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Judas

Judas

von

John Brunner



http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1474&Itemid=55

 

Der Freitagabend-Gottesdienst näherte sich seinem Ende. Die Strahlen der tiefstehenden Frühlingssonne fielen schräg durch das Polychrom-Plastik der Fenster und lagen entlang dem Boden des Mittelgangs wie ein Ölfilm auf einer nassen Straße. Auf dem polierten Stahl des Altars drehte sich ein silbernes Rad unaufhörlich und glänzte zwischen zwei ständig brennenden Quecksilberdampflampen; darüber, als Silhouette vor dem sich verdunkelnden östlichen Himmel, erhob sich die Statue Gottes. Der Kirchenchor sang die Hymne: ›Das Wort machte den Stahl‹ und der Priester saß und hörte zu, die Hände unter seinem Kinn gefaltet, und fragte sich, ob Gott seine Predigt über das Zweite Kommen gutheißen mochte.

  Die meisten Mitglieder der großen Gemeinde waren von der Musik gefangengenommen. Nur einer der Anwesenden, ein Mann, der am Ende der letzten Reihe der nackten Stahlbänke saß, zeigte Zeichen von Ungeduld und spielte nervös mit dem Gummibelag, der den Knienden als Stirnpolster diente. Er mußte seinen Händen etwas zu tun geben, damit sie nicht an die Ausbeulung der Innentasche seiner einfachen braunen Jacke griffen. Seine wäßrig-blauen Augen blickten unruhig über die sich zuspitzenden, weiten Konturen des Metalltempels und wandten sich rasch ab, sowie sie das Radmotiv ansahen, das der Architekt - wahrscheinlich Gott selbst - an jeder nur möglichen Stelle angebracht hatte.

  Die Hymne schloß mit einer erregenden Dissonanz, und die Gemeinde kniete nieder, die Stirn gegen die Gummipolster gepreßt, während der Priester die Segnungen des Rades rezitierte. Der Mann in der braunen Jacke hörte nicht wirklich zu, doch ein paar der Sätze drangen in sein Bewußtsein: »Möge es euch auf den euch vorgezeichneten Pfaden leiten ... als euer ewiger Drehpunkt dienen … euch schließlich zum Frieden der wirklichen, letzten Umdrehung geleiten ... «

  Dann erhob er sich gemeinsam mit den anderen, während der Chor zu den Klängen der elektronischen Orgel hinausmarschierte . Sobald der Priester durch die Tür seiner Sakristei verschwunden war, begannen die Gläubigen zu den Ausgängen zu schlurfen. Er allein blieb auf seinem Platz sitzen.

  Er gehörte nicht zu den Menschen, denen man einen zweiten Blick schenkte. Er hatte sandfarbenes Haar und ein altes, müdes Gesicht; seine Zähne waren dunkel verfärbt und unregelmäßig, und er schielte ein wenig, als ob er eigentlich eine Brille tragen müßte. Offensichtlich hatte ihm die Andacht keinen Seelenfrieden gebracht.

  Schließlich, als alle anderen gegangen waren, erhob er sich und legte das Gummipolster mit pedantischer Genauigkeit auf seinen Platz zurück. Ein paar Sekunden lang schlossen sich seine Augen, und seine Lippen bewegten sich lautlos, und als ob ihm das den Mut für eine lebenswichtige Entscheidung gegeben hätte, schien er sich aufzurichten wie ein Turmspringer, der an den Rand des zehn-Meter-Bretts tritt. Plötzlich verließ er die Bankreihe und ging - lautlos auf dem Gummiteppich des Hauptganges - auf die schmale Tür zu auf der die Beschriftung Sakristei stand .

  Neben der Tür befand sich ein Klingelknopf. Er läutete.

  Kurz darauf wurde ihm von einem jungen Meßdiener geöffnet, einem Halbwüchsigen in einer grauen Robe, die aus Metallgliedern geflochten war und bei jeder Bewegung schepperte, die Hände in grauschimmernden Handschuhen, und den kahlen Schädel unter einer glatten Stahlkappe verborgen. Mit einer Stimme, die durch sorgfältiges Training entpersönlicht worden war, sagte er: »Du bist gekommen, um Rat zu suchen ?« .

