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Die Knochenfloete

Die Knochenflöte
von
Lisa Tuttle



http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1327&Itemid=55

Ich verliebe mich stets in schöne Männer, die mir das Herz brechen. Vielleicht mag ich es so. Es gibt Schlimmres als verlassen zu werden.
Zum erstenmal traf ich Venn in einer Raumhafenbar. Nicht, daß ich oft in Bars herumhinge, doch ich war fremd auf dieser Welt, kannte niemanden und wußte nicht wohin, außerdem war ich müde und sehnte mich nach einem dunklen und ruhigen Ort.
Die Bar nannte sich Weißer Vogel, und um diese Zeit war sie dunkel und ruhig. Das Licht wurde von glühenden künstlichen Vögeln gespendet, die scheinbar wahllos durch den Raum flatterten, sich für kurze Zeit niederließen und so verschiedene Stellen des Raums beleuchteten. Die Tänzerinnen, die gerade nicht beschäftigt waren und um einen Tisch herumsaßen, vervollständigten den Vogeleindruck durch ihre Federkostüme, die sich mehr oder weniger entblößend spreizten und wieder schlossen. Außer den Tänzerinnen und mir hielt sich nur noch eine andere Person in der Bar auf - ein sehr hübscher dunkelhaariger junger Mann, der bei ihnen saß.
Gelächter klang von den drei kostümierten Frauen und dem Mann herüber, und obwohl ich nicht verstehen konnte, was sie sagten, schien der junge Mann mit etwas geneckt zu werden.
Er erhob sich gerade von seinem Platz, als ein Vogel über seinen Kopf flog und das Gesicht plötzlich beleuchtete. Ich empfand seine Schönheit wie einen Schmerz im Magen. In diesem Augenblick hätte er mit dem Bart und den klassischen Zügen ein antiker Gott sein können, der sich einem verborgenen Beobachter offenbarte. Er lachte noch immer, und da er seine Aufmerksamkeit ganz den Tänzerinnen widmete, bemerkte er meine Anwesenheit nicht.
Er deutete auf eine der Frauen, und die beiden anderen begannen zu johlen und zu klatschen. Die Frau, der er ein Zeichen gegeben hatte, griff mit der Hand hinter den Kopf und war plötzlich nackt.
„Nun zieh deine Kleider aus !“ sagte sie mit deutlich erregter Stimme. Er zögerte und ließ seinen Blick durch die Bar schweifen. Der Blick glitt über mich hinweg, er wandte sich um und streifte sichtlich selbstbewußt seinen einteiligen Anzug ab, seine Bewegungen waren sicher bis auf das leichte Zittern der Beine und die Unbeholfenheit, mit der er den gefalteten Anzug über den Sessel legte. Er wandte der nackten Frau den Rücken zu und beugte den Kopf, und sie befestigte etwas in seinem lockigen schwarzen Haar.
Federn spreizten sich über die Schultern, die Schenkel entlang und um die Taille - weiße Federn, von Goldfäden durchzogen. Sie betonten die Brustwarzen, verbargen die Genitalien und lagen wie verirrte Schneeflocken auf seinem Haar.
Er schaute an sich herunter und lachte laut heraus, darauf begann er zu stolzieren und wandte sich ab, als die drei Frauen applaudierten.
Die nackte Frau warf sich in einen Sessel, und eine der anderen sprang auf und stürzte hinter die Bar. Der große Tresen war nun wie ein Laufsteg beleuchtet, und ich erkannte, daß er auch eine Bühne war. Die sanfte Hintergrundmusik schwoll an, erfüllte den Raum und wurde zu einem harten, treibenden Rhythmus.
„Zeig uns, was du kannst !“ rief die Frau, die ihm das Kostüm geliehen hatte. „Los, zeig, was du drauf hast !“
Ihre Stimme war eine genaue Imitation der lauten, betrunkenen Pöbeleien, die oft an sie gerichtet wurden, und sie saß da, als sei ihre Nacktheit eine Uniform von hohem Rang.
Die beiden anderen Frauen schoben die Sessel näher an die Bar. „Fang an !“ riefen sie. „Spring rauf !“ Sie lachten und stießen sich mit verschwörerischem Blick an.
Wenn er nervös war, zeigte er es nicht. Ein angedeutetes belustigtes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Die Federn schienen auf der dunklen Haut und dem schwarzen Haar zu leuchten. Ein seltsamer Anblick, doch ich sah nie etwas Begehrenswerteres.
Plötzlich stürmte er vorwärts und zog sich am Bartresen hoch. Linkisch erklomm er die Bühne, stellte sich aber schnell auf die Füße. Dann stand er ruhig da, bewegte den rechten Arm und schnippte mit den Fingern, als Antwort flog ein Vogel auf ihn zu und ließ sich auf dem ausgestreckten Finger nieder. Er hielt ihn unter das Gesicht, und das emporscheinende Licht verwandelte dämonisch seine Züge. Die Federn in seinem Haar glichen fast Hörnern, und die an seinem Körper schienen nichts Menschliches zu verbergen.
„Meine Damen“, sagte er mit tiefer Stimme. „Zu ihrem Vergnügen: Die exotischen Tänze und erotischen Talente von Venn.“
Beim letzten Wort warf er den Arm hoch, ließ den Vogel auffliegen und begann zu tanzen.
Ich befand mich keineswegs in kritischer Stimmung, doch schien mir Venn der geborene Tänzer zu sein. Offensichtlich besaß er keine Übung, doch er war gänzlich ohne Hemmungen, leicht in den Bewegungen, und erfaßte schnell das Gefühl für die Musik. Seine verführerischen Gesten waren nicht subtil, aber wirkungsvoll. Als ich ihn tanzen sah, stieg meine Erregung noch, und es war durch die sich hebenden und wieder fallenden Federn hindurch offensichtlich, daß seine Bewegungen auch ihn erregten. Als der Tanz beendet war, brach ich noch vor seinen Freundinnen in begeisterten Beifall aus. Befremdet sah er in meine Richtung und schien mich zum erstenmal wahrzunehmen. Als er von der Bühne herunterstieg, kam er zuerst zu mir und nicht zu den Tänzerinnen, die seinen Namen riefen und Bemerkungen zu seinen Tanzkünsten machten.
Er stand dicht vor meinem Platz und schaute auf mich herab. Venn atmete schwer, ich sah den Schweiß auf seinem Gesicht und konnte den schwachen Duft seines Körpers riechen. „Darf ich Sie zu einem Drink einladen ?“ fragte er.
