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Mit guten Beispiel voran

Mit gutem Beispiel voran

Nicht alle haben den Mut zu einer guten Tat !

Gelesen in :
Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin Band 15
Ullstein Buch Nr. 1021

http://uwe-henseler.de/index.php?option=com_content&task=view&id=871&Itemid=37

Mit gutem Beispiel voran

von

Jack Ritchie



„Wie alt sind Sie ?“ fragte ich.
Seine Augen waren auf den Revolver gerichtet, den ich in der Hand hielt.
„In der Kasse ist nicht viel drin, Mister. Nehmen Sie´s ruhig.“
„Ihr dreckiges Geld interessiert mich nicht. Wie alt sind Sie ?“
Er war verwirrt.
„Zweiundvierzig.“
Ich schnalzte mit der Zunge. „Wie schade. Zumindest von meinem Standpunkt aus. Sie hätten noch gut zwanzig oder dreißig Jahre länger leben können, wenn Sie sich die kleine Mühe gemacht hätten, höflicher zu sein.“
Er verstand nicht, was ich meinte.
„Ich werde Sie erschießen“, erklärte ich, „wegen der Briefmarke und wegen des Kirschbonbons.“
Er hatte keine Ahnung was ich mit dem Kirschbonbon meinte, aber über die Briefmarke wußte er Bescheid.
Panische Angst verzerrte plötzlich sein Gesicht. „Sie sind wahnsinnig. Nur deswegen können Sie mich doch nicht erschießen.“
„Doch, ich kann.“
Und ich tat es auch.

Als Dr.Briller mir mitteiltte, daß ich nur noch vier Monate zu leben hatte, war ich natürlich etwas verstört.
„Sind Sie sicher, daß Sie die Röngenbilder nicht aus Versehen verwechselt haben ? Ich habe schon von solchen Fällen gehört.“
„Ich fürchte nein, Mr.Turner.“
Ich dachte angestrengt nach.
„Die Berichte aus dem Laboratorium. Vielleicht ist mein Name versehentlich auf die falsche …“
Er schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe alles noch einmal genauestens nachgeprüft. Das tue ich in solchen Fällen immer. Gehört sich einfach so, wissen Sie.“
Es war Spätnachmittag, die Zeit, um die die Sonne müde zu werden beginnt. Ich hoffte, daß ich, wenn mein Stündchen gekommen war, an einem Morgen sterben würde. Das würde sicherlich nicht so trostlos sein.
„In derartigen Fällen“, stellte Dr.Briller fest, „steckt der Arzt in einer Zwickmühle. Soll er seinem Patienten die Wahrheit sagen, oder soll er sie verschweigen ? Ich schenke meinen Patienten immer reinen Wein ein. Dann bleibt ihnen wenigstens noch Zeit genug, um ihre Verhältnisse zu ordnen und um sozusagen noch einmal auf die Pauke zu hauen.“ Er zog einen Notizblock zu sich heran. „Außerdem schreibe ich ein Buch. Wie haben Sie vor, die Zeit, die Ihnen noch bleibt, zu verbringen ?“ „Das weiß ich selber noch nicht. Ich muß mich ja erst einmal mit dem Gedanken vertraut machen.“
„Aber natürlich“, bestätigte Dr.Briller. „Es besteht gar kein Grund zur Eile. Aber wenn Sie eine Entschluß gefaßt haben, dann lassen Sie es mich bitte wissen, nicht wahr ! Mein Buch befaßt sich nämlich mit der Frage, wie Leute, die wissen, daß sie nur noch eine bestimmte Zeit zu leben haben, diese ihnen verbleibende Zeit nutzen.“
Er schob den Block zur Seite.
„Kommen Sie alle zwei bis drei Wochen bei mir vorbei. Dann können wir den Fortschritt Ihres Verfalls messen.“
Briller brachte mich zur Tür. „Ich habe in meinem Buch schon über zweiundzwanzig solcher Fälle wie der Ihre berichtet.“ Seine Augen schienen in die Zukunft zu starren „Könnte glatt ein Bestseller werden, wissen Sie !“

Mein ganzes Leben war unscheinbar. Ich habe zwar kein sinnloses Leben geführt, aber eben ein unscheinbares.
