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Friede auf Erden

Friede auf Erde

Der Glaube an GOTT ist, wie jeder Glaube, den Gtäubigen mit rationalen Argumenten nicht zu widerlegen.
Den Muselmanen nicht, und auch nicht den Christen, gleich welcher Couleur der jeweilige Glaube ist.
Naja, zu Widerlegen schon, doch wir werden auf taube Ohren stoßen.
Aber wäre diese Begebenheit, die in einer fiktiven Wirklichkeit spielt, nicht ebenso möglich ?

von M.John Harrison, gelesen in:
Die Strasse der Schlangen
Knaur ScienceFiction 5761
ISBN 3-426-05761-1

Friede auf Erden
von
M. John Harrison


Mit der Entdeckung Gottes auf der Rückseite des Mondes durch ein Forschungsteam der zweiten Phase (Apollo-B-Serie) und mit der anschließenden gigantischen und gewagten Schleppoperation, die ihn zurückbrachte, damit er sein Reich von neuem regiere, begann auf der Erde - wie man sich denken kann - eine Periode weitreichender Veränderungen. Ich brauche die zahlreichen klimatischen und politischen Verfeinerungen, die Neue Medizin oder die weltweit festgelegten Mindestlöhne wohl nicht näher zu erläutern, ferner nicht die segensreichen Umstellungen in der Geographie. Ungeachtet des unvermittelt einsetzenden überwältigenden Fortschritts, arbeiteten jedoch gewisse menschliche Institutionen eine Zeitlang genauso weiter, wie sie es immer getan hatten. Ich denke im besonderen an jene Auswüchse einer bürokratischen Natur, deren inneres Wesen sich gegen jede Veränderung hartnäckig sträubt.
   Dazu gehört auch die Behörde, der ich nun schon so lange meine Arbeitskraft opfere. Folglich erreichte mich die schriftliche Aufforderung zu einem Besuch bei meinem Chef eines Montagmorgens im ersten April seit Beginn des neuen Reiches auf dem ganz normalen Dienstweg: Die Notiz wurde abgefaßt, passierte lethargisch das System der Sekretariate und Schreibstuben und wurde mir schließlich von meiner Sekretärin, Mrs.Padgett, überbracht. Sie hat inzwischen gekündigt; ich glaube, um ihrer Mutter in deren Gemüseladen in Surrey zur Hand zu gehen. Nachdem ich mich in aller Ruhe mit der übrigen Post beschäftigt hatte - wir waren alle so herrlich entspannt in jenen Anfangstagen, als wir uns, sozusagen, gerade an unsere neuen Kleider zu gewöhnen begannen -, fuhr ich mit dem Aufzug in das oberste Stockwerk, wo traditionsgemäß der Chef sein Büro hatte. Er war nachdenklich gestimmt.
   »Sehen Sie sich das an, Oxlade !« Mit einer schwungvollen, einladenden Geste wies er auf das Panorama der Stadt vor seinem Fenster. »Wieviel frischer muß dort unten jetzt alles sein, jetzt, wo die Hetze vorbei ist. Hm. Die Luft gereinigt, der Mensch erquickt !«
   Tatsächlich, als ich auf die sauberen, ruhigen Straßen hinuntersah, wo der frische Wind und der helle Sonnenschein jedermann mit der entsprechenden Lebenskraft erfüllten, hatte ich exakt das gleiche gedacht. In den Anlagen blühten die Narzissen, und die Bänke waren voller Rentner, die sich an dem neuen Wetter delektierten. Irgendwo hörte man eine große Uhr zehnmal bedächtig und klangvoll schlagen. Welch ein Unterschied zu den Frühlingstagen vergangener Jahre, als heftige Regenstürme die Plakate von den Reklamewänden fetzten und ihre Reste über den gesenkten Köp­fen der hastenden Menge im Wind flatterten. Damals gab es so wenig Lebensfreude.
   »Sogar Sie, Sir, geben jetzt zu, daß die Lage sich verändert hat«, bemerkte ich vorsichtig. »Am Anfang …«
   »Ach, Oxlade«, unterbrach er mich, »es gibt immer noch so viel zu tun, und ich habe nur selten Gelegenheit, dieses elende Büro zu verlassen. Die Ereignisse sind - wenn auch langsam - ständig im Fluß, und meine Zeit gehört nicht mir.« Mein Chef wurde gelegentlich von solchen Anflügen der Niedergeschlagenheit heimgesucht. Vielleicht liegt das in seinem Wesen oder - wer will das entscheiden ? - in einer Lebenshaltung, die sein Amt ihm aufgezwungen hat. Wie dem auch sei, er ließ diese Anwandlung gelassen verstreichen und wandte das Gespräch erst meiner Frau Mary und dann den Kindern zu (er ist immer voller Anteilnahme). Schließlich kam er auf die Orchideenzucht, mein Hobby, zu sprechen. Das neue Wetter von Esher eignet sich hervorragend dafür, und so konnte ich ihm, bei aller Bescheidenheit, von einigen wirklich erstaunlichen Erfolgen bei der Freilandkreuzung von englischen Arten, wie der cephelanthera rubra, mit ihren exotischen Vettern berichten.
   Nach ein paar Minuten kamen wir zum geschäftlichen Teil. »Oxlade«, sagte mein Chef, »ich würde mir gern ein paar Dias ansehen, die mir heute morgen … hereingereicht hat.« (Er nannte den Namen unseres zuverlässigsten Agenten.)
   Dann verdunkelte er den Raum. Auf einer Wand erschien ein rechteckiger, weißer Lichtfleck, und an seine Stelle trat der Beginn einer seltsamen Diaserie. »Sie haben sicher bereits festgestellt, daß es sich um Fotos von Gottes Autobahn handelt, Oxlade.« Es war schwer zu erkennen, was die Bilder eigentlich darstellten. Ich sah nur eine wahllose Verteilung von Licht- und Schattenzonen und, jeweils im Zentrum, ein verschwommenes Objekt. Alle Fotos waren äußerst grobkörnig; ich konnte weder Einzelheiten erkennen noch mir den Sinn dieser Aufnahmen erklären. »Die Qualität ist nicht sehr gut, dennoch steht für mich fest, daß sie nichts Ge­ringeres darstellen als plötzliche, intensive Aktivitäten auf der gesamten Länge der Autobahn.« Er machte eine nachdenkliche Pause und ließ das letzte Bild eine Weile stehen. (Einen Augenblick lang bildete ich mir ein, eine gigantische organische Form zu sehen.) Dann ersetzte er es durch das unbewegte, ausdauernde, weiße Lichtrechteck.
   »Ein perfektes Weiß«, murmelte er, und wir betrachteten es eine Zeitlang in andachtsvollem Schweigen. Er fuhr fort: »Ich habe das Gefühl, daß diese Geschichte genauso wichtig sein könnte wie die Affäre mit dem Acht-Angström-Band.«
   Eine komplizierte Angelegenheit, deren Lösung eher im Metaphysischen als in der Wirklichkeit gelegen hatte. Ich konnte mich noch gut an die Sache erinnern, weil sie mir eine Beförderung eingebracht hatte. »Ich möchte, daß Sie da runterfahren. Schauen Sie sich um ! Nehmen Sie Witterung auf, um es mal so zu formulieren. Die Autobahn muß jederzeit von Interesse für uns sein.«
   Gottes Autobahn, ein ständiges Rätsel ! Sicher, niemand bei uns in der Abteilung wußte, warum Gott den Bau seiner Straße veranlaßt hatte, wozu er überhaupt eine Verbindung zwischen der Themsemündung und dem sogenannten »Industriegebiet« der Midlands brauchte. Auch in der Spitze hatte man keine Ahnung. Das heißt: Falls mein Chef es doch wußte, dann behielt er dieses Wissen aus Gründen der Geheimhaltung oder zu seinem Privatvergnügen für sich. Unsere Neugier war damals sehr groß - allerdings versuchten wir natürlich, sie zu verbergen -, deshalb war ich begeistert, daß ich Gelegenheit haben sollte, einen Blick auf diese riesige Verkehrsader zu werfen. Sie verlief, das war mir bekannt, vom Strand bei Southend zweihundert Kilometer landeinwärts in nordwestlicher Richtung. Angeblich sollte sie über zwanzig Fahrspuren verfügen und mehr als eintausendfünfhundert Meter breit sein. Für den normalen Verkehr war sie gesperrt (sie besaß keine einzige Auffahrt), denn sie war allein für seine Zwecke bestimmt.
   »Fahren Sie morgen los, Oxlade, und bringen Sie in Erfahrung, wer sich sonst noch für die Sache interessiert. Dann kommen Sie zurück und erstatten mir Bericht !« Die Rolläden schnurrten hoch, und mein Chef begann wiederum aus dem Fenster zu starren. Nach dem grellen, weißen Licht des Projektors wirkte der Sonnenschein angenehm mild, geradezu wohltuend. Einen Augenblick lang schien draußen eher Herbst als Frühling zu sein. »Es bleibt noch so viel zu tun, Oxlade«, sagte mein Chef sinnigerweise, »aber, nichtsdestoweniger, ein inspirierender Anblick.« Die Befehle des Chefs sind manchmal nicht ganz einfach zu interpretieren, aber diesmal, fand ich, hatte er sich ungewöhnlich klar ausgedrückt. Am nächsten Morgen fuhr ich vom Bahnhof Liverpool Street mit einem dieser entzückenden neuen Züge ab und erreichte Southend um sieben Uhr dreißig. Es war voll weißer Möwen, Sonnenschein und einer seltsam intensiven Ruhe. Ich entschloß mich zu einem stillen Frühstück an der Uferstraße. Ich liebe die Reihe der Arkadencafes an der Shoeburyness Road mit ihren leicht geneigten Terrassen, vollgestopft mit geschmacklosen Sonnenschirmen und fröhlich bunt gestrichenen Tischen, von denen aus man hören kann, wie die Segelboote in der leichten Dünung gegen den Pier stoßen. Wenn man nur seinen Hunger stillen will, kann man in Sekundenschnelle ein Cafe aussuchen. Die Wahl des richtigen jedoch, desjenigen, das am besten zur momentanen Stimmung paßt, ist eine ernste Angelegenheit: Schließlich kann es einem passieren, daß man den ganzen Vormittag dort verbringen muß, weil der Anblick des Meeres einen gefangenhält.
