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Eden

Eden

von

Helmut Pesch




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Über dem Meer lagen noch die Schreie der Delphine in der Nacht, als es Morgen wurde.

Es war kalt, und ein feiner Regen fiel. Der Wind, der vom Strand herüberstrich, peitschte über die großen schmutzigbraunen Wasserlachen, die sich zwischen den Pflastersteinen ausbreiteten.

In einer der Pfützen lag eine Frau in einem geblümten Kattunkleid; ihr vom Regen aufgedunsenes Gesicht war halb im Wasser verborgen; die in der Agonie verkrampften Hände hielten noch immer die Henkel einer Einkaufstasche, aus der ein paar Äpfel gerollt waren. Eine Blutspur zog sich von der Kehle der Frau zu einer großen Ratte hinüber, die einen Meter entfernt verendet war.

Die Ratten, dachte der Junge, die Ratten hatten es anfangs noch am besten. Ihnen hat es nicht soviel ausgemacht, weiß der Teufel, warum, und natürlich hatten sie in der ersten Zeit Nahrung in Hülle und Fülle. Doch dann hat es sie doch erwischt.

Er verzog die Lippen zu einem hämischen Lächeln.

Die Häuser standen wie große Bauklötze gegen den Himmel. Das fahle Sonnenlicht spiegelte sich in Millionen Fensterscheiben und überschüttete die Stadt mit einem kalten Schein. Der Regen hatte noch nicht genug Zeit gehabt, um die Wände mit seinen rostigroten Streifen zu überziehen, doch hier und da blühten schon Pilzkulturen auf, rote, grüne, blaue.

Eine Spinne ließ sich von einer dunklen Häuserecke herunter; sie ersten Fäden ihres Netzes glitzerten vor Nässe. Dann, als habe sie plötzlich auf halbem Weg ihre Kraft verlassen, spulte sich ihr Faden ab, und sie stürzte in einer sich verengenden Spirale auf das Pflaster.

Bis auf das Klatschen des Regens, der gegen die Fensterscheiben schlug, war es still.

Der Junge richtete sich auf und schlug die Decke zurück, in die er sich eingehüllt hatte. Sie zerbröckelte unter seiner Berührung, und der Wind trieb ihre großen Flocken durch die Straße. Der Junge strich sich mit beiden Händen die verfilzten Haarsträhnen aus der Stirn und stand auf, leicht gebückt, als habe er eine schwere Last zu tragen.

Er hauchte sich in die Hände, um sie zu wärmen; denn er war nackt und zitterte am ganzen Leib. Seine Zähne schimmerten bläulich unter der ledrigen Haut, und die Rippen in seiner Brust traten wie ein Drahtskelett hervor.

Er hatte es aufgegeben, Kleider zu tragen. Draußen im Regen hielten sie ohnehin nur einen Tag, und Tabus irgendwelcher Art gab es nicht mehr. Jetzt konnte man mit Schuhen in die Moscheen gehen und brauchte in den Synagogen keinen Hut mehr zu tragen, kein Gebetbuch in den Kirchen. Man konnte sich nackt auf dem Marktplatz ausstrecken und durch die Bibliothek wandern.

Verflucht, dachte der Junge. Es wäre doch eine herrliche Zeit gewesen …

Ein glänzender Käfer überquerte den Toreingang, in den sich der Junge verkrochen hatte, als der Abend hereingebrochen war. Der Junge beobachtete ihn interessiert und auch ein wenig glücklich. Es war das erste lebende Wesen, das ihm heute begegnet war, außer der Spinne. Aber zu der Spinne hatte er keine Verbindung besessen.

Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen, schlich es ihm in den Sinn. Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen. Spinne am Morgen …

Dann plötzlich überkam ihn ein Husten. Er lehnte den Kopf gegen die Mauer und keuchte und würgte und spuckte rötlichgelben Schleim, der träge an den roten Steinen herunterrann.

Als er wieder ein wenig zu Atem gekommen war, richtete er sich auf und trat auf die Gasse hinaus. Mit einem storchenhaften Schritt setzte er über einen Hund, auf dessen gelben Zälmen noch der getrocknete Geifer klebte. Der Junge hatte den Hund gekannt.

Er fühlte sich müde und zerschlagen. Jeder Muskel schmerzte ihn, und in seiner Brust war ein seltsam ätzendes Gefühl, das ihn husten ließ. Er hatte seit Tagen kaum etwas gegessen und schwankte vor Hunger.

Die Nacht war nicht gut gewesen. Zuerst hatte sich eine riesige Ratte an ihn herangemacht, und er hatte sie mit Steinen vertreiben müssen. Doch auch dann hatte er keine Ruhe gefunden; immer wenn er an die Ratte dachte, kam ihm auch das Bild seines kleinen Bruders in den Sinn. Sie hatten ihn töten müssen. Auch an ihn hatten sich in der Nacht die Ratten her- angemacht.

