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Der Weihnachtsabend
 
Der Weihnachtsabend


Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens
(1812 bis 1870)

Übersetzer: Richard Zoozmann (1863 bis 1934)

Erstes Kapitel.
Marleys Geist.

Marley war tot, damit wollen wir anfangen. Kein Zweifel kann darüber bestehen. Der Schein über seine Beerdigung ward unterschrieben von dem Geistlichen, dem Küster, dem Leichenbestatter und den vornehmsten Leidtragenden. Scrooge unterschrieb ihn, und Scrooges Name wurde auf der Börse respektiert, wo er ihn nur hinschrieb. Der alte Marley war so tot wie ein Türnagel.

Versteht mich recht! Ich will nicht etwa sagen, dass ein Türnagel etwas besonderes Totes für mich hätte. Ich selbst möchte fast zu der Meinung neigen, dass das toteste Stück Eisen auf der Welt ein Sargnagel sei. Aber die Weisheit unsrer Altvordern liegt in den Gleichnissen, und meine unheiligen Hände sollen sie dort nicht stören, sonst wäre es um das Vaterland geschehnen. Man wird mit also erlauben, mit besonderem Nachdruck zu wiederholen, dass Marley so tot wie ein Türnagel war. Scrooge wusste, das er tot war? Natürlich wusste er`s. Wie sollt` es auch anders sein? Scrooge und er waren, ich weiß nicht seit wie viel Jahren, Handlungsgesellschafter. Scrooge war sein einziger Testamentsvollstrecker, sein einziger Verwalter, sein einziger Erbe, sein einziger Freund und sein einziger Leidtragender. Und selbst Scrooge war von dem traurigen Ereignis nicht so untröstlich gerührt, um nicht selbst an dem Begräbnistage ein vortrefflicher Geschäftsmann sein und ihn mit einem unzweifelhaft guten Handel feiern zu können.

Nun bringt mich die Erwähnung von Marleys Begräbnistag wieder zu dem Ausgangspunkt meiner Erzählung zurück. Es ist ganz ohne Zweifel, dass Marley tot war. Das muss scharf ins Auge gefasst werden, sonst kann in der Geschichte, die ich eben erzählen will, nichts Wunderbares geschehen. Wenn wir nicht vollkommen fest überzeugt wären, dass Hamlets Vater tot ist, ehe das Stück beginnt, so wäre durchaus nichts Merkwürdiges in seinem nächtlichen Spaziergang bei scharfen Ostwind auf den Mauern seines eigenen Schlosses. Nicht mehr, als bei jenem andern Herrn in mittleren Jahren, der sich nach Sonnenuntergang rasch zu einem Spaziergang auf einem luftigen Platze entschließt, z.B. auf den St. Pauls Kirchhof.

Scrooge ließ Marleys Namen nicht ausstreichen. Noch nach Jahren stand über der Tür des Speichers "Scrooge und Marley". Die Firma war unter dem Namen Scrooge und Marley bekannt. Leute die den Scrooge nicht kannten, nannten ihn zuweilen Scrooge und zuweilen Marley; aber er hörte auf beide Namen, denn es galt ihm beides gleich.

O, er war ein wahrer Blutsauger, dieser Scrooge! Ein gieriger, zusammenkratzender, festhaltender, geiziger alter Sünder: hart und scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken geschlagen hat, verschlossen und selbstgenügsam und ganz für sich, wie eine Auster. Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Gesichtszüge erstarren, seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht voll Runzeln, seinen Gang steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, uns sie klang aus seiner krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupte, auf seinen Augenbrauen, auf dem starken struppigen Barte. Er schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum: in den Hundstagen kühlte er sein Kontor wie mit Eis, zur Weihnachtszeit machte er es nicht um einen Grad molliger.

Äußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte ihn wärmen, keine Kälte frösteln machen. Kein Wind war schneidender als er, kein wirbelnder Schnee mehr auf seine Zwecke bedacht, kein klatschender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee und Hagel konnten sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: sie gaben oft im Überfluss, und das tat Scrooge nun und nimmer.

Niemals trat ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit freundlichen Blicken zu ihm zu sagen: Mein lieber Scrooge, wie geht`s, wann werden sie mich einmal besuchen? - Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit an, kein Kind fragte ihn, wie viel es an der Zeit sei, kein Mann und kein Weib hat ihn je in seinem Leben um den Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zupfte er seinen Herrn, dass er in ein Haus träte, und wedelte dann mit dem Schwanze, als wollte er sagen: Gar kein Auge, blinder Herr, ist besser als ein böses Auge.

Doch was bekümmerte all das den alten Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg durch die engen Pfade des Lebens zu wandern, jedem menschlichen Gefühl zu sagen: Bleibe mit fern; das war es, was Scrooge gefiel.

Einmal, es war von allen guten Tagen im Jahre der beste, der Christabend, saß der alte Scrooge in seinem Kantor. Draußen war es schneidend kalt und neblig, und er konnte hören, wie die Leute im Hofe, um sich zu erwärmen, prustend auf und nieder gingen, die Hände aneinander schlugen und mit den Füßen stampften. Es hatte eben erst drei Uhr geschlagen, doch war es schon stockfinster. Den ganzen Tag über war es nicht hell geworden und aus den Fenstern der benachbarten Kontors sah man auf der dicken braunen Luft Lichter, wie rote Flecken. Der Nebel drang durch jede Spalte und durch jedes Schlüsselloch und war draußen so dick, dass die gegenüberliegenden Häuser des sehr kleinen Hofes wie ihre eigenen Geister aussahen. Wenn man die trübe, dicke, alles verfinsternde Wolke heruntersinken sah, hätte man meinen können, die Natur wohne dicht nebenan und braue en gros.

Die Tür von Scrooges Kontor stand offen, damit er seinen Kommis beaufsichtigen könne, der in einem unheimlichen feuchten, kleinen Raume, einer Art Burgverlies, Briefe kopierte. Scrooge hatte nur ein sehr kleines Feuer, aber des Dieners Feuer war um so viel kleiner, dass es nur wie eine einzige Kohle aussah. Er konnte aber nicht nachlegen, denn Scrooge hatte den Kohlenkasten in seinem Zimmer, und jedes Mal, wenn der Kommis, mit der Kohlenschaufel in der Hand, hereinkam, meinte sein Herr, es würde wohl nötig sein, dass sie sich trennten. Worauf der Kommis seinen weißen Schal umband und versuchte, sich an dem Lichte zu wärmen, was aber immer fehlschlug, da er ein Mann von nicht zu starker Einbildungskraft war.

"Fröhliche Weihnachten, Onkel, Gott erhalte Sie!" rief da eine heitere Stimme. Es war die Stimme von Scrooges Neffen, der ihm so schnell auf den Hals kam, dass dieser Gruß die erste Ankündigung seiner Annäherung war.

"Pah", sagte Scrooge, "dummes Zeug!"

Der Neffe war vom schnellen Laufen so warm geworden, dass er über und über glühte; sein Gesicht war rot und hübsch, seine Augen glänzten und sein Atem rauchte.

"Weihnachten dummes Zeug, Onkel?" sagte Scrooges Neffe. "Das kann nicht ihr Ernst sein.

"Es ist mein Ernst", sagte Scrooge. "Fröhliche Weihnachten? Was für ein Recht hast du, fröhlich zu sein? Was für einen Grund, fröhlich zu sein? Du bist arm genug."

"Nun," antwortete der Neffe heiter, "was für ein Recht haben Sie, grämlich zu sein? Was für ein Grund, mürrisch zu sein? Sie sind reich genug."

Scrooge, der im Augenblick keine bessere Antwort darauf bereit hatte, sagte noch ein mal "Pah!" und brummte hinterher: "Dummes Zeug!"

"Seien Sie nicht böse, Onkel", sprach der Neffe.

"Was soll ich anders sein," antwortete der Onkel, "wenn ich in einer Welt voll solcher Narren lebe? Fröhliche Weihnachten! Der Henker hole die fröhlichen Weihnachten! Was ist Weihnachten für dich anders, als ein Tag, wo du Rechnungen bezahlen sollst, ohne Geld zu haben, ein Tag, wo du dich um ein Jahr älter und nicht um eine Stunde reicher findest, ein Tag, wo du deine Bücher abschließest und in jedem Posten durch ein volles Dutzend von Monaten ein Defizit siehst? Wenn es nach mit ginge," setzte Scrooge heftig hinzu, "so müsste jeder Narr, der mit seinem fröhliche Weihnachten herumläuft, mit seinen eigenen Pudding gekocht und mit einem Pfahl im Herzen begraben werden."

"Onkel!" machte der Neffe.

"Neffe," antwortete der Onkel erbost, "feiere du Weihnachten nach deiner Art und lass es mich nach meiner feiern." "Feiern!" wiederholte Scrooges Neffe; "aber Sie feiern es ja nicht."

"Lass mich ungeschoren", brummte Scrooge. "Mag es dir Nutzen bringen! Viel genutzt hat es dir schon."

"Es gibt viele Dinge, die mir hätten nutzen können und die ich nicht benutzt habe, das weiß ich," antwortete der Neffe, "und Weihnachten ist eins von ihnen. Aber ich weiß gewiss, dass ich Weihnachten, abgesehen von der Bescherung, die wir seinem heiligen Namen und Ursprung schuldig sind, immer als eine gute Zeit betrachtet habe, wenn es gekommen ist, als eine liebe Zeit, als die Zeit der Vergebung und Barmherzigkeit, als die einzige Zeit, die ich in dem ganzen langen Jahreskalender kenne, wo die Menscheneinträchtig ihre verschlossenen Herzen auftun und die andern Menschen ansehen, als wenn sie wirklich Reisegefährten nach dem Grabe wären und nicht eine ganz andere Art von Geschöpfen, die einen ganz andern Weg gehen. Und daher, Onkel, wenn es mir auch niemals ein Stück Gold oder Silber in die Tasche gebracht hat, daher glaube ich doch, es soll mir Gutes tun und es wird mir Gutes tun, und ich sage: Gott segne das Weihnachtsfest!"

Der Diener in dem Burgverliese draußen applaudierte unwillkürlich; aber im Augenblick darauf fühlte er auch die Unschicklichkeit seines Betragens, schürte die Kohlen und verlöschte dadurch die letzten kleinen Funken unwiederbringlich.

"Wenn Sie darin mich noch einen einzigen Laut hören lassen," sagte Scrooge, "so feiern Sie Ihre Weihnachten mit dem Verlust Ihrer Stelle. - Du bist ein ganz gewaltiger Redner", fügte er dann hinzu, sich zu seinem Neffen wendend. "Es wundert mich, dass du noch nicht ins Parlament gekommen bist!"

"Seien Sie nicht böse, Onkel. Essen Sie morgen mit uns." Scrooge sagte, dass er ihn erst verdammt sehen wollte; ja wahrhaftig, er sprach sich ganz deutlich aus.

"Aber warum?" rief Scrooges Neffe, "warum denn?"

"Warum hast du dich verheiratet?" fragte Scrooge.

"Weil ich mich verliebte."

"Weil er sich verliebte!" brummte Scrooge, als ob dies das einzig Ding in der Welt wäre, das noch lächerlicher als eine schöne Weihnacht sei. "Guten Abend!"

"Aber Onkel, Sie haben mich ja auch vorher nie besucht. Warum soll es da ein Grund sein, mich jetzt nicht zu besuchen?"

"Guten Abend!" sagte Scrooge.

"Ich brauche nichts von Ihnen, ich verlange nichts von Ihnen, warum können wir nicht gute Freunde sein?"

"Guten Abend!" sagte Scrooge.

"Ich bedaure wirklich von Herzen, Sie so hartnäckig zu finden. Wir haben nie einen Zank miteinander gehabt, an dem ich Schuld gewesen wäre. Aber ich habe den Versuch gemacht, Weihnachten zu Ehren, und ich will meine Weihnachtsstimmung bis zuletzt behalten. Fröhliche Weihnachten, Onkel!"

"Guten Abend!" sagte Scrooge.

"Und ein glücklich Neujahr!"

"Guten Abend!" sagte Scrooge.

Aber doch verließ der Neffe das Zimmer ohne ein böses Wort. An der Haustür blieb er dann stehen, um mit dem Glückwunsche des Tages den Kommis zu begrüßen, der trotz aller Kälte dennoch wärmer war als Scrooge, denn er gab den Gruß freundlich zurück.

"Das ist auch so ein Kerl!" brummte Scrooge, der es hörte. "Mein Kommis, mit fünfzehn Schilling die Woche und Frau und Kindern, spricht von fröhlichen Weihnachten. Ich gehe nach Bedlam."

Der Kommis hatte, indem er den Neffen hinausließ, zwei andere Personen eingelassen. Es waren zwei behäbige, wohlansehnliche Herren, die jetzt, mit dem Hute in der Hand, in Scrooges Kontor standen. Sie hatten Bücher und Papiere unterm Arm und verbeugten sich.

"Scrooge und Marley, glaube ich", sagte einer der Herren, indem er auf eine Liste sah. "Hab ich die Ehre, mit Mr. Scrooge oder mit Mr. Marley zu sprechen?"

"Mr. Marley ist seit sieben Jahren tot", antwortete Scrooge. "Er starb heute vor sieben Jahren."

"Wir zweifeln nicht, dass sein überlebender Kompagnon ganz seine Freigebigkeit besitzen wird", sagte der Herr, indem er sein Beglaubigungsschreiben hinreichte.

Er hatte auch ganz recht, denn es waren zwei verwandte Seelen gewesen. Bei dem ominösen Wort Freigebigkeit runzelte Scrooge die Stirn, schüttelte den Kopf und gab das Papier zurück.

"An diesem festlichen Tage des Jahres, Mr. Scrooge," sagte der Herr, eine Feder ergreifend, "ist es mehr als sonst wünschenswert, wenigstens einigermaßen für die Armut zu sorgen, die zu dieser Zeit in großer Bedrängnis lebt. Vielen Tausenden fehlen selbst die notwendigen Bedürfnisse, Hunderttausenden die notdürftigsten Bequemlichkeiten des Lebens."

"Gibt es keine Gefängnisse?" fragte Scrooge.

"Überfluss an Gefängnissen", sagte der Herr, die Feder wieder hinlegend.

"Und die Union-Armenhäuser?" fragte Scrooge. "Bestehen die noch?"

"Allerdings," antwortete der Herr, "aber doch wünschte ich, sie brauchten weniger in Anspruch genommen zu werden." "Tretmühle und Armengesetz sind in voller Kraft"? sagte Scrooge.

"Beide haben alle Hände voll zu tun."

"So? Nach dem, was Sie zuerst sagten, fürchtete ich, es halte sie etwas in ihrem nützlichen Gange auf", sagte Scrooge. "Ich freue mich, das Gegenteil zuhören."

"In der Überzeugung, dass sie doch wohl kaum imstande sind, der Seele oder dem Leibe der Armen christliche Stärkung zu geben," entgegnete der Herr, "sind einige von uns zur Veranstaltung einer Sammlung zusammengetreten, um für die Armen Nahrungsmittel und Feuerung anzuschaffen. Und wir wählen diese Zeit, weil sie vor allen andern eine Zeit ist, wo der Mangel am bittersten gefühlt wird und nur der Reiche sich freut. Welche Summe soll ich für Sie aufschreiben?"

"Nichts", antwortete Scrooge.

"Sie wünschen ungenannt zu bleiben?"

"Ich wünsche, dass man mich in Ruhe lasse", sagte Scrooge. "Da Sie mich fragen, meine Herren, was ich wünsche, so ist eben dies meine Antwort. Ich freue mich selbst nicht zu Weihnachten und habe nicht die Mittel, mit meinem Gelde Faulenzern Freude zu machen. Ich trage meinen Teil zu den Anstalten bei, die ich genannt habe; sie kosten genug, und wem es schlecht geht, der mag dorthin gehen!"

"Viele können nicht hingehen, und viele würden eher sterben."

"Wenn sie eher sterben würden," sagte Scrooge, "so wäre es gut, wenn sie es täten und die überflüssige Bevölkerung dadurch verminderten. Übrigens, Sie werden es entschuldigen, ich weiß nichts davon."

"Aber Sie könnten es wissen", bemerkte der Herr.

"Es kümmert mich nichts", antwortete Scrooge. "Es genügt wenn ein Mann sein Geschäft versteht und sich nicht in das anderer Leute mischt. Das meinige nimmt meine ganze Zeit in Anspruch. Guten Abend meine Herren!"

Da sie deutlich einsahen, wie vergeblich weitere Versuche sein würden, zogen sich die Herren zurück. Scrooge setzte sich wieder an die Arbeit mit einer erhöhten Meinung von sich selbst und in einer besseren Laune, als gewöhnlich.

Nebel und Finsternis hatten inzwischen so zugenommen, dass die Leute mit brennenden Fackeln herumliefen, um den Wagen vorzuleuchten. Der alte Kirchturm, dessen brummende alte Glocke unverwandt aus einem alten gotischen Fenster in der Mauer auf Scrooge gar schlau herabsah, wurde unsichtbar in den Wolken und schlug die Stunde und Viertel mit einem zitternden Nachklang, als wenn in dem erfrorenen Kopfe droben die Zähne klapperten. Die Kälte wurde immer schneidender. In der Hauptsraße an der Ecke der Sackgasse wurden die Wasserröhren ausgebessert, und die Arbeiter hatten ein großes Feuer in einer Kohlenpfanne angezündet, um die sich einige zerlumpte Männer und Knaben drängten, sich vor den behagliche Flammen die Hände wärmend und mit den Augen winkend. Die eiserne Röhre, sich selbst überlassen, strömte ungehindert ihr Wasser aus; aber bald war es zu Eis erstarrt. Der Schimmer der Läden, in denen Stechpalmenzweige und Beeren in der Lampenwärme der Fenster knisterten, rötete die bleichen Gesichter der Vorübergehenden. Die Gewölbe der Geflügel- und Materialwarenhändler sahen aus wie ein glänzendes, fröhliches Märchen, mit dem es fast unmöglich schien, den Gedanken von einer so ernsten Sache, wie Kauf und Verkauf, zu verbinden. Der Lord- Mayor gab in den innern Gemächern des Mansion- House seinen fünfzig Köchen und Kellermeistern Befehl, Weihnachten zu feiern, wie es eines Lord- Mayors würdig ist, und selbst der kleine Schneider, den er am Montage vorher wegen Trunkenheit und öffentlich ausgesprochenen Blutdurstes um fünf Schilling gestraft hatte, rührte den Pudding für morgen in seinem Dachkämmerchen um, während sein abgemagertes Weib mit dem Säugling auf dem arm ausging, um das Roastbeef zu kaufen.

Immer nebliger und kälter wurde es, durchdringend, schneidend kalt. Wenn der gute, heilige Dunstan die Nase des Gott- sei- bei- uns nur mit einem Hauch von diesem Wetter gefasst hätte, anstatt seine gewöhnlichen Waffen zu gebrauchen, dann würde er erst brav gebrüllt haben. Der Inhaber einer kleinen, jungen Nase, benagt und angebissen von der hungrigen Kälte, wie Knochen von Hunden benagt werden, legte sich an Scrooges Schlüsselloch um ihn mit einem Weihnachtsliede zu erfreuen. Aber bei dem ersten tone des Liedes ergriff Scrooge das Lineal mit einer solchen Heftigkeit, dass der Sänger voll Schrecken entfloh und das Schlüsselloch dem Nebel und der noch verwandteren Kälte überließ.

Endlich kam die Feierabendstunde. Unwillig stieg Scrooge von seinem Sessel und gab dadurch dem harrenden Kommis in dem Verlies stillschweigend die Einwilligung zum Aufbruch, worauf dieser sogleich das Licht auslöschte und den Hut aufsetzte.

"Sie wollen morgen den ganzen Tag frei haben, vermute ich," sagte Scrooge.

"Wenn es Ihnen recht ist, Sir."

"Es ist mir durchaus nicht recht," sagte Scrooge, "und es gehört sich auch nicht. Wenn ich Ihnen eine halbe Krone dafür abzöge, würden Sie denken, es geschähe Ihnen Unrecht, nicht wahr?"

Der Kommis antwortete mit einem gezwungenen Lächeln. "Und doch", sagte Scrooge, "denken Sie nicht daran, dass mir Unrecht geschieht, wenn ich einen Tag Lohn bezahle für einen Tag Faulenzen."

Der Kommis bemerkte, dass es ja nur einmal im Jahre geschähe.

"Eine armselige Entschuldigung, um an jedem fünfundzwanzigsten Dezember eines Mannes Tasche zu bestehlen", murrte Scrooge, indem er seinen Überrock bis an das Kinn zuknöpfte. "Aber ich vermute, Sie wollen den ganzen Tag frei haben? Sie werden den ganzen Vormittag hier sein!"

Der Kommis versprach, dass er kommen wolle, und Scrooge ging mit einem Brummen fort. Das Kontor war in einem Nu geschlossen, und der Kommis, mit den langen Enden seines weißen Schals über die Brust herabhängend( denn er konnte sich keines Überrocks rühmen), fuhr zu Ehren des Festes als der Letzte einer Reihe von Knaben zwanzigmal auf einem Handschlitten Cornhill hinunter und lief dann so schnell als möglich in seine Wohnung in Camden-Town, um dort Blindekuh zu spielen.

Scrooge nahm sein einsames, trübseliges Mahl in seinem gewöhnlichen, einsamen, trübseligen Gasthause ein, und nachdem er alle Zeitungen gelesen und sich den Rest des Abends mit seinem Bankjournal vertrieben hatte, ging er nach Hause zurück, um zu schlafen.

Er wohnt in den Zimmern, die seinem verstorbenen Kompagnon gehört hatten. Es war eine düstere Flucht von Zimmern in einem niedrigen, finstern Gebäude, das in seinem Hofe so ganz und gar nicht an seinem Platze stand, dass man fast hätte glauben mögen, es habe sich, als es noch ein junges Haus war und mit anderen Häusern Versteck spielte, dorthin verlaufen und sich nicht wieder herausfinden können. Jetzt war es alt und öde genug, weil niemand dort wohnte, als Scrooge, und alle andern Örtlichkeiten als Geschäftsräume vermietet waren. Der Hof war so dunkel, dass selbst Scrooge, der dort jeden Pflasterstein kannte, seinen Weg mit den Händen fühlen musste. Der Nebel und der Frost ballten sich so dick und schwer um den schwarzen alten Torweg des Hauses, als hockte der Gott des Wetters in trauerndem Nachsinnen auf der Schwelle.

Nun steht es fest, dass an dem Klopfer der Haustür ganz und gar nichts Besonderes war, als seine Größe. Auch steht es fest, dass ihn Scrooge jeden Abend und jeden Morgen, seitdem er das Haus bewohnte, gesehen hatte, - und dass Scrooge so wenig Phantasie besaß, als irgend jemand in der City von London, mit Einschluss des Stadtrats - wenn das zu sagen erlaubt ist - der Aldermen und der Zünfte. Man vergesse auch nicht, dass Scrooge, außer heute Nachmittag, mit keinem Wörtchen an seinen seit sieben Jahren verstorbenen Kompagnon ge4dacht hatte. Und kann mir nun jemand erklären, warum Scrooge, als er seinen Schlüssel in das Türschloss steckte, in dem Klopfer, ohne das er sich verändert hätte, keinen Türklopfer, sondern Marleys Gesicht sah?

Ja, Marleys Gesicht. Es war nicht von so undurchdringlichem Dunkel umgeben, wie die andern Gegenstände im Hofe, sondern von einem unheimlichen Lichte, wie ein verdorbener Hummer in einem dunkeln Keller. Es blickte ihm nicht wild entgegen, oder zürnend, sondern sah Scrooge an, wie ihn Marley gewöhnlich ansah, mit der gespenstigen Brille auf die gespenstige Stirn hinaufgeschoben. Das Haar stand ihm seltsamlich zu Berge, wie von Wind oder heftiger Luft gesträubt, und obgleich die Augen weit offen standen, waren sie doch ohne jede Bewegung. Dies und die leichenhafte Farbe machten das Gesicht schrecklich: aber seine Schrecklichkeit schien mehr etwas dem Gesicht Aufgedrungenes zu sein, als ein Teil seines Ausdruckes.

Als Scrooge fest auf die Erscheinung blickte, da war es wieder ein Türklopfer!

