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Der Papalagi und seine Dunkelheit

Der Papalagi und seine Dunkelheit

gelesen in :
DER PAPALAGI
Die Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea
übersetzt von Erich Scheurmann
Tanner + Staehelin Verlag, Zürich
1920
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Hütet Euch vor denen, die die Symbole des HERRN
( so es Ihn denn gibt, und wie immer Er genannt wird.)
voll Eifer vor sich her tragen. Ihr nehmt sie beim Wort,
jedoch sie werden Euch enttäuschen.

Ich danke Dir HERR,
( so es Dich denn gibt, und wie immer Du genannt wirst.)
daß Du mich hast Atheist werden lassen.

Uwe Henseler
Der Papalagi
und seine Dunkelheit


Die Reden des
Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea
übersetzt von Erich Scheurmann


Liebe Brüder, es gab eine Zeit, da wir alle in der Dunkelheit saßen und keiner von uns das strahlende Licht des Evangeliums kannte, da wir umherirrten wie Kinder, die ihre Hütte nicht finden können, da unsere Herzen keine große Liebe kannte und unsere Ohren noch taub waren für das Wort Gottes.
   Der Papalagi hat uns das Licht gebracht. Er kam zu uns, uns aus unserer Dunkelheit zu befreien.
   Er führte uns zu Gott und lehrte uns ihn lieben. Wir verehrten ihn darum als den Bringer des Lichtes, als den Sprecher des großen Geistes, den der Weiße Gott nennt. Wir erkannten und anerkannten den Papalagi als unseren Bruder und wehrten ihm nicht unser Land, sondern teilten alle Frucht und alles Eßbare redlich mit ihm als eines gleichen Vaters Kinder.
   Keine Mühe ließ sich der weiße Mann verdrießen, uns das Evangelium zu bringen, auch wenn wir uns wie störrische Kinder seiner Lehre widersetzten. Für diese Mühe und für all dies, was er unseretwegen erduldet, wollen wir ihm dankbar sein und ihn für alle Zeiten feiern und ihm huldigen als unseren Lichtbringer.
   Der Missionar der Papalagi lehrte uns als erster, was Gott sei, und er führte uns von unseren alten Göttern fort, die er irre Götzen nannte, weil sie den wahren Gott nicht in sich hatten. So hörten wir denn auf, die Sterne der Nacht anzubeten, die Kraft des Feuers und des Windes, und wandten uns seinem Gott zu, dem großen Gott im Himmel.
   Das erste, was Gott tat, war, daß er uns durch den Papalagi alle Feuerrohre und Waffen nehmen ließ, damit wir friedlich untereinander lebten als gute Christen. Denn ihr wißt die Worte Gottes, daß wir alle einander lieben, aber nicht töten sollen, welches sein höchstes Gebot ist. Wir haben unsere Waffen gegeben, und keine Kriege verheeren seitdem mehr unsere Inseln, und einer achtet den anderen als seinen Bruder. Wir erfuhren, daß Gott recht hatte mit seinem Befehle, denn friedlich lebt heute Dorf bei Dorf, wo einst große Unruhe herrschte und die Schrecken kein Ende nehmen wollten. Und wenn auch noch nicht in jedem von uns der große Gott ist und ihn mit seiner Liebe ausfüllt, so erkennen wir alle doch in Dankbarkeit, daß unsere Sinne größer und stärker geworden sind, seit wir Gott als den großen, den größten Häuptling und Herrscher der Erde verehren. Ehrfürchtig und dankbar vernehmen wir seine klugen und großen Worte, die uns immer stärker in der Liebe machen, die uns immer mehr mit seinem großen  Geiste füllen.
   Der Papalagi, sagte ich, brachte uns das Licht, das herrliche Licht, daß in unser Herz hineinflammte und unsere Sinne mit Fröhlichkeit und Dankbarkeit erfüllte. - Er hatte das Licht früher als wir. Der Papalagi stand schon im Lichte, als die ältesten von uns noch nicht geboren waren. Aber er hält das Licht nur in ausgestreckter Hand, um anderen zu leuchten, er selber, sein Leib, steht in der Finsternis, und sein Herz ist weit von Gott, obwohl sein Mund Gott ruft, weil er das Licht in Händen hält.
