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Das Unikat
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Dieses Aufsätzchen habe ich vor einigen etlichen Jahren verbrochen
In einer Zeit der Massenwaren wollte ich auf die Qualität maßgefertigter Einzelstücke hinweisen.
Nun, da sich das wegen meiner motorischen Einschränkungen erledigt hat, stelle ich es hier vor, ohne in den Ruch versteckter Werbung zu kommen.
 
Das Einzelstück
Ein paar eigene Gedanken



Wir alle lieben sie, die besonderen Dinge des Lebens; das T-Shirt mit dem richtigen Emblem über dem Herzen, die Schuhe mit dem exklusiven Schriftzug, die Jeans mit dem Etikett des bekannten Modeschöpfers usw.
Durch deren Besitz erhoffen wir uns unterschwellig einen besseren Status, ein höheres gesellschaftliches Ansehen, oder eine Stärkung unseres Selbstwertgefühls. Oder gar beides.
Wir sind bereit dafür Opfer zu bringen.
Für den Designerpulli zahlen wir eben, manchmal vielleicht stirnrunzelnd, den geforderten Preis. Schließlich hat unsere Boutique nur 10 Stück am Lager. Und bundesweit gibt es vielleicht nur 100 000 davon. Und weltweit …
Als Liebhaber kunstvoller Bilder oder schöner Plastiken erstreben wir den Besitz eines Objektes eines namhaften Künstlers. Ein Original ? Nun, das übersteigt bei den meisten von uns die Mittel. Aber einen Kunstdruck, limitiert auf 10 000 Stück, - die Kopie einer Plastik, von der nur 5 000 gefertigt wurden, vielleicht noch mit einer Numerierung in der unteren Hälfte ? Dafür geben wir doch schon mal einen Betrag aus, der an die Vierstelligkeit herankommt.

Oder denken wir an Schmuck. Ich sehe das Strahlen in den Augen unserer Damen, aber auch wir Männer sind dem Schmuck gegenüber nicht mehr gleichgültig. Die Festtage nahen und du möchtest deiner Liebsten ( oder deinem Liebsten ) eine Freude bereiten, denn nichts liebt sie ( er ) mehr als Schmuck; nach dir, hoffst du.
Du betrachtest die Auslage eines Juweliergeschäftes - .

Wochen vorher, in der Werkhalle eines mittelständigen Unternehmens: Eine Maschine sägt von einem Stück Rohr lauter kurze Stückchen ab. Eine andere Maschine bricht die Schnittkanten und fräst die Seiten des Stückchen Rohres glatt. In einer Dritten wird die Oberfläche poliert. Weitere Maschinen sorgen für Verpackung und Versand - .

Und da liegt er nun, liebevoll von einem Verkäufer auf ein Samtkisschen plaziert - der Ring für Deine/n Liebste/n.
„Echt 333er Gold“, sagt der Verkäufer. „Und beachten Sie das glatte runde Design, das ist schlichte Eleganz.“ Du linst unauffällig auf das Preisschildchen. Rund 300 erscheint dir angemessen. - Für „echt“ Gold !
„Hier haben wir noch ein weiteres schönes Stück, allerdings wesentlich höherwertiger. 585er. Auch hier erkennen Sie die klare natürliche Form.“ Der Verkäufer zeigt einen anderen Ring. Ja, der Designer hat auch hier seine Phantasie stark gezügelt. Der Ring sieht ähnlich aus wie der andere. Rund eben. Daß der Preis an das Doppelte des ersten kommt, - bei dem wesentlich „besseren“ Gold akzeptierst Du das natürlich.
Aber eigentlich soll es ja doch etwas Ausgefalleneres sein.
„Da haben wir noch dieses besondere Stück. Die klassische Form aufgelockert durch einen schräg zur Laufrichtung angelegten Rillenschliff. Schon etwas recht exklusives !“
Ja, das trifft deine Vorstellung schon eher.
Und dann entdeckst du ihn. Einen Ring, kunstvoll gearbeitet, in einer Form, die abweicht von dem normalen Rund, verziert mit fein gestalteten Ornamenten.
„Und der da ?“ fragst du.
„Der da ? Dieser Ring ist in der Tat etwas besonderes !“  Es kommt Leben in den Verkäufer. „Ich sehe Sie haben einen Blick für die wirklich wertvollen Dinge.“
Du fühlst dich geschmeichelt, aber nach einem diskreten Blick auf das Preisschildchen kommt sofort die Ernüchterung. Diesesmal getraust du dich, zu fragen: „Das Komma, -  steht es nicht zwei Stellen zu weit rechts ?“
„Aber keineswegs ! Bedenken Sie, dieser Ring ist einzigartig. In unserer Werkstatt von unserem Goldschmied angefertigt, gibt es nur dieses eine Exemplar. Ein Unikat ! Ein Einzelstück !“
Nun denn. Es wäre auch zu schön gewesen. Du entscheidest dich für den Ring mit den eingeschliffenen Rillen. Der sieht schon recht nett aus, denn klar, das siehst du ein: Handgefertigter Schmuck ! Einmalig ! Das ist natürlich unerschwinglich für den normalen Bürger.

Tatsächlich unerschwinglich ?

Und was ist mit dem Schmuckstück das Du selbst trägst ?
Diesem kleinen Kunstwerk ?
Die Grundlagen zur Herstellung geschaffen von einem hochqualifizierten Spezialisten. Das Schmuckstück selbst, mit viel Akribie angefertigt von einem künstlerisch begabten Handwerker.
Du trägst es immer an Dir. Ganz selbstverständlich. So selbstverständlich, daß Du schon vergessen hast was gemeint ist.
Deinen Zahn meine ich. Den da ganz vorne, rechts von der Mitte. - Der nur für Dich angefertigt wurde. Nicht mit einer Schablone zu tausenden ausgestanzt und unters Volk gebracht, nein - die Form modelliert nach Deinem Typ. Die Farben kombiniert und komponiert nach Deinen eigenen Zähnen. Einzig auf der Welt.
Ah, jetzt erinnerst Du dich.
Ja, natürlich war er nicht ganz billig. Er kostete etwa soviel wie der Ring aus der Fabrik, den Du eben gekauft hast.   
Du zeigst den Zahn natürlich nicht rum, um damit zu  pralen. Und Du erwartest auch nicht, daß dich jetzt jeder auf diesen neuen, schönen Zahn anspricht, denn dann würde man ihn ja erkennen, und dann hätten wir, das Zahnarzt- und Zahntechnikerteam etwas falsch gemacht. Nein, - Du trägst ihn mit stillem Stolz nur für dich, denn, spätestens ab jetzt weist du, daß auch Du dir ein Einzelstück, ein Unikat, leisten kannst.
Und wenn die Zeit kommt, ein weiteres, und vielleicht noch eins , und …
 Aber das bleibt Dein und unser gemeinsames Geheimnis.
Uwe Henseler

 

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