Ich fühlte mein Herz schneller schlagen. „Die Einladung sollte von mir kommen“, erwiderte ich. „Als Ausdruck meiner Bewunderung. Ich habe Ihren Auftritt sehr genossen.“
Seine Augen lächelten. „Wir werden uns gegenseitig einladen. Aber lassen Sie mich zuerst die Kleider wechseln, diese Federn sehen doch ein bißchen verrückt aus.“
Ich sah zu, wie er zu den Tänzerinnen ging, und sie beobachteten mich. Die nackte Tänzerin lächelte. Ich nickte als Antwort höflich, sie zuckte nur die Schultern und wandte sich ab.
Venn erschien wieder im einteiligen Anzug, der jetzt bis zum Nabel geöffnet war, und er ging immer noch mit bloßen Füßen. Er ließ sich in den Sessel an meinem Tisch fallen.
„Erschöpft ?“ fragte ich.
„Es war anstrengend. Aber so sind Dinge nun mal, die Spaß machen. Glücklicherweise.“ Er betrachtete mich von Kopf bis Fuß und nahm sich Zeit dabei.
„Sie sind - geschäftlich hier ?“
„Wie haben Sie das herausgefunden ?“
„Sie sind nicht von hier, und dieser Ort zieht nicht viele Frauen an. Es sieht eher so aus, als seien Sie hereingeschneit, um ein paar Stunden totzuschlagen. Wir befinden uns auf einem Raumhafen, Sie sind nicht in Uniform, Sie sind allein …“ Er zuckte die Schultern. „Es gibt Dutzende anderer Möglichkeiten, aber Geschäftsmann ist ein sicherer Tip und nichts, was Sie beleidigen könnte, sollte es falsch sein.“
„Und Sie“, fragte ich, „kein professioneller Tänzer … der Barmann ?“
Er zog eine Grimasse. „Ich wünschte, Sie hätten das nicht erraten“, sagte er in schmerzlichem Ton.
Ich lachte. „Ihr Herz hängt nicht daran“, sagte ich. „Sie machen es nur, bis sich etwas Besseres bietet. Ihre wahren Interessen liegen in … Kunst ?“
Musik“, entgegnete er. „Ich bin Komponist und trete auch auf, wenn ich Publikum habe.“ Er wirkte viel lebendiger, als er über sich sprach. „Genaugenommen bin ich nicht der Barmann. Ich kam her, um mich für die Stelle zu bewerben - von der automatischen Bar abgesehen, mag man den menschlichen Kontakt in den Stoßzeiten. Aber der Besitzer ist nicht erschienen. So kam ich mit den Tänzerinnen ins Gespräch.“
„Vielleicht sollten Sie sich um eine Stellung als Tänzer bewerben“, schlug ich vor.
„Es würde mir nichts ausmachen, wenn Sie das Publikum wären.“ Er schenkte mir einen Blick, der mich hinschmelzen ließ.
„Erzählen Sie von sich“, forderte er mich auf. Ich folgte seiner Bitte und erzählte die interessante Version, die all die Welten aufzählte, auf denen ich gelebt und Abenteuer bestanden hatte, doch die wenig von mir preisgab.
Während er mir zuhörte, schätzte Venn mich ständig ab. Bevor er sprach, war er immer auf eine positive Reaktion bedacht. Es war das Gehabe eines Diplomaten oder Kriechers, das ich da entdeckte. Aber es spielte keine Rolle. Es schmeichelte mir, daß er es auf sich nahm, mich zu beeindrucken. Und wenn er über die Musik und seine Träume von Erfolg sprach, war ich so interessiert und gebannt, wie er es sich nur wünschen konnte. Wenn er mir etwas vormachte, tat ich es mindestens ebensogut. Ich wollte ihn, und ich war entschlossen, ihn zu bekommen.
„Wie lange bleiben Sie ?“ fragte er mich.
„Morgen reise ich nach Habille.“
Mir war klar, daß ihn das sehr interessierte. Erwähne einen der Verlorenen Planeten, und bei jedem Zuhörer zeigt sich unbändiges Interesse.
„Habille“, sagte er, dem Namen nachsinnend. „Ich würde zu gern nach Habille gehen. Einer meiner Lehrer lebte einmal da, um die dortige Musik zu studieren. Ich würde sie so gern kennenlernen – es müßte faszinierend sein, die Entwicklung ihrer Musik kennenzulernen, die im Lauf der Jahrhunderte von der allgemeinen Kultur abgeschnitten wurde.“
Es herrscht große Nachfrage nach allen Kunstformen der Verlorenen Planeten“, bemerkte ich. „Die Menschen glauben, dort herrsche ein Zauber, eine Ursprünglichkeit, die wir anderen verloren haben.“ Ich zuckte die Schultern. „Ich war noch nie auf Habille, aber die anderen Verlorenen Planeten sind meist recht öde Orte. Sie haben ihre Merkwürdigkeiten, doch springen die wirklichen Unterschiede nicht sofort ins Auge. Es braucht Zeit und Geduld, sie zu entdecken – und sie sind es auch nicht unbedingt wert. An der Oberfläche haben sich die Dinge schon verändert. Sie sind wieder Teil der allgemeinen Kultur. Unter der Oberfläche mögen sie noch andersartig sein. Das Erbe ihrer Vergangenheit beruht auf einem von uns verschiedenen Glauben und Handeln, obwohl sie der Mode in Kleidung, Technik und Unterhaltung folgen.“
„Aber es bestehen doch Unterschiede“, beharrte er. „Die Totensprecher von Far Weiss …“
Ich bemühte mich, keine Grimasse zu schneiden, um ihn nicht zu verletzen, wenn er schon an so etwas glaubte. „Ein äußerst gewinnbringender Unterschied für Far Weiss“, stellte ich fest. „Doch ich dachte an etwas weniger - Bestimmtes. Etwas Grundsätzliches, das sich in der gesamten Kultur zeigt. Auf Habille zum Beispiel, so hörte ich, bleiben die Menschen ein Leben lang verheiratet. Untreue ist undenkbar. Verlieben sie sich, geschieht das für immer - weniger ist für sie nicht möglich.“
Er forschte in meinem Gesicht, seine dunklen Augen wurden sanfter. „Das gefällt Ihnen ?“
Ja.“
Er lächelte. „Wenn Sie dort sind, werden Sie wahrscheinlich erkennen, daß es sich nur um eine feudale Einstellung der Ehe gegenüber handelt, mit strengen Strafen für den, der aus der Reihe tanzt.“
Ich schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht. Es ist angeboren. Absolut natürlich. Sie verlieben sich einmal für alle Zeit, sie benötigen dazu so wenig Gesetze und Institutionen wie zum Atmen.“
Er lehnte sich dicht an mich. Seine Augen waren eindringlich und ernst, obwohl er lächelte. „Was unterscheidet die Bewohner von Habille so von uns ? Wie gelingt es ihnen, wo der Rest der Menschheit träumt und glaubt und unvermeidlich scheitert ?“
Es verlangte mich, ihn zu berühren. Ich war der Worte müde. Einige wenige brachte ich noch heraus. „Vielleicht ist es eine Sache des Glaubens. Sie wachsen auf und vertrauen in einer Weise auf die Liebe, wie wir es nicht können. Wir erwarten zu scheitern, obwohl wir hoffen, daß es nicht geschieht. Sie jedoch glauben nicht, daß sie scheitern können. Sie verlieben sich nur einmal, und ihr Glaube untermauert dies, macht es unweigerlich. Etwas anderes können sie sich nicht vorstellen - und was nicht vorstellbar ist, ist auch unmöglich.“
Später, nach mehr Drinks und dem Abendessen, fragte ich Venn, ob er die Nacht mit mir verbringen wolle. Als ich fragte, wußte ich, daß er wußte, ich wollte mehr als das, und als er bejahte, wußte ich, er würde bei mir bleiben.

