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Totenfuhre

TOTENFUHRE
von
Greag Bear

http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=860&Itemid=36

Auf der Straße zur Hölle gibt es keine Anhalter.
   Ich bemerkte diesen Kerl bereits aus fünf Kilometern Entfernung. Er stand dort, wo die Straße gerade und eben ist und etwas durchquert, was wie eine Wüste aussieht, außer daß es diese kleinen leerstehenden Orte und Motels und Hütten gab. Ich war schon seit sechs Stunden unterwegs, und die Leute in den Viehwagen hinter mir waren die letzten drei davon - aus Resignation, nehme ich an - ruhig gewesen, so konnten sich meine Nerven etwas beruhigen. Ich beschloß, nachzusehen, was mit dem Mann los war. Vielleicht war er einer der Angestellten. Das wäre interessant, dachte ich mir.
   Um die Wahrheit zu sagen: Seit sich das Wehklagen gelegt hatte, war mir recht langweilig geworden.
   Der Kerl stand an der rechten Straßenseite und hielt den Daumen hoch. Ich schaltete die Gänge runter und die Druckluftbremsen zischten und quietschten, als ich sie mit meinem Fuß bediente.
   Der Halbautomatik wurde langsamer, und aus dem großen Dieselmotor drang dieser tief von innen kommende Dinosaurieraufstoß, der einen erschaudern ließ. Als alles zum Stillstand gekommen war, lehnte ich mich quer durch die Kabine und öffnete die Tür.
   »Wohin willst du ?« fragte ich.
   Er lachte und schüttelte den Kopf. Dann spuckte er über die Schulter. »Ich weiß nicht«, sagte er. »Hölle vielleicht.« Er war schmächtig, hatte langes, fertiges Haar, trug Bluejeans und eine Weste. Sein Strohhut war dreckig und voller Löcher, aber die Federn im Band waren hell und sahen neu aus; Fasan, wenn ich es beurteilen sollte. Eine Goldkette hing von der Weste in seine Tasche hinab. Er trug alte Boots mit aufgerichteten Zehen und Sohlen, die dünner waren als mein runderneuerter Reservereifen. Er sah ganz so aus wie ich, als ich per Anhalter aus Fresno fort war, arbeitslos und pleite, auf der Suche nach Arbeit.
   »Kann ich dich dahin mitnehmen ?« fragte ich.
   »Klar.« Er kletterte herein, zog die Tür hinter sich zu, nahm ein Tuch und wischte sich die Stirn. Dann schneuzte er sich seine lange Nase und starrte mich mit blutunterlaufenen, schlaflosen Augen an. »Was transportierst du denn ?« fragte er.
   »Seelen«, sagte ich. »Eine ganze Scheißladung davon.«
   »Welcher Art ?« Er war jung, nicht älter als fünfundzwanzig. Er wollte gleichgültig klingen, aber ich konnte seine Nervosität heraushören.
   »Gewöhnliche«, sagte ich. »Menschlich. Einige Hare Krishnas diesmal. Ich schau gar nicht mehr so genau hin.«
   Ich brachte den Truck wieder auf den Weg und fragte mich, ob der Motor wirklich in so schlechter Verfassung war, wie er sich anhörte. Als unsere Geschwindigkeit hundertdreißig, hundertvierzig erreicht hatte - keine Smokies auf dieser Straße - fragte er: »Wie lange bist du schon auf Beutezug ?«
   »Zwei Jahre.«
   »Gute Bezahlung ?«
   »Es reicht.«
   »Benefize ?«
   »Union, wie jeder andere auch.«
   »Ich habe davon gehört«, sagte er. »Auf dem kleinen Schuttabladeplatz drei Kilometer hinter uns.«
   »Leben da Leute?« fragte ich. Ich hatte nicht gedacht, daß überhaupt irgend etwas an der Straße leben würde.
   »Yeah. Richtig heruntergekommenes Volk. Sie sagen, LKW-Fahrer-Bosse werden in Limousinen verfrachtet, wenn sie gestorben sind.«
   »Ich denke, eigentlich ist es egal, wie man dahin kommt. Der Trip ist kurz, und ewig eine lange Zeit.«
   »Dahinzukommen ist der ganze Spaß?« fragte er und versuchte ein Grinsen. Ich zeigte ihm ein flaches.
   »Was machst du hier draußen?« fragte ich einige Mi­nuten später. »Du bist nicht tot, oder?« Ich hatte noch nie von toten Leuten gehört, die frei herumliefen oder so vital aussahen wie er. Aber ich konnte mir auch niemand anderes auf der Straße vorstellen. Tote Leute - und Fahrer.
   »Nein«, sagte er. Für eine Weile schwieg er. Dann, langsam, als wäre er verlegen: »Ich kam, um meine Frau zu suchen.«
   »Yeah ?« Mich überraschte nicht viel, aber dies war eine neue Wendung. »Du weiß doch, es gibt kein Zurück.«
   »Ihr Name ist Sherill, ausgesprochen wie Sheriff, aber mit Doppel-L.«
   »Hast du 'ne Zigarette?« fragte ich. Ich rauchte nicht, aber ich konnte sie später gebrauchen. Er gab mir seine drei letzten in einer knitterfreien Packung, nicht nur eine, sondern alle drei und sagte nichts.
   »Habe nicht von ihr gehört«, sagte ich. »Aber gewöhnlich unterhalte ich mich auch nicht mit allen, die ich transportiere. Und es gibt viele Trucks, viele Fahrer.«
   »Ich weiß« sagte er. »Aber ich habe von diesen Benefize gehört.«
   Er hatte eine verrückte Art von traurigem Blick, wenn er mich ansah. Das machte mich ärgerlich. Ich spannte meine Kiefer und starrte nach vorn.
   »Du weißt«, sagte er, »hinten in der Stadt erzählen sie sich verrückte Geschichten. Darüber, wie sie alte Züge aus China und Indien nutzen. Und in Rußland gibt es eine Trambahn. In Mexiko sind es alte Busse - entlang der Straße, immer in der Nacht …«
   »Hör zu. Ich brauche all die Benefize nicht«, sagte ich. »Ich weiß, einige brauchen sie, aber ich nicht.«
   »Klar, ich verstehe schon«, sagte er und nickte das übertriebene, gottverdammte Nicken der Jugend - sein Hals und die Schultern bewegten sich gemeinsam, alles in Ordnung, alles cool.
   »Wie willst du sie finden ?« fragte ich.
   »Keine Ahnung. Die Straße absuchen, die Fahrer fragen.«
   »Wie bist du reingekommen ?«
   Erst nach einer Weile antwortete er. »Ich komme her, wenn ich sterbe. Das ist mal sicher. Für Leute wie mich ist es nicht so schwer, schon vorher reinzukommen. Und … mein Daddy war ein Fahrer. Er erzählte mir von der Route. Übrigens, ich heiße Bill.«
   »John«, sagte ich.
   »Schön, dich kennenzulernen.«
   Wir sagten für eine Weile nichts mehr. Er starrte aus dem rechten Fenster, und ich beobachtete das Vorbei­ziehen der Wüste und der fernen Hütten. Bald zeich­neten sich die Berge vor uns ab - der Raum schien zu­sammengepreßt zu sein, besonders wenn man die Wüste hinter sich gelassen hatte - und ich beschleunigte für die Anfahrt. Von hinten war ein Geräusch zu hören.
   »Was tust du, wenn die Arbeit vorbei ist ?« fragte Bill.
   »Heimgehen und schlafen.«
   »Niemand weiß es ?«
   »Nur die Firma.«
   »So war es auch mit Daddy, bis kurz vor dem Ende. Schau, ich will dich nicht verrückt machen oder so. Ich habe nur von den Vergünstigungen gehört, und ich dachte...« Er schluckte, sein Adamsapfel hüpfte. »Dachte, du könntest helfen. Ich weiß nicht, wie ich She-rill jemals finden soll. Vielleicht im Annex …«
   »Niemand, der bei gesundem Verstand ist, geht freiwillig in die Höfe.« sagte ich. »Und du müßtest dir alle ansehen, die in den letzten vier Monaten gestorben sind. Die sind schon weiter drüben.«
   Bill nahm es auf wie einen Schlag ins Gesicht, und ich bedauerte, es gesagt zu haben. »Sie ist erst seit einer Woche tot«, sagte er.
   »Ah«, sagte ich.
   »Meine Mom starb vor zwei Jahren, kurz vor Daddy.«
   »Die Hochstraße«, sagte ich.
   »Was ?«
   »Hoffe, die beiden kriegen die Hochstraße.«
   »Mom vielleicht. Yeah. Sie bestimmt. Aber nicht Daddy. Das wußte er auch.« Bill räusperte sich und spuckte aus dem Fenster. »Sherill. Sie ist hier - aber sie gehört nicht hierher.«
   Ich konnte mir nicht helfen, aber ich mußte grinsen.
   »Nein, Mann, ich meine ich gehöre hierher, aber nicht sie. Sie war in dem Autowrack vor ein paar Wochen. Kriegte schlimm was ab. Zuerst machte ich Dopegeschäfte mit ihr, dann verliebte ich mich in sie, und zu der Zeit, als sie im Krankenhaus landete, hing sie an vier verschiedenen Sachen.«
   Meine Arme verkrampften sich ums Lenkrad.