In der Gosse schwamm ein Buch. Zuerst stieß er es einfach mit dem Fuß vor sich her, erst später kam ihm der Gedanke, es aufzunehmen und zu öffnen. Die ersten Seiten waren vom Wasser und von den Bakterien zerfressen worden, doch in der Mitte hatten sich die Seiten nur leicht verfärbt.

Der Junge merkte, daß seine Augen schlecht geworden waren.

… entdeckte das Spektroskop in den leichteren Oberflächenschichten, die diesen Tiefenbereich umhüllen, die ganze Reihe unserer chemischen Elemente. In den Sternen steigt also, wenn man sie mit den Galaxien im Urzustand vergleicht, die Komplexität ohne jedoch, das ist eine entscheidende Tatsache, an irgendeiner Stelle eine bestimmte Schwelle überschreiten zu können, das heißt, daß es ihr gelingt (abgesehen von einigen einfachen Verbindungen, die in der weißglühenden Atmosphäre gewisser Sterne …“

Er warf das Buch in die Gosse zurück, daß das Wasser aufklatschte.

Deukalion, dachte der Junge, als er weiterging, Deukalion hat es leichter gehabt. Er konnte Steine hinter sich werfen, wie der Gott es ihm befohlen hatte, und aus diesen Steinen entstand dann das Menschengeschlecht.

Er packte einen Stein vom Boden und schleuderte ihn über die Schulter, die Augen fest zusammengekniffen. Der Stein durchschlug klirrend eine Fensterscheibe, die in tausend Fragmente zersplitterte, und brach im Innern unnatürlich laut auf die morschen Dielen.

Er lauschte erschreckt; aber heutzutage gab es keine Götter mehr.

Dann dröhnte ein Schuß durch die Stille, der zwischen den leeren Häuserwänden verzerrt hin und her geworfen wurde. Ein Querschläger sirrte in der Luft.

Zuerst glaubte er, sein Trommelfell müsse zerspringen. Seine Zähne schlugen aufeinander; er bedeckte die Ohren mit den Händen, die Ellbogen zusammengepreßt, bis der Schmerz in Wellen verebbte. Dann stand er still.

Er duckte sich wie ein Jäger, der sein Wild anschleicht. Da war Wild. Nicht zum Essen, zum Jagen war es da, um gestellt und gepackt und niedergeworfen zu werden. Er sah die Gestalt in den weiten Hosen und der unförmigen Bluse sofort, als er sich umwandte. Im Schatten der Häuser stand sie, wo sich ein steinerner Bogen zwischen den Fachwerkhäusern über die Gasse wölbte.

Er wußte nicht mehr, wie leise er schleichen konnte; denn er hatte seit Tagen kaum einen Laut gehört. Doch jetzt war er Jäger, und seine nackten Füße glitten ohne das kleinste Geräusch über die nassen Pflastersteine.

Wie ein wildes Tier sprang er das Wesen von hinten an, packte es an den Armen und schüttelte es, selber keuchend und am ganzen Körper zitternd.

Erst als es sich freigekämpft hatte und ihm das Gesicht zuwandte, die verrostete Maschinenpistole erhoben und den Finger am Drücker, erkannte er, daß es eine Frau war, ein Mädchen, kaum älter als er selbst.

Er wich zurück. Sein hageres Gesicht zuckte.

Dann schlug er die Hände vors Gesicht und brach in ein verzweifeltes, trockenes Schluchzen aus.

Das Mädchen war ebenso erschüttert wie er selbst. Müde ließ sie die Waffe sinken, doch ihre Augen glühten wachsam und mißtrauisch.

Wer bist du ?“ fragte sie schließlich.

Der Klang ihrer Stimme erschreckte ihn noch mehr als der Schuß und die Spinne und die Ratten. Er schüttelte den Kopf.

Kannst du nicht reden ?“

Der Junge überlegte: „Doch“, sagte er dann. Seine Stimme klang heiser; denn seine Lippen war rissig vom Durst.

Wie heißt du ?“

Gil“, sagte der Junge. Und dann nach einer Weile: „Eigentlich heiße ich Gilbert, doch alle nennen mich Gil.“

Erst später merkte er, wie seltsam dieser Satz klingen mußte. Alle nannten ihn Gil ! Welch ein Hohn …

Komm näher“, sagte das Mädchen. Er beäugte mißtrauisch ihre Waffe.