Ich habe nichts zum Wohl oder zum Nutzen der Menschheit beigetragen - das dürfte ich ja wohl mit der Mehrzahl der Menschen auf dieser Erde gemeinsam haben -, aber ich habe auch nichts weggenommen. Kurz gesagt, ich habe einfach verlangt, in Ruhe gelassen zu werden. Das Leben ist auch ohne unnötige menschliche Bindungen schwierig genug.
Was kann man mit den restlichen vier Monaten eines unscheinbaren Lebens anfangen ?
Ich habe keine Ahnung, wie lange ich herumgewandert bin und über dieses Problem nachgedacht habe, aber schließlich fand ich mich auf der langen geschwungenen Brücke wieder, die hinunterführt zur Seestraße. Die Klänge scheppernder Leierkastenmusik trafen mein Ohr. Ich blickte hinunter.
Zu meinen Füßen lag ein großes Zirkuszelt.
Hier war die Welt verlogenen Zaubers, wo Gold nichts anderes ist als Talmi, wo der Zirkusdirektor mit dem Zylinder genausowenig ein Nobelmann ist, wie die Orden auf seinem Frack echt sind, und wo die rosa Flittermädchen, die auf dem Pferderücken durch die Arena jagen, harte, berechnende Gesichter haben.
Ich bin immer der Ansicht gewesen, das Aussterben des großen Zirkus gehöre zum kulturellen Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts, und doch stieg ich jetzt die Stufen hinunter und befand mich gleich darauf in der Gasse zwischen den Ständen, wo menschliche Mißbildungen zum Vergnügen der Kinder zur Schau gestellt werden.
Ich schlenderte zu dem großen Zelt und beobachtete ohne sonderliches Interesse den gelangweilten Billetverkäufer in seinem Stand auf der einen Seite des Haupteingangs.
Ein gutmütig aussehender Mann, zwei Mädchen an der Hand, trat an den Schalter und hielt dem Verkäufer mehrere rechteckige Karten aus Pappe hin. Es waren offenbar Gutscheine.
Der Billettverkäufer fuhr mit dem Finger eine lange Liste herauf und hinunter, die neben ihm lag. Sein Blick wurde böse und gemein, und er knurrte den Mann und die beiden Kinder einen Augenblick wütend an. Dann riß er die Gutscheine langsam und wohlüberlegt in winzige Fetzen und ließ sie zu Boden flattern.
„Die Dinger sind ungültig“, sagte er.
Der Mann errötete. „Das verstehe ich nicht.“
„Sie haben die Plakate nicht aufgehängt“, fuhr ihn der Verkäufer an. „Los, hauen Sie ab.“
Die Kinder sahen zu ihrem Vater auf. Ihre Augen blickten verständnislos. Was würde er jetzt tun ?
Er stand da, alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen vor Zorn. Einen Augenblick sah es so aus, als wolle er etwas erwidern, doch dann sah er hinunter auf seine Kinder. Er schloß die Augen in dem Bemühen, seinen Ärger hinunter zu schlucken, und dann sagte er:
„Kommt, Kinder. Wir gehen heim.“
Er nahm sie wieder bei der Hand und führte sie die Gasse zwischen den Buden entlang, und die Kinder blickten sich um, verwirrt, aber ohne ein Wort hervorzubringen.
Ich ging auf den Verkäufer zu. „Warum haben Sie das getan ?“
Er sah mich an. „Was geht Sie das an ?“
„Vielleicht sehr viel.“
Er musterte mich gereizt. „Weil er die Plakate nicht hängen gelassen hat.“
„Das habe ich bereits gehört. Erklären Sie mir das mal.“
Er seufzte voller Ungeduld. „Zwei Wochen bevor wir in eine Stadt kommen, schicken wir einen Mann voraus. Überall, wo es überhaupt möglich ist, gibt er Plakate ab, auf denen unser Erscheinen angekündigt wird - zum Beispiel in den Lebensmittelgeschäften, Schuhläden, Metzgereien -, Na ja, eben überall, wo die Eigentümer sich bereit erklären, die Plakate ins Schaufenster zu hängen, bis der Zirkus in die Stadt kommt. Dafür bekommen die Leute zwei oder drei Gutscheine. Aber manche von den Knilchen wissen nicht, daß wir das auch nachprüfen. Wenn die Plakate nicht mehr im Fenster hängen, wenn wir in die Stadt kommen, dann verfallen die Gutscheine.“
„Aha“, bemerkte ich trocken. „Und dann zerreißen Sie die Gutscheine vor ihrer Nase und vor den Augen ihrer Kinder. Der gute Mann hat offenbar die Plakate zu früh aus seinem Schaufenster genommen, oder er hat die Gutscheine von jemandem bekommen, der die Anschläge schon vorher wieder abgenommen hat.“
„Was macht das schon für einen Unterschied ? Auf jeden Fall sind die Gutscheine ungültig.“
„Ja, in der Beziehung macht es vielleicht keinen Unterschied. Aber sind Sie sich überhaupt darüber klar, was Sie getan haben ?“
Seine Augen verengten sich. Er maß mich mit abschätzenden Blicken.