   »Als ich auf Besuch war, versuchte ich ihr zu sagen, daß es nicht gut für sie ist, noch mehr Dope zu nehmen, aber sie bettelte mich an. Was konnte ich tun? Ich liebte sie.« Er blickte nun nicht mehr durchs Fenster. Er starrte auf seine abgetragenen Boots und nickte. »Sie bettelte mich an, Mann. Also beschaffte ich ihr den Stoff. Ich meine, sie nahm alles, wenn keiner hinschaute. Sie nahm alles auf einmal. Sie pumpten sie aus, aber ihr Inneres war schon weg. Ich hörte bis vor zwei Tagen nichts von ihrem Tod - es hat mich wirklich getroffen. Ich war der einzige, der sie liebte, und nicht mal mir haben sie es ge­sagt. Ich mußte erst zu ihrem Zimmer hinaufgehen und ihr Bett leer finden. Jesus. Ich hing im Büro von Daddies Firma herum. Jemand redete mit jemand anderem, und ich fand ihren Namen auf einer Liste. Die Tiefstraße.«
   Ich hatte nicht gewußt, daß es so leicht herauszufin­den war; aber ich war auch noch nie auf Doperterrito­rium gewesen. Dope kann viele Mundwerke zum Sprechen bringen.
   »Ich nutze keine dieser Vergünstigungen«, sagte ich, nur um ihm klar zu machen, daß ich ihm nicht helfen konnte. »Die Leute dahinten haben auch ohne mich genug Schwierigkeiten. Ich denke, die Firma geht da zu weit.«
   »Wette, die glauben, du fühlst dich einsam, brauchst Gesellschaft«, sagte Bill ruhig und blickte mich an. »Ich tue den Leuten dahinten nicht weh. Gebe ihnen vielleicht die Chance, die Dinge noch einmal zu überdenken. Gebe ihnen ein paar Stunden der Erleichterung, eine Unterbrechung des Einheitsbreis….«
   »Hör zu, ein paar Stunden sind nichts im Vergleich zur Ewigkeit. Ich bin nicht so sicher, daß ich mich nicht eines Tages zu ihnen geselle. Wenn das passiert, möchte ich, daß es glatt geht. Keiner soll mich vom Hänger zie­hen und wieder aufladen.«
   »Yeah«, sagte er. »Versteh schon, Mann. Ich weiß, wo das hinführt. Aber sie könnte jetzt gerade da sein und alles, was du tun mütest, wäre ...«
   »Schlimm genug, daß ich diesen Schlepper überhaupt fahren muß.« Ich wollte das Thema wechseln.
   »Yeah. Wie kommst du eigentlich dazu?«
   »Verschiedene Zufälle. Frisierte zusammen mit so einem alten Furz einen Triumph. Überfuhr fast ein paar Jogger auf einer Landstraße. Meine Prämien stiegen der­art, daß ich die Zahlungen nicht mehr leisten konnte und schließlich haben sie mir den Truck abgenommen.«
   »Du hättest ohne Versicherung weitermachen kön­nen.«
   »Ich nicht«, sagte ich. »Auf jeden Fall gab es schlechtes Gerede. Keine Gesellschaft wollte mich anheuern. Ich ging zur Firma, um zu sehen, ob die helfen könnte. Sie sagten mir, ich wäre in einer Sackgasse, entweder aus  dem Trucker-Gewerbe aussteigen oder ...« Ich zuckte die Achseln. »Das hier. Ich konnte das Trucking-Ding nicht sausen lassen. Es ist schwierig dort draußen, Arbeit zu kriegen. Viele Arbeitslose. Konnte mir nicht vorstellen, mich in einer großen Stadt durchzuschlagen.«
   »Nein, Mann«, sagte Bill und wiederholte sein Ganz­körpernicken. Er lachte verständnisvoll auf.
   »Sie gaben mir einen Vorschuß, genug für eine Anzah­lung auf meinen Schlepper.« Der Truck mahlte etwas, hielt aber durch. Über die Berge hinweg, durch einen wirklich beeindruckenden Paß, der wie eine alte Einker­bung wirkte, und ein steinbedecktes Tal hinab lag die Stadt. Ich liefere meine Fracht ab, hol mir meine Quit­tung und bringe den Schlepper (mit Bill) zurück nach Baker. Parke ihn im Hof neben meiner Hütte, nachdem ich Bill an einem vernünftigen Ort abgesetzt habe. Etwas schlafen.
   Am nächsten Montag wieder anfangen, zwei Ladun­gen in der Woche.
   »Ich denke nicht, daß es gut ist, weiterzufahren«, sagte Bill. »Ich stoppe einen anderen Schlepper, frage etwas herum.«
   »Tja, ich würde mich besser fühlen, wenn du mit mir zurück, hier raus, fahren würdest. Willst du meinen Rat?« Schlechte Angewohnheit. »Geh nach Hause ...«
   »Nein«, sagte Bill. »Dank dir jedenfalls. Ich kann nicht nach Hause. Nicht ohne Sherill. Sie gehört nicht hier­her.« Er holte tief Luft. »Ich werde versuchen, einen Handel abzuschließen. Ich bleibe, sie geht zur Hoch­straße. Das ist die Art, in der hier unten gespielt wird, nicht wahr?«
   Ich sagte ihm nichts Gegenteiliges. Ich war mir nicht sicher, ob er nicht recht hatte. Er war so weit gekommen. Am Sattelpunkt des Passes fuhr ich den Schlepper zur Seite und ließ ihn aussteigen. Er winkte mir zu, ich winkte zurück und wir gingen unserer verschiedenen Wege. 
   Armer, schäbiger, dopender Hurensohn. Ich hatte mein Leben auf einige verschiedene Arten vermasselt - drei Frauen, Suff, dre Jahre in Tehachapi -, aber ich hatte nie mit Dope zu schaffen gehabt. Ich fühlte mich selbstgerecht - nur weil ich dem Kerl zugehört hatte. Um die Wahrheit zu sagen, war ich froh, ihn los zu sein.
   Die Stadt sieht einem Landstrich mit vielen großen weißen Kathedralen ähnlich. Ihr Charakter war ganz entgegen ihrer Bestimmung. Hohe Mauern als Begren­zung, so weit das Auge reichte. Kein Horizont, aber ein Fluchtpunkt - die Mauer sah aus, wie eine endlose, auf der Seite liegende Autobahn. Als ich den Truck für die Abfahrt runterschaltete wurde der Lärm in den Anhän­gern wieder lästig. Ich nehme an, sie können, wie Schweine, die auf den Mann mit dem Messer zutreten, riechen, was auf sie zukommt.
   Ich fuhr in den Entladungsterminal und bugsierte die Anhänger hoch zum Riickhaltepferch. Angestellte ließen die Gatter herunter und benutzten eine komische Art von Spornen, um sie anzutreiben. Diese Leute waren vergangene Sterbliche.
   Angestellte kuppelten den ersten Anhänger ab, und ich bugsierte den zweiten hinein.
   Ich sprang aus der Kabine, und ein Angestellter kam zu mir, ein großer Typ mit roten Augen und brand­neuem Overall. »Gute Ladung diesmal?« fragte er. Sein Atem roch nach einem gerade vertilgten Kohl-, Bohnen- und Knoblauch-Essen.
   Ich schüttelte den Kopf und hielt meine Zigarette zum Anzünden hoch. Er preßte seinen Fingernagel an ihre Spitze. Die Spitze flammte auf und brannte zu einer ste­tigen Glut herunter. Er schaute sie sich mit purer Freude an.
   »Hör zu«, sagte ich. »Ist jemand namens Sherill hier durchgekommen?«
   »Wer fragt?« murrte er, noch immer die Zigarette beäugend. Er begann langsam zu tänzeln.
   »Reine Neugier. Habe gehört, ihr Jungs kennt alle Namen.«
   »So ?« Er hielt inne. Er mußte umhergehen, sonst wür­den seine Schuhe den Asphalt schmelzen lassen und steckenbleiben. Er kam zurück und blieb stehen, hob einen Fuß an, drehte ihn etwas, stellte ihn wieder ab und hob den anderen an.
   »So«, sagte ich genauso sinnig.
   »Wie Cherry mit einem L ?«
   »Nein. Sherill, wie Sheriff, aber mit zwei L.«
   »Ein paar Cheryls. Keine Sherills«, sagte er. »Jetzt ...«
   Ich gab ihm die Zigarette. Sie liebten diese Sachen. »Danke«, sagte ich. Ich zog eine andere aus der Packung und gab sie ihm. Er steckte sie beide in den Mund und kaute, Wonne erfüllte sein narbiges Gesicht. Tabakrauch kam aus seiner Nase, und er schluckte. »Kinderleicht«, sagte er und ging weiter.
   Die Straße zurück ist kürzer, als die hinein. Fragen Sie nicht, wie das sein kann. Ich hätte gedacht, es wäre ge­rade andersherum, aber die Barrieren sind es, die zählen, nicht die Entfernung. Vielleicht bekommen wir alle un­sere Chancen, da der Weg zur Hölle lang ist. Sind wir aber einmal da, gibt es kein Zurück. Irgendwo muß ja auf das Budget geachtet werden.
   Ich brachte die leeren Hänger zurück nach Baker. Habe Bill nicht gesehen. Acht Stunden später war ich im Bett, ein Bier in der Hand, Lohnscheck im Büro, meine Augen weit geöffnet.
   Scheiße, dachte ich. Mein Gewissen war am Werk. Ich hätte schwören können, ich wäre darüber hinaus. Aber ich habe die Vergünstigungen ja gar nicht angenommen. Ich würde nicht ohne Versicherung fahren.
   Ich war nicht wirklich für das Leben geeignet.

Es gab keine normalen Tage und Nächte auf der Straße zur Hölle. Egal wie lange man fährt, es ist immer der gleiche Zeitpunkt wenn man ankommt und wenn man  sie verläßt, aber es ist nicht notwendigerweise von Trip zu Trip die gleiche Zeit.