Es wäre eine Unwahrheit zu sagen, dass er nicht erschrocken wäre, oder sein Blut nicht ein grausendes Gefühl empfunden hätte, das ihm seit seiner Kindheit unbekannt geblieben war. Aber gewaltsam fasste er sich, fasste mit der Hand abermals nach dem Schlüssel, drehte ihn um, trat in das Haus und zündete sein Licht an.

Und doch zögerte er einen Augenblick, bevor er die Tür schloss, und spähte erst vorsichtig dahinter, als fürchte er wirklich, mit dem Anblick von Marleys Kopf erschreckt zu werden. Aber hinter der Tür war nichts, als die Schrauben, die den Klopfer festhielten, und so sagte er: "Bah, bah", und warf sie hinter sich ins` Schloss.

Der Schall klang wie ein Donner durch das Haus. Jedes Zimmer oben und jedes Fass in des Weinhändlers Keller unten schien mit seinem besonderen Echo zu antworten. Scrooge war nicht der Mann, der sich durch Echos erschrecken ließ. Er schloss die Tür zu, ging über den Hausflur und die Treppe hinauf, und zwar langsam, langsam und beim Hinaufgehen das Licht heller machend.

Die Treppe war breit genug, um eine Bahre der Quere hinaufzubringen, und das ist vielleicht die Ursache, warum Scrooge glaubte, er sähe eine Bahre vor sich hinaufgetragen. Ein halbes Duzend Gaslampen von der Straße aus würden den Eingang nicht zu hell gemacht haben, und so kann man sich denken, dass es bei Scrooge kleinem Lichte auch ziemlich dunkel blieb.

Scrooge aber ging hinauf und kümmerte sich keinen Pfifferling um all das. Dunkelheit ist billig, und das billige liebte Scrooge. Aber ehe er seine schwere Tür zumachte, ging er durch die Zimmer, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Er erinnerte sich des Gesichtes noch gerade genug, um das zu wünschen. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Rumpelkammer, alles war,

wie es sein sollte. Niemand unter dem Tische, niemand unter dem Sofa; ein kleines Feuer auf dem Roste, Löffel und Teller bereit und das kleine Töpfchen Suppe (Scrooge hatte den Schnupfen) an dem Feuer. Niemand unter dem Bett, niemand in dem Alkoven, niemand in seinem Schlafrock, der auf eine ganz verdächtige Weise an der Wand hing. Die Rumpelkammer wie gewöhnlich. Ein alter Kaminschirm, alte Schuhe, zwei Fischkörbe, ein dreibeiniger Waschtisch und ein Schüreisen. Vollkommen zufriedengestellt, machte er die Tür zu, schloss sich ein und schob noch den Riegel vor, was sonst seine Gewohnheit nicht war. So gegen Überraschungen sichergestellt, legte er seine Halsbinde ab, zog seinen Schlafrock an und die Pantoffeln, setzte die Nachtmütze auf und nahm dann vor dem Feuer Platz, um seine Suppe zu essen.

Es war wirklich ein sehr kleines Feuer in einer so kalten Nacht, so gut wie gar keins. Er musste sich dicht daran setzen und sich darüber hinbeugen, um das geringste Wärmegefühl von einer solchen Handvoll Kohlen zu genießen. Der Kamin war vor langen Jahren von einem holländischen Kaufmann gebaut worden und ringsum mit seltsamen holländischen Fliesen mit Bildern aus der biblischen Geschichte belegt. Da sah man Kain und Abel, Pharaos Töchter, die Königin von Saba, Engel durch die Luft auf Wolken gleich Federbetten herabschwebend, Abraham, Belsazar, Apostel in See gehend auf Butterschiffen, Hunderte von Figuren, seine Gedanken zu beschäftigen, und doch kam das Gesicht Marleys wie der Stab des alten Propheten und verschlang alles andere. Wenn jede glänzende Fliese weiß gewesen wäre und die Macht gehabt hätte, aus den vereinzelten Fragmenten seiner Gedanken ein Bild auf seine Fläche zu zaubern, auf jedes wäre ein Abbild von des alten Marley Gesicht erschienen.

"Dummes Zeug!" brummte Scrooge und schritt durch das Zimmer.

Nachdem er einige Male auf und ab gegangen war, setzte er sich wieder. Wie er den Kopf in den Stuhl zurücklegte, fiel sein Auge wie durch Zufall auf eine Klingel, eine alte, nicht mehr gebrauchte Klingel, die zu einem jetzt vergessenen Zwecke mit einem Zimmer im obersten Stockwerk des Hauses in Verbindung stand. Zu seinem großen Erstaunen und mit einem seltsamen, unerklärlichen Schauer sah er, wie die Klingel sich zu bewegen anfing: erst bewegte sie sich so wenig, dass sie kaum einen Ton von sich gab, aber bald schellte sie laut und mit ihr jede andere Klingel des Hauses.

Das mochte eine halbe Minute gedauert haben, oder eine ganze, aber es schien eine Stunde zu sein. Die Klingeln hörten gleichzeitig auf, wie sie gleichzeitig angefangen hatten. Dann vernahm man ein Klingeln tief unten, als ob jemand über die Fässer in des Weinhändlers Keller eine schwere Kette schleppte. Jetzt erinnerte sich Scrooge gehört zu haben, das Gespenster Ketten schleppen sollten.

Die Kellertür flog mit einem dumpfdröhnenden Schall auf, und dann hörte er das Klirren viel lauter auf dem Hausflur unten, dann wie es die Treppe heraufkam und dann wie es gerade auf seine Tür zuging.

"Es ist ja dummes Zeug", sagte Scrooge. "Ich glaube nicht dran."

Aber er veränderte doch die Farbe, als es nun ohne zu verweilen, durch die schwere Tür und in das Zimmer kam. Als es hereintrat, flammte das sterbende Feuer auf, als rief es: "Ich kenne ihn, Marleys Geist!" und die Glut sank wieder zusammen. Dasselbe Gesicht, ganz dasselbe. Marley mit seinem Zopfe, seiner gewöhnlichen Weste, den engen Hosen und den hohen Stiefeln, deren Öhre in die Höhe standen, wie ein Zopf, und ebenso seine Rockschöße und das Haar auf seinem Kopfe. Die Kette, die er hinter sich herschleppte, war um seinen Leib geschlungen. Sie war lang, ringelte sich wie ein Schwanz und war, denn Scrooge betrachtete sie sehr genau, aus Geldkassen, Schlüsseln, Schlössern, Hauptbüchern, Kontrakten und schweren Börsen von Stahl zusammengesetzt. Sein Leib war so durchsichtig, dass Scrooge durch die Weste hindurch die zwei Knöpfe hinten auf seinem Rocke sehen konnte.

Scrooge hatte oft sagen gehört, Marley habe kein Herz, aber erst jetzt glaubte er es.

Nein, er glaubte es selbst jetzt noch nicht. Obgleich er das Gespenst durch und durch und vor sich stehen sah, obgleich er den erklärenden Schauer seiner toten starren Augen fühlte und er früher nicht bemerkt hatte, war er dennoch ungläubig und sträubte sich gegen das Zeugnis seiner Sinne.

"Nun," sagte Scrooge, kaustisch und kalt wie gewöhnlich, "was wollt Ihr?"

"Viel!" Das war Marleys Stimme.

"Wer seid Ihr?"

"Fragt mich, wer ich war."

"Nun, wer ward Ihr?" sagte Scrooge lauter.

"Als ich lebte war ich Euer Kompagnon, Jakob Marley."

"Könnt Ihr Euch setzen?" fragte Scrooge, ihn zweifelnd ansehend.

"Ich kann es."

"So tut`s."

Scrooge fragte nur, weil er nicht wusste, ob sich ein so durchsichtiger Geist werde setzen können, und er fühlte die Notwendigkeit einer unangenehmen Erklärung, wenn es ihm nicht möglich wäre. Aber der Geist setzte sich auf der andere Seite des Kamins nieder, als wenn er es so gewohnt wäre.

"Ihr glaubt nicht an mich?" sagte der Geist.

"Nein", sagte Scrooge.

"Welches Zeugnis, außer dem Eurer Sinne, wollt Ihr von meiner Wirklichkeit haben?"

"Ich weiß nicht", sprach Scrooge.

"Warum glaubt Ihr Euren Sinnen nicht?"

"Weil sie eine Kleinigkeit stört", entgegnete Scrooge. "Eine kleine Unpässlichkeit des Magens macht sie zu Lügnern. Ihr könnt ein unverdautes Stück Rindfleisch, ein Käserindchen, ein Stück schlechter Kartoffeln sein. Wer Ihr auch sein möget, Ihr habt mehr vom Unterleib, als von der Unterwelt an Euch."

Es war nicht eben Scrooges Gewohnheit, Witze zu machen, auch fühlte er eben jetzt keine besondere Lust dazu. Die Wahrheit ist, dass er sich bestrebte lustig zu sein, um sich zu erleichtern und sein Entsetzen niederzuhalten; denn die Stimme des Geistes machte selbst das Mark seiner Knochen erzittern.

Diesen starren, toten Augen nur einen Augenblick schweigend gegenüberzusitzen, wäre halber Tod gewesen, das fühlte Scrooge wohl. Auch dass das Gespenst seine eigene höllische Atmosphäre hatte, war so grauenerregend. Scrooge fühlte sie nicht selbst, aber doch musste es so sein; denn obgleich das Gespenst ganz reglos dasaß, bewegte sich sein Haar, seine Rockschöße und seine Stiefelöhre wie von dem heißen Dunst eines Ofens. "Ihr seht diesen Zahnstocher", sprach Scrooge, seinen Angriff aus dem eben angeführtem Grunde sogleich aufs neue beginnend und von dem Wunsche beseelt, den starren, eisigen Blick des Gespenstes, wenn auch nur für einen Augenblick, von sich abzulenken.

"Ja", antwortete der Geist.

"Ihr seht ihn ja nicht an", sagte Scrooge.

"Aber ich sehe ihn trotzdem", sprach das Gespenst.

"Gut denn", antwortete Scrooge. "Ich brauch ihn nur hinunterzuschlucken und mein ganzes übriges Leben hindurch verfolgen mich eine Legion Kobolde, die ich selbst erschaffen habe. Dummes Zeug, sag ich, dummes Zeug!"

Bei diesen Worten stieß das Gespenst einen markerschütternden Schrei aus und ließ seine Ketten so grauenerregend und fürchterlich klirren, dass sich Scrooge fest an seinen Stuhl halten musste, um nicht vor Ohnmacht herunterzufallen. Aber wie wuchs sein Entsetzen, als das Gespenst das Tuch von dem Kopfe nahm, als wäre es ihm zu warm in Zimmer, so dass der Unterkiefer auf die Brust herabsank.

Scrooge fiel auf die Knie nieder und schlug die Hände vors Gesicht.

"Gnade!" rief er. "Schreckliche Erscheinung, warum verfolgst du mich?"

"Mensch, mit der irdisch- gesinnten Seele, " entgegnete der Geist, "glaubst du an mich, oder nicht?"

"Ich glaube," sagte Scrooge, "ich muss glauben. Aber warum wandeln Geister auf Erden, und warum kommen sie zu mir?"

"Von jedem Menschen wird verlangt, dass seine Seele unter seinen Mitmenschen wandle, in der Ferne und in der Nähe," antwortete der Geist, "und wenn diese Seele nicht während des Lebens hinausgeht, so ist sie verdammt, es nach dem Tode zu tun. Man ist verdammt, durch die Welt zu wandern - ach, wehe mir! - und zu sehen, was man nicht teilen kann, was man aber auf Erden hätte teilen können und zu seinem Glücke anwenden sollen."

Und wieder stieß das Gespenst einen Schrei aus und schüttelte seine Ketten und rang die schattenhaften Hände. "Du bist gefesselt", sagte Scrooge zitternd. "Sage mir warum?"

"Ich trage die Kette, die ich während meines Lebens geschmiedet habe", sprach der Geist. "Ich schmiedete sie Glied für Glied und Elle für Elle; mit meinem eigenen freien Willen lud ich sie mir auf, und mit meinem eigenen freien Willen trug ich sie. Ihre Glieder kommen dir seltsam vor?"

Scrooge zitterte mehr und mehr.

"Oder willst du wissen," fuhr der Geist fort, "wie schwer und wie lang die Kette ist, die du selber trägst? Sie war gerade so lang und so schwer, wie diese hier, vor sieben Weihnachten. Seitdem hast du daran gearbeitet! Es ist eine schwere Kette." Scrooge sah auf den Boden herab, in der Erwartung, sich von fünfzig oder sechzig Klaftern Eisenketten umschlungen zu sehen; aber er sah nichts.

"Jakob", sagte er flehend. "Jakob Marley, sage mir mehr. Sprich mir Trost ein, Jakob."

"Ich habe keinen Trost zu geben", antwortete der Geist. "Er kommt von anderen Regionen, Ebenezer Scrooge, und wird von anderen Boten zu anderen Menschen gebracht. Auch kann ich dir nicht sagen, was ich dir sagen möchte. Ein klein wenig mehr ist alles, was mir erlaubt ist. Nirgends kann ich rasten oder ruhen. Mein Geist ging nie über unser Kontor hinaus - merke wohl auf - im Leben blieb mein Geist immer in den engen Grenzen unsrer schachernden Höhle; und weite Reisen liegen noch vor mir."

Scrooge hatte die Gewohnheit, wenn er nachdenklich wurde, die Hand in die Hosentasche zu stecken. Über das nachsinnend, was der Geist sagte, tat er es auch jetzt, aber ohne die augen zu erheben oder vom Stuhl aufzustehn.

"Du musst dir aber viel Zeit genommen haben, Jakob", bemerkte er mit dem Tone eines Geschäftsmannes, obgleich mit vieler Demut und Ehrerbietung.

"Viel Zeit!" sagte der Geist.

"Sieben Jahre tot", sagte sinnend Scrooge. "Und die ganze Zeit über gereist."

"Die ganz Zeit", sagte der Geist. "Ohne Frieden, ohne Ruhe und mit den Qualen ewiger Reue."

"Du reist schnell", sagte Scrooge.

"Auf den Schwingen des Windes", sagte der Geist.

"Du hättest eine große Strecke in sieben Jahren bereisen können", sagte Scrooge.

Als der Geist dies hörte, stieß er wieder einen Schrei aus und klirrte so grässlich mit seiner Kette durch das Grabesschweigen der Nacht, dass ihn die Polizei mit vollem Rechte wegen Ruhestörung hätte bestrafen können.

"O, gefangen und gefesselt," rief das Gespenst, "nicht zu wissen, dass Zeitalter von unaufhörlicher Arbeit sterblicher Geschöpfe vergehen, ehe sich das Gute, dessen die Erde fähig ist, entwickeln kann. Nicht zu wissen, dass ein christlicher Geist in diesem Erdenleben sich selbst belohnende Arbeit genug finden kann, und wenn er auch in einem noch so kleinen Kreise von Liebe wirkt. Aber ich wusste es nicht, ach, ich wusste es nicht!" "Aber du warst immer ein guter Geschäftsmann, Jakob", stotterte Scrooge zitternd, der jetzt anfing, das Schicksal des Geistes auf sich selbst anzuwenden.

"Geschäft!" rief das Gespenst, seine Hände abermals ringend. "Der Mensch war mein Geschäft! Das allgemeine Wohlsein war mein Geschäft! Barmherzigkeit, Versöhnlichkeit und Liebe, alles das war mein Geschäft! Alles, was ich in meinem Gewerbe tat, war nur ein kleiner Tropfen Wasser in dem weiten Ozean meines Geschäftes!"

Er hielt seine Kette vor sich hin, als ob dies die Ursache seines nutzlosen Schmerzes gewesen wäre, und warf sie abermals dumpfdröhnend nieder.

"Zu dieser Zeit des schwindenden Jahres", sagte das Gespenst, "leide ich am meisten. Warum ging ich mit zur Erde gehefteten Augen durch das Gedränge meiner Mitmenschen und wendete meinen Blick nie zu dem gesegneten Stern empor, der die Weisen zur Wohnung der Armut führte? Gab es keine arme Hütte, wohin mich sein Licht hätte leiten können?" Scrooge hörte mit Entsetzen das Gespenst so reden und fing an gewaltig zu zittern.

"Höre mich", mahnte der Geist. "Meine Zeit ist bald vorüber."

"Ich will hören", hauchte Scrooge. "Aber mache es gnädig mit mir! Werde nicht hitzig, Jakob, ich bitte dich."

"Wie es kommt, dass ich in einer dir sichtbaren Gestalt vor dich treten kann, dass weiß ich nicht. Viele, viele Tage habe ich unsichtbar neben dir gesessen."

Das war kein angenehmer Gedanke. Scrooge schauderte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

"Es ist kein leichter Teil meiner Buße", fuhr der Geist fort. "Heute Nacht komme ich zu dir, um dich zu warnen, da noch für dich die Möglichkeit vorhanden ist, meinem Schicksal zu entgehen. Eine Möglichkeit und eine Hoffnung, die du mir zu verdanken hast."

"Du bist immer mein guter Freund gewesen", murmelte Scrooge. "Ich danke dir."

"Drei Geister", fuhr das Gespenst fort, "werden zu dir kommen." Bei diesen Worten wurde Scrooges Angesicht noch trauriger, als das des Gespenstes.

"Ist das die Möglichkeit und die Hoffnung, die du genannt hast, Jakob?" fragte er mit bebender Stimme.

"Ja."

"Ich - ich sollte meinen, das wäre eben keine Hoffnung", sagte Scrooge.

"Ohne ihr Kommen", sagte der Geist, "kannst du nicht hoffen, den Pfad zu vermeiden, den ich verfolgen muss. Erwarte den ersten morgen früh, wenn die Glocke eins schlägt."

"Könnte ich sie nicht alle auf einen Schluck nehmen?" meinte Scrooge.

"Erwarte den zweiten in der nächsten Nacht um dieselbe Stunde. Den dritten in der nächsten Nacht, wenn der letzte Schlag zwölf ausgeklungen hat. Schau mich an, denn du siehst mich nicht mehr; und schau mich an, dass du dich um deinetwillen an das erinnerst, was zwischen uns vorgefallen ist."

Als es diese Worte gesprochen hatte, nahm das Gespenst das Tuche vom Tische und band es sich wieder um den Kopf. Scrooge erfuhr das durch das Knirschen der Zähne, als die Kinnladen zusammenklappten. Er wagte es, die Augen zu erheben und sah seinen übernatürlichen Besuch vor sich stehen, die Augen noch starr auf ihn geheftet und die Kette um Leib und Arme gewunden.

Die Erscheinung entfernte sich rückwärtsgehend, und bei jedem Schritt öffnete sich das Fenster ein wenig, so dass es weit offen stand, als das Gespenst es erreicht hatte. Es winkte Scrooge, näher zu kommen, und er tat es. Als sie noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, hob Marleys Geist die Hand in die Höhe, ihm gebietend, nicht näher zu kommen. Scrooge stand still. Mehr aus Überraschung und Furcht, als aus Gehorsam, denn wie sich die gespenstige Hand erhob, hörte er die Luft verwirrte klänge durchschwirren und unzusammenhängende Töne der Klage und des Leides, unsäglich schmerzensvoll und reuig. Das Gespenst horchte ihnen eine Weile zu und stimmte dann in das Klagelied ein; dann schwebte es in die dunkle, kalte Nacht hinaus.

Scrooge trat an das Fenster, von der Neugier bis zur Verzweiflung getrieben. Er sah hinaus.

Die Luft war mit Schatten angefüllt, die in ruheloser Hast klagend hin und her schwebten. Jeder trug eine Kette wie Marleys Geist; einige wenige waren zusammengeschmiedet (wahrscheinlich schlechte Minister), keines war ganz fessellos. Viele waren Scrooge während ihres Lebens bekannt gewesen. Ganz genau hatte er einen alten Geist in einer weißen Weste gekannt, der einen ungeheuren eisernen Geldkasten hinter sich herschleppte und jämmerlich schrie, einem armen, alten Weibe mit einem Kinde nicht beistehen zu können, das unten auf einer Türschwelle saß. Man sah es deutlich, ihre Pein war, sich umsonst bestreben zu müssen, den Menschen Gutes zu tun und die Macht dazu auf immer verloren zu haben.

Ob diese Wesen in dem Nebel zergingen oder ob sie der Nebel einhüllte, wusste er nicht zu sagen. Aber sie und ihre Gespensterstimmen vergingen zur gleicher Zeit und die Nacht wurde wieder so, wie sie bei seinem Nachhausegehen gewesen war. Scrooge schloss das Fenster und untersucht die tür, durch die das Gespenst eingetreten war. Sie war noch verschlossen und veriegelt, wie vorher. Er versuchte zu sagen: Dummes Zeug, blieb aber bei der ersten Silbe stecken, und da er von der inneren Bewegung, oder von den Anstrengungen des Tages, oder von seinem Einblick in die unsichtbare Welt, oder von der Unterhaltung mit dem Gespenst, oder der späten Stunde sehr erschöpft war, so ging er sogleich ins Bett, ohne sich auszuziehen, und sank schnell in Schlaf.

 

Zweites Kapitel.
Der erste der drei Geister.

Als Scrooge wieder erwachte, war es so finster, dass er das durchsichtige Fenster kaum von den Wänden seines Zimmers unterscheiden konnte. Er bemühte sich, die Finsternis mit seinen Katzenaugen zu durchdringen, als die Glocke eines Turmes in der Nachbarschaft viertelte. Er lauschte, um die Stunde schlagen zu hören.

Zu seinem großen Erstaunen schlug aber die Glocke fort, von sechs zu sieben, von sieben zu acht und so weiter bis zwölf; dann schwieg sie.

Zwölf! Es war zwei vorüber gewesen, als er sich zu Bett gelegt hatte. Das Uhrwerk musste falsch gehen. Ein Eiszapfen musste zwischen die Räder gekommen sein. Zwölf!

Er drückte an die Feder seiner Repetieruhr, um die verrückte Glocke zu kontrollieren. Ihr kleiner lebhafter Puls schlug zwölf und schwieg.

"Was! es ist doch nicht möglich," sagte Scrooge, "ich sollte den ganzen Tag und tief in die andere Nacht hinein geschlafen haben? Es ist doch nicht möglich, dass der Sonne etwas passiert wäre, und dass es mittags um zwölf ist?"

Mir diesen unruhigen Gedanken beschäftigt stieg er aus dem Bett und tappte nach dem Fenster. Er musste das Eis erst wegkratzen und das Fenster mit dem Ärmel seines Schlafrockes abwischen, ehe er etwas sehen konnte, und auch nachher konnte er nur sehr wenig sehen. Alles, was er gewahren konnte, war, dass es noch sehr neblig und sehr kalt war, und dass man nicht den Lärm hin und her eilender Leute hörte, wenn Nacht den hellen Tag ganz und gar vertrieben und von der Welt genommen hätte. Das war ein großer Trost, weil "drei Tage nach Sicht bezahlen Sie diesen Primawechsel an Mr. Ebenezer Scrooge oder dessen Order usw." eine bloße Vereinigte-Staaten- Sicherheit gewesen wäre, wenn es keine Tage mehr gab, um danach zu zählen.

Scrooge legte sich wieder ins Bett und dachte darüber hin und her, konnte aber zu keinem Schlusse kommen. Je mehr er nachdachte, desto verwirrter wurde er, und je mehr er sich bestrebte, nicht nachzudenken, desto mehr dachte er nach. Marleys Geist machte ihm viel zu schaffen. Immer, immer, wenn er nach reiflicher Überlegung zu dem festen Entschluss gekommen war, das Ganze nur für einen Traum zu halten, flog sein Geist wie eine starke vom Druck befreite Feder wieder in die alte Lage zurück und legte ihm erneut dieselbe Frage vor, die er schon zehnmal überlegt hatte: War es ein Traum oder nicht?

Scrooge blieb in diesem Zustand liegen, bis es wieder drei Viertel schlug. Da besann er sich plötzlich, dass der Geist ihm eine Erscheinung mit dem Schlage eins versprochen hatte. So beschloss er wach zu bleiben, bis die Stunde vorüber sei, und wenn man bedenkt, dass er ebenso wenig schlafen, als in den Himmel kommen konnte, war dies gewiss der klügste Entschluss, den er fassen konnte.

