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Calllahan's Saloon

Callahan´s Saloon

von

Spider Robinson


Nichts, was Menschen je erdacht haben,

hat soviel Glück beschert

wie eine gute Taverne oder ein Gasthaus.“

Samuel Johnson


http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1395&Itemid=55

An diesem Abend ging es in Callahans Saloon ganz schön rund. Die Gäste konnten sich nicht entscheiden, ob sie den Mund zum Reden oder zum Trinken des Budweisers verwenden sollten, und Biergläser waren kaum zu bekommen. Trotzdem schaffte es dieser Kerl, beinahe eine Stunde lang in einer Ecke zu sitzen, ohne daß ihn jemand bemerkte. Ich entdeckte ihn erst ein paar Minuten, bevor der allgemeine Wirbel losging, und ich achte streng darauf, daß ich jeden in Callahans Saloon genau unter die Lupe nehme.

Vor allem sah ich seine Augen. Man gewöhnt sich bei Callahan an traurige Augen - jeder Neuankömmling hat sie -, aber die hier erinnerten mich an einen Kerl, den ich einmal in Topeka kennengelernt hatte und der mit einem antiken Revolver vier Leute ins Jenseits beförderte, bevor ihn die anderen erledigten.

Ich hoffte verdammt, daß er den Kamin aufsuchen würde, bevor er sich verdrückte.

Wenn Sie noch nie in Callahans Saloon gewesen sind, tun Sie mir in tiefster Seele leid. Suchen Sie ihn in der Wildnis von Suffolk County, aber halten Sie nicht nach Neonbeleuchtung Ausschau. Ein einfaches, handgemaltes Schild, das von einem einzigen Scheinwerfer beleuchtet wird, und eine schwere, 1947 vom Kopf eines gewissen Big Beef McCaffrey mittendurch gespaltene Holztür, die behelfsmäßig zusammengeflickt ist.

Drinnen gibt es etliche ketzerische Besonderheiten.

Erstens ist die Beleuchtung ungefähr so hell wie in Ihrem Wohnzimmer. Callahan behauptet, daß Menschen, die in finsteren Höhlen trinken, labil sind.

Zweitens gibt es einen Einheitspreis. Jeder Drink in dem Saloon kostet einen halben Dollar, aber man hat eine Alternative. Die Alternative sieht so aus: Man legt eine Eindollarnote auf die Theke. Wenn man nur einen Zehndollarschein bei sich hat, trabt man über die Straße ins Delikatessengeschäft, das die ganze Nacht offen hat, wechselt, kommt zurück und legt eine Eindollarnote auf die Theke. (Callahan behauptet, daß kein vernünftiger Mensch Eindollarscheine fälschen würde; die meisten von uns nehmen an, daß er sich einfach gern mit einer Handvoll Dollars den Schweiß vom Gesicht reibt, nachdem er die Bar geschlossen hat.)

Man bekommt sein bevorzugtes Gift. Man kippt es, und dann steht man vor der Alternative. Man kann sich unterwegs aus der immer vollen Zigarrenkiste am Ende der Theke zwei Vierteldollar schnappen und in die Nacht entschwinden. Oder man kann, sobald man ausgetrunken hat, zur Kreidelinie mitten im Raum gehen, einen Toast ausbringen (das ist Vorschrift) und das Glas in den breiten, altmodischen Kamin schleudern, der den größten Teil der Rückwand einnimmt. Dann verläßt man das Lokal, ohne die Zigarrenkiste aufzusuchen. Oder man zaubert einen zweiten Dollar hervor und steht wieder vor der Alternative.

Callahan muß die Zigarrenkiste nur selten nachfüllen. Er bestellt die Gläser in solchen Mengen, daß sie ihn beinahe nichts kosten, und fegt jeden Morgen den Kamin eigenhändig aus.