   Der nächste trip war bei kühler Abenddämmerung und die Straße verlief nicht durch die Wüste mit kleinen, leeren Orten. Statt sessen durchquerte sie ödes Flachland mit skelettartigen Bäumen, alle im gleichen einförmigen Grau, als wären sie aus Papier geschnitten. Als ich an die Seite fuhr, um ein Nickerchen - niemals mehr als zwei Stunden an einem Stück schlafend -, störten mich die Rufe der Verdammten in den Anhängern noch mehr als sonst. Sie sagten dumme Dinge wie:
   »Sie könnten uns zurückbringen, Mister ! Sie könnten das wirklich !«
   »Könnte er ?«
   »Scheiße nein, du alter Saftsack.«
   »Sie können uns rauslassen ! Wir können Ihnen nichts anhaben !«
   Wie wahr. Fahrer waren lebendig, und die Toten konn­ten den Lebendigen nichts anhaben. Aber ich hatte gehört, was passierte, wenn man sie herausließ. Es waren etwa neunzig von ihnen dort hinten, und bei jeder Ladung war stets eine, die dich wünschen ließ, deine Vergünstigungen zu nutzen.
   Im engen Bett liegend kratzte ich mich und blickte auf den Sierra-Club-Kalender, der direkt unter dem Ventilator hing. Des Teufels Poststapel. Die Ladung wurde ruhiger, als die Stimmen eine nach der anderen verklangen. Es gab einen letzten Ruf - eine Obszönität - dann Stille 
   Das war der Zeitpunkt, in dem ich entschied, sie herauszulassen und zu sehen, ob Sherill dabei war oder jemand sie kannte. Sie mischten sich im Annex und hatten ihre letzten sozialen Kontakte vor der Stadt. Je­mand mochte es wissen. Dann, wenn ich Bill noch einmal sähe ...
   Was ? Was konnte ich tun, um ihm zu helfen ? Er hatte bei Sherill einen kapitalen Bock geschossen und sie ver­korkst, aber sie hatte ihre Hand auch im Spiel gehabt, und das war es, worum es in der Hölle ging. Arme, dumme Hurensöhne.
   Ich schwang mich aus der Kabine, steckte mein Hemd in die Hose und zog meinen Strohhut über Kopf. »He !« sagte ich, während ich an dem Anhänger entlangging. Gesichter spähten durch die fünf Zentimeter großen Lücken zwischen den weißen Latten heraus. »Ich werde euch jetzt herauslassen. Nur für eine Weile. Ich brauche eine Information.«
   »Fragen Sie !« schrie jemand. »Fragen Sie nur, verdammt noch mal!«
   »Ihr wißt, ihr könnt nicht wegrennen. Ihr könnt mir nichts anhaben. Ihr seid alle tot. Verstanden ?«
   »Wir wissen es«, sagte eine andere Stimme, ruhiger.
   »Vielleicht können wir helfen.«
   »Ich werde die Gatter der Anhänger hintereinander öffnen.« Ich ging zuerst zum hinteren Hänger, nahm meine Schlüssel heraus und machte das Yale-Vorhängeschloß auf. Dann schwang ich die Gatter auf und ging etwas zurück, als würde eine Art infizierter Wunde auslaufen.
   Sie waren alle nackt, aber nicht schmutzig. Ich hatte sie in den Höfen des Annex' und in der Stadt gesehen; ich wußte, sie waren nicht wie Häftlinge in Konzentrationslagern. Die Toten konnten nicht wirklich ungesund sein. Jeder hatte nur eine Art Atmosphäre um sich, die verriet, warum er in der Hölle war; nichts Spezifisches, aber unterschwellig.
   Wie die drei schwarzen Kerle im hinteren Hänger, die als erstes ausstiegen. Warum sie zur Hölle gingen stand in ihren Gesichtern geschrieben. Sie schämten sich nicht im geringsten für das Leben, das sie geführt hatten. Sie wollten weiterhin tun, was sie getan hatten, das sie hier­hergeführt hatte - plündern, verletzen, insbesondere mich verletzen.
   »Dummer Esel, Saftsack«, sagte einer von ihnen, starrte mich unter dünnen, ausdrucksvollen Augen­brauen an. Er nickte und schwang seine Fäuste, ver­suchte von außen gegen die Latten zu schlagen, aber die Schläge versetzten sie kaum in Schwingung.
   Eine alte Frau mit weißem, ordentlich gekämmten Haar stieg herunter. Ich konnte nicht sicher sein, was sie getan hatte, aber sie bereitete mir Unbehagen. Sie mochte durchaus die Schlimmste der ganzen Ladung sein. Und viele andere, junge, alte, meistens alte. Zum größten Teil ruhig.
   Sie musterten mich, einige herausfordernd, die mei­sten verwirrt.
   »Ich muß wissen, ob sich jemand namens Sherill unter euch befindet«, sagte ich, »die vielleicht einen Typ na­mens Bill kennt.«
   »Das ist mein Name«, sagte eine Frau, die in der Menge verborgen war.
   »Laßt mich sie sehen.« Ich wedelte mit der Hand. Die schwarzen Kerle kamen vor. Ein komischer Ausdruck kam in ihre Augen, und sie traten beiseite. Die anderen teilten sich und eine junge Frau trat heraus. »Wie buch­stabierst du deinen Namen?« fragte ich.
   Sie bekam einen panischen Ausdruck. Sie buchsta­bierte ihn, zaudernd, darauf hoffend, es zu schaffen. Ich fühlte mich bereits schrecklich. Sie war eine Cheryl.
   »Nicht diejenige, nach der ich Ausschau halte«, sagte ich.
   »Nicht so hastig«, sagte sie sanft. Sie versuchte nicht nachhaltig, verführerisch zu sein, aber sie hatte Erfolg. Sie war sehr hübsch, hatte mittelgroße Brüste, Hüften wie ein Teenager und keine großartigen, aber passable Beine. Ihr schwarzes Haar war kurz geschnitten und ihre Augen waren beinahe orientalisch. Ich schätzte, sie war Libanesin oder kam aus einem anderen Land im Mittle­ren Osten.
   Ich versuchte, sie nicht zu beachten. »Ihr könnt euch  ein wenig die Beine vertreten«, sagte ich zu ihnen. »Ich lasse nun den ersten Anhänger raus.« Ich öffnete die Sei­tengatter des Hängers, und die Leute kletterten herunter. Sie rochen nicht, sahen nicht hungrig aus, sie sahen nur blaß aus. Ich fragte mich, ob die Qualen schon begonnen hatten, aber wenn dem so war, sagte ich mir, waren sie nicht körperlich.
   Eine Sache, die ich in meinen zwei Jahren gelernt hatte, war, daß all die Scheiße aus den Sonntagsschulen und den Horrorfilmen über die Hölle total falsch war.
   »Eine Frau namens Sherill«, wiederholte ich. Niemand trat vor. Dann spürte ich jemanden in meiner Nähe und drehte mich um. Es war diese Cheryl. Sie lächelte.
   »Ich würde gern für eine Weile vorne sitzen«, sagte sie.
   »Das würden wir alle gern, Schwester«, sagte die weißhaarige alte Frau. Die schwarzen Kerle standen al­lein abseits und redeten in leisem Tonfall miteinander.
   Ich schluckte, sah sie an. Andere Fahrer sagten, sie wären wirklich nicht körperlich - außer bei einer Akti­vität. Das war die Vergünstigung. Und es wurde gesagt, die Heißesten landeten stets in der Hölle.
   »Nein«, sagte ich. Ich bedeutete ihnen, auf den An­hänger zurückzuklettern. Weswegen auch immer sie auf der Tiefstraße war, es würde sich nicht auf ihre Leistung im Bett auswirken, das war offensichtlich.
   Das Ganze war überhaupt eine dumme Idee gewesen. Sie stiegen ein, und ich wandte mich der Kabine zu, zün­dete eine Zigarette an, dachte darüber nach, was mich dazu veranlaßt hatte, es zu tun.
   Ich schüttelte den Kopf und startete den Schlepper. An eine Totenfuhre zu denken, war nicht gut. »Gottver­dammt«, sagte ich, »nicht gut«, sagte ich.
   Cheryls Gesicht blieb mir vor Augen.
   Cheryls Körper war mir noch länger vor Augen als ihr Gesicht.
   Irgend etwas tauchte immer im Leben auf und lockte einen Menschen auf die Tiefstraße, nicht selbst zu fahren, sondern hinten mitzufahren. Wir alle haben unsere Schwächen. Ich fragte mich, welchen Grund Gott hatte, uns allen diesen kleinen Fehler zu geben, wie ein Sprung im Kristall, man drückt nur stark genug auf den Sprung und es zerbricht wie verrückt.
   Wenigstens wußte ich nun eines. Mein Fehler war nicht Sex, nicht diese Art. Was mich am meisten an Cheryl bewegte, war Erstaunen. Sie war so hübsch, wie kam es, daß sie auf der Tiefstraße endete ?
   Was hatte eigentlich Bills Sherill getan ?
   Ich kehrte mit leeren Hängern zurück und fand mich diesmal außerhalb einer kleinen Stadt namens Shoshone wieder. Ich stellte meinen Truck auf dem Parkplatz des Cafes ab. Es war kalt, und ich ließ den Motor laufen. Es war etwa elf Uhr morgens, und das Cafe war halb ge­füllt. Ich setzte mich an die Theke neben einen alten Mann mit vielleicht noch vier Zähnen im Mund, der sein französisches Toast mit ausgesprochen feierlicher Würde in Angriff nahm. Ich bestellte Eier, Bratkartoffeln mit Speck und Saft, aß schnell und ging zurück zu meinem Truck.
