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GENOZID
GENOZID
von
R.A. Lafferty
GENOZID 
von 
R. A. Lafferty  
 
http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1347&Itemid=55 
 

Das sind meine Notizen über eine sehr üble Angelegenheit. Von einem Protest kann nicht die Rede sein, denn es nützt doch nichts. Holly ist tot, und die Skelnis sind tot, und falls noch welche am Leben sind, dann gebe ich ihnen höchstens zwei Tage.

Holly Harkel und ich, Vincent Wanhoosier, bekamen durch die Fürsprache des alten John Holmberg die Erlaubnis und die nötigen Mittel, Untersuchungen über die Skelnis anzustellen. Damit hatten wir nicht gerechnet, denn John war mehr als verhaßt.

Ich erinnere mich noch genau an seine Worte: »Wir haben schließlich auch Unsummen ausgegeben, um Schweinequieken und die Laute von Erdwürmern zu analysieren und besitzen Tausende von Tonbändern mit der Sprache von unzähligen Nagetieren. Wir haben eine Bibliothek voll von Gesängen und dem Gezwitscher aller Vögel und Pseudovögel. Warum also nicht auch noch die Skelnis untersuchen ? Ich persönlich halte ihr Zupfen an Baumwurzeln und ihr Blasen in Nußschalen nicht für Musik. Ihr Singsang hat genauso wenig mit Sprache zu tun wie das Knarren einer alten Tür, aber wenn Ihr Herz daran hängt - bitte! Sie müssen sich aber beeilen, denn sie sind am Aussterben.

Hinzu kommt, daß man jemand, der so aussieht wie Miss Holly Harkel, unmöglich eine Bitte abschlagen kann und die Sache sowieso von der Singschwein Tiefkühlkost für Kinder finanziert wird. Diese Unternehmen bekommen manchmal Gewissensbisse und spenden daher Geld für wissenschaftliche Zwecke. Es handelt sich nie um größere Summen, denn so groß sind die Gewissensbisse nun auch wieder nicht. Sie müssen eben schauen, Wanhoosier, wie Sie mit dem Geld auskommen ...«

Holly Harkel geriet oft in Mißkredit, weil sie steif und fest behauptete, die Sprache der meisten Kreaturen zu verstehen. Als sie obendrein auch noch lauthals verkündete, die Sprache der Skelnis sei für sie auch kein Problem, erregten sich die Gemüter mehr denn je. Dem alten Charbonett zum Beispiel nahm man es ohne weiteres ab, daß er sich angeblich mit den planetarischen Affen unterhalten konnte, und keiner wagte es, die Behauptung von Meyrowitz anzuzweifeln, die Form von Wühlmauskot sei von esoterischer Bedeutung, aber der kleinen HoIIy Harkel mit ihrem Elfengesichtchen glaubte man kein Wort. Sie beharrte jedoch auf ihrer Meinung. Für sie waren die Skelnis durchaus verständliche Kreaturen, die zur Rasse der Gnomen gehörten, Gnommusik spielten und Gnomlieder sangen.

Holly Harkel hatte ein zu großes Herz und eine zu große Seele für ihren Zwergenkörper, und ihr Gehirn war viel zu groß für ihren neugierigen kleinen Kopf. Vielleicht wirkte sie deshalb so tolpatschig. Sie war aus Liebe und Güte und Lachen zusammengesetzt und war unbeschreiblich häßlich. Sie hatte sich schon in Schlangen und Kröten verliebt, in Affen und Mißgeburten, und sah jeweils aus wie die Kreatur, die es ihr gerade angetan hatte.

Sie verliebte sich natürlich prompt auch in die Skelnis. Nach kürzester Zeit schon sah sie wie ein Skelni aus und bewegte sich auch so.

Wenn man die Skelnis zu den Humanoiden zählen wollte, dann aber zur untersten Stufe. Wir Folkloristen haben andere Begriffe und Abstufungen und wußten sofort Bescheid. Für uns waren die Skelnis ganz schlicht Zwerge. Der größte von ihnen war keine drei Fuß hoch. Die ältesten waren sieben Jahre alt. Sie waren die häßlichsten Kreaturen, die man sich denken konnte, hatten aber etwas unglaublich Liebenswertes an sich. Bosheit kannten sie nicht. Die Wissenschaft behauptete, daß sie keinerlei Intelligenz besaßen, was ich persönlich bezweifle. Sie waren freundlich und offenherzig. Zu freundlich und zu offenherzig, denn sie verehrten alles, was vom Menschen kam. Auch seine Grausamkeit. Dabei hatten sie mit dem Menschen viel weniger gemein als jeder ganz gewöhnliche Affe.