Ich werde mich immer an unsere Reise nach Habille erinnern: An diesen abgeschlossenen, vollkommenen Zustand, als wir eine Welt für uns bildeten. Das Raumschiff machte seinen eigenen mysteriösen Fortschritt durch das schweigsame All, und wir waren uns selbst genug. Wir liebten uns, wir schliefen, wir aßen, wir spielten wie zwei Tiere in einer sicheren Höhle. Niemand störte uns: Die Außenwelt existierte nicht. Manchmal sang mir Venn selbstkomponierte Lieder vor und ich spendete Beifall. In meinem verliebten Zustand waren sie Musik in höchster Vollendung.
Venn erzählte Geschichten aus seiner Vergangenheit - meist über die vielen Frauen, die ihn geliebt hatten. Er wollte mich nicht eifersüchtig machen, er ließ mich nur wissen, daß er unwiderstehlich war. Er war nicht so erfolgreich wie ich, er schlug sich von Job zu Job durch und träumte von dem Tag, an dem seine Musik entdeckt und ihn reich und berühmt machen würde. Doch noch war er unbekannt. Seine Liebe würde so lange währen, wie ich sie als Geschenk zu würdigen wußte. Nur so lange, wie ich ihm das Gefühl gab, unersetzlich zu sein.
Der Zauber starb, als wir Habille erreichten.
Dort mußte ich die Gedanken notwendig auf die Arbeit richten, ich hatte kaum Zeit und Aufmerksamkeit für Venn, und er war über die Änderung unserer Beziehungen keineswegs erfreut. Er wurde launisch und besitzergreifend. Doch als ich versuchte ihn einzubeziehen, indem ich seinen Rat beim Kauf eines Kunstwerks, eines Wandteppichs oder einer Metallplastik erbat, schaute er nur mürrisch drein und beschuldigte mich, ihn von der Arbeit abzuhalten. Nachdem er sie ganz genossen hatte, war er mit einem Teil nicht mehr zufrieden.
Habille selbst war eine bittere Enttäuschung für Venn. Trotz meiner Warnungen erwartete er Fremdes, ein exotisches und schönes Geheimnis.
Doch Habille erwies sich als nicht inspirierend; eine unbeeindruckende Industriewelt, die schnell all die modernen Errungenschaften der Planeten übernommen hatte, doch keine der Annehmlichkeiten und Moden, die das Leben interessanter machten. Auf Habille bestand kein Interesse an anderen Welten - sie besaßen ihre Welt und ihre Kultur, und das war alles, was sie kannten oder kennen wollten. Ein anderer Planet hätte den Touristen architektonische Wunder und bizarre Rituale geboten, doch Habille behielt seine kulturelle Andersartigkeit verborgen. Ich zweifelte jedoch nicht, daß sich unter der Oberfläche eine große Fremdheit verbarg. Was es sein mochte, konnte ich jedoch nicht erkennen.
Der Großteil der Bevölkerung lebte in riesigen häßlichen Städten. Die landwirtschaftlichen Gebiete, die weite Teile der südlichen Region und des einen Ozeans einnahmen, wurden von ferngesteuerten Maschinen bearbeitet. Ich gebe zu, daß auch mein Herz beim Anblick der ersten dieser unschönen Städte sank - was konnte ich an einem solchen Ort zu finden hoffen ? Die Alternative zu den Städten waren kleine, unfruchtbare Dörfer, die aus hellbraunen kuppelartigen Steinhäusern bestanden. Sie schienen mehr aus dem flachen Boden hervorgebrochen denn ein natürlicher Bestandteil der gleichförmigen staubigen Landschaft zu sein. Sie wirkten kaum wie von Menschen erbaute ästhetische Formen. Die Dörfer waren völlig von den Städten abhängig, ihre Einwohner setzten sich zum großen Teil aus Handwerkern und Künstlern zusammen, die ihre Arbeiten an die Städte verkauften, um so ihr Leben auf dem Lande führen zu können.
Ich sah die Vorzüge der häßlichen kleinen Dörfer nicht ein, bis ich einige Tage in einer der größeren Städte verbrachte. Danach entdeckte ich den besonderen, stillen Charme der Dörfer. Sie waren unaufdringlich, nicht überfüllt, ihnen fehlte der Streß und die Menschen und vor allem der Lärm der Städte.
Ich beschloß daher, als Ausgangsbasis ein Haus in einem der Dörfer zu beziehen, mit einem Mietwagen zu den anderen Dörfern und Städten zu reisen, um dort die Dinge zu suchen, derentwegen ich gekommen war. Venn gefiel diese Idee. Er behauptete, er könne in der Stadt nicht arbeiten - er sei nicht in der Lage, sich in einer solch sterilen Atmosphäre zu konzentrieren. Die Musik, die er bis dahin gehört hatte, bestand aus dem üblichen Schund, der von den anderen Planeten übernommen wurde. Vielleicht könne er in einem der Dörfer die ursprüngliche Musik von Habille finden, sagte er, und auch die Ruhe und Inspiration, um selbst zu arbeiten.
