine der neuesten in der Galaxis entdeckten Lebensformen. Eine Expedition hatte einige Exemplare von erdähnlichen Planeten im Orion-System mitgebracht. Die Gerüchte, die über die Vanas kursierten, hatten einige reiche Sammler veranlaßt, diese Lebewesen zu kaufen. In der Folge hatten sich die Gerüchte noch verdichtet.

Der Import außerirdischer Lebensformen war durch mehrere Klauseln geregelt. Entsprechende Untersuchungen mußten beweisen, daß es sich nicht um eine intelligente Rasse handelte und daß die Rasse keine schädlichen Keime einschleppte. Die Vanas hatten beiden Bedingungen entsprochen. Also waren regelmäßige Flüge zu ihrem Heimatplaneten eingerichtet worden; die Nachfrage nach ihnen hatte begonnen, den Markt zu überschwemmen, und der Handel mit Vanas war ein gutes Geschäft.

Die Merkmale der Vanas waren zu Anfang mehr oder weniger geheimgehalten worden, und zweifellos hatte Slovic deshalb keine Gelegenheit gehabt, sich dafür zu interessieren. In der Öffentlichkeit war nur bekannt, daß sie humanoide Geschöpfe waren, allerdings nicht intelligent. Doch diese partielle Unkenntnis dauerte nicht lange. Die Wahrheit über die Vanas, die zunächst nur hinter vorgehaltener Hand kursierte wurde schließlich allgemein bekannt. Slovic erfuhr sie durch Miko

Miko plante, selbst eines dieser Geschöpfe zu kaufen. Er zeigte Slovic eine dreidimensionale Fotografie, die ihm ein Freund mit einem guten Posten bei einer galaktischen Importgesellschaft besorgt hatte. Slovic sah sich das Foto an und wußte, warum man solchen Lärm um die Vanas machte. Er hatte eine Frau vor sich, oder vielmehr das perfekte Abbild einer menschlichen Frau, und dieses Frauenbild war merkwürdig schön.

Slovic sah Miko, dessen Augen glänzten, fragend an. Miko erzählte ihm, was sein Freund ihm erklärt hatte: Die Vanas waren Tiere, hochentwickelt zwar, aber dennoch Tiere, die weder Intelligenz noch eine Sprache besaßen, doch das gleiche Aussehen und - wie Miko betonte - die gleichen Funktionen hatten wie menschliche Frauen. Die Biologen der Expedition, die sie entdeckten, hatten ihre Rasse studiert, Diese weiblichen Geschöpfe pflanzten sich durch Parthenogenese fort. Männliche Individuen waren nicht entdeckt worden. Der Name, den man ihnen gegeben hatte, war von ihrem Ruf abgeleitet, einem sanften und rhythmischen Laut, der an die beiden Silben va-na erinnerte.

Das Leben der Vanas war müßig und vegetativ. Die Anwesenheit der Menschen von der ersten Expedition hatte sie nicht verscheuchen können. Mitglieder der Besatzung hatten sich unter die Geschöpfe gemischt. Einer von ihnen war als erster der Verlockung erlegen, die später noch viele Terraner empfinden sollten. So hatten die Männer erfahren, daß die Vanas sich zur Liebe eigneten.

Nachdem die ersten Exemplare auf die Erde gebracht worden waren, stellte man fest, daß die Vanas sich schnell akklimatisierten. Ihre Nahrung war fast ausschließlich pflanzlich. Die Hydroponik-Kulturen der Erde produzierten Pflanzen, die denen ihrer natürlichen Umgebung ähnlich waren. Es stellte sich heraus, daß die Vanas davon ausgezeichnet leben konnten.