»Hier unten ist ein Skelnibau«, erriet Holly Harkel am Tag unserer Ankunft, also vorgestern, mit sicherem Instinkt und blieb unter einem großen Baum stehen. »Der Eingang ist zwischen den Wurzeln. Als ich meinen Doktor in Primitiver Musik gemacht habe, hätte ich nie zu hoffen gewagt, daß ich die Kerlchen in ihren Höhlen besuchen werde. Wie wenig hat man uns doch auf der Universität beigebracht. Es hat Zeiten gegeben, wo sogar ich die Existenz von Gnomen angezweifelt habe.«

Plötzlich war Holly in einem Erdloch verschwunden. Mit dem Kopf voran natürlich. Ich folgte ihr vorsichtig und ließ mich nach unten, aber natürlich nicht mit dem Kopf voran. Ich war gezwungen, die Skelnis von außen zu beobachten, denn ich war nicht in der Lage, in ihre grüne Zwergenhaut zu schlüpfen, mit ihren Froschzungen zu sprechen und aus ihren Glupschaugen zu sehen. Ich hätte ja nicht einmal gemerkt, daß unter dem Baum ein Skelnibau war.

Auf dem Grund des Erdloches angekommen, traute ich meinen Augen und meinen Ohren nicht, die transzendent geworden waren. Holly Harkel und der fünf Jahre alte Gnom, der den Eingang zu dem Bau bewachte, unterhielten sich in Skelni, was wie das Quaken von Fröschen klang, mir aber so verständlich war wie meine eigene Sprache.

»Kracks und kruckel.«

»Schmacks und schmückel.«

»Wall und wollie.«

»Hallo, Holly.«

»Hallo, Sprein. Darf ich rein ?«

»Hick, hack, huck, ich sag nicht nein.«

Damit war es geschafft. Aber wer sich einbildet, einen Skelnibau betreten zu dürfen, ohne vorher mit dem Wächter gereimt zu haben, ist auf dem Holzweg.

Holly bat die Skelnis, doch englisch mit uns zu sprechen, und wir erfuhren schon bei unserer ersten Begegnung mit ihnen, daß sie immer die Sprache benutzten, mit der man sie anredete, denn sie hatten keine eigene.

Ich schaltete mein Tonbandgerät ein, und Holly bat die Skelnis, für uns zu musizieren. Sie holten ihre Nußschalenflöten, blähten die Backen und fingen an zu spielen. Es war ganz einwandfrei Froschmusik. Die traurigen, quakenden Melodien waren nicht zu verkennen. Die wäßrige Melancholie trüber Tümpel und Teiche.

Die einzelnen Lieder waren kurz wie Kinderlieder. Von einem richtigen Arrangement konnte man nicht sprechen, obwohl das bei den sieben verschiedenen Tonlagen der Flöten möglich gewesen wäre, aber die Melodien hatten etwas zwergisch Perfektes an sich. Wir hörten unterirdische Fugen voll von Regenwurmblut und Wurzelsaft, voll von Libellenschlag und Grillenzirpen.

Und dann brachte Holly den ältesten der Skelnis dazu, uns Geschichten zu erzählen. Hier die beiden, die wir am ersten Tag, also vorgestern, zu hören bekamen. Vielleicht denkt manch einer, daß ich nur das Quaken von Fröschen auf mein Band aufgenommen habe, aber mir sind sie verständlich - wahrscheinlich durch Hollys Hilfe.



VOM SKELNI, DER SEINEN

BEGRÄBNISZAHN VERLOR

Es war einmal ein Skelni, der seinen Begräbniszahn verlor, bevor er starb. Jeder Skelni beginnt das Leben mit sechs Zähnen und verliert jedes Jahr einen. Wenn er sehr alt ist und nur noch einen Zahn hat, stirbt er. Er muß den letzten Zahn dem Totengräber von den Skokies geben. Unser Skelni jedoch hatte entweder in einem Jahr zwei Zähne verloren, oder er hatte eben zu lange gelebt.

Er starb und hatte keinen Zahn mehr, mit dem er seine Beerdigung hätte bezahlen können.

»Ich begrabe dich nicht, wenn du keinen Zahn mehr hast«, sagte der Totengräber. »Glaubst du vielleicht, ich arbeite umsonst ?«

»Dann begrabe ich mich eben selber«, sagte der tote Skelni.

