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Ein netter kleiner Krieg

Ein netter kleiner Krieg

von

Jörg Weigand


http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1402&Itemid=55

1


Die Männer sangen lauthals, als sie von dem Offizier mit der golden paspelierten Fangschnur eines Diensthabenden in Richtung der weit offen stehenden Ladeluke im Bauch des startbereiten Truppentransporters geführt wurden. Sie waren alle guter, fast ausgelassener Laune und freuten sich ganz offensichtlich auf den bevorstehenden Einsatz, über den sie beim derzeitigen Stand der Dinge noch gar nichts wissen konnten.

Es war ihnen von niemandem befohlen worden, ein Lied anzustimmen, doch hatte weder der Diensthabende Unwillen gezeigt, noch waren die mitmarschierenden Unteroffiziersdienstgrade dagegen gewesen, als ein blondhaariger Obergefreiter aus der Kolonne spontan zu singen angefangen hatte und die übrigen mit ihrer rauhen Stimmen eingefallen waren. Und so schallte nun das Lied »Heut’ stürmen wir die Galaxis« zum harten Knallen der Stiefel auf dem Beton über das Rollfeld. Die Männer trugen bereits den leichten, tarnfarbenen Kampfanzug, geeignet für Einsätze bei sommerlich warmen bis heißen Temperaturen auf erdähnlichen Planeten, luftdurchlässig und dabei dennoch äußerst strapazierfähig. Die ebenfalls tarnfarben gestrichenen Kommandohelme mit dem Kehlkopfmikro und den verschiebbaren Sichtblenden baumelten ihnen vorne auf der Brust, so daß sie im Notfall fast ohne Zeitverzug übergestülpt werden konnten – im Ernstfall hatte sich das schon oft bewährt.

Die Waffen, selbst die Handfeuerwaffen und der Spaten, und die anderen Ausrüstungsgegenstände wie Feldgepäck und Regenzeug, waren ihnen auf schweren Transportfahrzeugen zum Schiff vorausgefahren worden und befanden sich bereits im Innern des Truppentransporters. Die Männer würden sich noch früh genug damit abschleppen müssen, für den Augenblick wenigstens blieb ihnen diese Plackerei noch erspart. So lautete der Tagesbefehl des Kommandeurs der Fünften Fremdweltenbrigade, der diese Männer angehörten.

Auf dem weitläufigen Gelände des Raumhafens war alle andere Arbeit zum Erliegen gekommen, als die langgestreckte Formation der Soldaten hinter dem vor langer Zeit ausgebrannten und nie wieder aufgebauten Hangar am anderen Ende des Flugfeldes aufgetaucht war. Die Fünfte Fremdweltenbrigade, seit vielen Jahrzehnten hier auf Chys, dem vierten Planeten der Sonne Tion am Rande des galaktischen Imperiums, stationiert und zum Teil aus der Jugend der einheimischen Bevölkerung rekrutiert, genoß einen geradezu legendären Ruf.

Diese Brigade galt als vorbildlich für die gesamten übrigen Streitkräfte Terras in dem von Menschen kontrollierten Gebiet, so groß es auch war; und zwar galt dies sowohl für die Raumflotte wie für die Interventions- und Bodentruppen. Wer bei der Fünften Fremdweltenbrigade Dienst tat, war stolz darauf, und viele Kommandeure des terranischen Militärs hatten einmal in dieser Brigade angefangen.

Kein Wunder also, daß Beifall aufkam auf der Piste des Raumhafens, als die Soldaten in strammem Schritt vorbeimarschierten. So mancher Techniker und Arbeiter hier auf dem Rollfeld hatte ein oder zwei Söhne, die in der Einheit Dienst taten, freiwilligen Dienst, auch wenn der Sold nicht gerade üppig war. Und stolz blickten die Väter auf ihre Nachkommen, die im Dienste Terras einem neuen Kampf, einem neuen Abenteuer entgegengingen.

Die Bewohner von Chys identifizierten sich weitgehend mit den Angehörigen der Fünften Fremdweltenbrigade. Diese Männer trugen Uniform im Interesse des gesamten Imperiums, also auch im Interesse von Chys; sie sorgten dafür, daß die Bedrohung an den Grenzen, und davon war dieser Planet ja besonders betroffen, nicht zu übermächtig wurde. Ja, sie klatschten Beifall. Ihre Jungs würden es schon richtig machen !