Sein Wunsch wurde schnell erhört.
Als wir in das staubige Dorf hineinfuhren, hörten wir neben dem Geräusch des Wagens schwache, hohe, vibrierende Klänge. Wir parkten den Wagen und stiegen aus. In der Stille erklang die Musik deutlicher. Die Haare auf meinem Nacken richteten sich bei den Klängen auf, und plötzlich war ich den Tränen nahe.
Ich griff nach Venns Hand, doch er schaute mich nicht an, hatte nichts bemerkt und lief auf die Klänge zu. Ich blinzelte mehrmals und folgte ihm.
Hinter der Ecke, den Rücken an die Wand eines der gelbbraunen Bienenkorbhäuser gelehnt, stand ein blasser Mann, der auf einer Art Flöte spielte, seine Augen waren geschlossen und er nahm seine Umgebung nicht wahr. Andere standen auf der Straße oder in den Hauseingängen, von der Musik ebenso angezogen wie wir.
Meine Haut prickelte und spannte sich, und ich empfand unerklärliche Angst.
Dann brach die Musik ab.
Der junge Mann nahm das Instrument von den Lippen und öffnete die Augen.
Es herrschte Stille, dann applaudierte Venn. Sofort darauf applaudierten auch die anderen Zuhörer, und der sanfte, klatschende Klang hing in der staubigen Luft. Eine seltsame Reaktion auf solch eine Musik, dachte ich, und fragte mich, ob die Einheimischen auch ohne Venn Beifall gespendet hätten. Doch um nicht unhöflich zu erscheinen, klatschte auch ich.
Der Musiker schaute um sich, schien uns jedoch kaum zu sehen, als sei er gerade erst erwacht.
Venn trat nach vorn. „Das war großartig !“ rief er. „Ich habe nie etwas Vergleichbares gehört. Was für ein seltsames Instrument spielen Sie ?“
„Es freut mich, daß es Ihnen gefällt“, sprach der Musiker langsam. Er hielt die Flöte in der Hand und betrachtete sie. „Der Beifall gebührt meiner Flöte, Alean.“
Die Flöte war weiß und wirkte merkwürdig primitiv. Sie war anscheinend aus einem Knochenteil geschnitzt.
Venn streckte die Hand aus, um die Flöte zu berühren, der Musiker zog sie plötzlich schützend an seine Brust.
„Verzeihen Sie“, murmelte Venn
Der Mann nickte und wandte sich zum Gehen.
„Warten Sie !“ rief Venn „Ich möchte Sie noch einmal spielen hören.“
„Das werden Sie“, sagte der Musiker mit einem kurzen Blick über die Schulter, dann schritt er um die Ecke und war den Blicken entzogen.
Venn hob die Augenbrauen. Ich bemerkte, wie erregt er war; zum erstenmal seit der Ankunft auf dieser Welt interessierte ihn etwas wirklich. Meine eigene Stimmung hob sich ein wenig, und ich klammerte mich an die Hoffnung, daß die Kluft zwischen uns wieder zu überbrücken war.
Aber seine Aufmerksamkeit richtete sich nur auf eine  Einwohnerin des Dorfes, einer in einem Hauseingang lehnenden jungen Frau. Sie verharrte so, obwohl die meisten anderen Zuhörer nach dem Ende der Musik weitergegangen waren. Sie beobachtete uns neugierig. Mit ihrem weichen ovalen Gesicht, den großen dunklen Augen und der schlanken Figur war sie sehr hübsch.
„Wissen Sie, wann oder wo er wieder spielt ?“ fragte Venn sie.
„Er zieht herum und spielt, wenn es ihn überkommt“, antwortete sie. „Er wird wohl noch eine Woche bleiben. Sie sind fremd hier ?“
Wir bejahten und stellten uns vor. Sie hieß Wara Duleen und erzählte, sie sei Musikstudentin.
„Ich bin selbst Komponist“, betonte Venn „Was halten Sie von dem Mann, der gerade für uns spielte ?“
„Reni Laer ist einer der Größten“, sagte sie einfach.
„Das war eine seltsame Flöte, die er spielte.“
Es war seine Frau.“ Sie lächelte. „Es mag Ihnen fremdartig vorkommen … aber bemerkten Sie, daß sie aus einem Knochen geschnitzt war ? Der Knochen stammte von seiner Frau, Alean. Sie starb vor zwei Jahren - es ist die Tragik seines Lebens. Er wollte sich selbst töten, um ihr nachzufolgen, doch dann beschloß er, mit seinem Gram zu leben. Um ihr immer nahe zu sein, schnitzte er die Flöte. Vor ihrem Tod war er ein vielversprechender Komponist und ein guter Musiker, doch nun - nun ist er großartig. Aber es bedeutet ihm nichts. Er wäre nicht imstande gewesen, dieses Lied, das Sie heute hörten, zu komponieren, hätte er nicht solch große Trauer durchlebt, ohne die Liebe seiner Frau, die auch nach ihrem Tod bei ihm ist, in der Flöte und in der Musik.“
„Das ist wunderbar“, sagte Venn sanft. „So tief zu lieben …“ Er schaute sie durchdringend an, ohne Augen  für mich zu haben. Ich mußte mich selbst vor einer besitzergreifenden Geste zurückhalten, aus Furcht, er könne mich abschütteln. Ich bemerkte, wie auch sie ihn anblickte, und sah die weiche Haut ihrer Wangen erröten. Ich empfand diesen Verrat wie einen Schlag in den Magen.
„Es würde mich freuen, einmal etwas von Ihrer Musik zu hören“, sagte Venn „Ich kann Ihnen zum Ausgleich einige meiner eigenen Lieder anbieten.“
„Das wäre schön“, entgegnete sie und schaute weg. Langsam zog sie sich in das Haus zurück.
„Venn“, sagte ich. „Wir müssen gehen. Wir haben den Wagen zurückgelassen …“
„Wir sehen uns dann später“, rief Venn Wara Duleen zu.