»Du kannst dich nicht selber begraben«, sagte der Totengräber, »weil du nicht weißt, wo noch Platz ist. Nur ich weiß es.«

Der tote Skelni glaubte dem Totengräber nicht und zog aus, sich ein Grab zu suchen. Er grub ein Loch nach dem anderen in die Wiese, aber überall lag schon ein Skelni oder ein Skokie oder ein Frosch. Und alle zwangen sie ihn, das Loch wieder zuzuschaufeln.

Er grub Löcher im Tal, aber auch dort fand er kein leeres Grab. Er grub Löcher auf dem Hügel, aber sie sagten ihm, daß auch der Hügel besetzt sei. Also zog er weinend weiter, denn er fand keinen Platz, wo er sich hinlegen konnte.

Er fragte die Eaulaithen, ob er in ihrem Baum bleiben dürfe, aber sie wiesen ihn ab. Sie wollten keine Toten in ihrem Baum.

Er fragte die Eilsen, ob er in ihrem Teich bleiben dürfe, aber sie wiesen ihn ab. Sie wollten keine Toten in ihrem Teich.

Er fragte die Sionnachen, ob er in ihrer Höhle bleiben dürfe, aber sie wiesen ihn ab. Sie hatten ihn gern gemocht, als er noch am Leben gewesen war, aber Tote haben keine Freunde.

Und so zieht der tote Skelni immer noch umher und sucht nach einer Stelle, wo er sich begraben kann. Und wenn er nicht zufällig einen Begräbniszahn findet, muß er ewig auf Wanderschaft bleiben.



Ein Wort zu der Geschichte. Die Skelnis haben tatsachlich ihre ganz strengen Begräbnissitten. Die Grabstätten werden in Würfelform ausgestochen und zwar nicht von den sechsfingrigen Skelnis, sondern von den Skokies mit ihren sieben Wurfschaufeln. Ihresgleichen begraben die Skokies nicht.

Aber nun zu der zweiten Geschichte des ersten Tages:



VOM SKELNI, DER SICH IN EINEN BAUM VERWANDELTE

Es war einmal eine Frau, die war weder Skelni noch Skokie noch Frosch. Sie war eine Himmelsfrau. Eines Tages kam sie mit ihrem Kind und setzte sich unter einen Skelnibaum. Als sie wieder aufstand und sich zum Gehen anschickte, ließ sie ihr schlafendes Kind liegen und nahm aus Versehen ein Skelnikind mit. Als sie weg war, kam die Skelnifrau, um ihr Kind zu holen. Sie sah es an und wußte nicht, was anders an ihm war, aber etwas war anders an ihm.

»Auf einmal hat mein Kind, eine rosa Haut und flache Augen«, sagte die Skelnifrau und nahm es mit nach Hause, wo es seitdem wohnt. Es lebt unter den Skelnis, und jeder hat den Unterschied vergessen.

Niemand weiß, was die Himmelsfrau empfand, als sie zu Hause den Unterschied des Skelnikindes zu den Himmelskindern feststellte. Sie behielt es, und es wuchs heran und war schöner als alle anderen Kinder.

Aber als das zweite Jahr kam und der junge Skelni erwachsen war, ging er in die Wälder und sagte: »Ich fühle mich nicht wie einer von dem Himmelsvolk. Aber wenn ich keiner von dem Himmelsvolk bin, was bin ich dann ? Ich bin keine Ente und ich bin kein Frosch. Und wenn ich ein Vogel bin, welcher Vogel bin ich dann ? Ich bin bestimmt ein Baum.«

Er hatte nicht so unrecht, denn die Skelnis sehen den Bäumen ähnlich.

Also trieb der Skelni, der unter dem Himmelsvolk lebte, Wurzeln in die Erde und ließ Rinde an sich wachsen und strengte sich sehr an, zum Baum zu werden. Er machte alle Pein mit, die ein Baum über sich ergehen lassen muß. Geißböcke rieben die Hörner an seinem Stamm, und Ameisen krochen an ihm hinauf. Blitze schlugen in ihn ein, und allerlei Viehzeug griff ihn an. Man schlug ihm sogar Äste ab und machte Feuer daraus.

Aber er spürte die Musik der Nußschalenflöten durch sich hindurchtönen und wußte, daß er sich danach immer gesehnt hatte.