Noch eine ketzerische Besonderheit: niemand beobachtet dich mißtrauisch, um sicher zu sein, daß du dir nicht mehr Vierteldollars nimmst, als dir zustehen. Wenn Callahan jemanden erwischt, der ihn betrügt, wirft er ihn höchst persönlich für immer hinaus. Manchmal macht er die Tür vorher nicht auf. Das letzte Mal, als er jemanden hinausbefördern mußte, schrieben wir 1947, und es handelte sich um einen Herrn namens Big Beef McCaffrey

Die Feststellung, daß es ein verdammt interessantes Lokal ist, kommt keineswegs von ungefähr. Von solchen Lokalen hört man nur, wenn man sie braucht - und wenn man sehr viel Glück hat. Denn wenn ein Kunde seinen Trinkspruch ausgebracht hat, sein Glas zerschmettert hat und dann noch das Bedürfnis verspürt, über seine Schwierigkeiten zu sprechen, wendet ihm sofort jeder Anwesende seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu. (Deshalb die Vorschrift mit dem Trinkspruch. Männer, die einen Kummer mit sich herumtragen und auf diesen Kummer im Trinkspruch zu sprechen kommen, stellen dabei fest, daß sie unbedingt darüber reden möchten. Callahan hat wirklich ein kluges Köpfchen.) Andererseits wird nicht einmal der quälendste, rätselhafteste Toast zu neugierigen Fragen führen, wenn der Kerl nicht zu erkennen gibt, daß er seinem Herzen Luft machen will. Jeder, der versucht, mit diesem Brauch zu brechen, wird sofort vom Schnellen Eddie, dem Klavierspieler, geschnappt und durch die Hintertür abgeschoben.

Aber irgendwie haben viele das Bedürfnis, sich in Callahans Saloon etwas von der Seele zu reden; und man bekommt hier innerhalb einer Woche tiefere Einblicke in das menschliche Wesen als in zehn Jahren in jeder anderen Kneipe, die ich kenne. Vermutlich findet man hier auch Trost für beinahe jede Art von Trübsal, wenn nicht von jemand anderem, dann von Callahan persönlich. Es muß schon ein ganz besonderer Schmerz sein, wenn er die Ratschläge, die Hilfe und das Mitgefühl von über dreißig Gästen übersteht, die Anteil nehmen. Callahan verliert laufend Stammkunden. Nachdem sie lang genug bei ihm aufgekreuzt sind, stellen sie fest, daß sie keinen Kummertrunk mehr brauchen.

Um so einen Saloon handelt es sich.


Ich möchte nicht, daß Sie sich Callahans Saloon als tränenreiche Gruppentherapie nach Art der Anonymen Alkoholiker vorstellen, bei der Callahan als deftiges Psychoanalytiker-Vatersymbol im Vordergrund steht. Verdammt, viele Trinksprüche rufen dröhnendes Gelächter hervor, oder der Chor brüllt Zustimmung, oder, wenn die Stimmung an dem Abend besonders angeregt ist, kommen aus dem ganzen Raum Gläser geflogen. Callahan hat nichts gegen Krach; er findet, daß eine Bar »fröhlich« sein sollte, solange dabei keine Knochen unabsichtlich zu Bruch gehen. Ich weiß noch, wie er Spud Flynn half, ein Sitzkissen anzuzünden, weil dieser eine Wette darüber abgeschlossen hatte, aus welcher Richtung die Zugluft kam. Callahan strahlt zu jeder Zeit monolithische Ruhe aus; und seine Geduld ist länger als der Äquator.

Der Abend, von dem ich Ihnen erzähle, war ganz sicher fröhlich. Als ich gegen zehn Uhr eintrudelte, schlurften die Gäste bei einem schauderlichen Volkstanz mitten im Raum herum. Ich legte einen Dollar auf die Theke, bekam ein Glas Tullamore Dew und ein Begrüßungslächeln von Callahan und lehnte mich in meinem Stuhl zurück - Callahan haßt Barhocker -, um das Leben und Treiben zu beobachten. Das ist das Besondere an Callahans Lokal: in den meisten Bars tanzen die Männer nur, wenn Damen vorhanden sind. Ganz gleich, von welchem Geschlecht.

