Bildvorschau

 
       

Besucher

 
Heute308
Woche1043
Alle628241
Fiebertraum

FIEBERTRAUM

von

Ray Bradbury

 

http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1350&Itemid=55

Sie legten ihn zwischen glatte, saubere Laken, und auf dem Tisch unter der matt scheinenden rosa Lampe stand immer ein Glas voll frisch ausgepreßtem, dickflüssigem Orangensaft. Charles brauchte nur nach Mama oder Papa zu rufen, dann steckten sie ihre Köpfe ins Zimmer, um zu sehen, wie krank er war. Die Akustik im Raum war ausgezeichnet; morgens hörte man die Porzellankehle der Toilette gurgeln, man hörte, wie der Regen auf das Dach klopfte, flinke Mäuse durch die geheimen Wände liefen und der Kanarienvogel unten in seinem Käfig sang. Wenn man sehr feine Ohren hatte, war das Kranksein gar nicht so schlimm.

Charles war dreizehn. Es war Mitte September, und das Land begann herbstlich zu glühen. Er lag drei Tage lang im Bett, bevor der Schrecken ihn überfiel.

Seine Hände veränderten sich. Seine rechte Hand. Er sah sie an. Sie war heiß und lag schwitzend auf der Bettdecke. Sie zitterte und bewegte sich leicht. Dann wurde sie still und verfärbte sich.


An diesem Nachmittag kam der Arzt wieder; er klopfte auf Charles´ magere Brust wie auf eine kleine Trommel. Wie geht es dir ? fragte er lächelnd. Ich weiß, du brauchst es mir gar nicht zu sagen: Meiner Erkältung geht es gut, Herr Doktor, aber ich fühle mich scheußlich ! Haha ! Er lachte über seinen eigenen, oft wiederholten Witz.

Und nun wurde dieser furchtbare, veraltete Witz für Charles zur Wirklichkeit. Er setzte sich in seinem Kopf fest. Seine Seele berührte ihn und schrak in bleichem Entsetzen vor ihm zurück. Der Arzt wußte ja gar nicht, wie grausam er mit seinen Spaßen war ! „Herr Doktor“, flüsterte Charles, der flach und bleich dalag. „Meine Hand gehört nicht mehr zu mir. Heute morgen hat sie sich in etwas anderes verwandelt. Ich möchte, daß Sie sie zurückverwandeln, Herr Doktor !“

Der Arzt entblößte die Zähne und tätschelte Charles´ Hand. Ich finde, sie sieht gut aus, mein Sohn. Du hattest nur einen kleinen Fiebertraum.

Aber sie hat sich verwandelt, Herr Doktor“, rief Charles und hielt seine blasse, bebende Hand mitleiderregend in die Höhe. „Ganz bestimmt.“

Der Arzt zwinkerte ihm zu. „Ich gebe dir eine rosa Pille für sie.“

Er legte eine Tablette auf Charles´ Zunge. „Schluck!“

Wird sie meine Hand zurückverwandeln, so daß sie wieder ich ist ?“

Ja, ja.“

Das Haus war ruhig, als der Arzt unter dem stillen blauen Septemberhimmel in seinem Wagen die Straße hinunterfuhr. Eine Uhr tickte weit unten in der Welt der Küche. Charles betrachtete seine Hand.

Sie verwandelte sich nicht zurück. Sie war immer noch etwas anderes.

Draußen wehte der Wind. Blätter wirbelten gegen das kühle Fenster.

Um vier Uhr verwandelte sich auch seine andere Hand. Es war wie ein Fieber. Sie pulsierte und veränderte sich, Zelle um Zelle. Sie pochte wie ein warmes Herz. Die Fingernägel wurden zuerst blau und dann rot. Die Verwandlung dauerte ungefähr eine Stunde, und als sie zu Ende war, sah die Hand genauso aus wie eine gewöhnliche Hand. Aber sie war nicht gewöhnlich. Sie war nicht länger er. Er lag halb fasziniert, halb entsetzt da und sank dann in einen Schlaf der Erschöpfung.

Um sechs brachte die Mutter die Suppe. Er rührte sie nicht an. Ich habe keine Hände, sagte er mit geschlossenen Augen.

Deine Hände sind völlig in Ordnung“, antwortete die Mutter.

Nein“, wimmerte er. „Meine Hände sind weg. Mir ist, als hätte ich nur noch Stümpfe. Ach, Mama, halt mich, halt mich fest, ich habe Angst !“

Sie mußte ihn füttern.