Die Geschöpfe ließen sich ebenso leicht zähmen wie ein Hund oder eine Katze, und sie waren jeder Laune ihres Herrn gehorsam. Sie begannen rasch, gewisse Exzesse hervorzurufen. In Nordamerika Iösten sie eine neue Welle von Puritanismus aus, der sich gegen sie richtete. Die Zensoren zitierten Fälle von Männern, die mit zwei oder drei Vanas gleichzeitig zusammenlebten und sie schmählichen Praktiken unterzogen; man raunte sich zu, Vanas seien an Mißhandlungen zugrunde gegangen, die ihnen von brutalen, sadistischen Besitzern zugefügt worden waren. Die Kommission für Öffentliche Moral und die Gesellschaft zum Schutz der Galaktischen Tiere begannen gleichzeitig, sich darüber aufzuregen.

In Europa, wo es erst seit kurzem Vanas gab, stellten sie noch kein Problem dar. Die Regierung, die einen Mann unter dreißig für das Zusammenleben mit einer Frau streng bestraft hätte, gestand demselben Mann das Recht zu, mit einer Vana zu leben. In Europa stand die Übervölkerung im Vordergrund aller Sorgen. Dieses Problem spielte aber hier keine Rolle: Die Verbindungen mit den Vanas blieben nämlich unweigerlich steril.

Miko berichtete Slovic all das und sagte schließlich, er werde seine Vana so bald wie möglich bestellen. Dank seiner Beziehungen zu dem Freund bei der Importgesellschaft würde er rasch beliefert werden. Er fragte Slovic, ob dieser die Gelegenheit nutzen wolle, über ihn ebenfalls eine Vana zu bestellen. Slovic wollte schon ablehnen und sagen, das interessiere ihn nicht. Plötzlich fiel sein Blick wieder auf das Foto, das Miko ihm gezeigt hatte. Die Vana war sehr schön. Ohne nachzudenken und fast ohne zu wissen warum, sagte Slovic, er nehme das Angebot an.


Er bekam seine Vana in der folgenden Woche. Sie wurde in einem Spezialkäfig geliefert, der mit einem undurchsichtigen Plastiküberzug bedeckt war. Man vermied es, die Vanas beim Transport den Blicken der Leute auszusetzen. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo diese Vorsicht außer acht gelassen worden war, hatten die Vanas Menschenansammlungen verursacht.

Als die Lieferanten fort waren, näherte sich Slovic dem noch zugedeckten Käfig. Mit einer einzigen Bewegung riß er die Plastikplane ab. Dann sah er die Vana Sie kauerte in einer Ecke des Käfigs und blickte ihn an. Slovic war erstaunt, denn sie war noch schöner, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie glich jener, die er auf dem Bild gesehen hatte (alle Vanas ähnelten einander wie Schwestern, hatte Miko gesagt), aber ihre körperliche Gegenwart war so verführerisch, daß kein Foto sie wiedergeben konnte.

Dann fielen Slovic zwei Dinge auf: die Farbe der Vana und ihr Geruch. Miko hatte ihm nicht gesagt, daß die Haut der Vanas anders war als menschliche Haut (vielleicht wußte er es nicht). Das war in der Tat der einzige Punkt, in dem sie von der menschlichen Rasse zu unterscheiden schienen. Diese Haut, glatt und glänzend wie eine Tierhaut, war blaß safranfarben mit goldenen Reflexen. Der sehr ausgeprägte Geruch des Geschöpfes erinnerte an Moschus.

Slovic öffnete die Käfigtür. Die Lieferanten hatten ihm gesagt, er brauche nichts zu befürchten, die Vana sei, wie alle ihre Artgenossinnen, vollkommen harmlos, selbst wenn sie auf den ersten Blick etwas wild erscheine. Er streckte die Hand nach ihr aus, und sie ließ sich streicheln, ohne sich zu rühren. Ihre glänzende Haut fühlte sich seltsam weich und lau an. Er spürte, daß unter dieser Haut ein dumpfes Leben pulsierte und Schauer bis an die Oberfläche schickte. Es war ein unendlich verwirrender Kontakt. Bei einer irdischen Frau hatte er nie etwas Ähnliches empfunden.

