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Der Papalagi hat Gott arm gemacht
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Der Papalagi hat Gott arm gemacht

gelesen in :
DER PAPALAGI
Die Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea
Tanner + Staehelin Verlag, Zürich
1920;
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Geben ist seliger denn nehmen,predigen sie,
und sie nehmen im Namen des Herrn.
(so es Ihn denn gibt, und wie immer Er genannt wird.)
Und sie horten das Genommene zu Schätzen,
um barmherzig zu wirken im Verteilen von Brosamen.

Ich danke Dir HERR,
(so es Dich denn gibt, und wie immer Du genannt wirst.)
daß Du mich hast Atheist werden lassen.

Uwe Henseler
Der Papalagi
hat Gott arm gemacht


Die Reden des
Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea
übersetzt von Erich Scheurmann


Der Papalagi hat eine besondere und höchst verschlungene Art zu denken. Er denkt immer, wie etwas ihm selbst zu Nutzen ist und ihm recht gibt. Er denkt zumeist nur für einen und nicht für alle Menschen. Und dieser eine ist er selbst.
   Wenn ein Mann sagt: „Mein Kopf ist mein und er gehört niemandem als mir“, so ist dem so, ist dem wirklich so, und keiner kann einen Einwand dagegen haben. Niemand hat mehr Recht auf seine eigene Hand als der, welcher die Hand hat. Bis hierher gebe ich dem Papalagi recht. Er sagt nun aber auch: die Palme ist mein. Weil sie gerade vor seiner Hütte steht. Geradeso, als habe er sie selber wachsen lassen. Die Palme ist aber niemals sein. Niemals. Sie ist Gottes Hand, die er aus der Erde uns entgegenstreckt. Gott hat sehr viele Hände. Jeder Baum, jede Blume, jedes Gras, das Meer, der Himmel, die Wolken daran, alles dies sind Hände Gottes. Wir dürfen danach greifen und uns freuen; aber wir dürfen doch nicht sagen: Gottes Hand ist meine Hand. Das tut aber der Papalagi
   „Lau“ heißt in unserer Sprache mein und auch dein; es ist fast ein und dasselbe. In der Sprache der Papalagi gibt es aber kaum ein Wort, das mehr zweierlei bedeutet, als dieses Mein und Dein. Mein ist, was nur und alleine mir gehört. Dein ist, was nur und alleine dir gehört. Darum sagt der Papalagi für alles, was im Bereiche seiner Hütte steht: es ist mein. Niemand hat ein Recht darüber, außer er selbst. Wo du zum Papalagi kommst und wo du etwas bei ihm siehst, sei es eine Frucht, ein Baum, ein Wasser, ein Wald, ein Häuflein Erde - immer ist irgend jemand nahe, der sagt: „Dies ist mein ! Hüte dich, nach dem zu greifen, was mein ist !“ Greifst du aber dennoch danach, so schreit er, nennt dich einen Dieb, welches Wort eine große Schande bedeutet, und dies, nur weil du wagtest, ein Mein deines Nächsten zu berühren. Seine Freunde und die Diener der höchsten Häuptlinge eilen herbei, legen dir Ketten an und bringen dich ins Fale pui pui ( Gefängnis ), und du bist geächtet für dein ganzes Leben.
   Damit nun nicht einer nach des andren Dinge greift, die er als die seinen erklärt hat, wird dieses, was einem gehört und nicht gehört, genau festgelegt durch besondere Gesetze. Und es gibt in Europa Menschen, die nichts tun als darauf zu achten, daß niemand diese Gesetze übertritt. Daß dem Papalagi nichts genommen wird, was er sich selbst genommen hat. Der Papalagi will sich durch dies den Anschein geben, er habe wirklich ein Recht erwirkt, als habe Gott ihm sein Besitztum wirklich für alle Zeiten abgetreten. Als gehöre ihm nur wirklich die Palme, der Baum, die Blume, das Meer, der Himmel und seine Wolken darüber. Der Papalagi muß solche Gesetze machen und solche Hüter für sein vieles Mein haben, damit diejenigen, welche nur wenig oder gar kein Mein haben, ihm nichts von seinem Mein nehmen. Denn wo viele viel an sich nehmen, gibt es viele, die nichts in den Händen haben. Nicht jeder weiß die Schliche und geheimen Zeichen, zu vielem Mein zu kommen, und es gehört eine besondere Art von Tapferkeit dazu, die sich nicht immer mit dem, was wir Ehre nennen, verträgt. Und es mag wohl sein, daß diejenigen, welche wenig in Händen haben, weil sie Gott nicht kränken und ihm nichts nehmen mögen, die allerbesten der Papalagi sind. Doch es gibt deren sicher nicht viele.
   Die meisten berauben Gott ohne Scham. Sie kennen es nicht anders. Sie wissen oft gar nicht, daß sie etwas schlechtes tun; eben weil alle so tun und sich nichts dabei denken und keine Scham empfinden. Mancher bekommt auch sein vieles Mein aus den Händen seines Vaters, zu der Zeit, als er geboren wurde. - Jedenfalls hat Gott fast nichts mehr, die Menschen haben ihm alles genommen und zu ihrem Mein und Dein gemacht. Er kann seine Sonne, die für alle bestimmt ist, nicht mehr allen gleich geben, weil einzelne mehr beanspruchen als die anderen. Auf den schönen, großen Sonnenplätzen sitzen oft nur wenige, während die Vielen im Schatten kümmerliche Strahlen fangen. Gott kann keine rechte Freude mehr haben, weil er nicht mehr der höchste Alii sili ( Herrscher ) in seinem großen Haus ist. Der Papalagi verleugnet ihn dadurch, daß er dies sagt: alles ist mein. Doch soweit denkt er nicht; wenngleich er auch noch so viel denkt. Im Gegenteil, er erklärt sein Tun für ehrlich und rechtlich. Es ist aber unehrlich und unrechtlich vor Gott.