2


Irgendwie hatte er mit der Institution Militär, aber auch mit ihren Repräsentanten, den Uniformträgern im Dienste der imperialen Sicherheit, noch nie etwas anfangen können. Selbstverständlich verschloß er sich nicht der Tatsache, daß die Grenzen des terranischen Einflußgebietes gesichert werden mußten; doch was ihm total fremd war, war jene seltsame Mentalität, die selbst im Privatleben - weit weg von allen dienstlichen Belangen - militärische Haltung und Disziplin pflegte, ja von anderen auch forderte.

Und da er gerade zu dem Zeitpunkt, als er gemustert wurde und seinen Dienst ableisten sollte, etwas schwach auf der Brust war, wie der Musterungsarzt sich ausgedrückt hatte, war er „einstweilen“ zurückgestellt worden. Doch seitdem waren etliche Jahre vergangen, und man hatte sich nicht wieder bei ihm gemeldet. Während er durch das Bullauge die anmarschierende Kolonne beobachtete, überlegte sich Robert Zwick, ob er nicht eventuell in dieser Kolonne mitmarschieren würde - wenn, ja wenn sie ihn damals genommen hätten. Denn möglicherweise hätte er sich dann weiterverpflichtet, wer weiß; das taten viele, und manche blieben ihr ganzes Leben lang dabei.

Manchmal allerdings war ein solches militärisches Leben auch sehr kurz; denn die Ausfallrate bei den Planeteneinsätzen war hoch, auf jeden Fall höher, als der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. Doch Robert kannte die echten Zahlen, und sie hatten ihn erschüttert, als er zum ersten Mal mit ihnen konfrontiert worden war.

An sich dürften wir diese Zahlen gar nicht kennen, geschweige denn in Form dieser Statistik besitzen“, hatte ihm sein Chefredakteur erklärt, nachdem er ihm das Papier zu lesen gegeben hatte. „Die halten das im Kolonialministerium streng unter Verschluß. Aber, na ja, irgendwann kommt ein solches Dokument eben doch auf den Markt.“

Das war an dem Tag, als ihm Chef Pohl eröffnete, daß er mit der Fünften Fremdweltenbrigade einen Ausflug, wie er es nannte, machen sollte.

Warum eigentlich Kolonialministerium, ist da nicht das Verteidigungsministerium zuständig ?“

Ganz recht“, war die Antwort. „Eigentlich schon, aber irgendein Schlaukopf in der Verwaltungsplanung hat dem Kolonialministerium die Federführung für alles übertragen, was mit Fremdwelten zu tun hat.“

Aber heißt es nicht immer, daß die Moral der Truppe ausgezeichnet sei ?“

Das sagen die vom Ministerium …“

Aber wie verträgt sich das dann mit der Statistik, die Sie mir gerade gegeben haben ?“

Das sollen Sie ja recherchieren, mein Lieber. Deswegen habe ich Ihnen ja eine Möglichkeit verschafft, die Brigade bei ihrem nächsten Einsatz zu begleiten.“

Robert Zwick versuchte zu protestieren, viel Lust hatte er nicht, ehrlich gesagt, zuerst einmal in einem überfüllten Truppentransporter mitzufliegen und dann auch noch mit den Soldaten irgendwo auf einem abgelegenen Planeten im Dreck zu liegen.

Warum gerade ich ?“

Warum nicht ?“ war die Gegenfrage gewesen. „Oder spricht etwas dagegen ?“

Das letzte war eine ausgesprochene Gemeinheit gewesen, denn der Chef kannte Zwicks Ratlosigkeit gegenüber allem Militärischen.

Aber der Reporter konnte schlecht ablehnen. Seitdem er vor einigen Wochen im Fall Bremer Mist gebaut hatte, hatte er - und das war Meinung aller in der Redaktion - noch etwas gutzumachen.



3


Die Angehörigen der Fünften Fremdweltenbrigade entpuppten sich als recht nette Kerle, mit denen gut auszukommen war. Auch die Unterführer waren erträglich, solange man sich mit ihnen nicht auf eine Debatte über Sinn und Zweck der bewaffneten Macht einließ. Aber nach dem ersten heißen Streitgespräch, bei dem es fast zu einer handfesten Prügelei gekommen wäre, hütete sich Robert, das Thema von sich aus noch einmal anzuschneiden. Und für die andere Seite war sowieso alles klar, warum also noch viel darüber diskutieren ?