Die Vana sah ihn immer noch an. Zum erstenmal blickte Slovic in ihre Augen und bekam einen Schock. Die Augen des Geschöpfes waren von einem äußerst blassen Türkis, die Iris riesengroß; ihr feuchter Blick schien den seinen absorbieren und verdünnen zu wollen. Doch eine noch seltsamere Wirkung ging davon aus, daß diesem Blick jeder menschliche Ausdruck fehlte. Er verriet weder Freude noch Furcht noch Schmerz. Er schien leer.

Slovic ließ die Käfigtür offen, und nach einigen Minuten stand die Vana auf und kam heraus. Sie war klein; ihre Füße und Hände waren zierlich, ihre Gelenke schmal. Ihr nackter Körper glich bis auf die fehlende Schambehaarung dem einer menschlichen Frau. Doch ihr Gesicht war von etwas umgeben, das mehr nach goldenem Pelz als nach Haar aussah. Ihre Formen waren harmonisch und makellos, mit einem deutlichen Kontrast zwischen ihren gewölbten Hüften und der schlanken Taille. Die Brüste, hoch und aufrecht, wirkten im Vergleich zu dem übrigen Körper sehr entwickelt; die Brustwarzen waren bräunlich gefärbt. Und schließlich war da das Gesicht der Vana. Ein dreieckiges Gesicht mit den großen, feuchten, türkisfarbenen Augen, von animalischer Grazie und seltsamem Charme. Der kleine Kopf erhob sich über einem langen, schlanken Hals und erinnerte an eine Blume auf ihrem Stengel. Das Geschöpf hatte den Kopf zur Seite geneigt, wie in Erwartung, und betrachtete Slovic Seine Haltung schien nach Zärtlichkeit zu verlangen. Alles an der Vana war anziehend. Slovic begriff, warum man sich auf der ganzer Erde um die Vanas riß.


Die Vana gewöhnte sich schnell an Slovic. Er nannte sie Sylve und begann, sie zu zähmen, indem er ihr zu essen gab. In einem Spezialgeschäft für Vanas hatte er die beste Nahrung gekauft. Nach dem Essen dankte sie ihm, indem sie zu ihm kam und ihre Wange an ihm rieb. Slovic streichelte sie mit der Hand. Man hatte ihm empfohlen, die Vana anfangs nicht zu erschrecken, sondern sich mit Streicheln zu begnügen. Sehr bald war sie es, die diese Zärtlichkeiten verlangte.

Am Abend des zweiten Tages nahm Slovic Sylve mit in sein Bett. Dann gewöhnte er sich an, es jeden Abend zu tun. Später führte er sie zu der Pritsche, die er für sie in einem leeren Zimmer aufgestellt hatte. Eines Abends war er zu müde, um sie in ihr Bett zu bringen, und so schlief sie bei ihm. Slovic entdeckte, daß es ihm Freunde machte, die Nacht mit der Vana zu verbringen. In der Folge ließ er sie mehrmals in seinem Bett übernachten. Wenn er morgens aufwachte, roch er ihren Moschusduft. Er streckte den Arm aus und berührte ihren Körper, der an ihn geschmiegt war. Mit einem leisen Stöhnen erwachte sie ebenfalls. Er zog sie an sich und umarmte ihr warmes, williges Fleisch.

Miko kam zu Besuch. Er war von seiner Vana entzückt. Sie stellte ihn, wie er sagte, vollkommen zufrieden. Er war überrascht und schien schockiert, als Slovic ihm sagte, seine Vana schlafe manchmal bei ihm. Dann faßte er sich wieder. „Du behandelst sie wie eine richtige Frau !“ sagte er lachend. Slovic dachte über diese Behauptung nach; er fand sie unpassend. Dennoch hatte Miko gut daran getan, diese Bemerkung zu machen: Er würde von nun an darauf achten, daß er der Vana nicht zu viele Freiheiten zugestand.