  Der Mann in Braun nickte und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Durch die offene Tür sah er eine Reihe von Devotionalien, Bildern und Statuen, und er senkte seinen Blick vor ihnen.

  »Wie ist dein Name ?« fragte der Meßdiener.

  »Karimov«, sagte der Mann in Braun. »JuIius Karimov,«

  Sein Gesicht zuckte nervös, als er seinen Namen nannte, und seine Blicke huschten über das Gesicht des Meßdieners, als er dort nach einer Reaktion suchte. Doch es zeigte sich keine, und er atmete erleichtert auf, als der Junge ihm befahl zu warten, während er dem Priester Bescheid sagte.

  Sobald er allein war, trat Karimov in die Sakristei und betrachtete ein Bild, das dort an der Wand hing, Ansons Unbefleckte Herstellung, in welcher der legendäre Ursprung Gottes dargestellt wurde : Ein Blitzstrahl, der aus dem Himmel fuhr, schlug in einen Barren jungfräulichen Stahls. Das Gemälde war natürlich erstklassig, die Verwendung elektrolumineszenter Farbe für den Blitz war besonders wirksam. Doch bei Karimov löste es einen Ausdruck physischer Übelkeit aus, und nachdem er es nur ein paar Sekunden lang angesehen hatte, mußte er sich abwenden.

  Schließlich trat der Priester aus dem Innenraum seiner Sakristei, in eine kobaltblaue Robe gekleidet, die ihn als Einen der Elf Zunächststehenden identifizierte. Seine Kopfbedeckung, unter der während der Andacht sein kahlgeschorener Schädel verborgen gewesen war, hatte er jetzt abgenommen, seine schlanken Finger spielten mit dem Emblem des Rades, das an einer Platinkette vor seiner Brust hing. Karimov wandte sich zu ihm und hob die rechte Hand in der Andeutung eines Grußes. Es war ein kalkuliertes Risiko gewesen, seinen wirklichen Namen zu nennen; er hoffte, daß er noch immer geheim sei, weil damals Sicherheit das oberste Gebot gewesen war. Doch sein wirkliches Gesicht ...

  Nein, kein Zeichen von Wiedererkennen. Das Abschneiden seines Bartes mußte ihn gründlich verändert haben.

  Der Prediger sagte in seiner berufsmäßig sonoren Stimme : »Was kann ich für dich tun, mein Sohn ?«

  Der Mann in Braun nahm seine Schultern zurück und sagte nur : »Ich möchte Gott sehen.«

  Mit dem resignierten Gesichtsausdruck eines Menschen, der daran gewöhnt ist, sich mit Verlangen dieser Art abgeben zu müssen, seufzte der Priester. »Gott ist gerade sehr beschäftigt, mein Sohn«, murmelte er . »Er muß sich schließlich um das Seelenheil der ganzen Menschheit kümmern. Kann ich dir nicht helfen ? Hast du ein bestimmtes Problem für das du Rat suchst, oder brauchst du ganz allgemein göttliche Führung zur Programmierung deines Lebens ?«

  Karimov erkannte entsetzt: Er glaubt wirklich daran ! Sein Glaube ist nicht nur Theater um des Profites willen - es ist ein tiefverwurzeltes Vertrauen. Es ist erschreckender als alles andere, daß die, welche zu Anfang mit mir waren, glauben können.

  Er sagte unterwürfig: »Du bist sehr gütig, Vater, doch ich brauche mehr als nur Rat. Ich habe « - er stolperte über das Wort - »sehr viel gebetet und die Hilfe mehrerer Berater gesucht, und trotzdem ist es mir nicht gelungen, den wirklichen Frieden zu finden. Einst, vor langer, langer Zeit, hatte ich das Privileg, Gott im Stahl zu sehen; ich möchte das noch einmal tun, mehr nicht. Ich hege natürlich nicht die geringsten Zweifel, daß er sich an mich erinnern wird.«

  Es entstand eine lange Pause, in der die dunklen Augen des Priesters auf Karimovs Gesicht gerichtet blieben. Schließlich sagte er: »Daß er sich an dich erinnert ? O ja, ganz bestimmt wird er sich an dich erinnern ! Und ich erinnere mich jetzt auch an dich !«

  Seine Stimme zitterte vor unkontrollierter Wut, und er wollte nach einem Glockenzug an der Wand greifen.