Ich entdeckte in dem Mahlstrom von Verrückten, die auf dem echten Sägemehl torkelten und schlingerten, ein paar vertraute Gesichter und winkte ihnen grüßend zu. Da war Tom Flannery, der damals noch acht Monate zu leben hatte und es wußte; in Callahans Saloon lachte er oft. Da war Slippery Joe Maser, der zwei Frauen hatte, und Marty Matthias, der nicht mehr Karten spielte, und Noah Gonzalez, der beim Bombenentschärfungskommando von Suffolk County arbeitete. Die Figuren des Volkstanzes sagte Doc Webster an, der dabei einen beinahe echten irischen Jig hinlegte und genauso rund und gemütlich war wie an dem Tag, an dem er mir die Schlafpillen aus dem Magen gepumpt und mich zu Callahan geschickt hatte. Wissen Sie, ich hatte eine Frau und eine Tochter, bevor ich beschloß, die Bremsen an meinem Wagen selbst nachzustellen. Ich habe damals gut und gern dreißig Dollar gespart …

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Hören Sie auf“, meinte der Kerl, als wieder Ruhe eingetreten war, „Ihr Vorschlag, Geschichten auszutauschen, klingt gut. Jeder von uns soll seinen Namen nennen und erklären, wieso er hier bei Callahan gelandet ist. Ich bin sicher, daß die Geschichten der meisten Anwesenden mir etwas fürs Leben geben werden - offenbar kommt niemand ohne bestimmten Grund hierher. Wie stellen Sie sich dazu ?“

Wir sahen einander an.

Einverstanden.“ „Okay.“ „Warum nicht ?“

Niemand weigerte sich - die Menschen kommen schließlich zu Callahan, weil sie das Bedürfnis haben, sich ihre Kümmernisse von der Seele zu reden - und das erste Mal ist es immer am schwersten. „Fein“, fuhr der Kerl fort, „dann werde ich wohl den Anfang machen müssen.“ Er nahm ein Glas, ließ es sich vollschenken und feuchtete sich erst einmal die Kehle an. Er war ungefähr in meinem Alter und hatte an den Schläfen ein paar weiße Strähnen, so daß er wie Homer in seinen besten Jahren aussah. Sein Gesicht war anziehend und seine Figur ausgezeichnet, aber ich stellte zu meiner Überraschung fest, daß ihm das linke Ohrläppchen fehlte. Auf der rechten Schulter hatte er eine Narbe, die in der sonnengebräunten Haut kaum sichtbar war und aussah, als stamme sie von einer Schrotsäge.

Ich heiße Tony Telasco“, begann er. „Ich halte Vorträge, zeige dabei Diapositive, halte Reden und lande gelegentlich im Knast, aber bevor ich zu Callahan kam, habe ich noch viel mehr gemacht. Eine Zeitlang war ich ein transzendentaler Meditator und habe meinen Nabel angestarrt. Davor war ich rauschgiftsüchtig und davor war ich ein Trinker, und davor war ich ein Killer. Und zwar sofort nachdem ich dem Kindesalter entwachsen war.

Wissen Sie, eigentlich bin ich ein Veteran aus dem Vietnamkrieg.“

Ringsum ertönten leise Pfiffe und Ausrufe.


Ich war das erste Jahr am College (fuhr Tony fort), als ich von meiner Einberufungskommission das magische Stück Papier bekam. Studenten der Wirtschaftsuniversität wurden nicht vom Wehrdienst befreit, daher standen mir die drei klassischen Möglichkeiten offen: Gefängnis, Kanada oder Vietnam.

Das heißt, ich hatte eigentlich keine Wahl. Damit Sie keinen falschen Eindruck von mir bekommen: ich hatte eine Scheißangst vor Vietnam - ich hatte nämlich im Fernsehen etliches darüber gesehen. Aber ich hatte Angst und schämte mich gleichzeitig, mich einlochen zu lassen, und ich hatte Angst und zu wenig praktische Kenntnisse, um zu emigrieren. Es würde kein Honiglecken werden, wenn ich mich in ein fremdes Land verschiffen ließ und dort kämpfte, aber es erschien mir unmöglich, daß ich in ein anderes Land übersiedelte und dort ohne erlernten Beruf und ohne akademischen Titel meinen Lebensunterhalt verdiente.