Doch nach mehreren einsamen Nähten merkte er mit einem gewissen Erstaunen, daß die Gegenwart Sylves an seiner Seite ihm fehlte. Eines Tages erwachte er im Morgengrauen. Sein Bett kam ihm kalt und leer vor. Er stand auf, um die Vana zu holen. Sie schlief auf ihrer Pritsche, in ihrer Lieblingsstellung zusammengerollt. Mit einem Streicheln weckte er sie auf. Sie hob die Lider und enthüllte ihre feuchten Augen. Er wollte sie veranlassen, aufzustehen und mit in sein Schlafzimmer zu gehen. Doch während sie sich unter seinen Blicken langsam und mit katzenhaften Bewegungen reckte, wollte er sie plötzlich sofort besitzen. Er ließ sich auf die von ihren Duft getränkte Pritsche fallen. Sie öffnete ihm ihren Körper, auf dem sich das Licht spiegelte.

Von diesem Tag an ließ er Sylve manchmal bei sich schlafen, manchmal suchte er sie morgens auf ihrer Pritsche auf. Außerdem begann er unmerklich auch tagsüber ihre Nähe zu suchen. Er ging nie mehr ins Frauenhaus oder in den Spielpalast. Miko wunderte sich, daß ihm so wenig an Zerstreuung lag. Außerdem war er gekränkt, weil Slovic ihn seltener als früher in seine Wohnung einlud.

Miko war immer noch mit seiner Vana zufrieden und Iieh sie manchmal an Freunde aus, denen er den Schlüssel zu seiner Wohnung überließ. Eines Tages fragte er Slovic, ob er nicht für einen Abend dessen Vana haben könne: Seine eigene war schon an einen Freund vergeben, und ein anderer Freund wartete auf den gleichen Dienst. Slovic weigerte sich empört, und Miko war verblüfft. Schweigen breitete sich aus, dann sagte Miko mit angewiderter Stimme: „Slovic, du bist in dieses Tier verliebt !“

Slovic fuhr auf und sah ihn an. Miko betrachtete ihn mit Abscheu. Mit tonloser Stimme, ohne auf seine Worte zu achten, sagte Slovic: „Ich verbiete dir, sie als Tier zu bezeichnen.“

Miko antwortete nur: „Du bist verrückt geworden.“

Dann ging er und warf die Tür hinter sich zu. Slovic war blaß geworden. Er ging zu Sylve und nahm sie in die Arme. Während er ihr üppiges, goldenes Haar streichelte, sagte er immer wieder: „Du bist kein Tier. Du bist kein Tier.“ Sylve rieb ihre Wange an ihm wie am ersten Tag, als er ihr zu essen gegeben hatte. Sie rief leise: „Va-na.“ Slovic stellte sich vor, daß sie diesen Laut von sich gab, wenn sie sich wohl fühlte.

Von da an teilte Sylve Slovics Leben. Er nahm sie mit in den Harmonieraum, und sie lag ihm zu Füßen, während er der Musik lauschte, die er liebte. Sie schloß ihre schrägen Augen halb und beobachtete ihn durch den Spalt. Slovic nahm sie auch im Auto mit. Er fuhr, geschützt vor indiskreten Blicken, über die am wenigsten belebten Straßen. Sylve kuschelte sich in den Sitz. Ihr Haar flog im Wind. Slovic brach in lautes Lachen aus und merkte, daß er vorher nicht gewußt hatte, was es bedeutete, so zu lachen. Er hatte den Eindruck, etwas Unbekanntes zu entdecken; er verstand, daß es vielleicht das war, was er früher gesucht hatte.