Mama“, sagte er, „bitte, hol den Doktor wieder. Ich bin so krank.“

Der Doktor kommt heute abend um acht“, sagte sie und ging hinaus.

Um sieben, als die Nacht dicht und dunkel das Haus umhüllte, setzte sich Charles im Bett auf und fühlte, wie es zuerst in einem Bein und dann im anderen Bein geschah.

Mama, komm schnell !“ schrie er gellend.

Aber als die Mama kam, geschah nichts mehr.

Nachdem sie hinuntergegangen war, lehnte er sich zurück und wehrte sich nicht mehr, als es in seinen Beinen pochte und pochte und sie warm wurden, glühten und das Zimmer sich mit der Wärme seiner fiebrigen Verwandlung füllte. Die Glut kroch von seinen Zehen in die Knöchel und von da bis zu den Knien hinauf.

Darf ich `reinkommen ?“ Der Arzt trat lächelnd ein.

Herr Doktor“, rief Charles. „Schnell, ziehen Sie meine Decken fort !“

Der Arzt hob geduldig die Decken. „Da bist du ja. Heil und gesund. Schwitzen tust du, allerdings. Ein leichtes Fieber. Ich habe dir doch gesagt, du solltest ruhig liegen, du böser Junge.“ Er kniff ihn in die feuchte rosige Wange. „Haben die Pillen geholfen ? Hat deine Hand sich zurückverwandelt ?“

Nein, nein, jetzt verändern sich auch die Beine und die andere Hand !“

Schon gut, schon gut, ich muß dir also noch drei Pillen geben, eine für jedes Glied, nicht wahr, mein kleiner Pfirsich ? sagte der Arzt lachend.

Helfen sie denn auch ? Bitte, bitte. Was habe ich eigentlich ?“

Es ist ein leichter Scharlachanfall, ein bißchen kompliziert durch deine Erkältung.“

Ist das ein Keim, der lebt und mehr kleine Keime in sich trägt ?“

Ja.“

Sind Sie auch sicher, daß es Scharlach ist ? Sie haben ja gar keinen Test gemacht !“

Ich glaube, ich erkenne ein bestimmtes Fieber, wenn ich es sehe“, antwortete der Doktor und fühlte dem Jungen mit kühler Überlegenheit den Puls.

Charles blieb stumm liegen, bis der Arzt energisch seine schwarze Medikamententasche packte. Da erhob sich die Stimme des Knaben dünn und schwach im stillen Zimmer, und in seinen Augen leuchteten Erinnerungen auf. „Ich habe mal ein Buch gelesen über versteinerte Bäume und Holz, das sich in Stein verwandelte. Die Bäume fielen um und vermoderten, und Mineralien drangen hinein und wuchsen und sahen genauso aus wie die Bäume, aber sie sind keine, sie sind Steine.“ Er hielt inne. Man hörte seinen Atem.

Nun, und ?“ fragte der Arzt.

Ich habe darüber nachgedacht“, fuhr Charles nach einer Weile fort. „Werden Keime jemals größer ? Ich meine, in der Biologiestunde haben sie uns von einzelligen Tieren erzählt, Amöben und solchen Dingen, wie die vor Millionen Jahren zusammenkamen, bis ein Haufen da war und sie den ersten Körper bildeten. Und es kamen immer mehr Zellen dazu, und sie wurden größer, und schließlich war da vielleicht ein Fisch, und jetzt sind wir da, und wir sind doch nur ein Haufen Zellen, die beschlossen haben, sich zusammenzutun, um einander zu helfen. Stimmt das ?“ Charles befeuchtete seine fiebrigen Lippen.

Was soll das alles ?“ Der Arzt beugte sich über ihn.

Ich muß es Ihnen sagen, Herr Doktor, unbedingt !“ rief er. „Was würde geschehen, stellen Sie sich das doch nur mal vor, wenn eine Menge Mikroben sich zusammentäten und einen Haufen bilden wollten und sich vervielfachten und immer mehr Mikroben hervorbrächten …“

Seine weißen Hände lagen jetzt auf seiner Brust und krochen auf seinen Hals zu.

Und wenn sie beschließen würden, einen Menschen zu erobern !“ rief Charles.

Einen Menschen zu erobern ?

Ja, ein Mensch zu werden. Ich zu werden, meine Hände und meine Füße ! Wenn eine Krankheit nun einen Menschen töten und trotzdem noch nach ihm weiterleben könnte ?“

Er schrie auf.

Die Hände fuhren ihm an den Hals.

Der Arzt stürzte ans Bett.