Die Viertelstunde war so lang, dass es ihm mehr als einmal vorkam, er müsste unversehens in Schlaf gefallen sein und die Uhr überhört haben. Endlich vernahm sein lauschendes Ohr die Glocke.

"Bim, baum!"

"Ein Viertel", sagte Scrooge zählend.

"Bim, baum!"

"Halb", sagte Scrooge.

"Bim, baum!"

"Drei Viertel", sagte Scrooge.

"Bim, baum!"

"Voll!" rief Scrooge freudig, "und weiter nichts!"

Er sprach das, ehe die Stundenglocke schlug, was sie jetzt mit einem tiefen, hohlen, melancholischen Eins tat. In demselben Augenblicke wurde es hell in dem Zimmer, und die Vorhänge seines Bettes wurden geöffnet.

Ich sag` es euch, die Vorhänge seines Bettes wurden von einer Hand weggezogen, und sich aufrichtend, blickte Scrooge dem unirdischen Gast in das Gesicht, der sie geöffnet hatte. So dicht stand er ihm gegenüber, wie ich jetzt im Geiste bei euch stehe.

Es war eine sonderbare Gestalt, gleich einem Kinde, aber doch eigentlich nicht gleich einem Kinde, sondern mehr wie ein Greis, der durch einen wunderbaren Zauber erschien, als sei er dem Auge entrückt und auf diese Weise so klein geworden wie ein Kind. Sein Haar, dass in langen locken auf die Schultern herabwallte, war weiß, wie vom alter, und dennoch hatte das Gesicht keine einzige Runzel, und um das Kinn bemerkte man den zartesten Flaum. Die Arme waren lang und muskulös; die Hände ebenso, als läge in ihnen eine ungeheure Kraft. Sein Füße, zart und fein geformt, waren entblößt, gleich den Armen. Der Geist trug einen Talar vom reinsten Weiß; um seinen Leib schlang sich ein Gürtel von wunderbarem Schimmer. Er hielt einen frisch-grünen Stechpalmenzweig in der Hand; aber in seltsamem Wiederspruch mit diesem Zeichen des Winters war das Kleid mit Sommerblumen verziert. Das Wunderbarste aber war, dass aus der Krone auf seinem Haupte ein heller Lichtstrahl in die Höhe schoss, der alles ringsum erleuchtete, und der gewiss die Ursache war, dass der Geist bei weniger guter Laune einen großen Lichtauslöscher, den er jetzt unter den Armen trug, als Mütze aufsetzte.

Aber selbst dies war nicht seine seltsamste Eigenschaft. Denn wie der Gürtel des Geistes bald an dieser Stelle glänzte und funkelte und bald an jener, und wie das, was im Augenblick hell gewesen war, jetzt dunkel wurde, so verwandelte sich auch die Gestalt selbst, man wusste nicht wie: jetzt war es ein Ding mit einem Arm, jetzt mit einem Bein, jetzt mit zwanzig Beinen, jetzt bildete es nur zwei Füße ohne Kopf, jetzt einen Kopf ohne Leib; und wie einer dieser Teile verschwand, bleib seine Spur von ihm in diesem dichten Dunkel zurück, das ihn verschlang. Und das größte Wunder dabei war: die Gestalt blieb immer dieselbe. "Sind Sie der Geist ,dessen Erscheinung mit vorhergesagt wurde?" fragte Scrooge.

"Ich bin es."

Die Stimme war sanft und wohlklingend und so leise, als käme sie nicht aus dichtester Nähe, sondern aus einiger Entfernung.

"Wer und was sind Sie?" fragte Scrooge, schon etwas mehr Mut fassend.

"Ich bin der Geist der vergangenen Weihnachten."

"Der lange vergangenen?" fragte Scrooge, seiner zwerghaften Gestalt gedenkend.

"Nein, deiner vergangenen."

Vielleicht hätte Scrooge, wenn ihn jemand befragt hätte, niemanden sagen können, warum, aber doch fühlte er ein ganz besonderes Verlangen, den Geist in seiner Mütze zu sehen; und er bat ihn, sich zu bedecken.

"Was?" rief der Geist, "willst du sobald mit irdisch gesinnter Hand das Licht, das ich spende, verlöschen? Ist es nicht genug, dass du einer von denen bist, deren Leidenschaften diese Mütze geschaffen haben und mich zwingen, durch lange, lange Jahre meine Stirn damit zu verhüllen?

Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll: er habe nicht die Absicht gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu wissen, dass er irgend einmal in seinem Leben dem Geiste Ursache gegeben habe, sich zu bedecken. Dann war er so frei, zu fragen, was ihn hierher führe?

"Dein Wohl", sagte der Geist.

Scrooge drückte ihm seine Dankbarkeit aus, konnte sich aber doch nicht des Gedankens erwehren, dass ihm eine Nacht ungestörten Schlafes mehr genützt haben würde. Der Geist musst ihn haben denken hören, denn er sagte sogleich: "Deine Besserung. Nimm dich in acht!"

Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach, und ergriff sanft seinen Arm.

"Steh auf und folge mir."

Vergebens würde Scrooge eingewendet haben, Wetter und Stunde seien schlecht geeignet zum Spazierengehen, das Bett sei warm und das Thermometer ein gutes Stück unter dem Gefrierpunkte, er sei nur leicht in Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze gekleidet und habe gerade jetzt den Schnupfen. Dem Griff, war er auch sanft wie der einer Frauenhand, war nicht zu widerstehen. Er stand auf; aber als er sah, dass der Geist nach dem Fenster schwebte, fasste er ihn flehend bei dem Gewande.

"Ich bin ein Sterblicher", sagte Scrooge, "und könnte fallen."

"Dulde nur eine Berührung meiner Hand dort," sagte der Geist, indem er die Hand auf das Herz legte, "und du wirst größere Gefahren überwinden, als diese hier."

Als er diese Worte gesprochen hatte, schwanden die beiden durch die Wände und standen plötzlich im Freien auf der Landstraße, rings von Feldern umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden, denn es war jetzt ein klarer, kalter Wintertag und der Boden mitweißem, reinem Schnee bedeckt.

"Gütiger Himmel!" rief Scrooge, die Hände faltend, als er um sich blickte. "Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich noch als Knabe."

Der Geist schaute ihn mit milden Blicken an. Seine sanfte Berührung, obgleich sie nur leise und augenblicklich gewesen war, bebte immer noch nach in dem Herzen des alten Mannes. Er fühlte, wie tausend Düfte die Luft durchschwebten, jeder mit tausend Gedanken und Hoffnungen und Freuden und Sorgen verbunden, die lange, lange vergessen waren.

"Deine Lippe zittert", sagte der Geist. "Und was glänzt auf deiner Wange?"

Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Molltone in der Stimme, es sei ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen, wohin er wolle.

"Erinnerst du dich des Weges?" fragte der Geist.

"Ob ich mich seiner erinnere?" rief Scrooge mit Innigkeit; "blindlings könnte ich ihn gehen!"

"Seltsam, dass du ihn so viele Jahre hindurch vergessen hast", sagte der Geist. "Komm!"

Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Tor, jeden Pfahl, jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in der Ferne mit seiner Kirche, seiner Brücke und dem hellen Fluss erschien. Jetzt kamen einige Knaben, auf zottigen Ponnies reitend, auf sie zu, die anderen Knaben in ländlichen Wagen laut zuriefen. Alle diese Knaben waren gar fröhlich und laut, bis die weiten Felder so voll heiterer Musik waren, dass die kalte, sonnige Luft lachte, sie zu hören.

"Dies sind nur Schatten der Dinge, die da gewesen sind," meinte der Geist, "sie wissen nichts von uns."

Die fröhlichen Reisenden kamen näher, und Scrooge erkannte sie jetzt alle und konnte sie jetzt alle bei Namen nennen. Warum freute er sich über alle Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein altes Auge feucht, warum frohlockte sein Herz, als sie vorübereilten, warum wurde sein Herz weich, wie sie an den Kreuzwegen voneinander schieden und einander fröhliche Weihnachten wünschten?

Was gingen denn Scrooge fröhliche Weihnachten an? Der Henker hole die fröhlichen Weihnachten! Welchen Nutzen hatte er wohl jemals davon gehabt?

"Die Schule ist nicht ganz verlassen", nahm der Geist wieder das Wort. "Ein Kind, eine verlassene Weise, sitzt noch einsam dort."

Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.

Sie verließen nunmehr die Heerstraße auf einem wohlbekannten Feldweg und erreichten bald ein Haus von dunkelroten Ziegeln mit einem kleinen Türmchen auf dem Dache und einer Glocke darin. Es war ein großes Haus, aber jetzt vernachlässigt und ziemlich verwahrlost, weil die geräumigen Gemächer wenig gebraucht waren, die Wände feucht und grün, die Fenster zerbrochen, die Türen morsch und halb zerfallen. Hühner gluckten und scharrten in den Ställen, und der Wagenschuppen war mit Gras überwachsen. Auch im Innern war nichts übriggeblieben von seiner alten Pracht, denn als sie in den verödeten Hausflur eintraten und durch die offenen Türen in die vielen Zimmer blickten, sahen sie nur ärmlich ausgestattete, kalte, große Räume. Mit einem erdigen, multrigen Geruch hauchte die Luft, eine frostige Unbehaglichkeit schien um den Ort zu schweben.

Der Geist ging mit Scrooge über den Hausflur nach einer Tür auf der Rückseite des Hauses. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte ihnen einen langen, kahlen unbehaglichen Saal, noch kahler und unbehaglicher gemacht durch die Reihen von einfachen hölzernen Bänken.

auf ihrer einen saß einsam ein Knabe neben einem schwachen Feuer und las, und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und weinte, als er sein eignes, vergessenes Selbst sah, wie es in früheren Jahren war.

Kein dumpfer Widerhall in dem Hause, kein Rascheln der Mäuse hinter dem Getäfel, kein Getröpfel des halbgefrorenen Brunnentrogs hinten in dem Hofe, kein Seufzer in den blattlosen Zweigen einer verlassen-trauernden Pappel, nicht das Knarren der vom Winde hin und her bewegten Tür des Vorratshauses im Hofe, selbst nicht das Knistern des Feuers war für Scrooge verloren. Alles fiel auf sein Herz mit erweichenden Tönen und löste seine Tränen.

Der Geist berührte seinen Arm und wies auf sein jüngeres, in einem Buch vertieftes Abbild. Plötzlich stand draußen vor dem Fenster ein Mann in fremdartiger Tracht, mit einer Axt im Gürtel und einen mit Holz beladenen Esel am Zaume führend. "Was! das ist ja Ali Baba!" rief Scrooge voller Freude aus. "Es ist der alte, liebe, ehrliche Ali Baba. Ja, ja, ich weiß es noch. Einst zur Weihnachtszeit geschah es, dass dieser verlassene Knabe ganz allein hier saß, und er zum ersten Male kam, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin," fuhr Scrooge fort, "und auch sein wilder Bruder Orson, dort gehen sie! Und wie hieß doch der, der mitten im Schlafe vor das Tor von Damaskus niedergesetzt wurde? Siehst du ihn nicht? Und der Stallmeister des Sultans, der von den Genien auf den Kopf gesellt wurde, dort ist er ja auch! Ha, ha, es geschieht ihm schon recht! Wer hieß es ihm auch, die Prinzessin heiraten wollen!"

Scrooge mit vollem Ernst über solche Gegenstände reden zu hören und mit einer zwischen Lachen und Weinen schwankenden Stimme, dann auch sein vor Freude aufgeregtes Gesicht zu sehen: das wäre für seine Geschäftsfreunde in der City gewiss eine große Überraschung gewesen.

"Da ist ja auch der Papagei," rief Scrooge, "der mit grünem Leib und gelben Schwanz, da ist er! Der arme Robinson, er rief ihn, als er von seiner Umseglung der Insel wieder nach Hause kam: "Robinson Crusoe, wo bist du gewesen?" Er glaubte, er träumte, aber das war der Papagei. Ha, dort läuft Freitag in der kleinen bucht. Es gilt das Leben. Hallo, hoch, hallo!"

Dann sagte er mit einem schnellen Wechsel der Gefühle, der seinem gewöhnlichen Charakter sehr fremd war: "Der arme Knabe!" und er weinte wieder. Dann wischte er sich mit dem Ärmelaufschlage die Augen, steckte die Hand in die Tasche und murmelte: "Ich wollte, aber es ist jetzt zu spät." "Was willst du?" fragte der Geist.

"Nichts, " sagte Scrooge, "nichts. Gestern Abend sang ein Knabe ein Weihnachtslied vor meiner Türe. Ich wollt, ich hätte ihm etwas gegeben, weiter war es nichts."

Der Geist lächelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann sagte er: "Lass und ein anderes Weihnachtsfest sehen." Scrooges früheres Selbst wurde bei diesem Worte größer, und das Zimmer etwas finsterer und schwärzer, das Getäfel warf sich, die Fensterscheiben sprangen, Stücke Kalkbewurf fielen von der Decke und das bloße Lattenwerk zeigte sich: aber wie das alles geschah, wusste Scrooge ebenso wenig wie ihr. Er wusste nur, alles sei ganz in der Ordnung, und habe sich ganz so zugetragen, und er sei es nun wieder, der dort allein sitze, während die andern Knaben nach Hause gereist waren zur fröhlichen Weihnachtsfeier.

Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und ab. Scrooge blickte den Geist an und schaute mit einem traurigen Kopfschütteln und in banger Erwartung nach der Tür.

Da ging sie auf und ein kleines Mädchen, viel jünger als der Knabe, sprang herein, schlang die Arme um seinen Hals, küsste ihn und begrüßte ihn als ihren "lieben, lieben Bruder". "Ich komme, um dich mit nach Hause zu nehmen , lieber Bruder!" sagte das Kind, fröhlich mit den Händen klatschend. "Dich mit nach Hause zu nehmen, nach Hause!"

"Nach Hause liebe Fanny?" fragte der Knabe.

"Ja!" antwortete die Kleine in überströmender Lust. "Nach Hause und für immer! Der Vater ist so viel freundlicher als sonst, dass es bei uns wie im Himmel ist. Eines Abends, als ich zu Bett ging, sprach er so freundlich mit mir, dass ich mir ein Herz fasste und ihn fragte, ob du nicht nach Hause kommen dürftest; und er sagte ja, und schickte mich im Wagen her, um dich zu holen. Und du sollst jetzt dein freier Herr sein," sagte das Kind, und blickte ihn bewundernd an, "und nicht mehr hierher zurückkehren; aber erst sollen wir alle zusammen das Weihnachtsfest feiern und recht lustig sein."

"Du bist ja eine ordentliche Dame geworden Fanny!" rief der Knabe aus.

Sie klatschte in die Hände und lachte, und versuchte, bis an seinen Kopf zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder, und stellte sich auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie ihn in kindischer Ungeduld nach der Tür, und er begleitete sie mit leichtem Herzen.

Eine schreckliche Stimme im Hausflur rief: "Bringt Master Scrooges Koffer herunter!" Es war der Schullehrer selbst, der Master Scrooges mit brutalhochnäsiger Herablassung anstierte, und ihn in großen Schrecken setzte, als er ihm die Hand drückte. Dann führte er ihn und seine Schwester in ein feuchtes, frösteln erregendes Putzzimmer, in dessen Fenster die Erd- und Himmelgloben vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine Flasche merkwürdig leichten Wein und ein Stück merkwürdig schweren Kuchen herbei, und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine verhungert aussehende Magd hinaus, um den Postillion ein Gläschen anzubieten, wofür dieser aber mit den Worten dankte, "wenn es von demselben Fass wie das vorige sei, möchte er lieber nicht kosten". Während dieser Zeit war Master Scrooges Koffer auf den Wagen gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Rührung von dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen und fuhren so schnell zum Garten hinaus, dass der Reif und der Schnee wie Schaum von den immergrünen Gebüschen hinwegstob.

"Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte verwelken können", sagte der Geist. "Aber sie hatte ein reiches Herz."

"Ja, das hatte sie", rief Scrooge. "Ich will nicht widersprechen, Geist. Gott verhüte es.

"Sie starb als Frau," sagte der Geist, "und hatte Kinder, glaube ich."

"Ein Kind", antwortete Scrooge.

"Ja, sagte der Geist. "Dein Neffe."

Scrooge schien unruhig zu werden und antwortete kurz: "Ja."

Obgleich sie die Schule kaum einen Augenblick hinter sich gelassen hatten, befanden sie sich doch plötzlich mitten in den lebendigsten Straßen der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger vorübergingen, wo sich gespenstige Wagen und Kutschen um Platz stritten und wo das ganze wirre Leben einer wirklichen Stadt herrschte. An dem Aufputz der Läden sah man, dass auch hier Weihnachten sei; aber es war Abend und die Straßenlaternen brannten.

Der Geist blieb vor einer Gewölbetür stehen und fragte Scrooge, ob er sie kenne.

"Ob ich sie kenne?" sagte Scrooge. "Hab ich hier nicht gelernt?"

Sie traten hinein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer Stutzperücke, der hinter einem so hohen Pulte saß, dass er mit dem Kopf hätte an die Decke stoßen müssen, wenn er zwei Zoll größer gewesen wäre, rief Scrooge in großer Aufregung: "Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott segne ihn, es ist Fezziwig, wie er leibt und lebt!"

Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah hinauf zu der Uhr, deren Zeiger auf sieben stand. Er rieb die Hände, zog seine geräumige Weste herunter, lacht über und über von dem Organ der Gutmütigkeit bis zu den Schuhspitzen hinunter und rief mit einer behäbigen, voll und doch mild tönenden heitern Stimme: "Hallo, dort! Ebenezer! Dick!" Scrooge früheres Da ging sie auf und ein kleines Mädchen, viel jünger als der Knabe, sprang herein, schlang die Arme um seinen Hals, küsste ihn und begrüßte ihn als ihren "lieben, lieben Bruder". "Ich komme, um dich mit nach Hause zu nehmen , lieber Bruder!" sagte das Kind, fröhlich mit den Händen klatschend. "Dich mit nach Hause zu nehmen, nach Hause!"

"Nach Hause liebe Fanny?" fragte der Knabe.

"Ja!" antwortete die Kleine in überströmender Lust. "Nach Hause und für immer! Der Vater ist so viel freundlicher als sonst, dass es bei uns wie im Himmel ist. Eines Abends, als ich zu Bett ging, sprach er so freundlich mit mir, dass ich mir ein Herz fasste und ihn fragte, ob du nicht nach Hause kommen dürftest; und er sagte ja, und schickte mich im Wagen her, um dich zu holen. Und du sollst jetzt dein freier Herr sein," sagte das Kind, und blickte ihn bewundernd an, "und nicht mehr hierher zurückkehren; aber erst sollen wir alle zusammen das Weihnachtsfest feiern und recht lustig sein."

"Du bist ja eine ordentliche Dame geworden Fanny!" rief der Knabe aus.

Sie klatschte in die Hände und lachte, und versuchte, bis an seinen Kopf zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder, und stellte sich auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie ihn in kindischer Ungeduld nach der Tür, und er begleitete sie mit leichtem Herzen.

Eine schreckliche Stimme im Hausflur rief: "Bringt Master Scrooges Koffer herunter!" Es war der Schullehrer selbst, der Master Scrooges mit brutalhochnäsiger Herablassung anstierte, und ihn in großen Schrecken setzte, als er ihm die Hand drückte. Dann führte er ihn und seine Schwester in ein feuchtes, frösteln erregendes Putzzimmer, in dessen Fenster die Erd- und Himmelgloben vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine Flasche merkwürdig leichten Wein und ein Stück merkwürdig schweren Kuchen herbei, und regalierte die Kinder schonend sparsam mit diesen auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine verhungert aussehende Magd hinaus, um den Postillion ein Gläschen anzubieten, wofür dieser aber mit den Worten dankte, "wenn es von demselben Fass wie das vorige sei, möchte er lieber nicht kosten". Während dieser Zeit war Master Scrooges Koffer auf den Wagen gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Rührung von dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen und fuhren so schnell zum Garten hinaus, dass der Reif und der Schnee wie Schaum von den immergrünen Gebüschen hinwegstob.

"Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte verwelken können", sagte der Geist. "Aber sie hatte ein reiches Herz."

"Ja, das hatte sie", rief Scrooge. "Ich will nicht widersprechen, Geist. Gott verhüte es.

"Sie starb als Frau," sagte der Geist, "und hatte Kinder, glaube ich."

"Ein Kind", antwortete Scrooge.

"Ja, sagte der Geist. "Dein Neffe."

Scrooge schien unruhig zu werden und antwortete kurz: "Ja."

Obgleich sie die Schule kaum einen Augenblick hinter sich gelassen hatten, befanden sie sich doch plötzlich mitten in den lebendigsten Straßen der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger vorübergingen, wo sich gespenstige Wagen und Kutschen um Platz stritten und wo das ganze wirre Leben einer wirklichen Stadt herrschte. An dem Aufputz der Läden sah man, dass auch hier Weihnachten sei; aber es war Abend und die Straßenlaternen brannten.

Der Geist blieb vor einer Gewölbetür stehen und fragte Scrooge, ob er sie kenne.

"Ob ich sie kenne?" sagte Scrooge. "Hab ich hier nicht gelernt?"

Sie traten hinein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer Stutzperücke, der hinter einem so hohen Pulte saß, dass er mit dem Kopf hätte an die Decke stoßen müssen, wenn er zwei Zoll größer gewesen wäre, rief Scrooge in großer Aufregung: "Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott segne ihn, es ist Fezziwig, wie er leibt und lebt!"

Der alte Fezziwig legte seine Feder hin und sah hinauf zu der Uhr, deren Zeiger auf sieben stand. Er rieb die Hände, zog seine geräumige Weste herunter, lacht über und über von dem Organ der Gutmütigkeit bis zu den Schuhspitzen hinunter und rief mit einer behäbigen, voll und doch mild tönenden heitern Stimme: "Hallo, dort! Ebenezer! Dick!" Scrooge früheres glänzten ihn jedem Teil des Tanzes wie ein Paar Monde. Ihr hättet zu irgend einer Minute nicht voraussagen können, was aus ihnen in der nächsten werden würde. Und als der alte Fezziwig und Mrs.Fezziwig alle Touren des Tanzes durchgemacht hatten, wirbelte Fezziwig so geschickt, dass es war, als zwinkerte er mit den Beinen, und er kam, ohne zu wanken, wieder auf die Füße. Mit dem Glockenschlag elf war dieser häusliche Ball zu Ende. Mr. und Mrs. Fezziwig stellten sich zu beiden Seiten der Tür auf, schüttelten jedem einzelnen der Gäste die Hand zum Abschied und wünschten ihm oder ihr fröhliche Weihnachten. Als alles, außer den zwei Lehrlingen, fort war, taten sie diesen das gleiche. So waren die heitern Stimmen verklungen, und die Burschen gingen in ihr Bett, das sich unter einem Ladentisch im hintersten Lagerraum befand.

Während dieser ganzen Zeit hatte sich Scrooge wie ein Verrückter benommen. Sein Herz und seine Seele waren bei dem Ball und seinem früheren Selbst. Er bestätigte alles, erinnerte sich an alles, freute sich über alles und befand sich in der seltsamsten Aufregung. Nicht eher als bis die fröhlichen Gesichter seines früheren Selbst und das Antlitz Dicks verschwunden waren, dachte er daran, dass der Geist neben ihm stehe und ihn anschaue, während das Licht auf seinem Haupte in voller Klarheit brannte.

"Eine Kleinigkeit war`s doch," meinte der Geist, "diesen närrischen Leuten solche Dankbarkeit einzuflößen."

"Eine Kleinigkeit!" gab Scrooge zurück.

Der Geist gab ihm ein Zeichen, den beiden Lehrlingen zuzuhören, die ihr Herz in Lobpreisungen Fezziwigs ausschütteten, und als Scrooge das getan hatte, sprach der Geist: "Nun, ist es nicht so? Er hat nur ein paar Pfund Eures irdischen Mammons hingegeben; vielleicht drei oder vier. Ist das so der Rede wert, dass er solches Lob verdient?"

"Das ist`s nicht", sagte Scrooge, von dieser Bemerkung gereizt und wie sein früheres, nicht wie sein jetziges Selbst sprechend. "Das ist`s nicht, Geist. Er hat die Macht, und glücklich oder unglücklich, unsern Dienst zu einer Last oder zu einer Würde, zu einer Freude oder zu einer Qual zu machen. Du magst sagen, seine Macht liege in Worten und Blicken, in so unbedeutenden und kleinen Dingen, dass es unmöglich ist, sie herzuzählen: Was schadet das? Das Glück, das er bereitet, ist so groß, als wenn es sein ganzes Vermögen kostete."