Eines Tages nahm er Sylve mit ans Meer an einen einsamen Strand. Er wußte nicht, wie das Meer auf dem Heimatplaneten der Vanas war, aber Sylve wirkte fröhlich. Sie schwamm und planschte im Wasser, dann spielte sie im Sand, und ihr beweglicher Körper glänzte in der Sonne. Slovic sagte sich, daß sie zweifellos gelacht hätte, wenn sie dazu fähig gewesen wäre. Dann streckte sie sich neben ihm aus und leckte mit ihrer kleinen, rauhen Zunge seinen Hals. Mit der Hand, deren Fingernägel er regelmäßig schnitt, streichelte sie seinen Körper.

Ein anderes Mal amüsierte er sich damit, sie zu kämmen. Sie wich zurück, als er begann, mit dem Kamm durch ihren rebellischen Schopf zu fahren. Mit sanften Worten und einem Streicheln beruhigte er sie. Da ließ sie ihn gewähren. Er kämmte ihr Haar zurück und band es am Hinterkopf mit einem Band zusammen. Als er sie so im Profil sah, erinnerte sie ihn an ein altes Bild. In seiner Mikrofilmsammlung fand er eine Reproduktion: Es war eines der Porträts der jungen Frau mit dem Pferdeschwanz von Picasso aus dem Jahre 1954, ein geometrisches Profil mit reinen Linien auf hellem Hintergrund. Es erinnerte ihn an kretische Fresken. Slovic war entzückt.

Die Tage vergingen, und er trennte sich nicht mehr von Sylve. Er merkte, daß er begann, sich von der Welt zurückzuziehen, in der er gelebt hatte, und diese Welt zu verwerfen; aber er wußte nicht, wie er dem abhelfen sollte. Seine Freunde gingen ihm aus dem Weg. Man sprach von der verwerflichen Leidenschaft Slovics für seine Vana, von seinem Abgleiten auf eine tierische Stufe. Er war zum Objekt einstimmiger Mißbilligung geworden. Die Leute, die er kannte, wandten den Blick ab, wenn sie ihn trafen. Slovic ging immer seltener aus.

Eines Tages besuchte Miko ihn und redete ihm im Namen ihrer alten Freundschaft ins Gewissen, beschwor ihn, seine Verirrung aufzugeben. Lächelnd hörte Slovic ihn an. Als Miko geendet hatte, ließ er Sylve kommen, streichelte sie in Gegenwart des Freundes und erklärte: „Miko, erinnerst du dich, daß ich dir einmal sagte, ich würde gern mit einer Frau leben ? Hier ist diese Frau.“

Du bist verrückt“, rief Miko aus, „du verlierst jeden Maßstab. Sie sind Tiere, Objekte des Vergnügens, nicht mehr. Sie sind noch weniger wert als die Einwohnerinnen des Frauenhauses. Und du wagst zu sagen, daß du eines dieser Geschöpfe liebst !“

Slovic war vor Zorn blaß geworden. Er begnügte sich damit, Sylve ohne ein Wort an sich zu drücken und Miko dabei verächtlich anzusehen. Miko gab auf. Er verließ Slovic, nachdem er ihn vor den Konsequenzen seiner Haltung gewarnt hatte.

Die Gesellschaft Iäßt derart abwegige Verhaltensweisen nicht zu“, sagte er. Als er gegangen war, küßte Slovic Sylve.

Einige Zeit später mußte Slovic wegen Verstoßes gegen das Schamgefühl eine Geldbuße bezahlen. Er war angeklagt, sich öffentlich mit seiner Vana gezeigt zu haben. Zu dieser Zeit begannen sich nach amerikanischem Beispiel auch in Europa Anti-Vana-Ligen zu bilden. An einem anderen Tag wurde Slovic beim Nachhausekommen von haßerfüllten Nachbarn beschimpft und mit Steinen beworfen. Er beschloß, Sylve nicht mehr mit nach draußen zu nehmen.