   Würde er richtig denken, so müßte er auch wissen, daß uns nichts gehört, was wir nicht festhalten können. Daß wir im Grunde nichts festhalten können. Dann würde er auch einsehen, daß Gott sein großes Haus gab, damit alle darin Platz und Freude haben. Und es wäre wohl auch groß genug und hätte wohl für jeden ein Sonnenfleckchen und eine kleine Freude, und für jeden Menschen wäre wohl ein kleiner Palmenstand da und ganz sicherlich ein Plätzchen für seine Füße, darauf zu stehen. Wie Gott es will und bestimmt hat. Wie könnte Gott auch nur eines seiner Kinder vergessen haben ! Und doch suchen so viele nach dem kleinen Örtchen, das Gott für sie freigelassen hat.
   Weil der Papalagi das Gebot Gottes nicht hört und sich seine eigenen Gesetze macht, schickt ihm Gott viele Feinde seines Eigentums. Er schickt ihm die Nässe und Hitze, sein Mein zu zerstören, das Altwerden und Zerbröckeln und Faulen. Er gibt auch dem Feuer Macht über seine Schätze und dem Sturm. Vor allem aber legt er in die Seele des Papalagi die Furcht. Das Angsthaben um das, was er sich genommen hat. Des Papalagi Schlaf ist nie ganz tief, denn er muß wach sein, damit ihm zur Nacht nicht fortgetragen wird, was er selber am Tage zusammengetragen hat. Er muß seine Hände und Sinne immer an allen Enden seines Meins haben. Und wie plagt alles Mein ihn stetig und spottet seiner und sagt: weil du mich von Gott nahmst, deshalb peinige ich dich und mache dir viele Schmerzen.
   Aber viel schlimmere Strafe hat Gott dem Papalagi gegeben als seine Furcht. - Er gab ihm den Kampf zwischen denen, die nur ein kleines oder gar kein Mein haben, und denen, die ein großes Mein sich nehmen. Dieser Kampf ist heiß und schwer und geht Tag und Nacht. Es ist der Kampf, den alle leiden; der allen die Freude am Leben zernagt. Die haben, sollen geben, wollen aber nichts geben. Die nichts haben, wollen selber haben, bekommen aber nichts. Auch diese sind selten Gottesstreiter. Sie kamen zunächst nur zu spät zum Raub oder waren zu ungeschickt, oder die Gelegenheit fehlte ihnen. Daß Gott der Beraubte ist, daran denken die allerwenigsten. Und nur ganz selten hört man den Ruf eines gerechten Mannes, alles in Gottes Hände wieder zurückzugeben.
   O Brüder, wie denkt ihr über einen Mann, der da eine Hütte hat, groß wie ein ganzes Samoadorf, und gibt nicht dem Wanderer sein Dach für eine Nacht ? Wie denkt ihr über einen Mann, der eine Traube Bananen in den Händen hält und gibt nicht dem eine einzige Frucht, der da hungernd darum bittet ? - Ich sehe den Zorn in euren Augen und die große Verachtung auf euren Lippen. So denkt: Dies ist das Tun des Papalagi zu jeder Stunde. Und wenn er auch hundert Matten hat, er gibt nicht eine dem, der keine hat. Er macht dem andern eher noch eine Schuld und einen Vorwurf daraus, daß dieser keine hat. Er mag seine Hütte bis unter die höchste Spitze seines Daches voller Essensvorräte haben, viel mehr als er und seine Aiga ( Familie ) in Jahren essen kann, er wird nicht suchen gehen nach denen, die nichts zu essen haben, die bleich und hungrig sind. Und es gibt viele Papalagi, die da bleich und hungrig sind.
   Die Palme wirft ihre Blätter und Früchte ab, wenn sie reif sind. Der Papalagi lebt so, wie wenn die Palme ihre Blätter und Früchte festhalten wollte: Es sind meine ! Ihr dürft sie nicht haben und nichts davon essen ! - Wie sollte die Palme neue Früchte tragen können ? Die Palme hat viel mehr Weisheit als ein Papalagi.
   Auch unter uns gibt es viele, die mehr haben als die anderen, und wir erweisen dem Häuptling Ehre, der da viele Matten und viele Schweine hat. Diese Ehre gilt aber nur ihm alleine und nicht den Matten und Schweinen. Denn diese gaben wir ihm selber zum Alofa ( Geschenk ), um unsere Freude zu zeigen und seine große Tapferkeit und Klugheit zu loben. Der Papalagi verehrt aber an seinem Bruder die vielen Matten und Schweine, ihn kümmert wenig dessen Tapferkeit und Klugheit. Ein Bruder ohne Matten und ohne Schweine hat nur ganz geringe Ehre oder gar keine.
   Da nun die Matten und Schweine nicht selber zu den Armen und Hungrigen kommen können, sieht auch der Papalagi keinen Grund, sie seinen Brüdern zu bringen. Denn er ehrt ja nicht sie, sondern nur ihre Matten und Schweine, und darum behält er sie auch für sich. Würde er seine Brüder lieben und ehren und nicht mit ihnen im Kampf um das Mein und Dein stehen, so würde er ihnen die Matten bringen, damit sie teilhätten an seinem großen Mein. Er würde seine eigene Matte mit ihnen teilen, anstatt sie in die dunkle Nacht hinauszustoßen.
   Aber der Papalagi weiß nicht, daß Gott uns die Palme, Banane, den köstlichen Taro, alle Vögel des Waldes und alle Fische des Meeres gab, daß wir alle uns daran freuen und glücklich sein sollen. Nicht aber für nur wenige unter uns, während die anderen darben und Not leiden müssen. Wem Gott viel in seine Hand gab, muß seinem Bruder abgeben, damit nicht die Frucht in seiner Hand faule. Denn Gott reicht allen Menschen seine vielen Hände; er will nicht, daß einer ungleich mehr hat als der andere oder daß einer sagt: Ich stehe in der Sonne, du gehörst in den Schatten. Wir alle gehören in die Sonne.
   Wo Gott alles in seiner gerechten Hand behält, da ist kein Kampf und keine Not. Der listige Papalagi möchte nun auch uns aufschwätzen: Gott gehört nichts ! Dir gehört, was du in den Händen halten kannst ! - Laßt uns unsere Ohren verschließen vor solcher schwachen Rede und festhalten an dem guten Wissen, Gott gehört alles.