Das Haus, das wir gemietet hatten, war wie die anderen ein gelber Bienenkorb aus Stein, der ohne die Hausnummern über den runden Eingängen kaum zu finden war. Im Inneren waren die Häuser einfach, aber behaglich eingerichtet: vier einfache rechteckige Räume, auf zwei Ebenen wie Schachteln angelegt. Die Wände waren glatt und weiß, die Möbel von kräftigen Farben. Grob gewebte blaue und rote Teppiche bedeckten den Boden. Licht fiel aus Nischen unter der Decke; die kleinen runden Fenster ließen kaum Licht oder Luft hinein.
„Ich mag es“, sagte Venn „Das ist das wirkliche Habille - einfach und ursprünglich. So anders als die gräßlichen Städte. Das hier ist wirklich.“
Sein selbstgefälliger, glücklicher Ton verletzte mich. „Das Dorf ist auch nicht realer als die Stadt“, widersprach ich. „Es hängt vom Standpunkt ab. Die Dörfer täuschen Primitivität und Ursprünglichkeit vor, doch sie sind Parasiten, völlig von den Städten abhängig.“
Venn ignorierte mich und zog sich in den hinteren Raum zurück. „Hier kann ich wirklich arbeiten“, sagte er.
In drei Tagen entdeckte ich alles, was das Dorf zu bieten hatte. Ich fand einige Wandteppiche, Skulpturen und Gefäße und machte mir über andere interessante Dinge Aufzeichnungen. Als ich vom Weiterreisen sprach, sagte Venn einfach, er sei dazu nicht bereit.
„Ich werde mich hier niederlassen. Vielleicht bekomme ich sogar Arbeit - ich verpasse meine Chance, wenn du mich drängst mitzureisen. Fahr du und tu, was du mußt - ich bleibe hier.“
Ich zögerte noch und hoffte, er würde seine Meinung ändern. Ich glaubte ihm nicht, als er auf mich zu warten versprach. Fuhr ich ohne ihn, würde ich ihn verlieren. Nicht an seine Arbeit - ich glaubte nicht, daß Einsamkeit und Arbeit Venn lange befriedigten. Er war ein Mann, der Publikum brauchte, und das ständig. Ich hatte ihn enttäuscht, und so würde er nach einer anderen suchen.
Schließlich ließ ich ihn doch zurück und machte mich in dem Mietwagen auf den Weg. Ich vermochte ihn nicht zur Mitreise zu überreden, und meine Arbeit wartete.
Als ich drei Wochen später zurückkehrte, fand ich das Haus leer. Es sah genauso aus wie am Tag des Einzugs. Alles, einschließlich meiner Sachen, befand sich an seinem Platz. Von Venn fehlte jede Spur. Da war mir klar, daß er mich verlassen hatte, und doch hoffte ich inständig, ein Zeichen von Venn in einem der vier Räume zu entdecken. Es war vorbei - und dennoch suchte ich ihn.
Ich erfuhr von einem Konzert diesen Abend im Rathaus und ging hin. Dort entdeckte ich, daß Venn einer der Künstler war. Ich nahm im Saal Platz und glaubte nicht, daß er mich sah, als er mit seiner Gitarre die Bühne betrat. Er sang sehr gut, und ich erkannte eines der Lieder wieder, das er während unseres Zusammenseins gesungen hatte. Er wirkte entspannt und sah in der weißen Bluse und der schwarzen Hose gut aus. Während er sang, veränderte sich sein Gesicht; er wirkte weit entfernt und unberührbar. Ich litt, und ich sehnte mich nach ihm.
Als Venn seinen Auftritt beendete, blieb ich auf meinem Platz und suchte ihn nicht. Ich war so gefesselt von dem Gedanken an Venn, daß ich die folgenden Darbietungen nicht wahrnahm. Dann weckte dennoch ein Musiker meine Aufmerksamkeit.
Als Reni Laer die Bühne betrat und die Knochenflöte an die Lippen setzte, hörte ich nur noch die Musik. Tränen strömten mir über das Gesicht, als die Schwingungen seiner Trauer in mich drangen und mein Herz umfingen. Zu spät, zu spät. Für immer verloren.
Reni Laers Auftritt war der letzte. In einer Seitenhalle fand ein Empfang statt, und nur Reni Laer blieb den Drinks, den Lobreden und Plaudereien fern. Und das war gut so - Worte waren nach seiner Musik nicht angebracht. Sein Weggang befreite uns andere von einem Zauber, Trivialitäten und Worte konnten wieder sprudeln.
Ich erkannte Venn und Wara Duleen Sie standen beieinander - sie berührten sich nicht, doch ihre Haltung verriet mir alles. Bis dahin hatte ich gehofft, es sei nicht so.
„Venn“, sagte ich leise.
Ein Getränk in der Hand, vor Erfolg strahlend, drehte er sich um. Auch Wara wandte sich um, und auch sie strahlte vor Glück. Ihre Augen glitten über mich hinweg. Offensichtlich erkannte sie mich nicht.
Venns Gesichtsausdruck veränderte sich. Das Strahlen verweilte, doch Vorsicht überschattete es leicht. Er berührte Waras Arm, eine gewollt besitzende Geste. „Entschuldige mich einen Augenblick.“
Zusammen verließen wir den Empfang. Ich war in einem Zustand, daß ich kaum wußte, wohin wir gingen. In seiner Nähe vibrierten all meine Nerven, während mir gleichzeitig ein krankes, leeres Gefühl sagte, daß es zu spät war. Er war für mich verloren und nicht mehr zurückzugewinnen. Er führte mich schließlich durch die Halle und durch eine Türe auf einen kleinen Balkon, der einen Blick über das Dorf bot. Aber sogar draußen in der reinen Luft erstickte ich fast. Hinter mir schloß Venn die Tür und verbannte die letzten Geräusche des Festes.
„Ich habe dich heute abend nicht hier erwartet“, sagte er. „Nicht so bald.“
Ich wandte mich ihm zu. „Du wolltest gar nicht, daß ich zurückkehre - ob später oder überhaupt !“ rief ich. „Ich war gerade drei Wochen fort - ist das so eine lange Zeit ? Ich habe an dich gedacht - wenn du nur begreifen könntest, wie ich an dich dachte …“
Er betrachtete mich ruhig, beinahe gelangweilt, und mein Herz sank. Er war vor mir sicher, vor allem, was ich sagen mochte. Ich bedeutete ihm nichts mehr.
