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Suzannne Delage
Manches im Leben zieht unbemerkt an uns vorbei.

von Gene Wolfe ; Gelesen in :
Kanten ; Science Fiction Erzählungen
Heyne Buch  Nr 4015 SF
Wilhelm Heyne Verlag
ISBN 3-453-30954-5 

Suzanne Delage
von
Gene Wolfe


Als ich letzte Nacht gelesen habe - ein Buch gelesen, das sollte ich erklären, was andererseits nur alltäglich ist; eins von diesen irgendwie politischen, philosophischen und historischen Büchern, die man jetzt jeden Monat pfundweise kaufen kann - faszinierte mich plötzlich eine bestimmte Bemerkung des Autors. Zu dieser Zeit schien es mir eine interessante, sogar äußerst überzeugende Idee zu sein, und später, nachdem ich die Seite und noch viele andere Seiten umgeblättert hatte und schon halb durch ein neues Kapitel war, das kaum eine Beziehung zum Vorangegangenen herstellte, trat diese Idee erneut in mein Bewußtsein und wirkte dort wie eine Art Filter zwischen meinem Gehirn und dem Buch, bis ich es weglegte und, immer noch darüber nachgrübelnd, ins Bett ging.
    Diese Idee, die mich so stark beeindruckt hatte, lautete einfach so: daß jeder Mensch im Laufe seines Lebens verschiedene, außergewöhnliche Erfahrungen macht, einige Verschiebungen von allem, was wir von Natur und Wahrscheinlichkeit erwarten, solchen Ausmaßes, daß er mit seiner eigenen Person als lebender Beweis von Hamlets abgedroschener Regel dienen könnte - aber daß er fast immer so konditioniert gewesen ist, sich selbst als weltlichstes aller Geschöpfe zu sehen, daß er, da er keinen Zusammenhang dieser außergewöhnlichen Erfahrung zum Rest seines Lebens gefunden hatte, sie einfach vergessen hat.
    Es schien mir (betrachtete ich die immense Ausdehnung des Universums der Sinne und des winzigen Teilbereichs davor, den wir für »alltäglich« halten), daß das sicherlich zutreffen mußte. Doch wenn das für jeden Menschen galt, mußte es also auch für mich gelten - und, sosehr ich mich auch bemühte, ich konnte mich an keine solche Erfahrung erinnern.
    Als ich das Licht gelöscht hatte, lag ich da und rief mein bisheriges Leben ins Gedächtnis zurück, das im großen und ganzen recht erfreulich gewesen war. Es war ein angenehmes Leben gewesen, wenn auch, so befürchte ich, ein wenig stumpfsinnig und vielleicht einsam. Ich lebe jetzt keine fünf Meilen von dem Hospital entfernt, in dem ich geboren wurde, und habe auch sonst nirgendwo anders gewohnt. Hier wuchs ich auf, erlernte einen Beruf, übte ihn aus, und setzte mich viel früher als die meisten Männer zur Ruhe. Ich war zweimal verheiratet gewesen, aber beide Ehen waren kurz und endeten in beiderseitigem Einverständnis; die Wahrheit ist, daß meine Frauen (beide) mich gelangweilt haben - und ich befürchte sehr stark, daß ich sie genauso gelangweilt haben könnte.
    Als ich dann im Bett lag und an die Zeiten dachte, in denen mein Großvater mich zum Angeln mitnahm, und an Parties, die ich mit Freunden verbracht habe, und an unser Highschoolteam (bei dem ich als zweite Reserve eingeteilt war und zwar mit so großem Abstand zum ersten Vertreter dieser Position, daß ich fast nie in ein Spiel hineinkam, außer wir lagen mehrere Punkte vorn, was aber nicht oft der Fall war), kam es mir fast so vor, als hätte es tatsächlich eine Bedrohung des Fremden - ich möchte fast sagen, des Unglaublichen, wenn nicht gar des Übernatürlichen - in meiner eigenen Geschichte gegeben.
    Es ist einfach so: Während meines ganzen Lebens in einer Stadt mit weniger als hunderttausend Einwohnern war ich mir undeutlich der Existenz einer bestimmten Frau bewußt, ohne sie jemals zu treffen oder eine bestimmte Vorstellung von ihrem Äußeren zu haben.