Blieb also Vietnam als das kleinste von drei Übeln. Ich nahm nie eine moralische Wertung des Krieges vor, fragte mich nie, ob es richtig war, daß ich daran teilnahm. Es war die einfachste Lösung. Natürlich kannte ich ein paar Leute, die nach Kanada geflohen waren, aber ich verstand sie nicht - ich mag Amerika. Und ein Junge aus meiner Gruppe am College ließ sich einsperren, aber am dritten Tag fanden sie ihn: er hing am Ende seines Lakens ein paar Zentimeter über dem Fußboden. Sein Zellengenosse schlief tief und fest.

Daher landete ich in der Army. Die Grundausbildung war hart, aber erträglich; ich hatte immer etwas für körperliche Betätigung übrig gehabt und war gut in Form. Für meinen Geist war es wesentlich schwerer.

Der beste Freund, den ich während der Grundausbildung fand, war ein gewisser Steve McConnell aus Kalifornien. Steve war ein feiner Kerl, der Typ, den man während dieser schweren Zeit gern neben sich weiß. Er fand wie kein anderer den Schwachsinn im Militärleben heraus und stürzte sich hemmungslos auf ihn. Er verfügte über einen sehr trockenen Humor, lachte nicht schallend - eigentlich lachte er überhaupt nie laut -, aber amüsierte sich ständig über Dinge, die mich wahnsinnig machten. Wie ich war er beinahe zufällig in die Army geraten, doch je länger er darüber nachdachte, desto weniger gefiel sie ihm. Mir ging es genauso, ich hatte aber keine Ahnung, was ich dagegen unternehmen sollte. Wir schälten stundenlang gemeinsam Kartoffeln, sprachen über den Krieg, die Frauen, die Army, die Frauen, die kommunistische Gefahr in Südostasien, die Frauen, und Steve war ein unabhängiger Denker - er trieb sich nicht mit den übrigen Schwarzen in unserer Einheit herum, die sich aus Selbstschutz zusammengeschlossen hatten. Das kann einen Schwarzen in der US-Army ganz schön in Schwierigkeiten bringen, aber Steve ging seinen eigenen Weg und suchte sich seine Freunde nicht nach ihrer Hautfarbe aus. Ich weiß nicht, warum er und ich so dicke Freunde wurden - ich weiß nicht, nach welchen Gesichtspunkten er mich ausgesucht hat -, aber wir standen einander so nahe, daß ich glaubte, ihn wirklich zu kennen und zu verstehen.

Ich war genauso überrascht wie die anderen, als er endlich Stellung bezog.

Irgendwann kommt der bitterkalte Februartag, an dem man die Rekruten hintereinander in einer Reihe aufstellt und ein paar sarggroße Kisten herbeischafft. Die Ausbilder sind noch anmaßender als gewöhnlich und tun, als würde man sofort eine Messe zelebrieren. Vom Standpunkt der Army aus haben sie ja auch recht.

Dann spielt sich folgendes ab: Einer nach dem anderen rückt an die Spitze der Reihe vor, streckt die Arme aus, ein riesiger Sergeant wirft ihm so schwungvoll wie möglich ein Gewehr zu - Sie haben Ihre Waffe erhalten, Mister, und Gott sei Ihnen gnädig, wenn Sie sie fallen lassen oder sie ungeschickt fangen oder wenn sie mit irgendeinem Teil den Boden berührt. Das ist ärger, als wenn Sie sie als »Flinte« bezeichnen. Ein paar Burschen machte der Sergeant zur Sau, weil sie nicht richtig zufassen konnten (ihre Finger waren steif vor Kälte), und alle Rekruten in der Reihe kneteten wie wild ihre Finger und sandten Stoßgebete zum Himmel.

Steve stand direkt vor mir und war merkwürdig wortkarg; keiner meiner Witze löste eine Reaktion bei ihm aus. Ich führte es auf die Kälte und das feierliche Brimborium zurück, und teilweise stimmte es ja auch.

Plötzlich war er an der Reihe, der große Sergeant suchte ein Gewehr heraus, hob es hoch und warf es besonders heftig, weil er aus Alabama war; ich betete, daß Steve es richtig auffangen würde, und da trat er einfach zur Seite.