Sylve teilte jetzt sein Schlafzimmer. Slovic hatte die primitive Pritsche, die er für sie aufgestellt hatte, weggeworfen. Die Vana folgte ihm in der Wohnung überallhin und beobachtete aufmerksam jede seiner Gesten. Slovic liebte es, tief in ihre rätselhaften Augen zu blicken. Manchmal glaubte er darin etwas Ungewöhnliches, Undefinierbares zu sehen, wie eine Bewegung auf einer glatten Wasserfläche, die vielleicht nur eine flüchtige Manifestation dieses fremdartigen Lebens auf der Erde war.

Slovic wußte jetzt, was das alte Wort „Glück“ bedeutete. Er konnte Stunden in Sylves bloßer Gegenwart verbringen, mit ihr spielen oder sie ohne ein Wort beobachten. Er litt nicht darunter, daß er nicht mit ihr sprechen konnte. Ihr Schweigen war ihm sogar angenehm. Morgens badete und frisierte er sie. Abends schlief er ein, während er sie in den Armen hielt und ihren Duft einatmete. Manchmal machte er nachts geräuschlos Licht, um sie schlafen zu sehen.

Einmal wurde Sylve krank, und er dachte, sie würde sterben. Tag und Nacht saß er an ihrem Bett, entwaffnet von dieser unbekannten Krankheit, für die er kein Heilmittel kannte. Sylve befand sich in einem seltsam matten Zustand. Ihre Augen waren glanz- und farblos, und sie hatte nicht die Kraft, sich zu bewegen. Slovic streichelte sie langsam, küßte sie, wie um ihr sein eigenes Leben einzuhauchen. Er hatte den Eindruck, sie sei sein Kind. Sie wurde gesund, ohne daß er wußte wie. Eines Nachts war er eingeschlafen, und als er erwachte, hatte sie sich an ihn geschmiegt; ihr Blick war wieder glänzend, und sie sah ihn einladend an.


Der Sommer kam. Die Stadt war verlassen, die Einwohner hatten sich für die Ferien in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Die großen Wohnblocks waren still. Durch die weit geöffneten Fenstertüren floß Sonnenschein in die Wohnung. Slovic und Sylve legten sich auf den Boden, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Er hatte sich angewöhnt, wie sie nackt zu leben. Bald war sein Körper kupferfarben und paßte gut zu Sylves Teint. Eines Tages, als sie vor einem Spiegel standen, sagte er sich, daß er begann, ihr zu ähneln, daß er ihr gleich wurde.

Im Halbschlaf in der Sonne ausgestreckt, hing Slovic seinen Träumen nach. Er wäre gern fortgegangen, mit Sylve zusammen in ihre Heimat gereist. Dort würden sie ohne jeden Zwang zusammenleben. Slovic wäre weder der Gesellschaft noch sonst jemandem Rechenschaft schuldig. Im Innersten wußte er, daß es nur ein Traum war, aber es gefiel ihm, sich diesem Traum hinzugeben.

Immer stärker hatte er das Gefühl, in einer separaten Welt zu leben, einer Welt, wo er mit Sylve allein war. Das äußere Universum war für ihn in den Hintergrund getreten. Die Stadt deren geometrische Blocks und abgestufte Terrassen er durch die geöffneten Fenster sah, war durch eine Grenze von ihm getrennt Sie war nur noch ein Bild ohne Bedeutung. Slovic gehörte nicht mehr zu dieser Stadt und nicht mehr zu diesen Universum.

Manchmal, wenn er sich über die Brüstung der Terrasse beugte, wurde er von einen Schwindelgefühl ergriffen, als würden sich die breiten Straßen fünfzig Meter unter ihm plötzlich zu ihm emporheben. Er zog sich zurück, Schweiß auf der Stirn, nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren. Eine heimtückische Schwäche breitete sich in seinen Gliedern aus. Er mußte sich an eine Wand lehnen, sonst wäre er gefallen. Anfangs kümmerte Slovic sich nicht um diese Symptome, doch nach einigen Wochen mußte er erkennen, daß sie immer häufiger auftraten. Die Schwäche schien seinen ganzen Körper zu erobern, als wolle sie ihn lähmen. Er mußte sich hinlegen. Sylve kam zu ihm und sah verständnislos zu, wie er von einem Unwohlsein ergriffen wurde, das sich in ihm ausbreitete, als werde er in eiskaltes Wasser getaucht.

