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Die Sonderausstellung
Die Sonderausstellung
könnte schon dazu amimieren die Lethargie beiseite zu schieben und durch neue Einsichten ein weiteres Leben neu auszurichten.

Gelesen in :
Das Zweite Robert Sheckley Buch
Bastei-Lübbe-Taschenbuch
Scienc Fiction Spezial ; Band 24 090
ISBN 3-404-24090-1 
http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=854&Itemid=37

Die Sonderausstellung

von

Robert Sheckley



Als Mr.Grant Mrs.Grant durch die mit Marmorboden versehene Eingangshalle führte, fiel ihm auf, daß das Museum an diesem Morgen ungewöhnlich menschenleer war. Was ihm unter diesen Umständen sehr gelegen kam.
 „Guten Morgen, Sir“, sagte der rotwangige, alte Museumsdiener.
 „Guten Morgen, Simmons“, sagte Mr.Grant. „Das ist Mrs.Grant.“
 Mrs.Grant nickte mürrisch und lehnte sich gegen ein mittelamerikanisches Kriegskanu. Ihre Schultern befanden sich auf einer Höhe mit denen des Pappmache-Paddlers, waren aber deutlich breiter. Als er die Schultern betrachtete, fragte sich Mr.Grant für einen Augenblick, ob die Sonderausstellung funktionieren würde. Konnte sie bei einer so großen, so kräftigen, so willensstarken Frau überhaupt Erfolg haben ?
 Er hoffte es. Ein Fehlschlag wäre lächerlich gewesen.
 „Willkommen in unserem Museum“, sagte der Museumsdiener. „Ich glaube, wir beide haben zum erstenmal das Vergnügen, Mrs.Grant.“
 „Ich bin als Kind zum letztenmal hiergewesen“, sagte Mrs.Grant und unterdrückte hinter ihrer großen Hand ein Gähnen.
 „Mrs.Grant ist nicht besonders an unserem Museum interessiert“, erklärte Mr.Grant, auf seinen Spazierstock gestützt.„Meine ornithologische Arbeit läßt sie ziemlich unbeeindruckt. Trotzdem hat sie sich bereit erklärt, mich zu der Sonderausstellung zu begleiten.“
 „Die Sonderausstellung, Sir ?“ fragte der Museumsdiener. Er schaute in ein Notizbuch. „Ich glaube nicht …“
 „Hier ist meine Einladung“, sagte Mr.Grant.
 „Ja, Sir.“ Der Museumsdiener betrachtete die Karte aufmerksam und gab sie dann zurück. „Ich hoffe, es wird Ihnen gefallen, Sir. Die Sonderausstellung ist noch nicht oft gezeigt worden. Zuletzt haben sie, glaube ich, Dr.Carver und seine Frau besucht.“
 „Natürlich“, sagte Mr.Grant. Er kannte den ruhigen, kahl werdenden Carver ziemlich gut. Und Carvers dünne, nörgelnde, rothaarige Frau war eine gute Bekannte von Mrs.Grant. Die Ausstellung war offenbar effektiv gewesen, denn Carver war bei der Arbeit jetzt spürbar fröhlicher. Die Sonderausstellung war, selbstverständlich, ein viel besserer Problemlöser als die Eheberatung, Psychiatrie, Psychoanalyse oder bloße Geduld.
 Es war ausschließlich ein museumsinternes Projekt. Das Museum wollte, daß seine Beschäftigten glücklich und zufrieden waren, denn nur dann konnten sie der Wissenschaft erfolgreich dienen. Aber darüber hinaus erfüllte die Sonderausstellung auch erzieherische Zwecke, und schloß eine Lücke im Forschungsprogramm des Museums.
 Die breite Öffentlichkeit war über sie noch nicht informiert worden, denn die breite Öffentlichkeit war angesichts wissenschaftlicher Notwendigkeiten überaus konservativ. Aber so sollte es wohl auch sein, sagte Mr.Grant.
 Der Museumsdiener zog einen Schlüssel aus der Tasche. „Sie müssen ihn mir auf jeden Fall zurückbringen“, sagte er.
 Grant nickte und führte Mrs.Grant durch den Saal, vorbei an Glaskästen mit sibirischen Tigern und Riesenpandas. Ein Wasserbüffel starrte sie glasäugig an, und eine Familie von Axishirschen graste in ewigem Frieden.
 „Wie lange wird diese Sache dauern ?“ fragte Mrs.Grant.
 „Überhaupt nicht lange“, sagte Mr.Grant, der sich daran erinnerte, daß die Sonderausstellung für ihre Schnelligkeit bekannt war.
 „Ich erwarte nämlich zu Hause eine Paketlieferung“, sagte Mrs.Grant. „Und ich habe noch einiges zu erledigen.“
 Während er sie an einem Muntjak und an einem Moschushirsch vorbeiführte, wunderte sich Mr.Grant für einen Moment, was sie wohl zu erledigen hatte.
 Mrs.Grants Interessen schienen tagsüber um das Fernsehen und abends ums Kino zu kreisen.
 Natürlich gab es die Paketlieferungen.
 Mr.Grant seufzte. Sie beiden paßten wirklich nicht zusammen. Kaum zu glauben, daß er - ein kleiner, ziemlich sensibler Bursche mit großem Verstand - freiwillig eine Frau mit so heroischen Proportionen und dürftiger Mentalität geheiratet hatte. Aber das passierte anderen auch; Dr.Carver zum Beispiel.