So einfach war das; eine Sekunde des Staunens, und dann blieb die Zeit stehen. Steve trat nach links, das Gewehr flog an ihm vorbei, schlug mit dem Lauf voran auf den Boden auf und bohrte sich fünf Zentimeter tief in den Schlamm. Der Kolben streifte mein Knie. Auf dem gesamten Exerzierplatz hörten die Leute auf zu fluchen und Witze zu reißen und starrten das verdammte Gewehr an, das im Schlamm vibrierte wie ein Zweig, den ein Idiot eingepflanzt hat, starrten und warteten darauf, daß der Himmel einstürzte.

Der große Sergeant lief rot an, blähte sich auf wie ein Ochsenfrosch und suchte in seinem Gedächtnis nach einer Obszönität, die seiner Wut entsprach. Doch bevor er sie fand, sagte Steve unbeschreiblich sanft:

Es tut mir leid, Sergeant, aber ich kann das Gewehr nicht nehmen.“

Warum nicht ?“ brüllte der Sergeant

Weil es tötet, Sergeant“

Der Sergeant stierte Steve einen Augenblick lang an, dann zog er seine Pistole und richtete sie auf Steves Nabel. „Dieses Ding tötet ebenfalls, Soldat. Heben Sie das Gewehr auf.“

Ich starrte Steve wie gelähmt an. Er stand offenbar Todesängste aus, und ich war genauso überzeugt wie er, daß er im nächsten Augenblick tot sein würde. Heb es auf, Steve, betete ich. Du mußt es ja nicht verwenden, heb das verdammte Ding nur auf.

Sergeant“, antwortete Steve endlich, „Sie können mich dazu zwingen, es aufzuheben, aber Sie können mich nie dazu bringen, daß ich es verwende. Nicht einmal mit Ihrer Automatik. Was soll also der ganze Zauber ?“

Der Sergeant sah ihn lange an, dann steckte er seine 45er ins Halfter und winkte ein paar Obergefreite herbei. „Bringt den verdammten Nigger in den Bau“, knurrte er und bückte sich wieder zu der Kiste. Bevor ich überlegen konnte, flog ein Gewehr auf mich zu, und ich fing es anstandslos. „Der nächste“, brüllte er, und die Reihe bewegte sich weiter. In der Unterkunft kam ich wieder zu mir, betrachtete das Gewehr und fragte mich, warum Steve etwas so Wahnsinniges getan hatte.

Kurz danach wurde ich nach Vietnam eingeschifft - ich versuchte, mit Steve im Bau Verbindung aufzunehmen, aber es gelang mir nicht. Er blieb mit den restlichen Amerikanern in der Heimat zurück, und ich landete in einem Dschungel voll unfreundlicher Fremder. Es war schlimm - wirklich schlimm - und ich dachte viel an Steve und an die Wahl, die er getroffen hatte. Ich konnte die Menschen, gegen die ich kämpfte, nicht von den Menschen unterscheiden, für die ich kämpfte, und die offizielle Parole - „Schieß auf alles, was sich bewegt“ -, befriedigte mich keineswegs.

Zuerst. Dann schlug mir eines Tages ein zwölfjähriger Junge mit einer Machete das linke Ohrläppchen ab, während ich ein paar Lebensmittel für ihn zusammensuchte. Der Junge wollte mir eigentlich den Kopf abschlagen, aber ein guter Freund von mir, Sean Reilly, schoß ihm in den Bauch, als er ausholte.

Um Himmels willen, Tony“, ermahnte mich Sean, nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß der Junge tot war. „Du weißt doch: Dreh einem Gook nie den Rücken zu.“

Ich war mit meinem blutenden Ohr beschäftigt und konnte ihm deshalb nicht antworten, aber allmählich schloß ich mich seiner Meinung an. Vietnam war leichter gewesen als das Gefängnis, das Gewehr fangen war leichter gewesen, als es fallen zu lassen, Gooks töten war leichter, als mit ihnen über politische Philosophie zu diskutieren.

Eine Woche später wurde es noch viel leichter.