„Ich bedaure nicht, dich zu treffen“, sagte er. „Aber dies ist nicht der rechte Platz und die rechte Zeit für eine Aussprache.“
„Wir gehen heim. Wir können dort reden.“
Er schüttelte den Kopf. „Du weißt genau, mein Zuhause ist bei Wara Duleen“
Ich schloß die Augen. „Ich weiß“, murmelte ich. Dann schaute ich ihm wieder in die Augen. „Schenk mir doch den einen Abend. Komm zu mir und erzähle, warum du mich verlassen hast.“
„Ich will dich nicht verletzen.“
„Oh, vielen Dank !“ schrie ich zornig. Ich hoffte, er würde mich in die Arme schließen, aber er tat es nicht.
„Es gibt nichts mehr zwischen uns. Es ist vorbei.“
„Für dich ist es vorbei.“
„Du kannst kaum sagen, daß dich das überrascht.“
Ich atmete scharf aus, wandte mich ab und blickte auf das dunkle häßliche Dorf. „Nein“, gab ich zu. „Aber ich bin verletzt. Oder glaubst du das nicht ?“
Noch immer berührte er mich nicht. „Du kommst darüber hinweg“, sagte er. „Ich weiß, ich klinge grausam. Aber du wußtest von Anfang an, von dem Augenblick, als du mich in der Bar aufgelesen hast - daß es nur eine Frage der Zeit war.“
„Wir waren beide gelangweilt und allein. Gut. Aber … du warst für mich mehr als das. Du hast mir immer mehr bedeutet.“
„War das so ?“ Seine Stimme klang kalt. Er erinnerte mich daran, daß ich ihn, wenn auch ohne Absicht, zuerst verletzt hatte.
„Du denkst, ich liebte dich nicht genug“, sagte ich. „Du gabst mir keine Gelegenheit dazu.“
„Jetzt ist es zu spät; es ist sinnlos, darüber zu reden.“
Ich drehte mich um und sah ihm wieder ins Gesicht. „Ich habe meinen Teil deiner Aufmerksamkeit gehabt, richtig ? Nun ist Wara dran. Wie lange gibst du ihr ?“
Er runzelte die Stirn. „Ich liebe sie.“
„So, tust du das ? Gott helfe ihr !“ Plötzlich erinnerte ich mich, und die bittere Wahrheit brachte mich zum Lachen, obgleich nichts Amüsantes an dem Gedanken war. „Du hast alles bekommen, was du wolltest, nicht wahr ? Wenn sie dich liebt, liebt sie dich ein Leben lang. Damit treiben sie auf Habille keine Scherze. Sie wurde nicht so erzogen wie du und ich. Sie ist dein. Auf ewig. Sie wird deiner nie müde; keine Angst, sie wird dich nie verlassen. Aber was geschieht mit ihr, wenn du glaubst, fortgehen zu müssen ? Du kannst dann nicht ihr die Schuld geben, Du wirst sie zerstören.“
„Ich werde sie nicht zerstören - niemals werde ich sie verletzen“, sagte er und haßte mich für meine Worte. „Ich werde sie immer lieben.“
„Auf Habille hat immer eine andere Bedeutung. Vielleicht bedeutet hier auch Liebe etwas anderes. Ich weiß es sowenig wie du. Wara Duleen wird dich beim Wort   nehmen, als seist du ein Einheimischer. Was geschieht mit ihr, wenn du aufhörst, sie zu lieben ?“
Er trat von mir zurück auf die Tür zu. „Ich weiß, du bist verletzt“, sagte er. „Aber du hast unrecht. Du weißt nichts über mich. Du glaubst, weil ich dich nicht lieben konnte, kann ich niemanden lieben. Jetzt weiß ich, was Liebe bedeutet. Habille ist nicht der einzige Ort, wo Liebe ewig währt. Vor langer Zeit haben unsere Vorfahren …“
„Hübsche Geschichten über die Liebe haben sie sich erzählt“, warf ich ein. Ich schüttelte den Kopf, ich wußte, es war zu spät. „Hier ist es anders. Die Menschen hier sind anders. Wir kommen aus dem gleichen Stall. Aber die Jahrhunderte - und unsere verschiedenen Welten - haben uns anders werden lassen. Du bist, genau wie ich, ihrer Art von Liebe nicht fähig - ebenso wie eine Antilope. Früher oder später kommt dein ewig zu einem Ende, und du wirst sie verlassen. Du wirst so handeln, wie es für sie schier undenkbar ist. Ich weiß nicht, wie sie das überleben wird. Sie wird wahnsinnig werden, sich selbst töten - oder dich. Verläßt du sie, wird ihre ganze Welt zusammenstürzen.“
Ich verlasse sie nicht“, sagte er matt. Mit seiner Stimme schien er einen einsamen Schwur zu leisten. „Wir sind so gut wie verheiratet. Auf ewig.“

Seit dieser Nacht sind beinahe zehn Jahre vergangen. Ich bezweifelte, Venn jemals wiederzusehen, obwohl ich oft an ihn dachte. Manchmal mit Zärtlichkeit, manchmal im Zorn, manchmal mit nostalgischer Wehmut.
Doch letzte Nacht traf ich ihn.
Ich hatte über ihn nachgedacht, allein in einem Zimmer eines der besseren Hotels von New Denver, fühlte mich ausgelaugt und schaute mich nach einem Zeitvertreib für den Abend um. Ich hörte vom Auftritt eines Musikers von Habille in der Hotelhalle, und die Erinnerungen an Habille ließen meine Gedanken zurück zu Venn fliegen.
Ich fragte mich, wie lange er es auf dieser dumpfen Welt mit seiner wahren Liebe ausgehalten hatte, und ebenso fragte ich mich, wie - wenn überhaupt - Wara seinen Weggang überstanden hatte. Daß er sie verlassen hatte, bezweifelte ich nie. Ich kannte Venn gut - oder hatte ihn vielmehr gut gekannt. Meine Erwartungen waren realistisch, nicht zynisch.
Ich dachte auch an Reni Laer und die Gefühle, die ich damals bei seiner Musik empfunden hatte. Plötzlich sehnte ich mich wieder nach dieser Musik. Der Name des diesen Abend auftretenden Musikers war nicht genannt worden, doch ich war überzeugt, es müsse Reni Laer sein. Ich ließ telefonisch einen Platz reservieren, zog mich um und war mit den Gedanken bei vergangenen Zeiten.