„Sie haben eine der menschlich grausamsten Taten begangen“, erklärte ich hart. „Sie haben einen Mann vor seinen Kindern erniedrigt. Sie haben ihm eine Wunde beigebracht, die niemals verheilen wird, die die Kinder ihr Leben lang nicht vergessen werden. Er wird mit den beiden Mädchen nach Hause gehen, und es wird ein langer, langer Weg sein. Und was soll er ihnen sagen ?“
„Sind Sie Polizist ?“
„Nein, ich bin kein Polizist. Kinder in diesem Alter betrachten ihren Vater als den besten Menschen auf der ganzen Welt. Als den besten und als den tapfersten. Und von heute an wird ihnen immer das Bild vor Augen schweben, wie ein Mensch sich ihrem Vater gegenüber gemein benommen hat, und wie er dieser Gemeinheit gegenüber machtlos war.“
„Na und ? Was ist schon dabei, daß ich seine Gutscheine zerrissen habe ? Er hätte ja bloß Karten zu kaufen brauchen ? Sind Sie einer von der städtischen Behörde ?“
„Nein, ich bin keiner von der städtischen Behörde. Haben Sie wirklich geglaubt, er würde nach dieser Erniedrigung noch Karten kaufen ? Sie haben dem Mann jede Möglichkeit genommen, irgend etwas zu tun. Er konnte keine Karten kaufen, und er konnte genausowenig eine Szene heraufbeschwören, die zweifellos gerechtfertigt gewesen wäre, weil er die Kinder bei sich hatte. Gar nichts konnte er tun. Ihm blieb keine andere Wahl, als mit den beiden Kindern wieder zu gehen, die so gern Ihren lausigen Zirkus sehen wollten und es jetzt nicht können.“
Mein Blick fiel zu Boden. Er war übersäht mit den Fetzen zerrissener Träume - Beweisstücke für die Erniedrigung anderer Männer, die ebenfalls das Kapitalverbrechen begangen hatten, die Plakate zu früh wieder abzunehmen.
„Sie hätten wenigstens sagen können: › Es tut mir leid, mein Herr, aber Ihre Gutscheine sind ungültig. ‹ Und dann hätten Sie ihm ruhig und höflich erklären können, weshalb.“
„Ich werde nicht dafür bezahlt, höflich zu sein.“ Er bleckte gelbe Zähne. „Und außerdem, Mister, macht es mir Spaß, Gutscheine zu zerreißen.“
Das war es also. Das Machtgefühl des kleinen Mannes. Er war ein kleiner Mann, den man mit ein klein wenig Macht ausgestattet hatte, und er fühlte sich wie Cäsar persönlich.
Er richtete sich etwas auf. „Und jetzt verschwinden Sie, Mister, bevor ich rauskomme und Ihnen Beine mache.“
Ja. Er war ein grausamer Mensch, ein Wesen, das ohne Gefühl und Empfindsamkeit geboren war, dazu geschaffen, anderen Leid anzutun, solange es lebte. Er war ein Geschöpf, das nichts anderes verdiente, als vom Erdboden für immer zu verschwinden.
Wenn ich nur die Macht hätte …
Ich starrte noch einen Augenblick in das verzerrte Gesicht. Dann drehte ich mich um und ging. Oben auf der Brücke stieg ich in einen Bus und fuhr zu dem Sportgeschäft in der siebenunddreißigsten Straße.
Ich kaufte einen 32er Revolver und Munition.
Warum morden wir nicht ? Kommt es daher, weil wir uns nicht berechtigt fühlen, eine so endgültige Handlung zu vollbringen ? Oder kommt es daher, weil wir die Folgen fürchten, wenn wir gefaßt werden - die Konsequenzen für uns selbst, unsere Familie und unsere Kinder ?
Feige und schwach erleiden wir Böses und Gemeinheit, wir erdulden es, weil uns seine Ausrottung noch mehr Schmerz bringen kann, als wir schon ertragen müssen.