   Bill stand neben der Kabine. Neben ihm stand eine un­geschlachte junge Frau mit einem Gesicht wie eine Bull­dogge. Sie war in ein schmutziges Stück karierten Stoffes eingepackt, das sie irgendwo von einer Müllkippe geschnappt haben mochte. »He«, sagte Bill. »Erkennst du mich ?«
   »Klar.«
   »Hab dich einparken sehen. Ich dachte, du würdest gern wissen ... Das ist Sherill. Ich habe sie da herausge­kriegt.« Die Frau starrte mich mit dem Ausdruck eines Klotzes an. »Alles bekloppt. Wie ein Versagen der Macht oder sowas. Wir sind nur die Straße entlanggegangen und niemand hat uns aufgehalten.«
   Sherill mochte jede Menge Seltsamkeiten hinter ihrem enormen Anblick verstecken und vom gewöhnlichen Volk unbemerkt umherwandern. Aber ich hatte nicht die
geringste Schwierigkeit, ihren größten Makel zu erken­nen: sie war tot. Bill hatte sie aus der Hölle geholt. Ich blickte mich um, wollte mich vergewissern, daß ich in der Welt war. Ich war. Er log nicht. Etwas Ernstes hatte sich auf der Tiefstraße ereignet.
   »Schwierigkeiten?« fragte ich.
   »Viele.« Er grinste mich an. »Pan-dämon-ium.« Sein Grinsen wurde breiter.
   »Das kann nicht passieren«, sagte ich. Sherill zitterte, hörte meine Stimme.
   »Er ist ein Fahrer, Bill«, sagte sie. »Er ist einer von denen, die uns hinbringen. Wir sollten von hier abhauen.« Sie hatte diese seelen-gebrandmarkte Atmosphäre um sich und den Anblick eines Schweins, das gerade dem Schlachter entronnen war und ihm wieder gegenüberstand. Sie wich einige Schritte zurück. Völlerei, dachte ich. Völlerei und verborgene Wollust und eine wirklich häßliche Art, das Leben zu betrachten, das innere Auge brachte wegen ihrer massigen Gestalt alles aus der Form.
Bill hatte nicht viel mit ihrem Ende auf der Tiefstraße zu tun gehabt.
   »Erzähl mir mehr«, sagte ich.
   »Leute laufen da unten überall herum, verkriechen sich in diesen Orten, Teufel verfolgen sie ...«
   »Angestellte«, berichtigte ich.
   »Yeah. Wie auch immer.«
   Sherill zerrte an seinem Arm. »Wir müssen los, Bill.«
   »Wir müssen los«, wiederholte er. »He, Mann, danke. Ich habe sie gefunden!« Er nickte sein Ganzkörpernicken und sie machten sich die Straße entlang davon, Sherills karierter Umhang schleifte im Schmutz.
   Ich fuhr zurück nach Baker und fragte mich, ob die Schwierigkeiten der Grund dafür waren, daß ich die Umleitung durch Shoshone nehmen mußte. Ich parkte vor meinem kleinen Haus, setzte mich, während es dun­kel wurde, drinnen mit einem Bier hin und checkte meinen Kalender für die Fuhre des nächsten Tages ab und fühlte mich sehr kalt. Ich kann ziemlich viel Übernatür­liches vertragen, aber nun quollen die Dinge über, ver­wischten die klar gezogene Linie zwischen meiner Arbeit und der Welt. Am nächsten Tag war ich für den Annex eingeplant, um eine neue Ladung zu überneh­men.
   Niemand rief diesen Abend an. Wenn es Schwierigkei­ten auf der Tiefstraße gab, würde mich die Firma es wis­sen lassen, dachte ich.

Ich fuhr früh am Morgen zum Annex. Der Übergang von der Welt zur Tiefstraße war normal; ich folgte der Route und der Himmel veränderte sich von Blau zur Farbe von Lötzinn, und ich war auf der ersten Etappe zum Annex. Ich bugsierte den hinteren Anhänger rauf zum Hoftor und koppelte ihn ab. Dann plazierte ich den vorderen Anhänger an einer Rampe, während ich die Ohren spitzte, um interessante Unterhaltungen aufzuschnap­pen.
   Die Angestellten, die im Annex arbeiteten, sahen menschlich aus. Ich nahm meinen Lieferschein von einem rotgesichtigen alten Typ mit Augen wie Billard­bällen entgegen und blickte ihn an, als wüßte ich bereits alles, müßte aber auf den neuesten Stand gebracht wer­den. Er spuckte Raucherspeichel auf den Bürgersteig, er­widerte schräg meinen Blick und sagte nichts. Vielleicht war alles in Ordnung. Ich koppelte beide beladenen Hänger an und fuhr raus.
   Ich hatte Sherill und Bill nicht einmal erwähnt. Wie in den meisten anderen Jobs, ist es ein guter Grundsatz, den Mund zu halten. Das, und sich niemals freiwillig melden.
   Diesmal war es wieder die Wüste, nur sahen die Orte und die eingestürzten Häuser zerbombt aus, als wäre etwas großes durchgekommen und hätte alles mit einer Haubitze weggefegt. 
   Augen auf die Straße. Den Schlepper in Bewegung halten.
   Nach vier Stunden erreichte ich eine Straßensperre. Niemand zu sehen, keine Angestellten, nur große, be-hauene Lavabarrikaden, die über alle Fahrspuren reich­ten. Hinter ihnen stieg gelber Rauch auf, der, so wies das ungeschriebene Gesetz der Fahrer an, >Absolut keinen Eintritt< bedeutete.
   Ich stieg aus. Die Ladung machte Lärm. Plötzlich haßte ich sie. Nichts Schönes darunter - nur nackte Höl­lenkunden, die riefen und schrien und Drohungen aus­stießen, als wäre es nicht bereits um sie geschehen. Sie hatten ihre Chance gehabt und Verschissen, und nun schissen sie immer noch die Welt voll.
   Sie konnten doch wenigstens in Würde gehen und mir ihre Qualen ersparen.
   Das war wahrscheinlich genau das, was die Lokführer der Züge nach Auschwitz auch gedacht hatten. Yeah, yeah, außer, daß ich der Kamerad war, der diese Lok­führer zu ihren gerechten Höllen schleppen mochte.
   Scheiße, ich konnte mich bei der ganzen Sache nicht für die eine oder andere Seite entscheiden. Ich konnte mich verrückt und schuldig fühlen - und ich konnte an Jesus glauben. Wahrscheinlich werde ich mich genauso beschweren, wenn meine Zeit gekommen ist. Jesus H. - ein menschlicher Christ des 20. Jahrhunderts.
   Ich stand beim Truck und wartete auf Anweisungen oder einen Hinweis, was ich nun tun sollte. Die Ladung wurde nach einer Weile ruhiger, aber ich hörte Geräu­sche von der Straße, Schreie hauptsächlich - weit ent­fernt.
   »Da ist nichts«, sagte ich mir und zündete mir eine von Bills Zigaretten an, obwohl ich gar nicht rauche und nahm einen riefen Zug, »nichts, was diese Scheiße wert ist.« Ich gelobte, nach dieser Fuhre zu kündigen.
   Ich hörte etwas hinter den Anhängern herankommen und schob mich näher an die Kabinentreppe. Hohe Rauchsträhnen verbargen die Dinge zuerst, aber dann tauchte eine drei oder dreieinhalb Meter große, dunkle Gestalt daraus auf und blieb mit einer Hand an den obe­ren Latten des hinteren Anhängers stehen. Sie war mit nackten Leuten bedeckt, die überall an ihr herumkro­chen, die sie bissen und kratzten und Obszönitäten rie­fen. Sie stieß kleine grunzende Geräusche aus, fiel auf die Knie, stand wieder auf und taumelte von der Straße. Einige der Leute, die daranhingen, sahen mich und rie­fen mich um Hilfe an.
   »Hilf uns diesen Hurensohn niederzustrecken !«
   »He, du ! Wir haben ihn schon fast !«
   »Er ist ein Fahrer ...«
   »Dann soll er uns am Arsch lecken.«
   Ich hatte vorher noch nie einen solch gewaltigen Angestellten gesehen und auch keinen, in solch großen Schwierigkeiten. Die Ladung begann zu heulen wie Todesfeen. Ich schmiß meine Zigarette weg und lief hinter ihm her.
   Arbeiter können es Ihnen sagen: Kameradschaft reicht selbst bis zu denjenigen im Job, die man nicht mag. Sind sie in Schwierigkeiten, ist es Teil des geheimnisvollen Nimbus', zu helfen. Nebenbei bemerkt, die ungeschrie­benen Gesetze waren sehr deutlich, was solche Ange­legenheiten betraf, und ich habe niemals wissentlich eine Jobregel gebrochen - nicht, seitdem ich meinen Schlep­per zurück hatte - und sah nicht ein, weshalb ich jetzt damit anfangen sollte.
   Ich rannte durch den Rauch und über große Lava­grate, bis ich den Angestellten zehn Meter vor mir aus­machte. Er hatte die nackten Leute abgeschüttelt und stand mit einem von ihnen in jeder Hand da. Seine Schultern rauchten und Schuppen standen in allen Win­keln hervor. Sie hatten ganze Arbeit an dem Bastard ge­leistet. Zehn oder zwölf der Toten rappelten sich von der Lava auf, ohne Kratzer, ohne Verbrennungen. Sie sahen mich.
   Der Angestellte sah mich.
   Alle kamen auf mich zu. Ich drehte mich um und lief auf den Truck zu, stolperte, fiel, verbrannte und zer­schrammte mich überall. Meine Haare standen zu Berge. Leute griffen nach mir, baten mich, sie herauszuziehen - alte, junge, alle kriecherisch und schreiend wie geprü­gelte Hunde.
   Dann schwang mich der Angestellte hoch und außer Reichweite. Seine Hand war kalt und hart wie eine Eisenzange aus einem Gefrierfach. Er grunzte und rannte auf meinen Truck zu, öffnete die Tür weit und warf mich grob ins Innere. Er machte mir mit riesigen, wilden Gebärden klar, daß ich besser wenden und zurückfahren sollte, daß es keine gute Idee war, zu war­ten und es keinen Weg hindurch gäbe.
   Ich startete den Motor und wendete den Schlepper. Ich drehte meine Scheibe hoch und hoffte, die Toten waren nicht substantiell genug, um den Lack zu zerkrat­zen oder die Latten zu zerbrechen.