Seans Einheit war zur Erkundung flußaufwärts geschickt worden, während wir übrigen eine Atempause vor der großen Offensive hatten. Ich schob Wache mit einem Burschen, an dessen Name ich mich nicht erinnere - er war kein schlechter Kerl, aber er rauchte Marihuana, und man hatte mir von Kind auf eingetrichtert, daß das Zeug schädlich ist. An diesem Tag rauchte er jedenfalls ein paar Joints, während wir auf die Geräusche des Dschungels lauschten und auf die Ablösung warteten, damit wir Essen fassen konnten. Das Marihuana machte ihn durstig, deshalb bot ich ihm an, ihn zu vertreten, während er zum Fluß hinunterging, um zu trinken. Er verschwand leicht schwankend im Dschungel.

Eine Minute später hörte ich ihn schreien.

Es waren keine fünfzig Meter bis zum Fluß, aber ich folgte ihm vorsichtig, denn ich nahm an, daß er tot war und daß ich einer feindlichen Übermacht gegenüberstand. Doch als ich meinen Gewehrlauf durch das Laub schob, sah ich nur ihn. Er lag auf den Knien und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. O mein Gott, dachte ich, ausgerechnet jetzt muß er ausflippen. Ich wollte ihn schon anbrüllen, als ich sah, was er gesehen hatte.

Sean trieb träge ans Ufer, seine Finger und Zehen hingen wie ein Halsband fein säuberlich aufgefädelt um seinen Hals, und sie hatten ihm seine Genitalien in den Mund genäht.

Ein Freund, ein Mann, der mir das Leben gerettet hatte, ein Mensch, der Künstler werden wollte, wenn er nach Hause kam, war von einem Haufen schlitzäugiger Affen tranchiert worden wie eine Weihnachtsgans - es war nicht mehr leicht, Gooks zu töten.

Es machte Spaß.

Ich erlebte den Rest des Krieges wie in einem leichten rötlichen Dunst. Ich habe Frauen vergewaltigt, ich habe einem Baby den Schädel mit dem Gewehrkolben eingeschlagen, um einen Vietkong-Sympathisanten zum Reden zu bringen, ich habe Gefangene gefoltert, und es hat mir Spaß gemacht. Ich erinnere mich an ein Dutzend My Lais, und ich war zähnebleckend wie ein Wolf daran beteiligt. Wut schmeckt besser als Verwirrung, und diesmal war es leichter zu töten als zu denken.

Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich mit dieser Mordlust in mir nach Hause gekommen wäre. Gott weiß, was aus denen geworden ist, bei denen es der Fall war. Aber zwei Wochen vor meiner Entlassung bekam ich einen Brief von einem Freund in den Staaten, einem Proviantmeister im Ausbildungslager. Steven McConell war im Militärgefängnis gestorben. Er war »die Treppe hinuntergefallen« und hatte sich beinahe jeden einzelnen Knochen im Körper gebrochen; die offizielle Version war Tod durch Unfall. Genau wie bei Sean - nur war diesmal unsere Seite dafür verantwortlich.

Während ich den Brief las, verwandelte sich meine Mordlust in das Gegenteil. Am nächsten Morgen zog ich mit meiner Einheit aus und versuchte zu sterben. Aber ich vermurkste es und bekam auf diese Art meine zweite Auszeichnung. Ich bekam in Vietnam keine Chance mehr zu sterben; sie schickten mich aus dem Spital direkt nach Hause, nachdem sie meine Schulter sauber zusammengeflickt hatten, und gaben mir ein Stück Papier mit, auf dem mir bescheinigt wurde, daß ich wieder ein normales menschliches Wesen war.

In den Staaten kam es mir gar nicht mehr so vernünftig vor, mich umzubringen, deshalb versuchte ich statt dessen zu vergessen. Eine Zeitlang half mir der Alkohol dabei; aber ich mußte ihn aufgeben; mein Magen vertrug das Quantum nicht, das ich brauchte. Dann war eine Weile Marihuana eine echte Hilfe für mich, aber manchmal wirkte es in die verkehrte Richtung: Ich sah Ströme von Blut und Seans Finger und Steve schlaff wie einen Sack. Ich versuchte es also mit Kokain, und das war großartig. Dann gab mir eines Tages ein Dealer, der Steve ähnlich sah, etwas ganz Tolles. Heroin war genau das Zeug, das ich brauchte, und ich war überhaupt nicht darüber erstaunt, daß ich davon abhängig wurde.