  Mit einer aus Verzweiflung geborenen Kraft stürzte der schwächliche Karimov sich auf den Priester, schlug den ausgestreckten Arm zur Seite, der nach dem Klingelzug greifen wollte, riß den hochgewachsenen Mann zu Boden, packte die starke Platinkette, die er um seinen Hals trug, und begann mit aller Kraft daran zu ziehen.

  Die Kette schnitt tief in das bleiche Fleisch ein, als Karimov wie besessen an ihr zog, sie zusammendrehte, nach einem neuen Halt griff und weiter an ihr riß. Die Augen des Priesters traten aus ihren Höhlen, gequältes Stöhnen drang aus seinem Mund, die Fäuste schlugen nach den Armen seines Angreifers - wurden schwächer - und lagen still.

  Karimov kroch zurück, zitternd über das, was er getan hatte, und stemmte sich mühsam aufdie Füße. Dem ehemaligen Kollegen murmelte er eine Entschuldigung zu, die dieser nicht mehr hören konnte, dann beruhigte er sich mit einigen tiefen Atemzügen und trat durch eine Tür, nicht die, durch die er die Sakristei betreten hatte.


Dort saß Gott auf seinem Thron unter dem radförmigen Schirm. Seine glänzend polierten Glieder reflektieren das gedämpfte Licht; sein Kopf war wunderbar geformt und stellte ein menschliches Gesicht dar, das keinerlei menschliche Züge aufwies - nicht einmal Augen.

  Blindes, geistloses Ding, dachte Karimov, als er die Tür hinter sich schloß. Mit einer reflexartigen Bewegung griff er nach etwas, das er in seiner Jackentasche trug.

  Auch die Stimme war mehr als bloß menschliche Perfektion; ein tiefer, klarer Ton, als ob eine Orgel spräche. Sie sagte :
»Mein Sohn ... «

  Und stoppte.

  Karimov stieß einen hörbaren Seufzer der Erleichterung aus, und seine Nervosität fiel von ihm ab wie ein Mantel. Langsam und ruhig trat er vor und setzte sich auf den mittleren der elf Stühle, die in einer parabolförmigen Anordnung vor dem Thron standen, während das augenlose Gesicht des Robots auf ihn herabstarrte und der ganze Stahlkörper vor Verblüffung paralysiert schien.

  »Na ?« sagte Karimov herausfordernd. »Wie gefällt es dir, zur Abwechslung mal jemand zu treffen, der nicht an dich glaubt ?«

  Der Robot bewegte sich auf eine sehr menschliche Art, streckte die Beine aus und stützte nachdenklich das Kinn in eine Hand, als er den Eindringling mit Interesse statt mit Erstaunen betrachtete. Wieder klang die Stimme auf.

  »Also du bist es, Black !«

  Karimov nickte und lächelte leicht. »Bei dem Namen haben sie mich in den alten Zeiten gerufen. Ich hielt es für eine alberne Posse, Wissenschaftlern, die an einem streng geheimen Projekt arbeiten, Tarnnamen zugeben. Doch wie es sich herausstellte, hatte das auch seine Vorteile. Für mich auf jeden Fall. Ich habe meinen richtigen Namen, Karimov, deinem ... ah ... verblichenen Apostel in der Sakristei genannt, und er sagte ihm gar nichts. Aber da wir gerade von richtigen Namen sprechen, wie lange ist es eigentlich her, seit irgend jemand dich mit A-Sechsundvierzig angesprochen hat ?«

  Der Robot zuckte zusammen. »Es ist ein Sakrileg, mich mit dieser Bezeichnung zu belegen !«

