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Kaefig 37

Käfig 37

von

Wayne Wightman

http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1309&Itemid=55

Ich versuchte, das Schreien zu ignorieren, während Ray, der Skinhead der Klasse, eine weitere Ratte aufschlitzte und ihr das kirschgroße Herz herausschnitt, bevor es zu schlagen aufhörte. Dies war das Wissenschaftsprojekt zum Ende des Jahres, das demonstrieren sollte, wie die Azteken chirurgische Eingriffe durchführten, und Mr. Boren Zick, unser fundamentalistischer Lehrer und stellvertretender Direktor, stand neben ihm und nickte anerkennend. Zick war um die fünfunddreißig, sah aber wie ein verbrauchter Fünfziger aus - mit blasser Haut, einem schwammigen Körper und einem Geruch wie ein Heilsarmeelage.

»Schnell, Ray, schnell jetzt. Hmmm«, machte er, als er die von Ray angerichteten Verstümmelungen studierte und sich seine Nickelbrille die fettige Nase hinauf schob. Zick trug schmale Krawatten und weiße Hemden und hatte gewöhnlich einen dicken roten Pickel irgendwo in seinem Gesicht. Heute befand er sich seitlich auf seiner Nase, und seine Brille rutschte dauernd darüber. Ich stellte mir Schwärme metallfressender Bakterien vor, die im Innern seines Pickels herumschwirrten und ihn lebendig auffraßen. Heute war außerdem Rattenblut über sein mit Stiften gefülltes Etui und die rechte Seite seines Hemdes verspritzt.

Skinhead Ray hielt das Herz der Ratte hoch, und überall im Raum kreischten die Mädchen und schlugen die Hände vors Gesicht. Alle außer Andrea, Rays krausköpfige Freundin - sie saß neben mir, lehnte sich herüber und präsentierte das tiefe, enge Tal zwischen ihren erstaunlichen Brüsten und die Ränder ihrer sonnenraunen Brustwarzen. Titten und Blut und Geschrei. Es eine komplizierte Szene. Ich hatte davon gehört, daß das Leben als Teenager schwierig sei, aber ich hatte nicht den Eindruck, als ob Erwachsene jemals davon redeten, daß man solche Sachen durchmachte.

»Da ist es«, sagte Ray und hielt sich das kleine Herz vors Gesicht. Ray war der Sektenführer der Rude Shitz, deshalb war er wahrscheinlich daran gewöhnt, Dinge dieser Art zu tun. Rattenblut rann durch seine fingerlosen Handschuhe herab, unter das zwei Zentimeter dicke Armband mit Uhr und Kassettenrecorder. »Ich glaube, es schlägt noch.« Er runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. »Nun ...« Er schüttelte es zweimal; »Es hat geschlagen. Es hat aufgehört«, sagte er anklagend und warf es grob in das Porzellanbecken, wo es mit einem feuchten Plumps aufschlug.

»Muß ein Haufen kranker Ratten gewesen sein«, meinte Zick, indem er schnüffelte und seine Brille über den Pickel die Nase hochschob. Er zog eine leichte Grimasse.

»Kann ich bitte eine andere haben ?« fragte Ray. Er sah mich an und grinste. »Wenn ich ein Kopierrad hätte, könnte ich vielleicht einen ganz neuen Schnitt probieren.«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Zick nachdenklich, kratzte die fettige Furche an seinem Kinn und rückte dann die beiden Enden seiner Krawatte zurecht. Blut verschmierte vom Etui in seiner Brusttasche über die Knöpfe. »Wir haben nur noch zwei Ratten übrig.«

»Vielleicht könnte ich das Rasiermesser anders ansetzen«, sagte Ray und sah mich an.

Andrea lehnte sich noch immer herüber, fingerte an dem rosa Schuhkarton herum, der unter ihrer Bank stand, und lief Gefahr, daß ihre Brüste in meiner Richtung aus dem Ausschnitt rutschten. Ray bemerkte es nicht - und er war im Laufe der Jahre wohlbekannt dafür geworden, daß er jeden zusammenschlug, der sich seine Freundin auch nur nackt vorstellte. Und Andrea inspirierte solche Vorstellungen. Andrea sorgte für Probleme, wenn sie am Ende der Klasse aufstand. Ich kannte sie und Ray seit der fünften Klasse, und sie waren immer dieselben gewesen - außer daß Rays Fäuste und Andreas Brüste jetzt noch größer waren.

»Ich finde, das ist grausam«, klagte ein Mädchen in einer der vorderen Reihen. »Ray hat heute schon drei getötet, und ich brauche noch eine für mein Projekt.«

»Das ist Wissenschaft«, sagte Zick hart, schob seine Nickelbrille hoch und verschmierte Rattenblut seitlich über seine Nase. »Wir sind als die Herren unserer Welt geschaffen worden. Wir können mit der Natur tun, was wir wollen. Achter Psalm: ›Du gabst ihm die Herrschaft über die Werke deiner Hände, alles legtest du ihm zu Füßen : … die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels, die Fische des Meeres.‹ Lest das und weint, meine weichherzigen Freunde.«

»Dürfte ich noch eine Ratte nehmen ?« fragte Ray höflich.

»Sicher«, sagte Zick. Dann warf er einen Blick auf seine Armbanduhr und schüttelte den Kopf. »Nun, ich weiß nicht, ob wir Zeit haben, heute noch eine zu töten, Ray. Und wir müssen eine für Cindy übrig lassen.«

»Ich wette, ich käme mit einer Katze besser klar«, meinte Ray. »Ich brauchte etwas Größeres. Vielleicht würde sie nicht so verkleben, wenn ich sie aufschneide.« Er warf mir wieder einen Blick zu, während Andrea ihre Brüste schaukeln ließ und an mich gerichtet einen Laut wie einen weichen Kuß von sich gab.

»Eine Katze, hm ?« Zick wandte sich der Klasse zu und schob seine Brille die Nase hoch. »Hat jemand eine Katze, die er uns zur Verfügung stellen will ?«

»Ich wette, Dell hat eine«, sagte Ray. »Er hat ein ganzes Haus voll von den Biestern.«

Zick sah mich an. »Dell, hast du eine Katze, die du nicht brauchst ?«

»Nein«, erwiderte ich. »Ich habe keine.« Ich wußte, daß ich Ärger bekommen würde, und ich wollte im Herbst mit einer ordentlichen Bescheinigung ans College gehen, aber der Gedanke, daß Ray noch mehr Tiere tötete, war etwas, meinte ich, was selbst ein Teenager nicht hinnehmen sollte. »Ich habe keine Katzen, die ich nicht brauche, und wenn Ray noch mehr Tiere umbringt, werde ich dem Tierschutzverein berichten, was in dieser Klasse vor sich geht.« Meine Kehle zog sich zusammen, und ich brachte das letzte Wort kaum heraus.

Ray tat so, als sei er schockiert, und Mr. Zick lächelte. »Ah«, sagte er. »Wir haben hier also einen Tierschutzfanatiker. Ich verstehe. Einen Anwalt dummer Tiere. Glaubst du, daß Tiere Seelen haben, Dell ? Glaubst du nicht an das, was in den Psalmen gesagt wird ? Bist du ein Atheist ?«

Hinter seinem Rücken brachte Ray seine Augenbrauen zum Flattern, als er einen Zeigefinger in die andere Faust stieß und wieder herauszog.

»Meinst du, daß das Leben dummer Tiere wichtiger ist als menschliches Wissen, Dell ? Glaubst du, daß Katzen menschliche Gefühle haben, Mr. Honor List Student ?«

»Ich glaube nicht, daß man Tiere zum Spaß umbringen sollte.«

»Du kannst meine jederzeit zum Spaß umbringen«, flüsterte mir Andrea zu. Ihre große Handtasche und ihr rosa Schuhkarton standen inzwischen auf dem Tisch.

»Wenn ich verspreche, daß es mir keinen Spaß macht«, fragte Ray, »kann ich dann morgen ein paar Katzen aufschneiden, Mr. Zick ? Wenn die Azteken das gemacht haben, weiß ich ganz genau, daß ich das auch kann.« Zick sah ihn nicht an, und wie eine Eidechse ließ Ray einige Male seine Zunge hervorschnellen und grinste.

»Du kannst meine jederzeit aufschneiden«, flüsterte Andrea.

Zick ignorierte Ray und konzentrierte sich auf mich. »Es liegt in der Natur der Tiere, sich gegenseitig zu töten. Unser Herr gibt uns dasselbe Recht. Die Größeren fressen die Kleineren, und auf der Welt sind wir die Größeren.«

»Ich werde diese Ratten nicht auffressen !« quatschte Ray.

Die Klasse lachte mit ihm, aber Zick hielt mich weiterhin fest im Auge. »Du hattest etwas gegen meine Darstellung der Erschaffung des Universums, Mr. Honor Student, und du hast darauf bestanden, an die Evolution zu glauben, ungeachtet der überwältigenden Beweise, die ich für das Gegenteil erbrachte. Ich glaube, wir haben in diesem Punkt Kommunikationsschwierigkeiten.«

»Ich habe nur über einige Bücher berichtet, die ich gelesen habe, Sir.« Ihn ›Sir‹ zu nennen, rief in mir einen Brechreiz hervor, aber wenn ich die Klasse mit etwas Schlechterem als befriedigend abschloß, würde ich es im College wieder schlucken müssen.

Zick schob seine Brille die fettige Nase hinauf und schnitt eine Grimasse, als sie an dem Pickel hängenblieb. Es kam mir ein wenig unheimlich vor, daß ich auf der Seite der Bakterien stand, aber heute schien es selbstverständlich. Er stützte seine Hände auf den Arbeitstisch und beugte sich vor. Das Licht glänzte auf seinem schmierigen Gesicht, und der verstümmelte Körper lag blutdurchtränkt vor seiner Gürtelschnalle. »Du hast diese Sachen geschrieben, um dich gegen mich zu stellen, nicht wahr ? Du hast solche Bücher nur deshalb gelesen, weil sie mir widersprechen.«

»Vielleicht wollte er nur eine andere Einstellung dazu bekommen«, meinte Ray.

»Du könntest mich in jeder Einstellung betrachten«, flüsterte Andrea. »Wenn du willst sogar über dir.«

Einige Zeit hatte ich Schwierigkeiten, mich auf irgend etwas zu konzentrieren, und das Gefühl, daß Zick im Begriff war, ein Donnerwetter auf mich loszulassen. Ich fühlte mich wie ein Erwachsener, der einen Drink brauchte.

»Schüler«, sagte er. »Ihr habt alle die Liste für die abschließenden Projekte, die ich euch letzte Woche gegeben habe, und Dell ist für Freitag nächster Woche eingetragen - nicht wahr, Dell ?«

Ich nickte. Aus dem Augenwinkel sah ich, daß Andrea ihre Handtasche gegen den Schuhkarton gelehnt hatte, damit Ray und Zick nichts mitbekamen, und eine ihrer Hände unter die Brust direkt neben mir schob. Sie streichelte sich selbst. Warum tat sie mir so etwas an? Ray würde mich umbringen, wenn er sie sah.

»Das könntest du machen«, hauchte sie.

»Nun, Schüler«, sagte Zick. »Die Liste ist geändert worden. Dell, du bist diesen Freitag dran.« Er lächelte. »Achtundvierzig Stunden. Erzähl mal, hast du dich schon entschieden, was du machen willst ? Ich glaube, als ich dich das letzte Mal gefragt habe, warst du etwas unsicher.«

»Eigentlich, Sir, hatte ich immer noch das vor, was ich Ihnen schon gesagt habe.«

Er lächelte. »Frische mein Gedächtnis auf.«

»Nun, Sir, schon seit ich in der Mittelschule war, habe ich diese Gerüchte über das Haus in der Oak Street gehört, in dem es spuken soll. Ich dachte, ich könnte ein paar Geräte aufstellen, ein bißchen beobachten und einige Leute befragen.«

»Ein Spukhaus«, sagte Zick und nickte bedächtig. Flecken gespiegelten Lichts bewegten sich seine Nase hinauf und hinab.

Hinter ihm vollführte Ray in meine Richtung weitere Gesten mit dem Finger in der Faust.

»Das paßt«, stellte Zick fest. »Das paßt alles. Du glaubst, daß Tiere Seelen haben, du bist ein Evolutionist, und jetzt läßt du dich auch noch auf den Satanismus ein. Das paßt alles. Ich bin wirklich nicht überrascht.« Er warf durchs Fenster einen Blick auf die immergrünen Sträucher, die die Tennisplätze säumten. »Eine Menge von euch sogenannten klugen Leuten«, philosophierte er, »vergöttern ihre Intelligenz. Das führt euch auf Wege der Lügen und Unwahrheiten und jener Dinge, die keine Gültigkeit haben.«

»Ich bin kein Satanist, Sir.« Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Andrea immer noch von unten ihre Brust knetete, aber ich verlor das Interesse daran. Zick wurde ernstlich sauer auf mich. Er war noch nie mit solchem Vergnügen über mich hergezogen, und das konnte damit enden, daß ich im College einige Jahre dranhängen mußte.

Er schob wieder seine Brille hoch, legte den Kopf nach hinten und sah mich über die Nase hinweg an. »Hm«, grunzte er.

»Sie sind …«, begann ich und hielt gleich wieder den Mund. Ich versuchte vernünftig zu sein; das Semester dauerte nur noch zwei Wochen, und mit ein paar anständigen Noten konnte ich ins College kommen, ohne einen Haufen Anfängerkurse belegen zu müssen, und Zick war stellvertretender Direktor, was viel mehr für ihn ein Problem war als für mich. Deshalb dachte ich mir, ich sollte Andreas zarten Teenagertitten mehr Aufmerksamkeit widmen als Zicks paranoiden Beschuldigungen und einfach hoffen, daß die Bakterien gewannen.

» Was bin ich ?« fragte Zick.