Die Hotelhalle war nur mit dickgepolsterten Kissen ausgelegt; die Bühne bildete ein freigehaltener runder Raum in der Mitte. Etwa hundert Menschen waren bereits anwesend, saßen oder räkelten sich auf dem Boden und füllten den Raum. Ich blickte, ohne wirklich zu sehen, um mich. Ein bekanntes Gesicht erwartete ich nicht. Die Gesichter der Menschen verschwammen vor meinen Augen.
Dann verdunkelte sich der Raum bis auf ein Scheinwerferlicht in seiner Mitte, und eine Frau trat in den Lichtkreis.
Eine Frau - zuerst war ich enttäuscht, da ich Reni Laer erwartet hatte. Dann erkannte ich Wara Duleen
Ich hatte sie vor bereits zehn Jahren nur zweimal kurz gesehen, und die Jahre waren nicht freundlich zu ihr gewesen. Aber ich erkannte sie. Sie war immer noch schön, obwohl ihr früherer milder Ausdruck nun dunkel und rauh und ihr Gesicht schmaler war. Sie trug ein bodenlanges dunkelgrünes Kleid, ihr Gesicht wirkte verschlossen, und in der Hand hielt sie eine Knochenflöte.
Das verwunderte mich. Ich hatte ein anderes Instrument in Erinnerung, Geige oder etwas ähnliches.
Wara Duleen stand still und ruhig im Lichtkreis. Sie blickte, ohne das Publikum wahrzunehmen, starr geradeaus. Dann setzte sie ohne Vorbereitung die weiße Flöte an die Lippen und begann.
Nur zweimal in meinem Leben hörte ich Musik, die mich so tief, so körperlich berührte. Diese Musik machte mich schwach, eine gewaltige, rauhe Faust schloß sich um mein Herz. Ich fühlte mich schrecklich allein auf der Welt, verraten, betrogen, vom Schicksal zerbrochen. Es war ein Schmerz jenseits aller Tränen und aller Worte.
Und dann war es vorbei. Im Saal herrschte Stille, alle wirkten zu benommen, um Beifall zu spenden.
Wara Duleen setzte die Flöte an und spielte erneut.
Diesesmal verwöhnte sie uns. Ich schloß die Augen. Schmerz und Verlangen lag in der Musik, doch es war zu ertragen. Die Musik drang mit tröstlichen Versprechungen in meinen Körper. Menschen starben, und nichts holte sie ins Leben zurück, doch die Welt drehte sich weiter. Noch immer gab es das Leben, die Musik, gab es Zärtlichkeit, Wärme und Erinnerung. Ich fühlte mich einsam, aber stark.
Leichte Bewegung entstand, als die Musik zum Ende kam, zögerndes Klatschen erhob sich und dann brausender Applaus. Wara Duleen stand davon unberührt im Lichtkreis, und als der Beifall verebbte, schenkte sie uns noch mehr von ihrer unvergleichlichen Musik.
Ich weiß nicht, wie lange sie sich uns darbot. In einem Augenblick erfüllte die Musik noch den Saal, im nächsten war sie zu Ende. Wara Duleen verbeugte sich und schritt aus dem Scheinwerferlicht. Ein Angestellter in der Uniform des Hotels kündigte einen Empfang in einer halben Stunde am gleichen Ort an, für uns alle eine Gelegenheit, die Künstlerin kennenzulernen.
Wir benötigten diese halbstündige Pause, um die Musik hinter uns zu lassen und zum normalen Leben zurückzufinden. Blinzelnd saßen wir alle benommen in der verdunkelten Halle. Glücklicherweise erhellte sich das Licht, der Boden unter uns veränderte sich, büßte seine Behaglichkeit ein und gab uns so den Mut aufzustehen. Eine Riege uniformierter Kellner betrat mit Tabletts voller Getränke den Raum, und ihr Eintreffen setzte die wohlbekannte Partystimmung in Gang, das wachsende Geräusch von Gesprächen, die langsamen Bewegungen durch den Raum, das Gedränge, das Lachen und Trinken. Als ich mich nach einem Gesprächspartner umsah, zog mich ein viel bekannteres Gesicht in seinen Bann.
„Venn ?“ stieß ich verwundert hervor. Es konnte nicht Venn sein. Er sah zu sehr wie damals aus. Zehn Jahre hatten ihn nicht verändert.
Seine Augen schauten hoch - sie waren starr auf den Boden geheftet - und richteten sich auf mich. Verwirrung und dann Erkennen leuchteten in den Augen auf, er murmelte meinen Namen, trat auf mich zu und lächelte mich an.
„Venn, ich kann es kaum glauben ! Dich hier wiederzusehen ! Was machst du hier ?“
Doch noch während ich sprach, zog ich den Schluß, daß er noch mit Wara zusammen war. Ich hatte mir fälschlich eingeredet, ihn gut zu kennen. Ich spürte einen Stich - einen Hauch von Hoffnung und große Eifersucht. Rasch, um ihn meine falsche Meinung nicht ahnen zu lassen, fragte ich: „Wie geht es Wara und dir ?“
Ich kannte diesen verletzten, ungläubigen Ausdruck auf seinem Gesicht. „Sie nimmt mich nicht mehr wahr. Sie will mir nicht verzeihen.“
„Du hast sie verlassenl ?“
Er hob die Brauen und seufzte leicht. „Ja. Hast du es nicht vorhergesagt ? Wir waren zunächst sehr glücklich, aber Dinge - können zerbrechen. Und ich konnte das Leben auf Habille nicht mehr ertragen, vermochte nicht zu arbeiten. Solch ein trostloser Ort. Und die Musik bedeutete ihr mehr als ich.“ Er stockte abrupt, unfähig, mir in die Augen zu sehen.
„Aber nun lebst du hier“, warf ich ein.
Er nickte und sah mich wieder an.
„Ich hätte sie niemals verlassen dürfen. Seitdem ist nichts mehr wie früher. Ich ging fort, doch der Gedanke an sie verfolgte mich überall. Ich schrieb ihr, entschuldigte mich und bat, sie wiedersehen zu dürfen, aber ich erhielt nie Antwort. Ich besaß nicht genug Geld für eine Reise zu ihr, doch sie hätte es mir schicken können - sie war bereits sehr erfolgreich. Fast schien es, als hinge ihr Erfolg mit meinem Weggang zusammen. Seitdem wartete ich auf die Chance, sie wiederzusehen. Heute abend muß sie mir zuhören.“
Ich fühlte mich leicht elend. Während ich seine selbstgerechten Worte hörte, war ich erstaunt, daß ich ihn je zu  lieben geglaubt hatte. Ich fragte mich, ob Waras Erfolg   ihn derart zurückwarf. Selbst hatte er wohl keinen Erfolg gehabt. Vielleicht war es für ihn auch schwieriger geworden, seine Geliebten zu faszinieren.