Fordern Sie die Jungs nicht heraus, dann werden Sie gut mit allen zurechtkommen“, hatte ihm Hauptfeldwebel Skrobowsky an jenem Abend nach dem Streitgespräch geraten. „Da verstehen sie alle keinen Spaß, ich übrigens auch nicht; wenn wir nicht davon überzeugt wären, wären wir nicht hier, oder ?“

Wovon überzeugt ? hätte Robert Zwick am liebsten gegengefragt, doch er hielt lieber den Mund, denn mit Skrobowsky war nicht gut Kirschen essen, das hatte er bald raus. Der Mann hatte eine irgendwie brutale, rücksichtslose Ausstrahlung - er verkörperte im Grund all das, was Robert am Militär nicht leiden konnte. Es war besser, sich nicht mit ihm anzulegen.

Die Einzelgespräche mit den einfachen Soldaten, den Gefreiten und Obergefreiten, brachten Robert nicht viel Neues. Versuchte er, ihnen Fangfragen zu stellen - etwa nach früheren Einsätzen und den damaligen Verlusten oder nach ihrem Verhältnis zu den Vorgesetzten, dann stieß er oft genug auf Unverständnis. Die jungen Kerle waren es zufrieden, im Dienste Terras den bunten Rock zu tragen und gleichzeitig damit ein nützliches Werk zu vollbringen. Schwierigkeiten ? Sowas kannten sie nicht.

Das kam Robert nun allerdings seltsam vor. Was war das für eine Truppe, in der es keinerlei Reibereien zwischen der Mannschaft und ihren Vorgesetzten gab ? Und wo gab es Soldaten, die rundherum mit allem zufrieden waren ?

Material gab es dennoch, das lieferte man ihm sozusagen gratis frei Haus. Nachdem sie sich bereits etwa eine Woche im Raum befanden, ließ ihn der Kommandeur der Brigade zu sich rufen, Einsternegeneral der Raumtruppen Peter Casimir Braun, ein hochgewachsener, etwas zur Korpulenz neigender Rot- schopf, dessen Haar sich allerdings bereits stark gelichtet hatte. Ihm auf einer schmalen Sitzgarnitur gegenübersitzend, fand sich Robert Zwick mit seinen 25 Jahren, schmächtig und kleingewachsen, doch etwas schäbig. Vor allem: Er hatte keine Uniform an, ihm fehlte all das Lametta, das der andere pompös zur Schau stellte. Das wirkte schon, sollte es wohl auch.

Nun, mein Lieber“, begann der General, nachdem er sich bequem zurechtgesetzt hatte, während Robert nicht genau wußte, wie er sich nun verhalten sollte. „Sie also wollen unseren nächsten Einsatz mitmachen.“

Ja, ich meine … wenn Sie …“

Aber ich denke, das ist doch alles zwischen dem Hauptquartier auf Cera V und Ihrer Zeitung geregelt worden ?“ „Gewiß, Herr General. Ich wollte nur sagen, daß ich mich …“

Warum sagen Sie es dann nicht, wenn Sie es sagen wollen ?“ unterbrach ihn Braun mit einem prüfenden Blick.

Er verstand es ausgezeichnet, der Herr General, seinen Gesprächspartner aus dem Konzept zu bringen. Robert empfand nun erst recht keine sonderlich großen Sympathien für diesen arroganten Soldaten.

Nun, ich war noch nie bei einem solchen Unternehmen dabei, deswegen wird für mich vieles neu sein.“

Haben Sie denn nicht gedient ?“

Robert verspürte fast so etwas wie ein Schuldgefühl in sich, aber er schüttelte es rasch ab, denn was konnte er dafür, daß ihn damals der Musterungsarzt für untauglich gehalten hatte ?

Gesundheitliche Gründe“, sagte er knapp.

Erstaunlich“, bemerkte Braun und zog die rechte Augenbraue hoch. „Wirklich erstaunlich, daß Sie dann Ihren harten Job so gut durchstehen.“

Genug damit, dachte der Reporter. Jetzt mal ran !