   In einem von diesen Cafes traf ich Estrades, der es sich mit einer Flasche Mineralwasser und einer langen, dünnen Zigarre in einem Klappstuhl bequem gemacht hatte.
   Unter dem alten System war Estrades vielleicht mein geschicktester Gegner gewesen. Heute war das natürlich alles unerheblich, aber damals, in dem erbärmlich kalten Zimmer hoch über der guten alten Margarethenstraße in Berlin hätte ich ihm fast einmal die Kniescheibe zerschossen. In letzter Sekunde hatte ihn ein Funkbefehl aus meinem Empfänger gerettet. Wir begrüßten uns jetzt mit reservierter Freundlichkeit; wir kannten uns zwar gut, hatten aber wenig gemein. Er war ein großer, eleganter, aber irgendwie farbloser Mann, älter als ich, mit einer Vorliebe für prächtige, weiße Leinenanzüge und Knopflochblumen von extravaganter Größe. (Allerdings mußte ich feststellen, daß seine heutige Nelke sich in keiner Weise mit meinen daheim gezüchteten Palaeonophis messen konnte.) Er verbarg sein Alter recht gut, aber die feinen Furchen in der Haut um seine Augen behinderten seine Bemühungen, und in etwa einem Jahr würden sie sie gänzlich zunichte machen. Es wurde behauptet, er sei Ukrainer, dann wieder hieß es, er sei Kirgise von den Westhängen des Tien Shan, aber er hatte den müde fixierenden Blick eines kultivierten Franzosen und den grämlich ironischen Humor eines verarmten polnischen Grafen. Estrades war mit Sicherheit nicht sein richtiger Name, aber es ist der einzige, den wir uns merken müssen.
   Während ich die Speisekarte studierte, tauschten wir Höflichkeiten aus und erzählten uns Anekdoten über unsere gemeinsamen Freunde und Feinde. Estrades klagte über Langeweile; er sei auf Grund eines Gerüchtes hierher gekommen, sagte er (so pflegte er alle Informationen aus Alexandria zu bezeichnen), und sei nun schon seit ein paar Tagen in Southend. »Sie sind wohl an der Autobahn interessiert, Oxlade«, stellte er fest. »Nein, leugnen Sie nicht, mein Freund, ich kann es deutlich an der Haltung ihrer Schultern sehen.« Er lachte in seiner eigentümlich gezwungenen Art: Bis auf ein leichtes Zurückziehen der Lippen blieb sein narbiges, mageres Gesicht unbewegt. »Wir sind zu alt, um uns etwas vorzumachen, deshalb nehmen Sie meinen Rat an, wenn Sie nicht zu stolz dazu sind: Ich bin seit einer Woche hier und habe tagsüber nie etwas gesehen, was nicht schon bekannt wäre. Gehen Sie nachts hin, gehen Sie nachts !«
   Nichts, was nicht schon bekannt ist - auf keinen Fall wollte ich zugeben, wie wenig ich tatsächlich wußte. Ich beschloß augenblicklich, beide Möglichkeiten zu nutzen und lenkte die Unterhaltung auf ein anderes Thema.
   Nach einer Weile lehnte sich Estrades auf seinem Stuhl zurück und gähnte. »Sagen Sie ehrlich, mein Freund, was halten Sie von all dem ?« Mit einer raumgreifenden Geste wies er auf das Meer, die Shoeburyness Road und die Möwen, die wie bei einer Hochzeit von Wasser und Luft durch den Himmel wirbelten. Ich war etwas irritiert, denn ich hatte soeben daran gedacht, daß ich den Tag außergewöhnlich schön fand und noch nie zuvor so große Garnelen gegessen hatte. Einen Moment lang starrte er mich an, dann warf er den Kopf zurück, um herzhaft zu lachen, wobei er Zähne von wunderbarer Regelmäßigkeit entblößte. »So reserviert wie immer«, sagte er und wischte sich die Augen. »Oxlade, unter allen Menschen sind Sie entweder der einfältigste oder der vorsichtigste. Hier gibt es keine Lauscher außer der Kellnerin, und die ist von ihrem Transistorradio fasziniert. Mit ›all dem‹ meine ich die ganze Sache, dieses« - er machte eine nachdenkliche Pause - »dieses Paradies für schlechte Dichter und Pensionäre, in dem wir jetzt leben. (Sie und ich, die wir den Straßendreck von halb Europa an unseren Schuhen hatten.) Dies aufgewärmte Eden, in dem unser Training darin besteht, daß wir in einem sonnigen Garten in Kent C.S.Lewis lesen oder - Gott vergib uns - Blumen züchten. ›Seine Wirklichkeit wird zu unserer Wirklichkeit, indem er uns von Tag zu Tag stärker mit seinem Licht erfüllt … ?‹ Ist das wirklich alles, was er uns zu bieten hat ?«
   »Und dennoch, Estrades«, versetzte ich eisig, denn ich hielt seine vorletzte Geschmacklosigkeit für bewußt und stellte fest, daß er sich über mich lustig machen wollte, »geht es Ihnen ausgezeichnet. Ich züchte Orchideen, und das genügt mir, auch in den alten Zeiten habe ich mir nichts anderes gewünscht. Und Sie ? Was wollen Sie eigentlich ? Sie sitzen hier an einem Cafetisch in Southend oder in irgendeinem Estaminet in Antwerpen und genießen vermutlich mehr Freiheiten als früher, um Ihren Geist oder Ihren - wenn ich so sagen darf - unzeitgemäßen und recht durchsichtigen Zynismus zu trainieren. Niemand verlangt von Ihnen, daß Sie schlechte Verse schreiben oder die Poesie von anderen begutachten. Jeder von uns ist auf seine individuelle Weise zufriedengestellt.« Er nickte langsam. »Das ist ein Argument. Es ist das Argument schlechthin. Aber es beeindruckt mich nicht. Kann man in seiner eigenen Unzufriedenheit Befriedigung finden ? Habe ich jetzt die Erlaubnis, unzufrieden zu sein ? Ich habe lange darüber nachgedacht, und es macht mich rasend. « Er starrte traurig hinaus aufs Meer und machte eine wegwerfende Geste. Sein Gesicht erschlaffte, alterte. Einen kurzen Augenblick lang glitzerte in seinen Augen ein Verlangen, das ich nicht beschreiben kann, und ich sah, wie die ganze sorgfältig aufgebaute Fassade, die lockere Sorglosigkeit und das Ketzertum, wie all das in sich zusammenfiel. Schließlich wandte er sich wieder mir zu, zog an seiner Zigarre und betrachtete seine graziösen, nikotingelben Finger. Sie zitterten ein wenig, während er sich bemühte, den jungen Estrades zurückzuholen, diesen verderbten Sophisten und Straßenecken-Dandy. »Oxlade, ich fürchte, wir sind beraubt worden, aber ich kann nicht herausfinden, wie. Sie sagen, jedermann ist zufrieden. Was hat es zu bedeuten, daß ich übergangen worden bin und mich nun frage, warum?«
   Ich bezahlte meine Rechnung und erhob mich zum Gehen. Da war er plötzlich wieder ganz gelöst, lächelte über meine Verlegenheit und tat so, als ob er die ganze Zeit über vorgehabt hatte, mir diesen Blick hinter die Kulissen zu verschaffen. Das, schien er sagen zu wollen, ist ein Geheimnis zwischen uns beiden. Estrades ist noch nicht so am Ende, wie er aussieht, mein Junge.
   »Das hier ist übrigens mein letzter Auftritt«, sagte er unvermittelt und drückte seine Zigarre aus. »Da ist nur noch eine Sache, die ich rausfinden muß.« Und als ich darauf nichts erwiderte, fuhr er fort: »Warten Sie eine Sekunde !« Er stand mit einer anmutigen Bewegung auf und ließ den Blick über das Ufer gleiten. »Eisenburg !« rief er aus. »Sie erinnern sich doch an Eisenburg ? Von den Piazzale-Loreto-Unruhen …?«
   Ich erinnerte mich nicht. Ich war Hunderten wie ihm begegnet, in den chaotischen Jahren, die dem neuen Reich unmittelbar vorausgingen. Damals schien es, als befänden sich alle Hauptstädte der Welt in einem Gärungsprozeß, bei dem sie in unbewußter Vorbereitung auf die reinigende Sonne, die bald aufgehen sollte, ihren Schmutz an die Oberfläche schwemmten. Der Mann schlenderte mit geschmeidigen Schritten durch den spärlichen Vormittagsverkehr auf der Shoeburyness Road, ein großer, muskulöser, sephardischer Jude. Dabei kümmerte er sich nicht um die Fahrer in den Pkws, außer daß er sie aufreizend angrinste, wenn sie bremsten, um ihn nicht zu überfahren. Seine Stirn war gefurcht und seine Augenbrauen von einer langen, runzeligen Narbe entstellt, die er als Vermächtnis von einem Öl-Coup in Nah-Ost oder einem Religionskrieg mitgebracht hatte.