    Aber sogar das ist vielleicht nicht so außergewöhnlich, wie es klingen mag. Ich habe nie den Versuch unternommen, diese Frau zu treffen, und ich bezweifle, daß sie je versucht hat, mich zu treffen, wenn sie sich tatsächlich bewußt war, daß ich existiere. Andererseits ist keiner von uns behindert oder blind. Diese Frau - ihr Name ist Suzanne (obwohl ich fürchte, daß die meisten von uns immer › Susan ‹ gesagt haben) Delage - lebt, so habe ich es zumindest vage angenommen, am östlichen Rand unserer kleinen Stadt, ich lebe im Westen. Ich zweifle daran, daß wir als Kinder die gleiche Grundschule besucht haben, aber ich weiß, daß wir viele Jahre lang das gleiche Gymnasium besuchten. Jedenfalls war ich in der Lage, das als unbestreitbare Tatsache festzustellen, und zwar durch meine Jahrbücher, die meine Mutter mit ihrer mehr oder minder umständlichen Sentimentalität, die für sie charakteristisch war, auf dem Dachboden dieses kleinen, stillen Holzhauses für mich aufgehoben hatte (das Haus hatte sie ebenfalls für mich aufgehoben).
    Tatsächlich existierten von den ursprünglich vier Bänden nur noch zwei - die aus meiner Schulzeit im zweiten Jahr und meinem Abschlußjahr. Es fehlen ein paar Seiten aus der Klassenbildserie des ersten Buches, und ich glaube mich daran zu einnern, daß diese vor vielen Jahrzehnten herausgerissen und zerschnitten worden sind, um Einzelfotos zu bekommen. Unter den Bildern fehlt mein eigenes Gesicht genauso wie das von Suzanne Delage; aber in einer anderen Szene, bei sozialen Aktivitäten aufgenommen, ist ein Mädchenclub (ich glaube, er wurde der Kuchen-Club genannt) zu sehen, und ein Name, der in der Beschriftung zu lesen ist, ist der Suzannes. Unglücklicherweise sind die Mädchen auf dem Bild so weit auseinander gruppiert - um Herd und Arbeitstisch -, daß es nicht möglich ist, in jedem Fall sicher zu sein, welcher Name zu welcher jungen Dame gehört; nebenbei bemerkt steht auch eine ganze Reihe von ihnen mit dem Rücken zur Kamera.
    Das Abschlußbuch könnte mir mehr sagen - dachte ich, als ich nach etwa einer Stunde des Herumstöberns zum Ende kam. Es ist noch ganz und in gutem Zustand, und von mir sind, Dank sei dem Fußball, nicht weniger als vier Bilder darin. Von Suzanne Delage ist keins drin. Auf einer der Umschlagseiten erinnerte mich eine bedrückende Anzahl von Namen an etwas, das ich seit vielen Jahren vergessen hatte -, daß irgendeine Epidemie (ich glaube, es war spanische Grippe) gerade zu der Zeit, als die Bilder für das Jahrbuch gemacht wurden, ausgebrochen war. Suzannes Name steht bei denen, die „nicht in der Lage waren, fotografiert zu werden“ .
    Ich sollte vielleicht erklären, daß unsere Schule eine dieser ungesund gewachsenen Schulen war, die in der Umgebung kleinerer Städte entstehen, eine Schule, die mehrmals erweitert wurde, weil das Wachstum der Stadt selbst nur sehr langsam vonstatten ging (obwohl so etwas immer schneller geht, so scheint es rückblickend, als irgend jemand ahnt) und die Steuerzahler keine neue genehmigen wollten. Sie war aber in Kürze immerhin so groß, daß nur noch ein paar tonangebende Schüler - die Starathleten, die Klassenbesten, die wenigen wirklich flatterhaften Mädchen und die verwirrenden Schönen, die wir in diesen naiven Zeiten die › Königinnen ‹ nannten - jedermann bekannt waren. Der Rest von uns kam, wenn überhaupt, nur in Klassen oder Cliquen sozial voran. Ein Schüler kannte allenfalls die anderen, die mit ihm Englisch und Algebra hatten; die Cliquen - wenigstens die, an die ich mich erinnere - waren die Fußballspieler und ihre Mädchen, die Kinder der Reichen, und schließlich die Jungen und Mädchen, deren Familien einer gewissen bibelgläubigen Kirche in den Außenbezirken der Stadt angehörten; außerdem gewisse Rassenminderheiten, die Schachspielenden und debattierenden Gesellschaftstypen und die bärenstarken. Das klingt, nehme ich an, als ob es für jeden eine Gruppe gegeben habe, und in jener Zeit (da ich einigermaßen gut bei den Athleten unterschlupfen konnte) glaubte ich selbst (wenn ich überhaupt darüber nachdachte), daß es so war. Ich erkenne nun, daß all diese kleinen Grüppchen nicht mehr als ein Drittel der Schule umfaßten, aber ob Suzanne Delage zu einer oder mehreren gehörte, entzieht sich meiner Kenntnis.