Er fühlte des Geistes Blick und schwieg.

"Was gibt`s?", fragte der Geist.

"Nichts, nichts", sagte Scrooge.

"Etwas, sollt ich meinen", drängte der Geist.

"Nein, " sagte Scrooge, "nein. Ich möchte nur eben jetzt ein paar Worte mit meinem Kommis sprechen. Das ist alles." Sein früheres Selbst löschte die Lampen aus, als er diesen Wunsch aussprach, und Scrooge und der Geist standen wieder im Freien.

"Meine Zeit geht zu Ende", sagte der Geist. "Schnell!" Dieses letzte Wort war nicht zu Scrooge oder zu jemand, den er sprechen konnte, gesprochen, aber es wirkte sofort. Denn wieder sah Scrooge sich selbst. Er war jetzt älter geworden: ein Mann in der Blüte seiner Jahre. Sein Gesicht hatte noch nicht die schroffen, rauen Züge seiner späteren Jahre, aber schon begann es die Anzeichen der Sorge und des Geizes anzunehmen. In seinem Auge brannte ein ruheloses, habsüchtiges Feuer, das Zeugnis gab von der Leidenschaft, die dort Wurzel geschlagen hatte, und zeigte, wohin der Schatten des wachsenden Baumes fallen würde.

Er war nicht allein, sondern saß neben einem schönen jungen Mädchen in Trauerkleidern. In ihrem Auge standen Tränen, die in dem Licht glänzten, das von dem Geist vergangener Weihnachten ausströmte.

"Es ist ohne Bedeutung", sagte sie sanft, "und für Sie von gar keiner. Ein anderes Götzenbild hat mich verdrängt; und wenn es Sie in späterer Zeit trösten und aufrecht erhalten kann, wie ich es versucht haben würde, so habe ich keine gerechte Ursache zu klagen."

"Welches Götzenbild hätte Sie verdrängt?" erwiderte er. "Ein goldenes."

"Dies ist die Gerechtigkeit der Welt!" sagte er. "Gegen nichts ist sie so hart als gegen die Armut; und nichts tadelt sie unnachsichtiger als das Streben nach Reichtum."

"Sie fürchten das Urteil der Welt zu sehr zu sehr", antwortete sie sanft. "Alle Ihre andern Hoffnungen sind in der einen aufgegangen, vor diesem engherzigen Vorwurf gesichert zu sein. Ich habe ihre edleren Bestrebungen eine nach der anderen verschwinden sehen, bis Sie ganz die eine Leidenschaft, die Eier nach Gold, erfüllte. Ist es nicht so?"

"Und was nun weiter?" Antwortete er. "Selbst, wenn ich soviel klüger geworden bin, was nun weiter? Gegen sie bin ich nie anders geworden."

Sie schüttelte den Kopf.

"Bin ich anders?" "Unser Bund ist aus alter Zeit. Er wurde geschlossen, als wir beide arm und zufrieden waren, bis wir unser Los durch ausdauernden Fleiß würden verbessern können. Sie haben sich aber verändert! Damals, als er geschlossen wurde, waren Sie ein anderer Mensch."

"Ich war ein Knabe", sagte er ungeduldig.

"Ihr eigenes Gefühl sagt Ihnen, dass Sie nicht so waren, wie Sie jetzt sind", antwortete sie. "Ich bin noch dieselbe. Das, was unser Glück versprach, als wir noch ein Herz und eine Seele waren, muss uns Unglück bringen, da wir im Geiste nicht mehr eins sind. Wie oft ich und wie bitter dies gefühlt habe, will ich nicht sagen; es ist genug, dass ich es gefühlt habe, und dass ich Ihnen Ihr Wort zurückgeben kann.

"Habe ich dies jemals verlangt?

"In Worten? Nein. Niemals."

"Womit dann?"

"Durch ein verändertes Wesen, durch einen anderen Sinn, durch andere Bestrebungen des Lebens und durch eine andere Hoffnung als sein Ziel. In allem, was meine Liebe in Ihren Augen einigen Wert gab. Wenn alles Frühere nicht zwischen uns geschehen wäre," sagte das Mädchen, ihn mit sanftem, aber festem Blicke ansehend, "würden Sie mich jetzt aufsuchen und um mich werben? Gewiss nicht!"

Er schien die Wahrheit dieser Voraussetzung wider seinen Willen zuzugeben. Aber er tat seinen Gefühlen Gewalt an und sagte: "Sie glauben es nicht?"

"Gern glaubte ich es, wenn ich könnte," sagte sie, "Gott weiß es. Wenn ich eine Wahrheit erkannt habe gleich dieser, weiß ich, wie unwiderstehlich sie sein muss. Aber soll ich glauben, dass sie ein armes Mädchen wählen würden, wenn Sie heute oder morgen oder gestern frei wären, Sie, selbst in den vertrautesten Stunden alles nach dem Gewinn abmisst? Oder soll ich mir verhehlen, dass Sie gewiss einst Täuschung und bittere Reue fühlen würden, selbst, wenn Sie für einen Augenblick Ihrem einzigen leitenden Grundsatze untreu werden könnten? Nein, und deswegen gebe ich Ihnen Ihr Wort zurück: willig und um die Liebe dessen, der Sie einst waren."

Er wollte sprechen, aber mit abgewendetem Gesicht fuhr sie fort:

"Vielleicht - der Gedanke an die Vergangenheit lässt es mich fast hoffen - wird es Sie schmerzen. Eine kurze, sehr kurze Zeit, und Sie werden dann die Erinnerungen daran fallen lassen, freudig, wie die Gedanken an einen nichtigen Traum, von dem zu erwachen ein Glück für Sie war. Möge Sie alles Glück auf dem erwählten Lebenswege begleiten!"

Sie schieden.

"Geist," sagte Scrooge, "zeige mit nichts mehr, führe mich nach Hause. Warum erfreust du dich daran, mich zu quälen?" "Noch ein Gesicht", rief der Geist aus.

"Nein", rief Scrooge. "Nein. Ich mag keins mehr sehen. Zeige mir keins mehr."

Aber der erbarmungslose Geist hielt ihn mit den beiden Händen fest und zwang ihn, zu betrachten, was zunächst geschah. Sie befanden sich an einem andern Ort, in einem Zimmer, nicht sehr groß oder schön, aber voller Behaglichkeit. Neben dem Kamin saß ein schönes junges Mädchen, das der, die Scrooge soeben gesehen hatte, so ganz ähnlich war, dass er glaubte, es sei dieselbe, bis er sie, jetzt eine stattliche Matrone, der Tochter gegenüber sitzen sah. In dem Zimmer war ein wahrer Aufruhr, denn es befanden sich mehr Kinder darin, als Scrooge in seiner Aufregung zählen konnte; und hier betrugen sich nicht vierzig Kinder wie eins, sondern jedes Ki</font>
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nd wie vierzig. Die Folge davon war ein Lärm sondergleichen; aber niemand schien sich darum zu kümmern: im Gegenteil, Mutter und Tochter lachten herzlich und freuten sich darüber, und die letztere, die sich bald in die Spiele mischte, wurde von den kleinen Schelmen gar grausam mitgenommen. Was hätte ich darum gegeben, eines dieser Kinder zu sein, obgleich ich nimmer so ungezogen gewesen wäre! Nein, nein! Für alle Schätze der Welt hätte ich nicht diese Locken zerdrückt und zerwühlt; und diesen lieben, kleinen Schuh hätte ich nicht entwendet, um mein Leben zu retten. Im Scherz ihre Taille zu messen, wie die kecke junge Brut tat, hätte ich nicht gewagt; ich hätte geglaubt, mein Arm würde zur Strafe krumm werden und nie wieder gerade wachsen. Und doch, wie gern, ich gestehe es, hätte ich ihre Lippen berührt; wie gern hätte ich sie gefragt, damit sie sich geöffnet hätten, wie gern hätte ich diese Wimpern dieser niedergeschlagenen Augen betrachtet, ohne ein Erröten hervorzurufen; wie gern hätte ich dieses wogende Haar gelöst, von dem eine Strähne ein Schatz über allen Preis gewesen wäre: kurz, wie gern hätte ich das kleinste Vorrecht eines dieser Kinder gehabt, mit der Bedingung, Mann genug zu sein, um seinen Wert zu fühlen.

Aber jetzt wurde ein Klopfen an der Tür gehört, was einen so allge</font>
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meinen Sturm dahin hervorrief, dass sie mit lachendem Gesicht und verwirrtem Anzug in der Mitte eines lärmenden Haufens nach der Tür gedrängt wurde, dem Vater entgegen, der nach Hause kam in Begleitung eines mit Weihnachtsgeschenken beladenen Mannes. Aber nun das Geschrei und das Gedränge und der Sturm auf den verteidigungslosen Träger! Wie sie an ihm auf Stühlen hinaufstiegen, in seine Taschen guckten, die Papierpäckchen raubten, an seiner Halsbinde zupften, an seinem Halse hingen, ihm auf den Rücken trommelten oder an die Beine stießen - alles in unwiderstehlicher Freude! Dann die Ausrufe der Verwunderung und des Frohlockens, mit denen der Inhalt jedes Päckchens begrüßt wurde! Die schreckliche Kunde, dass das Wickelkind ertappt worden sei, wie es die Bratpfanne der Puppe in den Mund gesteckt oder wohl gar das hölzerne Huhn samt der Schüssel hinuntergeschluckt habe! Die große Beruhigung, als man entdeckte, dass es ein falscher Lärm gewesen sei! Die Freude und die Dankbarkeit und das Entzücken! Dies alles ist über alle Beschreibung. Es muss genügen, zu wissen, das die Kinder und ihre Freuden endlich aus dem Zimmer kamen und über eine Treppe auf einmal in den obersten Stock hinaufgingen, wo sie zu Bett gebracht wurden und dort blieben.

Und als Scrooge jetzt sah, wie sich der Herr des Hauses, die Tochter zärtlich an seine Seite geschmiegt, mit ihr und ihrer Mutter an seinem eigenen Herd niedersetzte, und wie er dachte, dass ihn ein solches Wesen ebenso lieblich und hoffnungsreich hätte Vater nennen und wie Frühlingszeit in dem öden Winter seines Lebens hätte sein können, da wurden seine Augen wirklich trübe. "Bella," sagte der Mann, sich lächelnd zu seiner Gattin wendend, "ich sah heute Nachmittag einen alten Freund von dir." "Wer war es?"

"Rate einmal."

"Wie kann ich das? Ach, jetzt weiß ich schon", fügte sie sogleich hinzu, lachend, wie er lachte. "Mr. Scrooge."

"Ja, Mr. Scrooge. Ich ging an seinem Kontorfenster vorüber; und da kein Laden davor war und er Licht darin hatte, musste ich ihn wohl sehen. Sein Kompagnon liegt im Sterben, hörte ich, und er saß allein dort. Ganz allein in der weiten Welt, glaube ich."

"Geist," rief Scrooge mit bebender Stimme, "führe mich weg von diesem Orte."

"Ich sagte dir, dass dieses Schatten gewesener Dinge wären", sagte der Geist. "Gib mir nicht die Schuld, dass sie so sind, wie sie sind."

"Führe mich weg", rief Scrooge aus. "Ich kann es nicht ertragen."

Er wandte sich gegen den Geist, und wie er sah, dass er ihn mit einem Gesicht anblickte, in dem sich auf eine seltsame Weise all die Gesichter zeigten, die er bisher gesehen hatte, rang er mit ihm.

In dem Kampfe, wenn das ein Kampf genannt werden kann, wo der Geist, ohne sichtbaren Widerstand seinerseits, von den Anstrengungen seines Gegners ungestört blieb, bemerkte Scrooge, dass das Licht auf seinem Haupte hoch und hell brenne, und in einem dunklen instinktiven Gefühl jenes licht mit des Geistes Einfluss auf sich verbindend, ergriff er den Lichtauslöscher und stülpte ihn auf des Geistes Haupt.

Der Geist sank darunter zusammen, so das der Lichtauslöscher seine ganze Gestalt bedeckte; aber sogleich Scrooge ihn mit seiner ganzen Kraft niederdrückte, konnte er das Licht nicht verbergen, das darunter hervor und mit hellem Schimmer über den Boden strömte.

Er fühlte, dass er erschöpft sei und von einer unüberwindlichen Schläfrigkeit befallen werde, und wusste, dass er in seinem eignen Schlafzimmer sei. Er gab dem Lichtauslöscher zum Abschiede noch einen Druck und fand kaum Zeit, in das Bett zu wanken, bevor er in tiefen Schlaf sank.

 

Drittes Kapitel.
Der zweite der drei Geister.

Scrooge erwachte mitten in einem tüchtigen Geschnarche und setzte sich in dem Bette in die Höhe, um seine Gedanken zu sammeln. Diesmal hatte niemand nötig, ihm zu sagen, dass es gerade eins sei. Er fühlte, dass er just zu der rechten Zeit und zu dem ausdrücklichen Zwecke erwacht sei, um eine Zusammenkunft mit dem zweiten an ihn durch Jakob Marleys Vermittlung abgesandten Boten zu haben. Aber bei dem Gedanken, welche seiner Bettgardinen das neue Gespenst wohl zurückschlagen würde, wurde es ihm ganz unheimlich kalt, und so schlug er sie mit seinen eigenen Händen zurück. Dann legte er sich wieder zurück und beschloss, genau aufzupassen, denn er wollte den Geist in dem Augenblick seiner Erscheinung anrufen, und wünschte nicht überrascht und erschreckt zu werden.

Leute von keckem Mute, die sich schmeicheln, es schon mit etwas aufnehmen zu können und immer an ihrem Platze zu sein, drücken den weiten Bereich ihrer Fähigkeiten mit den Worten aus: Sie wären gut für alles, vom Brot essen bis zum Menschenverschlingen, da zwischen beiden Extremen ohne Zweifel ziemlich viel Gelegenheit zur Betätigung ihrer Kräfte liegt. Ohne gerade zu behaupten, dass es Scrooge soweit gebracht hätte, muss ich doch von dem Leser den Glauben fordern, dass er auf eine recht schöne Auswahl von Erscheinungen gefasst war, und das ihn nichts zwischen einem Wickelkind und einem Rhinozeros allzu sehr in Verwunderung gesetzt hätte.

Eben weil er beinahe auf alles gefasst war, war er nicht vorbereitet, nichts zu sehen; und daher überfiel ihn ein heftiges Zittern, als die Glocke eins schlug und keine Gestalt erschien. Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde vergingen, aber es kam nichts. Die ganz Zeit über lag er auf seinem Bette recht in der Mitte eines Stromes rötlichen Lichtes, das sich über ihn ausgoss, als die Glocke die Stunde verkündigte, und das, weil es nur ein Licht war, viel beunruhigender als ein Dutzend Geister war, da es ihn unmöglich erraten ließ, was es bedeute oder was es wolle. Ja, er fürchtete zuweilen, er möchte in diesem Augenblick ein merkwürdiger Fall von Selbstentzündung sein, ohne den Trost zu haben, es zu wissen. Endlich jedoch fing er an zu begreifen, dass die Quelle diese geisterhaften Lichtes wohl in dem anliegenden Zimmer sein möge, aus dem es bei nähere Bertachtung zu strömen schien. Wie dieser Gedanke die Herrschaft über seine Seele bekommen hatte, stand er leise auf, und schlich in den Pantoffeln nach der Tür. In dem selben Augenblick, wo sich Scrooges Hand auf die Klinke legte, rief ihn eine fremde Stimme bei Namen und hieß ihn eintreten. Er gehorchte.

Es war sein eignes Zimmer. Daran ließ sich nicht zweifeln. Aber eine wunderbare Umwandlung war mit ihm vorgegangen. Wände und Decken waren ganz mit grünen Zweigen bedeckt, dass er wirklich aussah wie eine Laube, in der überall glänzende Beeren schimmerten. Die glänzenden, starren Blätter der Stechpalme, der Mistel und des Efeus warfen das Licht zurück und erschienen wie eben so viele kleine Spiegel. Eine so gewaltige Flamme loderte die Esse hinauf, wie dieses Spottbild eines Kamines zu Scrooges oder Marleys Zeit seit vielen, vielen Wintern nicht gekannt hatte. Auf dem Fußboden waren zu einer Art von Thron Truthähne, Gänse, Wildbret, große Braten, Spanferkel, lange Reihen von Würsten, Pasteten, Plumpuddings, Austerfässchen, glühende Kastanien, rotbäckige Äpfel, faltige Orangen, appetitliche Birnen, ungeheure Stollen und siedende Punschbowlen aufgehäuft, die das Zimmer mit köstlichem Geruch erfüllten. Auf diesem Thron saß behaglich und mit fröhlichem Angesicht ein Riese, gar herrlich anzuschauen. In der Hand trug er eine brennende Fackel, fast wie ein Füllhorn gestaltet, und hielt sie steil in die Höhe, um Scrooge damit zu beleuchten, wie er in das Zimmer guckte.

"Nur herein", rief der Geist. "Nur herein, und lerne mich besser kennen."

Scrooge trat schüchtern ein und senkte das Haupt vor dem Geiste. Er war nicht mehr der hartfühlende, nichtsscheuende Scrooge wie früher, und obgleich des Geistes Augen hell und mild glänzten, wünschte er ihnen doch nicht zu begegnen. "Ich bin der Geist der heurigen Weihnachtsnacht", sagte die Gestalt. "Sieh mich an."

Scrooge tat es mit ehrfurchtsvollem Blick. Der Geist war gekleidet in ein einfaches, dunkelgrünes Gewand, mit weißem Pelz verbrämt. Die breite Brust war entblößt, als verschmähe sie, sich zu verstecken. Auch die Füße waren bloß und schauten unter den weiten Falten des Gewandes hervor; und das Haupt hatte keine andere Bedeckung, als einen Stechpalmenkranz, in dem hi und da Eiszapfen glänzten. Seine dunkelbraunen Locken wallten fessellos auf die Schultern. Sein munteres Gesicht, sein glänzendes Auge, seine fröhliche Stimme, sein ungezwungenes Benehmen, alles sprach von Offenheit und heiterem Sinn. Um den Leib trug er eine alte Degenscheide gegürtet; aber sie war von Rost zerfressen und kein Schwert steckte darin.

"Du hast meinesgleichen nie vorher gesehen", rief der Geist. "Niemals", entgegnete Scrooge.

"Hast dich nie mit den jüngeren Gliedern meiner Familie abgegeben; ich meine (denn ich bin sehr jung) meine älteren Brüder, die in den letzten Jahren geboren worden sind?" fuhr das Phantom fort.

"Ich glaube nicht", sagte Scrooge. "Doch es tut mit leid, es nicht getan zu haben. Hast du viele Brüder gehabt, Geist?" "Mehr als achtzehnhundert", sagte dieser.

"Eine schrecklich große Familie, wenn man für sie zu sorgen hat", murmelte Scrooge.

Der Geist der heurigen Weihnacht erhob sich.

"Geist," sagte Scrooge demütig, "führe mich wohin du willst. Gestern Nacht wurde ich durch Zwang hinausgeführt und mir wurde eine Lehre gegeben, die jetzt im Wirken ist. Heute bin ich bereit zu folgen, und wenn du mich etwas zu lehren hast, will ich gern hören."

"Berühre denn mein Gewand."

Scrooge tat wie ihm geheißen worden und hielt es fest. Stechpalmen, Mistel, rote Beeren, Efeu, Truthähne, Gänse, Spanferkel, Braten, Würste, Austern, Pasteten, Puddings, Früchte und Punsch, alles verschwand blitzschnell. Auch das Zimmer verschwand, das Feuer, der rötliche Schimmer, die nächtliche Stunde, und sie stranden in den Straßen der Stadt, am Morgen des Weihnachtstages, wo die Leute - denn es war sehr kalt - eine raue, aber fröhliche und nicht unangenehme Musik machten, indem sie den Schnee von den Straßenpflastern und den Dächern der Häuser zusammenfegten. Und daneben standen die Kinder und freuten sich und kreischten, wenn die Schneelawinen von den Dächern herunterstürzten und in künstliche Schneetürme zerstoben.

Die Häuser erschienen schwarz und die Fenster noch schwärzer, verglichen mit der faltenlosen, weißen Schneedecke auf den Dächern und dem schmutzigen Schnee auf den Straßen. In den letztern war er von den schweren Rädern der Wagen und Karren in tiefe Furchen eingepflügt; Furchen, die sich hundert und aber hundertmal kreuzten, wo eine Nebenstraße ausging, und die in dem dicken, gelben Schmutz und halberstarrten Wasser labyrinthische Gerinnsel bildeten. Der Himmel war trübe, und selbst die kürzesten Straßen schienen sich in einem dicken Nebel zu verlieren, dessen schwere Teile in einem rußigen Regen niederfielen, als wenn alle Essen von England sich auf einmal entzündet hätten und jetzt nach Herzenslust qualmten. Es war in der ganzen Umgebung nichts Heiteres, und doch lag etwas in der Luft, was die klarste Sommerluft und die hellste Sommersonne nicht hätte verbreiten können.

Denn die Leute, die den Schnee von den Dächern schaufelten, waren lustig und mutwilliger Laune voll. Sie riefen sich von den Dächern einander zu und wechselten dann und wann einen Schneeball - ein Pfeil, der harmloser war als manches Wort - und lachten herzlich, wenn er traf, und nicht minder herzlich, wenn er fehlging. Die Läden der Geflügelhändler waren noch halb offen und die der Fruchthändler strahlten in heller Freude. Da sah man - als wären es die Westen lustiger, alter Herren - große, runde, dickbäuchige Körbe voll Kastanien an den Türen lehnen oder im apoplektischen Überfluss auf die Straße rollen. Da sah man braune, umfangreiche, spanische Zwiebeln, in ihrer Fettigkeit spanischen Mönchen gleichend und mutwillig den Mädchen winkend, die vorübergingen und verschämt nach dem Mistelzweige schielten. Da sah man Birnen und Äpfel zu Pyramiden aufeinandergepackt: Trauben, die der Kaufmann in seiner Gutmütigkeit recht augenfällig im Gewölbe hängen ließ, dass den Vorübergehenden der Mund gratis wässerte, Haufen von Haselnüssen, bemoost und braun, mit ihrem frischen Duft vergangene Streifereien in den Wald durch das raschelnde, fußhohe, welke Laub zurückrufend, Norfolk-Biffins, fett und kraus, mit ihrer Bräune von den gelben Orangen abstechend und gar dringlich bittend, dass man sie nach Hause tragen und nach Tische essen möge. Ja, selbst die Gold- und Silberfische, die in einem Glase mitten unter den erlesenen Früchten standen, schienen zu wissen, dass etwas Besonderes los sei, obgleich sie von einem dick- und kaltblütigen Geschlechte waren, und schwammen um ihre kleine Welt in langsamer und leidenschaftsloser Bewegung.

Ach die Materialwarenläden! Fest geschlossen waren sie, vielleicht ein oder zwei Laden vorgesetzt: aber welche Herrlichkeiten sah man durch diese Öffnungen! Nicht allein, dass die Wagschalen mit fröhlichem Klingklang auf dem Ladentische rumorten, oder dass der Bindfaden so munter von seiner Rolle schnurrte, oder dass die Büchsen blitzschnell hin und her fuhren wie durch Zauberei, oder dass der Mischgeruch von Kaffee und Tee der Nase so wohl tat, nicht dass die Rosinen so wunderschön, die Mandeln so außerordentlich weiß, die Zimtstängel so lang und gerade, die andern Gewürze so köstlich, die eingemachten Früchte so dick mit geschmolzenem Zucker belegt waren, dass der kälteste Zuschauer entzückt wurde; nicht allein, dass die Feigen so saftig und fleischig waren, oder dass die Brignolen in bescheidener Koketterie in ihren verzierten Büchsen erröteten, oder dass alles so gut zu essen oder so schön in seinem Weihnachtskleid war: das war es nicht allein. Die Kaufenden waren auch alle so eifrig und eilig in der Hoffnung des Festes, dass sie in der Türe einander anrannten, wie von Sinnen mit ihren Körben zusammenstießen und ihre Einkäufe vergaßen und wieder zurückliefen, um sie zu holen, und tausend ähnliche Irrtümer in der bestmöglichen Laune so frisch und froh waren, dass die blanken Herzen, die ihre Schürzen hinten zusammenhielten, ihre eigenen hätten sein können.