   Er stand auf dem Bürgersteig, grinsend und stumm posierend, und brachte etwas Frost vom Hermon in das milde, helle Küstenwetter. Estrades beobachtete uns beide ganz genau, um festzustellen, welche Wirkung er erzielt hatte. Er schien zufrieden. »Bis zum Einbruch der Dunkelheit können Sie nichts unternehmen«, sagte er zu mir, »da habe ich mir gedacht, wir drei könnten zusammen in die Stadt gehen und ein wenig über die Zeiten vor dieser Operetten-Heimsuchung plaudern.« Eisenburg fing an zu lachen. »Beschissen gestreifte Sonnenschirme, nicht ?« Dann stimmte er plötzlich zu: »Gute Idee !« »Ich glaube, ich sehe mich trotzdem ein wenig um«, sagte ich und ging. Ich konnte spüren, wie Estrades mir nachstarrte, vielleicht verächtlich, vielleicht amüsiert. Wenn es seine Absicht gewesen war, mich aus der Fassung zu bringen, dann hatte er Pech gehabt. Höchstens für eine halbe Minute war es ihm gelungen, mich zu verwirren, als er wie ein cleverer Taschenspieler mit seiner Lebensangst, seiner billigen linguistischen Philosophie und seinen blitzartigen Stimmungswechseln manipulierte. Dadurch, daß er den Juden in den bis dahin ungetrübten Morgen einführte, hatte er den ganzen Schwindel, das hohle Melodram der »Spielchen«, vor denen er mich selbst gewarnt hatte, wieder aufleben lassen. Und mit seinen Andeutungen und seiner Geheimniskrämerei hatte er sein eigenes neues Image wieder zerstört. Jetzt konnte nichts mehr meinen Tatendrang bremsen. Ich fühlte mich eigenartig beschwingt, als ich am Nordufer der Flußmündung entlangschlenderte. Mein erster Blick auf Gottes Autobahn erwartete mich; der Duft meiner Palaeonophis mischte sich angenehm mit dem Geruch des Meeres. So fiel es mir leicht, Estrades aus meinem Denken zu verbannen.
   Gottes Autobahn steigt genau gegenüber der alten Raffinerien am Sheerness-Felsen aus dem Meer. In ihrer Nähe gibt es keine Häuser, und die Straße nach Shoeburyness endet hier. Die Autobahn erhebt sich auf einem gewaltigen Damm aus dem Wasser, der jedoch nur verschwommen sichtbar ist. Über ihm scheint die Luft vor Erregung zu vibrieren. Als ich an jenem schönen Tag dort ehrfürchtig stand, konnte ich nicht ausmachen, ob die Fahrbahn aus Beton bestand oder aus einem weniger irdisch-handfesten Material. Vor allem das entscheidende Übergangsstück zwischen Straße und Meer konnte ich nicht genau beobachten, denn dort sprudelte und schäumte das Wasser, und ein in seltsamen Farbtönen schillernder Dunst verhüllte alles wie ein zarter Vorhang. Es gibt wohl kaum einen eindrucksvolleren Anblick als diese zwanzig metallisch schimmernden Fahrspuren, die sich (als ob sie eine bereits zurückgelegte, lange Strecke fortsetzen wollten) aus dem Nebel erheben und fröhlich, präzise und entschlossen landeinwärts stürmen.
   Langsam dämmerte mir eine ärgerliche Erkenntnis: Estrades sollte recht behalten. Nichts tauchte aus dem Wasser auf, und überhaupt waren dort kaum konkrete Informationen zu erlangen. Also mußte ich mich anderswo umschauen, damit ich überhaupt etwas hatte, das ich meinem Chef melden konnte. Doch zunächst verbrachte ich den Rest des Vormittags damit, die dauernd wechselnden Spektralfarben zu betrachten und mich zu fragen, welch ekstatische Energien wohl zu diesen Erscheinungen führten. Während ich dort stand, tauchten die Möwen in den Dunst und wirbelten aus purer Sinnesfreude, wie es schien, in ihm herum. Als sie wieder zum Vorschein kamen, sahen sie weißer aus als vorher. Wenn ich Flügel gehabt hätte, wäre ich ihnen sicher gefolgt. Wie sie tanzten und ihre Kreise zogen …!
   In der gleichen Nacht machte ich mich auf, um mehr über die Autobahn in Erfahrung zu bringen. Ich wollte mich hinter der Stadt landeinwärts halten. Der dichte Nebel, der bei meinem Aufbruch über den Vororten hing, löste sich in schnell ziehende, undeutliche Schwaden auf. Ich hatte eine kleine, aber starke Taschenlampe dabei und eine Feldflasche mit heißem Tee. Außerdem trug ich einen warmen Mantel und hatte meinen Feldstecher von bemerkenswerter Vergrößerungsstärke mitgenommen. Ich hatte mir das Glas vor einigen Jahren in Dortmund gekauft. Während ich durch die kühlen Felder und die verlassenen Wohnsiedlungen am Nordostrand der Stadt zog, war ich plötzlich nicht mehr allein: Trotzdem war ich mir sicher, daß die Aufmerksamkeit der verstohlen huschenden Schatten nicht mir galt. »Die Autobahn muß zu jeder Zeit von Interesse für uns sein«, hatte mein Chef gesagt. In dieser Nacht war sie offenbar für viele von Interesse, denn eine lange Prozession von Agenten raschelte durch den Nebel auf sie zu.
   Ich verirrte mich (ich arbeitete ungern nachts, eine ernste Schwäche für Leute meines Berufes) und stieß früher auf die Autobahn, als ich beabsichtigt hatte. Aber letzten Endes spielte das keine Rolle. Ein riesiger Damm türmte sich vor mir auf, genau unter dem sonderbaren neuen Sternbild, das, als es vor ungefähr zwei Jahren erschien, die Wiederentdeckung Gottes verkündigt hatte. Sofort konnte ich die Motorengeräusche schwerer Fahrzeuge hören, die sich nach Norden schleppten. Die Straße war erwacht. Ich bezog dicht hinter dem Zaun aus einem kräftigen Drahtgeflecht Posten und wischte das Kondenswasser von den Linsen meines Nachtglases.
   Alle zwanzig Fahrspuren wurden benutzt. Ich sah gleichzeitig vierzig oder mehr massige Lastzüge, die ächzend die schwache Steigung nach Norden erklommen. Keiner von ihnen war weniger als sechzig Meter lang. Am häufigsten waren Gespanne, die aus einer mächtigen Zugmaschine und einem endlos langen Tiefladeanhänger bestanden. Es waren jedoch auch regelrechte Züge zu sehen, bei denen mehrere solcher Einheiten zusammengekoppelt waren. Alle waren einheitlich mattschwarz gespritzt und mit überdimensionalen Nieten beschlagen. Obwohl jede Zugmaschine mit einer Art Kabine ausgestattet war, konnte man hinter den Fenstern keinen Fahrer entdecken. Mir war nicht klar, was das für Motoren sein mochten, die für den Antrieb sorgten; jedenfalls hatten sie schwere Arbeit zu leisten. Kein Zug brachte es auf mehr als acht oder zehn Stundenkilometer, und doch hingen die Vibrationen einer ungeheuren Kraft wie Hitzeschwaden über jeder Fahrspur, und der Boden erbebte unter meinen Füßen.
   Meine Beobachtungen wurden durch ziehende Nebelschwaden stark behindert, seltsame Luftspiegelungen machten es mir fast unmöglich, die entferntesten Fahrspuren überhaupt zu sehen. Ich hatte wieder das gleiche Gefühl wie im Büro des Chefs, als dieser mir die Dias zeigte: Zwar ergab die allgemeine Aussicht jetzt mehr Sinn, aber das zentrale Objekt, der eigentliche Gegenstand, widersetzte sich bei jedem schnellen Blick immer noch der Interpretation. Die Straße, ich sah sie und verstand, was ich sah. Die Fahrzeuge, ich war immerhin in der Lage, sie als solche wahrzunehmen. Es war die Fracht, die rätselhaft blieb. Was für ein seltsamer Transport, was für verschwommene und vieldeutige Formen in der Nacht ! Plötzlich jedoch vollzogen Auge und Gehirn den notwendigen Schritt der Koordination. Ich verstand auf einmal, daß es sich um ein Problem des Maßstabs handelte, und so konnte ich schließlich erkennen, daß es sich bei dem Ladegut um gigantische, anthropomorphe Gliedmaßen handelte.
   Ganz dicht vor mir, auf der zweiten oder dritten Spur, zog eine menschliche Faust vorbei, aufrecht auf dem abgeflachten Handgelenk stehend und in Segeltuchplanen gehüllt. Sie war geballt und wandte mir die Innenseite zu; eine linke Hand, vielleicht zehn Meter hoch. Geöffnet wäre sie von der Handwurzel bis zu den Fingerspitzen doppelt so hoch gewesen. Die Plane klatschte und flatterte um die markanten Umrißlinien. Drahtseile hielten die Hand auf der Ladefläche. Einen Moment lang sah ich alles völlig klar, dann versperrte mir eine Nebelbank die Sicht. Ich war so aufgeregt, daß ich vergaß, die Brennweite meines Fernglases nachzustellen. Als ich verzweifelt die entfernteren Fahrspuren absuchte, erkannte ich aus diesem Grund nur langsame, mysteriöse Bewegungen, die mich an einen Zug ausgestorbener Reptilien auf einem überwachsenen Pfad in einem Zykadeenwald erinnerten.