Und eines Tages sagte ihm ein Vogel, daß er gar kein echter Baum sei, aber es war schon zu spät, er mußte weiterwachsen. Seine Brüder und Schwestern lebten in dem Bau unter seinen Wurzeln. Sie wären heimatlos gewesen, wenn er nicht ein Baum geblieben wäre. Und seine Brüder und Schwestern sind wir, und er ist der verlorene Sohn, der vergaß, daß er ein Skelni ist.



Am zweiten Tag war Holly den Skelnis bereits zum Verwechseln ähnlich. Sie war kaum größer als die Zwerge und war immer noch fest davon überzeugt, daß die Skelnis Intelligenz besaßen. Aber die Lehrbücher sind gegen uns.

... man versucht immer wieder, dem Skelni Intelligenz zuzusprechen, weil er dem Menschen sehr ähnlich sieht. An Schnelligkeit ist er dem primitivsten aller Nagetiere unterlegen. An Geschicklichkeit sogar den Waschbären und den minderwertigen Sternsäulingen. Sein Mienenspiel kommt nicht an das der Affen heran. Sein Überlebensinstinkt liegt weit unter dem der Hausschweine. Er steht, was die Intelligenz anbelangt, ungefähr auf der Stufe der Schildkröten. Seiner Sprache fehlt es an jeglicher Nachahmungskraft, und seine Musik ist einfallsloser und weniger klangvoll als die von Insekten. Als Wachhund ist er nicht zu gebrauchen. Nicht einmal als Vogelscheuche.

Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als hinzunehmen, daß die Skelnis nicht einmal so intelligent sind wie Hausschweine, Ratten oder Nachteulen, aber mir persönlich sind sie sympathischer. Schon weil sie so unübertroffen hilflos sind.

Wie paaren sie sich bloß?

Die Skelnis haben eine ganze Menge verschiedener Lieder, aber keine Liebeslieder in unserem Sinne. Ihr sexuelles Verhältnis zueinander bleibt entweder unbemerkt, oder es ist von einer nie dagewesenen Keuschheit begleitet.

»Ich weiß nicht, wie sie überhaupt zueinanderkommen, Vincent«, sagte Holly am zweiten Tag, also gestern. »Sie sind da, demnach müssen sie geboren worden sein. In ihren Geschichten und an ihrem Benehmen merkt man nichts davon. Sie tun so, als seien ihre Kinder Findelkinder. Mit ein bißchen gesundem Menschenverstand ... Aber ich weiß eben nicht, ob man bei diesem Zwergenvolk mit gesundem Menschenverstand operieren darf. Man erzählt sich, daß sie während der Nacht wie Pilze aus dem Boden schießen, und eine Skelnifrau, die ein Kind haben will, einem Skokie Samen abkaufen und in den Boden stecken muß. Das Kind ist dann schon am nächsten Morgen fertig.«



Holly war gestern deprimiert. Sie hatte ein Flugblatt unseres Wohltäters, Singschwein Tiefkuhlkost für Kinder, in die, Hand bekommen und sich gründlich darüber geärgert

»Singschwein ! Die Kinder sind begeistert ! Nahrhafte Neuheit ! Reimende Spielgefährten in Würfelform ! Echtes Fleisch von echten Zwergen ! Kein Fett, keine Knochen ! Wenn die Nummer auf deiner Packung das Los zieht, bekommst du eine echte Skelniflöte zugeschickt. Eßt Singschwein, das Fleisch echter Zwerge. Kartoffelmehl und natürliche Gewürze sind dem Gericht zugesetzt.«

Eine Postwurfsendung aus der Welt, zu der wir gehören.

»Vincent«, jammerte Holly. »Ist das nicht schrecklich ? Sie sind sicher bald da. Wir müssen uns beeilen und mit unseren Aufzeichnungen fertig werden, daß wenigstens etwas existiert, um an sie zu erinnern.«



Am zweiten Tag, also gestern, musizierten die Skelnis wieder für uns und spielten diesmal auch auf den Wurzeln, was immer erst am zweiten Tag einer neuen Bekanntschaft erlaubt ist Die Skelnis besaßen keine Saiteninstrumente, sondern bloß eine Art Klanggabel, die aus einem einzigen Zacken bestand und über die kleinen Endwurzeln der Bäume gestrichen wurde. Die Wurzelklänge, die meistens dem Flötenspiel folgen, sind von trauriger Einfachheit. Es werden Balladen dazu gesungen, die so einfältig und kindlich sind wie die Musik selbst.