»Nichts, Sir. Entschul…«

»Ich bin nichts ? Ist es das, was du über mich denkst, Mr. Honor Student ? Dein Lehrer ist nichts ?«

»Nein, Sir«, sagte ich hastig und überlegte, ob ich ihm nicht besser etwas in den Arsch kriechen sollte, um ein paar hundert Wochen zusätzlicher Arbeit auf dem College zu vermeiden. Ich wollte nur durchkommen und meine Ruhe haben. »Ich wollte sagen, Sie sind nur deshalb auf den Gedanken gekommen, ich sei ein Satanist, weil ich mich für ein Spukhaus interessiere. Ich bin aber kein Satanist.«

Ray stand mit einem Grinsen da und verschmierte Blut von den Plastikhandschuhen über seine Backen, während Zick beharrlich den Kopf schüttelte, als täte ich ihm leid. »Sie glauben, ich sei ein Satanist ?« hörte ich mich sagen. »Ich bin es doch nicht, der Tiere aufschneidet und ihnen das Herz herausreißt. Sie haben uns gezeigt, wie man das macht.« Warum sagte ich das ? Ich mußte verrückt sein, aber mein Mund redete weiter. »Ich bin's nicht gewesen, der Mäuse in eine Unterdruckkammer gesteckt und die Leute dazu gezwungen hat, dabei zuzusehen, wie ihnen die Augen aus den Höhlen treten.«

»Willst du damit andeuten, Mr. Honor Student, daß ich, euer Lehrer, Mr. Boren Zick, mit dem Leibhaftigen im Bunde bin ?« Er grinste, als er die Brille hochschob. Sein Pustel hatte eine feuerrote Farbe angenommen.

»Alles, was ich will, ist, mein Projekt durchzuführen und nicht mehr öffentlichen Verstümmelungen von Tieren zusehen zu müssen.«

»Du hast bis Freitag Zeit«, sagte Zick. »Und es wäre besser, wenn dieses Projekt keinerlei satanische Untertöne hat.«

Ray lachte leise hinter ihm, zeigte auf mich und stieß wild fickend seinen Finger in die Faust.

»Andrea, wann wird dein Projekt fertig sein ?« fragte Zick.

»Ich kann morgen meinen Bericht abliefern, Mr. Zick.« Ihre Schultern bewegten sich auf und ab, wenn sie redete, und das Vorderteil ihrer Bluse spannte sich straff. Sie warf mir einen Blick zu und lächelte.

Die Schelle erklang, und alle außer Andrea und ich sprangen auf. Sie lehnte sich an mich und sagte im Flüsterton, der gerade laut genug war, daß ich sie durch die Geräusche der Bücher, Rucksäcke und stampfenden Füße verstehen konnte: »Dieser Ray ist ein solches Tier. Du kannst es jederzeit mit mir machen. Ich kann's besser als deine kleine asiatische Freundin.« Sie preßte ihre Handtasche und den Schuhkarton unter ihre Brüste.

Hormone ließen meine Ohren klingeln. Wahrscheinlich blähten sich meine Nasenflügel.

»Nun«, fügte sie hinzu und bewegte ihre Schultern so, daß sich alles oberhalb ihrer Taille straffte, »wenn du den Wunsch hast, dann hab ich …« Sie zwinkerte und stolzierte davon. Ich stolperte aus der Tür.


Nachdem ich mir am Imbißstand ein Sandwich gekauft hatte, traf ich Pham draußen unter einem der Pflaumenbäume am Weg. Die Sonne schien warm, und auf dem Fußballplatz spielten ein Dutzend Leute Frisbee. Gelbe Schmetterlinge flatterten über das Gras. So schien das Leben wirklich zu sein. Ich wußte, daß große Wesen kleine Wesen fraßen und daß früher oder später alles gefressen wurde, aber Zicks Gedanke, daß wir dazu berechtigt seien, nach Belieben Leben auszulöschen, kam mir wie die Arroganz eines Unterentwickelten vor. Ich hatte Angst davor, was er Ray am nächsten Tag in der Klasse tun lassen würde.

Pham setzte sich neben mich und öffnete eine Plastikbox mit ihrem Mittagessen - in schwarzem Seetang gewickelte Reisbälle. Sie war klein und schlank, und ihre Haut war so glatt wie warme Butter. Sie hatte ihr schwarzes Haar mit gelben Spangen hinter ihre Ohren zurückgesteckt, so daß es ihr bis zur Mitte des Rückens herabfiel. Wenn sie redete, tat sie das fast mit einem Flüstern. Ihre Stimme bestand fast nur aus ihrem Atem.

Sie war seit zwei Jahren in den Vereinigten Staaten. Während ihrer Flucht in einem Boot mit vierzig anderen Menschen hatte sie miterlebt, wie Piraten ihrem Bruder in den Hinterkopf schossen und ihre Mutter über Bord warfen, weil sie deswegen schrie. Sie hatte zugesehen, wie ihre Mutter langsam ertrunken war. Sie war hier bei ihrer Tante.

Sie bot mir etwas von ihrem Essen an.

»Danke«, sagte ich. »Ich muß dich um einen Gefallen bitten. Zick hat den Termin für mein Projekt vorverlegt, und ich muß es bis Freitag fertig haben. Würde es deinem Onkel etwas ausmachen, wenn ich heute abend rüberkomme und ein paar Geräte aufbaue ?«

»Ich glaube, das wäre in Ordnung«, erwiderte sie. »Er geht sowieso nie in das Zimmer. Wie kommt das, daß du dein Projekt bis Freitag machen mußt ?«

»Ich habe Zick gesagt, daß ich nicht gern dabei zusehe, wenn in der Klasse Tiere getötet werden. Ray hat heute Ratten getötet. Er hat ihnen das Herz herausgeschnitten.«

»Das Herz rausgeschnitten ? Warum tut er das ?«

»Er wollte wissen, ob er ein Herz so schnell herausschneiden kann, daß es noch weiterschlägt.«

»Wieso ?«

»Ray gefällt es, etwas vorzuführen, was den Leuten Angst macht.«

»Oh.« Jetzt schien sie zu verstehen. Sie biß die Hälfte eines Reisballs ab. »Ihm würde mein Land gefallen.«

»Einmal in der fünften Klasse zeigte er einem Freund, wie man jemanden schlagen muß, damit es auch wirklich weh tut. Er benutzte mich als Versuchskaninchen und fragte dann, an welcher Stelle es am meisten weh tat.«

»Ah.«

»Er ist ein Dreckskerl.« Ich wollte das Thema wechseln. »Glaubst du, daß es im Haus deines Onkels Gespenster gibt ?«

Sie hob ihre schmalen Schultern. »Er glaubt das. Gestern abend hat er angerufen und gesagt, es sei ein Schnie… ein Spie-gel - sage ich das richtig ? - ein Spiegel im Schrank.«

»Meine Mutter hat auch einen Spiegel in ihrem Schrank.«

»Aber er hat ihn nicht dort hingehängt. Und er sagt, es sei ein böser Spiegel. Er habe sein Gesicht nicht darin gesehen. Er sagt, es …«

»Na, hallo Leute.« Es war Ray mit Andrea, die sich an ihn schmiegte. Sie grinste über beide Ohren und kaute ihren Kaugummi, ohne den Mund zuzumachen. »He, Dell, willst du ein Mitglied der Rüde Shitz werden ? Wir unternehmen gerade eine Werbeaktion für neue Mitglieder. Willst du eintreten und ein bißchen mehr respektiert werden ? Alles, was du tun mußt, ist einen Hund mit bloßen Händen zu töten.« Das Blut auf seiner Backe war zu einem fleckigen Braun getrocknet.

Andrea kicherte und wand sich und blies ihren Kaugummi auf.

»Der Hund ist über zehn Jahre alt und wiegt weniger als fünfzehn Pfund. Außerdem darfst du einen Wagenheber benutzen.«

»Oh, Ray«, sagte Andrea.

»Und es muß ein Hund von 'nem Gelben sein. Willst du Mitglied werden ? Wir werden dir auch eine weiße Freundin besorgen.«

»Er ist ein Arschloch«, sagte Pham mit ihrer weichen, ätherischen Stimme zu mir. »Ist es das, was ich meinte ?«

»Ja. Das ist genau das, was du meinst.«

Andrea hörte auf zu kauen.

»Paß auf, was du sagst, du gelbe Ratte«, knurrte Ray.

Ich war im Begriff aufzustehen, aber Pham faßte meinen Arm und zog mich herunter. Ich hätte ihm am liebsten den verdammten Schädel eingedroschen.

»Bleib sitzen«, sagte sie zu mir. »Es gibt zu viele Arschlöcher auf der Welt, um alle fertigzumachen. Ich weiß das. Ich habe viele sehr große gesehen.« Sie grinste und verschränkte ihre Arme.

Andrea fing wieder an, ihren Kaugummi zu kauen, »Komm schon, Ray.«

»Ich habe gesehen, wie du in der Klasse Andrea angegafft hast«, sagte Ray zu mir. »Erinnerst du dich noch, was ich letztes Jahr mit diesem fetten Saftsack gemacht habe, der ihr an die Titten gefaßt hat ?«

»Du hast ihm auch an die Titten gefaßt, nicht ?«

»Komm schon, Ray.«

Er sah mich an, und ich aß einen Reisball.

»Komm schon, Ray.«

Er fing an zu grinsen, als ob ihm gerade etwas Cleveres durch den Kopf gegangen sei. »Ja, Baby.« Er langte hinter sie und drückte eine ihrer Brüste. »Ja, gehn wir. Dich sehe ich später noch, du gelbe Schlampe.«

Andrea grinste über beide Ohren und kaute ihren Kaugummi, ohne den Mund zuzumachen. Ohne daß Ray es bemerkte, hob sie zweimal in meine Richtung die Augenbrauen. »Ich sehe dich später«, sagte sie, und beide gingen aneinandergeschmiegt davon.

»Ich wünschte, es gäbe Gerechtigkeit«, bemerkte ich.

»Es gibt für niemanden Gerechtigkeit«, sagte Pham. »Ich habe Zeit damit verbracht, mir schönes Wetter zu wünschen. Ich hörte einen Amerikaner sagen: ›Die beste Rache besteht darin, gut zu leben.‹ Ich habe Zeit damit verbracht, gut zu leben. Es kann keine Gerechtigkeit geben, wenn überall Arschlöcher herumlaufen. Altes vietnamesisches Sprichwort.« Mit einem Lächeln bot sie mir einen zweiten Reisball an.

Ich mochte sie. Sie hatte hundertmal mehr durchgemacht, als ich jemals durchmachen würde, und sie lächelte. Wenn es keine Gerechtigkeit gab, dann gab es vielleicht etwas anderes. Standhaftigkeit vielleicht. Oder Lachen.

»Wann können wir zu deinem Onkel rübergehen ?«

»Jederzeit. Willst du am Nachmittag oder am Abend hin ?«

»Gegen fünf ? Kann ich dich dort treffen ?«

Sie begann wie Andrea ihre Schultern zu rollen. »Du kannst mich überall treffen, weißer Junge.«

Ich mochte sie.


Als ich nach Hause kam, saß mein Vater auf der Klavierbank und starrte auf die Tastatur. Mein Vater ist ein interessanter Mensch. Er hat etwas Rätselhaftes an sich, aber er ist auf interessante Weise rätselhaft. Er hat eine Visitenkarte mit der Aufschrift: »VLADO VERMICELLI: Troubleshooter«. Das ist nicht sein richtiger Name, aber seit er als Teenager in der Armee war, weiß er nicht mehr genau, wer er ist oder was er ist. Eigentlich läßt sich nur schwer sagen, was er überhaupt weiß.

Er glaubt, die Armee habe mit ihm ein Experiment durchgeführt, das die Trennung zwischen seinem Bewußtsein und seinem Unterbewußtsein aufgehoben hat. Deshalb meint er, daß ein Name so gut sei wie der andere. An manchen Wochenenden fährt er rüber nach San Francisco und tritt unter dem Namen Walter Roscoe in Nachtclubs als Komiker auf. Die restliche Zeit löst er die Probleme anderer Leute.

Letzte Woche hatte Mr. Sammartini, der Inhaber des lokalen Fernsehsenders, ihn gefragt, ob er den Titelsong für eine der Sendungen schreiben könne, und Vater arbeitete nun schon einige Tage daran. Als ich durch die Hintertür hereinkam, hörte es sich an, als ob er ganz langsam mit chinesischen Eßstäbchen über die Saiten führe.

»Hallo, Vater. Wie läuft's ?«

Er saß da in einer Drillichjacke und in weißen Boxershorts, und das Haar stand ihm in zwanzig verschiedenen Richtungen ab. Er sah aus wie ein Verrückter, aber wenn das Bewußtsein und das Unterbewußtsein gemeinsam am Werk sind, am selben Ort und zur selben Zeit, dann, schätze ich, vergißt jeder hin und wieder einmal, sich zu kämmen oder die Hose anzuziehen. »Irgend etwas hingekriegt ?«

»Ich weiß nicht«, sagte er. Er machte einen verwirrten druck. »Ich habe bisher nur herausgefunden, daß es schlecht klingt, wenn man zwei Tasten herunterdrückt, die direkt nebeneinander liegen.«

»Wann möchte Mr.Sammartini diesen Titelsong haben ?«

»Morgen. Junge, ich weiß nicht.« Er sah besorgt aus. kratzte sich in der Achselhöhle. »Das sind so viele Tasten. Weißt du, warum sie die Schwarzen so klein gemacht und nach oben versetzt haben, wo man so schlecht rankommt ?«

»Keine Ahnung. Ich glaube, man nennt sie Ganz- und Halbtöne.«

»Komisch«, sagte er und starrte sie an.