Um neun Uhr begleiteten die Eltern den Arzt zum Wagen und reichten ihm die Tasche. Ein paar Minuten lang unterhielten sie sich im kühlen Nachtwind. Achten Sie nur darauf, daß seine Hände festgeschnallt bleiben, sagte der Arzt. Ich möchte nicht, daß er sich verletzt.

Kann ihm auch nichts passieren, Herr Doktor ?“ Die Mutter klammerte sich einen Augenblick an seinen Arm.

Er klopfte ihr auf die Schulter. War ich nicht dreißig Jahre lang Ihr Hausarzt ? Es ist das Fieber. Er bildet sich das alles ein.

Aber die Quetschungen an seinem Hals - er hat sich ja fast erwürgt.“

Lassen Sie ihn nur angeschnallt. Morgen wird es ihm besser gehen.“

Der Wagen fuhr die dunkle Septemberstraße hinunter.


Um drei Uhr morgens lag Charles immer noch in seinem kleinen Zimmer wach. Das Bettuch unter dem Kopf und Rücken war feucht. Ihm war sehr warm. Jetzt hatte er keine Arme und Beine mehr, und sein Körper verwandelte sich weiter. Er rührte sich nicht, sondern starrte mit irrer Konzentration zur leeren Decke hinauf. Eine Zeitlang hatte er geschrien und sich hin und her gewälzt, aber jetzt war er geschwächt und heiser, und seine Mutter war mehrmals aufgestanden, um seine Stirn mit einem nassen Lappen zu kühlen. Er lag still, die Hände festgeschnallt.

Er fühlte, wie die Wände seines Körpers und die Organe sich veränderten, wie die Lungen Feuer fingen wie ein brennendes Gebläse, das rosa Alkohol pumpte. Das Zimmer war erhellt von einem flackernden Herd.

Jetzt hatte er keinen Körper mehr. Er war nicht mehr da. Er lag unter ihm, aber erfüllt vom mächtigen Pulsschlag eines brennenden, trägemachenden Rauschmittels. Es war, als hätte eine Guillotine seinen Kopf fein säuberlich getrennt, als läge sein Kopf leuchtend auf einem Kissen im Nachtdunkel, während der Körper darunter, der immer noch lebte, jemand anders gehörte. Die Krankheit hatte seinen Körper aufgezehrt und eine fiebrige Nach­bildung von ihm hervorgebracht. Da waren die kleinen Hände und Haare, die Fingernägel und die Schrammen, die Fußnägel und das winzige Muttermal auf der rechten Hüfte, alles vollendet nachgeschaffen.

Ich bin tot, dachte er. Man hat mich getötet, und dennoch lebe ich. Mein Körper ist tot, er besteht nur noch aus Krankheit, und niemand wird es merken. Ich werde herumgehen, und er wird nicht ich sein, er ist etwas anderes. Er wird etwas ganz Schlechtes, ganz Böses sein, so mächtig und böse, daß man es kaum ausdenken und verstehen kann. Etwas, das sich Schuhe kaufen und Wasser trinken und vielleicht eines Tages heiraten kann und in der Welt mehr Böses anrichten wird, als jemals zuvor getan wurde.

Jetzt kroch die Wärme in seinen Hals, in seine Wangen hinauf wie heißer Wein. Seine Lippen brannten, seine Lider fingen Feuer wie Blätter. Seine Nasenflügel atmeten ganz schwach blaue Flammen aus.

Das ist das Ende, dachte er. Es ergreift meinen Kopf und mein Hirn, und es setzt sich in jedem Auge und jedem Zahn und in allen Fasern meines Hirns fest, in jedem Haar und jeder Falte meiner Ohren, und von mir wird nichts übrigbleiben.

Er fühlte, wie sein Hirn sich mit siedendem Quecksilber füllte. Er spürte, wie sein linkes Auge sich zusammenpreßte und wie eine Schnecke herauskroch. Er war auf dem linken Auge blind. Es gehörte nicht mehr zu ihm. Es war ein feindliches Gebiet. Seine Zunge war herausgeschnitten, seine linke Wange empfindungslos, nicht mehr da. Sein linkes Ohr hörte nicht mehr. Es gehörte nun jemand anderem. Diesem Etwas, das jetzt geboren wurde, diesem Etwas aus Mineralien, das an die Stelle des Baumstamms trat, dieser Krankheit, die gesunde tierische Zellen verdrängte.

Er versuchte zu schreien, und er schrie laut und gellend, als sein Gehirn hinabfloß, sein rechtes Auge und rechtes Ohr herausgeschnitten wurden, und dann war er blind und taub, nur noch Feuer, Angst und Tod.