Hier noch zwei von den Geschichten, die wir am zweiten Tag, also gestern, auf unser Band aufnahmen.



VOM SKOKIE, DER SEINE FRAU VERLOR

Es war einmal ein Skokie, der nachts eine Skelniflöte hörte.

»Das ist die Stimme meiner lieben Frau«, sagte der Skokie. »Ich würde sie aus Tausenden heraushören.«

Der Skokie kam über das Moor, um seine Frau zu finden. Er kroch in das Loch, aus der ihre Stimme kam, aber er fand dort nur einen Skelni, der auf seiner Flöte spielte.

»Ich suche nach meiner armen verlorenen Frau«, sagte der Skokie. »Ich habe ihre Stimme aus diesem Loch kommen hören. Wo ist sie ?«

»Hier ist niemand außer mir«, sagte der Skelni. »Ich bin allein und spiele für die Monde, die ihr Licht in mein Loch fallen lassen.«

»Aber ich habe sie gehört«, sagte der Skokie. »Ich will meine Frau wiederhaben.«

»Klang es so ?« fragte der Skelni und entlockte seiner Flöte einige Töne.

»Ja, das ist meine Frau«, sagte der Skokie. »Wo hast du sie versteckt ? Das ist ihre Stimme.«

»Das ist nicht deine Frau«, sagte der Skelni. »Das ist ein Lied.«

»Du spielst mit der Stimme meiner Frau«, sagte der Skokie, »also hast du meine Frau verschluckt. Ich muß dich auseinandernehmen und nachsehen.«

»Wenn ich deine Frau verschluckt habe«, sagte der Skelni, »dann tut mir das leid. Sieh nach.«

Also nahm der Skokie den Skelni auseinander und verstreute die Stücke in dem Loch und auf dem Gras draußen, aber er fand nicht einmal ein winziges Teilchen seiner Frau.

»Ich habe mich getäuscht«, sagte der Skokie. »Aber wer hätte das gedacht ! Jemand, der meine Frau nicht verschluckt hat und trotzdem mit ihrer Stimme spielen kann.«

»Macht nichts«, sagte der Skelni. »Du mußt mich bloß wieder zusammensetzen. Ich weiß zum Teil, wie es geht. Wenn du den Rest weißt, ist alles gut.«

Aber beide erinnerten sich nicht sehr gut daran, wie der Skelni vorher ausgesehen hatte. Der Skokie setzte ihn völlig falsch wieder zusammen.

Für einige Stellen waren nicht genug Stücke da, und für andere zu viele.

»Laßt mich euch helfen«, sagte ein Frosch, der dazukam. »Ich weiß, wo die übrigen Stücke hingehören. Außerdem hat er meine Frau verschluckt. Seine Flöte hat mit ihrer Stimme gesungen, nicht mit einer Skokiestimme.«

Nun half auch noch der Frosch, aber es nützte genauso wenig. Einige Stücke waren bereits verloren und andere wieder paßten nirgends hinein. Als sie fertig waren, hatte der Skelni arge Schmerzen und konnte sich kaum bewegen. Einem Skelni sah er kaum mehr ähnlich.

»Ich habe mein Bestes getan«, sagte der Skokie. »Du mußt eben so zurechtkommen. Wo ist denn der Frosch ?«

»Ich bin drinnen«, rief der Frosch aus dem Bauch des Skelni.

»Dann mußt du auch drinnen bleiben«, sagte der Skokie. »Ich habe genug von euch beiden. Die übrigen Stücke nehme ich mit. Vielleicht kann ich jemand anders daraus machen.«

Und so ist der Skelni heute noch - völlig falsch zusammengesetzt. In seiner falschen Form schleicht er durch die Nacht, denn er schämt sich, sich bei Tageslicht sehen zu lassen. Wer seine Geschichte nicht kennt, erschrickt, wenn er ihn trifft. Er spielt immer noch die Flöte, und es klingt wie die Stimme der verlorengegangenen Skokiefrau und die Stimme des Frosches.

Der Skokie hat seine Frau nie wiedergefunden.



Und dann hörten wir die letzte Geschichte und nahmen sie auf Band auf. Daß es wirklich die letzte war, wußten wir damals noch nicht.



VON DEN SINGSCHWEINEN

Es waren einmal Singschweine, die so laut sangen, daß sie auf dem Schwanz ihrer eigenen Gesänge in den Himmel flogen. Wenn wir Skelnis so laut auf unseren Flöten spielen, daß uns fast die Backen platzen, und wenn wir mit solcher Kraft die Tongabeln an den Wurzeln reiben, daß uns fast die Hände abfallen, können wir wie Singschweine entschweben. Viele haben es schon geschafft.