»Vater, mein Wissenschaftslehrer hat den Termin für mein Projekt vorverlegt. Hast du's geschafft, das Zeug zu besorgen, von dem du mir erzählt hast ?«

»Zeug ?«

»Die Kamara, das Thermometer und Barometer mit Schreiber, diese Sachen.«

»O ja.« Er drückte ein paar Tasten am unteren Ende. »Ich frage mich, wer sich das ausgedacht hat«, murmelte er. »Ich habe Mr.Sammartini angerufen, und er war sehr hilfsbereit. Ich habe dir einen biostatischen Ladungsdetektor und ein photographisches Kirlianfeld besorgt, das groß genug ist, um mit einem Fahrrad durchzufahren«, erklärte er. »Und halte dein Gesicht nicht vor das offene Ende dieses Rohrdingsbums - es ist eine Netzpistole, die er sich von einem Burschen im Zoo ausgeliehen und an mich weiterverliehen hat.«

»Eine Netzpistole ?«

»Sie verwenden sie bei den Pavianen, wenn sie abhauen wollen.«

»Danke, Vater.« Ich dachte an Ray. »Vielleicht finde ich eine Verwendung dafür.«

»Nichts zu danken.« Er klimperte einige Male auf der Tastatur herum und schüttelte dabei den Kopf. »Warum haben sie denn so viele Tasten an dem Ding angebracht ?«

»Was passiert, wenn du mit der Musik nicht rechtzeitig fertig wirst ?«

»Mr. Sammartini meinte, ich würde besser arbeiten, wenn ich das nicht wüßte. Das hat mich nicht gekratzt. Ich war mir sicher, daß ich Musik studiert habe.« Er zuckte die Achseln und seufzte. »Das ist wirklich kompliziert«, murmelte er. »Habe ich Musik studiert ?«

»Wenn, dann war es vor meiner Zeit. Viel Glück, Vater. Ist Mutter schon zu Hause ?«

»Sie ist im Schlafzimmer.«

Ich ging durch den Flur und sah hinein. Sie schlief angezogen auf dem Bett. In dem Krankenhaus, in dem sie arbeitete, wurde etwas Neues ausprobiert - Schichtwechsel auf eine Weise, die niemand durchschauen konnte, unter dem Vorwand, daß man herauszufinden versuchte, ob man mehr Arbeit aus den Leuten herausholen konnte. Mutter hatte achtzehn Stunden an einem Stück gearbeitet. Sie war Krankenschwester in der Notaufnahme, und dank der neuen Zeiteinteilung war sie nervös, mürrisch und verschlossen, und das sah ihr nicht ähnlich. Mutter war normalerweise wirklich nett. Ich mochte sie.

Ich ging zu meinem Vater zurück. Er experimentierte vorsichtig damit, drei Tasten auf einmal anzuschlagen. Es hörte sich schlecht an.

»Mutter sieht nicht gut aus, meinst du nicht auch ?«

»Ja.« Er verkrampfte die Hände wie zu Klauen und schlug mit einer dramatische Geste aufs Geratewohl ein paar Tasten an. »So geht's auch nicht«, murmelte er. »Vielleicht ist dir aufgefallen, daß sie ihre Dienstkleidung nicht auszieht, wenn sie schlafen geht.«

»Stimmt.«

»Sie muß in einer Stunde zurück zur Arbeit.«

»Warum kündigt sie nicht ?«

»Sie versucht, länger durchzuhalten als diese Leute.« Er blickte von der Tastatur auf. »Mein Sohn, was willst mit dem ganzen Zeug anfangen ?«

»Phams Onkel glaubt, daß es in seinem Schrank spukt.«

»Du bist hinter Gespenstern her ?«

»Wer weiß ? Vielleicht sind's nur Ratten.«

Er schien sehr angestrengt nachzudenken. »Nun, wie auch immer, wenn du Richard Nixon siehst, frag ihn, wieviel man ihm für Pearl Harbor bezahlt hat.« Dann begann er wieder wie mit Eßstäbchen zu spielen, aber jetzt zeigte sich ein wenig von seinem Walter-Roscoe-Grinsen.

Mein Vater.


Ich verstaute den Kram in die Kiste, verfrachtete sie auf den Rücksitz und befand mich auf dem Weg zu Phams Onkel, als ich bemerkte, daß mir ein Wagen folgte. Der Fahrer verhielt sich nicht unbedingt geschickt - wer es auch war, er fuhr direkt hinter mir, aber ich konnte nichts sehen, weil das Kirlianfeld und der biostatische Ladungsdetektor mir die Sicht versperrten.

Vor dem Stopschild spürte ich einen Ruck, als der andere Wagen mit der Stoßstange gegen meinen stieß. Ich Steckte den Kopf aus dem Fenster und sah nach hinten - und da war sie: Andrea, den Kopf aus dem Wagenfenster gereckt, winkte und rief mir etwas zu. »Fahr an den Rand - ich muß dir was sagen ! Fahr rüber !«

Das tat ich.

»Hör zu, ich habe nur wenig Zeit«, sagte ich, als sie sich neben mich auf den Beifahrersitz setzte und ihre Handtasche und den Schuhkarton, den sie immer dabeihatte, an sich drückte. »Ich muß schnellstens dieses ganze Zeug aufstellen, sonst schreibt Zick noch was auf meiner Schulbescheinigung dazu.«

»Oh, dieser widerliche Kerl.« Andrea trug weiße Shorts, die so aussahen, als sei sie damit tapeziert worden, und ihr knappes Oberteil spannte sich an den Achselhöhlen derart, daß ich das Muttermal auf der Seite ihrer linken Brust sehen konnte, so groß wie der Radiergummi an einem Bleistift.

Allmählich spürte ich wieder dieses drückende Gefühl in der Brust.

Sie stellte ihre große Handtasche auf den Sitz zwischen uns und hielt den Schuhkarton auf ihren schönen Knien. »Ich weiß, du bist irgendwie in Pham vernarrt, dieses Flüchtlingsmädchen, aber Dell …« Sie rollte die Schultern, und ihr Muttermal bewegte sich in kleinen wippenden Kreisen. »Dell, ich kann dir Dinge bieten, die sie dir nicht bieten kann. Großartige Dinge. Du weißt nicht, was du versäumst.«

»Das weiß ich wirklich nicht«, sagte ich. Mein Herz fühlte sich an, als ob es Luft einsaugte. Ich hatte unter meiner Matratze ein paar Bilder von Frauen, die wie Andrea aussahen, aber ich hatte auch schon gesehen, wie Ray Jungs zusammenschlug, die weniger getan hatten, als ich bis jetzt schon. »Ray würde das nicht gefallen«, stotterte ich, aber ich fragte mich bereits, wie sehr es überhaupt weh tun würde, wenn ich ein paar Schläge einsteckte …

»Ray ist ein Dummkopf«, gurrte sie und lehnte sich zu mir herüber. Ihr Oberteil öffnete sich, und mein Mund gleich mit. Ich konnte meinen Herzschlag in den Augäpfeln spüren. »Ich mag Jungs, die noch mit etwas anderem als ihren Eiern denken können. Beantworte mir nur eine Frage.«

Sie lehnte sich noch weiter vor. Ich konnte ihre Brustwarze sehen. Sie war hellbraun. Ich konnte ihre Brustwarze sehen ! Mein Gott.

»Sag mir nur eins«, bat sie. Sie nahm meine linke Hand, drehte die Handfläche nach oben und drückte sie von unten gegen ihre Brust. »Sag mir, wie sich das anfühlt.«

»Äh …«

»In deinen eigenen Worten, sag mir einfach, wie's ist.«

»Weich. Es fühlt sich weich an.«

»Sag mir noch mehr«, schnurrte sie.

»Warm«, fügte ich hinzu und schluckte. Taten Erwachsene solche Dinge auch ? Riskierten sie ihr Leben nur aus Lust ?

Sie stellte den Schuhkarton auf das Armaturenbrett, hakte die Finger unter den Rand ihres Oberteils, zog es ganz nach unten und ließ es unter ihren Brüsten zurückschnappen. Sie rollte die Schultern, und alles geriet in Bewegung. Auch in mir geriet alles in Bewegung.

Ich danke dir, Gott, ich danke dir, Gott, ich danke dir, war alles, was ich denken konnte. Ich wurde zum Tier.


»Du siehst lustig aus«, sagte Pham.

Es war zwanzig nach fünf, und sie traf mich auf der mit Dreck- und Zementklumpen bedeckten Auffahrt zu Hengs Haus. Als ich aus dem Wagen stieg, fühlten sich meine Beine noch immer wie Gummi an.

»Bist du in Ordnung ?«

»Vor einem Stopschild ist mir jemand hinten gegen die Stoßstange gefahren«, erklärte ich. »Das hat mich ein bißchen durcheinandergebracht.« Ich sah Pham an, aber alles, was ich vor Augen hatte, war Andreas Brust … Andrea und diese wogenden Kurven … und diese weiße Haut und diese braunen Kreise und …

»Du siehst richtig nervös aus.«

»Ich bin ziemlich erschrocken.« Ich ging nach hinten zur Kiste und steckte den Schlüssel ins Schloß. Ich machte mir nicht viel aus symbolischen Dingen, aber als dieser Schlüssel hineinglitt, gaben meine Knie nach und schlugen gegen die Stoßstange. Ich war noch immer eine Jungfrau, aber eine Jungfrau mit einem Traum.

»Was ist das ganze Zeug auf dem Rücksitz ?«

»Mit den beiden silbernen Platten kann man feststellen, ob sich zwischen ihnen ein elektrisches Feld befindet, das von einem Lebewesen hervorgerufen wird, und das viereckige Ding, das wie eine Tür aussieht, kann ein Bild davon aufnehmen. Hier.« Ich reichte ihr aus der Kiste das Schreiberbarometer und -thermometer.

Sie nahm es und nickte mir zu. »Dein Hosenstall ist offen.«

Ich sprang wahrscheinlich auf, als ob mich jemand gestochen hätte. Mit dem Rücken zu ihr zog ich den Reißverschluß hoch. Er war nur halb auf gewesen.

»Du bist sehr nervös«, sagte sie, als sie zur Haustür ging.

Das mit dem Reißverschluß war nicht Andreas Schuld. Jedenfalls nicht unmittelbar. Bloß von Menschen hergestellte Materialien waren nicht dafür gedacht, solche Belastungen auszuhalten.

Hengs Unterkunft war nicht viel mehr als ein verwahrlostes Haus, das er entrümpelt und gesäubert hatte, um einzuziehen. Die Nachbarschaft bestand aus armen Weißen, armen Mulatten, armen Schwarzen, brandigen Bäumen, vergilbten Rasen, staubigen Straßen und Heng. In Vietnam hatte er als Geschäftsführer einer Fahrradfabrik gearbeitet.

Er machte nicht den Eindruck, als ob er sich bewegt habe, seit ich das letzte Mal sein Haus besucht hatte. Er saß in einem schäbigen alten Schaukelstuhl in der Ecke seines Wohnzimmers und schaukelte. Er sah wie siebzig oder achtzig aus, aber Pham sagte, er sei einundsechzig. Er zeigte immer ein sehr starres Lächeln, die schmalen Augen zu engen Schlitzen hochgewölbt und das Gesicht mit dunklen Falten durchzogen.

»Hallo, Mr. Heng«, sagte ich, lächelte und verbeugte mich ein Stück. Ich wußte nicht genau, was ich tun mußte, aber es schien richtig so zu sein.

»Ja«, erwiderte Heng, nickte und schaukelte gleichzeitig. »Danke sehr.«

»Ich möchte mich bei Ihnen dafür bedanken, daß ich in Ihr Haus kommen und diese Geräte aufbauen darf.« Ich hob andeutungsweise das Barometer, das ich in der Hand hielt.

»Danke sehr«, sagte Heng und nickte immer wieder. »Hallo.«

»Er mag dich«, sagte sie, während sie mich in das , Hinterzimmer mit dem Schrank führte, in dem es angeblich spukte.

Ich nickte Heng noch einmal zu und folgte ihr. »Er mag mich ? Warum ?«

»Du behandelst ihn so, als sei er nicht verrückt.«

»Ehrlich gesagt, ist mir das schon in den Sinn gekommen.«

»Oh, Onkel Heng ist sehr verrückt. Er ist ganz schön fertig. Aber du gehst richtig mit ihm um.«

Das Hinterzimmer war etwa vier mal vier Meter groß und leer bis auf den Schrank, den man in die Ecke eingebaut hatte und der in den Raum hineinragte. Der Schrank maß etwa einen Meter im Quadrat, kaum groß genug für den Ruf, den er hatte.

Die Wände des Zimmers waren zu unterschiedlichen Zeiten braun, grün und schwarz angestrichen und schließlich mit einem gelben Rebenmuster tapeziert worden, das offensichtlich jemand mit einer stählernen Gartenharke heruntergekratzt hatte. Die Fenster hatte man eingeschlagen und dann mit einer Sperrholzplatte vernagelt, und die einzige Beleuchtung war eine nackte Glühbirne in der Fassung an der Decke. Die Luft roch nach altem, feucht gewordenem Kleister. Es war ein Zimmer von der Art, daß Andrea darin hätte Striptease tanzen können und ich doch keinen anderen Gedanken gehabt hätte, als zu gehen.

Nun, vielleicht nicht ganz, aber es wäre eine schwierige Entscheidung gewesen.

Ich drehte den gesprungenen Glastürknopf des Schranks und zog ihn auf. Leer. Nur noch mehr abgestandene Luft und ein paar Flusenknäuel in den Ecken. Es sah nicht so aus, als ob es darin spukte. Auf einer der Innenseiten hatte jemand mit orangefarbenem Buntstift geschrieben: ›Jose liebt Lauralee Poontang.‹

Vielleicht war das alles ein großer Irrtum. Zick würde seine Freude daran haben, sich deswegen über mich lustig zu machen.

Wir trugen das ganze Zeug herein, und jedesmal, wenn ich durchs Wohnzimmer ging, schaukelte Heng und lächelte, und ich lächelte zurück. »Ja, danke vielmals, alles klar«, sagte er dann immer.