Aber ich hatte keine Familie, keine engen Freunde. Und nur noch vier Monate zu leben.
Die Sonne war untergegangen, und die Lichter auf dem Zirkusplatz leuchteten hell, als ich auf der Brücke aus dem Bus stieg. Ich blickte hinunter, und er stand noch immer in seinem Häuschen.
Wie sollte ich es machen ? Ich dachte nach. Sollte ich einfach auf ihn zugehen und ihn erschießen, während er nichts ahnend auf seinem kleinen Thron saß ?
Die Frage wurde ohne mein Zutun gelöst. Ich sah, wie ein anderer seinen Platz einnahm - seine Ablösung offenbar.  Er steckte sich eine Zigarette an und schlenderte die Gasse zwischen den Buden hinunter zum dunklen Ufer des Sees.
Hinter einer Wegbiegung, wo Büsche uns den Blicken entzogen, holte ich ihm ein. Es war eine einsame Stelle, doch noch so nahe am Zirkuszelt, daß die Geräusche von dort noch zu hören waren.
Er vernahm meine Schritte und drehte sich um. Ein verkniffenes Lächeln verzog seine Lippen, und er rieb die Knöchel der einen Hand. „Sie wollen sich unbedingt Prügel holen, was ?“
Seine Augen weiteten sich, als er den Revolver sah.
„Wie alt sind Sie ?“ fragte ich.
„Hören Sie zu“, sagte er bestürzt. „Ich habe nur ein paar Dollar in meiner Tasche.“
„Wie alt sind Sie ?“ wiederholte ich.
Seine Augen flackerten unstet.
„Zweiunddreißig.“
Ich schüttelte traurig den Kopf. „Sie hätten ein hohes Alter erreichen können. Vielleicht hätten Sie noch vierzig Jahre leben können, wenn Sie sich die kleine Mühe gemacht hätten, sich wie ein Mensch zu benehmen.“
Sein Gesicht wurde aschfahl. „Sie sind nicht ganz bei Trost oder was ?“
„Schon möglich.“
Ich feuerte.
Der Knall des Schusses war nicht so laut, wie ich erwartet hatte, oder vielleicht wurde er von der Geräuschkulisse des Zirkus verschluckt.
Er taumelte und fiel zu Boden. Er war unverkennbar tot.
Ich ließ mich auf der nächsten Parkbank nieder und wartete.
Fünf Minuten. Zehn. Hatte wirklich niemand den Schuß gehört ? Plötzlich wurde ich gewahr, daß ich Hunger hatte. Seit Mittag hatte ich nichts gegessen. Der Gedanke daran, jetzt in ein Polizeirevier geschleppt und einem endlosen Verhör unterzogen zu werden, erschien mir unerträglich. Außerdem hatte ich Kopfschmerzen. Ich riß ein Blatt aus meinem Notizbuch und begann zu schreiben. „Ein gedankenloses Wort kann verziehen werden. Doch ein ganzes Leben rücksichtsloser Unhöflichkeit nicht. Dieser Mann verdient den Tod.“
Ich wollte zuerst mit meinen vollen Namen unterschreiben, doch dann besann ich mich anders. Meine Initialien würden zunächst genügen. Ich wollte nicht gefaßt werden, bevor ich etwas gegessen und ein paar Kopfwehtabletten genommen hatte.
Ich faltete das Blatt Papier zusammen und steckte es in die Brusttasche des toten Billettverkäufers.
Ich begegnete keinem Menschen, als ich den Pfad wieder zurückwanderte und zur Brücke hinaufstieg. Zu Fuß schlenderte ich zu Weschler, so ziemlich dem besten Restaurant in der ganzen Stadt. Normalerweise überstiegen die Preise dort meine finanziellen Möglichkeiten bei weitem, doch diesmal war ich der Ansicht, mir die Kostspieligkeit leisten zu können.

Nach dem Abendessen beschloß ich, eine abendliche Busfahrt zu unternehmen. Mir macht diese Form der Stadtrundfahrt Spaß, und außerdem würde ich in meiner Bewegungsfreiheit über kurz oder lang ziemlich gehemmt sein.
Der Busfahrer war ein ausgesprochen ungeduldiger Mensch. Ganz offensichtlich betrachtete er sämtliche Passagiere als persönliche Feinde. Doch die Nacht war schön, und der Bus war nicht voll.