Sein Schrei brach ab, bevor seine Mutter durch die Tür an sein Bett eilen konnte.


Es war ein schöner, klarer Morgen, mit einem frischen Wind, der den Arzt den Pfad zum Haus hinaufschob. Oben am Fenster stand der Junge, fertig angezogen. Der Arzt winkte ihm zu und rief: Was ist denn das ? Schon auf ? Mein Gott !

Der Arzt lief beinahe die Stufen hinauf und trat keuchend ins Schlafzimmer.

Warum bist du nicht mehr im Bett ? fragte er den Jungen. Er klopfte ihm die magere Brust ab, fühlte ihm den Puls und maß seine Temperatur. Einfach erstaunlich ! Alles normal, bei Gott, völlig normal !

Ich werde nie im Leben wieder krank sein“, erklärte der Junge ruhig und schaute aus dem Fenster. „Nie mehr.“

Das hoffe ich auch. Du siehst ja prächtig aus, Charles.

Herr Doktor ?

Ja, Charles ?

Darf ich heute schon zur Schule gehen ?“ fragte Charles.

Morgen ist es noch früh genug. Du bist ja wirklich eifrig.“

Bin ich auch. Ich mag die Schule gern. All die Kinder. Ich möchte mit ihnen spielen, mich mit ihnen raufen und sie bespucken, mit den Pferdeschwänzen der Mädchen spielen, dem Lehrer die Hand schütteln und meine Hände an allen Mänteln in der Garderobe abwischen. Und ich möchte groß werden und reisen und überall in der Welt den Leuten die Hände schütteln, ich möchte verheiratet sein und viele Kinder haben, in Bibliotheken gehen und Bücher in die Hand nehmen und … all das möchte ich !“ sagte der Junge, der in den Septembermorgen hinausblickte. „Wie haben Sie mich noch genannt ?“

Was sagst du da ?“ fragte der Arzt verwundert. „Ich habe dich nur Charles genannt.“

Das ist wohl immer noch besser als gar kein Name.“ Der Junge zuckte die Achseln.

Ich freue mich, daß du in die Schule gehen willst“, sagte der Arzt. „Ich kann es kaum noch abwarten“, antwortete der Junge lächelnd. “Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Herr Doktor. Lassen Sie mich Ihre Hand schütteln.“

Aber gern.“

Sie schüttelten einander ernst die Hand, und der reine Wind wehte durch das offene Fenster herein. Sie schüttelten einander fast eine Minute lang die Hand, und der Junge blickte lächelnd zu dem alten Mann hinauf und dankte ihm.

Dann jagte der Junge den Arzt lachend die Treppe hinunter und hinaus an seinen Wagen. Seine Eltern kamen nach, um fröhlichen Abschied zu nehmen.

Wie ein Fisch im Wasser“, sagte der Arzt. „Unglaublich !“

Und stark“, sagte der Vater. „Er hat sich über Nacht selbst aus den Riemen losgemacht. Nicht wahr, Charles ?“

Hab´ ich das ?“ fragte der Junge.

Ja. Wie hast du das nur angestellt ?“

Oh“, sagte der Junge. „Das ist lange her.“

Lange her !“

Sie lachten alle, und während sie lachten, bewegte der Junge langsam den nackten Fuß auf dem Gehsteig hin und her und strich leicht über ein paar rote Ameisen, die auf dem Stein langkrochen. Unbeobachtet, mit glänzenden Augen, sah er, während seine Eltern mit dem alten Mann plauderten, wie die Ameisen zögerten, zitterten und still auf dem Zement liegenblieben. Er ahnte, daß sie kalt waren.

Auf Wiedersehen !“

Der Arzt fuhr winkend davon.

Der Junge ging vor seinen Eltern her. Er sah zur Stadt hinüber und summte leise das Lied ›Schultage‹.

Wie gut, daß er wieder gesund ist, sagte der Vater.

Hör nur. Er freut sich ja so sehr auf die Schule.

Der Junge drehte sich um. Er umarmte seine Eltern stürmisch und küßte sie mehrmals.

Dann hüpfte er wortlos die Stufen hinauf ins Haus.

Im Wohnzimmer öffnete er, bevor die beiden nachkamen, rasch den Vogelkäfig, steckte die Hand hinein und streichelte den gelben Kanarienvogel.


Gelesen in :
Ray Bradbury
Medizin für Melancholie
Science Fiction Stories
HEYNE-Buch Nr.3267