Aber es ist komisch … wahrscheinlich wollte ich mich eigentlich gar nicht umbringen. Ich hörte von dieser neuen Masche mit der transzendentalen Meditation, trieb mich bei Treffen der Ananada Marga Yoga-Gesellschaft herum, und wurde tatsächlich sauber. Statt auf Heroin high zu werden, wurde ich auf himmlische Glückseligkeit high, was billiger, gesünder, gesetzlich erlaubt und insgesamt viel befriedigender ist.

Es dauerte ein Jahr, bis ich draufkam, daß ich überhaupt nichts leistete.

Doch gerade um diese Zeit hatte ich Glück: ich befolgte den Rat meines Arztes, Doctor Webster, und begann, Callahans Saloon aufzusuchen. Und mein Kopf wurde klarer, viel klarer. Ehe ich mich versah, stand ich auf einer Bühne, hielt vor Vietnam-Veteranen eine Rede und lernte, daß es Dinge gibt, für die es sich lohnt zu kämpfen - aber sauber zu kämpfen. Ich hielt also weitere Reden, beteiligte mich an Demonstrationen und trat im Fernsehen auf. Ich bin viermal verhaftet worden, ein Polizist hat mir das Bein gebrochen, und in meiner Heimatstadt haben sie meinen Namen aus der Ehrenliste der Vaterlandsverteidiger gelöscht. Mein Vater spricht - noch - nicht mit mir, und mein Telefon ist angezapft. Ich fühle mich großartig.


und das alles verdanke ich Ihnen, Mr. Callahan“, schloß Tony

Blödsinn, Tony“, knurrte Callahan, „wir haben nichts für Sie getan, das Sie nicht auch selbst hätten tun können.“

Sie haben mich akzeptiert. Sie haben mir klargemacht, daß ich ein normaler Mensch bin, der in einen Alptraum geraten war, einen Alptraum, durch den er erfuhr, daß er das Zeug zu einem Killer in sich hat. Eines Abends habe ich Ihnen und Ihren Gästen diese Geschichte erzählt, und Sie haben mich nicht angestarrt wie einen tollwütigen Hund. Sie haben mir erklärt, daß ich eine größere Zuhörerschaft brauche. Sie haben mir gezeigt, daß nicht mein Killerinstinkt mich nach Vietnam gebracht hat, sondern meine Unfähigkeit, Probleme bis zum Ende durchzudenken. Sie haben mir gezeigt, daß ich sehr wohl über Steves Mut verfüge, auch wenn ich etwas länger gebraucht habe, um die gleiche Entscheidung zu treffen wie er. Ich war davon überzeugt gewesen, daß ich diesen Mut nicht aufbringen kann, deshalb habe ich es nie versucht. Als ich es dann doch tat, fand ich ihn. Weil Sie an mich geglaubt haben.

Das Gefängnis ist zwar nicht gerade ein Erholungsheim, aber ich möchte tun, was in meinen Kräften steht, damit niemand mehr so durch den Fleischwolf gedreht wird wie ich. Doch ich tue es nicht aus Schuldbewußtsein, sondern weil es mir ein Bedürfnis ist.“ Er sah Callahan an. „Ich habe meine Absolution schon hier bekommen.“

Callahan leerte sein Glas und schlug ihm auf die Schulter. „Gut gesprochen, Tony“, und wir hoben unsere Gläser und prosteten ihm zu. Als wir fertig waren, explodierte der Kamin vor Geschossen.

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Gelesen in :
Spider Robinson
Die Zeitreisenden in »Callahan´s Saloon«
HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY
Band 06/4321
ISBN 3-435-31315-1


Zur Erläuterung:
Diese Story wurde von mir aus Auszügen von zwei Geschichten zusammengesetzt.
Der erste Teil der Story stammt aus der Geschichte „Der Kerl mit den Augen“,
der zweite Teil aus „Unnatürliche Ursachen“.
Warum dieses? Nun, - Spider Robinson schrieb einen Episoden-Roman, in dessen Geschichten Leute Geschichten erzählen.
Der erste Teil aus „Der Kerl mit den Augen“ war nötig um die Örtlichkeit und Atmosphäre zu beschreiben, und der zweite Teil aus „Unnatürliche Ursachen“ war ganz einfach wichtig. U.H.