   Alle Regeln waren nun außer Kraft gesetzt. Was war mit denen in meiner Ladung? Während ich all diese Dinge tat, war mein Verstand angefüllt mit Fragen: Wie konnten Seelen zurückschlagen ? Gab es denn keine strikten Befehle in der Hölle, die solche Dinge unterbanden ? Dies war angedeutet worden, als ich angeheuert hatte. Der sicherste Job überhaupt.
   Ich fuhr die Straße zurück. Meine Ladung schrie, wie keine andere Ladung zuvor. Ich fürchtete, sie könnten rauskommen, aber sie schafften es nicht. Ich erreichte den Annex und sie waren ruhig, zu ruhig für mich, um trotz des Diesels etwas zu hören.
   Die Höfe waren verlassen. Die langen, weiß gestriche­nen Betonplattformen und die weißgewaschenen Holz­latten-Laderampen waren unbesetzt. Keine Seelen im Gatter.
   Der Himmel war von einem unbestimmten Grau. Eine verschwommene gelbe Sonne schien schwach auf die eintönig weißen Angestelltenräume. Ich stoppte den Truck und schwang mich herunter, um nachzuschauen.
   Es gab keinen Wind, nur Stille. Die Luft war frostig, ohne besonders kalt zu sein. Was ich am dringendsten wollte, war auszuladen und von hier abzuhauen, zurück nach Baker oder Barstow oder Shoshone zu fahren.
   Ich hoffte, das war immer noch möglich. Vielleicht waren alle Ausgänge geschlossen worden. Vielleicht hat­ten die Aufseher sie geschlossen, um nicht noch mehr Seelen entkommen zu lassen.
   Ich probierte die Gatterriegel und konnte sie öff­nen. Ich tat es und kehrte zum Truck zurück, schwang den hinteren Anhänger herum bis er an der Rampe an­stieß. Niemand gab einen Laut von sich. »Geht zurück«, sagte ich. »Geht zurück ! Ihr verbringt hier noch mehr Zeit. Fragt mich nicht, warum.«
   »Hallo, John«, sagte jemand hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen älteren Mann ohne einen Fetzen Kleidung. Ich erkannte ihn zuerst nicht. Seine Augen gaben mir schließlich einen Anhaltspunkt.
   »Mr. Martin ?« Mein Geschichtslehrer an der Ober­schule. Ich hatte ihn vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gesehen. Er sah nicht viel älter aus, aber bis dahin hatte ich ihn noch nie nackt gesehen. Er war tot, aber er war nicht wie die anderen. Er hatte nicht den Blick, der mir sagte, warum er hier war.
   »Das ist nicht die Art von Job, den zu ergreifen ich von einem meiner Schüler erwartet hätte«, sagte Martin. Er lachte das sanfte Lachen, wofür er berühmt war, das La­chen, das schien, als nähme es alles im Klassenzimmer und rücke es in Perspektive.
   »Ich hätte nicht erwartet, gerade Sie als ersten hier zu finden«, erwiderte ich.
   »Die Katzen sind weg, John. Die Mäuse haben jetzt das Sagen. Ich versuche, von hier zu verschwinden.«
   »Wie lange waren Sie hier ?« fragte ich.
   »Ich starb vor einem Monat, glaube ich«, sagte Martin. Er hatte noch nie ein Blatt vor dem Mund genom­men.
   »Sie können nicht weg«, sagte ich, tat meinen Job selbst gegenüber Mr. Martin. Ich fühlte, wie mir das Eis die Kehle heraufkroch.
   »Mannschaftsspieler«, sagte Martin. »Immer noch der Mannschaftsspieler im Spinnerteam, selbst wenn die Mannschaft sich keinen Deut darum schert, was du
tust.«
   Ich wollte mich erklären, aber er ging in Richtung Annex und der Straße nach draußen davon. Über die Schulter zurückblickend sagte er: »Werde klug, John. Die Dinge sind nicht, wie sie scheinen. Waren sie nie.«
   »Sehen Sie!« rief ich ihm nach. »Ich werde kündigen, ehrlich, aber ich bin für diese Ladung verantwortlich.« Ich glaubte zu sehen, wie er den Kopf schüttelte, als er um die Ecke des Annex ging.
   Die Toten meiner Ladung hatten einige der Rampen­latten gelockert und sprangen vom hinteren Anhänger herunter. Die im vorderen Hänger schrien und schrien weiter und schüttelten den gesamten Schlepper.
   Verantwortung, Scheiße, dachte ich. Als die Toten Mr. Martin folgten, koppelte ich beide Anhänger ab. Dann stieg ich in die Kabine und fuhr fort vom Annex auf die hereinführende Straße. »Ich werde kündigen«, sagte ich. »So sicher wie nur was - ich werde kündigen.«
   Die Straße nach draußen schien schrecklich lang. Ich sah erstaunlicherweise keinen der Toten, aber vielleicht waren sie schon verlegt worden. Ich nahm eine Route, die ich vorher noch nie befahren hatte, und hatte keine Ahnung, ob sie mich dahin führen würde, wohin ich wollte. Aber ich befuhr sie für zwei Stunden und steu­erte den Truck geradewegs ins Flachland.
   Die Luft wurde grauer, als würde jemand den Kontrast an einem Fernseher verstellen. Ich stellte das Fernlicht an, aber es half nichts. Ich zitterte in meiner Kabine und sagte mir, niemand verdiente dies. Niemand verdient es, in die Hölle zu kommen, ganz egal, was man getan hatte. Ich fürchtete mich. Es wurde käl­ter.
   Nach drei Stunden sah ich den Annex und die Höfe wieder vor mir. Die Straße machte einen Bogen zurück. Ich fluchte und bremste den Schlepper auf Schnecken­tempo ab. Die Verladebuchten waren in Brand gesteckt worden. Tote gingen umher - ohne Vorstellung, was sie tun oder wohin sie gehen sollten. Ich beschleunigte und fuhr über die hinweg, die sich auf der Straße befanden. Die Stoßstange des Trucks traf sie, aber ich spürte nichts davon, als wären sie gar nicht da. Ich sah im Rückspie­gel, wie sie aufstanden, nachdem sie niedergestreckt worden waren. Gerade niedergestreckt. Dann war ich an den Verladebuchten vorüber und daran gab es diesmal keinen Zweifel.
   Ich fuhr geradewegs auf die Hölle zu.
   Der Endladungsterminal brannte ebenfalls. Aber die Stadt dahinter war hell und weiß und unberührt. Zum ersten Mal fuhr ich am Terminal vorbei und nahm die Straße zur Stadt.
   Es hieß entweder das, oder auf dem Flachland mit allem verrückten bleiben. Drinnen, dachte ich mir, hat­ten sie vielleicht alles unter Kontrolle.
   Der Truck röhrte durch die Tore, zwischen zwei wei­ßen Säulen, zwanzig oder fünfundzwanzig Meter dick und so groß wie das Washington Monument, hindurch. Ich sah niemanden, weder Angestellte noch Tote. Dann war ich durch die Säulen - und es kam wie ein Schock.
   Da war keine Stadt, keine Mauern, nur die Straße, die sich in alle Richtungen durch die Landschaft wand, sogar dahinter.
   Die Landschaft war durchsetzt mit kleinen und gro­ßen Gruppen von Schuppen und Häusern. Alles war dicht gedrängt, Leute arbeiteten auf einem Hügel, Leute saßen auf ihren Verandas, gingen über die Straße, drehten sich, um mich anzustarren als der Schlepper durchfuhr. Keine Angestellten - keine Monster. Keine Flammen. Keine blutigen Seen oder Flüsse.
   Das mußte der äußere Teil sein, dachte ich. Tiefer drin­nen würde es schlimmer werden.
   Ich fuhr weiter. Der Hund in mir sagte, ich solle mich nach einer Autorität umschauen, einige Fragen stellen und rausfahren. Aber der Affe meinte, ich solle mich nur ein wenig umsehen und herausfinden, was vorging, was so in der Hölle los ist.
   Eine weitere Stunde Fahrt durch diese ruhige, bevöl­kerte Landschaft, und der Truck hatte keinen Treibstoff mehr. Ich rollte an die Seite und stieg sehr nervös aus.
Wieder zündete ich mir eine Zigarette an und lehnte mich, etwas zittrig, gegen den Kotflügel. Aber das Zit­tern hörte bald auf und wurde durch eine eiserne Ruhe ersetzt.    Die Landschaft war wie zuvor bevölkert, aber nie­mand sah gequält aus. Kein Schreien, keine immer­währende Agonie. Bäume, Sträucher, Grashügel und abertausende kleine Häuser.
   Die Bewohner brauchten etwa zehn Minuten, um her­über zu kommen und mich zu mustern. Zwei Männer kamen zu meinem Truck und nickten höflich. Beide waren mittleren Alters und wirkten gesund. Sie sahen nicht tot aus. Ich nickte zurück.
   »Wir haben gewettet, ob Sie einer der Fahrer sind oder nicht«, sagte der erste, ein schwarzhaariger Typ. Er trug ein einfaches, handgewebtes Hemd und eine Hose. »Ich denke, Sie sind einer. Ist es so ?«
   »Ich bin einer.«
   »Dann haben Sie sich verirrt.«
   Ich stimmte zu. »Vielleicht können Sie mir sagen, wo ich bin ?«
   »Hölle«, sagte der zweite Mann, der einige Jahre jün­ger war und nur Shorts anhatte. Die Art, wie er es sagte, war als sagte man, man käme aus Los Angeles oder Long Beach. Nichts Großartiges, nichts Dramatisches.
   »Wir haben Gerüchte gehört, es hätte Probleme drau­ßen gegeben«, sagte eine Frau, die sich zu uns gesellt hatte. Sie war etwa sechzig und dünn. Sie sah aus, als müsse sie hampelig und nervös sein, aber sie gab sich seelenruhig.