Zu dem Zeitpunkt, da ich alles so zusammengebaut und angeschlossen hatte, wie es in den Bedienungsanleitungen stand, war es kurz nach acht, und das Zimmer war ein Durcheinander von Stromleitungen, die den Boden bedeckten, und Stühlen, die Heng hereingezerrt hatte und auf denen einige der Sachen standen. Der Kirlianschirm sah wirklich beeindruckend aus. Ich stellte ihn direkt vor dem Schrank auf. Es war ein in Aluminium gerahmtes Rechteck in der Form einer Tür, und an seinen Innenrändern befand sich etwas, das den Zinken eines stählernen Kamms ähnelte. Ein Kabelsalat verband ihn mit einem kleinen Drucker, der simultan horizontale und vertikale Schwankungen in den Mustern aufzeichnete, die er registrierte.

Pham war hinausgegangen, um eine Pizza zu holen, und als wir alles erledigt hatten, saßen wir mit dem Rücken gegen eine der wenigen freien Stellen an der Wand, aßen und bewunderten den Aufbau. Es sah alles sehr ernsthaft aus, selbst wenn es damit enden sollte, daß wir nur ein paar Ratten aufzeichneten.

Selbst Heng stand auf, schlurfte herüber und sah es sich an. Er sagte irgend etwas zu Pham in vietnamesisch und ging zurück zu seinem Schaukelstuhl.

»Er sagt, der böse Spiegel zeigt sich um neun Uhr«, erklärte sie zwischen zwei Bissen. »Und er sagt, er möchte keine Pizza. Er nennt sie ›Blutkuchen‹, weil Fleisch drauf ist.«

»Um neun Uhr ? Woher weiß er das ?«

Pham zuckte die Achseln. »Vielleicht ist es jeden Abend dasselbe.«

»Du hast gesagt, Onkel Heng sei verrückt.«

»O ja. Ganz schön wirr im Kopf.«

»Ist er immer so gewesen ?«

»O nein. Die Kommunisten haben ihn lebendig begraben und fünfmal wieder ausgegraben. Das hat ihn fertiggemacht.«

Ich hörte auf zu kauen. »Fünfmal lebendig begraben ?«

»Besser, als wenn sie ihn tot begraben hätten.« Sie biß in ihr drittes Stück.

»Nun«, sagte ich, »wenigstens lächelt er viel.«

»Oh, er lächelt nicht«, erklärte sie mir. »Das ist wie … wie das hier …« Sie biß die Zähne zusammen und zog Lippen zurück. »Wie würdest du das nennen?«

»Eine Grimasse.«

»Genauso macht er das. Zuerst habe ich ihn ›Glücklicher Onkel Heng‹ genannt, aber ich habe gemerkt, je trauriger er wurde, um so mehr sah er aus, als lächelte er. Er war nicht sehr glücklich, seit sie ihn das letzte Mal begraben haben.«

»Mein Gott.«

Wir hörten, wie die Haustür zugeschlagen wurde und schwere Schritte durch das leere Wohnzimmer stampften.

Ray steckte den Kopf durch die Tür: »Hallo, Leute«, sagte er mit einem Grinsen. Er schlenderte herein und hielt einen Kopfkissenbezug in der Hand. Ein Tier schlug darin um sich. »Eine Katze«, erklärte er. »Wahrscheinlich die Katze von 'nem Gelben. Ein ziemlich lebhaftes Vieh. Ich wette, sie hat ein gutes Herz.« Er sah sich in dem Zimmer um und schürzte die Lippen. »Ooooh. Schau mal einer an, was ihr alles für ein großkotziges Zeug hier drin habt. Sieht so aus, als würde hier bald tierisch die Kacke abgehn.« Er ließ den Finger über den bezahnten Innenrand des Kirliandetektors wandern. »He, du Saftsack, klaut dein bescheuerter alter Herr dir das ganze Zeug zusammen ?«

Er trat zurück und schleuderte die Katze gegen den Rahmen. Sie prallte mit einem dumpfen Laut dagegen, heulte auf und der Rahmen krachte in das Schreiberbarometer.

»Verdammte Scheiße, Ray !« schrie ich und langte nach dem Rahmen, bekam ihn aber nicht zu fassen.

»Oh, zum Henker«, sagte Ray. »Diese dämliche Katze ist irgendwo aufgeplatzt.« Er hob den Kopfkissenbezug mit einer Hand hoch und ballte die Faust. »Das Kätzchen braucht eine Abreibung.«

»Ich gebe dir fünf Dollar für die Katze«, sagte Pham ruhig.

Ray sah sie mit gespielter Überraschung an. Er nickte mit Blick auf den Pizzakarton. »Hast du nicht genug zum Essen ?«

»Fünf Dollar«, beharrte Pham. Sie griff in ihre Tasche und zog einen Geldscheinhalter mit ein paar Dollar darin hervor. »Hier. Fünf Dollar für die Katze.«

»Meine Fresse«, sagte Ray, hob die Augenbrauen und ließ die Augen hervorquellen. »Das Footballteam zahlt jetzt wohl mit Vierteldollars.«

Ich schlug nach ihm, und er schlug mit der Katze nach mir, aber wir verfehlten uns gegenseitig, und die Katze traf eine der Platten des biostatischen Ladungsdetektors, woraufhin die Platte donnerte und an der Wand zerschellte. Als ich wieder zu Ray sah, hielt er sein Messer in der einen und den Kopfkissenbezug in der anderen Hand. Das Messer war geformt wie ein Spaten, nicht mehr als fünfzehn Zentimeter lang, aber drei Zentimeter breit, und es glänzte im Licht der nackten Glühbirne.

»Also«, sagte er zu Pham. »Für fünf Dollar und eine Nummer kriegst du die Katze sofort. Dell, du mußt zuschauen, und wenn ich keine gelben Titten sehe, bevor ich bis fünf gezählt habe, werde ich gleich hier eine Operation wie die Azteken durchführen.« Er stieß mit der Messerspitze da und dort in die Ausbeulungen des Kissenbezugs. Die Katze bewegte sich nur noch schwach. Sie gab ein leises Wimmern von sich, als Ray sie mit dem Messer stach. »Eins, zwei«, zählte er rasch.

Pham sah mich an, und ich sah sie an, und dann wurden. ihre Augen sehr groß und rund, und sie deutete auf Schrank. Ray bemerkte es auch und wandte ihm das Gesicht zu, hielt das Messer aber immer noch vor Katze hoch.

Im Innern des Schrank befand sich etwas, das ihn völlig ausfüllte und wie eine silberne Blase aussah - ein silberner Spiegel -, nur war er gekrümmt und in seinem Innern, hinter der verzerrten Widerspiegelung des Zimmers, konnten wir verschwommene dunkle Gebilde erkennen, die sich langsam vor und zurück bewegten.

Die Blase blähte sich auf und zog sich zusammen und blähte sich wieder auf, als würde sie atmen.

»Was ist das denn ?« fragte Ray. Seine Stimme war etwas unsicher. »Ist das irgendein dreckiger schlitzäugiger Trick, den sich dein bescheuerter Vater ausgedacht hat ? Was ist das ? Was, zum Teufel, ist das ?«

Er wich zurück, und als das Ding sich wieder ins Zimmmer hinein ausdehnte, holte er kurz mit der Katze aus warf sie in die Blase. Sie verschwand durch deren Oberfläche ohne einen Laut. Und genau wie bei einer automatischen Kasse, die eine Quittung ausspuckte, flog in dem Moment, als die letzte Ecke des Kissenbezugs verschluckt wurde, ein kleiner Papierstreifen aus der Blase und flatterte auf den kahlen Boden.

Ray sah uns an, und wir sahen uns gegenseitig an. Und jeder von uns konnte lesen, was in sauberer Block-Schrift auf der Vorderseite des Papier Stücks stand:


KATZE


»Ein toller Trick«, meinte Ray mit einem Grinsen. »Ich wette, wenn ich Dreck reinschmeiße, kriege ich ein Stück Papier, wo MATSCHE draufsteht.«

Er packte Pham, und ich griff nach der Netzpistole. Es war ein Rohr von der Größe meines Unterarms und sah furchterregend aus. Ich überlegte, sie beide einzufangen und Ray dann ein paarmal gegen den Kopf zu treten. Allmählich spürte ich das Bedürfnis, mir etwas Erleichterung zu verschaffen.

»Was ist das ?« knurrte Ray mißtrauisch, wobei er Pham mit dem Rücken zu sich hielt, eine Hand an ihrem Hals, die andere um ihr Handgelenk gekrallt.

»Das ist eine Netzpistole, Ray. Man benutzt sie für Paviane. Sie wird keinem von euch beiden weh tun, aber ich schon.«

Die Spiegel-Blase wölbte sich einen halben Meter aus der Schranktür. Ray beobachtete sie aufmerksam, dann stieß er Pham von sich.

»Hier«, sagte er. »Du kannst deine gelbe Ratte wiederhaben.« Er bewegte sich seitwärts zur Tür, ohne mich aus den Augen zu lassen, und ich überlegte ganz im Ernst, ob ich ihn nicht einfach einwickeln und ausprobieren sollte, was passierte, wenn er in die Blase befördert wurde.

»Ah ja«, fügte er hinzu, kurz bevor er die Tür erreichte. »Noch eins, Pickelgesicht.« Er lehnte sich herüber, stieß das Schreiberthermometer vom Stuhl, und es zerschmetterte auf dem Fußboden. »Eines verspreche ich dir: noch vor der Abschlußfeier werden die Rüde Shitz dir die Eier abschneiden und dann für Mama und Papa ein Bild von dir aufnehmen. Daran wird uns keiner hindern. Also, bums deine gelbe Rattenfotze, solang du noch kannst. Tschau-tschau !«

Ich stand noch da, nachdem die Vordertür zugeschlagen war, und wünschte mir, ich hätte ihn mit dem Netz eingefangen. Jetzt gab es noch etwas, worauf ich mich freuen konnte.

Phams Hand berührte meine Schulter. »Er ist ein ganz kleines Arschloch«, sagte sie. »Komm, versuchen wir mal was, um zu sehen, was das für ein Ding ist.«

Ich legte die Netzpistole hin und hob das zertrümmerte Thermometer auf. »Werfen wir das rein.«

Sie nickte, und ich ging zu dem Ding hinüber. Es hatte sich etwa so weit zusammengezogen, daß es nicht mehr über die Türschwelle ragte. Unsere Spiegelbilder Sarin zeigten uns mit großen Nasen.

Vorsichtig berührte ich die Oberfläche der Blase mit einer Ecke des Thermometers. Ich erwartete einen gewissen Widerstand, aber es gab keinen. Hinter dem aufgeblähten Spiegelbild meiner Hand konnte ich diese dunklen Gebilde sehen, die sich wie verschwommene Fische langsam vor und zurück bewegten.

Ganz plötzlich wurde mir das Thermometer aus der Hand gerissen, ein Stück Papier erschien an seiner Stellle und glitt mir zwischen die Finger. Auf dem Zettel Istand in Druckbuchstaben: SCHROTT.

»Diese Spaßvögel«, sagte Pham.

»Was glaubst du, was da drin ist ?«

»Die CIA«, meinte sie.

»Ich weiß nicht …« Es sah ein bißchen anders aus als jede Technik, von der ich bisher gehört hatte. »Vielleicht sind es Aliens. Oder Verrückte aus der zehnten Dimension. Oder das Wohlfahrtsamt, das nachprüfen möchte, ob es Onkel Heng nicht zu gut geht. Hast du ein Stück Papier ?«

Aus ihrer Börse neben der fettverschmierten Pizzaschachtel holte sie einen kleinen rosa Schreibblock und einen Kugelschreiber und gab beides mir.

»Wer seid ihr ?« schrieb ich in Druckbuchstaben auf einen Zettel, riß ihn ab und schob ihn in die Blase. Wieder bekam ich dafür augenblicklich ein anderes Stück Papier in die Finger, auf dem in sauberer Blockschrift WIR SIND NEUGIERIG stand.

»CIA«, sagte Pham und nickte.

»Wir sind auch neugierig«, schrieb ich auf einen weiteren Zettel. »Worauf seid ihr neugierig ?«

WIR MÖCHTEN WISSEN, WIE ES EUCH DORT GEFÄLLT, war die Antwort.

Pham las den Zettel, als Heng mit seinem grimassenartigen Lächeln in der Tür erschien. Er sagte etwas zu Pham und deutete auf die Blase.

»Er möchte wissen, ob der Spiegel spricht«, erklärte sie. Sie blickte noch einmal auf den Zettel und übersetzte ihm die Botschaft.

Heng warf den Kopf zurück, stieß ein freudloses »Ha !« hervor und plapperte noch schnell etwas, bevor er ging.

»Er sagt, wir sollen ihnen erzählen, daß es ihm hier nicht gefällt und daß Politiker Mistkäfer sind.«

»In Ordnung.« Ich schrieb es hin.

»Was mich angeht, erzähle ihnen: ›Zuviel Gemeinheiten‹ « Als ich das hinschrieb, sagte sie: »Ray ist ein Dreckskerl. Überall Dreckskerle.«

Ich überlegte, ob ich selbst etwas hinzufügen sollte. Wie gefiel es mir hier ? Hier, in diesem Zimmer ? In dieser Stadt ? Wie gefiel es mir, in dieser Welt siebzehn zu sein ? Ich dachte an meine Mutter, meinen Vater, an Zick, Ray und Heng, den man fünfmal lebendig begraben hatte … und an Andrea. Und ich dachte an das, was Ray mit seinem Messer tun würde, wenn er wüßte, daß ich Andreas Brüste untersucht hatte.