Eines Morgens fühlte er sich noch schlechter und stand nicht auf. Um sich zu zerstreuen, stellte er das Fernsehgerät in sein Schlafzimmer. Er hatte sich schon lange nicht mehr dafür interessiert sondern sich nur mit Sylve beschäftigt. Von seinem Bett aus sah er auf dem Bildschirm die Nachrichten aus aller Welt; er tat das zum erstenmal, seit er sich ganz zurückgezogen hatte. Und so erfuhr er die Wahrheit, die die ganze Erde schon kannte.

Reglos sah er die aufeinanderfolgenden Bilder und hörte die Stimme des Sprechers. Die Vanas hatten den Tod auf die Erde gebracht, sagte die Stimme in dramatischem Ton. Die Wissenschaftler waren unruhig geworden, als die allerersten Besitzer von Vanas Opfer einer fremdartigen Krankheit wurden, der sie bald erlagen. Danach starben nach und nach alle Besitzer von Vanas Die Geschöpfe waren Träger eines Virus, dessen Existenz den Experten bei der biologischen Kontrolle entgangen war. Auf lange Sicht war dieser Virus für Menschen tödlich.

Auf dem Bildschirm erschienen unter dem Mikroskop aufgenommene Fotos von dem Virus, den man endlich hatte isolieren können. Der Sprecher setzte seinen Vortrag fort. Die Vanas übertrugen den tödlichen Keim beim Geschlechtsverkehr auf die Menschen. Jede neue Vereinigung verstärkte die Ansteckung. Diese Ansteckung erfolgte durch ein heimtückisches Gift, das unerbittlich den Organismus durchdrang und ihn nach und nach zerstörte. Doch die Wissenschaftler hatten ein Mittel gefunden, der Krankheit Einhalt zu gebieten.

Die Epidemie war zuerst in Amerika aufgetreten, wo man die ersten Vanas importiert hatte. Doch jetzt breitete sie sich auch in Europa aus, die ersten Todesopfer waren bereits gemeldet. Alle Besitzer von Vanas sollten sich also unverzüglich ihrer Tiere entledigen und sie beim Hygiene-Dienst abgeben, der die Vanas reihenweise in Gaskammern tötete. Die Besitzer sollten sich sofort zur Behandlung in Speziallaboratorien begeben, andernfalls können die Ärzte keine Verantwortung für ihr Schicksal mehr übernehmen.

Der Sprecher schwieg jetzt. Slovic schaltete über die Fernsteuerung von seinem Bett aus den Apparat ab. Lange blieb er bewegungslos liegen. Sein Gesicht verriet nichts. Als er aufstehen wollte, schien sich der Boden unter seinen Füßen zu drehen. Noch nie hatte er sich so schwach gefühlt. Beim Gehen mußte er sich an jeder erreichbaren Stütze festhalten. Schweiß lief über seinen Körper.

Sylve schlief auf einem Diwan im Nebenzimmer. Slovic näherte sich ihr und betrachtete sie lange. Seine Glieder zitterten, als habe er Fieber. Er beugte sich vor, um Sylves Haut mit den Fingerspitzen zu berühren. Sie erwachte und sah ihn mit sanften, nichtmenschlichen Augen an. „Sylve, meine kleine Sylve“, murmelte er. Und legte sich neben sie.

Sie rief leise: „Va-na.“



Gelesen in:
Fischer Orbit (FO 22)
LIEBE 2002 ; erotic scienc fiction
Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 3 436 01687 x

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