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Der Prolog
(aus Mika Waltari's "Sinuhe der Ägypter")

Dieses schreibe ich,Sinuhe,
der Sohn Senmuts und seines Weibes Kipa –
nicht um die Götter Kêmets zu preisen,
denn ich bin der Götter überdrüssig –,
nicht um Pharaonen zu verherrlichen,
denn auch ihrer Taten bin ich müde.
Sondern um meiner selbst willen schreibe ich es,
weder um Göttern noch Königen zu schmeicheln
noch aus Furcht
oder auch einer Hoffnung auf die Zukunft.
Denn im Verlaufe meines Lebens
habe ich so vieles erfahren und verloren,
daß keine eitle Furcht mich quält,
und des Hoffens auf Unsterblichkeit bin ich müde,
wie der Götter und der Pharaonen.
So schreibe ich dieses nur für mich selbst
und glaube, mich dadurch
von allen Schreibern der Vergangenheit
wie auch der Zukunft zu unterscheiden.

Denn alles, was je geschrieben worden ist,
wurde der Götter oder der Menschen wegen geschrieben.
Ich zähle auch die Pharaonen zu den Menschen,
denn sie sind in Haß und Furcht,
in Begierden und Enttäuchungen wie wir.
Zwischen ihnen und uns besteht kein Unterschied,
und würden sie auch tausendmal zu den Göttern gezählt.
Und wären sie auch tausend- und abertausendmal
bei den Göttern verzeichnet, so sind sie doch nur Menschen,
den anderen Menschen gleich.
Wohl besitzen sie die Macht, ihren Haß zu befriedigen
und ihre Furcht zu fliehen,
aber diese Macht
bewahrt sie nicht vor Begierde und Enttäuschung.
Doch was geschrieben worden ist,
wurde auf Befehl der Könige geschrieben
oder um Göttern zu schmeicheln
oder aber um Menschen zu verleiten,
an Dinge zu glauben, die nie geschehen sind
– oder zu glauben, daß alles anders geschehen sei,
als es in Wirklichkeit geschah –
oder daß des einen oder anderen Anteil an den Geschehnissen
größer oder geringer gewesen sei, als es in Wirklichkeit war.
Das meine ich, wenn ich behaupte, daß alles,
was seit Urzeiten und bis heute geschrieben worden ist,
der Götter oder der Menschen wegen geschrieben wurde.

Alles kehrt wieder zum alten zurück,
nichts ist neu unter der Sonne, noch verändert sich der Mensch,
wenn auch seine Gewänder
und die Worte seiner Sprache sich wandeln.
Darum glaube ich auch nicht,
daß das Schreiben in der Zukunft anders sein wird als bisher,
weil auch der Mensch sich nicht verändert.
Um die Lügen scharen sich die Menschen
wie Fliegen um einen Honigkuchen,
und wie Weihrauch duften die Worte des Märchenerzählers,
der im Mist an einer Straßenecke hockt.
Die Wahrheit aber fliehen die Menschen.

Ich, Sinuhe, Senmuts Sohn, habe aber
in den Tagen meines Alters und meiner Enttäuschungen
die Lügen satt.
Darum schreibe ich nur für mich
und schreibe nur, was ich mit eigenen Augen gesehen habe
oder vom Erzählenhören als Wahrheit kenne.
So unterscheide ich mich von all jenen,
die vor mir gelebt haben, und von allen,
die nach mir kommen werden.
Denn ein Mann, der Worte auf Papyri niederschreibt,
und noch mehr ein Mann, der seinen Namen
und seine Werke in Stein meißeln läßt,
lebt in der Hoffnung, daß seine Worte gelesen
und die Nachkommen seine Taten preisen werden.
An meinen Worten aber ist nicht viel zu rühmen,
meine Taten sind nicht des Lobes wert,
die Weisheit ist herb in meiner Brust
und niemandem zur Freude.
Meine Worte werden Kinder nicht auf Lehmtafeln kritzeln,
wenn sie sich in der Kunst des Schreibens üben.
Meine Worte werden die Menschen nicht wiederholen,
um mit meiner Klugheit weise zu erscheinen.
Nein, wenn ich dieses schreibe, entsage ich der Hoffnung,
jemals gelesen oder verstanden zu werden.
Denn grausamer und verstockter als das Krokodil des Flusses
ist der Mensch in seiner Bosheit.
Sein Herz ist härter als Stein,
seine Eitelkeit nichtiger denn Staub.
Tauche ihn in einen Fluß, er wird der gleiche sein wie zuvor,
sobald seine Kleider wieder trocken sind.
Stürze ihn in Trauer und Enttäuschung,
und falls er sich wieder aufrichtet,
wird er derselbe sein wie zuvor.

Viele Wandlungen habe ich,
Sinuhe,
während meiner Lebenstage gesehen,
und dennoch ist alles gleich geblieben,
und der Mensch hat sich nicht verändert.
Wohl gibt es solche, die da sagen,
daß das, was jetzt geschieht, noch nie zuvor geschehen sei,
doch das ist eitles Gerede.

Ich, Sinuhe, sah einen Knaben seinen Vater
an einer Straßenecke zu Tode prügeln.
Ich sah Arme gegen Reiche
und Götter gegen Götter sich erheben.
Ich sah einen Mann,
der einst Wein aus goldenen Kelchen getrunken hatte,
in seinem Elend niederknien,
um mit den Händen Wasser aus dem Strome zu schöpfen.
Die, die Gold gewogen hatten, bettelten an den Straßenecken,
und ihre Frauen gaben sich
für den Preis eines Kupferringes den bemalten Negern,
damit sie Brot kaufen konnten für ihre Kinder.

Vor meinen Augen hat sich also nichts neues zugetragen,
und was sich früher ereignete,
das wird auch in der Zukunft geschehen.
So wie der Mensch sich früher nicht änderte,
so wird er es auch in der Zukunft nicht tun.
Die, die nach mir kommen,
werden gleich sein wie die, die vor mir lebten.
Wie könnten sie also meine Weisheit verstehen,
und warum sollte ich wünschen, daß sie meine Worte lesen ?

Doch ich, Sinuhe, schreibe dies meinetwegen,
weil die Erkenntnis mein Herz wie Lauge zerfrißt,
und weil die Freude aus meinem Leben entflohen ist.
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Gelesen in : Mika Waltari ; Sinuhe der Ägypter