Können Sie mir sagen, wohin wir fliegen ?“

Eigentlich ist das ja noch geheim, und normalerweise bekommen es alle - außer mir natürlich und der Crew des Transporters - erst am Tage vor der Landung mitgeteilt. Aber ich denke, Sie haben gelernt, den Mund zu halten.“

Er sah ihn unter buschigen Augenbrauen abschätzend an, nickte dann, wie um sich selbst zu bestätigen.

Unser Ziel heißt Masare.“

Da verschlug es Robert Zwick doch den Atem. Denn alles hätte er erwartet, nur nicht diesen Namen.

Der General hatte seine Reaktion genau beobachtet, und nach einiger Zeit des Wartens, als Robert immer noch keinen Ton geäußert hatte, fragte er nur: „Nun ?“

Warum diese Welt ?“ war Roberts Gegenfrage. „Sind denn die Masarenen nicht bekannt für ihre Friedensliebe ?“

Das ist die offizielle Version, sicherlich.“

Was heißt das ?“ In Robert erwachte nun doch der Reporterinstinkt.

Nun, es hat Zwischenfälle gegeben. Ich denke, vor Ort werden Sie sich ein genaues Bild davon machen können.“

Und damit war das Gespräch eigentlich zu Ende, denn der Reporter folgte nur noch mit halbem Herzen dem anschließenden Gespräch, bei dem es um Nachwuchsprobleme der Brigade und die Berichterstattung über militärische Angelegenheiten und die Disziplin in der Truppe ging. Begreiflicherweise war der General über die Arbeit der Presse nicht immer hellauf begeistert, das verstand auch Robert.

Dann verabschiedete er sich etwas überstürzt, vielleicht war das auch unhöflich, aber das war ihm im Augenblick ziemlich egal. Er hatte nach diesem Gespräch jede Menge Stoff zum Nachdenken.



4


Der Planet Masare, der zweite der Sonne CC-37 B, befand sich etwa viereinhalb Lichtjahre von Chys und 87 Lichtjahre von Terra entfernt. Seine Entdeckung verdankte er einem routinemäßig ausgeschickten Explorerschiff, das den erdähnlichen Planeten mit der atembaren Atmosphäre offiziell im Namen des Imperiums in Besitz nahm, ehe kurz darauf die intelligenten Eingeborenen entdeckt wurden - zu spät, um die Inbesitznahme rückgängig zu machen. Denn Masare als Teil des Imperiums war bereits aktenkundig - und was die Bürokratie einmal in ihren Akten hat, das rückt sie nicht mehr raus.

Und außerdem war man im Imperium heilfroh über die Tatsache, einen für Menschen geeigneten Planeten gefunden zu haben, auch wenn man ihn zur Zeit als Siedlungsland nicht benötigte.

Die Masarenen waren entfernt humanoid, ähnelten eher aufrecht gehenden Koalabären, zumal sie eine ziemlich dichte, fliederfarbene Körperbehaarung besaßen. Dem Durchschnittsmenschen reichten sie etwa bis unter die Achsel.

Exobiologen stellten in zahlreichen Experimenten, denen sich die Eingeborenen bereitwillig unterzogen, fest, daß die Masarenen keinerlei Aggressionstrieb besaßen, aber auch nicht die Flucht als Mittel zum Schutz vor Gefahren kannten. Sie brauchten so etwas nicht. Sie besaßen keine natürlichen Feinde, Raubtiere gab es nicht. Und Gewaltanwendung war auf dieser Welt überhaupt unbekannt.

So hatten sie denn auch nichts dagegen, als die Menschen auf ihrer Welt einen Stütztpunkt errichteten, der zunächst einmal - es vergingen zehn bis zwölf Jahre, in denen sich niemand im Imperium so recht für diese Welt zuständig fühlte, sie verstaubte sozusagen zwischen den Akten - recht klein und bescheiden ausfiel, bis, ja bis von einem Prospektorenteam auf Masare unvorstellbar große Vorkommen an jenem Metall gefunden wurden, das nach eben jenem Planeten benannt war, auf dem man es zuerst entdeckt hatte: Sabillium.

Und ohne Sabillium war das überlichtschnelle Reisen einfach unmöglich. Erst ein dünner Überzug der Außenhaut mit Sabillium verlieh dem Material jene Festigkeit und dabei Flexibilität, die starken Vibrationen während des Eintauchens in den Hyperraum und während des Austritts ohne Schäden aushalten zu können.