   »Es gibt so eine Art Streik«, sagte ich. »Ich weiß nicht, worum es sich handelt, aber ich suche einen Angestell­ten, um ihn danach zu fragen.«
   »Gewöhnlich kommen sie nicht so weit herein«, sagte der erste Mann. »Wir haben die Dinge hier in der Hand. Oder vielmehr, uns sagt keiner, was wir machen sol­len.«
   »Sie sind lebendig ?« fragte die Frau mit einem seltsa­men Hunger in ihrer Stimme. Andere gesellten sich zu uns, im Nu eine ganze Menge. Sie versuchten nicht, mich zu berühren. Sie standen auf ihrem Platz, starrten und redeten.
   »Sehen Sie«, sagte ein alter schwarzer Mann. »Haben Sie jemals über den Ancient Mariner gelesen ?«
   Ich sagte, ich hätte, in der Schule.
   »Mußte jedem erzählen, was er getan hatte«, sagte der schwarze Mann. Die Frau neben ihm nickte nachdenk­lich. »Wir sind alles Ancient Mariners hier. Aber es gibt niemanden, dem wir es erzählen könnten. Würden Sie es wissen wollen?« Die Art, wie er fragte, war mitleiderre­gend. »Uns tut es leid. Wir wollen nur, daß jeder weiß, wie leid es uns tut.«
   »Ich kann Sie nicht mit zurück nehmen«, sagte ich. »Ich weiß nicht mal, wie ich selbst zurück komme.«
   »Wir können nicht zurück,« sagte die Frau. »Das ist kein Ort für uns.«
   Es kamen mehr Leute, und ich wurde wieder nervös. Ich stand auf meinem Platz, versuchte ruhig zu erschei­nen, und die Toten versammelten um mich herum, er­wartungsvoll.
   »Ich habe nie an irgendwen anderes gedacht, als mich selbst«, sagte jemand. Ein anderer unterbrach ihn mit: »Mann, ich habe mein ganzes Leben verschissen, ich habe alles und jeden gehaßt. Ich war ausgebrannt ...«
   »Ich dachte, ich war der Größte, könnte mir über jeden ein Urteil erlauben ...«
   »Ich war die dümmste gottverdammte Frau, die sie je gesehen haben. Ich war eine Sau, ein Schwein. Ich warf Kinder und ließ sie ohne Erziehung verwildern. Ich war dumm und grausam. Ich gewöhnte mich daran, Wesen zu verletzen...«
   »Hab mich nie um jemanden geschert. Niemand hat sich je um mich gekümmert. Ich wurde inmitten einer Stadt zurückgelassen, um zu verrotten - und ich war nicht gut genug, um nicht zu verrotten.«
   »Alles, was ich nach meinem zwölften Lebensjahr tat, war eine Lüge ...«
   »Hören Sie zu, Mister, weil es schmerzt, es schmerzt so sehr ...«
   Ich lehnte mich gegen meinen Truck. Sie scharten sich nun wie organisiert um mich, nicht wie irgendein Mob. Ich hatte den verrückten Gedanken, daß sie sich besser verhielten als irgendwelche Leute auf der Erde, aber dies waren die Verdammten.
   Ich hörte oder sah niemand Berühmtes. Ein Expolizist erzählte mir über das, was er den Leuten im Gefängnis angetan hatte. Ein Jesusfreak sagte mir, daß Jesus mit dem Herzen zu erkennen nicht genug war. »Weil ich es eigentlich geschafft haben müßte, Mann, ich müßte es sonst geschafft haben.«
   »Es kam eine Zeit, in der ich unter der Last von allem zusammenbrach, ich ruinierte mich regelrecht. Tram­pelte auf mir selbst herum und traf die falschen Ent­scheidungen ...«
   Sie erklärten sich mir, und ich begann zu weinen. Ihre Gesichter waren so klar und so rein, jetzt waren sie hier, erklärten sich, und außer vielleicht einigen besonderen Fällen - wie dem Typen, der nach dem Zweiten Welt­krieg in russischen Lagern Ukrainer umgebracht hatte - hörten sie sich nicht schlimmer an als die verrückten Hurensöhne, die ich zu meinen Freunden zählte, die ihr Leben in Trucks und Bars und Puffs verbrachten.
   Sie waren alle neu. Ich bekam den Eindruck, daß die Verdammten älter wurden, je tiefer man in die Hölle kam, was Sinn machte; die Hölle wurde größer, wenn die Schwünge der Verdammten größer wurden, mit mehr Raum in den äußeren Bezirken.
   »Wir verschwendeten es«, sagte jemand. »Wissen Sie, was meine größte Sünde war ? Ich war trübsinnig. Trüb­sinnig und grausam. Ich sah niemals Schönheit. Ich sah nur Dreck. Ich liebte den Dreck, und die Sauberkeit ent­ging mir.«
   Bald schon flössen meine Tränen ungehemmt. Ich kniete neben dem Truck nieder, verbarg meinen Kopf, aber es kamen immer mehr und erklärten sich. Hunderte mußten schon vorbeigekommen sein, ruhig redend und gestikulierend.
   Dann hörte es auf. Jemand war gekommen und hatte ihnen gesagt, daß sie umkehren sollten, daß es zuviel für mich sei. Ich nahm mein Gesicht aus den Händen und ein scheinbar junger Mann stand da und blickte auf mich herab. »Sind Sie in Ordnung ?« fragte er.
   Ich nickte, aber mein Inneres war wie zerbrochenes Glas. In jeder Erklärung hatte ich mich selbst gesehen und mit jeder Sündengeschichte, hatte ich in mir ein Echo gespürt.
   »Eines Tages werde ich hier sein. Irgend jemand wird mich in einem Viehtransporter zur Hölle fahren«, mur­melte ich. Der junge Mann half mir auf die Füße und bahnte uns einen Weg um den Truck herum.
   »Yeah, aber nicht jetzt«, sagte er. »Sie gehören jetzt noch nicht hierher.« Er öffnete die Tür zu meiner Kabine, und ich kletterte hinein.
   »Ich habe keinen Treibstoff mehr«, sagte ich.
   Er lächelte dieses bekümmerte Lächeln, das sie alle hatten, und stand auf dem Trittbrett und sagte nahe an  meinem Ohr: »Sie werden auf jeden Fall bald hier raus­kommen. Einer der Angestellten ist beauftragt, zu Ihnen zu kommen.« Er schien bei weitem kultivierter zu sein, als die anderen. Ich blickte ihn vielleicht ein wenig eigenartig an, als wäre eine Erklärung angebracht.
   »Yeah, ich kenne all das«, sagte er. »Ich war einst Fah­rer wie Sie. Dann wurde ich befördert. Was machen die alle dort drauße n?« Er gestikulierte in Richtung der Straße. »Sie bringen die Dinge richtig durcheinander, nicht wahr ?«
   »Ich weiß nicht«, sagte ich und wischte mir Augen und Wangen mit dem Ärmel ab.
   »Kehren Sie um und erzählen Sie ihnen von der Re­volte in den äußeren Bezirken. Es ist, wie ich es erwartet habe. Sagen Sie ihnen, Charlie sei hier und daß ich sie warne. Die Nachricht geht herum. Unzufriedenheit macht sich breit.«
   »Die Nachricht ?«
   »Darüber, wer verantwortlich ist. Sag ihnen nur, Charlie weiß es, und ich warne sie. Ich weiß etwas anderes und, Sie sollten niemandem etwas darüber sagen...« Dann wisperte er mir eine unglaubliche Tatsache ins Ohr, etwas, das mich tiefer erschütterte als alles, was ich bisher durchgemacht hatte.
   Ich schloß die Augen. Ein Schatten glitt über uns hin­weg. Der junge Mann und alle anderen schienen zurück­zuweichen. Ich fühlte mehr, als daß ich sah, als mein Truck wie ein Spielzeug aufgehoben wurde.
   Dann, nehme ich an, habe ich eine Weile geschlafen.
   Auf dem Parkplatz des Truck-Stopps in Bakersfield schreckte ich in der Kabine aus dem Schlaf hoch, zog meine Kappe aus dem Gesicht und schaute mich um. Es war Mittagszeit. Die Firma hatte ein Büro in Bakersfield. Ich sah mich prüfend um und stellte fest, daß der Truck vollgetankt war, also startete ich und fuhr zum Büro,
Ich klopfte an die Tür des Büros. Ich trat ein und erkannte sofort den fetten alten Kerl, der mir den Job gegeben hatte. Ich war müde und roch schlecht, aber ich wollte das alles jetzt hinter mich bringen.
   Er erkannte mich, wußte aber meinen Namen nicht mehr. Ich sagte ihn ihm. »Ich kann nicht mehr fahren«, sagte ich. Das Zittern war wieder da. »Ich bin nicht dafür geschaffen. Ich fühle mich nicht wohl dabei, sie zu fahren, wenn ich weiß, daß ich selbst da landen werde, selbst, wenn das nicht der Fall sein sollte.«
   »Okay«, sagte er langsam und sorgfältig, maß mich mit einem wissenden Blick. »Aber dann bist du draußen. Du wirst pleite sein. Keine Fahrten mehr, keine Arbeit bei uns, keine Arbeit mehr bei irgendeiner Firma, die wir unterstützen. Es wird einsam sein.«
   »Diese Art Einsamkeit habe ich jeden Tag«, sagte ich.
   »Okay.« Das war's dann. Ich ging auf die Tür zu und blieb mit der Hand auf der Klinke stehen.
   »Eins noch«, sagte ich. »Ich habe Charlie getroffen. Er sagte mir, ich solle Ihnen sagen, daß eine Nachricht her­umgehe, wer verantwortlich ist, und daß es deshalb so viele Schwierigkeiten in den äußeren Bezirken gibt.«
   Die wissenden Augen des alten Kerls wurden glasig. »Du bist der Typ, der in die Stadt gekommen ist ?« Ich nickte.