„Warum zieht es dich mit aller Gewalt zu ihr ?“ fragte ich. „Wenn sie dich nicht sehen oder an Vergangenes erinnert werden will, warum sie quälen ? Sie muß damit fertig werden, so gut sie eben kann.“
„Ich liebe sie !“ Aufgebracht starrte er mich an. „Ich will eine neue Chance. Sie kennt nur ewige Liebe - sie muß mich noch lieben.“
„Vielleicht ist es auch so“, antwortete ich mit gedämpfter Stimme. „Aber was ändert das ? Als du von ihr gingst, hast du ihre Liebe verwirkt. Sie mußte diese Tatsache überstehen - für die Menschen auf Habille ein unfaßbares Geschehen. Du solltest das besser wissen als ich. Du hast dort gelebt. Unter diesen Menschen. Wenn es ihr gelungen ist, sich ein Leben ohne dich aufzubauen, zerstör es nicht wieder. Zwing ihr keine Begegnung auf !“
Die Wogen des Gesprächs hatten sich gesenkt. Ich blickte umher; fort von Venn, der sich weigerte, einen Schmerz außer seinem eigenen zu akzeptieren. Wara Duleen tauchte gerade im Eingang auf. Ich blickte auf Venn und bemerkte, daß er sie intensiv anstarrte, als wollte er sie zwingen, in seine Richtung zu sehen. Ich wollte nicht länger Zeuge seiner beispiellosen Grausamkeit sein, und ohne ein weiteres Wort ließ ich ihn stehen.
Wara Duleen betrat den überfüllten Raum mit einem schwachen, scheuen Lächeln, das sie menschlicher und zugänglicher machte. Ihre Musik mochte ein Wunder sein, sie selbst war es nicht.
Ich entdeckte die fremdartige weiße Flöte, die an einem seidenen Band um ihren Hals hing und dicht an ihrer Brust lag. War sie - wie Reni Laers Flöte - aus einem Knochen geschnitzt ? Langsam bewegte ich mich durch die ständig wogende Menge nahe genug auf sie zu, um ihre Worte verstehen zu können.
„Ich danke Ihnen !“ rief sie immer wieder als Antwort auf den halblauten Beifall, der um sie aufstieg. „Ich danke Ihnen sehr. Doch der Dank gebührt ebenso Venn, meiner Flöte.“ Ihre schlanken Finger streichelten den weißen Knochen, der sich deutlich gegen ihr grünes Kleid abhob.
Ich stutzte kurz bei dem Namen. „Ihr Ehemann ?“ fragte ich. Ich wollte sie nicht ansprechen, lediglich fortkommen, bevor Venn ihr eine Szene machte.
Rasch wandte sie sich um, und ihre Augen erfaßten mich. „Sie sind aus Habille ?“
Ich sah kein Erkennen in ihren Augen. Mit einem Kopfschütteln sagte ich: „Ich war einmal dort. Ich dachte mir, die Flöte sei aus Knochen gearbeitet.“
Ihre Finger wanderten schützend über die Flöte, und sie nickte. „Ein Teil meines gestorbenen Ehemannes“, sagte sie. „Die körperliche Erinnerung an ihn. Sein Geist lebt weiter in der gemeinsamen Musik. Er war auch Musiker.“
Die Überzeugungskraft ihrer Stimme veranlaßte mich umherzublicken, und fast war ich schon sicher, Venn nur in meiner Einbildung gesprochen zu haben. Aber dort stand er und starrte Wara Duleen immer noch an. Ich schaute wieder auf sie und fragte mich unwillkürlich, ob ihre Welt heil bliebe, stände sie Venn von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Würde sie es als Wunder hinnehmen, daß er aus dem Grab zurückkehrte ? Oder würde sie sich weigern, ihn zu erkennen ?
Während ich noch überlegte, schob die Menge sie weiter; ihr stetiges Drängen brachte sie dicht an Venn heran. Nach kurzem Augenblick des Zögerns folgte ich.
In Wara Duleens Bewußtsein vermischten sich Wirklichkeit und Undenkbares, dachte ich. Vielleicht hat das sie wahnsinnig werden lassen, aber wenn sie es ist, so ist es ein gewaltiger - vielleicht sogar beneidenswerter - Wahnsinn und sicher Venns verbissener Hartnäckigkeit überlegen.
Ich sah Venn auf sie zutreten. Er rief ihren Namen. Es war deutlich zu erkennen, daß sie ihn nicht sah, doch das Drängen der sie umgebenden Gruppe schob sie, Angesicht zu Angesicht, an ihn heran. Sie sah ihm in die Augen und erkannte ihn nicht - ich war völlig sicher, sie erkannte ihn nicht.
„Wara“, sagte er sanft und lächelte sein altes einnehmendes Lächeln.
Wara Duleen berührte mit einem gedankenvollen, weit entrückten Ausdruck auf ihrem Gesicht den Knochen vor ihrer Brust und schritt vorwärts.
Venn verharrte direkt auf ihrem Weg, er lächelte immer noch und war offensichtlich überzeugt, daß sie ihn bemerkte. Doch sie nahm ihn nicht wahr. Sie ging weiter vorwärts. Und als sie eigentlich gegen ihn prallen sollte, geschah nichts. Sie ging durch ihn hindurch. Er wurde substanzlos wie ein Windhauch, nicht einmal mehr ein Geist, als ihr Körper seinen durchdrang. Sie fröstelte leicht, als habe eine kalte Erinnerung aus der Vergangenheit sie gestreift, doch sie verlangsamte ihre Schritte nicht und schaute nicht zurück.
Und dann stand Venn hinter ihr wieder da. Er wandte sich erschüttert um und sah ihr nach. Es war ihm unbegreiflich, wie sie an ihm vorbeikommen konnte, wo weder er noch sie beiseite getreten waren.
Dann trottete Venn, der nicht aufgeben konnte und nicht begriff, daß er tot war, mit hängenden Schultern hinter ihr her und wartete auf eine andere Gelegenheit.






Gelesen in :

The Magazine of
Fantasy and Science Fiction
Cyron in Bronze
Heyne-Buch Nr. 06/3965
ISBN 3-453-30897-2