Als Botschaft von mir schrieb ich: »Es ist bestenfalls sehr gefährlich.« Dann dachte ich einen Moment lang nach und fügte hinzu: »Wie gefällt es euch dort, wo ihr seid ? Und wo seid ihr ?«

Ich ließ den Zettel durch die Membran gleiten, und die unverzügliche Antwort lautete: WIR SIND ANDERSWO, UND ES GEFÄLLT UNS SEHR GUT.

»Wenn ihr anderswo seid«, schrieb ich. »Wo sind wir ?«

»Die CIA erzählt einem nichts«, brummte Pham.

Ich schob den Zettel hindurch, und die Antwort lautete schlicht: KÄFIG 37.

»Was bedeutet das ?« fragte Pham.

Ich zuckte die Achseln. »Für mich bedeutet das überhaupt nichts.« Ich begann etwas auf einen Zettel zu schreiben, um sie über ›Käfig 37‹ auszufragen, aber in diesem Moment war die spiegelnde Blase nicht mehr da. Sie zerplatzte oder zerschmolz nicht - sie war einfach nicht mehr vorhanden. Alles, was übrig blieb, war ein leises Geräusch wie von einer Münze, die auf den Schrankboden fiel.

Ich steckte vorsichtig den Kopf hinein und fand in einer Ecke auf dem Boden, unter dem José liebt Lauralee Poontang-Spruch, eine Metallscheibe. Sie glänzte und war etwas größer als ein Zehncentstück, aber als ich sie laufhob, spürte ich kein Gewicht. Statt dessen entdeckte Ich auf einer Seite drei kleine Vertiefungen, zwei über der anderen, so daß sie ein Dreieck bildeten. Ich hatte noch nie dergleichen gesehen, ebensowenig wie Pham, aber es schien mir nichts Besonderes zu sein. Sie mochte von der Wand gefallen sein, als die Blase verschwand. Oder die Blase hatte sie zurückgelassen. Ich zuckte die Achseln. Seit der Pubertät ergab nichts mehr so richtig einen Sinn.

»Was machen wir jetzt ?« fragte Pham.

»Wir gehn nach Hause, würde ich sagen.« Ich sah mir die zertrümmerten Geräte an. Abgesehen von der Netzpistole war alles davon Schrott. Mr.Sammartini würde meinen Vater wahrscheinlich einen Kopf kürzer machen. Ich hatte zweitausendzweihundert Dollar fürs College gespart, und das würde vielleicht reichen, die Kosten für den Drucker zu decken. Nun, wenn ich nicht ins College gehen kann, dann kann ich arbeiten gehen, schätze ich.

»Ich frage mich, was mit der Katze passiert ist«, sagte Pham.

Ich dachte einen Augenblick lang nach. »Frag Heng, ob dieses Ding jeden Abend zurückkommt.«

Wir gingen zusammen ins Wohnzimmer. Heng saß da, schaukelte und schnitt eine Grimasse, und als Pham ausgeredet hatte, sagte er ganz deutlich: »Ja.« Daraufhin zeigte er auf mich und fügte an sie gerichtet noch etwas in vietnamesisch hinzu.

Pham deutete mit einem Nicken auf das münzartige Ding, das ich in der Hand hielt. »Onkel Heng fragt, ob du noch mehr davon willst.«

»Klar«, sagte ich. »Sicher.«

Heng stand aus seinem Stuhl auf und schlurfte mit krummen Beinen in die Küche. Ich fragte mich, wie er gewesen war, bevor man ihn fünfmal begraben hatte. Er öffnete den Ofen, brachte eine Zigarrenkiste zum Vorschein, die voll von den Dingern war, und schob sie mir zu.

»Gehn jetzt«, stieß er hervor und hämmerte mit der Hand gegen die Tür.

Wir gingen.


Als ich nach Hause kam, war Mutter arbeiten und Vater schlief. Ich hatte noch genug Energie, um die Scheiben in der Kiste zu zählen, die Heng uns gegeben hatte - es waren zweiundsechzig -, bevor ich mich auszog und ins Bett ging. Es war ein langer Tag gewesen …

Erniedrigung in der Klasse; Erregung in Andreas Wagen; seltsame Dinge in Hengs Schrank; ich hatte herausgefunden, daß ich Pham wirklich mochte, Andrea aber, die ich überhaupt nicht mochte, meine Hormone dazu brachte, um Gnade zu schreien … Mußten sich Erwachsene mit solchen Sachen herumschlagen ? Weiß der Teufel. Außerdem konnte ich meine College-Karriere jetzt allmählich abschreiben … Vielleicht könnte ich für eine Weile Wohnmobile verkaufen und es nächstes Jahr wieder versuchen … Und für all das hatte ich eine Kiste komischer Knöpfe bekommen, die José vielleicht liegengelassen hatte, als er Lauralee Poontang anmachte … Waren das die ›großen Teenagerjahre‹, von denen ich so viel gehört hatte ? War es das, wovon ich angenommen hatte, daß es mir so viel Spaß machen würde, weil das Erwachsensein eine einzige Plage war ?

Ich hatte das untrügliche Gefühl, daß irgendwo irgendeine entscheidende Information ausgelassen worden war, so als seien die Anweisungen für mein Leben in Hongkong geschrieben und schlecht übersetzt worden. »Versäume es nicht, emotionale Dämpfer zu sammeln, bevor du die Pubertät über die Maßen ausdehnst, und behandele die emotionalen Dämpfer und äußere Anreize mit Weitsicht.« Sicher. Und hüte dich vor Verrückten, aus welcher Dimension sie auch stammen.

Ich drehte mich auf die Seite und schlief ein. Ich träumte von Pham. Sie hatte silberne Brüste, die sich ausdehnten und zusammenzogen und mit mir in einer fremden Sprache redeten, die ich verstand. Ich wachte aus dem Traum auf und fragte mich, was sonst noch passieren mochte. Konnte es denn noch schlimmer werden ?


»Das ist mein Wissenschaftsprojekt«, sagte Andrea und stellte ihre große Handtasche und den rosa Schuhkarton vor sich auf den Labortisch. Sie schaltete den Diaprojektor ein. Die Leinwand hinter ihr erhellte sich mit den Worten MEIN WISSENSCHAFTSPROJEKT.

Andrea trug ein blauweißkariertes Strandkleid mit Spaghettiträgern. Ich bemerkte, daß ich nicht der einzige Junge war, der ihr gespannte Aufmerksamkeit widmete. Ray allerdings zeichnete Bilder von explodierenden Raumschiffen auf seinen Tisch.

»Wie ihr alle wißt«, fuhr Andrea förmlich fort, »ist Ray mein Freund.«

»Jawoll !« rief Ray und winkte mit einer Hand über dem Kopf.

»Danke«, sagte Mr.Zick mürrisch. Er saß mit seinem aufgeschlagenen Notenbuch und einem Bleistift in der Hand an einer Seite des Raums. Mit dem Radiergummi am Ende des Stifts schob er sich die Nickelbrille die Nase hinauf. Diesmal zog er eine regelrechte Grimasse, wenn der Steg über seinen Pickel glitt. Er hatte sich mit Eiter gefüllt. »Weiter, Andrea.«

»Nun«, sagte sie, »ich habe mir Ray zum Freund genommen, weil ich dieses Projekt durchführen wollte, und zwar zum Thema …« Sie warf einen Blick auf ihre Notizen. » ›Über die Auswirkung von Lust auf den Selbsterhaltungstrieb.‹ «

Jetzt sah Ray von seinem Raumschiff auf. »Mich hat sie für die Lust gebraucht«, behauptete er stolz.

»In Wirklichkeit diente Ray zur Bedrohung«, erklärte sie. »Dies hier sind die beiden Versuchsobjekte meines Experiments.« Sie schaltete auf das nächste Dia um. Es zeigte mich und Ray. Das versprach nichts Gutes.

»Was soll das denn ?« hörte ich Ray murren.

»Ich wollte mit meinem Projekt herausfinden, ob Lust eine Person dazu bringen kann, seine eigene Sicherheit zu mißachten.«

Ich spürte, wie meine Weichteile zusammenschrumpften. Hier waren üble Dinge im Spiel.

»Hier können wir die frühen Phasen sehen.« Sie ließ vier oder fünf Dias aufeinanderfolgen, die mich dabei zeigten, wie ich in ihr Kleid blickte. »Ich habe diese Bilder mit einer Kamera aufgenommen, die in diesem scheinbar gewöhnlichen Schuhkarton versteckt war.«

Der gottverdammte rosa Schuhkarton !

»Einen Augenblick mal«, fuhr Ray dazwischen. »Einen Augenblick mal. Willst du damit sagen, daß er …«

»Ruhe, Ray«, sagte Zick müde, »sonst wirst du die letzte Ratte nicht bekommen, wenn Andrea fertig ist. Kümmere dich um deine Privatangelegenheiten außerhalb der Klasse.«

»In Ordnung. Das werde ich auch.«

Einige Ohhhs waren ringsum in der Klasse zu hören, und Rays Schweinsaugen spiegelten die Schlächterei wider, die er sich ausmalte.

»Der faszinierendste Aspekt meines Experiments besteht darin, daß ich den letzten Teil davon gleich hier in der Klasse durchführen werde, nachdem ich euch die späteren Phasen in der Entwicklung meines Versuchsobjekts gezeigt habe.« Sie sah mich an. Ich war ihr Versuchsobjekt. Offensichtlich hatte ich eine Entwicklung durchgemacht. Im Augenblick entwickelte ich einen Geruch nach kaltem Schweiß.

Sie nahm einen kleinen Kassettenrecorder aus ihrer Handtasche und stellte ihn laut an. Im Hintergrund waren die Geräusche vorbeiströmenden Verkehrs zu hören. »In den späteren Phasen«, erläuterte sie, »mißachtete das Versuchsobjekt jegliche persönliche Sicherheit.« Sie betätigte den Diaprojektor.

Das Bild zeigte mich in ihrem Wagen, ihr gegenüber und den Blick in ihre Wäsche gerichtet. »Ich sollte nicht hier sein«, sagte meine Stimme. »Wenn Ray das erfährt, wird er mich umbringen.« Der Projektor klickte, und auf dem nächsten Bild klebten meine Hände an ihrem Oberteil. »Warm … Sie sind ganz warm«, sagte ich wie ein Schwachsinniger.

Ich bekam flüchtig mit, wie Zick sehr aufmerksam die Leinwand betrachtete und Ray von seinem Tisch aufstand.

Der Projektor klickte ein weiteres Mal, und ich erschien als grinsender Trottel, die Hände auf ihren nackten Brüsten, und aus dem Kassettenrecorder war zu hören: »Oh, Gott, wenn Ray das erfährt, oh, Gott, ohhh, Gott …«

Ray kam schon auf mich zu, aber er hatte noch drei Tischreihen vor sich, und die Tür befand sich auf meiner Seite des Raums. Ich hatte also eine Chance.

»Und nun sehen wir den Abschluß des Experiments«, sagte Andrea und deutete mit einer großzügigen Geste auf mich, Ray und das entstehende Chaos.

»Aufhören !« brüllte Zick. »Was geht da vor ?«

»Und als Erfolg meines Projekts«, hörte ich Andrea sagen, als ich auf dem Weg zur Tür war, »bin ich heute vom College in Berkeley angenommen worden.« Hinter mir ertönte eine Menge Krach und Geschrei, und ich machte mich aus dem Staub.

 

Ich schlich in mein Zimmer, aber es schien sowieso niemand zu Hause zu sein. Mein grauer Kater Kubo schlief auf einem Stück Papier mitten auf meinem Bett. Er streckte sich, öffnete die Augen und rollte über den Rücken.

Ich wollte meinen Eltern diesen entsetzlichen Schlamassel wirklich nicht erklären, obwohl sie versuchen würden, es zu verstehen. Außer was die zerstörten Geräte anging. Nun, verstehen würden sie es vielleicht, aber es würde ihnen bestimmt nicht gefallen. Mir war ein Gerücht zu Ohren gekommen, daß Mr.Sammartini seine eigenen Eltern umgebracht hatte, um das Fuhrunternehmen seiner Familie in die Hände zu bekommen - aber wer weiß ? Vielleicht hatte er nur Glück gehabt. Wenn ich mir vorstellte, wie mein Vater ihm in seiner ausgeflippten Art beizubringen versuchte, daß man seine hunderttausend Dollar teueren hochmodernen Geräte in einem abbruchreifen Haus im Westbezirk zu Schrott verarbeitet hatte … Ich bekam davon ein mulmiges Gefühl im Magen.

Gestern noch war ein glücklicher Junge gewesen. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hatte ich mir mindestens zwei lebensgefährliche Probleme eingehandelt. Aber ich hatte einige unbeschreibliche Gefühle kennengelernt.

Kubo rollte sich herum, machte »Miau«, und als ich zu ihm hinsah, bemerkte ich, daß es sich bei dem Stück Papier um eine Nachricht handelte. ›Rufe Pham an‹, stand darauf und eine Nummer, an die ich mich nicht erinnerte. Also rief ich an.

Ich brauchte nicht einmal klingeln zu lassen, da meldete sie sich schon. »Hallo ?« Im Hintergrund waren viele Geräusche zu hören.

»Wo bist du ?« fragte ich.

»In der Schule. Ich habe von Andreas Projekt gehört. Ray sagt, er wird dir den Schwanz abschneiden.«

»Darüber bin ich nicht sonderlich überrascht.«

»Ich glaube, du solltest nicht zu Hause bleiben. Weißt du, das würde wirklich weh tun. Geh in mein Haus, in Ordnung ? Er weiß nicht, wo ich wohne. Meine Tante wird uns zusammen was zu essen machen. In Ordnung ?«

»Ja, das wäre sehr nett, Pham. Ich meine, wenn du gehört hast, was ich mit Andrea gemacht habe, und trotzdem noch mit mir redest, fände ich das sehr nett.«

»Das ist schon in Ordnung. Ich habe auch noch nie so richtig große wie die gesehen, bevor ich nach Kalifornien gekommen bin. Bringst du diese Dinger mit, die Onkel Heng dir gegeben hat, du weißt doch ? In Ordnung ?«

»In Ordnung.«

»Geh jetzt in mein Haus. Ray hat früh die Schule verlassen, obwohl der Rektor ihm sagte, er müßte bleiben. Also geh jetzt.«

»Danke. Das werde ich machen.« Wir verabschiedeten uns und legten auf. Während wir redeten, hatte Kubo das Zimmer verlassen und war wieder zurückgekommen, wobei er die weiße Socke hinter sich herzog, mit der er spielte. Er legte sie vor meine Füße und blickte auf. Die Socke war seine Ersatzmaus. Wenn nur Menschen so zivilisiert sein könnten … wenigstens Ray und Mr.Sammartini.

