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Sanogal beruhigt die Nerven
Tabletten nimmt jeder mal ein.
Zum Anregen, zur Beruhigung;
gegen Kopf­schmerzen, Wetterfühligkeit,
schlech­te Laune usw.
Vor Übertreibung wird jedoch ge­warnt.
Denn: wissen Sie, was geschieht,
wenn Sie wirklich tablettensüchtig sind ?
Sanogalsüchtig . . .?

Sanogal beruhigt die Nerven
von
Clark Darlton / Robert Artner

http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1386&Itemid=55

Henry Lloyd Barker war ein Durchschnittstyp. Es gab nicht eine einzige Eigenschaft, die ihn aus der Masse herausragen ließ. Wenn es den »Mann auf der Straße«, wie die Meinungsforschungsinstitute diesen Typ nannten, jemals gegeben hatte, dann war es Barker. Er war mehr oder weniger glücklich verheiratet, lebte mit seiner Frau in einer Mietwohnung mit drei Zimmern und hatte sein regelmäßiges Einkommen. Er stand morgens um halb acht Uhr auf, frühstückte anschließend mit seiner Frau und fuhr dann mit dem Bus ins Büro. Punkt 17 Uhr ließ er den Federhalter fallen. Um 17.30 Uhr war er wieder zu Hause. Er benutzte denselben Bus. Jeden Tag. Seit Jahren. Früher war er mit einigen Bekannten aus der Firma noch in eine kleine Bierbar gegangen, bevor er nach Hause fuhr. Genauer gesagt: mittwochs. Aber durchaus nicht jede Woche. In dieser kleinen Bar hatte es einmal eine recht ansehnliche Kellnerin gegeben, die sich aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen für Henry Lloyd Barker mehr interessierte, als das üblich war in ihrem Beruf. Und mit dieser Kellnerin hatte Barker seine Frau betrogen. Das heißt, er wollte sie betrügen. Es war ihm nicht ganz gelungen. Er hatte schon ein bißchen zuviel getrunken, als sie ihn mitnahm auf ihr Zimmer. Die Vorfreude, wissen Sie. Ein einziges Mal während seiner zwanzigjährigen Ehe hatte Henry Lloyd Barker versucht, seine Frau zu betrügen. Und bei diesem einen Versuch war es geblieben. Henry Barker gelangte nach diesem mißglückten Versuch zu der Ansicht, daß es sich für einen anständigen Mann nicht gehöre, seine Frau zu betrügen. Seitdem besuchte Barker die kleine Bierbar seltener. Und schließlich ging er gar nicht mehr hin. Bier konnte er ja schließlich auch zu Hause trinken, er hatte immer Bier im Eisschrank. Das gute, importierte. Das war ja sowieso besser als das, was einem in den Kneipen vorgesetzt wurde. Wer weiß, was das für ein Zeug war. Diese Leute wollen doch nur verdienen. Das dachte Barker nach dieser Geschichte. Und fortan trank er sein Bier zu Hause.
Henry Lloyd Barker saß vor dem Fernseher und trank Bier.
»… wird durch den freien Verkauf ungeprüfter Medikamente mehr Schaden angerichtet, als sämtliche Mediziner der Welt wieder gutmachen können. Oft treten Schädigungen des menschlichen Organismus erst nach Jahren auf, nach Jahren fortgeschrittener Gewöhnung. Man kann es auch Sucht nennen …«
Barker stellte das Bierglas auf den niedrigen Rauchtisch und griff zur Programmzeitung. Er hörte nicht zu, als der Mann weiterredete. Es interessierte ihn nicht.
»Diddy«, rief er, denn Henry Lloyd Barker nannte seine Frau Margarete Diddy. »Diddy, heute abend gibt es einen Krimi.«
»Prima. Komm in die Küche, das Essen ist fertig !«
Barker erhob sich stöhnend und faßte gedankenlos in die Hosentasche. Er betrachtete das Röllchen mit den Tabletten nicht, er kannte die Aufschrift. Er schüttelte eine Tablette in den Handteller und schluckte sie hinunter. Dabei warf er den Kopf zurück; er mochte es nicht, wenn die Tablette im Hals steckenblieb.
Nach dem Essen setzten sich beide vor den Fernseher. Es interessierte sie nicht besonders, aber nach dieser Sendung lief der Krimi. Barker brauchte den Apparat dann nicht erst wieder neu einzustellen, wenn er ihn einfach laufenließ. Und wenn er schon mal lief, sah er auch hin.