Aber bald riefen die Glocken nach den Kirchen und den Kapellen, und die Leute gingen in ihren besten Kleidern und mit ihren feiertäglichsten Gesichtern durch die Straßen. Und zu der selben Zeit strömten aus den Nebenstraßen und Gässchen und namenlosen Winkeln zahllose Leute, die ihr Mittagessen zu den Bäckern trugen. Der Anblick dieser Armen und doch so Glücklichen schien des Geistes Teilnahme am meisten zu erregen, denn er blieb mit Scrooge neben eines Bäckers Tür stehen , und während er die Decken von den Schüsseln nahm, indem die Träger vorübergingen, bestreute er ihr Mahl mit Weihrauch von seiner Fackel. Und das war eine gar wunderbare Fackel, denn ein paar Mal, als einige von den Leuten zusammengerannt waren und darüber einige heftige Worte fielen, besprengte er sie mit etlichen Tropfen Tau von seiner Fackel, und ihre gute Laune war augenblicklich wieder hergestellt. Denn sie sagten, es sei eine Schande, sich am Weihnachtstage zu zanken.

Jetzt schwiegen die Glocken, und die Läden der Bäcker wurden geschlossen: und doch schwebte noch ein Schattenbild von allen diesen Mittagessen und dem Fortgang ihrer Zubereitung in dem getauten, nassen Fleck über jedem Ofen; und vor ihnen rauchte das Pflaster, als kochten selbst die Steine.

"Ist eine besondere Kraft in dem, was deine Fackel ausstreut?" frug Scrooge.

"Ja. Meine eigene."

"Und wirkt sie auf jedes Mittagsmahl an diesem Tage?" fragte Scrooge.

"Auf jedes, sofern es gern gegeben wird. Auf ein ärmliches am meisten."

"Weil das meine Kraft am meisten bedarf."

"Geist," sagte Scrooge nach kurzem Nachdenken, "mich wundert`s, dass du von allen Wesen auf den vielen Welten um uns herum wünschen sollltest, diesen Leuten die Gelegenheit eines unschuldigen Genusses zu rauben."

"Ich?" rief der Geist.

"Du willst ihnen die Mittel nehmen, jeden siebenten Tag zu Mittag zu essen, und doch ist das der einzige Tag, wo sie überhaupt zu Mittag essen können", sagte Scrooge.

"Ich?" rief der Geist.

"Verzeihe mir, wenn ich unrecht habe. Es ist in deinem Namen geschehen oder wenigstens in dem deiner Familie", sprach Scrooge.

"Es gibt Menschen auf Eurer Erde," entgegnete der Geist, "die uns kennen wollen und die ihre Taten des Stolzes, der Missgunst, des Hasses, des Neides, des Fanatismus und der Selbstsucht in unserm Namen tun; die uns in allem, was zu uns gehört, so fremd sind, als wenn sie nie gelebt hätten. Bedenke dies und schreibe ihre Taten ihnen selbst zu und nicht uns."

Scrooge versprach es und sie gingen weiter in die Vorstadt, unsichtbar, wie bisher. Es war eine wunderbare Eigenschaft des Geistes (Scrooge hatte sie bei dem Bäcker bemerkt), dass er, bei seiner riesenhaften Gestalt, doch überall leicht Platz fand, und dass er unter einem niedrigen Dach ebenso schön und gleich einem übernatürlichen Wesen dastand, wie in einem geräumigen, hohen Saale.

Vielleicht war es die Freude, die der gute Geist darin fühlte, diese Macht zu zeigen, vielleicht auch seine warmherzige, freundliche Natur und sein Teilnahme mit allen Armen, was ihn gerade zu Scrooge Kommis führte: denn er ging wirklich hin und nahm Scrooge mit, der sich an seinem Gewande festhielt. Auf der Schwelle stand der Geist lächelnd still und segnete Bob Cratchits Wohnung mit dem Tau seiner Fackel. Denkt doch! Bob hatte nur fünfzehn Schillinge die Woche; er steckte Sonnabends nur fünfzehn seiner Namensvettern in die Tasche, und doch segnete der Geist der heurigen Weihnacht sein Haus.

Im Zimmer stand und deckte den Tisch Mr. Cratchits Frau, in einem ärmlichen, zweimal gewendeten Kleid, schön aufgeputzt mit Bändern, die billig sind, aber für sechs Pence hübsch aussehen. Belinda, ihre zweite Tochter, half ihr, während Master Peter mit der Gabel in eine Schüssel voll Kartoffeln stach und die Spitzen seines ungeheueren Hemdkragens (Bobs Privateigentum, seinem Sohn und Erben zu Ehren des Festes geliehen) in den Mund nahm, voller Stolz, so schön angezogen zu sein, und voll Sehnsucht, sein weißes Hemd in den fashionablen Parks zur Schau zu tragen. Jetzt kamen die zwei kleinen Cratchits, ein Mädchen und ein Knabe, hereingesprungen und schrieen, dass sie an des Bäckers Tür die gebratene Gans gerochen und gewusst hätten, es sei ihre eigene, und in freudigen Träumen von Salbei und Zwiebeln tanzten sie um den Tisch und erhoben Master Peter Cratchit bis in den Himmel, während er (aber gar nicht stolz, obgleich ihn der Hemdkragen fast erstickte) in das Feuer blies, bis die Kartoffeln hoch quollen und an den Topfdeckel klopften, dass man sie herauslassen und schälen möge. "Wo nur der Vater bleibt?" fragte Mrs. Cratchit. "Und dein Bruder Tiny Tim; und Martha kam vorige Weihnachten eine halbe Stunde früher."

"Hier ist Martha, Mutter", sagte ein Mädchen, zur Tür hereintretend.

"Hier ist Martha, Mutter", riefen die beiden kleinen Cratchits. "Hurra, das ist eine Gans, Martha!"

"Gott grüße dich, liebes Kind! Wie spät du kommst!" sagte Mrs. Cratchit, sie ein Dutzend Mal küssend und ihr mit zutulichem Eifer Schal und Hut abnehmend.

"Wir hatten gestern Abend viel zurecht zu machen", antwortete das Mädchen, "und mussten heute mit allem fertig werden, Mutter."

"Nun, es schadet nichts, da du doch da bist", sagte Mrs. Cratchit. "Setze dich ans Feuer, liebes Kind, und wärme dich." "Nein, nein, der Vater kommt", riefen die beiden kleinen Cratchits, die überall zur gleiche Zeit waren. "Versteck dich, Martha, versteck dich!"

Martha versteckte sich, und jetzt trat Bob herein, der Vater. Wenigstens drei Fuß, ungerechnet der Fransen, hing der Schal auf seiner Brust herab, und die abgetragenen Kleider waren geflickt und gebürstet, um ihnen ein Ansehen zu geben. Tiny Tim saß auf seiner Schulter. Der arme Tiny Tim! Er trug eine kleine Krücke, und seine Glieder wurden von eisernen Schienen gestützt.

"Nun, wo ist unsere Martha?" rief Bob Cratchit, im Zimmer herumschauend.

"Sie kommt nicht", sagte Mrs. Cratchit.

"Sie kommt nicht?" sagte Bob mit einer plötzlichen Abnahme seiner fröhliche Laune; denn er war den ganzen Weg von der Kirche Tims Pferd gewesen und im vollen Laufe nach Hause gerannt. "Sie kommt nicht zum Weihnachtsabend?" Martha wollte ihm keinen Schmerz verursachen, selbst nicht aus Scherz, und so trat sie hinter der Tür hervor und schlang die Arme um seinen Hals, während die beiden kleinen Cratchits sich Tiny Tims bemächtigten und ihn nach dem Waschhause trugen, damit er den Pudding im Kessel singen höre.

"Und wie hat sich der kleine Tim aufgeführt?" fragte Mrs. Cratchit, als sie Bob wegen seiner Leichtgläubigkeit geneckt und Bob seine Tochter nach Herzenslust geküsst hatte.

"Wie ein Goldkind," sagte Bob, "und noch besser. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber er wird jetzt so träumerisch vom Alleinsitzen und sinnt sich die seltsamsten Dinge zurecht. Heute, als wir nach Hause gingen, sagte er, er hoffe, die Leute sähen ihn in der Kirche, denn er sei ein Krüppel, und es wäre vielleicht gut für sie, sich am Christtag an den zu erinnern, der einst Lahme gehen und Blinde sehen machte."

Bobs Stimme zitterte, als er dies sagte, und zitterte noch mehr, als er hinzufügte, dass Tiny Tim stärker und gesunder werden würde.

Man hörte jetzt seine kleine Krücke auf dem Fußboden, und ehe noch mehr gesprochen ward, war Tim wieder da und wurde von seinem Bruder und seiner Schwester nach seinem Stuhl neben dem Feuer geführt. Während jetzt Bob, seine Rockaufschläge zur Schonung in die Höhe krempelnd - als ob es möglich gewesen wäre, sie noch mehr abzutragen - in einer Bowle aus Cognac und Zitronen eine heiße Mischung zubereitete und sie umrührte und sie wieder an das Feuer setzte, damit sie sich warm halten möge, gingen Master Peter und die zwei sich überall befindenden kleinen Cratchits, um die Gans zu holen, mit der sie bald in feierlichem Zuge zurückkehrten.

Darauf erhob sich ein solcher Lärm, als wäre eine Gans der seltenste aller Vögel, ein gefiedertes Wunder, gegen das ein schwarzer Schwan etwas ganz gewöhnliches wäre: und wirklich war sie das auch in diesem Hause. Mrs. Cratchit ließ die Bratenbrühe aufwallen, Master Peter schmorte die Kartoffeln mit unglaublichem Eifer, Miss Belinda macht die Apfelsauce süß, Martha wischte die gewärmten Teller ab, Bob trug Tiny Tim neben sich in eine behagliche Ecke am Tisch, die beiden kleinen Cratchits stellten die Stühle zurecht, wobei sie sich nicht vergaßen, und nahmen ihren Posten ein, den Löffel in den Mund steckend, um nicht nach Gans zu schreien, ehe die Reihe an sie kam. Endlich wurde das Gericht aufgetragen und das Tischgebet gesprochen. Darauf folgte eine atemlose Pause, als Mrs. Cratchit, das Vorschneidemesser langsam von der Spitze bis zum Heft betrachtete und sich anschickte, es der Gans in die Brust zu stoßen. aber, als sie es tat und sich der langerwartete Strom des Gefüllsels ergoss, ertönte um den ganzen Tisch ein freudiges Murmeln, und selbst Tiny Tim, durch die beiden kleinen Cratchits in Feuer gebracht, schlug mit dem Heft seines Messers auf den Tisch und rief ein schwaches Hurra. Nie hatte es so eine Gans gegeben. Bob sagte, er glaube nicht, dass jemals eine solche Gans gebraten worden wäre. Ihre Zartheit und ihr Fett, ihre Größe und ihre Billigkeit waren der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Mit Hilfe der Apfelsauce und der geschmorten Kartoffeln gab sie ein hinreichendes Mahl für die ganze Familie. Und als Mrs. Cratchit einen einzigen kleinen Knochen noch auf der Schüssel liegen sah, sagte sie mit großer Freude, sie hätten doch nicht alles aufgegessen! Aber jeder von ihnen hatte genug, und die kleinen Cratchits waren bis an die Augenbrauen mit Salbei und Zwiebeln eingesalbt. Jetzt wurden die Teller von Miss Belinda gewechselt, und Mrs. Cratchit verließ das Zimmer allein, denn sie war zu unruhig, Zeugen dulden zu können, um den Pudding herauszunehmen und hereinzubringen.

Wenn er nicht ausgebacken wäre! Wenn er beim Herausnehmen in Stücke zerfiele! Wenn jemand über die Mauer des Hinterhauses geklettert wäre und ihn gestohlen hätte, während sie sich an der Gans erquickten! - ein Gedanke, bei dem die beiden kleinen Cratchits bleich vor Schrecken wurden.

Hallo, eine Wolke Rauch! Der Pudding war aus dem Kessel genommen. Ein Geruch wie an einem Waschtag! Das war die Serviette. Ein Geruch wie in einem Speisehause, mit einem Pastetenbäcker auf der einen und einer Wäscherei auf der andern Seite! Das war der Pudding. In einer halben Minute trat Mrs. Cratchit herein, aufgeregt, aber stolz lächelnd und vor sich den Pudding haltend, hart und fest wie eine gefleckte Kanonenkugel, in einem Viertelquart Rum flammend und in der Mitte mit der festlichen Stechpalme geschmückt.

O, welch wunderbarer Pudding! Bob Cratchit erklärte mit ruhiger und sicherer stimme, er halte das für das größte Kochkunststück, das Mrs. Cratchit seit ihrer Heirat geliefert habe. Mrs. Chratchit meinte, jetzt, da die Last von ihrem Herzen sei, wolle sie nur gestehen, dass sie wegen der Menge des Mehls gar sehr in Angst gewesen sei. Jeder hatte darüber etwas zu sagen, aber keiner sagte oder dachte, es sei doch ein zu kleiner Pudding für eine so große Familie. Das wäre offenbare Ketzerei gewesen. Jeder Cratchit würde sich geschämt haben, an so etwas nur zu denken.

Endlich waren sie mit dem Essen fertig, der Tisch war abgedeckt, der Herd gesäubert und das Feuer aufgeschürt. Das Gemisch in der Bowle wurde gekostet und für fertig erklärt, Äpfel und Apfelsinen auf den Tisch gesetzt und ein paar Hände voll Kastanien auf das Feuer geschüttet. Dann setzte sich die ganze Familie Chratchit um den Kamin in einem Kreise, wie es Bob Cratchit nannte, obgleich es eigentlich nur ein Halbkreis war, Bob in der Mitte und neben ihm der Gläservorrat der Familie: zwei Fassgläser und ein Milchkännchen ohne Henkel. Diese Gefäße aber hielten das heiße Gemisch aus der Bowle so gut, als wären es goldene Pokale gewesen, und Bob schenkte mit strahlenden Blicken ein, während die Kastanien auf dem Feuer spuckten und platzten. Dann schlug Bob den Toast vor.

"Uns allen eine fröhliche Weihnacht, meine lieben! Gott segne uns!"

Die ganze Familie wiederholte den Toast.

"Gott segne jeden von uns!" sagte Tiny Tim, der letzte von allen.

Er saß dicht neben dem Vater auf seinem Stühlchen, Bob hielt seine kleine welke Hand in der seinigen, als wenn er das Kind liebe und wünsche, es bei sich zu behalten, und fürchtete, es möge ihm bald genommen werden.

"Geist," sprach Scrooge mit einer Teilnahmen, wie er sie noch nie empfunden hatte, "sage mir, wird Tiny Tim leben bleiben?" "Ich sehe einen leeren Stuhl in der Kaminecke," antwortete der Geist, "und eine Krücke ohne ihren Besitzer sorgfältig aufbewahrt. Wenn die Zukunft diese Schatten nicht ändert, wird das Kind sterben."

"Nein, nein", drängte Scrooge. "Ach nein, guter Geist, sage, dass es leben bleiben wird."

"Wenn die Zukunft diese Schatten nicht verändert," antwortete er abermals, "wird kein anderes meines Geschlechtes das Kind noch hier finden. Was tut es auch? Wenn es sterben muss, ist es besser, es tue es gleich und vermindere die überflüssige Bevölkerung."

Scrooge senkte das Haupt, da er seinen eigenen Worte von dem Geist hörte, und fühlte sich überwältigt von Reue und Schmerz.

"Mensch," sprach der Geist, "wenn du ein menschliches Herz hast und kein steinernes, so hüte dich, so heuchlerisch zu reden, bis du weißt, was und wo dieser Überfluss ist. Willst du entscheiden, welche Menschen leben, welche Menschen sterben sollen? Vielleicht bist du in den Augen des Himmels unwürdiger und unfähiger zu leben, als Millionen gleich dieses armen Mannes Kind. O Gott! Solch Gewürme auf einem Blättlein reden zu hören über die Zuviellebenden unter seinen hungrigen Brüdern im Staube!"

Scrooge nahm des Geistes Vorwurf demütig hin und schlug die Augen nieder, aber er blickte schnell wieder in die Höhe, als er seinen Namen hörte.

"Es lebe Mrs. Scrooge!" sagte Bob, "Mr. Scrooge, der Schöpfer dieses Festes!"

"Der Schöpfer diese Festes, wahrhaftig!" rief Mrs. Cratchit mit glühendem Gesicht. "Ich wollte, ich hätte ihn hier. Ich wollte ihm ein Stück meiner Meinung zu kosten geben, und ich hoffe, sie würde ihm schmecken."

"Liebe Frau," sagte Bob beschwichtigend, "die Kinder! - es ist Weihnachten."

"Ich will auf seine Gesundheit trinken, dir und dem Feste zu Gefallen," sagte Mrs. Crachit, "nicht seinetwegen. Möge er lange leben! Ein fröhliches Weihnachten und ein glückliches neues Jahr! - Er wird sehr fröhlich und sehr glücklich sein, das glaub ich."

Die Kinder tranken auf die Gesundheit nach ihr. Es war das Erste, was sie an diesem Abend ohne Herzlichkeit und Wärme taten. Tiny Tim trank auf sie zuletzt, aber er gab keinen Pfifferling darum. Scrooge war das Schreckbild der Familie. Die Erwähnung seines Namens warf über alle einen düsteren Schatten, der volle fünf Minuten zum Verschwinden brauchte.

Als er weg war, waren sie zehnmal lustiger, als vorher, schon weil sie Scrooge los waren, den Schrecklichen. Bob Cratchit erzählte, dass er eine Stelle für Mr. Peter in Aussicht habe, die diesem ganze fünf und einen halben Schilling wöchentlich eintragen werde. Die beiden kleinen Cratchits lachten fürchterlich bei dem Gedanken, Peter als Geschäftsmann zu sehen; und Peter selbst blickte gedankenvoll zwischen seinen Halskragen hervor in das Feuer, als überlegte er, in welchen Aktien er wohl am besten seine Ersparnisse anlegen würde, wenn er in Besitz dieser unglaublichen Summe käme. Martha, die bei einer Putzmacherin Gehilfin war, erzählte ihnen, was für Arbeit sie jetzt mache und wie viel Stunden sie in der guten Zeit arbeiten müsse und wie sie morgen früh auszuschlafen gedenke; denn morgen war für sie ein Feiertag. Auch erzählte sie, wie sie vor einigen Tagen eine Gräfin und einen Lord gesehen, und dass der Lord fast so groß wie Peter gewesen sei; bei diesen Worten zupfte Peter seinen Hemdkragen so in die Höhe, dass sein Kopf dazwischen verschwand. Während dieser ganzen Zeit gingen Punsch und reife Kastanien um, und dazwischen sang Tiny Tim mit seiner klagenden Stimme ein Lied von einem Kinde, das sich im Schnee verlaufen: und sang es recht hübsch.

In alle dem war nichts Besonderes. Es waren keine hübschen Gesichter in der Familie: sie waren nicht schön angezogen, ihre Schuhe waren nichts weniger als wasserdicht, ihre Kleider waren ärmlich, und Peter mochte wohl das Innere eines Pfandleiherladens kennen. Aber sie waren glücklich, voller Dank für ihre bescheidenen Freuden, einig untereinander und zufrieden: und als ihre Gestalten verblichen und in dem scheidenden Lichte der Fackel des Geistes noch glücklicher aussahen, verweilte Scrooge Auge immer noch auf ihnen und hing vor allem an Tiny Tim.

Es war jetzt ganz dunkel geworden und es fiel ein starker Schnee; und als Scrooge und er Geist durch die Straßen gingen, leuchtete der Glanz der lodernden Feuer in Küchen, Putzstuben und aller Art Gemächern über alle Maßen wundervoll. Hier zeigte die flackernde Flamme die Vorbereitungen zu einem traulichen Mahl, die heißen Teller, wie sie sich vor dem Feuer durch und durch wärmten, und die dunkelroten Gardinen, bereit, Kälte und Nacht auszuschließen. Dort liefen alle Kinder des Hauses auf die beschneite Straße hinaus, ihren verheirateten Schwestern, Brüdern, Vettern, Basen, Onkeln und Tanten entgegen, um sie zuerst zu begrüßen. Hier zeigten sich an den Fenstern Schatten versammelter Gäste; dort eine Gruppe hübscher Mädchen in Pelzkragen und Pelzstiefeln, alle zugleich redend und mit leichten Schritten in eines Nachbars Haus eilend. Wehe dem Junggesellen, der sie dort eintraten sah!

Wenn man nach der Zahl der Leute hätte urteilen wollen, die zu freundschaftlichen Besuchen eilten, hätte man glauben mögen, es sei niemand da, sie zu begrüßen. Aber statt dessen erwartete jedes Haus Gäste und in jedem Kamin loderte die Flamme. Wie sich der Geist freute! Wie er seine breite Brust entblößte und seine volle Hand auftat und dahinschwebte, freigebig seine heitere und harmlose Lust über alles in seinem Bereiche ausschüttend! Selbst der Laternenanzünder, der durch die dunklen Straßen rannte, um ihre trüben Nebel mit

Flecken Licht zu erhellen, und der bereits angeputzt war, um den Abend irgendwo zuzubringen, lachte laut auf, als er den Geist vorüberschweben fühlte.

Und jetzt, ohne das der Geist etwas gesagt hätte, standen sie auf einer kahlen, öden Heide, wo ungeheure Felsblöcke umhergestreut waren, als wäre hier eine Begräbnisstätte von Riesen. Und Wasser breitete sich aus, wo es nur Lust hatte - oder würde es getan haben, wenn es der Frost nicht gefangen hielte; und nichts wuchs dort, als Moos und Gestrüpp und hartes, spitziges Gras. Tief im Westen hatte die untergehende Sonne einen Streifen gl#39;Times New Romanühenden Rotes gelassen, der einen Augenblick auf die öde Steppe nieder schaute, wie ein zürnendes Auge, und immer tiefer und tiefer sank, bis er sich im Dunkel der tiefsten Nacht verlor.

"Was ist das für ein Ort?" fragte Scrooge.

"Ein Ort wo Bergleute in den Tiefen der Erde arbeiten", antwortete der Geist. "Aber sie kennen mich. Sieh!"

Ein Licht strahlte aus dem Fenster einer Hütte, und sie schwebten schnell darauf zu. Hier fanden sie eine fröhliche Gesellschaft um ein wärmendes Feuer sitzen: ein alter Mann und eine greise Frau mit ihren Kindern und Enkeln und Urenkeln, alle in festlichen Kleidern. Der alte sang ein Weihnachtslied mit einer Stimme, die nur selten das Heulen des windes auf der Einöde übertönte: es war schon ein sehr altes Lied gewesen, als er noch ein Knabe war, und von Zeit zu Zeit fielen alle im Chore ein. Und stets, wie ihre Stimmen ertönten, wurde der Alte lebendig und laut; und immer wie sie aufhörten, sank seine Kraft wieder. Der Geist verweilte hier nicht, sondern befahl Scrooge, sich an sein Gewand zu halten. Sie schwebten über die Öde, aber wohin? Doch nicht aufs Meer? Aufs Meer! Zu seinem Schrecken sah Scrooge eine Reihe grausig steiler Klippen und hinter sich das Land verschwinden, und sein Ohr wurde betäubt von dem Donner der Wogen, wie sie unten in den grausenden Höhlen, die sie genagt hatten, heulten und brüllten und wüteten und mit wildem Grimm die Erde zu unterwühlen trachteten.

Auf einer öden, halb im Wasser versunkenen Klippe, gewiss eine Weile vom Lande entfernt, stand ein einsamer Leuchtturm. Das ganz trostlose Jahr hindurch umschäumten und umtosten ihn die Wogen. Große Haufen von Seekraut umgaben seinen Fuß, und Sturmvögel - man konnte glauben, dass sie vom Winde geboren waren wie das Seekraut von den Wellen - Sturmvögel hoben und senkten sich um seine Spitze, wie die wogenden Wellen unten.