Es kommen Glockenmänner mit Musikwagen. Sie spielen klirrende Himmelmusik. Sie kommen zu uns, weil sie uns lieben. Und wenn wir uns beeilen, können wir in einem Tiefkühlkontainer mit ihnen über den Himmel reiten.

Ding, dong ! Das ist der Glockenmann mit seinem Musikwagen. Alle Skelnis beeilen sich. Das ist der Tag, wo du es vielleicht schaffst. Kommt, ihr Skelnis aus dem Tal und aus dem Fluß und hüpft auf den Musikwagen. Die Reise kostet nichts. Kommt aus den Wiesen und Wäldern. Kommt aus euren Löchern in den Baumwurzeln unter der Erde. Die Skokies müssen bleiben, die Frösche müssen bleiben, nur die Skelnis dürfen mit.

Wer heute nicht mitkommt, soll nicht weinen. Der Glockenmann kommt morgen mit einem neuen Wagen. Und wer dann wieder nicht mitkommt, soll auch nicht verzagen. Der Glockenmann kommt so lange, bis kein Skelni mehr übrig ist.

Kommt, ihr kleinen Singschweinskelnis. Die Reise im Tiefkühlkontainer kostet nichts. Hoppla ! Was sehe ich da ? Willst du wohl wieder herunterhüpfen von unserem Schlachtwagen, du Frosch du !

Hier sind nur Skelnis zugelassen. Noch zehn Skelnischweinchen dürfen rauf. Und jetzt ist Schluß ! Morgen kommt wieder ein Wagen. Ihr kommt alle noch an die Reihe und werdet gleich an Ort und Stelle eingefroren. Wer wird denn gleich weinen, wenn kein Platz mehr ist ? Morgen ist auch noch ein Tag. Nicht einmal einen Begräbniszahn müßt ihr abgeben. Die Reise ist kostenlos. Aber keine Frösche und Skokies !So ruft der Glockenmann.

Es ist einfach phantastisch. Mit dem Schlachtwagen werden die Skelnis direkt in die Gefrierkammer gebracht, wo ihnen gleich sämtliche Knochen abgenommen werden. Dann werden sie in Würfel gepreßt und eingefroren. Und anschließend dürfen sie in Tiefkühlkontainern zur Erde reisen.

Wischt eure Tränen weg, ruft der Glockenmann. Geht früh schlafen und steht morgen bald auf und singt, so laut ihr könnt. Blast die Flöte, daß euch fast die Backen platzen, und streicht die Wurzeln, bis euch fast die Pfötchen abfallen.

Alle lachen und sind glücklich, wenn der Glockenmann sie mitnimmt. Aber eines Tages wird eine Skelnifrau weinen statt lachen. Mord ! Das ist Mord ! wird sie schreien. Ihr dürft mich nicht schlachten. Ich bin ein Mensch ! Und sie wird dicke Tränen vergießen, und die anderen werden sich die Bäuche halten vor Lachen.



Das ist unsere letzte Geschichte, weil es keinen Skelni mehr geben wird, wenn sie zum letztenmal erzählt ist.

Anschließend verließen wir den Bau unter den Baumwurzeln. Holly und ich verabschiedeten uns von dem Skelni, der den Eingang bewachte.

»Kracks und kruckel.«

»Schmacks und schmuckel.«

»Wall und wollie.«

»Adieu, Holly.«

»Adieu, Spraus, darf ich raus ?«

»Hick, hack, huck, ist's jetzt aus ?«

»Tränen fließen, Blut vergießen.«

Holly weinte große Zwergentränen, die grün auf ihrem häßlichen Gesicht schillerten. Sie war von einem Skelni nicht mehr zu unterscheiden.

»Verstehst du es denn nicht«, sagte sie heute morgen zu mir. »Ich liebe sie, deshalb kann ich nicht zurückbleiben, wenn sie alle gehen.«

Holly war nicht zu halten. Eine wirklich üble Angelegenheit Sie haben mir ihre Gebeine gegeben. Holly war einmalig. Aber die Sache ist noch nicht vorbei. Singschwein Tiefkühlkost für Kinder

 

Gelesen in :
Ullstein2000
Science-Fiction Storys 25
ein Ullstein Buch 2964
ISBN 3 548 02964 1