Seitdem bemühte man sich von Seiten des Imperiums sehr intensiv um den Sabillium-Abbau auf Masare. Die Eingeborenen kümmerten sich um solche Aktivitäten einfach nicht; was sie trieben, darum sorgten sich die Exobiologen.

Das war so ziemlich alles, was Robert Zwick über jenen Planeten wußte, der das Ziel dieser Militärexpedition war, die er begleitete. Auch ein Nachschlagen in der großzügig ausgestatteten Bibliothek des Truppentransporters brachte ihn nicht weiter. In der Hauptsache standen dort Abenteuerschmöker, Pornos und Sammelbände der Reden bekannter Politiker des Imperiums. In der Realenzyclopädie stand unter dem Stichwort „Masare“ auch nicht mehr, als er bereits wußte. Und die wenigen Darstellungen über die Geschichte und Entwicklung des Imperiums waren allesamt so allgemein gehalten und im Sinne Terras geschrieben, daß sie nichts Neues vermitteln konnten. Aber Robert hatte ja Gelegenheit, sich selbst vor Ort ausführlich zu informieren.



5


Sie landeten nicht etwa auf dem Raumhafen von Masare- Central-Point, sondern irgendwo im Ödland.

Alles Taktik“, erklärte Hauptfeldwebel Skrobowsky, der sich wohl im Auftrage des Generals ein wenig um den Reporter kümmern sollte. „Schließlich müssen ja nicht gleich alle mitkriegen, daß wir hier sind.“

Aber über Radar …“

Die Eingeborenen haben kein Radar. Die kennen keine Technik in unserem Sinn.“

Aber wie sollen sie eine Gefahr darstellen, wenn sie noch nicht einmal Technik kennen ?“

Skrobowsky sah Robert prüfend an, kniff die Lippen zusammen und antwortete dann hart: „Wer nicht mit uns arbeitet, der zeigt doch, daß er etwas gegen uns hat. Und wer gegen uns ist …“

Den Rest des Satzes ließ der Hauptfeldwebel unausgesprochen, doch Robert verstand nur zu gut, was gemeint war.

Während ihres Gesprächs hatte das Ausladen des schweren Geräts begonnen: gepanzerte Mannschaftstransportwagen, leichte Lasergeschütze, Flammenwerferorgeln, Minenstreugeräte und Schweber, die der Erkundung dienten.

Kaum war das Ausladen abgeschlossen, da hieß es: „Sam- meln ! Jeder Soldat geht zu seiner Einheit !“

Und dann gab es das, was Skrobowsky den „Aufmunte- rungsschluck“ nannte.

Das machen wir immer so. Wir kümmern uns um unsere Leute. Und General Braun ganz besonders. Vor jedem Unternehmen gibt’s etwas Anständiges zu trinken.“

Und es gab Schnaps, für jeden eine doppelte Ration. Auch Robert erhielt seinen Teil davon ab. Und da er nach dem ersten Schluck feststellte, daß das Zeug sogar sehr würzig und aromatisch schmeckte, trank er mehr davon, als er eigentlich wollte; und er sah, daß die Soldaten sich ebenso ranhielten. Während er trank, beobachtete Robert Zwick Einsternegeneral Braun, der als einziger, wie es schien, kein Glas in der Hand hielt. Er beriet mit den Kompaniechefs, hielt wohl Einsatzbesprechung. Als er Roberts Blick auf sich gerichtet sah, winkte er ihn zu sich.

Bleiben Sie mal bei mir, junger Freund. Gleich geht’s los !“

Gegen die Masarenen ?“ Robert war etwas überrascht. „Natürlich. Ein Dorf liegt unweit von hier, so einige Kilometer entfernt. Das nehmen wir uns jetzt vor.“

Und wirklich brachen sie sogleich auf. Vorweg ein Schweber, dicht gefolgt von zwei Lasergeschützen. Und dahinter die Mannschaftstransportwagen.



6


Das Dorf lag in einer kleinen Senke, und es wimmelte nur so von Eingeborenen. Als sie die Kolonne kommen sahen, blieben sie stehen, wo sie gerade waren, und schauten den Menschen entgegen. Robert sah zum ersten Mal in seinem Leben einen Masarenen.