   Er stand recht schnell von seinem Platz auf, Hänge­backen bebten, und sein Bauch hüpfte einen albernen Tanz unter seinem Arbeitsoverall. Er schnippte mit den Fingern. »Gehen Sie nicht. Warten Sie noch eine Minute. Draußen im Büro.«
   Ich wartete und hörte, wie er ins Telefon sprach. Er kam lächelnd heraus und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Hören Sie zu, John, ich bin nicht sicher, ob wir Sie gehen lassen sollten. Ich habe nicht gewußt, daß Sie es waren, der hineingekommen ist. Es heißt, Sie sind geblieben und haben versucht, zu helfen, als alle ande­ren weggerannt sind. Die Firma weiß das zu schätzen. Sie sind schon lange bei uns, ein zuverlässiger Fahrer, vielleicht sollten wir Ihnen einen Anreiz geben, zu bleiben. Ich schicke Sie nach Vegas, um mit einem Boss der Firma zu reden ...«
   Durch die Art, wie er es sagte, wußte ich, daß es keine große Wahl gab und ich besser nichts dagegen sagen sollte. Man arbeitet schon lange genug bei der Firma und weiß, wann man den Mund zu halten hat und wei­termachen muß.
   Sie steckten mich in ein Motel, ließen mich essen und am späten Vormittag war ich auf dem Weg nach Vegas. Dort kam ich um zwei Uhr nachmittags an. Ich saß in einem schwarzen Firmenwagen mit einem schweigsa­men Fahrer und einer Klimaanlage und einigen News-weeks, die mir Gesellschaft leisteten.
   Die Limousine setzte mich ab vor einem viergeschos­sigen Bürogebäude aus Glas und Stuck, mit vielen Schei­dungsanwälten, einem Zahnarzt und einigen Gesell­schaften mit unbekannten Namen. Weiße Kunststoff­buchstaben auf einem gerippten Filzhintergrund in einem Glaskasten. Es stand kein Name bei der Büro­nummer, zu der ich gehen sollte, aber jedenfalls ging ich hoch und klopfte.
   Ich wußte nicht, was mich erwartete. Ein Bezirksleiter öffnete die Tür und stellte mir einige Fragen, und ich sagte, was ich bereits zuvor schon gesagt hatte. Ich war hartnäckig. Er sah besorgt aus. »Sehen Sie«, sagte er. »Es wäre nicht gut für Sie, jetzt zu kündigen.«
   Ich fragte ihn, was er damit meine, aber er sah nur un­glücklich aus und sagte, er würde mich zu jemand Höherstehenden schicken.
   Das war in Denver, näher, mein Gott, zu Dir. Derselbe schwarze Wagen brachte mich an einem hellen Samstag­morgen frühzeitig dorthin. Ich stand vor einem sehr gro­ßen Firmengebäude ohne Schild an der Front und einer Bank im Erdgeschoß. Ich ging an der Bank vorbei und hoch zum obersten Stock.
   Eine sehr hübsche Sekretärin stieß auf mich, aber ihre Haare lagen zu dicht an ihrem Kopf an, und sie hatte ein  grimmiges, rechteckiges Kinn. Sie mochte mich nicht. Doch sie ließ mich ins nächste Büro hinein.
   Ich hätte schwören können, daß ich den Typ schon mal gesehen hatte, aber vielleicht war es nur eine vor­übergehende Ähnlichkeit. Er trug eine schmale Krawatte und einen geschmackvollen, wenn auch konservativen, grauen Anzug. Sein Hemd war pastellblau und es lag eine große Rembrandt-Bibel neben einem alabasterfarbenen Federhalter auf der Glasplatte seines Schreibtisches. Er schüttelte mir die Hand mit festem Griff und setzte sich auf die Kante seines Schreibtisches.
   »Als erstes lassen Sie mich Ihnen zu Ihrer Tapferkeit gratulieren. Wir haben einige Berichte von dem ... äh ... Gebiet bekommen. Und wir haben nichts als nur Gutes über Sie gehört.« Er lächelte wie der Typ im Fernsehen, der die Zuschauer stets bat, zu helfen. Dann wurde sein Gesicht offen und ernst. Ich glaube aufrichtig, daß er aufrichtig war; er war auch im Umgang mit nicht allzu hellen Leuten trainiert. »Wie ich höre, haben Sie mir etwas zu berichten. Von Charles Frick.«
   »Er sagte, sein Name wäre Charlie.« Ich erzählte ihm die Geschichte. »Was ich gerne wissen möchte, ist, was er damit gemeint hat, wer die Verantwortung hätte ?«
 »Charlie war bis zum letzten Jahr in der Organisation. Er kam bei einem Autounfall ums Leben. Ich war betrof­fen als ich hörte, daß er auf der Tiefstraße gelandet ist.« Er sah nicht betroffen aus. »Vielleicht bin ich betroffen, aber nicht überrascht. Um die Wahrheit zu sagen, er war so etwas wie ein Unruhestifter.« Er lächelte wieder breit, seine Augen wurden groß, und es war ein wenig zu viel Lebhaftigkeit in seinem Gesicht. Er hatte eine dieser Mac-Arthur-Drahtgestellbrillen auf, zu groß für seine Augen.
   »Was meinte er ?«
   »John, ich bin stolz auf alle unsere Fahrer. Sie wissen gar nicht, wie stolz wir auf die ganzen Leute sind, die dort unten die dreckige Arbeit machen.«
   »Was hat Charlie gemeint ?«
   »Die Abtreibungshelfer und Pornographen, die Strich­mädchen und Straßenräuber und Mörder, Atheisten und Heiden und Idolanbeter. Sicherlich ist es befriedigend, das Land sauberzuhalten. Eine Art gigantisches Reini­gungskommando. Das einfache, gute Volk. Nun wissen wir, daß das Fahren vielleicht der härteste Job bei der Firma ist und das nicht jedermann für unbegrenzte Zeit auf der Tiefstraße bleiben kann. Trotzdem möchten wir, daß Sie weitermachen. Aus der Befriedigung in einem harten Job. Nein, wenn Sie aufsteigen wollen - und Sie haben es sicherlich jetzt verdient -, haben wir für Sie einen Platz hier. Einen Platz, an dem Sie es bequem haben werden ...«
   »Ich habe bereits gesagt, daß ich raus will. Sie beneh­men sich, als wäre ich heißer Stoff, dabei bin ich nur Scheiße. Sie wissen das, ich weiß das. Was geht hier eigentlich vor ?«
   Sein Gesicht verhärtete sich. »Hier oben ist es auch nicht einfach, Freundchen.« Das >Freundchen< reizte mich. Ich lachte und stand vom Stuhl auf. Ich war bereits in genügend Büros gewesen und dieses bereitete mir Übelkeit. Als ich aufstand, hielt er seine Hände hoch, schürzte seine Lippen und nickte. »Es tut mir leid. Es gibt doch bestimmt einen Anreiz, einen Grund, hier zu arbeiten. Wenn Sie so überzeugt davon sind, auf dem Weg zur Tiefstraße zu sein, können Sie es hier abarbei­ten, wissen Sie?«
   »Wie können Sie so etwas sagen ?«
   Breites Lächeln. »Charlie hat Ihnen etwas gesagt. Er hat Ihnen etwas darüber gesagt, wer hier das Sagen hat.«
   Nun konnte ich etwas schrecklich Falsches riechen, wie das mit dem Boss. Ich murmelte: »Er sagte, des­wegen gibt es dort Schwierigkeiten.«
   »Das passiert schon mal ab und zu. Wir schlagen es auf die nette Art nieder. Ich sage Ihnen, wo wir wirklich gute Leute brauchen, Leute mit Mitgefühl. Wir brauchen Sie bei der Hilfe zur Auswahl.«
   »Auswahl ?«
   »Sie denken doch nicht wirklich, daß der Boss die ganze Auswahl direkt trifft ?«
   Ich wußte nicht, was ich denken oder sagen sollte.
   »Hören Sie zu. Der Boss ... lassen Sie es mich Ihnen er­zählen. Vor langer Zeit entschied der Boss, eine neue Art von Arbeiter zu erschaffen, einen mit mehr Fähigkeiten zur Entscheidungsfreudigkeit. Einige Leiter waren ande­rer Meinung, besonders als der Boss sagte, die Arbeiter würden für eine lange, lange Zeit im Einsatz sein ... das sie unzerstörbar sein würden. Eine Art nuklearer Treib­stoff, wissen Sie. Menschliche Seelen. Die Aufgezehrten bildeten sich nach einer Weile neu, die, die sich als schlecht herausstellten, erwiesen sich als chronisch ar­beitsunfähig. Sie paßten sich nicht in das Schema ein oder tanzten aus der Reihe. Konnten nicht mit ihren Ar­beitskameraden mitkommen. Sie kennen den Typ. Was tut man mit ihnen? Sie können sie nicht einfach fort­schicken ... sie sind unzerstörbar, und das ist kein Spaß, also...«
   »Chronisch arbeitsunfähig ?«
   »Sie sind ein Mann der Firma. Denken Sie daran, wie es sein muß, aus der Arbeit heraus zu sein ... für immer. Verdammt. Niemand will Sie anheuern.«
  Ich kannte das Gefühl, auf beide Arten, die er meinte und die Art, wie es mir bereits widerfahren war.
   »Der Boss spürt, daß das Projekt halb erfolgreich ist, also verwarf  Er es nicht vollständig. Aber Er wollte nicht mit allen Vor- und Nachteilen behelligt werden, der Buchhaltung sozusagen.«
   »Sie haben das Sagen«, sagte ich, und mein Blut kühlte sich ab.
   Und ich wußte, wo ich ihn zuvor schon gesehen hatte.
   Im Fernsehen.
   Gottes rechte Hand.
   Und menschlich. Fleisch und Blut.
   Wir führten die Hölle.