   Dann glitt ein gigantischer Unterarm fünf Fahrspuren entfernt vorbei, über dreißig Meter lang und sehr muskulös. Von nun an war ich Zeuge einer erstaunlichen Parade von Gliedmaßen - gewaltige Waden und Schenkel, Hände und Füße und einige Formen, die schwer zu deuten waren. Ich hielt sie für intimere Körperteile, möglicherweise innere Organe. Der Zug war begleitet vom Ächzen und Stöhnen von Gottes Zugmaschinen und vom Vibrieren des Erdbodens. Über allem schwebte eine Ausstrahlung von ungeheuren Energien, die sich - fast wie ein Nebenprodukt - in der Luft verteilten.
   Gegen Morgen nahm der Verkehr ab. Ein letztes Glied kroch - von einem Gestell abgestützt - vorbei. Wegen seiner Länge benötigte es zwei Anhänger. Der Nebel verdichtete sich zusehends, und alle Bewegungen auf der Autobahn hörten auf.
   Ich erhob mich aus meiner geduckten Stellung. Alle Glieder waren völlig steif, meine Knie schmerzten und wollten mir nicht mehr gehorchen, die kalten Hände waren ohne Gefühl. An allen Dingen in meiner Umgebung hafteten winzige Tautröpfchen: auf meinem Mantel, dem Fernglas, dem Zaun. Die Stille war unangenehm für meine Ohren, so als ob ein Druck auf die inneren Gehörgänge plötzlich nachgelassen hätte. Ich schlug mir ein paarmal die Arme gegen den Körper, um Wärme und Vitalität zurückzuholen, aber vergeblich: Benommen vor Schwäche stolperte ich davon.
   Einen Augenblick lang verweilte ich noch am Fuß der Böschung. Die Stille war jetzt nicht mehr so absolut - überall um mich her entfalteten sich geheimnisvolle Aktivitäten. Die anderen Beobachter schüttelten sich, gähnten, packten ihre Ausrüstung zusammen und machten sich daran, die Autobahn zu verlassen. Morgenlicht durchflutete jetzt den Nebel, erfüllte ihn mit einem diffusen, inneren Glanz, der für die Augen in keiner Weise hilfreich war. Zwei oder drei Männer gingen in Reichweite an mir vorbei, wobei sie sich leise unterhielten - sie waren völlig unsichtbar. Da erreichte mich durch diesen ziehenden, leuchtenden Dunst ein leiser, verzweifelter Schrei. Eilige Schritte hasteten nach Süden am Hang entlang. »Haltet ihn…!« schrie jemand. Dann rief er noch etwas, doch er war so aufgeregt, daß sein Ruf völlig unverständlich war.
   Ich sah mich um. Plötzlich stand Estrades neben mir. Der Nebel schien ihn geräuschlos ausgespien zu haben. Eine nerzgefütterte Lederjacke, das geflickte und ölfleckige Relikt aus einem Luftkrieg in seiner Jugend, gab seiner hageren Gestalt mehr Volumen. Er atmete schwer. Eine Sekunde lang starrte er mich an, als erkenne er mich kaum wieder, dann rief er laut in den Nebel: »Sie können ihn erwischen, Eisenburg … Ungefähr dreißig Meter vor Ihnen, jetzt !« Ein Schuß fiel, der rennende Mann stolperte und lief weiter.
   »Um Gottes willen«, sagte Estrades angewidert. Er nahm die Zigarre aus dem Mund und betrachtete sie stirnrunzelnd. »Trauen Sie niemals einem Juden …!« Dann empfahl er mir in einem anderen Tonfall: »Denken Sie über das nach, was Sie gesehen haben, Oxlade ! Esher gehört Ihnen nicht mehr. Wie können Sie weitermachen, jetzt, wo Sie gesehen haben, was da oben vorgeht ? Wie wollen Sie sich jemals wieder sicher fühlen ?« Er dachte einen Augenblick über seine Worte nach, dann zog er einen Revolver aus der Tasche seiner Fliegerjacke. »Muß ich immer alles selber machen ?« fragte er, offenbar in bezug auf Eisenburg. »Es ist alles aus, wenn er entkommt. « Dann verschwand er wieder im Nebel. Kurz darauf zuckte die helle Luft erschreckt unter zwei weiteren Schüssen. Ich wartete, aber Estrades kam nicht zurück. Dann trat ich meinen Rückweg durch die feuchten Felder an, wobei ich mich fragte, ob der arme Tropf auf dem Damm überhaupt wußte, wer ihn verfolgte. Es wurde ein trübseliger Marsch. Etwas später am Morgen legte ich mir sorgfältig Rechenschaft über die Resultate meiner Beobachtungen ab. Die Fortschritte, die ich gemacht hatte, konnte man zu folgendem Problem zusammenfassen: Bei einer beobachteten Höchstgeschwindigkeit von maximal zehn Stundenkilometern würde es für Gottes Fahrzeuge völlig unmöglich sein, die ganze Reise in einer Nacht zurückzulegen. Trotzdem war die Autobahn tagsüber leer, auf ihrer ganzen Länge konnte man nur das Spiel von Wind und Sonne beobachten. Wo also ging die Fahrt hin…? Ein faszinierender und unerklärlicher Sachverhalt - aber konnte ich sicher sein, daß er meinem Chef nicht schon längst bekannt war ? Estrades hatte das Problem durchschaut, genauso konnten das auch andere getan haben. Ich sah ein, es war unklug, mich zu früh auf einen einzigen Gesichtspunkt festzulegen und mit einem Bericht, der sicher als unvollständig betrachtet werden würde, wieder nach London zurückzukehren. Ich konnte ziemlich sicher sein, daß mein Chef sich auch noch für andere Aspekte interessierte, worunter auch solche sein konnten, die man bisher als peripher betrachtet hatte. Wieder dachte ich an Estrades.
   Dieser düstere Heimatlose, dieser Überlebende von tausendundeiner labyrinthischen Exkursion unter der politischen Erdkruste, pflegte seine Motive als den Ausdruck schlichter Neugier darzustellen. (Tatsächlich versteckte sich hinter seiner gespielten Gleichgültigkeit nicht nur die scharfe und eiserne Energie, deren Ausbruch ich heute morgen im Nebel von Essex beobachten konnte, sondern auch, wie ich bei früheren Gelegenheiten auf meine Kosten festgestellt hatte, ein durchdringender, unnachgiebiger und mitleidloser Verstand.) Um ihn aus seinem Ruhesitz in den ausgebleichten Flußbänken Nordafrikas hervorzulocken, damit er an einem kalten Morgen in England die Pistole auf jemanden richtete, bedurfte es schon eines besonderen Anlasses. Welchem dünnen Faden war er wohl durch die Freudenhäuser von Marseille, über die grauen Boulevards von Brüssel bis nach Southend on Sea gefolgt ?
   Den restlichen Vormittag versuchte ich ihn auf der bevölkerten Uferstraße zu entdecken, ich hatte mich in die ungebändigte Flut von nackten, roten Armen gemischt, in diese Operettenszenerie mit ihren Bratfisch-, Lavendel- und Flaschenbierdüften. Ich wußte, er würde auf mich warten. Um zwölf Uhr setzte leichter Nieselregen ein. Er fiel aus einem Himmel, der abwechselnd von bleigrauen Wolken bedeckt und mit silbrigem Sonnenschein erfüllt war. Urplötzlich war die Esplanade wie ausgestorben. Im Schatten des Piers setzte ich mich auf einen Stein und blickte versonnen auf das salzverkrustete Gitterwerk der Stützbalken und krummen Streben, die den Schießbuden und rasselnden Spielautomaten als Unterbau dienten. Lärmende Kinder hingen hoch oben über dem weißen Geländer. Als ich auf den quecksilbrigen Streifen der Brandung blickte, stand plötzlich Estrades am Ende dieser Gasse aus verrosteten Strebepfeilern, bewegungslos und von einem einzelnen, wäßrigen Sonnenstrahl beleuchtet.
   Als wir aufeinander zugingen, hörte der Regen auf. Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich in die entgegengesetzte Richtung gegangen wäre. Oben dröhnten die Bohlen und Planken, und als wir uns trafen, war die Promenade schon wieder voller Menschen. Kurz schaudernd, um die kühle Unterbrechung ihres Ferientages zu verscheuchen, kamen sie aus den Cafes und Hauseingängen, die ihnen Unterschlupf gewährt hatten.
   »Ich habe diese Gesichter am Strand beobachtet«, sagte Estrades, »in der Hoffnung, die alten und vertrauten wiederzufinden. Sie erinnern sich doch, Oxlade ? Damals waren die Gesichter grau, als ob ihr Fleisch aus weichem Wachs bestünde, grau vor Angst und Schlafmangel. Und sie zuckten zurück, bei jeder kurzen Begegnung an windigen Straßenecken. (Können Sie sich wenigstens noch an diese Ecken erinnern, Oxlade, von dem bequemen Schlupfwinkel Ihres neuen Traumes aus ?) Sie waren krank, aber real: Es waren unsere Gesichter.« Er schüttelte den Kopf. »Es sind mindestens fünfzig Männer, die jede Nacht am Straßendamm verbringen. Viele von ihnen müßte ich von früher kennen. Jeden Tag suche ich sie am Strand, aber falls sie da sind, dann sind sie sonnengebräunt wie Rentner in der Kur. Sie tragen offene Hemden und haben die Ärmel hochgekrempelt. Sie haben sich entspannt, genau wie Sie, Oxlade.«
   Er seufzte und wies auf die promenierende Menge. »Und hier«, sagte er, »suchen Sie nach Geist ! Sie beobachten sie, lauschen dem Lärmen und erwarten, daß Sie sichtbare Anzeichen für dieses glückliche Überschäumen finden werden.« Er schüttelte sich. » Ha ! Ihre Augen sind blaß, blicklos. Sie sind beraubt worden. Alles, was sie tun, geschieht mechanisch, wie bei den Tieren.«
   »Wenn das stimmt, Estrades - und ich glaube nicht, daß es stimmt-, dann tun sie vielleicht genau das, was sie wollen. Und sehen Sie sich diese Kinder an ! Wirken sie etwa unglücklich ? Sie können nicht leugnen, daß sie glücklich sind und das auch wissen.«
   Statt mir zu antworten, blickte er auf den Sand und bearbeitete mit dem Absatz seines eleganten Schuhs ein Büschel hellgrünen Seetangs. Mit seinen langen, sehnigen Fingern zog er etwas aus den Tangschlingen heraus. »Kinder stellen die Dinge nicht in Frage. Aber werden sie ihr Leben lang Kinder bleiben ?« Er schnickte angeekelt mit den Fingern, um ein bißchen Tang abzuschütteln, dann hielt er eine One-Penny-Münze hoch, die noch nicht oxydiert war. Gott allein wußte, wie lange sie schon am Strand gelegen hatte. »Sogar hierin liegt Geist«, sagte Estrades sinnreich und schnippte sie fort. Sie huschte aus dem Schatten des Piers, blinkte kurz auf und war verschwunden.