In der achtundvierzigsten Straße wartete eine gebrechliche Frau mit weißem Haar und feinen Gesichtszügen an der Bedarfshaltestelle. Mit einem unwilligen Brummen hielt der Fahrer seinen Bus an und öffnete die Tür.
Sie lächelte und nickte den Fahrgästen zu, als sie ihren Fuß auf die erste Stufe setzte. Man konnte sehen, daß sie ein Leben voll sanftmütiger Freundlichkeit führte und nur selten eine Busfahrt unternahm.
„Los, los“, knurrte der Fahrer bissig. „Wie lange brauchen Sie denn noch, bis Sie hier reinkommen.“
Sie errötete. „Entschuldigen Sie“, stammelte sie und hielt ihm eine Fünfdollarnote hin.
Wütend blickte er sie an. „Haben Sie denn kein Kleingeld ?“
Die Röte in ihrem Gesicht vertiefte sich. „Ich glaube nicht. Aber ich sehe einmal nach.“
Der Fahrer wartete. Eines war offensichtlich: diese Sache bereitete ihm diebische Freude.
Sie fand ein Fünfundzwanzigcentstück und streckte es ihm schüchtern hin.
„In die Kasse“, fuhr er sie an.
Sie ließ es in den Zahlschlitz fallen.
Mit einem Ruck setzte der Chauffeur sein Fahrzeug in Bewegung. Sie stolperte und wäre beinahe gefallen. Im letzten Augenblick gelang es ihr , einen Halt zu finden.
Ihr Blick wanderte zu den Fahrgästen. Es war, als wolle sie sich entschuldigen, daß sie sich nicht mehr beeilt hatte, daß sie nicht gleich das Kleingeld zur Hand hatte, daß sie beinahe gefallen wäre. Das Lächeln auf ihren Lippen zitterte, und sie setzte sich.
In der zweiundachzigsten Straße drückte sie auf den Klingelknopf, stand auf und ging unsicher nach vorn.
„Der Ausstieg ist hinten“, schimpfte der Fahrer über die Schulter, als er den Bus angehalten hatte. „Lernt ihr Leute denn nie, daß der Ausstieg hinten ist ?“
Ich bin ganz dafür, den hinteren Ausgang zu benützen. Besonders wenn der Bus voll ist. Aber in diesem Fall befanden sich nur etwa ein halbes Dutzend Fahrgäste im Bus. Voller Angst, in der Sache vielleicht Partei ergreifen zu müssen, hatten sie sich in ihre Zeitungen vertieft.
Die Frau wandte sich um. Ihr Gesicht war blaß. Sie verließ den Bus durch den hinteren Ausstieg.
Der Abend, den sie hinter sich hatte oder der vielleicht noch vor ihr lag, war verpatzt. Und vielleicht auch noch andere Abende, bei dem bloßen Gedanken an dieses Erlebnis.
Ich bleib bis zur Endstation im Bus.
Als der Chauffeur das Fahrzeug wendete und anhielt, war ich der einzige Fahrgast.
Es war eine einsame, schlecht beleuchtete Straßenecke, und in dem kleinen Häuschen am Bordstein warteten keine Fahrgäste. Der Fahrer warf einen Blick auf seine  Uhr, zündete sich eine Zigarette an und bemerkte mich schließlich.
„Wenn Sie wieder mit zurückfahren wollen, Mister, dann müssen Sie noch einmal bezahlen. Hier gibt´s keine Freikarten.“
Ich stand auf und ging langsam nach vorn zum Fahrersitz.
„Wie alt sind Sie ?“
Er kniff die Lider zusammen. „Das geht Sie einen Dreck an.“
„Ungefähr fünfunddreißig würde ich sagen“, fuhr ich fort. „Sie hätten noch gut dreißig Jahre oder mehr vor sich gehabt.“
Ich holte den Revolver heraus.
Er ließ die Zigarette fallen. „Nehmen Sie das Geld“, sagte er.
„Das Geld interessiert mich nicht. Ich denke an eine freundliche alte Dame und vielleicht viele hundert andere freundliche Damen und gutmütige Männer und vergnügte Kinder. Sie sind ein Verbrecher. Für das, was sie diesen Leuten antun, gibt es keine Rechtfertigung. Sie haben keine Berechtigung zu leben.“
Und ich erschoß ihn.
Ich setzte mich und wartete.