    Ich hätte jedoch schon lange bevor ich aufs Gymnasium ging ihre Bekanntschaft machen müssen, denn Mrs.Delage, Suzannes Mutter, war eine enge Freundin meiner Mutter ! Sie hatten sich - ich glaube, ich war damals acht Jahre alt - durch die gemeinsame Leidenschaft kennengelernt (die in unserer Gegend vermutlich verbreiteter war als im ganzen Land, und der damals viel eifriger gefrönt wurde als jetzt), antike Gegenstände zu sammeln: mit anderen Worten, gestickte und gesteppte Decken, Häkelarbeiten aller Art, Orientteppiche, Plattstichstickereien, handgeknüpfte Läufer und so weiter. Wenn meine Mutter oder eine ihrer Freundinnen eine Vitrine, ein Bettgestell oder einen Sekretär entdecken konnten, die in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts (ihre dauernde Hoffnung, die meines Wissens nie befriedigt wurde, war, ein Stück zu finden, das nach ihren eigenen Worten „aus der Zeit der amerikanischen Revolution“ stammte - omit sie das achtzehnte Jahrhundert meinten, sogar solche Jahreszahlen wie 1790 und 1799) angefertigt worden waren, ein Stück - mehr oder minder - gut in der ungelernten, traditionellen Art der alten Farmerfamilien ausstaffiert und dekoriert, kannte ihre Freude und ihr Stolz keine Grenzen. Und falls die Arbeit obendrein noch die einer bekannten Dame gewesen war - oder, um noch genauer zu sein, einer Dame mit Beziehungen zu einem bekannten Mann, zum Beispiel die Schwester eines Unterstatthalters - und seine Echtheit nachgewiesen werden konnte, wurde das Heim des Finders zu einem Heiligtum, zu dem Besucher geführt wurden und zu dem einsame Pilger aus anderen Städten kamen (die unsere   Glocke - denn wir besaßen als Ergebnis von Mutters Bemühungen eine große, mit Applikationen verzierte Decke, die während des Bürgerkriegs der Zeitvertreib der Gattin eines Majors des tapferen Zouave-Regiments gewesen war - morgens zehn bis dreißigmal betätigten und als Einleitung eine komplizierte Rezitation von Freundschaft und über vier Ecken gehende Verwandschaftsgrade zu unseren Familien boten), die ihre Huldigung wie Plätzchen auf einem Tablett darreichten und begierig waren (um ihre eigene Strategie in Zukunft besser planen zu können), in allen Einzelheiten von dem Auskundschaften und zähen Verhandeln zu hören, wie man Summen anbot und wieder zurückzog und wieder anbot, um schließlich zum Erwerb eines so kostbaren Objektes zu kommen, das als Höhepunkt der Unterhaltung letztendlich im Glanz von Mottenkristallen weggeschafft wurde, und das jetzt glänzend und sauber (wahrscheinlich, weil diese Sammelstücke nie benutzt werden) über das Sofa im Wohnzimmer gebreitet wurde, wo es bewundert werden konnte.
    Mrs.Delage, die die Freundin meiner Mutter wurde, besaß selber auch Einzelstücke, die genauso wertvoll waren wie die Decke der Frau des Majors (die, was meine Mutter nie müde wurde, ausdrücklich zu betonen, ganz und gar von Hand genäht war), und außerdem eine Sammlung weniger wertvollerer Dinge, etwa von der Qualität unserer eigenen Schätze, wie meine Mutter selbst zugab. Zusammen klapperten sie die ganze Umgegend nach mehr ab und unternahmen Reisen (Reisen, die angeblich so anstrengend waren, daß ich als Junge immer überrascht war, zu sehen, wie willig meine Mutter nach ein paar Wochen wieder aufbrach), um die Reichen in den angrenzenden Ländereien zu besuchen - und ein- oder zweimal fuhr sie sogar mit der Eisenbahn in andere Staaten. Deshalb müßte es eigentlich für Mrs.Delage vollkommen logisch gewesen sein, unser häufigster Gast zu sein, wenn auch nur auf eine Tasse Tee; ebenso, gelegentlich ihre kleine Tochter Suzanne mitzubringen, für die ich zweifellos bald Liebe und Haß empfunden haben würde.