Im Senderaum lief die übliche Routinezicke, wie die Leute vom Fach es nennen. Die Jupiterlampen strahlten einen netten, älteren Herrn an, der eben seinen kurzen Vortrag beendet hatte. Der nette, ältere Herr nickte den Fernsehzuschauern freundlich zu, das heißt, er nickte natürlich in Richtung der Aufnahmelinse, aber er hatte schon so viel Routine, daß es sehr echt und sehr persönlich wirkte. Der Kameramann blendete ab und wieder auf. Die Zuschauer sahen jetzt den Nachrichtensprecher. Der Nachrichtensprecher hieß James Holiday. Er war schon viele Jahre beim Fernsehen und war besonders bei älteren Damen beliebt, weil er eine so sanfte, einschmeichelnde Stimme und so ein nettes Lächeln hatte.
»… drei Personen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Polizei stellte fest, daß der Mann, der den Unfall verschuldete, nicht unter Alkoholeinwirkung stand, obwohl er diesen Eindruck machte. Der Hurrikan ›Vera‹ nähert sich jetzt der Ostküste. Evakuierungsmaßnahmen wurden bereits eingeleitet. Es drohen schwere Überschwemmungen. Die Streitkräfte befinden sich in ständigem Einsatz.
Eine Untersuchungskommission hat nach dem großen Flugzeugunglück der vergangenen Woche, dem zweihundert Menschen zum Opfer fielen, festgestellt, daß der Absturz auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.
Wie soeben noch bekannt wird, hat die UNO nach ihrer heutigen Sitzung immer noch keinen Entschluß gefaßt. Die Politiker der beteiligten Staaten beschuldigten sich gegenseitig des Mangels an gutem Willen. Neutrale Beobachter vermuten, daß sich eine Entscheidung noch weiter hinauszögern wird.
Zum Schluß, meine Damen und Herren, der Wetterbericht. Ein Tief von …«
James Holiday hörte schräg hinter sich ein ungewohntes Geräusch. Jemand hatte die Tür zum Studio geöffnet. Holiday konnte sich das nicht erklären, denn während der Sendung war es natürlich strengstens verboten, hereinzukommen oder den Raum zu verlassen. Die Tür wurde wieder geschlossen.
Kameramann, dessen Gesicht Holiday sehen konnte, sog die Luft mit einem heftigen Zischen ein. Er starrte an Holiday vorbei zur Tür. Seine Augen waren weit aufgerissen.
Da drehte Holiday sich ebenfalls um.
Ein Techniker stand blaß und einigermaßen fassungslos zwei Meter neben der Tür. Der Mann, der eben hereingekommen war, gehörte nicht zum Sendeteam. Holiday hatte ihn noch nie gesehen.
Der Mann trug einen dunklen Anzug und darüber einen schwarzen Mantel. Er sah aus wie der Direktor eines Beerdigungsinstitutes, und er hätte auch bei jedem Kunden Vertrauen erweckt. Wenn er nicht diesen großkalibrigen Revolver in der Hand gehabt hätte.
Der Mann hielt den Revolver auf Holiday und den Kameramann gerichtet. Und seine Hand zitterte nicht. In der anderen Hand hielt er eine Aktentasche.
»Sagen Sie mal, sind Sie wahnsinnig«, zischte ein Beleuchter. »Wir sind mitten in der Sendung !«
»Deswegen bin ich ja hier«, sagte der Mann. »Ich warne Sie, die Sendung zu unterbrechen ! Ich merke das sofort.«
James Holiday wandte sich wieder seinen Zuschauern zu.
»Verzeihen Sie, meine Damen und Herren, ein unerwarteter Zwischenfall, der sich sofort aufklären wird. Ich versichere Ihnen …«
»Sie versichern gar nichts mehr«, sagte der Mann. Er war inzwischen näher gekommen und stand neben Holiday. Er machte eine unmißverständliche Bewegung mit dem Revolverlauf. »Wenn Sie jetzt bitte so freundlich sein wollen und mir Ihren Platz überlassen. Ich habe den Leuten«, er zeigte zur Kameralinse hin, »ich habe den Leuten zu Hause an den Bildschirmen einige interessante Dinge zu erzählen.«
Holiday erstarrte. Er saß wie versteinert auf seinem Platz. So etwas hatte er überhaupt noch nicht erlebt. Und das Schlimmste war: er wußte nicht, was er tun sollte. Er war ratlos. Schließlich riß er sich zusammen und wandte sich wieder an die Zuschauer. »Meine Damen und Herren«, sagte er, »meine Damen und Herren, Sie sind Zeugen, daß ich meinen Platz unter Protest räume. Ich weiche der Gewalt.«
Der Mann setzte sich. Dann sagte er:
»Sie werden mir helfen. Wie ist Ihr Name?«
»Ich heiße James Holiday«, sagte James Holiday fassungslos. Denn er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß es irgend jemanden gäbe, der seinen Namen nicht kannte.