 Mr.Grant Iächelte blaß über das Märchen, daß Gegensätze sich angeblich anzogen, über diese ganzen romantischen Vorstellungen. Hatte er denn nichts aus seiner ornithologischen Arbeit gelernt ? Paarte sich etwa der gelbe Zeisig mit dem Kondor ? Ein einziger, großer Irrtum ! Wieviel besser wäre es gewesen, wenn er sich damit zufriedengegeben hätte, zur Fremdenlegion zu gehen, sein Erbe zu verprassen oder sich dem Vodoo-Kult zu verschreiben. Von solchen Abenteuern konnte man immer noch zu einem anständigen Lebenswandel zurückfinden. Aber aus der Ehe freikommen ? Unmöglich. Nicht, solange Mrs. Grant sich so häuslich bei ihm eingerichtet hatte.
 Es sei denn, natürlich, daß die Sonderausstellung …
 „Hier entlang“, murmelte Mr.Grant und führte sie in einen unerwartet zwischen Glaskästen verborgen auftauchenden Flur.
 „Wo ist diese Ausstellung ?“ fragte Mrs.Grant ärgerlich. „Ich muß rechtzeitig für meine Paketlieferungen wieder zu Hause sein.“
 „Wir sind gleich da“, sagte Mr.Grant und führte sie an einer Tür vorbei, auf der mit roten Buchstaben KEIN ZUTRITT stand.
 Er wunderte sich über diese Paketlieferungen. Sie waren unerhört häufig. Und der Paketbote hinterließ jedesmal die Stummel einer scheußlichen Zigarrenmarke in den Aschenbechern.
 „Da wären wir“, sagte Mr.Grant. Er schloß eine Eisentür auf und betrat einen riesigen Raum. Die Einrichtung war die Nachbildung einer Lichtung im Dschungel, und vor ihnen stand eine strohgedeckte Hütte. Dahinter befand sich, halb verborgen, eine zweite Hütte.
 Mehrere Wilde hockten auf dem mit Schlingpflanzen bewachsenen Boden und schwatzten miteinander.
 „Sie sind lebendig !“ rief Mrs.Grant aus.
 „Natürlich. Das ist ein neues Experiment in deskriptiver Anthropologie, weißt du.“
 Eine alte, faltige Frau legte Holz auf ein Feuer, das unter einem großen Topf prasselte. Etwas kochte blubbernd in dem Topf.
 Die Krieger standen auf, als sie die Grants bemerkten. Einer von ihnen gähnte und streckte sich krachend.
 „Prächtige Burschen“, flüsterte Mrs.Grant.
 „Ja“, sagte Mr.Grant. Das fiel ihr natürlich auf.
 Auf dem Boden vor der ersten Hütte lagen verzierte Holzschwerter, lange, schlanke Bögen, große, lange Messer. Und beständiges Zirpen und Zwitschem füllte den Raum. Ein Vogel schrie wütend, und ein anderer flötete eine  Antwort.
 Mrs.Grant sagte: „Können wir jetzt wieder gehen - oh !“
 Einer der Eingeborenen, wild und fremdartig mit seinem langen schwarzen Haar und seinem bemalten Gesicht, stand plötzlich neben ihr. Zwei weitere standen hinter ihm. Als Mr.Grant die Gruppe betrachtete, kam ihm in den Sinn, wie ähnlich Mrs.Grant diesen Wilden war, mit ihrer dicken Schminke, ihrem Fuchspelz und ihrem klimpernden Schmuck.
 „Was wollen sie ?“ fragte Mrs.Grant und musterte die halbnackten Männer nicht gerade ängstlich.
 „Sie möchten dir ihr Dorf zeigen“, sagte Mr.Grant. „Das ist Teil der Ausstellung.“
 Mrs.Crant bemerkte, daß der erste Eingeborene sie bewundernd anstarrte, und sie ließ sich von ihm führen.
 Man zeigte ihr den Kochtopf, die Waffen, die Dekorationen an der ersten Hütte. Dann führten die Eingeborenen sie zu der zweiten Hütte, und einer von ihnen winkte und bedeutete ihr, hineinzugehen.
 „Sehr informativ“, sagte sie, winkte zurück und folgte ihm hinein. Die anderen beiden Eingeborenen betraten die Hütte ebenfalls. Einer von ihnen nahm ein großes Messer mit hinein.
 „Du hast mir gar nicht erzählt, daß sie Kopfjäger sind !“ drang Mrs.Grants Stimme leise aus der Hütte. „Hast du alle diese Schrumpfköpfe gesehen ?“
 Mr.Grant nickte. Es war erstaunlich, wie schwer diese Köpfe sich beschaffen ließen. Die süddamerikanischen Behörden gingen neuerdings scharf gegen ihren Export vor. Die Sonderausstellung war vielleicht die letzte noch verbliebene Quelle dieser einzigartigen Volkskunst.
 „Einer davon hat rote Haare. Er sieht aus wie Mrs. …“
 Ein Schrei ertönte, und dann konnte man hören, daß in der Hütte ein heftiger Kampf stattfand.  Mr. Grant hielt den Atem an. Die Eingeborenen waren immerhin zu dritt, aber Mrs.Grant war eine sehr starke Frau. Sie würde doch wohl nicht …
 Einer der Eingeborenen kam tanzend aus der Hütte, und das alte Weib hob ein paar ominöse Instrumente auf und ging hinein. Was immer in dem Topf sein mochte, es kochte weiter lustig vor sich hin.
 Mr. Grant seufzte erleichtert und fand, daß er genug gesehen hatte. Schließlich war er ja kein Anthropologe. Er schloß die Eisentür hinter sich ab und machte sich auf den Weg in die ornithologische Abteilung. Mrs.Grants Paketlieferung war gewiß nicht so wichtig, daß seine Anwesenheit erforderlich gewesen wäre.


Gelesen in :
Das Zweite Robert Sheckley Buch
Bastei-Lübbe-Taschenbuch
Scienc Fiction Spezial ; Band 24 090
ISBN 3-404-24090-1