   Nichts ist mir schwerer und nichts erfüllt mein Herz mehr mit Trauer, ihr lieben Kinder der vielen Inseln, als euch dies zu künden. Aber wir dürfen und wollen uns nicht täuschen über den Papalagi, damit er uns nicht in seine Finsternis hineinzieht. Er hat uns Gottes Wort gebracht. Ja. Aber er selber hat Gottes Wort und seine Lehre nicht verstanden. Er hat sie mit dem Munde und seinem Kopf verstanden, aber nicht mit seinem Leibe. Das Licht ist nicht in ihn eingedrungen, daß er es widerstrahle und, wohin er kommt, alles in Licht leuchte aus seinem Herzen. Dieses Licht, das man auch Liebe nennen kann.
   Er fühlt zwar diese Falschheit zwischen seinem Worte und Leibe nicht mehr. Aber du kannst es daran erkennen, daß kein Papalagi mehr das Wort Gott aussprechen kann aus seinem Herzen. Er verzieht das Gesicht dabei, als sei er müde oder als ginge ihn  dieses Wort nichts an. Alle Weißen geben sich zwar den Namen Gotteskinder und lassen sich ihren Glauben von den weltlichen Häuptlingen auf Matten geschrieben bestätigen. Aber Gott ist ihnen dennoch fremd, und wenn auch jeder die große Lehre empfangen hat und von Gott weiß. Selbst diejenigen, welche bestimmt sind, von Gott zu sprechen in den großen, herrlichen Hütten, die ihm zu Ehren erbaut wurden, haben Gott nicht in sich, und ihr Sprechen nimmt der Wind und die große Leere. Die Gottessprecher erfüllen ihre Rede nicht mit Gott, sie sprechen wie die Wellen, die aufs Riff schlagen - keiner hört sie mehr und wenn sie auch ununterbrochen tosen.
   Ich darf dies sagen, ohne daß Gott mir zürnt: Wir Kinder der Inseln waren nicht schlechter, da wir die Sterne anbeteten und das Feuer, als der Papalagi jetzt ist. Denn wir waren schlecht und in der Dunkelheit, weil wir das Licht nicht kannten. Der Papalagi kennt aber das Licht und lebt dennoch in der Dunkelheit und ist schlecht. Das Schlechteste aber ist es, daß er sich Gotteskind und Christ nennt, uns glauben machen will, er sei das Feuer, weil er eine Flamme in den Händen trägt.
   Der Papalagi besinnt sich selten auf Gott. Erst wenn ein Sturm ihn packt oder seine Lebensflamme erlöschen will, denkt er daran, daß es Mächte gibt die über ihn sind, und höhere Häuptlinge als er selber. Am Tage stört ihn Gott und hält ihn nur ab von seinen seltsamen Genüssen und Freuden. Er weiß, daß sie Gott nie gefallen können, und er weiß auch, daß, wenn Gottes Licht wirklich in ihm wäre, er sich in den Sand werfen müßte vor Scham. Denn nichts als Haß und Gier und Feindschaft erfüllt ihn. Sein Herz ist ein großer, spitzer Haken geworden, ein Haken nur für den Raub bestimmt, statt ein Licht zu sein, das die Dunkelheit forttut und alles erleuchtet und erwärmt.
   Christ nennt sich der Papalagi. Ein Wort wie ein schönster Sang. Christ. O könnten wir uns für alle Zeiten Christen nennen. Christ sein, das heißt: Liebe zu dem großen Gott und zu seinen Brüdern und dann erst zu sich selbst haben. Die Liebe - das ist das Gute tun - muß wie unser Blut in uns und ganz eins mit uns sein wie Kopf und Hand. Der Papalagi trägt das Wort Christ und Gott und Liebe nur in seinem Munde. Er schlägt mit seiner Zunge daran und macht viel Lärm damit. Aber sein Herz und seine Liebe beugt sich nicht vor Gott, sondern nur vor den Dingen, dem runden Metall und schwerem Papier, vor dem Lustdenken, vor der Maschine, und kein Licht erfüllt ihn, sondern ein wilder Geiz um seine Zeit und die Narrheiten seines Berufes. Zehnmal eher geht er in den Ort des falschen Lebens als einmal zu Gott, der weit, weit ist.