Zehn Minuten verstrichen, und ich war immer noch allein mit der Leiche.
Ich merkte, daß ich müde war. Unglaublich müde. Vielleicht war es besser, wenn ich mich der Polizei stellte, nachdem ich mich richtig ausgeschlafen hatte.
Ich verfaßte meine Rechtfertigung für die Erschießung des Busfahrers, fügte meine Initialien hinzu und steckte das Blatt Papier in die Brusttasche des Toten.

Ich mußte ein ganzes Stück laufen, ehe ich schließlich ein Taxi entdeckte, das mich zu meiner Wohnung brachte.
Ich schlief gut. Vielleicht träumte ich sogar. Aber wenn das tatsächlich der Fall gewesen war, dann waren meine Träume angenehm gewesen, denn es war fast neun Uhr, bevor ich erwachte.
Nachdem ich eine Dusche genommen und in aller Ruhe gefrühstückt hatte, suchte ich meinen besten Anzug heraus. Mir fiel ein, daß ich die Telefonrechnung für diesen Monat noch nicht bezahlt hatte. Ich stellte einen Scheck aus und adressierte einen Briefumschlag. Dann entdeckte ich, daß ich keine Briefmarken mehr hatte. Aber trotzdem würde ich mich auf den Weg zum Polizeirevier machen.
Ich war fast dort, als mir die Briefmarke wieder einfiel. Ich ging in den Drugstore an der Ecke. Noch nie zuvor hatte ich den Laden betreten.
Der Besitzer, in einem weißen Mantel, saß hinter der Theke und laß die Zeitung. Ein Vertreter machte sich Notizen in seinem Auftragsbuch. Der Besitzer blickte nicht auf, als ich den Laden betrat. Er unterhielt sich mit dem Vertreter. „Sie haben seine Fingerabdrücke auf den Zetteln, sie haben seine Handschrift, und sie kennen seine Initialien. Ist denn die Polizei völlig unfähig ?“
Der Vertreter zuckte mit den Achseln. „Wozu sind Fingerabdrücke schon gut, wenn die des Mörders noch nicht in den Polizeiakten vorhanden sind ? Das gleiche gilt für die Handschrift, wenn man kein Schriftstück hat, das  zu einem Vergleich dient. Und ich möchte nicht wissen, wie viele tausend Leute in dieser Stadt die Initialien L.T. haben.“ Er klappte das Buch zu. „Ich komme nächste Woche wieder vorbei.“
Als er gegangen war, vertiefte sich der Ladeninhaber wieder in seine Zeitung.
Ich räusperte mich. Er las erst die Spalte fertig, dann hob er den Kopf.
„Ja ?“
„Ich hätte gern eine Viercentbriefmarke.“
Es hatte fast den Anschein, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen. Fünfzehn geschlagene Sekunden starrte er mich an. Dann stand er von seinem Hocker auf und trottete langsam zum hinteren Ende des Ladens.
Ich wollte ihm folgen, doch dann fesselte eine Auslage verschiedener Pfeifen meine Aufmerksamkeit.
Nach einer Weile fühlte ich, daß mich jemand anstarrte, und ich blickte auf.
Der Ladeninhaber stand im hinteren Teil des Raumes, eine Hand auf die Hüfte gestützt, mit der anderen voller Verachtung die Briefmarke hochhaltend. „Erwarten Sie etwa, daß ich sie Ihnen auch noch bringe ?“
Und jetzt erinnerte ich mich plötzlich an einen kleinen sechsjährigen Jungen, der fünf Pennys besessen hatte. Nicht nur einen einzigen, sondern ganze fünf. Und in jenen Tagen hatte es die Penny-Bonbons gegeben, eins für einen Penny.
Er war ganz verzaubert von den Auslagen im Schaufenster - den fünfzig verschiedenen Arten von Bonbons, und er hatte mit Vergnügen die Qual ausgekostet, die es ihm bereit hatte, seine Wahl zu treffen. Die roten Eisbonbons ? Die Lakrizen ? Die Karamellen ? Aber jedenfalls nicht die Kirschbonbons, die mochte er nicht.
Und dann hatte er bemerkt, daß der Ladeninhaber neben dem Fenster gestanden und ungeduldig mit dem Fuß gewippt hatte. Er hatte mürrisch und gereizt ausgesehen - nein mehr noch -, er war ärgerlich gewesen. „Willst du mich mit deinen lächerlichen fünf Cent den ganzen Tag aufhalten ?“
Der Junge war sensibel gewesen, und die häßlichen Worte hatten ihn getroffen wie ein Schlag. Plötzlich bedeuteten seine wertvollen fünf Cent, auf die er so stolz gewesen war, gar nichts. Dieser Mann fand sie lächerlich. Und dieser Mann fand auch ihn lächerlich.