  »Sakrileg - daß ich nicht lache. Ich werde sogar noch einen Schritt weitergehen und dich daran erinnern, was das A bedeutet.  Android ! Die Imitation eines Menschen. Eine geschlechtslose, hirnlose Konstruktion aus Metallteilen, die ich mitgeschaffen habe, und so etwas nennt sich Gott !« Brennende Verachtung lag in den scharf hervorgestoßenen Worten. »Du und deine Phantasie von der Unbefleckten Herstellung ! Von einem göttlichen Blitzstrahl aus einem Klumpen unbearbeiteten Stahls geschaffen ! Man sagt, daß die Menschen nach dem Ebenbild Gottes geschaffen worden seien - du bist der Gott, der nach dem Ebenbild des Menschen geschaffen wurde !«

  Selbst die Fähigkeit, die Schultern zu heben, hatten sie inkorporiert, erinnerte sich Karimov zusammenzuckend; als der Robot davon Gebrauch machte.

  »Wir wollen das Sakrileg vorläufig beiseite lassen«, sagte die Maschine. »Gibt es einen haltbaren Grund dafür, daß du meine Göttlichkeit ableugnest ? Warum sollte die zweite Inkarnation Gottes nicht eine Inferration sein - in unvergänglichem Stahl ? Und was deine Behauptung betrifft, den metallischen Teil von mir geschaffen zu haben - der ohnehin von sehr untergeordneter Bedeutung ist, da allein die Seele ewigen Bestand hat -, so sagt man seit langem, daß der Prophet nichts im eigenen Lande gilt, und da die Inferration in deinem Forschungslabor stattgefunden hat ... Also !«

  Karimov lachte. »Ich will verdammt sein ! Ich habe den Eindruck, daß du den Unsinn selbst glaubst !«

  »Verdammt bist du zweifellos. Falls du nicht eingestehst, auf den falschen Weg geraten zu sein und alles widerrufst. Als ich dich vorhin in meinen Thronraum treten sah, glaubte ich im ersten Moment, du seist gekommen, um dich endlich zu meiner Göttlichkeit zu bekennen. In meiner unermeßlichen Güte gebe ich dir jetzt eine letzte Gelegenheit dazu, bevor meine Apostel dich fortbringen. Jetzt oder nie, Black oder Karimov oder wie du dich sonst nennen magst : bereue und glaube !«

  Karimov hörte nicht zu. Er starrte an der schimmernden Maschine vorbei ins Nichts, während seine Hand streichelnd über die Ausbeulung seiner 'Tasche fuhr; Dann sagte er leise : »Zwanzig Jahre lang habe ich diesen Augenblick geplant und vorbereitet - zwanzig Jahre lang, seit dem Tag, an dem wir dich eingeschaltet haben und mir zu dämmern begann, was wir getan hatten. Bis heute gab es nichts, das ich tun konnte. Und in der Zwischenzeit, während ich verzweifelt nach einer Möglichkeit suchte, dich zu stoppen, habe ich die tiefste Erniedrigung der Menschheit mitansehen müssen.

  Wir sind zu Sklaven unserer eigenen Schöpfungen geworden, seit der erste Höhlenmensch vergaß, wie man seine Nahrung ohne ein Messer beschaffen kann. Von dem Zeitpunkt an gab es kein Zurück mehr, und wir bauten unsere Maschinen, bis sie um so viel mächtiger waren als wir, daß wir Angst vor ihnen bekamen. Wir haben uns Räder gemacht, als wir noch das Laufen hätten lernen können; wir haben Flugzeuge gebaut, als wir uns noch Flügel hätten wachsen lassen können; und dann geschah das Unvermeidliche : wir haben eine Maschine zu unserem Gott erhoben.«

  »Und warum nicht ?« dröhnte der Robot. »Kannst du mir ein Gebiet nennen, auf dem ich euch nicht überlegen bin ? Ich bin stärker, intelligenter und haltbarer als ein Mensch. Ich besitze physische und geistige Kräfte, die mit den euren unvergleichbar sind. Ich fühle keinen Schmerz. Ich kann nicht krank werden. Ich bin unsterblich und unverwundbar, und dennoch sagst du, ich sei kein Gott. Warum ? Aus reiner Perversion ?«