Und es ekelte ihn. Er fand diese Wesen abscheulich. Er war überzeugt, daß sie ihm Übles wollten. Sie wollten über seine Mutter herfallen und seine Schwester verschleppen. Und sie wollten ihn kastrieren. Sie wollten die Erde vernichten. Und sie wollten das ganze Universum erobern.

Verdammte Pelztiere, die sie waren ! Scheinheilige Bestien, die nur nach außen hin so friedlich taten. Das heftige Atmen um ihn herum bewies ihm, daß die Soldaten ebenso empfanden wie er. Er sah General Braun an und bemerkte dessen prüfenden Blick, dem ein zufriedenes Lächeln folgte. Überall fingen die Männer an zu fluchen.

Absitzen !“ schrie Hauptfeldwebel Skrobowsky und mit ihm all die anderen Zugführer.

Auf sie !“

Und dann begann das Gemetzel. Denn es war kein Gefecht, in dem sich die Feinde gegenüberstehen und sich gegenseitig ans Leder wollen. Hier blieb die eine Seite teilnahmslos, ließ sich niedermetzeln, abschlachten, verbrennen, in die Luft sprengen, zerfetzen, zu Pulver zerstrahlen - ohne auch nur die geringsten Anstalten zu einer Gegenwehr.

Und Robert Zwick fand das alles ganz in Ordnung.

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, dachte er und wollte vom Kommandopanzer, auf dem er sich mit General Braun befand, herunterspringen, um selbst am Kampf teilzunehmen.

Mit hartem Griff wurde er zurückgehalten.

Hiergeblieben  !“ befahl Skrobowsky.

Und General Braun fügte hinzu: „Sie sind doch nicht dazu da, unsere Arbeit zu tun. Beobachten Sie nur fleißig, damit Sie nachher genügend Material für Ihre Artikel haben. Aber natürlich freut es uns, daß Sie mit solchem Eifer bei der Sache sind.“

Aber es juckte Robert schon mächtig, wenn er sah, wie die Soldaten der Fünften Fremdweltenbrigade unter den Masarenen aufräumten.

Da, Widerstand !“ schrie ein Kompaniechef, den Robert nicht genau mit Namen kannte, Traber oder Treber oder so ähnlich hieß er. Er deutete zu einer Hütte hin, in der eine Masarenenfrau gerade das Fenster schloß.

Sie verbarrikadieren sich !“

Flammenwerferorgel vor !“

Und Skrobowsky schrie vom Kommandopanzer: „Setzt die Lasergeschütze ein !“

Brennt das Dorf nieder“, wurde sein Ruf aufgenommen. Und alle waren mit Feuereifer dabei.

Und schließlich war von dem Ort nichts mehr übrig als rauchende Trümmer und verkohlte Leichen: Männer, Frauen und Kinder, alle waren bis zur Unkenntlichkeit unschädlich gemacht. Sie zumindest konnten der Erde und dem Imperium nicht mehr gefährlich werden, dafür war gesorgt.

In Robert Zwick war eine große Befriedigung.

Die Soldaten verstanden ihr Handwerk, und sie hatten ihre Arbeit getan. Und auch wenn er selbst nicht aktiv daran hatte teilnehmen können, so hatte er doch wenigstens mit ihnen gefühlt, hatte mit ihnen gehaßt und hatte vom Panzer herunter Anfeuerungsrufe geschrien.

Unter den Männern der Fünften Fremdweltenbrigade hatte es nur drei Verwundete gegeben: Einer war unter den Trümmern einer einstürzenden Hütte begraben worden, einem anderen hatte ein Querschläger den Oberarmmuskel durchschlagen, und ein dritter war aus Versehen von einem Kameraden aufs Korn genommen worden: Verbrennungen, aber er lag bereits im Heilautomaten, bald würde er wieder mitmachen können.

Und abends feierten sie ihren Sieg. Auch die beiden Leichtverwundeten.

Und Robert feierte mit ihnen.



7


Sie hatten noch viele Einsätze dieser Art. Ein Dorf der Masarenen nach dem anderen wurde dem Erdboden gleichgemacht, systematisch, wie General Braun erklärte.

Und an jedem Morgen, vor dem Einsatz, gab es die Zusatzration Schnaps, an die sich Robert bereits gewöhnt hatte, ja nach der er bereits regelrecht süchtig war.