»Sie werden jetzt einen Filmvorführapparat besorgen, Mr.Holiday. Und dann werden Sie die Filme einlegen und vorführen, die ich mitgebracht habe. Sie lassen die Filme so laufen, wie ich es Ihnen sagen werde. Bei ›Halt‹ halten Sie an und so weiter. Haben Sie das verstanden, Mr. Holiday ?«
»Ja«, sagte Holiday. »Aber wollen Sie nicht erklären, was das alles überhaupt zu bedeuten hat ?«
»Das kommt noch früh genug. Tun Sie jetzt, was ich Ihnen sage. Und noch etwas, damit Sie nicht glauben, ich mache hier Witze. Wenn mich irgend jemand zu stören versucht oder wenn jemand die Sendung unterbricht, dann schieße ich rücksichtslos. Ich habe meine Gründe.«
Es blieb nichts anderes übrig; es wurde getan, was der Mann verlangte. Der Mann überzeugte sich davon, daß die Sendung weiterlief, indem er immer wieder zu einem kleinen Monitor sah.
Schließlich, als der Apparat aufgebaut war und er Holiday die Filmspulen gegeben hatte, begann der Mann zu reden.
»Meine Damen und Herren, ich wollte Sie nicht erschrecken. Es blieb mir leider kein anderer Ausweg übrig als dieser. Warum, werden Sie bald erfahren. Und bitte, halten Sie diese Vorgänge hier nicht für einen Reklametrick. Was hier eben geschehen ist und was Sie alle gesehen haben, ist echt. Bitte denken Sie immer daran. Ich heiße LaRocca. Dr.Dr.LaRocca, wenn Ihnen das mehr Eindruck macht. Ich bin Spezialist auf dem Gebiet der Toxikologie. Ich habe mich lange mit der Untersuchung moderner Medikamente befaßt. Dabei bin ich auf einige erschreckende Tatsachen gestoßen. Bevor ich mit meinem Bericht hier beginne, möchte ich Ihnen noch eines sagen: Die Herstellerfirma eines bekannten Beruhigungsmittels hat mir eine Bestechungssumme von einer Million Dollar geboten, wenn ich meine Untersuchungen nicht bekanntgebe. Sie können daran sehen, wie wichtig es für diese Leute ist, daß Sie alle, die Sie zuhören und zusehen, nicht erfahren, was ich herausgefunden habe. Es geht um das Beruhigungsmittel Sanogal.«
James Holiday zuckte zusammen. Die Sanogal-Gesellschaft war eine der bekanntesten und größten Firmen überhaupt. Das Fernsehen verdiente Millionen mit der Werbung für dieses harmlose Medikament. Sanogal war nämlich harmlos, davon war Holiday überzeugt. Und es half praktisch gegen alles. Was will der Bursche hier eigentlich ? dachte James Holiday.
»Seit fünf Jahren ist Sanogal im Handel. Ich habe Sanogal in seiner Wirkung studiert, und ich habe es in seine chemischen Bestandteile zerlegt. Und dabei bin ich zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen. Wenn ich herausgefunden hätte, daß das Mittel harmlos ist, dann wäre ich heute nicht hier. Aber Sanogal ist nicht harmlos. Sanogal besteht aus gefährlichen Wirkstoffen und Giften, deren zersetzende Wirkung erst nach frühestens zwei Jahren einsetzt, wenn man es regelmäßig nimmt. Und Sanogal schlucken ist in unserer Zeit schon so üblich geworden wie das Zigarettenrauchen. Nur ist es viel gefährlicher. Ehe ich Ihnen jetzt ein paar Beispiele demonstriere, möchte ich noch kurz auf eine Eigenart von Sanogal eingehen, die man bisher wenig beachtet hat. Sanogal macht süchtig. Wer es einmal nimmt, wird es immer wieder nehmen. Man hat den anderen Stoffen auch noch ein Morphium beigegeben. Alle Stoffe zusammen zersetzen auf die Dauer das menschliche Nervensystem.
Nach zwei Jahren regelmäßiger Einnahme beginnt der Zerfall. Der Mensch wird seiner Umwelt gegenüber gleichgültiger, er reagiert auf Gefahrenmomente langsamer, und er verliert sein Verantwortungsbewußtsein. Es ist damit zu rechnen, daß er nach weiteren zwei Jahren Selbstmordabsichten hegt. Das ist natürlich von Typ zu Typ verschieden, aber im Prinzip verläuft die Entwicklung so und nicht anders.«
Der Mann gab Holiday einen Wink. Holiday legte den ersten Film ein. Der Film lief an. LaRocca sprach mit eindringlicher Stimme weiter.