Aber selbst hier hatten die zwei Turmwächter ein Feuer angezündet, das durch das Guckloch in der dicken, steinernen Mauer einen hellglänzenden Streifen in die nächtliche See hinauswarf. Die harten Hände sich über den Tisch hinreichend, an dem sie saßen, wünschten sie einander fröhliche Weihnachten und stießen mit den Groggläsern darauf an. Und einer der beiden, der Ältere noch dazu, mit einem Gesicht von Sturm und Wetter gebräunt und gefurcht, wie das Gallionbild eines alten Schiffes, stimmte ein mächtiges Lied an, das wie ein Sturmwind erdröhnte.

Immer noch schwebte der Geist über die dunkelwogende See dahin, immer weiter und weiter, bis sie, wie der Geist zu Scrooge sagte, fern von jeder Küste, auf einem Schiffe niedersanken. Sie standen neben dem Steuermann an dem Rade, dem Ausgucker vorn, neben den Offizieren, die gerade die Wache hatten. Wie dunkle gespenstige Gestalten standen diese auf ihrem Posten, aber jeder von ihnen summte ein Weihnachtslied, oder hatte einen Weihnachtsgedanken, oder sprach leise zu seinem Kameraden von einem früheren Weihnachtsabend und heimatlichen Hoffnungen, die sich daran knüpften. Und jeder einzelne an Bord, wachend oder schlafend, gut oder schlecht, hatte an diesem Tage ein herzlicheres Wort für seine Kameraden gehabt, als an jedem andern Tage des Jahres, und ihn wenigstens so einigermaßen gefeiert: und hatte an die gedacht, die sich jetzt in der Ferne seiner erinnerten, und hatte gewusst, dass sie jetzt seiner freundlich gedächten.

eine große Überraschung war es für Scrooge - während er dem Stöhnen des Windes lauschte und darüber nachdachte, wie es doch schauerlich sei, durch die öde Nacht über einen unbekannten Abgrund, der Geheimnisse barg, so tief wie der tod, zu schiffen - eine große Überraschung war es für Scrooge, sage ich, plötzlich ein herzliches Lachen zu vernehmen. Noch größer war Scrooges Überraschung, als er darin das Lachen seines eigenen Neffen erkannte und sich in einem hellen, behaglich warmen Zimmer wiederfand, während der Geist an seiner Seite stand und mit beifälligem, mildem Lächeln auf diesen Neffen herabblickte.

"Haha!" lachte Scrooges Neffe. "Hahaha!"

Wenn jemand durch einen sehr unwahrscheinlichen Zufall einen Mensche weiß, der sich glücklich fühlt, zu lachen, als Scrooges Neffe, so kann ich nur sagen, ich möchte ihn auch kennen. Stellt mich ihm vor, und ich werde mit ihm Freundschaft pflegen.

Es ist doch eine gerechte und schöne Anordnung, dass, wie Krankheit und Kummer, auch in der ganzen weiten Welt nichts so unwiderstehlich ansteckend ist, als Lachen und Fröhlichkeit. Wie Scrooges Neffe lachte und sich den Bauch hielt und mit dem Kopfe wackelte und die allermerkwürdigsten Gesichter schnitt, lachte Scrooges Nichte so herzlich wie er. Und die versammelten Freunde, nicht faul, fielen in den Lachchor ein. "Haha! Haha! Ha,ha!"

"Er sagte, Weihnachten wäre dummes Zeug, so wahr ich lebe", rief Scrooges Neffe. "Und er glaubt es auch."

"Die Schande ist um so größer für ihn, Fritz", sagte Scrooges Nichte entrüstet. Gott segne die Frauen! Sie tun nie etwas halb. Sie sind immer im vollen Ernste.

Sie war hübsch, sehr hübsch. Sie hatte ein liebliches, schelmisches Gesicht, einen frischen kleinen Mund, der zum Küssen gemacht schien - wie er es ohne Zweifel auch war, alle Arten lieber kleiner Grübchen um das Kinn, die ineinander flossen, wenn sie lachte, und das sonnenhellste Paar Augen, das je erblickt werden konnte. Ja, sie war reizend, liebenswürdig, bezaubernd.

"Es ist ein komischer alter Herr," sagte Scrooges Neffe, "das ist wahr; und nicht so angenehm, wie er sein könnte. Doch seine Fehler bestrafen sich selbst, und ich habe keinen Grund, ihn zu tadeln."

"Er muss doch sehr reich sein, Fritz", meinte Scrooges Nichte. "Wenigstens sagst du es immer."

"Was geht das uns an, Liebste!" sprach Scrooges Neffe. "Sein Reichtum nützt ihm nichts. Er tut nichts Gutes damit. Er macht sich selbst nicht einmal das Leben damit angenehm. Er hat nicht das Vergnügen, zu denken - hahaha - dass er uns am Ende damit eine Freude machen wird."

"Ich habe keine Geduld mit ihm", bemerkte Scrooges Nichte. Die Schwester von Scrooges Nichte und alle die anderen Damen waren derselben Meinung.

"O, ich habe Geduld", sagte Scrooges Neffe. "Mir tut er leid; ich könnte nicht böse auf ihn werden, selbst wenn ich`s versuchte. Wer leidet unter seiner bösen Laune? Er selber allein, sonst niemand. Jetzt hat er sich`s in den Kopf gesetzt, uns nicht leiden zu können, und will unsere Einladung zum Mittagessen nicht annehmen. Was ist die Folge davon? Er verliert nicht viel an unserem Essen."

"Nun, ich meine, er verliert ein sehr gutes Essen", unterbrach ihn Scrooges Nichte. Die andern sagten dasselbe und man konnte ihr Urteil darüber nicht bestreiten, weil sie eben zu essen aufgehört hatten und jetzt mit dem Dessert bei Lampenlicht um den Kamin saßen.

"Nun, es freut mich, das zu hören," sagte Scrooges Neffe, "weil ich kein großes Vertrauen in diese jungen Hausfrauen setze. Was sagen Sie dazu, Topper?"

Ganz klärlich war`s Topper hatte ein Auge auf eine der Schwestern von Scrooges Nichte geworfen, denn er antwortete, ein Hagestolz sei ein unglücklicher, heimatloser Mensch, der kein Recht habe, eine Meinung über diesen Gegenstand auszusprechen: Worte, bei denen die Schwester von Scrooges Nichte - die Runde mit dem Spitzkragen, nicht die mit der Rose im Haar - rot wurde.

"Weiter, weiter, Fritz!" sagte Scrooges Nichte, "dass die Folge seines Missfallens an uns und seiner Weigerung, mit uns fröhlich zu sein, die ist, dass er einige angenehme Augenblicke verliert, die ihm nichts schaden würden. Gewiss verliert er angenehmere Unterhaltung, als ihm seine eigenen Gedanken in seinem dumpfigen alten Kontor oder in seiner Wohnung bereiten. Ich denke ihm jedes Jahr die Gelegenheit dazu zu geben, mag es ihm nun gefallen oder nicht, denn er dauert mich. Er mag auf Weihnachten schimpfen, bis er stirbt, aber er muss doch endlich besser davon denken, wenn er mich jedes Jahr in guter Laune zu ihm kommen sieht, mit den Worten: Onkel Scrooge, wie befinden sie sich? - Wenn es ihm nur den Gedanken einflößt, seinem armen Handlungsdiener fünfzig Pfund zu hinterlassen, so ist das doch wenigstens etwas: und ich glaube, ich packte ihn gestern."

Jetzt war an ihnen die Reihe zu lachen bei dem Gedanken, dass er Scrooge gepackt hätte. Aber da er durch und durch gutmütig war und sich nicht viel darum kümmerte, worüber sie lachten, wenn sie überhaupt lachten, so stimmte er in ihre Fröhlichkeit mit ein und ließ die Flasche wacker herumgehen.

Nach dem Tee kam Musik an die Reihe. Denn es war eine musikalische Familie, und sie wussten, was sie taten, wenn sie eine Glee oder Catch sangen, darauf könnt ihr euch verlassen, namentlich Tropper, der den Bass nach Noten brummen konnte, ohne das die großen Adern auf der Stirn anschwollen oder sich sein Gesicht rötete. Scrooges Nichte spielte die Harfe recht gut, und spielte unter anderen Stücken auch ein kleines Liedchen (ein bloßes Nichts, ihr hättet es in zwei Minuten pfeifen gelernt), das jenes Kind oft gesungen hatte von dem Scrooge aus der Schule geholt worden war, wie ihm der Geist der vergangenen Weihnachten gezeigt hatte. Als Scrooge dies Liedchen hörte, trat alles, was ihm der Geist gezeigt hatte, abermals vor seine Seele: er wurde weicher und weicher und dachte, wenn er es vor Jahren hätte oft hören können, so hätte er die gemütlichen Seiten des Lebens genießen können, ohne erst zu Marleys Geist seine Zuflucht um Belehrung nehmen zu müssen.

Aber sie widmeten nicht den ganzen Abend der Musik. Nach einer Weile fingen sie Pfänderspiele an, denn es ist gut, zuweilen Kind zu sein, und vorzüglich zu Weihnachten, wo der Urheber dieses Festes selbst ein Kind war. Doch halt, erst spielten sie noch Blindekuh. Und ich glaube ebenso wenig, dass Topper wirklich blind war, als ich glaube, er hätte Augen in seinen Stiefeln gehabt. Ich vermute, die Sache war zwischen ihm und Scrooges Neffen abgekartet und der Geist der heurigen Weihnachten wusste es wohl! die Art, wie er die runde Schwester in dem Spitzenkragen verfolgte, war eine Beleidigung aller menschlichen Leichtgläubigkeit. Wo sie ging, ging auch er, die Feuereisen umstoßend, über Stühle stolpernd, an das Piano anrennend, sich in den Gardinen verwickelnd. Immer wusste er, wo die rund Schwester war. Wenn jemand gegen ihn gefallen wäre, wie es einige machten, oder sich vor ihn hingestellt hätten, würde er getan haben, als bemühe er sich, ihn zu ergreifen, wäre aber augenblicklich umgekehrt, der runden Schwester nach. Sie rief oft, das sei nicht ehrlich, und das war es auch in der Tat nicht. Aber endlich hatte er sich gefunden, und ungeachtet ihres Sträubens zwängte er sie in eine Ecke, aus der keine Flucht möglich war; und da wurde seine Aufführung ganz abscheulich. Denn sein Vorgehen, er kenne sie nicht, er müsse erst ihren Kopfputz anfassen und, um sie zu erkennen, einen gewissen Ring auf ihrem Finger und eine gewisse Kette um ihren Hals befühlen, war ganz, ganz abscheulich! Und gewiss sagte sie ihm auch tüchtig ihre Meinung darüber, denn als ein anderer Blinder an der Reihe war, tuschelten sie hinter der Gardine sehr vertraut mit einander.

Scrooges Nichte nahm nicht Teil an dem Blindekuhspiele, sondern saß gemütlich in einer traulichen Ecke in einem Lehnstuhle mit einem Fußbänkchen davor, und der Geist und Scrooge standen dicht hinter ihr. Aber bei den Pfänderspielen tat sie mit und liebte ihre Liebe mit allen Buchstaben des Alphabets zur allgemeinen Verwunderung. Auch in dem Spiele: Wie, Wo und Warum, war sie sehr tüchtig und stellte zur geheimen Freude von Scrooges Neffen ihre Schwestern gar sehr in den Schatten, obgleich sie auch ganz gescheite Mädchen waren, wie es uns Topper hätte versichern können. Es mochten ungefähr zwanzig Personen da sein, junge und alte, aber sie spielten alle und auch Scrooge spielt mit; denn in seiner Teilnahme an den Vorgängen ganz vergessen, dass ihnen seine Stimme nicht hörbar war, gab er oft seine Antwort auf die Frage ganz laut und riet auch oft ganz richtig.

Dem Geist gefiel es sehr gut, ihn in dieser Laune zu sehen, und er blickte ihn so freundlich an, dass ihn Scrooge wie ein Knabe bat, noch warten zu dürfen, bis die Gäste fortgingen. Aber der Geist sagte, dies könne nicht geschehen.

"Es fängt ein neues Spiel an", sagte Scrooge. "Nur eine einzige halbe Stunde, Geist."

Es war ein Spiel, das man Ja und Nein nennt, wo Scrooges Neffe sich etwas zu denken hatte und die andern erraten mussten, was; auf ihre Fragen brauchte er dann nur mit einem Ja oder Nein zu antworten. Die schnell aufeinander folgenden Fragen, die ihm vorgelegt wurden, ergaben denn endlich, dass er sich ein Tier gedacht hatte: ein lebendiges Tier, ein hässliches Tier, ein wildes Tier, ein Tier, das zuweilen brumme und zuweilen spreche und sich in London aufhalte und in den Straßen herumlaufe und nicht für Geld gezeigt und nicht herumgeführt werde und nicht in einer Menagerie sei und nicht geschlachtet werde, und weder ein Pferd, noch ein Esel, noch eine Kuh, noch ein Ochs, noch ein Tiger, noch ein Hund, noch ein Schwein, noch eine Katze noch ein Bär sei. Bei jeder neuen Frage, die ihm gestellt wurde, brach Scrooges Neffe erneut in ein Gelächter aus und konnte gar nicht wieder herauskommen, so das er vom Sofa aufstehen und mit den Füßen stampfen musste. Endlich rief die runde Schwester mit einem ebenso unauslöschlichen Gelächter:

"Ich habe es, Fritz, ich weiß, ich weiß es."

"Was ist es?" rief Fritz.

"Es ist Onkel Scrooge."

Und der war es auch. Verwunderung war das allgemeine Gefühl, obgleich einige meinten, die Frage: Ist es ein Bär? Hätte mit Ja beantwortet werden müssen, denn eine verneinende Antwort sei schon hinreichend gewesen, ihre Gedanken von Scrooge abzubringen, selbst wenn sie auf dem Wege zu ihm gewesen wären.

"Nun, er hat uns Freude genug gemacht," sagte Fritz, "und so wäre es undankbar, nicht auf seine Gesundheit zu trinken. Hier ist ein Glas Glühwein dazu bereit. Es lebe Onkel Scrooge!" "Es lebe Onkel Scrooge!" stimmten alle ein.

"Fröhliche Weihnachten und ein glückliches Neujahr dem Alten, sei er, wie er wolle!" sagte Scooges Neffe. "Er wollte meinen Wunsch nicht annehmen, aber er soll ihn dennoch haben." Dem Onkel Scrooge war es unmerklich so fröhlich und leicht zu Sinnen geworden, dass er der von seiner Gegenwart nichts ahnenden Gesellschaft ihren toast erwidert und mit einer unhörbaren Rede gedankt haben würde, wenn ihm der Geist Zeit dazu gelassen hätte. Aber alles verschwand in dem Hauche von dem letzten Worte des Neffen, und Scrooge und der Geist waren schon wieder unterwegs. Sie gingen weit und sahen viel und besuchten manchen Herd, aber immer spendeten sie Glück. Der Geist stand neben Kranken, und sie wurden heiter und hoffend: neben Wanderern in fernen Ländern, und sie träumten von der Heimat: neben solchen, die mit dem Leben rangen, und sie harrten geduldig aus: neben Armen, und sie wurden reich. Im Armenhause und im Lazarett, im Kerker und in jedem Zufluchtsort des Elends, wo der Mensch in seiner kurzen ärmlichen Herrschaft dem Geiste die Tür verschlossen hatte, spendete er seinen Segen und lehrte Scrooge seine Weise.

Es war eine lange Nacht, wenn es nur eine Nacht war; aber Scrooge zweifelte daran, denn die Weihnachtsfeiertage schienen in die Zeit, in der sie miteinander verrannen, zusammen gedrängt zu sein. Es war auch sonderbar, dass der Geist offenbar älter wurde, während Scrooge äußerlich ganz unverändert blieb. Scrooge hatte diese Veränderung zwar bemerkt, sprach aber nie davon, bis sie von einer Kinderweihnachtsgesellschaft weggingen, wo er bemerkte, dass des Geistes Haar schnell grau geworden war.

"Ist das Leben der Geister so kurz?" fragte Scrooge. "Mein Leben ist sehr kurz auf dieser Erde," sagte der Geist, "es endet noch in dieser Nacht."

"In dieser Nacht noch!" rief Scrooge.

"Heute um Mitternacht. Horch, die Zeit nahet schon." Die Glocke schlug drei Viertel auf zwölf.

"Vergib mir, wenn ich nicht recht tue, zu fragen," sagte jetzt Scrooge, scharf auf des Geistes Gewand blickend, "aber ich sehe etwas Seltsames unter deinem Mantel hervorblicken, was nicht zu dir zu gehören scheint. Ist es ein Fuß oder eine Klaue?"

"Nach dem wenigen Fleisch, was darauf sitzt, könnte es schon eine Klaue sein", gab der Geist traurig zur Antwort, und fuhr fort: "Sieh hier."

Aus den weiten Falten seines Gewandes hervor erschienen jetzt zwei Kinder, elend, abgemagert, hässlich und mitleiderregend. Sie knieten vor dem Greise nieder und hielten sich festgeklammert an dem Saum seines Gewandes.

"O Mensch, sieh hier", rief der Geist. "Sieh hier, sieh hier!"

Es war ein Knabe und ein Mädchen. Fahlen Gesichtes, elend, zerlumpt und mit wildem, tückischem Blicke; aber doch auch ängstlich und gedrückt in ihrer Demut. Wo die Schönheit der Jungend ihre Züge hätte durchleuchten und mit ihren frischesten Farben kleiden sollen, hatte sie eine runzlige, abgelebte Hand, gleich der des Alters, berührt und versehrt. Wo Engel hätten thronen können, lauerten Teufel mit grimmigem, drohendem Blick. Keine Veränderung, keine Entwürdigung der Menschheit in allen Geheimnissen der Schöpfung hat so schreckliche und grauenerregende Ungeheuer aufzuweisen.

Entsetzt fuhr Scrooge zurück. Da sie ihm der Geist auf solche Weise gezeigt hatte, versuchte er zu sagen, es wären schöne Kinder, aber die Worte erstickten ihm von selber, um nicht teilzuhaben an einer so ungeheuren Lüge.

"Geist, sind das deine Kinder?" weiter konnte Scrooge nichts sagen.

"Es sind des Menschen Kinder", erwiderte der Geist, auf sie herabschauend. "Und sie hängen sich an mich, vor mir ihre Väter anklagend. Dieses Mädchen ist die Unwissenheit. Dieser Knabe ist der Mangel. Schau sie beide wohl an, und vor allem diesen Knaben; denn auf seiner Stirn sehe ich geschrieben, was Verhängnis ist, wenn die Schrift nicht verlöscht wird. Leugnet es", rief der Geist, seine Hand nach der Stadt ausstreckend. "Verleumdet alle die, es euch sagen! Gebt es zu um Euer Parteizwecke willen und macht es noch schlimmer! Und erwartet das Ende!"

"Haben sie keine Stütze, keinen Zufluchtsort?" rief Scrooge. "Gibt es keine Gefängnisse?" sagte der Geist, das letzte Mal die eigenen Worte von Scrooge gegen ihn gebrauchend. "Gibt es keine Armenhäuser?"

Die Glocke schlug zwölf.

Scrooge sah sich um nach dem Geiste, aber er war verschwunden. Als der letzte Schlag verklungen war, erinnerte er sich an die Vorhersagung des alten Jakob Marley und sah, die Augen erhebend, ein grauenerregendes, tief verhülltes Gespenst auf sich zukommen, wie ein Nebel auf dem Boden dahinzurollen pflegt.

 

Viertes Kapitel.
Der letzte der drei Geister.

Die Erscheinung kam langsam, feierlich, schweigend auf ihn zu. Als sie herangekommen war, fiel Scrooge auf die Knie nieder, denn selbst die Luft, durch die sich der Geist bewegte, schien geheimnisvolles Grauen um sich zu verbreiten.

Die Erscheinung war verhüllt in einem schwarzen, weiten Mantel, der nichts von ihr sehen ließ, als eine ausgestreckte Hand. Wenn diese nicht gewesen wäre, würde es einem schwer angekommen sein, die Gestalt von der Nacht zu trennen, die sie umgab! Als sie neben ihm stand, fühlte er, dass sie groß und stattlich wäre und dass ihn ihre geheimnisvolle Gegenwart mit einem feierlichen Grauen erfüllte. Er wusste weiter nichts, denn der Geist sprach und bewegte sich nicht.

"Ich stehe vor dem Geist der zukünftigen Weihnachten?" fragte Scrooge.

Der Geist antwortete nicht, sondern wies mit der Hand zur Erde hinab.

"Du willst mir die Schatten der Dinge zeigen, die noch nicht geschehen sind, aber noch geschehen werden?" fuhr Scrooge fort. Willst du das Geist?"

Der obere Teil der Verhüllung bauschte sich auf einen Augenblick in Falten, als ob der Geist sein Haupt neige; dies war die einzige Antwort, die Scrooge erhielt.

Obgleich schon so ziemlich an gespenstische Gesellschaft gewöhnt, bangte Scrooge vor der stummen Erscheinung doch so sehr, dass seine Knie wankten und er kaum noch stehen konnte, als er sich ihr zu folgen bereit machte. Der Geist stand für einen Augenblick still, als bemerkte er die Furcht seines Begleiters und als wolle er ihm Zeit lassen, sich zu erholen.

Aber Scrooge befand sich dadurch noch schlechter. Ein fremdes, unbestimmtes Grausen durchbebte ihn bei dem Gedanken, dass sich hinter diesem schwarzen Schleier gespenstische Augen fest auf ihn heften könnten, während er, obgleich er seine Augen aufs Äußerste anstrengte, doch nichts sehen konnte als die gespenstische Hand und eine große, schwarze Faltenmasse. "Geist der Zukunft," ich fürchte dich mehr als die Geister, die ich schon gesehen habe. Aber da ich weiß, dass es dein Zweck ist, mit Gutes zu tun, und da ich noch zu leben hoffe, um ein anderer Mensch zu werden, als ich bisher war, bin ich willens, dich zu begleiten und tue es mit einem dankerfüllten Herzen. - Willst du nicht zu mir sprechen?"

Die Gestalt gab ihm keine Antwort. Die Hand wies gerade vor ihm hin in die Ferne.

"Führe mich", bat Scrooge. "Führe mich, die Nacht schwindet schnell, und die Zeit ist für mich kostbar. Führe mich, Geist." Die Erscheinung bewegte sich ebenso von ihm weg, wie sie auf ihn zugekommen war. Scrooge folgte dem Schatten ihres Gewandes, der ihn aufhob und von dannen trug.

Kaum war es, als ob sie in die City träten; denn die City schien rings um sie her mehr in die Höhe zu wachsen und sie zu umdrängen. Aber sie waren doch mitten in ihrem Herzen, auf der Börse unter den Kaufleuten, die geschäftig hin und her eilten, mit dem Gelde in ihren Taschen klimperten, in Gruppen miteinander sprachen, nach der Uhr sahen und gedankenvoll mit den großen, goldenen Petschaften an den Uhrketten spielten, wie Scrooge es schon so oft gesehen hatte.

Der Geist blieb bei einer Gruppe von Kaufleuten stehen, und Scrooge sah, dass die Hand der Erscheinung darauf hinwies; daher näherte er sich ihnen, um ihr Gespräch zu belauschen. "Nein, ich weiß nicht viel davon zu sagen", sagte ein großer fetter Mann mit einem ungeheuren Unterkinn. "Ich weiß nur, dass er tot ist."

"Wann starb er denn?" fragte ein anderer.

"Vorige Nacht, glaub ich."

"Mein Gott, was ist denn dem eingefallen?" mischt sich ein Dritter ein, der dabei eine große Prise aus einer sehr großen Dose nahm. "Ich glaubte, der würde nie sterben."

"Weiß Gott, wie es zugeht", sagte der Erste und gähnte. "Was hat er mit seinem Gelde angefangen?" fragte ein Herr mit einem roten Gesicht und einem Auswuchs an der Nasenspitze, der wie der Lappen eines Truthahns wackelte. "Ich habe nichts davon gehört", sagte der Mann mit dem fetten Unterkinn, und gähnte abermals. "Hat es wahrscheinlich seiner Gilde hinterlassen. Mir hat er`s nicht vermacht. Das weiß ich."

dieser reizende Scherz wurde mit einem allgemeinen Gelächter begrüßt.