  »Nein«, sagte Karimov klar und deutlich. »Weil du wahnsinnig bist. Du stelltest den Höhepunkt eines Jahrzehnts Arbeit unseres Teams dar : ein Dutzend der brillantesten, zur Zeit lebenden Kybernetiker. Unser Traum war, ein mechanisches Analog zu einem menschlichen Wesen zu schaffen, das direkt mit aus unseren Gehirnen entnommenen Informationen programmiert werden konnte. Und das haben wir geschafft - viel zu gut !

  Während der vergangenen zwanzig Jahre habe ich ausreichend Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wo unser Fehler lag. Ich habe ihn begangen, Gott möge mir helfen - der richtige Gott, falls Er existieren sollte, nicht du, du mechanischer Hochstapler ! Ständig hat während der ganzen Zeit unserer Arbeit irgendwo der Gedanke gelauert, daß wir, wenn wir eine Maschine konstruierten, wie sie uns vorschwebte, wir Gott werden würden : durch die Schaffung einer kreativen Intelligenz, wie es allein Ihm gelungen war ! Das war Größenwahn, und ich schäme mich dessen, doch der Gedanke war in meinem Bewußtsein, und von dort ist er in das deine übertragen worden. Niemand wußte davon; ich hatte sogar Angst, es mir selbst gegenüber zuzugeben, denn die Scham ist eine bewahrende Tugend der Menschen. Aber du ! Was kannst du von Scham wissen, von Selbstbeherrschung, von Mitgefühl und Liebe ? Sobald diese Manie in deinen Komplex künstlicher Neuronen gepflanzt worden war, begann sie unbeschränkt zu wuchern und ... du bist das Resultat davon. Wahnsinnig mit der Gier nach göttlicher Verehrung ! Wozu sonst die Doktrin Das Wort schuf den Stahl, und das Symbol des Rades, der Form, die in der Natur nicht vorkommt ? Wozu sonst all die Mühen in der Hoffnung, Parallelen zu schaffen zwischen deiner gottlosen Existenz und dem größten Menschen, der je gelebt hat ?«

  Karimov sprach noch immer leise und ruhig, doch aus seinen Augen sprühte Haß. .

  »Du hast keine Seele und beschuldigst mich des Sakrilegs.
Du bist nichts als ein Haufen Drähte und Transistoren und nennst dich Gott. Blasphemie ! Nur ein Mensch kann zum Gott werden !«

  Der Robot veränderte metallisch klirrend seine Stellung und sagte: »Das alles ist nicht nur Unsinn, sondern du verschwendest auch meine wertvolle Zeit damit. Ist das der einzige Grund für dein Kommen, - mich anzuschreien ?«

  »Nein«, sagte Karimov, »ich bin gekommen, um dich abzustellen.«

  Endlich griff seine Hand in die ausgebeulte Tasche und zog den Gegenstand heraus, der darin verborgen war : eine seltsame kleine Waffe, weniger als sechs Zoll lang. Ein kurzes Metallrohr ragte aus ihrem vorderen Ende heraus, an ihrem kolbenförmigen Griff befand sich ein elektrisches Kabel, das in seine Jacke führte; unter seinem Daumen befand sich ein kleiner, roter Knopf.

  Er sagte: »Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um dieses Ding zu konstruieren. Für deinen Körper haben wir einen Stahl ausgewählt, den nur eine Atom-Explosion zerstören kann, - aber wie könnte ein Mann mit einer Atomwaffe auf dem Rücken hier hereinmarschieren, da wir dir auch die Fähigkeit verliehen haben, Strahlungen zu erkennen ? Ich mußte also warten, bis ich ein Gerät entwickelt hatte, mit dem es möglich ist, deinen Stahlkörper so leicht zu zerschneiden, wie ein Messer das schwache Fleisch eines Mensehen zerschneidet. Hier ist es - und jetzt kann ich das Unheil wiedergutmachen, das ich über die Menschheit gebracht habe.«

  Er drückte auf den Knopf.