Blindlings hatte er irgendwohin gedeutet. „Für fünf Cent von denen da.“
Als er den Laden verlassen hatte, hatte er entdeckt, daß er ein Tütchen mit Kirschbonbons in der Hand hielt.
Aber im Grunde genommen hatte es keine Rolle gespielt. Was immer es auch gewesen wäre, er hätte es doch nicht essen können.
Jetzt starrte ich den Mann an und die Viercentbriefmarke, und ich sah den Haß in den zusammengekniffenen Augen, der jedem galt, der nicht unmittelbar zu seinem Vorteil beitrug, der nicht seinen geschäftlichen Gewinn vergrößerte. Ich war überzeugt, daß er mich mit der größten Unterwürfigkeit und Zuvorkommenheit bedient hätte, wenn ich eine seiner Pfeifen gekauft hätte.
Aber ich dachte an die Briefmarke und das Tütchen mit den Kirschbonbons, das ich vor so vielen Jahren weggeworfen hatte.
Ich näherte mich ihm und zog den Revolver aus der Tasche.
„Wie alt sind Sie ?“

Als er tot war, wartete ich nicht länger als nötig, um meinen Zettel zu schreiben. Dieses mal hatte ich um meinetwillen getötet, und ich fühlte Verlangen nach einem Drink.
Ich ging ein Stück die Straße hinunter und betrat ein kleines Lokal. Ich bestellte einen Brandy und ein Glas Wasser.
Nach zehn Minuten hörte ich die Sirene der Funkstreife.
Der Barkeeper trat ans Fenster. „Es muß gleich hier in der Straße sein.“ Er zoge Jacke aus. „Mal sehen, was da los ist. Wenn jemand kommt, dann sagen Sie ihm, daß ich gleich wieder da bin.“ Er stellte die Brandyflasche auf die Bartheke. „Bedienen Sie sich selbst. Aber sagen Sie mir hinterher, wie viele es waren.“
Gemächlich schlürfte ich meinen Brandy. Ich sah noch mehr Streifenwagen kommen und schließlich auch den Sanitätswagen.
Nach zehn Minuten kehrte der Barmann zurück. Ein Gast folgte ihm. „Ein Bier, Joe.“
„Das ist mein zweiter Brandy“, verkündete ich.
Joe steckte mein Geld ein. „Der Inhaber vom Drugstore ist ermordet worden. Sieht aus, als hätte es derselbe Mann getan, der die Leute erschießt, weil sie nicht höflich sind.“
Der Gast sah ihm zu, wie er das Bier abzapfte. „Wie kommen Sie darauf ? Kann doch auch ein Überfall gewesen sein ?“
Joe schüttelte den Kopf. „Nein. Fred Masters - er hat den Elektroladen über der Straße - hat die Leiche gefunden und hat den Zettel gelesen.“
Der Gast legte zehn Cent auf die Theke. „Um den werd´ ich nicht weinen. Ich habe immer in einem anderen Laden gekauft. Er hat getan, als ob er einem einen persönlichen Gefallen täte, wenn er einen bediente.“
Joe nickte. „Ich glaube nicht, daß irgend jemand aus der Nachbarschaft einen Narren an ihm gefressen hatte. Mit ihm hat es immer nur Schwierigkeiten gegeben.“
Ich hatte vorgehabt, jetzt zu gehen und mich im Drugstore der Polizei zu stellen, doch statt dessen bestellte ich mir noch einen Brandy und holte mein Notizbuch heraus. Ich begann mit der Aufstellung einer Namensliste.
Es war erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit ein Name dem anderen folgte. Lauter bittere Erinnerungen, manche groß, manche klein, manche, die ich selbst erlebt hatte, und viele andere, bei denen ich Zeuge gewesen war - und vielleicht mehr gefühlt hatte als die Betroffenen.
Namen. Und der Mann von dem Lagerhaus. Ich wußte seinen Namen nicht, aber ich mußte seinen Namen mit einbeziehen in meine Liste.