   Er nickte. »Nun, das erzählen wir natürlich nicht gerne herum.«
   »Sie haben die Verantwortung, und Sie lassen die Fah­rer ihre Vergünstigungen von den Ladungen nehmen, Sie lassen ...« Ich hielt inne. Mein Instinkt sagte mir, ich würde bald auf einer teppichbelegten Spur sein, auf der ich nicht mehr wenden könnte.
   »Ich sage Ihnen die Wahrheit, John. Ich hatte hier für lediglich ein Jahr das Sagen, und mein Vorgänger hat die Dinge aus der Hand gleiten lassen. Er war kein religiöser Mann, John, und er dachte, dies wäre ein Job wie jeder andere, wo man dann und wann Kompromisse schlie­ßen könnte. Ich weiß, daß es nicht so ist. Es gibt hier kei­nen Kompromiß, und wir werden diese Ungerechtigkei­ten und Fehlentscheidungen sehr bald wieder in Ord­nung bringen. Sie werden uns dabei helfen, hoffe ich. Sie mögen durchaus mehr über die Probleme wissen als wir.«
   »Wie haben Sie sich ... wie haben Sie sich für einen solchen Job wie diesen qualifiziert ?« fragte ich. »Und wer hat ihn Ihnen angeboten ?«
   »Nicht der Boss, wenn Sie darauf hinauswollen, John. Es ist eine Art Tradition. Sie könnten von mir gehört haben. Ich war der, wenn es um all dieses Gerede über Erfahrungen nach dem Tod ging und jeder helles Licht und Schönheit sah. Ich war der, der sich fragte, warum niemand die andere Seite sah. Ich fand Leute, die bei­nahe gestorben waren und die Hölle gesehen hatte, und ich brachte sie zur Umkehr. Das Management der Firma kam zu der Ansicht, ein Typ mit meinen Fähigkeiten könnte hier gute Arbeit leisten. Also bin ich hier. Und ich kann Ihnen sagen, es ist nicht einfach. Manchmal wünschte ich, wir hätten etwas mehr Unterstützung vom Boss, ein wenig mehr Anleitung, aber wir haben sie nicht und jemand muß sich darum kümmern. Jemand muß den Stall ausmisten, John.« Wieder das Lächeln.
   Ich setzte meine Maske auf. »Natürlich«, sagte ich. Ich hoffte, ein stetiges Ansteigen der Frömmigkeit würde der Musterung durch seine scharfen Augen ent­gehen.
   »Und Sie können erkennen, wie Sie dies alles für die Firma noch wertvoller macht.«
   Mir dämmerte es langsam.
   »Wir würden es hassen, Sie jetzt zu verlieren, John. Nicht wenn es sicher ist, so sicher, für uns zu arbeiten. Ich meine, hier erfahren wir die wirklichen Vor- und Nachteile des Heils.«
   Ich ließ ihn auf mich einreden, bis er auf die Uhr schaute. Die ganze Zeit nickte ich und dachte nach und versuchte, an den besten Trick zu denken. Dann ent­spannte ich mich und vollführte eine Kehrtwendung. Ich machte einige Zugeständnisse bis sein Unbehagen zu groß wurde - ich hielt ihn von einem wichtigen Treffen ab -, und machte eine abschließende Bemerkung.
   »Ich würde mich hier oben nicht wohl fühlen«, sagte ich. »Ich bin mein ganzes Leben lang gefahren. Das will ich nur weitermachen, arbeiten, wo ich am besten hin­passe.«
   »Ihren gegenwärtigen Job behalten?« sagte er und tippte mit seinem Schuh an die Seite seines Schreib­tisches.
   »Herrgott, ja«, sagte ich, so dankbar wie nur möglich.
   Dann bat ich ihn um ein Autogramm. Er lächelte sehr breit und gab es mir, Gottes rechte Hand, der zusammen mit Präsidenten gebetet hatte.

Das nächste Mal draußen dachte ich an die unglaubliche Sache, die Charlie Frick mir gesagt hatte. Auf halbem Weg zur Hölle, auf dem Teil der Strecke, den er einst be­fahren hatte, fuhr ich den Truck auf den Seitenstreifen und ging zurück, die Hände in den Taschen und schielte in die Gesichter. Junge und Alte. Meistens Alte oder Teenager oder Twens. Einige waren eindeutig schlechte Neue ... Aber diesmal blickte ich genauer hin, versuchte zu unterscheiden. Und ich sah einige, die eindeutig nicht hierher gehörten.
   Die Toten hingen an den Latten, steckten die Arme hindurch, flehten. Ich ignorierte es, so gut ich konnte. »Du«, sagte ich und deutete auf einen blassen, dünnen Typ mit einem teilnahmslosen Ausdruck. »Warum bist du hier ?«
   Sie würden mich nicht anlügen. Das hatte ich in der Stadt erfahren. Die Toten lügen nicht.
   »Ich habe Leute umgebracht«, sagte der Mann in einem hohen Wispern. »Ich habe Kinder getötet.«
   Das bestätigte meine Theorie. Ich hatte gewußt, daß etwas mit ihm nicht in Ordnung war. Ich deutete auf eine plumpe weißhaarige alte Frau, die jedes der Anzei­chen vermissen ließ. »Du. Warum kommst du in die Hölle?«
   Sie schüttelte ihren Kopf. »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Weil ich schlecht bin, vermute ich.«
   »Was hast du Schlechtes getan ?«
   »Ich weiß nicht!« sagte sie und warf die Hände in die Luft. »Ich weiß es wirklich nicht. Ich war Bibliothe­karin. Als alle diese schrecklichen Leute versuchten, Bücher aus meiner Bibliothek zu nehmen, habe ich mich gewehrt. Ich habe versucht, mit ihnen zu disku­tieren ... Sie wollten Salinger und Twain und Baum mitnehmen ...«
   Ich suchte einen anderen jungen Mann heraus. »Was ist mit dir?«
   »Ich hätte es nie für möglich gehalten«, sagte er. »Auch hatte ich nicht gedacht, daß Gott mich hassen würde.«
   »Was hast du getan ?« Diese Leute mußten sich nicht er­klären.
   »Ich habe Gott geliebt. Ich liebte Jesus. Aber, mein Gott, ich konnte nicht anders. Ich bin schwul. Ich hatte keine Wahl. Gott würde mich nicht hierher schicken, nur weil ich schwul bin, oder ?«
   Ich sprach mit noch einigen anderen, bis ich sicher war, daß ich alle in dieser Ladung herausgefunden hatte. »Du, du, du und du, raus«, sagte ich und hielt das Tor auf. Ich schloß es hinter ihnen wieder und führte sie vom Truck weg. Dann erzählte ich ihnen, was Charles Frick mir erzählt hatte, was er auf der Straße und in den großen Büros erfahren hatte.
   »Niemand ist wirklich sicher, wohin es führt«, sagte ich. »Aber es geht nicht zur Hölle, und es geht nicht zu­rück zur Erde.«
   »Wohin dann ?« fragte die alte Frau wehleidig. Die Hoffnung in ihren Augen brachte mich fast zum Weinen, weil ich nicht sicher war.
   »Vielleicht ist es die Hochstraße«, sagte ich. »Wenig­stens ist es eine Chance. Geht ein Stück nach dort drü­ben, über den Hügel, ich denke, dort gibt es eine Art Spur. Sie ist nicht leicht zu finden, aber wenn ihr sorgfäl­tig Ausschau haltet, ist sie da. Folgt ihr.«
   Der schwule junge Mann nahm meine Hand. Ich dachte, ich müsse zurückweichen, weil ich Homos noch nie gemocht habe. Aber er hielt sie fest und sagte: »Dank dir. Du mußt ein großes Risiko auf dich genommen haben.«
   »Ja. Dank dir«, sagte die Bibliothekarin. »Warum tust du das ?«
   Ich hatte gehofft, sie würden nicht fragen. »Als ich ein Kind war, erzählte mir eine der Lehrerinnen in der Sonn­tagsschule über Jesus, der drei Tage vor seiner Auferste­hung hinab zur Hölle ging. Sie sagte mir, Jesus ging in die Hölle, um diejenigen herauszuholen, die nicht dort­hin gehörten. Ich bin gewiß nicht Jesus, ich bin nicht ein­mal Christ, aber das ist es, was ich tue. Sie nannte es grauenhafte Hölle.« Ich schüttelte den Kopf. »Egal. Nur so«, sagte ich. Ich beobachtete, wie sie über das fla­che graue Land gingen und dann den Hügel umrunde­ten. Dann ging ich zurück in meinen Truck und brachte den Rest zum Annex. Niemand bemerkte es. Ich vermute, die Aufzeichnungen sind für die Angestellten nicht so wichtig.
   Keiner von den Leuten, die ich freigelassen hatte, kam jemals zurück.
   Ich blieb auf der Straße. Ich sprach hie und da mit den Leuten, war vorsichtig. Wenn es so aussieht, als würden die Dinge riskant werden, bringe ich meinen Schlepper zurück zur Stadt. Und dann bin ich nicht sicher, was ich tun werde.
   Ich will nicht jeden freilassen. Aber ich möchte wissen, wer auf der Tiefstraße endet, der es eigentlich nicht sollte. Leute, die bei Gottes rechter Hand nicht gut gelit­ten waren.
   Meine Botschaft ist einfach.
   Die Verrückten führten die Anstalt. Wir hatten die Hölle korrumpiert.
   Wenn ich erwischt werde, fahre ich geradewegs dort­hin. Und wenn Sie dies lesen, sind Sie aller Wahrschein­lichkeit nach auch dort.
   Bis dahin leiste ich meinen Anteil. Wie ist es mit Ihnen ?

 Gelesen in:
Greag Bear ; Tangenten
Erzählungen
HEYNE
Science Fiction & Fantasy
Band 0605663
ISBN 3-453-11951-7