"Es wird wohl ein sehr billiges Begräbnis werden," fuhr der Dicke mit dem Unterkinn fort; "denn so wahr ich lebe, ich kenn niemanden, der mitgehen sollte. Wenn wir nun zusammenträten und freiwillig mitgingen?"

"Ich tue mit, wenn für ein Lunch gesorgt wird", bemerkte der Herr mit dem Truthahnlappen an der Nasenspitze. "Aber ich muss traktiert werden, wenn ich dabei sein soll." Ein neues Gelächter.

"Nun, da bin ich doch wohl der Uneigennützigste von euch," meinte der erste Sprecher, "denn ich trage nie schwarze Handschuhe und esse nie Lunch. Aber ich gehe mit, wenn sich noch andere finden. Wenn ich mir`s recht überlege, war ich am Ende sein vertrautester Freund; denn wir blieben stehen und sagten einander, wenn wir uns auf der Straße trafen: Guten Morgen, guten Morgen!"

Sprecher und Zuhörer gingen fort und mischten sich unter andere Gruppen. Scrooge kannte die Leute und sah den Geist mit einem fragenden Blicke an.

Die Erscheinung schwebte weiter und hinaus auf die Straße. Ihre Hand wies auf zwei sich begegnende Personen. Und wieder hörte Scrooge zu, in der Hoffnung, jetzt die Erklärung zu finden.

Denn er kannte auch diese Leute recht gut. Es waren Kaufleute, sehr reich und von großem Ansehen. Er hatte sich immer bestrebt, in ihrer Achtung zu bleiben, das heißt in Geschäftssachen, rein in Gechäftssachen.

"Wie geht's", sagte der eine.

"Wie geh`s Ihnen?" der andere.

"Gut", erwiderte der Erste. "Der alte Knauser ist endlich tot, wissen Sie es schon?"

"Ich hörte es", antwortete der Zweite. "Es ist kalt heute, nicht wahr?"

"Wie sich`s zu Weihnachten schickt. Sie sind wohl kein Schlittschuhläufer?"

"Nein, nein. Habe an andere Sachen zu denken. Guten Morgen!"

Kein Wort weiter. So trafen sie sich, so trennten sie sich. Scrooge war erst zu Staunen geneigt, dass der Geist auf anscheinend so unbedeutende Gespräche ein Gewicht zu legen schien; aber sein Gefühl sagte ihm, dass sie eine verborgene Bedeutung haben müssten, und er zerbrach sich den Kopf, welcher Art diese sein möge. Die Gespräche konnten sich nicht auf den Tod Jakobs, seines alten Kompagnons, beziehen, denn der gehörte der Vergangenheit an, und sein Führer war doch der Geist der Zukunft. Auch konnte er sich niemanden von den ihn näher Angehenden vorstellen, auf den er sie hätte beziehen können. Aber in der Gewissheit, dass für ihn doch eine wichtige Lehre darin liege, auf wen sie sich auch beziehen möchten, beschloss er, jedes Wort, das er hörte, und jede Szene, die er sah, treu in seinem Herzen aufzubewahren, und vorzüglich seinen Schatten zu beobachten, wenn er erschien. Denn er erwartete von dem Benehmen seines zukünftigen Selbst die noch fehlende Aufklärung und die Lösung der Rätsel, die ihm jetzt so schwierig vorkam.

Schon auf der Börse sah sich nach seinem Selbst um; aber ein anderer stand in seiner gewohnten Ecke, und obgleich die Uhr die Stunde zeigte, wo er gewöhnlich dort war, bemerkte er sich auch nicht unter den Scharen, die sich durch den Eingang hineindrängten. Das überraschte ihn indessen um so weniger, als er schon lange daran gedacht hatte, sein Geschäft aufzugeben; und nun glaubt und hoffte er, in dieser Erscheinung schon die einzige Verwirklichung seines Planes zu erblicken.

Regungslos und schwarz stand neben ihm das Gespenst mit seiner starr ausgestreckten Hand. Als er wieder von seiner nachdenklichen Stellung aufblickte, glaubte er (nach der Richtung der Hand zu urteilen), dass sich die unsichtbaren Augen fest auf ihn hefteten. Bei diesem Gedanken überlief ihn ein kalter Schauer. Sie verließen darauf die geschäftige Umgebung und gingen in einen abgelegenen Teil der Stadt, wo Scrooge nie vorher gewesen war, dessen Lage und schlechten Ruf er aber kannte. Die Straßen waren schmutzig, eng und krumm, die Läden und Häuser ärmlich, die Menschen halbnackt, betrunken, barfuss, hässlich. Gässchen und Torwege strömten, wie ebenso viele Kloaken, abscheuerregende Gerüche und Schmutz und Menschen in die Straßen, und das ganze Viertel schien erfüllt von Verbrechen, von Unrat und von Elend.

In einem dieser tristen Winkel dieses Zufluchtsortes der Sünde und des Verbrechens befand sich ein niedriger, dunkler Laden unter einem Wetterdache, in dem Eisen, Lumpen, Flaschen, Knochen und Fleischabfälle verkauft wurden. Auf dem Fußboden lag ein Haufen verrosteter Schlüssel, Nägel, Ketten, Türangeln, Feilen, Wagen, Gewichte und altes Eisen aller Art. Geheimnisse, nach deren Enträtselung wenige verlangen würden, entstanden und verbargen sich in Bergen widriger Lumpen, unter Massen verdorbenen Fettes und ganzen Beinhäusern von Knochen. Mitten unter seinen Waren saß neben einem aus alten Kacheln zusammengesetzten Ofen ein grauhaariger, fast siebzigjähriger Schelm, der sich von der Kälte draußen durch einen bauschigen Vorhang von allerlei, auf eine Leine gehängten Lumpen geschützt hatte und seine Pfeife im Vollgenusse des Behagens rauchte.

Scrooge und die Erscheinung traten neben diesen Mann, als eine Frau mit einem schweren Bündel in den Laden schlich. Aber kaum war sie eingetreten, als ihr eine zweite Frau, auch mit einem Bündel, nachkam; und dieser folgte dicht auf den Fersen ein Mann in einem alten, schwarzen, abgetragenen Anzuge, der nicht weniger von ihrem Anblick erschrak, als sie voreinander erschrocken waren. Nach einigen Augenblicken wortlosen Staunens, an dem sich auch der Alte mit der Pfeife beteiligt hatte, brachen sie alle drei in ein lautes Gelächter aus. "Sag mir einer, die Leichenwäscherin würde die erste sein", sagte die zuerst Eingetretene. "Sag mir einer, die Wärterin würde die zweite sein; und nenne mir einer des Leichenbesorgers Gehilfen den dritten! Schau, alter Joe, wie das klappt! Sage, ob wir uns nicht alle drei hier getroffen haben, ohne dass wir`s wollten." "Ihr hättet euch an keinem besseren Orte treffen können", sagte der alte Joe, die Pfeife aus dem Mund nehmend. "Kommt in das gute Zimmer. Ihr habt schon lange das Bürgerrecht dort, das wisst ihr ja, und die andern zwei sind dort auch keine Fremden. Wartet, bis ich die Ladentür zugemacht habe. O, wie sie knarrt! Ich glaube, es gibt kein so rostiges Stück Eisen in dem ganzen Laden, als die Türangeln; und ich weiß, es gibt keine so alten Knochen hier, wie meine. Haha, wir passen alle zu unserm Geschäft. Kommt ins gute Zimmer!"

Das gute Zimmer war der Raum hinter dem Lumpenvorhange. Der Alte setzte das Feuer mit einem alten Rouleaustabe zusammen, schob den Docht seiner qualmigen Lampe, denn es war Abend, mit dem Stiele seiner Pfeife in die Höhe und steckte diese dann wieder in den Mund.

Während er damit beschäftigt war, warf die zuerst eingetretene Frau ihr Bündel auf den Boden und setzte sich mit kokettierender Frechheit auf einen Stuhl; dann legte sie die Hände auf die Knie und sah die beiden andern mit herausfordernden Trotz an.

"Nun, was gibt`s da für einen Unterschied, Mrs. Dilber? Jeder hat das Recht, für sich zu sorgen. Und er tat es immer." "Das ist wahr", sagte die Wärterin. "Keiner tat es eifriger." "Na, warum gafft ihr euch da einander an, als hättet ihr Bange? Wer ist der Schlauere? Wir wollen doch nicht einander die Augen aushacken, denk`ich."

"Nein, gewiss nicht", sagte Mrs. Dilber und der Mann wie aus einem Munde. "Wir wollen es nicht hoffen."

"Na, gut denn," rief die Frau, "das ist genug! Wem schadet`s, wenn wir so ein paar Sachen mitnehmen, wie die hier? Einer Leiche gewiss nicht."

"Nein, gewiss nicht", lachte Mrs. Dilber.

"Wenn er sie noch nach dem Tode behalten wollte, wie ein alter Geizhls," fuhr die Frau fort, "warum war er nicht besser während seines Lebens? Wäre er`s gewesen, dann würde auch jemand um ihn gewesen sein, als er starb, statt dass er mutterseelenallein seinen letzten Atem fahren lassen musste." "Es ist das wahrste Wort, das je gesprochen wurde", bestätigte Mrs. Dilber.

"Es ist ein Gottesgericht."

"Ich wollte, es wäre ein bisschen schwerer ausgefallen," meinte die Frau; "und es wär`s auch, verlasst euch darauf, wenn ich hätte mehr bekommen können. Mach das Bündel auf, Joe, und sag mir, was es wert ist. Sprich dreist heraus. Ich fürchte mich nicht, die erste zu sein, noch es die hier sehen zu lassen. Wir wussten ganz gut, dass wir für uns sorgten, ehe wir uns hier trafen. Das ist keine Sünde. Mach das Bündel auf, Joe.

Aber die Galanterie ihrer Freunde wollte das nicht erlauben; und der Mann in dem abgetragenen schwarzen Rock brachte seine Beute zuerst. Es war nicht viel los damit: ein oder zwei Petschafte, ein silberner Bleistift, ein Paar Hemdknöpfe und eine Brosche von geringem Werte: das war alles. Die Gegenstände wurden von dem alten Joe untersucht und abgeschätzt, worauf er die Summe, die er für das einzelne bezahlen wollte, an die Wand schrieb und zusammenrechnete, als er fand, dass nichts mehr nach kam.

"Das ist eure Rechnung," sagte Joe, "und ich gebe keinen Sixpence mehr und sollte ich in Stücke gehauen werden. Wer kommt jetzt?

Mrs. Dilber war die nächste. Sie hatte Bett- und Handtücher, einige Kleidungsstücke, zwei altmodische silberne Teelöffel, eine Zuckerzange und einige Paar Stiefeln. Ihre Rechnung wurde von Joe auf dieselbe Weise an die Wand geschrieben. "Damen gebe ich immer zuviel. Es ist meine Schwäche, und ich richte mich damit zugrunde", greinte der alte Joe. "Hier ist Eure Rechnung. Wenn ihr einen Pfennig mehr dafür haben wolltet, und Ihr ließet es darauf ankommen, so täte es mir leid, so nobel gewesen zu sein, und ich ziehe Euch eine halbe Krone ab."

"Und nun mach mein Bündel auf, Joe", drängte die erste. Joe kniete nieder, um bequemer das Bündel öffnen zu können, und nachdem er viele, viele Knoten aufgemacht hatte, zog er eine große schwere Rolle von einem dunklen Stoffe heraus.

"Was ist das?" staunte Joe. "Bettgardinen!"

"Ach", rief das Weib lachend und sich vorbeugend. "Bettgardinen!"

"Ihr wollt doch nicht sagen, Ihr hättet sie herunter genommen, wie er dort lag?" sagte Joe.

"Ich, freilich", sagte das Weib. "Warum auch nicht?" "Ihr seid geboren, Euer Glück zu machen, und Ihr werdet`s auch."

"Ich werde doch wahrhaftig meine Hand nicht leer einstecken, wenn ich sie nur auszustrecken brauche, um was zu kriegen, um so eines Mannes willen, wie der war. Wahrhaftig nicht, Joe", antwortete das Weib ruhig. "Lasst kein Öl auf die Bettdecke fallen."

"Seine Bettdecke?" fragte Joe.

"Von wem soll sie denn sonst sein?" entgegnete das Weib. "Er wird auch ohne die nicht frieren, das behaupte ich." "Er starb doch nicht etwa an etwas Ansteckendes?" fragte der alte Joe bedenklich, seine Beschäftigung unterbrechend und sie anblickend.

"Das braucht ihr nicht zu befürchten", antwortete die Frau. "Ich hatte ihn nicht so lieb, dass ich dann bei ihm geblieben wäre um solcher Lumpen willen. Ha, Ihr könnt durch das Hemd gucken, bis Euch Eure Augen wehe tun: Ihr findet kein Loch darin und keine dünne Stelle. Es ist das beste, was er hatte, und fein ist`s auch. Sie hätten`s verdorben, wenn ich nicht gewesen wäre."

"Was wollt ihr mit dem Verderben sagen?" fragte der alte Joe.

"Nun, ihm das Hemd in das Grab mitgeben, was sonst?" erwiderte die Frau lachend. "Es war da einer dumm genug, es ihm anzuziehen, aber ich zog`s ihm wieder aus. Wenn Kattun zu so etwas nicht gut genug ist, weiß ich nicht, zu was er sonst gut wäre. Er steht einer Leiche ebenso gut. Er kann nicht hässlicher aussehen, als er in dem aussah."

Scrooge hörte das Gespräch mit Grausen an. wie sie da um ihren Raub herum in dem kärglichen Lampenlicht des Alten saßen, betrachtete er sie mit einem Ekel und einem Abscheu, der nicht größer hätte sein können, wenn es scheußliche Dämonen gewesen wären, die um die Leiche selbst feilschten. "Ha, ha!" lachte dieselbe Frau, als der alte Joe, einen alten flanellnen Geldbeutel herauslangte und jedem den Preis des Raubes auf den Fußboden hinzählte. "Das ist das Ende von der Geschichte, sehr Ihr! Er scheuchte jeden von sich, solange er lebte, um uns zu nützen, da er tot ist! Hahaha!"

"Geist", sagte Scrooge, vom Fuß bis zum Scheitel zitternd. "Ich verstehe dich. Das los diese Unglücklichen könnte das meinige sein. Mein Leben geht jetzt auf dieses Ziel zu. Gnädiger Himmel, was ist das?"

Er fuhr entsetzt zurück, denn die Szene hatte sich verändert und er stand dicht vor einem Bett, einem einsamen, unverhängtem Bett, in dem unter einer groben Decke etwas Verhülltes lag, was sich in einer grausenerregenden Sprache nannte, obgleich es stumm war.

Das Zimmer war sehr finster, zu finster, um etwas sicher erkennen zu können, obgleich sich Scrooge, einem geheimen Gefühle folgend, voll Begier umsah, um zu wissen, was für ein Zimmer es sei. Ein bleiches Licht, das von draußen einströmte, fiel gerade auf das Bett: und auf diesem, geplündert und beraubt, unbewacht und unbeweint, lag die Leiche dieses Mannes.

Scrooge blickte die Erscheinung an. Ihre regungslose Hand wies auf das Haupt des Leichnams. Die Decke war so sorglos zurecht gelegt, dass das geringste Verschieben, die leiseste Berührung von Scrooges Fingern das Antlitz enthüllt hätten. Er dachte daran, empfand, wie leicht es geschehen könnte, und sehnte sich, es zu tun; aber er hatte nicht größere Kraft, die Hülle wegzuziehen, als den Geist von seiner Seite zu entlassen. O, kalter, starrer, schrecklicher Tod, hier richte deinen Altar auf und umgib ihn mit den Schrecken, über die du verfügst, denn dies ist dein Reich! Aber dem geliebten und verehrten Haupt kannst du kein Haar krümmen, von ihm kannst du keinen Zug widerlich machen. Nicht, weil die Hand schwer ist und herabsinkt, wenn man sie fallen lässt, nicht, weil das Herz und der Puls schweigen; sondern weil die Hand offen war und warm und gut und der Puls ein menschlicher. Töte, Schatten, töte! Und sieh, wie seine guten Taten aus der Todeswunde hervorströmen, um in der Welt ein unsterbliches Leben zu gewahren!

Es war nicht etwa eine Stimme, die diese Worte in Scrooges Ohren flüsterte, aber doch hörte er sie, wie er auf das Bett starrte. Er dachte, wenn dieser Mann jetzt wieder erweckt werden könnte, was würde wohl sein erster Gedanke sein? Nur Geiz, Hartherzigkeit, habgierige Sorge. - Ein schönes Ziel haben sie ihm bereitet!

Er lag in dem düstern leeren Hause, und kein Mann, kein Weib, kein Kind war da, um zu sagen: Er war gütig gegen mich in dem und in jenem, und dieses einen gütigen Wortes gedenkend will ich seiner warten. Eine Katze kratzte an der Tür, und die Ratten nagten und raschelten unter dem Kamin. Was sie in dem Gemach des Todes wollten und warum sie so unruhig waren, wagte Scrooge nicht auszudenken.

"Geist," sagte er, "dies ist ein schrecklicher Ort. Wenn ich ihn verlasse, werde ich nicht seine Lehre vergessen, glaube mir. Lass uns gehen."

Immer noch wies der Geist mit reglosem Finger auf das Haupt der Leiche.

"Ich verstehe dich," antwortete Scrooge, "und ich täte es, wenn ich könnte. Aber ich habe die Kraft nicht dazu, Geist. Ich habe die Kraft nicht dazu."

Wieder schien ihn der Geist anzublicken.

"Wenn irgend jemand in der Stadt ist, der bei dieses Mannes Tod etwas fühlt," bat Scrooge ganz erschüttert, "so zeige mir ihn, Geist, ich flehe dich darum an."

Die Erscheinung breitete ihren dunklen Mantel einen Augenblick vor ihm aus wie einen Fittich; und wie sie ihn wieder wegzog, sah er ein taghelles Zimmer, in dem sich eine Mutter mit ihren Kindern befand.

Sie wartete auf jemandes Kommen in ängstlicher Hoffnung, denn sie ging im Zimmer auf und ab, erschrak bei jedem Geräusch, sah zum Fenster hinaus, blickte nach der Uhr, versuchte umsonst, sich etwas zu schaffen zu machen, und konnte kaum die Stimme der spielenden Kinder ertragen.

Endlich vernahm sie das langersehnte Klopfen an der Haustür, und als sie hinausgehen wollte, begegnete sie ihrem Gatten. Sein Gesicht war bekümmert und sorgenvoll, obgleich er noch jung war! Es zeigte sich jetzt ein merkwürdiger Ausdruck darin: eine Art ernster Freude, deren er sich schämte und die er zu verbergen bestrebt war.

Er setzte sich zum Essen nieder, das man ihm am Feuer aufgehoben hatte; und als die Gattin ihn erst nach langem Schweigen fragte, was er für Nachrichten bringe, schien er um die Antwort verlegen zu sein.

"Sind es gute," fragte sie, "oder schlechte?"

"Schlechte", gab er zur Antwort.

"Sind wir ganz zugrunde gerichtet?"

"Nein, noch ist Hoffnung vorhanden, Karoline."

"Wenn er sich erweichen lässt," rief sie erstaunt, "dann ist noch Hoffnung da! Überall ist sie noch vorhanden, wo ein solches Wunder geschehen ist."

"Für ihn ist es zu spät, Erbarmen zu zeigen", sagte der Gatte. "Er ist tot."

Wenn ihr Gesicht Wahrheit sprach, so war sie ein mildes und geduldiges Wesen; aber sie war dankbar dafür in ihrem Herzen und sagte es mit gefalteten Händen. Doch schon im nächsten Augenblick bat sie zu Gott, dass er ihr verzeihen möge, und bereute es; aber das erste Gefühl war die Stimme ihres Herzens gewesen.

"Was mir die halbbetrunkene Frau gestern meldete, als ich ihn sprechen und um eine Woche Aufschub bitten wollte, und was ich nur für einen bloßen Vorwand hielt, um mich abzuweisen, zeigt sich jetzt als die reine Wahrheit. Er war nicht nur sehr krank, er lag schon im Sterben."

"Auf wen wird unsere Schuld übergehen?"

"Ich weiß es nicht. Aber noch vor dieser Zeit werden wir das Geld haben, und selbst, wenn dies nicht einträfe, wäre es ein großes Missgeschick, in seinem Erben einen so unbarmherzigen Gläubiger zu finden. Wir können heut Nacht leichteren Herzens schlafen, Karoline."

Ja, ob sie es auch verhehlen mochten, wie sie wollten: ihre Herzen waren leichter. Die Gesichter der Kinder, die sich still um die Eltern drängten, um zu hören, was sie so wenig verstanden, erhellten sich, und alle wurden glücklicher durch dieses Mannes Tod. Das einzige also von diesem Ereignis hervorgerufene Gefühl, das ihm der Geist zeigen konnte, war eins der Freude.

"Lass mich ein zärtliches, ein mit dem Tode verwandtes Gefühl sehen," bat Scrooge, "oder mir wird dies dunkle Zimmer, das wir soeben verlassen haben, immer vor Augen bleiben." Nun führte ihn der Geist durch mehrere Straßen, die er oft gegangen war; und indem sei vorüberschwebten, hoffte Scrooge sich hier und da zu erblicken, aber nirgends war er zu sehen. Sie traten in Bob Cratchits Haus, dessen Wohnung sie schon früher besucht hatten, und fanden dort die Mutter mit den Kindern um das Feuer sitzen.

Alles war ruhig, alles war still, sehr still. Die lärmenden kleinen Cratchits saßen stumm, wie steinerne Bilder, in einer Ecke und sahen auf Peter, der ein Buch vor sich hatte. Mutter und Töchter nähten. Aber auch sie waren still, sehr still.

"Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte."

Wo hatte Scrooge diese Worte gehört? Der Knabe musste sie gelesen haben, als er und der Geist über die Schwelle traten. Warum fuhr der Leser nicht fort?

Die Mutter legte ihre Arbeit auf den Tisch und führte die Hand gegen das Auge.

"Die Farbe blendet mich", sagte sie.

Die Farbe? ach, der arme Tiny Tim! 

"Sie sind jetzt wieder besser", sagte Cratchits Frau. "Die Farbe blendet sie bei Licht, und ich möchte den Vater, wenn er heimkommt, nicht sehen lassen, dass ich schwache Augen habe. Es muss bald seine Zeit sein."

"Fast schon vorüber", erwiderte Peter, das Buch schließend. "Aber ich glaube, Mutter, er geht jetzt etwas langsamer als früher."

Sie waren wieder still. Endlich sagte sie mit einer ruhigen, heiteren Stimme, die nur ein einziges Mal zitterte: "Ich weiß, dass er mit - ich weiß, dass er mit Tiny Tim auf der Schulter sehr schnell ging."

"Und ich auch", rief Peter. "Oft".

"Und ich auch", stimmten die andern ein.

"Aber er war sehr leicht zu tragen," fing sie wieder an, fest auf ihre Arbeit sehend, "und der Vater liebte ihn so, dass es keine Last für ihn war - keine Last. Doch horch: da kommt der Vater."

Sie eilten ihm entgegen und Bob mit dem Schal - der arme Kerl hatte ihn nötig - trat herein. Sein Tee stand bereit und sie drängten sich alle herbei, wer ihm am meisten helfen könne. Dann kletterten die beiden kleinen Cratchits auf seine Knie, und jedes Kind legte eine Wange an die seine, als wollten sie sagen: Gräme dich nicht so sehr lieber Vater.

Bob war sehr heiter und sprach sehr munter mit der ganzen Familie. Er besah die Arbeit auf dem Tische und lobte den Fleiß und den Eifer seiner Frau und den Töchtern. Sie würden lange vor Sonntag fertig sein, meinte er.

"Sonntag!" wiederholte seine Frau. "Du warst also heute dort, Robert?"

"Ja, meine Liebe", antwortete Bob. "Ich wollte, du hättest auch hingehen können. Es würde dein Herz erfreut haben, zu sehen, wie grün die Stelle ist. Aber du wirst sie oft sehen. Ich versprach ihm, Sonntag hinzugehen. Mein liebes, liebes Kind!" meinte Bob. "Mein liebes Kind!"

Er brach auf einmal zusammen. Er konnte nicht dafür. Wenn er dafür gekonnt hätte, so wäre er und sein Kind wohl weiter voneinander getrennt gewesen.