Ich tätschelte ihn ein paarmal. »Später vielleicht«, sagte ich. »Jetzt muß ich erst meinen Arsch retten.«

Ich trug die Zigarrenkiste mit den Metalldingern unterm Arm und war im Begriff, die Hintertür zufallen zu lassen, als ich meine Mutter und meinen Vater sah. Sie standen im Garten hinterm Haus unter dem Maulbeerbaum und hielten sich in den Armen. Mutter trug noch ihre weiße Krankenhauskleidung und preßte ihre Wange gegen Vaters Brust.

Ich wollte nicht stören, aber ich war ein bißchen neugierig, worüber sie redeten, und weil ich sie kaum verstehen konnte, hielt ich einen Augenblick inne und lauschte.

»… und deshalb habe ich gekündigt«, sagte Mutter gerade. »Ich habe mir eingeredet, ich müßte nach ihrer Pfeife tanzen. Aber das konnte ich nicht.« Sie drückte ihre Wange gegen ihn. »Ich habe vergessen, was wichtig war.«

Vater sagte etwas, das ich nicht mitbekam.

»Nein«, erwiderte Mutter. »Ich werde es nicht bereuen. Solang ich dich habe, werde ich mit allem fertig werden, womit ich fertig werden muß.«

Meine Mutter.


Phams Tante machte uns zum Mittagessen Brathähnchen, Maiskolben und Kartoffelbrei. Sie war sehr stolz auf ihre ›ethno-amerikanische Küche‹. Sie hatte Geschichte an der Universität von Saigon gelehrt, aber nun brachte sie sich mit Wohlfahrtsmarken über die Runde und machte die Häuser anderer Leute sauber. Ein paarmal äußerte sie sich bewundernd über ›das große amerikanische Experiment‹, aber gemessen an ihrer Lage verstand ich nicht, warum sie dafür so freundliche Worte fand.

Nach dem Essen, das ganz gewöhnlich aussah, aber nach fremdartigen Gewürzen, scharf und im Ganzen fabelhaft schmeckte, räumten Pham und ich für sie den Tisch ab und breiteten die Kiste voller Knöpfe aus, die Onkel Heng uns gegeben hatte.

»Die sehen alle gleich aus«, sagte Pham.

Sie waren etwa so groß wie Zehncentstücke, hatten etwa dieselbe Farbe und auf der unteren Hälfte der einen Seite drei Einkerbungen, eine unter den beiden anderen.

»Gehören die zu irgendeiner amerikanischen Maschine ?« fragte Pham.

»Nicht, daß ich wüßte, aber es könnte sein, schätze ich. Die Ränder sind so scharf, und diese Kerben sind so präzise, daß ich sagen würde, sie sind ziemlich sorgfältig hergestellt worden.«

»Es sind auch keine Kratzer drauf«, bemerkte Pham, als sie einen schräg ins Licht hielt.

Das war allerdings erstaunlich, wenn man überlegte, daß sie alle zusammen in eine Kiste geworfen worden waren.

Wir klopften sie gegeneinander, rollten sie herum, stapelten sie auf und nahmen sie wieder herunter, und ich fühlte mich dabei wie eine Ratte, die an einem Intelligenztest scheiterte. Ich legte einige unter das Stuhlbein und versuchte sie zu verbiegen oder durchzubrechen, aber nichts passierte.

»Nun«, meinte ich. »Was jetzt ?«

Pham sah sich die Vertiefungen in einer der Münzen ganz genau an. »Weißt du was«, sagte sie gedehnt. »In jedem von diesen kleinen Löchern ist mittendrin ein matter Fleck, so als sei irgend etwas abgerieben worden. Als hätte man mit etwas reingestochen.«

Ich hatte schon mein Schweizer Taschenmesser hervorgeholt. Ich zog den Zahnstocher heraus, nahm eine Münze und stach in eine der oberen Vertiefungen.

Es passierte etwas Seltsames.

Die obere Hälfte der Münzenoberfläche schien irgendwie weich zu werden - als würde sie schmelzen -, und die Zahl 1 erschien und wurde schwarz. Ich fuhr mit dem Finger über ihre erhöhten Umrisse.

»Sowas habe ich noch nie gesehen«, sagte Pham.

»Ich auch noch nicht.« Ich stach noch einmal mit dem Zahnstocher in die Vertiefung. Die 1 verwandelte sich in eine 2. Jedesmal, wenn ich den Grund der Kerbe berührte, rückte die Zahl um eins vor.

Pham lehnte sich nah an mich, legte mir den Arm über die Schulter, und ihre Fingerspitzen berührten meinen Hals am Rand des Kragens. Ich mochte das.

Ich stach in die andere der beiden oberen Kerben, und eine zweite Ziffer hob sich aus dem Metall. Ich hatte eine 41. Außerdem leuchtete mir aus der unteren Kerbe ein helles Rot entgegen.

»Na, so was«, sagte ich.

»Was bedeutet das ?« fragte sie im Flüsterton. »Ist das eine Bombe ?«

Ich nahm eine der anderen Scheiben und hielt sie ins Licht. Auf dem Grund der dritten Kerbe war derselbe blanke Fleck, was vermutlich bedeutete, daß irgend jemand … - ich lasse offen, wer das sein könnte - irgend jemand anderer etliche Male mit einem Gegenstand hineingestochen hatte und das Ding nicht in die Luft geflogen war. Ich hielt den Zahnstocher darüber. »Soll ich ?« fragte ich.

»Klar.«

Während ich mir die Sache gründlich überlegte, erinnerte ich mich an eine der Botschaften aus dem Ding im Schrank, als ich es gefragt hatte, wo wir sind. »Käfig 37«, hatte es geantwortet.

»Versuchen wir's mit siebenunddreißig«, sagte ich und stach in die Vertiefungen, bis die Zahl angezeigt wurde. Die rote Fleck glühte immer heller.

»Also gut«, sagte ich und stieß mit dem Zahnstocher hinein.

Nichts passierte. Ich war froh darüber.

»Es hat uns nicht in die Luft gejagt«, stellte Pham fest.

»Nun, versuchen wir's mit achtunddreißig.« Ich drückte in die Vertiefungen, bis ich achtunddreißig eingestellt hatte. Dann stach ich mit dem Zahnstocher in den leuchtenden roten Fleck.

Es passierten unheimliche Sachen.

Zuerst wurde mir so schlecht wie kein einziges Mal mehr danach. Dann bemerkte ich, daß es mir dort weh tat, wo ich mit den Ellbogen auf dem Tisch lehnte - und der Grund dafür war, daß der Tisch nicht mehr aus glattem Resopal bestand, sondern aus rauhen, zersplitterten Brettern. Ich sah zu Pham, und auch sie starrte mich entsetzt an.

Weiß Gott, wie ich aussah, sie jedenfalls hatte vorstehende Zähne, fettiges, strähniges Haar, schmutzige Pockennarben auf den Wangen und angetrockneten Rotz rings um ihre Nasenlöcher.

Ich fummelte an der Scheibe herum, die ich in der Hand hielt, stocherte etliche Male in die rechte obere Vertiefung, bis ich sie auf siebenunddreißig eingestellt hatte, und stach dann in den roten Fleck. Es war, als seien in einem Film einige Szenen übersprungen worden, ich spürte eine Welle von Übelkeit, und schon waren wir wieder zurück, saßen an einem ordentlichen und sauberen Resopaltisch, und Pham sah besser aus als je zuvor.

»Das war ja schrecklich«, sagte sie. »Schlimmer als im Kino.«

»Sollen wir's noch mal machen ?« fragte ich.

»Diesmal nehmen wir sechsunddreißig, dann brauchen wir nur einmal drücken, damit das Ding uns zurückbringt.«

»Du bist schlau.«

»Ich bin nur praktisch.«

Also stellte ich sechsunddreißig ein. Meine Eingeweide gerieten wieder in Wallung, aber der Rest war nicht halb so schlimm. Zuerst betrachteten wir uns gegenseitig und stellten fest, das wir uns nicht verändert hatten. Einige der Küchengeräte hatten eine andere Farbe, der Fernseher im Wohnzimmer lief, und ein Bursche benutzte eine Sprache, von der wir so gut wie nichts verstanden.

»Irgendwas stinkt hier«, sagte Pham.

Irgend etwas roch nach verrottetem Plastik. Im Dämmerlicht hinter dem Fenster sahen wir Reihen turmhoher Schornsteine, die dunkle Schwaden in den Abendhimmel bliesen.

»Schmutzige Gegend«, sagte Pham. »Gehen wir nach Hause.«

Ich brachte uns zurück nach siebenunddreißig.

»Sag mal, wie spät ist es ?«

Sie sah über die Schulter auf die Uhr an der Wand. »Halb acht.«

»Ich wäre gern um neun Uhr bei deinem Onkel. Wir könnten dem Ding im Schrank einige interessante Fragen über das hier stellen.« Ich betrachtete die Scheibe in meiner Hand. »Gut«, sagte ich. »Versuchen wir's mit einer hohen Zahl.«

»Ich weiß nicht«, erwiderte Pham gedehnt. »Wenn achtunddreißig schon so schlimm war …«

»Na gut, wie wär's mit siebenundneunzig ? Dann müßten wir die erste Ziffer nur viermal verstellen, um hierher zurückzukommen.«

»Ich weiß nicht. Das könnte sechzigmal so schlimm sein.«

»Oder es könnte einfach sechzigmal so verschieden sein.« Ein Teil von mir hoffte irgendwie, daß sie es mir ausredete.

»In Ordnung. Wie schnell kannst du viermal da reinstechen ?«

»Schnell wie der Blitz. Wie der Wind.«

Ich stellte neunundsiebzig ein, sah Pham an, sie atmete tief durch, sagte »Los !«, und wir taten es.

Zuerst fühlte ich mich übel, dann sah ich die gottverdammten Wiesel - oder irgend etwas mit lauter Zähnen und Krallen, die mich durch einen unterirdischen Tunnel verfolgten. Sie waren groß wie Hunde und wirklich sauer wegen irgend etwas. Ich sah mich nach Pham um, und wenn das Pham war, dann hatte ich wahrscheinlich auch einen Kopf wie ein Rüsselkäfer und einen Mund, der wie ein Stück schwarzes Fleisch in einem Dorngestrüpp aussah. Irgend jemand - oder irgend etwas - fing an zu schreien, und ich begann wie ein Wahnsinniger auf der Scheibe herumzukratzen, die ich in den Klauen hielt, ließ einige andere Zahlen erscheinen und brachte uns schnell von hier weg.

Pham sah wie eine Art Hund aus, nur besaß sie anstelle des Fells etwas, das wie Moos wirkte. Wir standen beide bis zu allen vier Knien in einer Art zähem Morast. Zuerst bemerkte ich, daß überall Käfer auf uns herum­krochen; dann daß es regnete; und schließlich, daß es ziemlich schwierig sein würde, die Scheibe, die vor mir lag, mit Pfoten und Zähnen zu bedienen. Käfer krochen über meine Schnauze, und ich hörte Pham winseln.

Pham - was ich für Pham hielt - trat von einem Fuß auf den anderen, während sie nach Raubtieren Ausschau hielt, und von ihrer schwarzen Nase tropfte Wasser. Große, abgestorben wirkende Bäume erhoben sich aus dem Sumpf und von ihren oberen Zweigen beobachteten uns aufmerksam krummhalsige Vögel.

Ich war froh, daß wir diesmal nicht mit Wieseln zu tun hatten, denn es dauerte gut fünf Minuten, während ich ein dutzendmal das Maul voll Schlamm hatte, um meine Schneidezähne so in die Scheibe zu drücken, daß wir verschwinden konnten.

Wir landeten in sechzehn. Es war nicht schlecht dort. Pham und ich sahen wieder wie wir selbst aus, und ringsum grasten eine Menge träger Viecher, die wie Kreuzungen zwischen Kühen und Nilpferden wirkten. Wir standen auf einer grasbewachsenen Ebene, und in einigen Kilometern Entfernung konnten wir, obwohl es schon spät am Abend war, die silbernen Dächer einer Stadt erkennen.

»Wir können noch mal herkommen«, sagte Pham. »Aber jetzt möchte ich nach Hause.«

Ich stellte die Scheibe auf siebenunddreißig und berührte den roten Fleck. Wir saßen wieder in der Küche und lehnten uns über den glänzenden Resopaltisch. Ich fragte sie, wie spät es sei, und sie sah auf die Küchenuhr.

»Fünf nach halb acht. Das kostet überhaupt keine Zeit.«

Wir waren beide verblüfft. Und wir besaßen zweiundsechzig von den Dingern.

Wir versuchten noch ein paar Tricks mit ihnen und fanden heraus, daß sie eine Reichweite von etwa fünfundsiebzig Zentimetern hatten und der Wechsel nach gut drei Sekunden stattfand. In diesen drei Sekunden voller Übelkeit konnte man sich von der Scheibe entfernen und hierbleiben. Ich wechselte nach neunzehn, während Pham ein Stück von mir entfernt stand und mich beobachtete. Sie sah mich ein oder zwei Sekunden einfach wie betäubt dastehen, obwohl ich den Eindruck hatte, daß ich fünf Minuten in diesem düsteren Lagerraum umherging, bevor ich siebenunddreißig einstellte und zurückkehrte. Aber ihrer Ansicht nach bewegte ich mich überhaupt nicht. Neunzehn war eine schreckliche Gegend. Insgesamt sahen wir uns bis halb neun gut ein Dutzend Orte an und nur sechzehn war nicht so öde oder unheimlich oder schlicht ein greller psychotischer Alptraum wie siebenundneunzig. Aus den Neunzigern hielten wir uns überhaupt fern.