   »Oben auf der Promenade findet ein Festival der Mittelmäßigkeit statt, ein Fest der Toleranz, eine Leere, ausgefüllt von Rollstuhlentertainern …« Einen Moment lang beobachtete er die vorbeiziehende Menge. »Sie wollen nicht wissen, wer heute morgen an der Autobahn erschossen worden ist ?« fragte er kühl. Irgendwie muß ich meine Neugier verraten haben, denn mit einem triumphierenden Grinsen wandte er sich mir wieder zu. »Ach ja, Ihre Behörde ist so vorsichtig, was ihre Angestellten angeht. Ich habe heute morgen Ihren Deckagenten erschossen. Er sendete gerade die Funkbotschaft ›Alles läuft glatt‹, da tötete ich ihn, bevor er weiterfunken konnte. Werden Sie Ihrer Abteilung einen Bericht darüber erstatten ?«
   »Mir ist nicht bekannt, daß bei uns Deckagenten eingesetzt werden«, erwiderte ich vorsichtig. »Wahrscheinlich haben Sie einen Unschuldigen umgebracht.«
   »Dann sind Sie bemerkenswert schlecht informiert. Und auf dem Damm gab es überhaupt keinen völlig unschuldigen Mann.« Als mein Gesicht ausdruckslos blieb, lachte er schallend. »Oxlade, Oxlade !« Er schnappte nach Luft. »Wenn Sie sich jetzt sehen könnten !« Er gewann seine Selbstkontrolle zurück. »Ach, wie mir das alles zum Hals raushängt !« murmelte er bitter. Vielleicht hatte ich es doch erreicht, daß er sich unbehaglich fühlte.
   »Warum haben Sie ihn umgebracht ?«
   Er lächelte, sein Blick war in die Ferne gerichtet. Die Sonne stand jetzt wieder voll am Himmel, und auf dem Pier hatte ein kleines Orchester begonnen, Melodien von Gilbert und Sullivan zu spielen. »Ich habe vor, diesem einfältigen Utopia ein Ende zu machen«, sagte er ruhig. »Ich möchte, daß Sie dabei sind, und sei es nur als Repräsentant Ihrer Organisation. Aber ich kann keine weiteren Berichte mehr dulden, bis die Angelegenheit erledigt ist. Ihr Schatten war eine peinliche Störung.« Er sah mir fest in die Augen. »Na, was meinen Sie, Oxlade, alter Freund ?« Und bevor ich die naheliegende Antwort geben konnte: »Wissen Sie was, wenn Sie mitkommen, könnte es Ihnen sogar gelingen, mich aufzuhalten ! Was für ein Coup ! Und wenn alles fehlschlägt, können Sie immer noch einen umwerfenden Bericht über die Affäre abfassen. Das bringt wieder eine Beförderung, und in den stillen Teichen von Esher werden weitere Orchideen erblühen.«
   »Wohin mitkommen ?« fragte ich.
   »In die Midlands«, antwortete er, »und zwar über Gottes Autobahn.«
   »Ihr Vorhaben ist ebenso aussichtslos wie blasphemisch.« Ich wandte mich zum Gehen.
   Er wartete, bis ich aus dem Schatten des Piers getreten war, dann rief er: »Oxlade, bevor Sie das nächste Telefon erreicht haben, sind Sie ein toter Mann.«
   Ich sah den Uferstreifen entlang. Am Fuß der Promenade stand lässig Eisenburg, der Jude. Er grinste und zündete sich eine Zigarette an, wobei er mich über die zusammengelegten Hände hinweg anstarrte. Etwa fünfzehn Meter trennten uns voneinander.
   »Ich kann das Risiko nicht eingehen«, sagte Estrades, und ich glaubte ihm.
   »Sie sind ein übler Bursche, Estrades«, sagte ich. »Wie übel, das hatten wir anderen schon vergessen.«
   Er lachte. »Das ist es ja eben, was mit euch nicht stimmt«, versetzte er. Über ihm strömten Kinder in die Spielhallen. Ihr Geschrei erstickte die Töne des Orchesters.
   So geschah es, daß ich meine unfreiwillige Verbindung mit Estrades, dem Agenten vom Kontinent, einging und an der Verschwörung gegen Gott teilnahm. Warum dieser Irre mich dabeihaben wollte, kann ich nicht sagen. Ich glaube jetzt, daß es einfach seiner Eitelkeit schmeichelte, einen Gefangenen als Beobachter mit sich zu führen. Er war nämlich ein ungeheuer eitler Mensch. Wie auch immer, ich konnte nichts dagegen unternehmen. Den ganzen Nachmittag und einen Teil des Abends beobachtete ich teilnahmslos, wie Estrades das Terrain sondierte, indem er der Reihe nach verschiedene - vermutlich »sichere« - Adressen aufsuchte, die über die ganze Stadt verstreut waren.
   In einem von diesen Häusern empfing Eisenburg die geheimnisvolle, etwa einen Meter lange Kiste, auf die die beiden ihre Hoffnungen gesetzt hatten. Sie wog mindestens fünfzig Pfund, wenn nicht mehr, doch Eisenburg trug sie zusammen mit einem riesigen Bolzenschneider - vermutlich wollten sie damit den Zaun oben auf dem Damm knacken - unter einem Arm, als ob die Kiste leer wäre. Von Anfang an fand ich die Kiste abstoßend, obwohl ich damals noch gar nicht wußte, was sie enthielt. Hätte ich es gewußt, dann hätte ich sicher versucht, Eisenburg auf einer der belebten Straßen hinter der Esplanade zu entwischen. Immer wenn Estrades anderweitig beschäftigt war, versuchte Eisenburg meine Aufmerksamkeit zu erregen, indem er mir eine lange, komplizierte Pantomime von Andeutungen vorspielte: Er betastete die Kiste bedeutungsvoll und tat so, als wollte er sie öffnen, dabei grinste er die ganze Zeit über bösartig in sich hinein, so daß die Narbe abscheuliche Furchen in seine Stirn zeichnete. Er ließ den Kasten niemals aus den Augen und wurde auch nie müde, sich über mich lustig zu machen.
   Inzwischen hatte Estrades seinen Anzug mit der Nelke wieder gegen Fliegerjacke und Revolver eingetauscht. Er wurde zusehends angespannter und aufgeregter, was er durch gezierte Gesten zu vertuschen suchte. Für mich war sein Benehmen nur ein neuer Beweis für die Labilität seines Charakters. »So !« rief er aus, als wir uns durch die aufgeweichten Felder hinter der Stadt auf den Weg machten. »Da gehen wir also ! Das volle Risiko übernehmen wir ! Drei Männer gegen Gott !« Sogar der Sonnenuntergang schien wegen dieser kindischen Überheblichkeit beunruhigt zu sein: Der Himmel sah aus wie eine große umgedrehte Schüssel voller Wolken. Nur am Horizont über Shoeburyness war der Napf etwas angehoben, um einen dünnen Streifen blutroten Lichts zu zeigen. »Oxlade, Sie denken sicher, es ist nicht zu schaffen. Pah ! Es wird klappen ! Wir werden Esher befreien, und wenn die Orchideen im nächsten Jahr etwas kleiner und etwas weniger protzig ausfallen …. Na, wenn schon, wenigstens werden es Ihre Orchideen sein.«
   »Sie sind nicht ahnungslos, Estrades. Sie wissen, daß andere bereits das gleiche versucht haben.«
   »Das waren keine Männer, Oxlade.« Er stieß seinen Komplizen in die Seite. »Keine Männer, nicht wahr, Eisenburg ?« Und sie zwinkerten sich wie Jungen zu, die gerade einen Obstgarten plündern wollten.
   Oben auf dem Straßendamm angekommen, warteten wir auf die Dunkelheit. Ein schneidend kalter Wind war aufgekommen und pfiff über die Äcker. Einen Augenblick lang wirkte die Welt im Zwielicht so grau und trostlos, daß ich glaubte, Gott habe seine schützende Hand von uns dreien genommen. Estrades zitterte und zog den Reißverschluß seiner Jacke höher. Als es dunkel war und man das Dröhnen der Lastzüge Gottes von Süden näherkommen hörte, machte sich Eisenburg mit dem Bolzenschneider an die Arbeit. Das Drahtgeflecht des Zaunes schien widerstandsfähiger als erwartet. Der Jude stöhnte und fluchte, Estrades tobte vor Ungeduld. Aber nach und nach rollte sich jeder abgetrennte Draht wie ein angesengtes Haar zu einer kleinen Spirale auf. Als das erste Fahrzeug in unser Blickfeld kroch, war der Durchschlupf fertig. Er war schmal, aber ausreichend.