Er verließ die Stube und ging die Treppe hinauf in ein Zimmer, das hell erleuchtet und weihnachtsmäßig aufgeputzt war. Ein Stuhl stand dich neben dem Kinde und man sah, dass vor kurzem jemand da gewesen war. Der arme Bob setzte sich nieder, und als er ein wenig nachgedacht und sich gefasst hatte, küsste er das kleine kalte Gesicht. Er war versöhnt mit dem Geschehenen und ging wieder hinunter ganz glücklich.

Sie setzten sich um das Feuer und unterhielten sich; die Mädchen und die Mutter arbeiteten fort. Bob erzählte ihnen von Scrooges Neffen und seiner außerordentlichen Freundlichkeit, obwohl er ihn kaum ein einziges Mal gesehen hätte. Er habe ihn heute auf der Straße getroffen, und als er bemerkt, dass er ein wenig niedergeschlagen aussähe, habe er ihn gefragt, was ihn bekümmere. "Hierauf", sagte Bob, "erzählte ich es ihm, denn er ist der leutseligste junge Herr, den ich nur kenne. "Ich bedauere Sie herzlich, Mr. Cratchit," sagte er, "und auch Ihre Frau". - Übrigens, wie er das wissen kann, möchte ich wissen."

"Was soll er wissen, mein Lieber."

"Nun, dass du eine gute Frau bist", antwortete Bob.

"Jedermann weiß das", meinte Peter.

"Sehr gut bemerkt, mein Junge", rief Bob. "Ich hoffe, es ist so. "Herzlich bedaure ich Ihre Frau", sagte er. "Wenn ich Ihnen auf irgendeiner Weise behilflich sein kann," setzte er hinzu, indem er mir seine Karte gab, "hier ist meine Adresse. Kommen Sie nur zu mir." Nun, ist es nicht gerade darum," sprach Bob, "weil er etwas für uns tun könnte, sondern mehr wegen seiner herzlichen Weise, dass ich mich darüber so freute. Es schien wirklich, als hätte er unsern Tiny Tim gekannt und fühlte mit uns."

"Er ist gewiss eine gute Seele", sagte Mrs. Cratchit. 

"Du würdest das doch sicher glauben, meine Liebe," antwortete Bob, "wenn du ihn sähest und mit ihm sprächest. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er Peter eine bessere Stelle verschaffte. Denket an meine Worte."

"Nun höre nur, Peter", sagte Mrs. Cratchit.

"Und dann", rief eins der Mädchen, "wird sich Peter nach einer Frau umsehen."

"Ach, sei still", antwortete Peter lachend.

"Nun, das kann schon kommen," sagte Bob, "doch bis dahin hat er noch Zeit in Menge. Aber wie und wann wir uns auch voneinander trennen sollten, so bin ich doch überzeugt, dass keiner von uns den armen Tiny Tim vergessen wird oder diese erste Trennung, die wir erfuhren."

"Niemals, Vater", riefen alle.

"Und ich weiß, sagte Bob, "ich weiß, meine Lieben, wenn wir daran denken werden, wie geduldig und wie sanft er war, obgleich er nur ein kleines, kleines Kind war, werden wir uns nicht so leicht zanken und den guten Tiny Tim vergessen, wenn wir`s tun."

"Nein, niemals, Vater", riefen wieder alle.

"Ich bin sehr glücklich", sagte Bob, "sehr glücklich."

Mrs. Cratchit küsste ihn, seine Töchter küssten ihn, die beiden kleinen Cratchits küssten ihn, und Peter und er drückten sich die Hand. Seele Tiny Tims, du warst ein Hauch von Gott.

"Geist," sprach Scrooge, "ein etwas sagt mir, dass wir uns bald trennen werden. Ich weiß es, aber ich weiß nicht wie. Sage mir, wer war es, den wir auf dem Totenbett sahen?" Obgleich zu verschiedener Zeit, wie es ihm vorkam, und obgleich in den letzten abwechselnden Gesichtern keine Zeitfolge stattzufinden schien, führte ihn der Geist der zukünftigen Weihnachten wie vorher an die Zusammenkunftsorte der Geschäftsleute, aber er sah sich selber nicht. Der Geist hielt sich nirgends auf, sondern schwebte immer weiter, wie nach dem Orte zu, wo Scrooge die gewünschte Lösung des Rätsels finden würde, bis ihn dieser bat, einen Augenblick zu verweilen.

"Ja, dieser Hof, durch den wir jetzt eilen," sagte Scrooge, "war einst mein Geschäft und war es lange Jahre hindurch. Ich erkenne das Haus. Lass mich sehen, was ich in den kommenden Tagen sein werde."

Der Geist stand still; die Hand zeigte anderswohin.

"Das Haus ist dort", rief Scrooge. "Warum zeigst du anderswohin?"

Der unerbittliche Finger nahm keine andere Richtung an. Scrooge eilte nach dem Fenster seines Kontors und schaute hinein. Es war noch ein Kontor, aber nicht das seinige. Die Möbel waren nicht dieselben und die Gestalt in dem Stuhl war nicht die seine. Die Erscheinung zeigte nach derselben Richtung, wie früher.

Er trat wieder zu ihr hin und nachsinnend, warum und wohin sie gingen, begleitete er sie, bis sie eine eiserne Gitterpforte erreichten. Er stand still, um sich vor dem Eintreten umzusehen.

Es war ein Kirchhof. Hier also lag der Unglückliche unter der Erde, dessen Namen er noch erfahren sollte. Der Ort war seiner Würdig. Rings von hohen Häusern umgeben, überwuchert von Unkraut, entsprossen dem Tod, nicht dem Leben der Vegetation, vollgepfropft von zu vielen Leichen, genährt von übersättigtem Genuss.

Der Geist stand inmitten der Gräber still und deutete auf eins hinab. Scrooge näherte sich ihm bebend. Die Erscheinung war noch ganz so wie früher, aber ihm war es immer, als sähe er eine neue Bedeutung in der düsteren Gestalt.

"Ehe ich mich dem Stein nähere, den du mit zeigst," sagte Scrooge, "beantworte mir eine Frage. Sind dies die Schatten der Dinge, die da sein werden, oder nur deren, die einst geschehen können?"

Immer noch wies der Geist auf das Grab hin, vor dem sie standen. 

"Die Wege des Menschen tragen ihr Ziel in sich", murmelte Scrooge. Aber schlägt er einen anderen Weg ein, so ändert sich das Ziel. Sage, ist es so mit dem, was du mir zeigen wirst?"

Der Geist blieb so unbeweglich wie immer.

Scrooge näherte sich schlotternd dem Grabe, und wie er der Richtung des Fingers folgte, las er auf dem Stein seinen eigenen Namen.

"Ebenezer Scrooge."

"Bin ich es, der auf jenem Bett lag?" rief er, in die Knie sinkend.

Der Finger zeigte von dem Grabe fort auf ihn und wieder zurück.

"Nein, Geist, o nein!"

Der Finger wies unveränderlich dorthin.

"Geist," rief Scrooge, sich fest an sein Gewand klammernd, "ich bin nicht mehr der Mensch, der ich ehedem war. Ich will ein anderer Mensch werden, als ich vor diesen Tagen gewesen bin. Warum zeigst du mir dies, wenn alle Hoffnung geschwunden ist?"

Zum ersten Male schien des Geistes Hand zu zittern. "Guter Geist," fuhr er fort, "dein eigenes Herz legt sich bittend für mich ins Mittel und dauert mich. Sage mir, dass ich durch ein verändertes Leben die Schattenbilder, die du mir gezeigt hast, ändern kann!"

Die gütige Hand zitterte.

"Ich will Weihnachten in meinem Herzen ehren, ich will versuchen, es zu feiern. Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft leben. Die Geister von allen dreien sollen in mir lebendig sein. Ich will ihre Lehren mein Herz nicht verschließen. O, sage mir, dass ich die Schrift auf diesem Stein austilgen kann!"

In seiner Angst griff Scrooge die gespenstige Hand. Sie versuchte, sich von ihm loszumachen, aber er war stark in seinem Flehen und hielt sie fest. Der Geist, noch stärker, stieß ihn zurück.

Wie Scrooge die bebenden Hände zu einem letzten Flehen um Änderung seines Schicksals in die Höhe hielt, sah er die Erscheinung sich verändern. Sie wurde kleiner und kleiner und schwand zu einem Bettpfosten zusammen.

 

Fünftes Kapitel.
Das Ende.

Ja, und es war sein eigener Bettpfosten. Es war sein Bett und sein Zimmer. Und was das Glücklichste und Beste war: die Zukunft gehörte ihm, um sich zu bessern.

"Ich will in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft leben", wiederholte Scrooge, als er aus dem Bette kletterte. "Die Geister von allen dreien sollen in mir lebendig sein. O, Jakob Marley! Der Himmel sei dafür gepriesen und die Weihnachtszeit! Ich sage es auf meinen Knien, alter Jakob, auf meinen Knien."

Er war von seinen guten Vorsätzen so durchflammt und außer sich, dass seine bebende Stimme auf seinen Ruf kaum antworten wollte. Während seines Ringens mit dem Geiste hatte er bitterlich geweint, und sein Gesicht war noch nass von den Tränen.

"Sie sind nicht herabgerissen," rief Scrooge, eine der Bettgardinen an die Brust drückend, "sie sind nicht herabgerissen. Sie sind da, ich bin da, die Schatten der Dinge, die da kommen, können vertrieben werden. Ja, ich weiß es, ich weiß es gewiss." Während dieser ganzen Zeit beschäftigten sich seine Hände mit den Kleidungsstücken: er zog sie verkehrt an, zerriss sie, verlegte sie und machte damit allerhand tolle Sprünge.

"Ich weiß nicht, was ich tue", rief Scrooge in einem Atem weinend und lachend und mit seinen Strümpfen einen wahren Laokoon aus sich machend. - "Ich bin leicht wie eine Feder, selig wie ein Engel, vergnügt wie ein Schulknabe, schwindlig wie ein Trunkener. Fröhliche Weihnachten allen Menschen! Ein glückliches Neujahr der ganzen Welt! Hallo! Hussa! Hurra!"

Er war in das Wohnzimmer gesprungen und blieb jetzt darinnen ganz außer Atem stehen.

"Da ist die Schüssel, in der die Suppe war!" rief Scrooge, indem er um den Kamin herumsprang. "Da ist die Tür, durch die Jakob Marleys Geist herein kam, da ist die Ecke, wo der Geist der heurigen Weihnachten saß, da ist das Fenster, wo ich die ruhelosen Geister sah! Es ist alles richtig, es ist alles wahr, es ist alles geschehen. Hahahaha!"

Für einen Mann, der so lange Jahre aus der Gewohnheit war, musste man es wirklich ein vortreffliches Lachen nennen, ein herrliches Lachen. Es war der Vater einer langen, langen Reihe herrlicher Lachsalven!

"Ich weiß nicht, den wievielten wir heute haben", rief Scrooge. "Ich weiß nicht, wie lange ich unter den Geistern gewesen bin. Ich weiß gar nichts. Ich bin wie ein neugeborenes Kind. Es schadet nichts. Ist mir einerlei. Ich will lieber ein Kind sein. Hallo! Hussa! Hurra!"

Er wurde in seinen Freudenausbrüchen von dem Geläute der Kirchenglocken unterbrochen, die ihm so lustiglich zu klingen schienen, wie nie vorher. Bim -baum, kling - klang, bim - baum. Nein, es war zu herrlich, zu herrlich!

Er lief zum Fenster, öffnete es und steckte den Kopf hinaus. Kein Nebel: ein klarer, lustigheller, frischfroher Morgen, eine Kälte, die dem Blute einen Tanz vorpfiff, goldenes Sonnenlicht, ein himmlischer Himmel, lieblich-erquickende Luft, fröhliche Glocken. O, wie herrlich, wie herrlich!

"Was ist denn heute für ein Tag, mein Junge?" fragte Scrooge. "Heute?" antwortete der Knabe. "Nun, Christtag."

"Es ist Christtag", sagte Scrooge zu sich selber. "Ich habe ihn also nicht versäumt. Die Geister haben alles in einer Nacht erledigt. Sie können alles, was sie wollen. Natürlich, natürlich. - Heda, mein Junge!"

"Was denn!" antwortete der Knabe.

"Weißt du des Geflügelhändlers Laden in der zweitnächsten Straße an der Ecke?" fragte Scrooge.

"Ei, warum denn nicht?" antwortete der Junge.

"Ein gescheiter Junge", nickte Scrooge. "Ein merkwürdiger Junge! Weißt du nicht, ob der Preistruthahn, der dort hing, verkauft ist? Nicht der kleine Preistruthahn, sondern der große."

"Was, der so groß ist wie ich?" entgegnete der Junge. "Was für ein lieber Junge!" lächelte Scrooge. "Es ist eine Freude, mit ihm zu sprechen. Freilich wohl, mein Prachtjunge."

"Der hängt noch dort", antwortete der Junge.

"Ist`s wahr?" sagte Scrooge. "Na, dann lauf und kaufe ihn."

"Hat sich was", spottete der Junge.

"Nein, nein," sagte Scrooge, "es ist mein Ernst. Geh hin und kaufe ihn und sage, sie sollen ihn hierher bringen, dass ich ihnen die Adresse geben kann, wohin sie ihn tragen sollen. Komm mit dem Träger wieder her und ich gebe dir einen Schilling. Komm rascher als in fünf Minuten zurück, und du bekommst eine halbe Krone."

Der Bengel verschwand wie ein Blitz.

"Ich will ihn Bob Cratchit schicken", flüsterte Scrooge, sich die Hände reibend und fast vor Lachen platzend. "Er soll nicht wissen, wer ihn schickt. Er ist zweimal so groß wie Tiny Tim. Joe Miller hat niemals einen Witz gemacht, wie den." Als er die Adresse schrieb, zitterte seine Hand, aber er schrieb so gut es gehen wollte, und ging die Treppe hinab, um die Haustür zu öffnen und den Truthahn zu erwarten. Wie er dastand, fiel sein Auge auf den Türklopfer.

"Ich werde ihn lieb haben, solange ich lebe", rief Scrooge, ihn streichelnd. "Früher habe ich ihn kaum angesehen. Was er für ein ehrliches Gesicht hat! Es ist ein wunderbarer Türklopfer! - Da ist der Truthahn! Er hätte nicht mehr lange lebendig auf seinen Füßen stehen können. Sie wären - knix - zerbrochen wie eine Stange Siegellack.

"Was, das ist ja fast unmöglich, den nach Camden-Town zu tragen!" sagte Scrooge. "Ihr müsst einen Wagen nehmen."

Das Lachen, mit dem er dies sagte, und das Lachen, mit dem er den Truthahn bezahlte, und das Lachen, mit dem er den Wagen bezahlte, und das Lachen, mit dem er dem Jungen ein Trinkgeld gab, wurde nur von dem Lachen übertroffen, mit dem er sich atemlos in seinen Stuhl niedersetzte und lachte, bis ihm die Tränen an den Backen herunterliefen.

Das Rasieren war keine Kleinigkeit, denn seine Hand zitterte immer noch sehr, und Rasieren verlangt große Aufmerksamkeit, auch wenn man nicht gerade während dessen tanzt. Aber selbst wenn er sich die Nasenspitze weggeschnitten hätte, würde er ein Stückchen englisches Pflaster darauf geklebt haben und damit zufrieden gewesen sein.

Er zog seine besten Kleider an und trat endlich auf die Straße. Die Leute strömten gerade aus ihren Häusern, wie er es gesehen hatte, als er den Geiste der heurigen Weihnacht begleitet; und mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen durch die Straßen gehend, blickte Scrooges jeden mit einem freundlichen Lächeln an. Er sah so unwiderstehlich freundlich aus, dass drei oder vier lustige Leute zu ihm sagten: "Guten Morgen, Sir, fröhliche Weihnachten!" und Scrooge sagte oft nachher, dass man von allen lieblichen Klängen, die er je gehört, dieser seinem Ohr am liebsten geklungen hätte.

Er war nicht weit gegangen, als er denselben stattlichen Herrn auf sich zukommen sah, der am Tage vorher in sein Kontor getreten war mit den Worten: "Scrooge und Marley, wenn ich nicht irre." Es gab ihm förmlich einen Stich ins Herz, als er dachte, wie ihn wohl der alte Herr beim Vorübergehen ansehen würde; aber er wusste, welchen Weg er zu gehen hatte, und ging ihn.

"Lieber Herr", rief Scrooge, schneller laufend und den alten Herrn an beiden Händen ergreifend. "Wie geht es ihnen? Ich hoffe, Sie hatten gestern einen guten Tag? Es war sehr freundlich von Ihnen. Ich wünsche ihnen fröhliche Weihnachten, Sir."

"Mr. Scrooge?"

"Ja", sagte Scrooge. "So ist mein Name und ich fürchte, er klingt Ihnen nicht sehr angenehm. Erlauben Sie, dass ich Sie um Verzeihung bitte! Und wollen Sie mir die Güte haben" - hier flüsterte ihm Scrooge etwas in das Ohr.

"Himmel!" rief der Herr, als ob ihm der Atem ausgeblieben wäre. "Mein lieber Mr. Scrooge , ist das Ihr Ernst?" "Wenn es Ihnen beliebt", sagte Scrooge. "Keinen Penny weniger. Es sind viele Rückstände dabei, ich versichere es Ihnen. Wollen Sie die Güte haben?"

"Bester Herr", sagte der andere, ihm die Hand schüttelnd. "Ich weiß nicht, was ich zu einer solchen Freigiebigkeit sagen soll." "Ich bitte, sagen Sie gar nichts dazu", antwortete Scrooge. "Besuchen Sie mich. - Wollen sie mich besuchen?"

"Herzlich gern", rief der alte Herr. Und man sah, es war ihm Ernst mit dieser Versicherung.

"Ich danke Ihnen sehr, sagte Scrooge. "Ich bin Ihnen sehr verbunden. Ich danke ihnen tausendmal. Leben Sie recht wohl!"

Er ging ihn die Kirche, ging durch die Straßen, sah die Leute hin und her laufen, klopfte Kindern die Wange, fragte Bettler, und spähte hinab in die Küchen und lugte hinauf zu den Fenstern der Häuser: und er fand, dass ihm alles das Vergnügen bereiten könne. Er hatte es sich nie träumen lassen, dass ihn ein Spaziergang oder sonst etwas so glücklich hätte machen können. Nachmittags lenkte er seine Schritte nach der Wohnung seines Neffen.

Er ging wohl ein Dutzend Mal an der Tür vorüber, ehe er den Mut hatte anzuklopfen. Endlich fasste er sich ein Herz und klopfte.

"Ist dein Herr zu Hause, liebes Kind?" sagte Scrooge zu dem Mädchen. "Ein hübsches Mädchen, wahrhaftig!"

"Ja, Sir."

"Wo ist er, liebes Kind?" sagte Scrooge.

"Er ist in dem Speisezimmer, Sir, mit Madame. Ich will sie hinaufführen, wenn Sie erlauben."

"Danke, danke. Er kennt mich", sagte Scrooge, mit der Hand schon auf der Tür klinge. "Ich will hier eintreten, liebes Kind."

Er machte die Tür leise auf und steckte den Kopf hinein. Sie betrachteten den Speisetisch (der mit großem Aufwand von Pracht gedeckt war): denn solche jungen Leute sind immer sehr unruhig über solche Punkte und sehen gern alles in hübschester Ordnung.

"Fritz", rief Scrooge.

Heiliger Himmel, wie seine Nichte erschrak! Scrooge hatte in dem Augenblick vergessen, dass sie mit dem Fußbänkchen in der Ecke gesessen hatte, sonst hätte er es um keinen Preis getan. "Potztausend!" rief Fritz, "wer kommt da?"

"Ich bin`s. Dein Onkel Scrooge. Ich komme zum Essen. Willst du mich hereinlassen, Fritz?"

Ihn hereinlassen! Es war nur gut, dass er ihm nicht den Arm abriss. Er war in fünf Minuten wie zu Hause. Nichts konnte herzlicher sein, als die Begrüßung seines Neffen. Und auch seine Nichte empfing ihn nicht minder herzlich. Auch Tropper, als er kam. Auch die runde Schwester, als sie kam. Und alle, wie sie nach der Reihe kamen. Wundervolle Gesellschaft, wundervolle Spiele, wundervolle Eintracht, wundervolle Glückseligkeit!

Aber am andern Morgen war Scrooge früh in seinem Kontor. O, er war gar früh da. Wenn er nur zuerst dort hätte sein können und Bob Cratchit beim Zusp&¨tkommen erwischen! Das war`s, worauf sein Sinn stand. Und es gelang ihm wahrhaftig! Die Uhr schlug neun. Kein Bob. Ein viertel auf zehn. Kein Bob. Er kam volle achtzehn und eine halbe Minute zu sp&¨t. Scrooge hatte seine Türe weit offen stehen lassen, damit er ihn in das Verlies eintreten sähe.

Bobs Hut war vom Kopfe, ehe er die Tür öffnete, auch der Schal von seinem Halse. In einem Nu saß er auf seinem Stuhle und jagte mit der Feder über das Papier, als wollte er versuchen, neun Uhr einzuholen.

"Heda", rief Scrooge, so gut es ging seine gewohnte Stimme nachahmend. "Was soll das heißen, dass Sie so spät kommen?"

"Es tut mir sehr leid, Sir", sagte Bob. "Ich habe mich verspätet."

"Nun, Sie gestehen`s wenigstens", wiederholte Scrooge. "Ich meine es auch. Hier herein, wenn`s gefällig ist."

"Es ist nur einmal im Jahre, Sir", sagte Bob, aus dem Verlies hereintretend. "Es soll nicht wieder vorkommen. Ich war ein bisschen lustig gestern, Sir."

"Nun, ich will Ihnen etwas sagen, Freundchen," sagte Scrooge, "ich kann das nicht länger so mit ansehen. Und daher," fuhr er fort, von seinem Stuhl springend und Bob einen solchen Stoß vor die Brust gebend, dass er wieder in das Verlies zurückstolperte, "und daher will ich Ihr Salär erhöhen!" Bob zitterte und trat dem Lineal etwas näher. Er hatte einen augenblicklichen Gedanken, Scrooge damit eins auf den Kopf zu geben, ihn fest zu halten und die Leute im Hofe um Beistand und um eine Zwangsjacke anzurufen.

"Fröhliche Weihnachten, Bob!" sagte Scrooge mir einem Ernst, der nicht missverstanden werden konnte, indem er ihm auf die Achsel klopfte. "Fröhlichere Weihnachten, Bob, als ich Sie so manches Jahr habe feiern lassen. Ich will Ihr Salär erhöhen und mich bemühen, Ihrer Familie unter die Arme zu greifen. Wir wollen heut Nachmittag bei einer dampfenden Weihnachts-Punschbowle über Ihre Angelegenheiten sprechen, Bob! Schüren sie das Feuer an und kaufen Sie eine andere Kohlenschaufel, ehe Sie wieder einen Punkt auf ein i machen, Bob Cratchit!"

Scrooge war besser als sein Wort. Er tat nicht nur alles, was er versprochen hatte, sondern noch mehr, und für Tiny Tim, der nicht starb, wurde er ein zweiter Vater. Er wurde ein so guter Freund und ein so guter Mensch, wie nur die liebe alte City oder jedes andere liebe Städtchen oder Dorf in der lieben alten Welt je einen Freund und Menschen gesehen hat. Einige Leute lachten, als sie ihn so verändert sahen; aber er ließ sie lachen und kümmerte sich wenig darum, denn er war klug genug, zu wissen, dass nichts Gutes in dieser Welt geschehen kann, worüber nicht von vornherein einige Leute lachen müssen: und da er wusste, dass solche Leute doch blind bleiben würden, so dachte er bei sich, es wäre besser, sie legten ihre Gesichter durch Lachen in Falten, als dass sie es auf weniger anziehende Weise täten. Sein eigenes Herz lachte, und damit war es vollauf zufrieden.

Er hatte keinen ferneren Verkehr mit Geistern, sondern lebte von jetzt an nach dem Grundsatz gänzlicher Enthaltsamkeit; und immer sagte man von ihm, er wisse Weihnachten recht zu feiern, wenn es überhaupt ein Mensch wisse. Möge dies auch in Wahrheit von uns allen gesagt werden können. Und so schließen wir mit Tiny Tims Worten: Gott segne jeden von uns.