Doch eines Morgens, sie hatten über Gebühr lange bis in die Nacht hinein ihren täglichen Sieg gefeiert, und Robert war mit einem Brummschädel aufgewacht, eines Morgens nun geschah ihm ein kleines Mißgeschick.

Man hatte ihm seine Schnapsration eingeschenkt, und die anderen tranken bereits.

Da erscholl ein Schrei. Jener Kompaniechef war’s, Traber oder Treber.

Sie hauen ab. Wir müssen hinterher.“

Austrinken. Und aufsitzen !“ schrie Skrobowsky im Verein mit den übrigen Zugführern.

Alle tranken hastig, nur Robert hatte gezögert, irgend etwas hatte ihn abgelenkt, eine Kleinigkeit, die sich aber in einem seiner Artikel gut machen würde. Kurz: Er wurde von den aufbrechenden Soldaten gerempelt, der Feldbecher ihm aus der Hand geschlagen, und das kostbare Naß versickerte im Boden.

Los, los !“ schrie da auch schon Skrobowsky. „Oder wollen Sie etwa nicht mit ?“

Da faßte er nach der entgegengestreckten Hand und schwang sich auf den anfahrenden Kommandopanzer. Mit Bedauern sah er noch einmal auf die Stelle, wo der köstliche Schnaps vergossen war, doch er war hin. Es mußte auch ohne Stärkung gehen.

Und es ging ohne, doch anders als Robert Zwick es sich vorgestellt hatte. Denn nur allzubald hatten sie die abziehenden Masarenen erreicht. Robert erinnerte sich, daß die Eingeborenen Flucht eigentlich nicht kannten. Vielleicht zog hier ein Dorf einfach nur einmal um ?

Seltsamerweise kamen ihm die bepelzten Masarenen ganz sympathisch vor, als er sie diesmal sah. Besonders ein Kind, das auf dem Arm seiner Mutter ganz munter in die Welt sah und die anrückenden Soldaten etwas scheu musterte, war ausgesprochen niedlich anzusehen.

Der Kommandopanzer fuhr diesmal an der Spitze. General Braun ließ anhalten. Skrobowsky sprang herunter und stellte sich den wandernden Masarenen in den Weg.

Halt !“ schrie er. „Keinen Schritt weiter. Ihr werdet noch für die Arbeit in den Minen gebraucht !“

Doch die Eingeborenen ließen sich nicht beirren. Sie gingen um den Hauptfeldwebel, der mit seinen ausgebreiteten Armen ein wenig lächerlich aussah, herum und wanderten weiter in die ursprünglich eingeschlagene Richtung.

Wer nicht für uns ist, ist gegen uns !“ schrie Srobowsky.

Da wurde es Robert erst klar, daß er noch nicht einmal wußte, ob und welche Sprache die Masarenen besaßen und ob sie vielleicht auch Terranisch verstanden.

Absitzen und Feuer frei !“ befahl Skrobowsky. Und dann begann die Hölle. Denn Robert Zwick erlebte zum ersten Mal richtig mit, was es hieß, einen Sieg über die Masarenen zu erringen.

Die Eingeborenen ließen alles mit sich geschehen, sie wehrten sich nicht. Als erstes wurde das Kind auf den Armen der Mutter das Opfer eines Flammenstrahls. Zusammen mit der Mutter verging es in einer Feuerlohe. Und dann war kein Halten mehr. Und Robert wurde es übel, daß er glaubte, er müßte das Frühstück wieder herauswürgen.

Und ihm wurde klar, woran das lag.

Er hatte diesmal den Schnaps nicht getrunken. Weiß der Teufel, was da drin sein mochte, ein Enthemmer und ein Aggressator, ein Haßentfacher oder wie man das sonst nennen mochte. Jedenfalls war ihm nun bewußt, daß die Soldaten - vielleicht abgesehen von wenigen in Führerfunktionen - vor jedem Einsatz gedopt wurden. Und daß sie gar nicht bewußt all diese Greueltaten verrichteten.

Sie hatten den Teufel im Leib. Aber nicht von Natur aus, man hatte ihnen den Haß zu trinken gegeben.

Und er, Robert Zwick, mußte aufpassen, daß niemand merkte, daß er diesmal nicht unter der Wirkung der Droge stand. Das würde einen Bombenbericht abgeben, eine wahre Sensation ! Robert beobachtete aufmerksam weiter, auch wenn ihm übel war.