   Estrades ließ Eisenburg hinter dem Zaun Stellung beziehen und kauerte sich in das Loch. Dort hockte er ungefähr eine halbe Stunde lang, wobei er unablässig auf die Armbanduhr schaute. Sein Gesicht wirkte jetzt eingefallen und verschlossen, als würde er sich zum ersten und vielleicht auch letzten Mal der Tragweite seiner Handlungen bewußt. Die Narben auf seinen Wangen zuckten. Sah er in den rätselhaften Formen, die langsam die Steigung hinaufkrochen, seinen eigenen Untergang ? Wurde ihm klar, daß sich die schützende Hand unwiderruflich zurückgezogen hatte ? Die Erde bebte, und die Luft über der Straße schimmerte und strahlte; ein Abglanz der unfaßlichen Energien. Plötzlich hatte sich Estrades wieder gefaßt. Er wandte mir sein gehetztes, angstverzerrtes Gesicht zu und schrie: »Jetzt oder nie, Oxlade ! Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, dann rennen Sie !«
   Und dann zwängte er sich durch das Schlupfloch.
   Ich kann mich nur schlecht an alles erinnern, aber ich weiß noch, daß ich ein oder zwei Sekunden lang zusah, wie er um sein Leben rannte, eine winzige, energiegeladene Gestalt, die immer wieder vor den riesigen, bedrohlichen Rädern zurückwich. Ich spürte einen kräftigen Schlag zwischen die Schulterblätter, und als ich mich umdrehte, stand Eisenburg schwitzend und grinsend in der Dunkelheit. »Jetzt Sie !« sagte er und versetzte mir noch einen Schlag. Wie Insekten hasteten wir über die endlos breite Straße, wobei der Jude mich vor sich herstieß. Der Wind, der um die mächtigen Maschinen wirbelte, zerrte an unseren Kleidern. Schwarzer, nietenbeschlagener Stahl türmte sich vor uns auf bis in schwindelnde Höhen. Als ich stolperte, zerrte mich Eisenburg hoch, dabei fluchte er unzusammenhängendes Zeug in einer fremden Sprache.
   Inzwischen hatte Estrades - offenbar von einer hysterischen Kraft getrieben - die Ladefläche eines immensen Anhängers erklommen. Er stand zwei Meter über mir und hielt mit weißem Gesicht nach allen Seiten Ausschau. Um mich heraufzuziehen, streckte er mir die Hand entgegen. Eisenburg reichte uns die Kiste und den Bolzenschneider herauf, doch sein erster Versuch, den Anhänger zu besteigen, schlug fehl. Bei seinem Sprung verfehlte er Estrades Hand um zehn Zentimeter. Danach mußte er eine halbe Minute neben dem Fahrzeug herlaufen, um neuen Mut für seinen zweiten Versuch zu sammeln. Während er rannte, lachte und schluchzte er gleichzeitig, und sein Gesicht war zu einer Maske aus Angst und Panik erstarrt.
   Panik und Angst, das ist es, was mir von der Reise in Erinnerung geblieben ist.
   Ich kann nicht sagen, wie lange wir uns frierend und reglos auf dem Fahrzeug festklammerten. Blaues, wächsernes Licht durchdrang den ganzen Raum, den man als Straße bezeichnen konnte, und die Zeit bewegte sich undurchschaubar entlang der verzerrten Perspektiven, in denen wir reisten. Estrades Uhr war bei dem wahnsinnigen Sprung auf den Anhänger entzweigegangen und konnte uns nun nichts mehr nützen. Eine in regelmäßigen Abständen auftretende, beunruhigende Veränderung des zyanidblauen Lichtes vermittelte uns das Gefühl, daß wir nicht etwa Stunden, sondern Tage auf dem Gefährt verbrachten. Was von der Umgebung der Autobahn zu sehen war, erschien uns eigentümlich deformiert und verschwommen. Der Anblick war uns weder eine Hilfe noch eine Beruhigung. (Die Straße hat, wie ich vermute, nur wenig »wirkliche« Existenz, wenig Verbindung mit dem, was wir als Realität bezeichnen. Als ich schließlich in die Welt zurückkehrte, mußte ich erfahren, daß drei Tage verstrichen waren, seit wir das Loch in den Zaun geschnitten hatten. Aber dieser primitiven Zeitangabe messe ich keine Bedeutung bei, weil solche Maßeinheiten höchstens ein Schema für die Beschreibung der menschlichen Umwelt liefern. Wir aber reisten durch Gottes Umwelt, und die hat - nach meinem, zugegebenermaßen, beschränkten Wissen - noch kein Theologe definieren können.)
   Anfangs war Estrades entschlossen, Untersuchungen über das Fahrzeug anzustellen, das wir wie kranke und verängstigte Läuse überfallen hatten. Ich glaube sogar, daß er vorhatte, in die Kabine einzudringen, um das »Kommando« zu übernehmen. Aber daraus wurde nichts. Wir teilten uns die Ladefläche mit einem unvorstellbaren und verhüllten Etwas. Von Anfang an waren wir sehr ehrfürchtig und vorsichtig. Wir saßen getrennt voneinander, die Knie ans Kinn gezogen und starrten still vor uns hin. Eisenburg machte einmal einen Rundgang über den Anhänger, entweder aus Übermut oder um seine verkrampften Gieder zu lockern, aber selbst er wagte nicht, das Ding unter der Plane zu untersuchen, und Estrades rief ihn auch bald wieder zurück. Ich glaube, er war froh, diesem Befehl gehorchen zu müssen.
   Letzten Endes war es ein Wunder, daß wir genug Energie behielten, um überhaupt solche Entscheidungen zu treffen oder uns zu bewegen. (Bewegung sollten wir jedoch erhalten, und zwar bald genug.) Die Plane klatschte und flatterte wie ein Zelt, das in einem düsteren Tal aufgeschlagen wurde. Nebelschwaden kamen und gingen und ließen winzige Kondenswassertröpfchen auf dem schwarzen Metall zurück. Plötzliche kalte Windböen fuhren uns durch Mark und Bein. Niemals verließ unser Fahrzeug seine Position in der Kette des Konvois. Wir waren steif, müde und hungrig, unsere Ohren waren halb taub vom ständigen Stampfen von Gottes Maschinen. In diesem düsteren, blauen Schwebezustand fühlten wir uns wie die Geister jüngst Verstorbener, die sich gegenseitig schreckensstarr beobachteten, während sie nach und nach das Endgültige ihrer Lage erkannten. Später begann Estrades dann, dumpf brütend über der Kiste zu hocken, als hoffte er, dort seine Rettung zu finden.
   Schließlich aber wurde uns die Zeit in einem verständlichen, menschlichen Sinne wiedergegeben; die ständigen Lichtschwankungen hörten auf. Die Perspektive der Straße vor uns wurde umgestellt und festigte sich, so daß wir wieder Geschwindigkeit und Entfernung abschätzen konnten. Zum ersten Mal wurde die angrenzende Landschaft deutlich sichtbar. Wir stellten fest, daß wir uns langsam durch eine weite, dürre Ebene bewegten, die hier und da von orangefarbenen Glanzlichtern und Schatten tiefsten Purpurs unterbrochen wurde. Die Erde war nackt und rissig, wie ausgetrockneter Schlamm auf einem öden afrikanischen Hochplateau. Hinter dem Zaun rührte sich nichts.
   Sie werden mit Recht einwenden, daß es solche Landschaften auf den britischen Inseln gar nicht gibt. Ich kann Ihnen nur zustimmen. Dennoch machte uns der Anblick nichts aus. Denn am Horizont war, groß und schrecklich, die Gestalt Gottes erschienen.
   Eisenburg, der Jude, senkte den Kopf und fing plötzlich an zu wimmern. Estrades starrte fassungslos. »Jesus, Oxlade !« rief er und verfiel dann abrupt in einen magyarischen Dialekt, dem ich nicht folgen konnte. Er riß seinen Revolver heraus und schwenkte ihn aus irgendeinem Grund nervös in meine Richtung. Eisenburg weinte inzwischen erstickt und versuchte, niederzuknien. Das bemerkte Estrades aus den Augenwinkeln, und er bewegte sich wie eine Schlange auf ihn zu. »So nicht !« zischte er. »Machen Sie die verdammte Kiste auf, Eisenburg ! Wir haben ihn !« Aber seine Augen hingen an der unfaßbaren Erscheinung, und als der Jude nicht gehorchte, schien er es gar nicht zu bemerken.
   Wie kann ich ihn beschreiben ?
   Er kauert so in meiner Erinnerung, wie er in Ewigkeit kauern wird. Er bietet sein Halbprofil dar, hebt sich dunkel gegen den Himmel ab. Fünfzehn Quadratkilometer Boden breiten sich zwischen seinen sechs gespreizten Beinen aus. Irisierende Regenbogenfarben spielen auf seinem Rückenschild. Oh, daß er jemals die Schwingen unter diesen schimmernden Flügeldecken ausbreitete ! Ein Facettenauge - mit einem Durchmesser von hundert Metern - blickt starr in Sphären, die wir niemals schauen werden. Fast zwei Kilometer über dem Boden brausen Stürme machtlos über seine steifen Fühler und reglos ausgestreckten Kieferzangen. Im Schatten seines langen Hinterleibes sehen die Fabriken wie Spielzeug aus, und es scheint, als habe er von seinem verborgenen Beobachtungsposten auf dem Mond eine Luftleere mitgebracht, die den Himmel härter und heller macht. Wo seine Füße die Erde berühren, haben sich tiefe Senken gebildet. Riesige Risse und Spalten gehen sternförmig von jeder dieser Senken aus. Wie kann die Welt sein Gewicht tragen, ohne zu stöhnen ? Was hat er uns genommen, und was hat er uns statt dessen gegeben ? Estrades behauptete, es zu wissen, aber Estrades war schon lange ein Opfer seiner eigenen Verzweiflung geworden. Als ich diese übermächtige Insektengestalt, Lucanus Cervus Omnipotens, erblickte, wußte ich, es mußte mehr sein. Aber jetzt bin ich dessen nicht mehr sicher, weil ich jetzt keiner Sache mehr sicher bin.