»Die sich häufenden Verkehrsunfälle sind eine Folge der Sanogal-Sucht. Die Statistik beweist, daß fast achtzig Prozent aller Fahrer, die einen Unfall verschuldet haben, süchtig sind.«
Der Film zeigte eine Ansammlung von grauenhaften Verkehrsunfällen. Autos lagen ineinander verkeilt auf den Straßen, Flugzeuge stürzten ab, Straßenbahnen entgleisten.
»Die Gefahr betrifft nicht nur Amerika. Sanogal ist ein beliebter Exportartikel. Die ganze Welt kauft inzwischen Sanogal. Der Werbespruch lautet ja auch: die Welt schläft besser mit Sanogal, und ich kann das nur bestätigen. Nur wird die Welt bald für immer schlafen, wenn sie weiter Sanogal nimmt. Sanogal muß von den Regierungen verboten werden, das ist der einzige Ausweg. Es gibt da nur eine Schwierigkeit: Auch einige maßgebliche Männer in der Regierung sind sanogalsüchtig.«
Er gab Holiday wieder einen Wink. Der folgende Film war äußerst raffiniert aufgenommen. Er zeigte Konferenzen, Gipfeltreffen von Politikern, die jedermann kannte. Und LaRocca oder seinem Kameramann war es tatsächlich gelungen, die Politiker zu filmen, als sie eine Sanogaltablette schluckten.
»Das ist die Situation, meine Damen und Herren. Und Sie sehen selbst, daß sie schon recht verfahren ist.«
Und in diesem Augenblick passierte es.
Die Leiter der Fernsehgesellschaft hatten einige Zeit gebraucht, um den Schock zu überwinden. Dann hatten sie schnell und entschlossen gehandelt. Die Polizisten bauten sich geräuschlos neben der Eingangstür auf, Andere Polizisten schlichen von hinten an LaRocca heran. Sie ließen ihm keine Chance. Sie schlugen ihm die Waffe aus der Hand und steckten ihn in eine Zwangsjacke.
James Holiday nahm sofort wieder seinen Platz ein.
»Meine Damen und Herren«, sagte James Holiday. »Was Sie soeben hier miterlebt haben, war tatsächlich keine für Sie gemachte Schau, um Ihnen eine Abwechslung zu bieten. Wie soeben mitgeteilt wurde, handelte es sich bei dem Eindringling um einen Kranken, der aus einer Nervenheilanstalt ausgebrochen ist. Wir bitten Sie höflich, diesen Vorfall zu entschuldigen.«
Die Routine setzte sich wieder durch. Holiday sprach die Nachrichten zu Ende. Danach folgte der Kriminalfilm.

»So ein Blödsinn«, sagte Henry Lloyd Barker. »Einfälle haben die ! Das wird ja immer verrückter mit der Reklame.«
»Ich weiß gar nicht, warum sie noch so einen Zirkus um die Tabletten machen«, sagte seine Frau. »Die gehen doch sowieso schon so gut, daß sie mit der Produktion gar nicht nachkommen.«
»Je mehr er hat, je mehr er will«, sagte Barker.
Er schaltete den Apparat aus.
»Bist du auch so müde, Diddy ?«
»Ziemlich.«
»Dann geh mal schon vor, ich komme gleich nach.«
Henry Lloyd Barker und seine Frau Margarete hatten keine Kinder, obwohl sie sich sehr ein Kind gewünscht hatten.
Henry Lloyd Barker bekam auch die neue Stellung nicht, weil er sich nicht darum bemühte. Er interessierte sich für nichts anderes als für seine vier Wände. Er hatte vergessen, daß die Welt draußen interessant und aufregend war. Er wußte auch nicht mehr, daß man ein Stück von dieser Welt zu Hause haben kann. Wenn man sich interessiert. Die Welt, das ist nicht nur das, was weit fort ist. Mit Fernweh muß das nichts zu tun haben. Die Welt ist auch in einem winzigen kleinen Wassertropfen.
Henry Lloyd Barker hatte keine Selbstmordabsichten. Er döste sich nur so durchs Leben. Und er konnte kein Kind mehr zeugen.
Denn Henry Lloyd Barker nahm seit fünf Jahren Sanogal.

Gelesen in:
Am Ende der Furcht
utopisch-phantastische Stories
HEYNE-Buch Nr. 3075