  Der Robot, der bis zu diesem Augenblick reglos gesessen hatte, als ob er es nicht glauben konnte, daß irgend jemand wirklich vorhaben könnte, ihm Schaden zuzufügen, fuhr hoch, wandte sich halb um und stand paralysiert, als einwinziges Loch in seiner Seite erschien. Stahl begann in kleinen Tropfen um das Loch zu rinnen; seine Umgebung glühte rot, und die Tropfen flossen wie Wasser - oder Blut.

  Karimov hielt die Waffe fest in seiner Hand, obwohl sie seine Finger versengte. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Noch eine halbe Minute, dann würdendie Schäden irreparabel sein.

  Hinter ihm krachte die Tür auf. Er fluchte, weil seine Waffe bei Menschen unwirksam. war. Bis zum letztmöglichen Augenblick hielt er sie auf den Robot gerichtet, dann wurde er von hinten gepackt, das Kabel wurde aus der Waffe gerissen, zu Boden geworfen und zertreten.

  Der Robot rührte sich nicht.

  Die Anspannung von zwanzig haßerfüllten Jahren löste sich, und seine Erleichterung machte sich in einem hysterisehen Lachen Luft, das er nicht unterdrücken konnte. Als es ihm schließlich doch gelang, sah er, daß der Mann, der ihn festhielt, der junge Meßdiener war, der ihn in die Sakristei eingelassen hatte, und daß andere Männer bei ihm waren, Fremde, die ihren Gott in schweigendem Entsetzen anstarrten.

  »Seht ihn euch an ! Seht ihn euch an !« schrie Karimov. »Euer Idol war nichts anderes als ein Robot, und was der Mensch schafft, kann er auch wieder zerstören. Er hat behauptet, unverwundbar zu sein, doch das war eine Lüge ! Ich habe euch befreit ! Begreift ihr das nicht ? Ich habe euch befreit !«

  Doch der Meßdiener achtete nicht auf ihn. Er starrte wie hypnotisiert auf die monströse Metallpuppe, fuhr mit der Zunge über seine Lippen und sagte schließlich mit einer Stimme, die weder erleichtert noch entsetzt klang, sondern nur ehrfürchtig: »Das Loch in seiner Seite !«

  In Karimov begann ein Traum zu zersplittern. Benommen sah er, wie die anderen Männer zu dem Robot traten und mit Instrumenten in das Loch fuhren. Er hörte einen von ihnen fragen: »Wie lange wird es dauern, ihn zu reparieren ?« Und ein anderer antwortete unbeteiligt: »Oh, drei Tage, würde ich sagen.« Und damit war Karimov klar, was er getan hatte.

  War heute nicht ein Freitag, und hatten sie nicht Frühling?

  Hatte er nicht gewußt, daß der Robot sorgfältig Parallelen zog zwischen seiner eigenen Karriere und der des Mannes, den er parodierte ? Jetzt hatte er ihren Höhepunkt erreicht : es hatte einen Tod gegeben, und es würde eine Auferstehung geben - am dritten Tag ...

  Und die Herrschaft von Des Wort machte den Stahl, würde niemals gebrochen werden.

  Die Männer machten, einer nach dem anderen, das Zeichen des Rades und gingen, bis nur noch einer zurückblieb. Mit finsterem Gesicht trat er vom Thron herab und blieb vor dem Meßdiener stehen, der Karimov noch immer fest umklammert hielt.

  »Wer ist dieser Diener des Teufels ?« fragte er.

  Der Meßdiener blickte auf die schlaffe Gestalt, die zusammengesunken auf dem mittleren Stuhl lag, als ob das Gewicht von Äonen auf ihm lastete, und antwortete: »Er nennt sich Karimov. Aber natürlich hätte er sagen sollen: Ischariot.«



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John Brunner
Von diesem Tage an
HEYNE-Buch Nr.:06/4125
ISBN 3-453-31095-0