Die verächtlichen Worte Tuiaviis über unsere Eigentumsbegriffe müssen jedem verständlich sein, der weiß, daß die Eingeborenen Samoas in völliger Gütergemeinschaft leben. Den Begriff von mein und dein in unserem Sinne gibt es tatsächlich nicht. Auch der Begriff „stehlen“ ist dem Insulaner fremd. Alles gehört allen. Alles gehört Gott.
Wir haben ihnen mit unserer Zivilisation eine neue Sünde beschert.


gelesen in :
DER PAPALAGI
Die Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea
Tanner + Staehelin Verlag, Zürich
Erweiterte Neuauflage der Originalausgabe von 1920;
Felsenverlag, Buchenbach/Baden ; ISBN 3-85931-014-3

 

 

Sie sagen  MEIN

Du musst nicht bangen, Gott. Sie sagen mein
zu allen Dingen, die geduldig sind.
Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift
und sagt: mein Baum.

Sie merken kaum,
wie alles glüht, was ihre Hand ergreift –
so dass sie's auch an seinem letzten Saum
nicht halten könnten ohne zu verbrennen.

Sie sagen mein, wie manchmal einer gern
den Fürsten Freund nennt im Gespräch mit Bauern,
wenn dieser Fürst sehr groß ist und – sehr fern.
Sie sagen mein von ihren fremden Mauern
und kennen gar nicht ihres Hauses Herrn.

Sie sagen mein und nennen das Besitz,
wenn jedes Ding sich schließt, dem sie sich nahn,
so wie ein abgeschmackter Scharlatan
vielleicht die Sonne sein nennt und den Blitz.

So sagen sie: mein Leben, meine Frau,
mein Hund, mein Kind, und wissen doch genau
dass alles: Leben, Frau und Hund und Kind
fremde Gebilde sind, daran sie blind
mit ihren ausgestreckten Händen stoßen.

Gewissheit freilich ist das nur den Großen,
die sich nach Augen sehnen. Denn die andern
wollen's nicht hören, dass ihr armes Wandern
mit keinem Dinge rings zusammenhängt,
dass sie, von ihrer Habe fortgedrängt,
nicht anerkannt von ihrem Eigentume,
das Weib so wenig haben wie die Blume,
die eines fremden Leben ist für alle.

Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
Auch der dich liebt und der Dein Angesicht
erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
in deinem Atem schwankt, – besitzt dich nicht.
Und wenn dich einer in der Nacht erfasst,
so dass du kommen musst in sein Gebet:
Du bist der Gast, der wieder weiter geht.

Wer kann dich halten, Gott ? Denn du bist dein,
von keines Eigentümers Hand gestört,
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
der immer süßer wird, sich selbst gehört.
                                                Rainer Maria Rilke