»Gehen wir jetzt zu deinem Onkel«, schlug ich vor. »Hast du einen Block und einen Stift, die wir mitnehmen können ? Heute abend werden wir einige bessere Fragen zu stellen wissen.«

Die Luft draußen war warm und süß vom Duft des Jasmin, der an den Spalieren im Patio ihrer Tante blühte. Am südlichen Himmel stand Mars nah bei Antares, dem roten Stern mitten im Skorpion. Zusammen sahen sie aus wie Augen.


Pham klopfte an die Haustür. »Onkel Heng ?« rief sie.

»Schon gut, ich bin da«, rief er zurück. »Kommt rein !«

Er saß in seinem Schaukelstuhl in einer Ecke des Zimmers, schaukelte und grinste.

»Wir möchten uns noch einmal den Schrank ansehen«, erklärte ich und nickte einmal betont. »Dürfen wir ?«

»Ja, danke, alles klar«, sagte er und fuchtelte mit der Hand vor seinem Gesicht, als ob er Mücken verscheuchte. »Ja, ja.«

Wir räumten etwas von dem Kram zur Seite - es schien alles hoffnungslos zerstört -, und ich begann mir wieder Sorgen über meinen Vater und Mr.Sammartini zu machen. Vielleicht konnte ich einige der Scheiben verkaufen, um zu verhindern, daß mein Vater meinetwegen in Teufels Küche geriet. Ich kam nicht dazu, mir noch mehr den Kopf zu zerbrechen, denn genau in diesem Moment, Punkt neun Uhr, breitete sich die langsam pulsierende spiegelnde Blase in dem Schrank aus.

Ich schaltete die Lampe an der Decke aus, und Pham und ich gingen vorsichtig auf das Ding zu und versuchten durch die Oberfläche ins Innere zu blicken. Es war genauso wie in diesen Filmen. Ohne daß wir es bemerkten, hielten wir die Köpfe nah zusammen, faßten uns an den Händen, und aus dem Ding kam ein schwaches gelbes Glühen, das unsere Gesichter beleuchtete. Wir konnten nichts deutlich erkennen, aber es zeigten sich vage, verwinkelte Umrisse von Dingen, die sich nicht bewegten, und lange, dürre Gebilde - diese ›Wesen‹, vermute ich -, die vor und zurück trieben, als lebten sie in einer Gallerte oder so was.

Ich schrieb die erste Botschaft auf. »Wir wissen, wie man die Metallscheiben benutzt.«

Wie vorher schon trat kein Zeitverzug ein - ich schob den vorderen Rand des Papierstücks durch die Oberfläche, und eine ihrer Botschaften flog heraus und flatterte auf den Fußboden.

Die Antwort in Blockbuchstaben lautete: GUT FÜR EUCH.

Pham schrieb: »Was sind das für Orte ?«, und als die Antwort kam, sagte sie: »Ich meinte wo«, schüttelte den Kopf und schien auf sich selbst sauer zu sein.

Auf der Karte stand: DAS SIND ANDERE KÄFIGE.

Ich sah Pham an, und Pham sah mich an, und wir lasen beide die Karte noch einmal. Andere Käfige ?

»Andere Käfige ?« sagte Pham zu mir. »Wie für Ratten ?«

Ich schrieb die nächste Frage auf: »Wofür sind die Käfige da ?«

Die Antwort lautete: INTERAKTIVE BIOLOGISCHE SYSTEMANALYSE.

»Was bedeutet das ?« fragte Pham.

»Ich glaube, das heißt, daß sie uns Tiere gern dabei beobachten, wie wir miteinander umgehen.«

»Wie die Ratten«, murmelte Pham.

Ich schrieb auf den Notizblock: »Sind wir euer Wissenschaftsprojekt ?«

Auf der Karte stand in Blockbuchstaben: EINS VON VIELEN. NICHTS PERSÖNLICHES.

»Wie die Ratten«, sagte Pham.

Im Wohnzimmer stampfte jemand mit den Füßen, die Haustür schlug zu, und ich hörte, wie Heng wütend etwas brabbelte.

Pham und ich gingen zur Tür und sahen Ray, der sich Heng mit einem Arm vom Leib hielt - er wandte den Kopf, grinste und ließ in unserer Richtung die Zunge hervorschnellen. In der freien Hand hielt er einen Beutel, in dem eine Katze zappelte - er hatte die Zugschnur eng um ihren Hals gezogen, so daß nur noch der Kopf herausragte. Ihre Augen traten durch das Würgen aus den Höhlen.

»Hallo, Leute«, sagte er, indem er die Katze einmal hoch über dem Kopf kreisen und dann auf Hengs Rücken heruntersausen ließ. Die Katze kreischte, als sie die gebeugten Schultern des alten Mannes traf. Heng taumelte zurück und fiel wieder in seinen Schaukelstuhl.

Ray schien mit sich zufrieden zu sein. »Seht ihr«, sagte er und deutete auf Heng, dessen Gesicht sich zu einem wütenden Grinsen verzog. »Gelbe Ratten mögen's doch, wenn sie rumgestoßen werden.«

»Whi' schi'«, preßte Heng zwischen den Zähnen hervor. Ray verstand ihn nicht.

»Schaut her.« Er hielt den Beutel an der Zugschnur hoch. »Die hier ist größer. Bei der kann ich leichter an ihre Einzelteile kommen, so wie's die Azteken gemacht haben.«

Es war Kubo. Seine Augen öffneten sich weit und wurden glasig, und bald würden die Lider halb zufallen.

»Die ist für morgen«, erklärte Ray mit einem Lächeln. »Was is'n los ?«

»Das ist meine Katze«, sagte ich. Einer von uns beiden würde dieses Zusammentreffen nicht heil überstehen.

»Jetzt ist es meine, außer du versuchst sie mir abzunehmen.« Bevor ich wußte, was ich tun sollte, hatte er sein glänzendes, spatenförmiges Messer herausgeholt und hielt die Spitze an Kubos Kehle. »Willst du versuchen, sie mir wegzunehmen, du halbes Hemd ?«

»Ich werde sie dir abkaufen«, sagte ich. »Wieviel ?«

»Ich gebe dir zwanzig Minuten mit mir«, unterbrach Pham.

»Eine halbe Stunde«, erwiderte Ray und bohrte die Messerspitze in Kubos Hals. Kubo gab ein leises Wimmern von sich.

»Zwanzig Minuten«, beharrte Pham. »Wenn du länger brauchst, bist du ein whi' weenie.«

»Also gut, machen wir's. Da drin.« Er deutete mit einem Nicken auf das Zimmer mit dem unheimlichen Schrank. »Komm mit, Pickelgesicht. Du kannst von mir was lernen.«

Ich ging rückwärts durch die Tür und überlegte, wo ich zuletzt die Netzpistole gesehen hatte - und dann entdeckte ich sie in der gegenüberliegenden Ecke unter einem umgestürzten Stuhl. Ray bemerkte sie auch.

Er wickelte die Zugschnur um einen Haken an der Wand, und Kubo hing da wie betäubt, aber er erkannte mich und öffnete den Mund, brachte aber keinen Laut hervor. Vielleicht dachte er, ich sei mit dafür verantwortlich, daß ihm das angetan wurde, weil ich ihm nicht half.

»Gib mir das her«, sagte Ray zu Pham und zeigte auf die Netzpistole. »Heb sie am offenen Ende auf, Schlitzauge.«

Er ließ den Blick nicht von mir, während er danach langte, aber das kümmerte mich nicht mehr - er war dabei, mein Leben zum Spaß zu zerstören. Ich ergriff den nächstbesten Gegenstand - den zerbrochenen Kirlianrahmen - und holte damit über dem Kopf in seine Richtung aus, aber in dem Moment machte die Netzpistole Pffft, ich verhedderte mich in einem Gewirr von Stricken und wurde zurückgeworfen. An den Rändern des Netzes hingen Gewichte, wodurch sie sich um mich wickelten und die Stricke eng zusammenzogen, so daß ich hintenüberfiel und mit dem Kopf auf etwas sehr Hartes knallte. Einen Moment lang wurde mir schwarz vor den Augen. Pham sah die ganze Zeit zu, ohne eine Miene zu verziehen.

»In Ordnung, weißer Junge«, sagte Pham zu Ray. »Zeig's mir.«

Als er an seinen Reißverschluß faßte, drehte er sich um und blinzelte mir zu, und in diesem Moment trat ihm Pham mit der Spitze ihres Turnschuhs mitten zwischen die Beine, direkt in die Eier. Es hörte sich an, als hätte sie gegen einen Zementblock getreten. Ray holte einmal jäh tief Luft und wirkte überrascht, während er bewegungslos dastand, den Reißverschluß noch immer zwischen den Fingern. Pham traf ihn noch mal an derselben Stelle, und diesmal zermalmte sie ihm die Knöchel, und ich hörte Finger brechen.

Ray stand einfach wie gelähmt da. Pham sah sich um, hob die leere Netzpistole auf, hielt sie in beiden Händen, holte über dem Kopf damit aus und ließ sie mit solcher Wucht niederfahren, daß sie mit den Füßen vom Boden abhob, als das Ding auf Rays Kopf knallte.

Er wankte mit offenem Mund umher und schlug wie in Zeitlupe mit schlenkernden Armen um sich. Pham schob den Unterkiefer vor, stemmte die Hände in die Hüfte und schritt auf ihn zu, als gäbe es einige Dinge, die sie sich von der Seele reden wollte. Ray wich zwei Schritte zurück und berührte mit der linken Hacke die silberne Blase in dem Schrank.

Was immer sich da drin befand, es mochte ihn. Er wurde langsam hineingezogen, und als schon sein halbes Bein in dem Ding verschwunden war, bemerkte er, was passierte und begann erschrockene Laute von sich zu geben. Kubo sah von der Wand mit verschwommener Aufmerksamkeit zu.

Als Ray mit dem anderen Bein hineinglitt und bis zur Taille drinsteckte, erholte er sich so weit von dem Schlag, daß er wieder auf Pham aufmerksam wurde und mit beiden Armen nach ihr winkte. »Bitte«, bettelte er. »Hilf mir ! Zieh mich raus ! Bitte !«

»Wir brauchen nicht noch mehr Arschlöcher«, sagte Pham.

Ray steckte jetzt bis zur Taille drin, und im Innern der silbernen Blase, in die sein Körper langsam hineingezogen wurde, flatterten und hüpften mehrere dunkle Gebilde. »Ich kann auch nett sein«, winselte er und blickte zur Tür.

Durch die Maschen des Netzes konnte ich Onkel Heng nur mit Mühe im Türrahmen stehen sehen, wo seine Grimasse ein so breites Grinsen zeigte wie noch nie zuvor. »whi' shi'«, murmelte er.

Ray war inzwischen bis zur Brust verschwunden und versuchte mit den Händen den Rahmen der Schranktür zu fassen, während Pham mit dem Messer, das er fallengelassen hatte, zu mir kam und sich daranmachte, mich zu befreien.

»Ich werde richtig nett sein !« schrie Ray, bis zum Hals in der Blase. »Das war nur ein Spaß !« Und dann glitt sein Gesicht hinein, und das letzte, was wir sahen, war seine schmierige Schädeldecke - und sobald die verschwunden war, flog eine Katze heraus, genau wie eine der Botschaften, und landete auf ihren Füßen.

Es war die, die Ray am vorigen Abend umhergeschleudert und mit dem Messer verletzt hatte - nur sah sie jetzt sehr viel besser aus, gesund und wohlgenährt, als hätte sie viel Zeit gehabt, sich zu erholen. Sie sah uns drei an und trottete zwischen Hengs Beinen durch die Tür, den Schwanz hoch erhoben.

»Meine Katze ist wieder da«, sagte Heng, wandte sich um und ging zurück zu seinem Stuhl.

Als ich Kubo von dem Haken losmachte, sauste eine Karte mit einer Botschaft aus der Blase, woraufhin sie sich in einem Flimmern auflöste und einen leeren Schrank zurückließ.

Pham hob die Karte auf, las sie und zeigte sie mir. DANKE. DER IST GRÖSSER stand drauf.


Am nächsten Morgen weckten mich lautes Geschrei und Getrampel. Einige Sekunden glaubte ich, ich sei wieder in Käfig 97, und die Wiesel seien hinter mir her. Aber als ich völlig wach war, stellte ich fest, daß das Gebrüll einen italienischen Akzent hatte.

Sammartini war zurückgekommen. Er hatte wahrscheinlich seine kostspieligen Geräte auf dem Rücksitz des Wagens aufgestapelt gesehen. Sie nahmen sehr viel weniger Platz ein, als sie sollten.

Ich stieg aus dem Bett und bereitete mich darauf vor, mir ein Donnerwetter anzuhören, Sammartini mein Geld fürs College zu geben und mich als sein Sklave anzubieten, um den Rest abzuarbeiten. Auf meinem Nachttisch stand die Kiste mit den Scheiben, und ich überlegte trübe, wie angenehm es wäre, mich einfach dünnezumachen - in den Käfig siebzehn zu verschwinden und den Nilpferdkühen zuzusehen, bis Sammartini mich vergessen hätte … oder…

Inspiration ist eine feine Sache.

Ich zog mir einen Morgenmantel über und ging schnell rüber. Mein Vater saß auf der Klavierbank und machte einen sehr verwirrten Eindruck.