Komm“, sagte sie aus einem plötzlichen Impuls, „Es war meine letzte Patrone. Du brauchst keine Angst zu haben. Und was hätte ich davon, dich umzubringen.“

Sie war anscheinend selbst froh darüber, reden zu können. Unsicher trat er einige Schritte näher. Sie zuckte nicht einmal, als er seine große knochige Hand auf ihre Schulter legte.

Hallo“, sagte er. Als er die Hand dann wieder wegziehen wollte, zerriß der morsche Stoff von der Schulter bis zur Hüfte und legte ihre kleinen, harten Brüste frei.

Nein !“ sagte sie angstvoll. „Nein !“ Und sie schrie.

Ihr Schrei hatte etwas Befreiendes. Keiner von beiden hatte es in den letzten Tagen gewagt zu schreien. Doch ihre grelle, klirrende Stimme löste unzählige Resonanzen aus, legte Verschüttetes frei, überflutete die Häuser und Straßen mit einem erlösenden Aufatmen, und selbst die Sonne brach für einen Augenblick hinter den Wolkenschleiern hervor und ließ die Stadt erglänzen wie einen riesigen, wärmenden Kristall.

Es ist ja alles gut“, sagte Gil und drückte sie an sich. „Es ist ja alles gut. Alles wird wieder gut. Ich bin ja bei dir. Ich bin ja bei dir, Mädchen. Wir bleiben zusammen. Immer bleiben wir zusammen …“

Wie ein Sturzbach brach es aus ihm hervor. Er wiegte sie in seinen Armen; sie barg den Kopf mit den langen, nassen Haaren an seiner Brust und weinte hemmungslos, während seine Finger ihr über den bloßen Rücken strichen. Mit einemmal wurde ihm bewußt, daß er nackt war, und plötzlich ließ er die Arme wieder fallen, wie um seine Blöße zu bedecken.

Es macht nichts“, sagte das Mädchen, als hätte es seine Gedanken gelesen.

Er lächelte, und fast wunderte er sich, daß er es noch konnte.

Nein“, sagte er, „ich glaube, jetzt macht es wirklich nichts mehr. Ich habe deinen Schuß gehört“, sagte er, als sie die Straße hinuntergingen, wobei sie danach trachteten, die Kadaver, die auf dem Pflaster verfaulten, zu meiden. „Ich wußte gar nicht, was jetzt eigentlich geschehen war, es war so - so vollkommen unmöglich, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll - “

Du brauchst dich nicht zu entschuldigen“, sagte sie. „Ich hätte nicht anders gehandelt.“

Worauf hast du geschossen ?“

Eine Ratte.“

Ja“, nickte er. „Sie halten sich verdammt lange, diese Biester. Ich hätte es selbst nicht geglaubt, aber sie sind verdammt zäh. Hängen am Leben, verstehst du. Rein instinktiv. Haßt du die Ratten auch so ?“

Hm-hm !“ sagte das Mädchen.

Sie überquerten den Markt, wo sich ein Lastwagen so in den Brunnen verbissen hatte, daß er die halbe Straße versperrte. Sie machten einen Bogen um ihn, kamen aber nicht umhin, das Gesicht des toten Fahrers zu erblicken, eine blutverschmierte, vertrocknete Knochenmasse, in der sich buntschillernde Bakterienkulturen bekämpften.

Schau nicht hin“, sagte der Junge. Er zerrte sie am Arm.

Dann rannten sie an den Häusern vorbei und zum Meer hinab.

Es war die Zeit der Flut. Die Boote der Fischer schaukelten an den Stegen, zwischen denen sich schwärzliche Ölflächen ausbreiteten. Die Wellen und der Wind hatten den säuerlichen Fischgeruch vom Kai weggespült, so daß er jetzt als tote, amorphe Betonmasse in der Sonne lag.

Da lagen die Evenstar, die Sunset Boulevard, die Deutschland und die Anna Maria. Der Junge kannte sie alle, doch jetzt schienen sie sich verändert zu haben. Die Anna Maria mit ihrem schwarzen Schornstein und den roten Seitenstreifen kannte er am besten. Sie hatte seinem Vater gehört.

Aber nun gehörte sie niemandem mehr. Das war es, dachte der Junge. Das hatte sie so verändert. Nun gehörten sie nur noch dem Wind und dem Salzwasser, das an ihnen nagen würde, bis eines Tages die Spanten dem Angriff nicht länger widerstehen würden. Dann würden die Schiffe versinken.

Es müßte schön sein, dachte der Junge, auf dem Meeresgrund zu liegen, frei und aller Sorgen ledig, während über einem Fische dahinglitten. Sein Vater hatte es sich auch nie gewünscht, im Bett zu sterben. (Erst später fiel ihm ein, daß die Fische auch alle tot waren, und der Gedanke gefiel ihm auf einmal nicht mehr.)

