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Die Weise von Liebe und Tod
 
Die Weise von Liebe und Tod
des Cornets Christoph Rilke

RAINER MARIA RILKE
(Auszug aus der Erzählung)
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Wie groß ist die Sonne.
Sind das Vögel ?
Ihre Stimmen sind überall.
Alles ist hell, aber es ist kein Tag.
Alles ist laut, aber es sind nicht Vogelstimmen.
Das sind die Balken, die leuchten. Das sind die Fenster, die schrein.
Und sie schrein, rot, in die Feinde hinein,
die draußen stehn im flackernden Land,
schrein Brand.
Und mit zerrissenem Schlaf im Gesicht drängen sich alle,
halb Eisen, halb nackt,
von Zimmer zu Zimmer, von Trakt zu Trakt
und suchen die Treppe.
Und mit verschlagenem Atem stammeln
Hörner im Hof: Sammeln, sammeln!
Und bebende Trommeln.

ABER die Fahne ist nicht dabei.
Rufe: Cornet!
Rasende Pferde, Gebete, Geschrei,
Flüche: Cornet!
Eisen an Eisen, Befehl und Signal;
Stille: Cornet!
Und noch ein Mal: Cornet!
Und heraus mit der brausenden Reiterei.

Aber die Fahne ist nicht dabei.

ER läuft um die Wette mit brennenden Gängen,
durch Türen, die ihn glühend umdrängen,
über Treppen, die ihn versengen,
bricht er aus aus dem rasenden Bau.
Auf seinen Armen trägt er die Fahne
wie eine weiße, bewußtlose Frau.
Und er findet ein Pferd, und es ist wie ein Schrei –
über alles dahin und an allem vorbei,
auch an den Seinen.
Und da kommt auch die Fahne wieder zu sich
und niemals war sie so königlich;
und jetzt sehn sie sie alle, fern voran,
und erkennen den hellen, helmlosen Mann
und erkennen die Fahne...
Aber da fängt sie zu scheinen an,
wirft sich hinaus und wird groß und rot ...


Die Erzählung komplett :