Sammartinis Kopf war hochrot - seine Augen sahen aus, als hätten sie nach einem Dutzend Martinis zu tränen angefangen, und Spinnennetze geplatzter Adern überzogen seine Backen und seine Nase mit einem fleckigen Rot. Sein Anzug sah allerdings erstklassig aus - sehr teuer und maßgeschneidert, um bei seinem Hängebauch und seinem unförmigen Pferdearsch zu passen. Er war ein reicher Mann, der nicht glauben konnte, daß jemand, der weniger Geld hatte als er, es wagte, sich mit ihm anzulegen. Er konnte es einfach nicht glauben. Es war zu hoch für ihn.

»Dein Vater schuldet mir fünfzehntausend Dollar für die Geräte, die ich ihm geliehen habe - und noch einmal zehntausend wegen Vertragsbruch. Sie können nicht einmal Noten lesen«, brüllte er und stampfte mit den Füßen. Seine Adern glühten. »Los, spielen Sie das«, sagte er und zeigte auf das Blatt mit Chopin auf dem Notenhalter. »Spielen Sie das, Sie Jammerlappen. Jesus Christus. Jesus Christus !«

Mein Vater zuckte die Achseln.

»Ich habe Ihre Sachen kaputtgemacht, Mr.Sammartini.«

»Ich kann's nicht glauben. Jesus Christus. Eine ganze Familie davon. Jesus Christus. Wo kommen so Leute wie Sie überhaupt her ? Stammen Sie von Niggern ab oder was ? Du lügst doch, dein Vater hat meine Sachen ruiniert - Leute wie Sie gehören nicht in diese Welt, verstehen Sie ? Wenn ich das nächste Mal höre, daß die Universität Versuchstiere braucht, werde ich Leute wie Sie vorschlagen. Jesus. Es könnte Ihnen noch schwere gesundheitliche Probleme einbringen, daß Sie meine Sachen zerstört haben, das sage ich Ihnen. Jesus Christus !«

»Ehrlich, Sir«, sagte ich. »Ich werde für die Sachen bezahlen, wenn Sie wollen.«

Meinen Vater schien das zu amüsieren.

»Du willst das bezahlen ?« Mr.Sammartini wirkte erstaunt.

Er schlug die manikürten Hände über dem Kopf zusammen.

»Und als Zeichen für meine Dankbarkeit, daß Sie uns die Geräte geliehen haben«, fuhr ich fort, »möchte ich Ihnen das hier geben, sozusagen als Anzahlung.«

Er sah sich die Scheibe sorgfältig an. »Was ist das denn für ein Mist ?«

»Nun, Sir …« (Ich gab ihm den Zahnstocher an meinem Schweizer Messer und trat zurück.) »Wenn Sie damit nur einmal in das kleine rote Licht drücken würden …«

»Was soll dieser Siebenundneunzig-Quatsch hier bedeuten ? Damit kann ich nichts anfangen. Ich brauche meinen Titelsong und fünfzehntausend Dollar, du Schwachkopf.« Trotzdem nahm er den Zahnstocher, drückte in das rote Licht auf der Scheibe und stand auf einmal da, als ob ihn jemand mit einem Cadillac angefahren hätte.

Zuerst hatte ich die Scheibe auf achtunddreißig eingestellt, um ihm nur ein bißchen Angst zu machen, damit er sich beruhigte. Aber er war ein Dreckskerl von Siebenundneunziger-Format.

»Mr.Sammartini ?« fragte mein Vater nach etwa zwanzig Sekunden. »Geht's Ihnen gut ?« Er sah mich an. »Geht's ihm gut ?«

Ich zuckte die Achseln. »Ich habe den Eindruck, als hätte er so eine Art Anfall.« Durchs Fenster konnte ich seinen Continental sehen, dessen Fahrer sich aufs Dach lehnte und eine Zigarette rauchte. »Ruf doch den Kerl da, damit er reinkommt und ihn mitnimmt.«

Während mein Vater draußen war, holte ich den Zollstock aus dem Schrank im Flur und stieß Sammartini die Scheibe aus den Händen. Ich würde mich später damit beschäftigen, sie zurückzustellen.

Als mein Vater mit dem Fahrer ins Zimmer zurückkam, saß Sammartini in der Tür auf dem Fußboden. »Mein Gesicht … mein Gesicht …«, murmelte er. Weil ich selbst schon einmal mit diesen Wieseln zu tun gehabt hatte, konnte ich mir vorstellen, daß sie ihn jetzt vielleicht wie einen Fleischklumpen umherwarfen und seine Augenlider anknabberten.

»Mensch«, sagte Vater. »Er sieht aus wie ein kleiner Junge, der … der …« Ein seltsamer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Er sah zum Klavier, summte ein paar Töne, sah dann zurück zu Sammartini, der immer noch »Mein Gesicht … mein Gesicht …« murmelte, und wieder zum Klavier. »Das ist es !« rief er.

»Was ist ?« fragte der Fahrer. Er war ein großer, pferdegesichtiger Bursche in einem billigen Anzug, und er machte einen verwirrten Eindruck. Mit seiner schnittigen Hakennase.

Vater setzte sich auf die Klavierbank, warf einen Blick auf das Notenblatt mit Chopin und hämmerte das Stück mit unglaublicher Geschwindigkeit auf der Tastatur herunter. Als er fertig war, wandte er sich um, strahlte und deutete auf das Blatt. »G … e … es … habt ihr gehört ? Ha ! Ich konnte mich nicht mehr erinnern, welche Noten auf den Linien und welche in den Zwischenräumen stehen, aber das hat mich wieder drauf gebracht.« Er drehte sich um, spielte einige Takte von etwas Großem und Dramatischem und blickte noch mal über die Schulter zu uns. »Wie wär's mit einer Pizza Margarita für jeden ?« fragte er großzügig.

»Nun ja«, sagte ich. »Es ist erst halb acht, und ich muß zur Schule.«

»Ich hätte gern eine«, erwiderte der Fahrer unruhig. »Wissen Sie, ich werde nervös, wenn ich ihn … ahm … wenn ich ihn mit bloßen Händen anfassen muß.«

Der fette Mann saß dort auf dem Fußboden und stammelte wie ein Idiot, und irgendwie tat er mir leid, aber was soll's ? Wenn man die Familie von jemandem schikaniert, dann darf man sich, glaube ich, nicht beschweren, wenn jemand einen einem Rudel Wieseln vorwirft und man ein bißchen angeknabbert wird.

»Vater ?«

»Ja, mein Sohn ?«

»Hast du immer noch diesen Button-Drucker, du weißt doch, mit dem man Buttons drucken kann, die man sich ans Hemd heftet ?«

»Er ist oben in meinem Schrank.«

»Danke. Ich könnte ihn heute vielleicht für mein Wissenschaftsprojekt gebrauchen.«

Der Hakennasige und mein Vater aßen eine Pizza Margarita zusammen, und während ich mich für die Schule fertigmachte, hörte ich ihn sagen, er habe immer befürchtet, daß so etwas passieren würde, weil Mr. S. ein solches Temperament hatte. Er war sehr zurückhaltend, und nach einer netten kleinen Plauderei über seine Frau und seine Kinder schleiften er und mein Vater Sammartini hinaus und luden ihn auf den Rücksitz des Continental. Sammartini sabberte und schwatzte dabei unentwegt. Jetzt hatte er einen Käfig ganz für sich allein.

Als ich schließlich mit meinen Büchern unterm Arm ging, saß mein Vater mit einem Lächeln auf dem Gesicht am Klavier und spielte wunderschöne Sachen, einfach so aus dem Kopf.

Mein Vater.

Pham hatte mir alles Gute gewünscht, als wir uns auf dem Gang vor meiner Wissenschaftsklasse trafen, und während wir redeten, ging Andrea hinein, lächelte und drückte die Brust noch etwas weiter heraus.

»Hast du deinen Vortrag im Kopf?« fragte Pham in der letzten Minute.

»Nun ja … so etwa.«

»Du machst das schon«, sagte sie und drückte meinen Arm. »Die Schule ist sowieso nächste Woche vorbei.«

»Ich fürchte nur, daß ich bei Zick inzwischen völlig unten durch bin.«

Die Klingel ertönte, aber ich saß auf meinem Platz, bevor sie aufhörte, und Zick wartete auf mich, grinste und beugte sich über den Katheder.

»Guten Morgen, Dell. Hast du die letzte Nacht mit deinen Dämonenfreunden zugebracht ?«

Heute war die Spitze seines Pickels weiß.

»Mein Bericht ist fertig, Sir.«

»Bericht ? Bloß ein Bericht ? Wo ist dein Anschauungsmaterial ?«

»Äh … es gibt ein paar Graphiken, die ich auf die Tafel zeichnen wollte.«

»Klar«, hörte ich Andrea flüstern.

»Keine Vorführungen und kein Anschauungsmaterial ? Kreidezeichnungen für sich genommen sind nicht gut genug, Dell. Hast du kein anderes Anschauungsmaterial ? Wenn du kein Anschauungsmaterial hast, das zu deinem Projekt gehört, dann ist es einfach nicht akzeptabel.«

»Ich habe eine Menge Informationen, die ich …«

Er blickte zur Decke und schüttelte den Kopf. »Du hast keine Bilder, nichts vorzuführen, und du verlangst von mir zu erlauben, daß du versuchst, diese Schüler einer Gehirnwäsche zu unterziehen, bis sie dir irgendeine satanische Litanei abkaufen, die du dir zusammengebraut hast ? Du erwartest von mir, daß ich das tue ?«

»Ich habe nur erwartet, mein Projekt vorstellen zu dürfen, Sir.«

Jetzt sah er mich an. »Bye-bye, loverboy«, flüsterte Andrea hinter vorgehaltener Hand.

»Du hast erwartet, meine Klasse als Forum für deine krankhaften Ideen zu mißbrauchen, aber das werde ich nicht zulassen. Ich habe mir deine Mittelschulzeugnisse angesehen, Dell, und ich glaube, noch etwas Wissenschaft auf dem College würde dir gut tun. Das nächste Projekt.«

Ehe jemand antworten konnte, hob ich die Hand. »Mr. Zick, ich akzeptiere Ihre Entscheidung. Und um zu zeigen, daß ich für meinen Teil nicht böse bin, möchte ich Ihnen das hier geben.« Ich nahm den Button aus meiner Tasche. Ich hatte heute morgen nicht genug Zeit gehabt, um allzulang daran zu arbeiten, aber mehr als ein bißchen Klebstoff und einfache künstlerische Handarbeit waren auch nicht erforderlich.

Ich stand von meinem Tisch auf und hielt ihm den Button hin, damit er ihn las, bevor er mich auffordern konnte, mich zu setzen … Und ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

»Ha, ha, haa !« kam eine Art Lachen. » ›Darwin war ein Roter‹ - vielleicht gibt's noch Hoffnung für dich, Dell.«

Ich bewegte mich schnell, berührte den roten Fleck auf der Scheibe, die ich auf die Rückseite des Buttons geklebt hatte, und versuchte mich innerhalb von drei Sekunden von ihm zu entfernen, ehe das Feld sich stabilisierte. Ich ließ sie auf seinen Tisch fallen, sah so eben noch die bussardgroßen Fledermäuse, die aus der Luft auf uns zustürzten, und hoffte, mein Schwung würde mich an ihm vorbei und aus der Reichweite des Dings befördern, ehe es mich festhalten konnte.

Und ich schaffte es.

Zick stand daraufhin bewegungsunfähig vor der Klasse, und die Brille rutschte ihm langsam über den Pickel die Nase hinunter, während sein Kopf sich mit Visionen aus dem Käfig 58 füllte. Achtundfünfzig war nicht so schlecht, wenn einem ziemlich große Fledermäuse nichts ausmachen.

Die Klasse sah ihm eine halbe Minute lang zu, und während dieser Zeit gab er nur einen Laut wie ein ›Buhh‹ von sich und fing ganz schön an zu schwitzen. Ich setzte mich wieder hin und holte wie alle anderen ein paar Hausaufgaben hervor, um mich damit zu beschäftigen. Die Klasse war ruhig. Nachdem wir uns ein paar Jahre mit der Pubertät rumgeschlagen hatten, erschien uns nichts mehr als zu sonderbar. Zick buhte noch ein paarmal, dann ertönte die Klingel, und wir gingen alle.


Es war ein schöner Tag. Pham bot mir etwas von ihrem Essen an, und wir saßen da und aßen und sahen einigen Leuten zu, die auf dem Platz Frisbee spielten.

»Was willst du mit den ganzen kleinen Metalldingern anfangen ?« fragte Pham.

»Nun ja, ich hätte schon Lust, noch ein paar andere Käfige auszuprobieren, aber andererseits benutze ich diese Dinger, als sei ich ein großes Tier, das kleineren weh tun will.« Ich blickte über den Fußballplatz und beobachtete die weiße Frisbee-Scheibe, die wie in Zeitlupe in einem langgezogenen Bogen dahinschwebte. »Ich weiß nicht. Es sieht so aus, als ob jeder irgend jemand anderem etwas Gemeines antut - natürlich nur aus den besten Gründen.«

Ein gelber Schmetterling landete auf der Plastikbox, in der ihr Essen gewesen war. Er flatterte zweimal mit den Flügeln und flog auf den Platz zu. »Vielleicht ist Käfig 37 so gemacht worden«, sagte sie.

»Kein schöner Gedanke.«

»Ja.« Sie breitete die Hände aus und grinste. »Aber wir sind hier.«

Sie hatte es erfaßt. Sie hatte es wirklich erfaßt. Es ist fast ein Wunder, aber wir sind hier.

Gegenüber von uns schwebte die weiße Frisbee-Scheibe durch die Sommerluft, und gelbe Schmetterlinge flatterten im Sonnenschein wie Fetzen von Notizpapier, die vom Himmel fielen.



Gelesen in:
Der Fensterjesus
Internationale scienc Fiction Stories
HEYNE-Buch 4880
ISBN 3-453-05396-6