   Liebe Brüder, der Papalagi hat heute mehr Götzen, als wir je gehabt haben, wenn dies ein Götze ist, was wir neben Gott anbeten und verehren und als Liebstes in unseren Herzen tragen. Gott ist nicht das Liebste im Herzen des Papalagi. Und deshalb tut er auch nicht seinen Willen, sondern den Willen des Aitu ( Der schlechte Geist, der Teufel ). Ich sage dies aus meinem Denken, daß der Papalagi uns das Evangelium gebracht hat als eine Art Tauschware, um dafür unsere Früchte und den größten und schönsten Teil unseres Landes an sich zu nehmen. Ich traue ihm dies wohl zu, denn ich habe viel Schmutz und Sünde im Herzen des Papalagi entdeckt und weiß, daß Gott uns mehr liebt als ihn, der uns den Wilden nennt, das heißt soviel wie den Menschen, der die Zähne des Tieres und kein Herz im Leibe hat.
   Aber Gott fährt in seine Augen und reißt sie auseinander um ihn sehend zu machen. Er hat dem Papalagi gesagt : Sei du, was du sein willst. Ich mache dir keine Gebote mehr. Und da ging der Weiße und gab sich zu erkennen. O Schande ! O Schrecken ! - O Brüder, ihr hörtet die   Schreckenskunde, das gott-, lieb- und lichtlose Geschehen : Europa ermordet sich. Der Papalagi ist rasend geworden. Einer tötet den anderen. Alles ist Blut und Schrecken und Verderben. Der Papalagi gesteht endlich : Ich habe keinen Gott in mir. Das Licht in seiner Hand ist am Erlöschen. Finsternis liegt auf seinem Wege, man hört nur das erschreckende Flügelschlagen der Fliegenden Hunde und das Schreien der Eulen.
   Brüder, die Liebe Gottes erfüllt mich und die Liebe zu euch, darum gab Gott mir meine kleine Stimme, euch dies alles zu sagen, was ich euch gesagt habe. Damit wir stark bleiben in uns selber und nicht der schnellen und listigen Zunge des Papalagi unterliegen. Laßt uns fortan unsere Hände vorstrecken, wenn er uns naht, und ihm zurufen: Schweige mit deiner lauten Stimme, deine Worte sind uns Brandungslärm und Palmenrauschen, aber nicht mehr, solange du selbst nicht ein frohes, starkes Gesicht und blanke Augen trägst, solange das Gottesbild nicht aus dir strahlt wie eine Sonne.
   Und wir wollen uns ferner schwören und ihm zurufen: Bleibe von uns mit deinen Freuden und Lüsten, deinem wilden Raffen nach Reichtum in den Händen oder nach Reichtum in dem Kopfe, deiner Gier, mehr zu sein als dein Bruder, deinem vielen sinnlosen Tun, dem wirren Machen deiner Hände, deinem neugierigen Denken und Wissen, das doch nichts weiß. Allen deinen Narrheiten, die selbst deinen Schlaf auf der Matte ruhelos machen. Wir brauchen dies alles nicht und begnügen uns mit den edlen und schönen Freuden, die Gott uns in großer Zahl gab. Gott möge uns helfen, daß uns sein Licht nicht blendet und in die Irre führt, sondern daß es alle Wege klarmacht und wir in seinem Lichte gehen können und sein herrliches Licht in uns aufnehmen, das ist: uns untereinander lieben und viel Talofa ( Samoanischer Gruß. - Wörtlich: Ich liebe dich. ) im Herzen machen.


gelesen in :
DER PAPALAGI
Die Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea
übersetzt von Erich Scheurmann

Tanner + Staehelin Verlag, Zürich
Erweiterte Neuauflage der Originalausgabe von 1920;
Felsenverlag, Buchenbach/Baden ; ISBN 3-85931-014-3





9. Unter den Leuten sind solche, die sagen:
„Wir glauben an Gott und den Jüngsten Tag“,
und sind gar nicht Gläubige.

10. Sie möchten Gott betrügen
und diejenigen, die gläubig sind;
doch sie betrügen sich selbst;
allein sie begreifen es nicht.

15. Und wenn sie mit denen zusammentreffen,
die glauben, sagen sie: “Wir glauben“;
sind sie jedoch allein mit ihren Bonzen, sagen sie:
Gewiß sind wir mit euch; wir treiben nur Spott.“

Aus der 2. Sure, Al-Baqarah, des Qur-ân.