   Eisenburg würgte und erbrach sich. Mit dem Handrücken wischte er sich den Mund ab, dann begann er zu lachen. »Es ist ein verfluchter Käfer !« kreischte er. »Es ist nur ein verfluchter Käfer !« Estrades blinzelte, starrte einen Augenblick auf seine Füße, dann fing auch er an zu lachen. Sie umarmten sich und schunkelten wie bei einem schwerfälligen Tanz. »Schnell !« schrie der Jude und machte sich los. »Schnell !« Er packte den Bolzenschneider und hebelte mit ihm den Deckel der Kiste auf. Bleich und zitternd machten sie sich über den Inhalt her, ein Gewirr von bunten Kabeln und Elektrobauteilen. Sie drehten an Justierknöpfen und -schrauben. Wegen ihrer Hast gab es eine kurze Rangelei um das einzige Werkzeug, das sie besaßen: einen kleinen Schraubenzieher. Eisenburg gewann.
   Estrades warf einen flüchtigen Blick über die Schulter und schauderte. »Es sind ungefähr acht Kilometer«, sagte er, »stell sie darauf ein !«
   Er spürte meinen Blick. »Freiheit, Oxlade«, murmelte er, »Freiheit.« Ein Anfall von Schüttelfrost ergriff ihn, während vor uns die riesige Gestalt näher und näher herankam.
   »Uns bleiben eine Stunde und zwanzig Minuten, um uns in Sicherheit zu bringen«, sagte er zu Eisenburg. »Wir können nicht genau vorhersagen, was geschieht, wenn sie hochgeht.«
   »Sie wollen im Ernst damit weitermachen?« Ich stellte fest, daß ich brüllte. Ich kann die Panik, die uns alle ergriffen hatte, kaum beschreiben. Es war fast etwas Physiologisches, eine Urangst, die in die Zellen unseres Nervensystems eingraviert war. »Estrades, nicht so nahe bei ihm !« Ich packte ihn an der Schulter. Sein Zittern übertrug sich auf mich, und für einen kurzen Augenblick hingen wir aneinander fest, unfähig zu sprechen. Estrades stammelte unverständliche Laute. Ich riß mich los. »Was ist in der Kiste, Mann ? Was habt ihr vor ?« Allmählich ließ das Zittern nach. Estrades atmete langsam und gepreßt aus. Sein Gesicht verzog sich wie im Schmerz, als er die Pistole hob. Dann lachte er bitter und drehte mir den Rücken zu.
   »Fragen Sie lieber, wozu das alles hier gut ist«, erwiderte er ruhig und wies auf die Autobahn, die unmögliche Landschaft und die Fabriken in seinem Schatten.
   »Fragen Sie lieber, was dies Ding mit uns vorhat, warum es uns in Touristen und Pfarrer verwandelt hat, in Darsteller eines Schmierentheaters in einer Welt, über die wir nicht mehr bestimmen. Fragen Sie lieber …» Aber da fing er wieder an zu schlottern und konnte nicht mehr weitersprechen. Vor Wut über den neuerlichen Schwächeanfall ballte er die Faust. Eisenburg ließ den Schraubenzieher fallen und blickte voller Schrecken hoch; seine Kinnmuskeln zuckten unkontrolliert. Völlig entnervt, fast ein Wrack ! Ich begann zu ahnen, daß es noch schlimmer werden würde, wenn wir noch näher herankämen. Aber das wird er nicht erlauben. Die Vorstellung, diese gigantischen Kiefer könnten sich bewegen, entsetzte mich. Estrades hielt den Revolver mit beiden Händen fest umklammert, als ob er ihm Halt böte. »In der Kiste sind zehn Pfund Plutonium« - er stieß jedes Wort gewaltsam zwischen den zusammengepreßten Zähnen hervor. »Eisenburg hat die Zündung gebaut. Zwanzig Männer sind umgekommen, als sie das Zeug gestohlen haben, und hundert weitere sind - allein in Europa - deswegen inhaftiert. Ich … muß … weitermachen, was auch geschieht …«
   Er stöhnte und bezwang sein Zittern noch einmal.
   Ich weiß nicht mehr genau, was ich eigentlich vorhatte. Als ich sah, wie die Kräfte beide verließen, warf ich mich auf die Bombe. Vermutlich hatte ich gehofft, sie von der Ladefläche stoßen zu können. Dann hätte sie vielleicht nicht mehr funktioniert oder wäre doch zumindest für die beiden unerreichbar gewesen. Aber sie waren sofort über mir und prügelten wie verrückt auf meinen Kopf und meine Leistengegend ein. Estrades Revolver ging mit gewaltigem Knall los. Irgend etwas krachte gegen meinen Unterschenkel. Der Jude brüllte und ließ seinen Körper schwer auf meinen fallen, wobei er mit klammen Fingern nach meiner Halsschlagader suchte. Keuchend und stöhnend zappelten wir wie Fische auf dem Boden eines Ruderbootes. Da spürte ich den Bolzenschneider unter meiner Hand. Ich schlug Eisenburg das Werkzeug mehrmals unters Ohr, bis er endlich von mir herunterrollte und sich nicht mehr bewegte.
   Als ich mich hochgerappelt hatte, fiel mein Blick auf Estrades, der etwa einen Meter vor mir auf der Ladefläche kniete. »Um Gottes willen, Oxlade !« jammerte er. »Es geht um die Welt !« Die Pistole zielte direkt auf meinen Bauch, aber er zitterte so stark, daß er nicht abdrücken konnte. Ich schlug ihm mit dem Bolzenschneider ein Loch in den Schädel. Blutüberströmt ging er in die Knie und sagte: »Das hätten Sie nicht tun dürfen.« Dann fiel er um wie ein Toter.
   Ich ging einen Schritt auf die Bombe zu, da knickte mein linkes Bein unter mir ein. Meine Hände griffen ins Leere, und ich fiel auf die Fahrbahn, wo ich einen Moment lang bewegungsunfähig liegenblieb. Hilflos auf dem Rücken mußte ich mitansehen, wie sich der Tiefladeanhänger unerbittlich von mir entfernte. Benommen vor Schmerz und Übelkeit sah ich wie durch einen Nebel riesige, heiße, nach Gummi stinkende Reifen, die kaum einen Meter von mir entfernt über die Straße rollten. Ungefähr eine Minute später erhob sich Estrades wieder auf dem Anhänger, klein und verzweifelt schwankend. Seine Schultern waren mit Blut bedeckt. Er stolperte über die Ladefläche und brachte den Revolver in Anschlag. Ein paar Kugeln schlugen in meiner Nähe auf den Straßenbelag. Estrades drehte sich um und feuerte seine letzten Kugeln trotzig in die Luft, in Gottes Richtung. Das war das letzte, was ich von ihm sah.
   Der Rest ist schnell erzählt: Ich wandte all dem den Rücken zu und begann zu rennen. Trotz des Loches im linken Wadenmuskel, das Estrades mir beigebracht hatte. (Ich hinke immer noch ein bißchen. Jetzt natürlich nicht mehr so stark wie zu Beginn meiner Rekonvaleszenzzeit.) »Gott«, so betete ich, »laß mich fort sein, bevor sie losgeht !« So nahe bei ihm war es vielleicht möglich, daß er mich hörte. Ich werde hier nicht wiederholen, was ich ihm als Gegenleistung dafür gelobte. Ich machte ein paar kraftlose Versuche, mir einen Weg durch den Zaun zu schneiden, aber ich schaffte es nie, mehr als einen oder zwei Drahtstränge durchzutrennen, bevor mich die Panik erneut übermannte und ich wieder losrannte. Dabei stimmte ich meine Gebete auf den Rhythmus meiner stoßenden Atemzüge ab. Die ganze Zeit über war ich mir schmerzlich des Mysteriums bewußt, das drohend hinter mir aufragte und bewegungslos verharrte, aber ich schaute mich nicht um.
   Irgendwann sank ich dann erschöpft zu Boden. Dort, wo die Autobahn durch eine Schneise zwischen sanften Hängen aus roter Erde führt, buddelte ich mir ein kleines Loch. Dort steckte ich meinen Kopf hinein und verschränkte die Hände im Nacken. In dieser unterwürfigen Haltung wartete ich darauf, daß Estrades in seinem Wahnsinn mich finden würde. Lange Zeit später verlor ich das Bewußtsein. Vielleicht hatten sie das Ding schlecht konstruiert, oder die Zündung war unvollständig - vielleicht hatte ich am Ende doch beide umgebracht ? Wie dem auch sei, die Bombe ging nicht hoch.
   Ich vermute, das wäre sowieso niemals geschehen. Mir ist jetzt klar, daß es ein Abfall vom Glauben war, auch nur eine Sekunde lang anzunehmen, die beiden könnten Erfolg haben. Und ich glaube, auch ein Dutzend Bomben hätten ihm nichts ausgemacht. Ich stelle ihn mir vor, wie er in dem Feuerball der Explosion seine transparenten Flügel ausbreitet, einer Stubenfliege im warmen Sonnenschein gleich.