    Dazu wäre es zweifellos gekommen, wären nicht, wie ich glaube, merkwürdige Umstände für zwei Städte von exakt derselben Größe wie der unsrigen eingetreten, unverständlich nicht nur für die Bewohner der Städte, sondern auch für Unbeteiligte. Hier lebte, direkt uns gegenüber auf der anderen Seite der Kopfsteinpflasterstraße, eine verbitterte, alte Frau, eine Witwe, die aus irgendeinem Grund, der mir nie erklärt worden ist, Mrs.Delage verabscheute. Es war Gesetz für meine Mutter, freundlich zu Suzanne zu sein, aber wenn sie so weit gegangen wäre (Frauen in kleineren Städten wissen solche Dinge immer irgendwie), Mrs.Delage in unser Haus einzuladen, wäre diese Witwe schlagartig ihr Feind fürs ganze Leben geworden. Die Einladung wurde nie ausgesprochen, und ich glaube, die Freundin meiner Mutter starb, während ich auf dem College war.
    Deshalb nahm ich auch kaum Notiz von Suzanne Delage, während ich noch klein war, obwohl meine Mutter sie oft erwähnte. Und am Gymnasium, obwohl ich mich, wie gesagt, ständig in unmittelbarer Nähe des Mädchens befand, änderte sich daran kaum etwas. Ich hörte vage von ihr, vielleicht über einen Freund und dessen Freund. Ich habe sie sicherlich hunderte Male auf den Korridoren gesehen - wenn man in einer Menschenmenge von sehen sprechen kann, in der man die einzelnen nicht ausmachen kann. Ich muß manchmal mit ihr im gleichen Unterricht gewesen sein, und gewiß waren wir bei Versammlungen und in dem weiträumigen Lesesaal zusammen. Sie war bestimmt bei vielen Tanzveranstaltungen anwesend, die ich auch besuchte, und es ist sogar möglich, daß ich mit ihr getanzt habe - aber das glaube ich nicht, und falls es wirklich geschehen ist, haben die Jahre dieses Ereignis aus meiner Erinnerung verbannt, so daß nicht die kleinste Spur übriggeblieben ist.
    Und ich bin der Meinung, daß ich mich überhaupt nicht mehr an den Namen von Suzanne Delage erinnert hätte, als ich vergangene Nacht im Bett lag, dem Knarren des  leeren Hauses im Herbstwind lauschte und nach Überbleibseln in meiner Erinnerung suchte, nach einem außergewöhnlichen Ereignis, das die These des Autors bestätigte, wäre da nicht vor ein paar Tagen etwas eingetreten.
    Ich war beim Einkaufen und traf auf dem Gehweg vor einem der größten Geschäfte eine Frau in meinem Alter, die ich mein ganzes Leben hindurch gekannt habe, und die jetzt die Gattin eines Freundes ist. Wir plauderten einen Moment - und sie erzählte nach den üblichen, halb scherzhaften Vorwürfen, über mein (angenommen) lustiges Junggesellenleben etwas über ihren Mann und die Kinder. Als sie sich zum Gehen wandte verließ ein Mädchen im Alter von etwa fünfzehn Jahren den Laden, Iächelte, war aber mit ihren eigenen Belangen beschäftigt und ging schnell an uns vorbei die Straße hinunter. Ihre Haare waren glänzend schwarz und ihre ganze Erscheinung so rein wie Milch; aber das war es nicht, was mich für einen Moment bezauberte, auch nicht die jungfräulichen Brüste, die sich noch nicht richtig zu trauen schienen, gegen das zarte Angora ihres Pullovers zu drücken, und auch nicht die schmale Taille, die ich mit zwei Händen hätte umfassen können. Es war vielmehr ein sorgloser und scheuer Hauch Lebhaftigkeit, verbunden mit Unschuld und Intelligenz, die ihr eigen waren. Zu der Frau neben mir sagte ich:  „Was für ein bezauberndes Kind. Wer ist sie ?“
    „Wie sie heißt ?“ Die Frau meines Freundes zuckte mit den Schultern und schnippte mit den Fingern. „Ich komm jetzt nicht drauf ! Aber du müßtest eigentlich wissen, wer sie ist, oder ? Sie ist das genaue Abbild ihrer Mutter in dem Alter - Suzanne Delage.“


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Heyne Buch  Nr 4015 SF
Wilhelm Heyne Verlag
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