Der Wind heulte auf und verblaßte.

Wohin gehen wir ?“

Ich habe einen Bunker“, sagte das Mädchen.

Du hast einen - ?“

Ja. Mein Vater hat ihn gebaut. Natürlich war er nicht ganz normal, mein Vater, aber er hat immer gesagt, wenn einmal ein Atomkrieg käme, dann könnten wir uns sowieso nicht mehr retten, doch ein Bakterien-Angriff wäre bei genügenden Vorsichtsmaßnahmen noch zu ertragen. Ich habe davon proftiert.“

Ist sonst noch jemand – ?“ sagte er plötzlich, und sie wußte sofort, was er meinte. Der Gedanke war ihm unerträglich.

Nein“, sagte sie leise. „Sie sind alle tot.“

Er lachte bitter. Er lachte und konnte gar nicht mehr aufhören, Es war ein irres Gelächter, das seine Schultern zucken ließ, auf und ab schwoll und in einem trockenen Keuchen endete.

Adam und Eva“, sagte er. „Adam und Eva in einem neuen Paradies. Das ist verrückt, verrückt ist das - “

Red nicht so“, sagte sie, „bitte, bitte, rede nicht so.“

Ich habe Hunger“, sagte er unvermittelt.

Du mußt ja seit Tagen nichts mehr gegessen haben“, sagte das Mädchen mütterlich. „Wie hast du es überhaupt geschafft ?“

Bei dem einen dauert es kürzer, bei dem anderen länger. Ich habe eben Glück gehabt.“

Natürlich habe ich etwas zu essen“, sagte das Mädchen. „Büchsen, weißt du ? Büchsen verderben nicht so leicht. Es reicht noch lange, aber ich wollte trotzdem noch ein paar holen.“

Du willst in die Häuser gehen ?“ fragte er verwirrt.

Ja“, sagte sie.

Ich habe es nie mehr gewagt, in die Häuser zu gehen. Die Leichen überall: Ich konnte es nicht ertragen. Ich habe mir abends immer nur eine Decke geholt, aus dem Armee-Depot, weißt du, und mich in eine Häuserecke verkrochen.“

Armer Junge“, sagte sie, „armer, armer Gil. Komm, wir gehen“, fuhr sie fort. „Dann können wir weitersehen.“

Nein.“ Er schüttelte den Kopf.

Da gab es noch etwas anderes zu tun. War es Hunger !

Tu’s nicht !“ sagte sie, als er sie an sich heranzog. „Tu’s nicht.“ Sie zitterte. Er preßte seine Lippen auf die ihren; sie wehrte sich nicht, als seine trockene, harte Zunge ihre Zähne auseinanderschob. Seine Lippen waren rissig und bluteten vor Durst. Seine mageren Hände strichen über ihren Rücken, kneteten das feste Fleisch, glitten tiefer und tiefer.

Er riß ihr die Hose vom Leib, die unter seinen Fingern zerfetzte und zerbröckelte. Der Betonboden des Kais war hart, doch er war rein, vom ewigen Wind ausgelaugt und von den Wellen gebleicht. Das keimfreie Bett einer neuen Menschheit.

Das Mädchen stöhnte, die Augen weit aufgerissen, als er ihre Seiten rieb und seinen Mund an ihrer Brust festsaugte. Über ihnen ragte die Stadt empor, die mit ihren Millionen blinder Fenster zu ihnen hinüberblickte, hinter denen Millionen von Leichen verwesten. Die Schiffe schaukelten auf den schwarzen Wogen, unter denen das Wasser stampfte und sang. Und der Himmel, der sich über ihnen wölbte, war aus Stahl und Feuerstein gemacht, mit tausend winzigen Löchern, aus denen das Wasser hinunterrieselte. Ein neues Diluvium brach an.

An all dies dachte der Junge nicht. Er dachte daran, wie er dieses Mädchen lieben würde. Er würde es in Ehren halten, wie es in der Bibel stand, bis an sein Lebensende, und so weiter und so weiter.

Es war ihm vollkommener Ernst damit. Er spürte, wie ihr Atem schneller ging, wie sie sich unter seinen Händen wand. Er würde ihre nackten, gebräunten Schenkel auseinanderzwingen, sein erregtes Glied an ihren Körper pressen, wild und aufstöhnend würde er in sie eindringen …

Er wandte den Kopf.

Was ist ?“ fragte das Mädchen.

Nichts“, log er, während ihn ein Husten überkam, brennende Agonie. „Mir ist schlecht.“



Gelesen in :
Liebe 2002
erotic science fiction
Fischer Orbit FO22
ISBN 3-436-01687-x