8


Im Lager wurde am Abend wieder gefeiert, und alles war wie sonst auch. Man war fröhlich und freute sich über den errungenen Sieg. Nur Robert mußte sich zwingen mitzumachen.

Und als er sich einmal wegen eines menschlichen Rührens in die Büsche schlug, da setzte er sich nach getaner Verrichtung ein wenig abseits auf eine kleine Lichtung, wollte Abstand gewinnen, Luft schöpfen.

Und seine Gedanken sammeln.

Da hörte er Stimmen, ganz in der Nähe, die des Generals konnte er erkennen, gleich darauf auch Hauptfeld Skrobowsky.

Alles unter Kontrolle, Herr General“, sagte der Zugführer.

Eine gute Sache, das mit dem CTX-Y. Das Mittel wirkt einmalig.“

Das war Einsternegeneral Braun.

Ja, die Männer sprechen alle darauf an. Sogar unser vorwitziger Reporter kann sich der Wirkung nicht entziehen.“

Skrobowsky lachte: „Das wäre ja wirklich noch schöner, wenn ausgerechnet er immun gegen das Zeug wäre !“

Aber auf jeden Fall muß er vor dem Rückflug wie alle anderen Oubliat bekommen; denn davon darf natürlich nichts an die Presse. Und so ist er für uns ein ausgezeichnetes Alibi.“

Robert Zwick merkte, wie die Wut in ihm hochstieg. So also war das. Das hatten sie sich ja schön ausgeknobelt !

Daraus wird nichts, Herr General !“ schrie er unbeherrscht und brach durch die Büsche, bis er vor den beiden stand. „Was ich gesehen habe, das habe ich gesehen. Mein Wissen können Sie mir nicht nehmen …“

Wen haben wir denn da ?“ Der General runzelte die Augenbrauen. „Das ist aber gar nicht nett, andere zu belauschen. Und was das andere angeht: Selbstverständlich können wir Ihnen Ihr Wissen nehmen. Am besten, Hauptfeld, gleich heute abend.“

Schon hatte Skrobowsky Robert im Polizeigriff geschnappt.

Zu Befehl, Herr General ! Und dann werden wir das Bürschchen in Verwahrung nehmen, bis es wieder nach Hause geht.“


9


Es war immer ein großes Ereignis für die Bewohner von Chys, wenn die Soldaten der Fünften Fremdweltenbrigade von einem Einsatz in ihren Heimatstandort zurückkehrten.

Auch diesmal standen sie dicht gedrängt, als der Truppen- transporter auf dem Rollfeld niederging. Und als sich die Schleuse öffnete und die Soldaten im Gleichschritt das Schiff verließen, da brandete Beifall auf, und „Hoch“-Rufe ertönten, denn man hatte schon von ihrem großen Erfolg auf Masare erfahren und daß sie sich wacker geschlagen hatten.

Die Soldaten freuten sich offensichtlich ebenso herzlich über den Empfang, der ihnen bereitet wurde, auch wenn sie jetzt beim Vorbeimarschieren nicht zurückwinken durften. Und General Braun war sogar fast gerührt über die Anhänglichkeit der Bewohner von Chys.

Sehen Sie“, sagte er zu Hauptfeldwebel Skrobowsky, der mit ihm zusammen von der Schleuse aus den Abmarsch der Truppe beobachtete. „Diese Leute haben wenigstens noch Verständnis für unsere Arbeit. Was ein solch kleiner netter Krieg ausmacht ! Er hebt die Moral unserer Leute und macht den Zivilen klar, daß wir nützliche Arbeit leisten.“

Gut, daß wir Oubliat haben, Herr General, und den Erinnerungsregenerator für die Nacht. So können wir unsere Arbeit optimal fortsetzen.“

Dennoch, Hauptfeldwebel, glauben Sie mir: Ich bin froh, daß wir wieder unter Menschen sind. Meinen Sie nicht, daß wir jetzt unseren jungen Freund in die Redaktion entlassen können ?“

Jawohl, Herr General“, bekräftigte Skrobowsky. „Und diesmal, glaube ich, werden wir eine besonders gute Presse haben.“



Gelesen in :
Der Traum des Astronauten
SF-Geschichten von Jörg Weigand
Bastei-Lübbe-Taschenbuch
Band 22 056 ; ISBN 3-404-22056-0