   Der Fahrer eines ganz gewöhnlichen Lastwagens - so sagte man mir - hatte mich irgendwo in der Nähe von Brownshill gefunden, als ich am schlammigen Straßenrand der A5 entlangstolperte. Wie ich dahin gekommen bin, kann ich beim besten Willen nicht erklären. Wahrscheinlich ist es mir irgendwann doch gelungen, ein Loch in den Zaun zu schneiden. Gott erhebt sich majestätisch über den Vororten von Birmingham und Wolverhampton, wo seine Fabriken stehen, aber er wirkt kleiner als an diesem anderen Ort, diesen Simultan- oder Alternativ-Midlands, die man nur von der anderen Seite des Maschendrahtes aus sehen kann - und in seiner Sichtweite leben die Menschen frei und ungezwungen.
   
Welch reine Freude erlebt der Rekonvaleszent, wenn er aus dem Gefängnis seines Bettes entlassen wird ! Die Laken, von den erwachenden Lebensgeistern als Ketten und Fesseln empfunden, werden wieder zu gewöhnlichen Bettüchern; die langweiligen Mitpatienten scheinen jetzt, wo er sie verlassen muß, die interessantesten Menschen der Welt zu sein; und der Blick aus dem Fenster, der für die gequälten Phantasien der Genesungszeit einer traurigen Sicht in ein Goldfischglas entspricht, bevölkert von Bewohnern, deren Motive unergründlich bleiben, wird wieder Welt, und er, der Genesene, zu ihrem jüngsten Einwohner. Und was für eine Welt ! Welch ein Wiedererkennen ! Welch ein herzerfrischendes Wiederentdecken ! Mit diesem tiefen Gefühl der Erneuerung machte ich mich auf den Heimweg von unserer Dienststelle. Seit meinen Abenteuern im Reich Gottes war mehr als ein Monat verstrichen.
   Ich war an diesem Morgen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Mein vorläufiger Bericht war fertig - er mußte nur noch etwas ausgefeilt werden -, aber der Entwurf, um es einmal so auszudrücken, stand. Und vor mir breitete sich der anmutigste aller Mainachmittage aus. Ich schlenderte die Bakers Street entlang und verweilte kurze Zeit am Clarence Gate, um die Blumenbeete zu bewundern. Im Regent´s Park wehte der üblich kühle Wind, aber hinter ihm spürte man eine Kraft und Sehnsucht, die den nahen Sommer ankündigte. Während meiner Abwesenheit hatten sich überall die Kirschblüten geöffnet. Die Wasservögel hatten ihr hübsches Frühjahrsgefieder angelegt und paddelten gravitätisch im Sonnenschein, der die frisch gestrichenen Planken vor dem Bootshaus zum Leuchten brachte.
   Ruhig und glücklich folgte ich den schwachen Rufen großer Tiere über die Fußgängerbrücke in den entfernten Zoo. Der Wind trug deklamierende Stimmen und Kinderlachen herüber. In der Freilichtbühne wurde Ein Sommernachtstraum aufgeführt, und als ich die weite Fläche nördlich des Sees überquerte, mischten sich die wohltuenden Sätze aus der mittäglichen Unterredung mit dem Chef unentwirrbar mit den Melodien eines Flanders-und-Swann-Potpourris, das aus dem neuen Konzertpavillon erschallte: »Eine tolle Einzelleistung … Allein in Europa können jetzt hundert Akten geschlossen werden, in Afrika kommen wir langsam, aber sicher voran. Wir waren natürlich über Estrades und seine zynische Verschwörung unterrichtet … Trotz allem, ein Sieg ! Ein Triumph für Anstand und gesunden Menschenverstand … Sichere Beförderung.« Alte Männer ließen von den Bänken bei der Pagode ihre Drachen steigen. Weiß und ekstatisch wie die Möwen über Gottes Autobahn zollten sie tanzend und hüpfend der Frühlingsbrise ihren Tribut.
   Seit meiner Kindheit ist der Zoo mit seinen geschmackvollen Käfigen, den ungeheuren Farben und seiner Lebendigkeit eine Leidenschaft von mir. Wo sonst kann man eine ähnlich stolze Grazie und edle Energie sehen wie bei einem Leoparden ? Oder die geheimnisvollen, mondbeschienenen Höhlen im Kleinsäugerhaus ! Was für eine Kakophonie der Weisheit erzeugen die Loris und Makaken, und welch tiefe Quelle des Humors ist das Elefantengehege ! An diesem Nachmittag war ich wie neugeboren. Mary und die Kinder würden mir diese Stunde gewiß nicht mißgönnen; also verbrachte ich sie mit den Gibbons, den Bergschafen und dem Tiger, der mich so sehr an Estrades erinnerte - gemessen schreitend, sparsam mit seiner Kraft und dabei gefährlich -, daß ich mich dabei ertappte, wie ich seine Aufmerksamkeit zu erregen versuchte …
   Damit hätte ich mich begnügen sollen. Mit dem Eisbären, der wie ein fett gewordener Ballettänzer auf der Stelle trat, mit dem strengen Ammoniakgeruch des Rhinozeros, mit den Scharen von Kindern und diesem Gefühl friedfertiger, tierischer Betriebsamkeit - es hätte mir reichen sollen. Ich hätte nicht ins Insektenhaus gehen sollen.
   Ich glaube nicht, daß es ein bestimmter Käfer war, am wenigsten Lucanus Cervus, der mein Interesse erregte. Eher schon war es etwas Graues, Blattartiges, das absurderweise an eine Frau in Musselinlumpen erinnerte. Es ruhte auf einem Zweig, fast unsichtbar und völlig unbeweglich. Vielleicht war diese absolute Starre, dieses vollkommen fremdartige Zeitempfinden, schon genug. Denn als ich in den heißen gelben Schlupfwinkel des Terrariums starrte, erinnerte ich mich an das Mysterium, das sich am Ende von Gottes Autobahn befindet, und ich dachte, welch mögliches Empfinden kann dieses Ding schon mit uns gemeinsam haben ? Ich rief mir die verdrehten Perspektiven und das schwankende blaue Licht in Gottes Umwelt ins Gedächtnis zurück, die Fabriken in seinem Schatten und Estrades letzte, bittere Aufforderung: »Fragen Sie lieber, was dieses Ding mit uns vorhat, in einer Welt, über die wir nicht mehr bestimmen.« In welchem Kontinuum, in welcher Realitätssphäre würden wir diese alptraumhaften Simultan-Midlands mit ihrer düsteren, pockennarbigen Landschaft und der behäbig residierenden Gottheit entdecken, wenn wir einmal wirklich die Augen öffneten ? Warum baut Gott einen giganti­schen menschlichen Körper, während wir Musikpavillons errichten ? Was hat er mit uns vor ?

Während ich diese Zeilen hier noch einmal lese, sehe ich, wie sich mein fortschreitender Verlust in den von mir benutzten Worten widerspiegelt. Estrades hatte es damals am Strand ausgelöst, vielleicht war das auch seine Absicht gewesen. Doch damals war ich nur einen Augenblick lang verunsichert gewesen, wohingegen dies hier … Seit der Offenbarung im Insektenhaus, wo das einzige Geräusch das Scharren von Füßen ist, wenn die Besucher wie Kommunikanten an den ausgestellten Exemplaren vorbeidefilieren, bin ich unfähig, meinen Glauben ans Wunderbare wiederzuerlangen. Meine Aufmerksamkeit entfernt sich von meinen Epipactis tetralix der zweiten Generation; ich langweile mich und werde ungeduldig bei den Kostümproben der Esher-Operetten-Gesellschaft. Ich ärgere mich.
   Und ich muß auch zugeben, daß es mir jetzt Angst macht, das Penthouse-Büro aufzusuchen, in dem mein Chef hoch über den säuberlichen, ewig hellen und windigen Straßen der Stadt hockt und flüstert: »Es bleibt noch so viel zu tun, Oxlade«, während er mit schnellen Streichen seiner Vorderbeine die federigen Fühler pflegt. Gelegentlich spreizt er dann die Flügeldecken, die geschlossen so stark an einen irisierenden Frack erinnern, oder er heftet im Dunkeln seine rätselhaften Facettenaugen auf das weiße Lichtrechteck, das der Diaprojektor an die Wand wirft. Dabei ist er ganz in Anspruch genommen von einer Erneuerung der Sinne und der Erforschung eines Bewußtseins, das ich wohl niemals würdigen können werde.Image
   Ich bin jetzt sein Stellvertreter und soweit aufgestiegen, wie man überhaupt aufsteigen kann. Ich schaue hinab auf die Rentner in den gepflegten Parks unter meinem Bürofenster und denke, daß ich stolz sein sollte. Was wußte Estrades ? Er war ein alter Mann. Er hatte sich schon lange vor der Wiederentdeckung nach Nordafrika abgesetzt, um die byzantinische Militärgeschichte zu studieren. Er hatte niemals hoch über den Straßen einer vertrauten Stadt gestanden, Auge in Auge mit einer dieser kleinen, energischen Kopien von Gott, die jetzt in allen verantwortungsvollen Positionen in den Büros auf der ganzen Welt zu finden sind. Dazu hatte er keine Chance.   
Warum ist Gott in dieser Form zu uns gekommen ?
Wir waren so begierig, an ihn zu glauben.

gelesen in:
Die Strasse der Schlangen
Knaur ScienceFiction 5761
ISBN 3-426-05761-1