Ich konnte mich ganz klar an jenen Tag erinnern und an Miss Newman. Wir waren damals in der sechsten Klasse, und sie hatte mit uns einen Ausflug gemacht. Dieses Mal sollte es zu den Lagerhäusern gehen, die am Fluß lagen. Sie wollte uns zeigen, „wie die Industrie arbeitet.“
Sie pflegte ihre Ausflüge immer im voraus genau zu planen, und sie holte gewöhnlich immer erst die Erlaubnis zu Besichtigungen ein. Doch damals mußte ihr ein Fehler unterlaufen sein, oder sie mußte sich geirrt haben. Wir kamen zu dem Lagerhaus - sie und die dreißig Kinder, die alle für sie schwärmten.
Und der Aufseher des Lagerhauses hatte sie hinausgeworfen. Er hatte sich einer Sprache bedient, die wir nicht verstanden, aber wir spürten die Absicht dahinter, und wir wußten, daß sie gegen uns und Miss Newman gerichtet war. Sie war klein, und sie war erschrocken gewesen, und wir waren gegangen. Und am nächsten Tag war Miss Newman nicht in die Schule gekommen. Und auch an keinem der folgenden Tage. Wir erfuhren, daß sie um eine Versetzung gebeten hatte. Und ich, der ich auch an ihr gehangen hatte, hatte gewußt weshalb. Sie konnte uns nach diesem Zwischenfall nicht in die Augen sehen.
Ob er wohl noch lebte ? Er mußte damals etwa zwanzig Jahre alt gewesen sein.
Als ich eine halbe Stunde später die Bar verließ, war ich mir darüber klar, daß ich noch ein gutes Stück Arbeit vor mir hatte.
Die folgenden Tage waren angefüllt mit ununterbrochener Tätigkeit, und bei dieser Gelegenheit fand ich auch den Lagerhausaufseher. Ich sagte ihm, warum er sterben mußte, da er sich nicht einmal an den Vorfall erinnern konnte. Und als auch das getan war, setzte ich mich in ein Restaurant, das nicht weit entfernt war.
Schließlich ließ sich die Kellnerin dazu herbei, ihre Unterhaltung mit der Kassiererin zu unterbrechen, und trat an den Tisch. „Was wünschen Sie ?“
Ich bestellte ein Steak und Tomaten.
Das Steak war genauso, wie man es in dieser Gegend erwarten konnte. Als ich nach einem Kaffelöffel griff, fiel er zu Boden. Ich hob ihn auf. „Fräulein, würden Sie mir wohl einen anderen Löffel bringen ?“
Mürrisch stakte sie zu meinem Tisch und riß mir den Löffel aus der Hand. „Sie haben wohl das Zipperlein, was ?“
Gleich darauf kam sie zurück und wollte gerade den Löffel mit ärgerlichem Nachdruck auf den Tisch werfen, als ein plötzlicher Gedanke den harten Ausdruck auf ihrem Gesicht milderte. Der Schwung ihres erhobenen Armes milderte sich sichtlich, und als der Löffel die Tischplatte berührte, berührte er sie sanft. Sehr sanft.
Sie lachte nervös. „Tut mir leid, daß ich so grob war, Mister.“
Das war eine Entschuldigung. „Ist schon in Ordnung“, erwiderte ich friedfertig.
„Meinetwegen können Sie einen Löffel runterfallen lassen, wann Sie wollen. Ich hole Ihnen gern einen anderen.“
„Danke.“ Ich wandte mich meinem Kaffee zu.
„Sie haben es mir doch nicht übelgenommen, nicht wahr ?“ erkundigte sie sich friedfertig.
„Nein. Gar nicht.“
Sie nahm eine Zeitung von dem leeren Nachbartisch. „Hier, Sir. Sie können sie lesen, wärend Sie essen. Ich meine, es kostet nichts. Es ist frei.“
Als sie mich schließlich allein ließ, starrte die Kassiererin sie aus aufgerissenen Augen an. „Was ist denn in dich gefahren, Mabel ?“
Mit leichtem Unbehagen warf mir Mabel einen Blick über die Schulter zu. „Man kann nie wissen, wer er ist. In diesen Tagen ist es besser, wenn man höflich ist.“
Wärend ich aß, las ich die Zeitung. Eine kurze Notiz erregte meine Aufmerksamkeit. Ein erwachsener Mann hatte Centstücke in einer Bratpfanne erhitzt und sie dann Kindern auf die Straße hinausgeworfen und ihnen zugerufen, sie sollten sich etwas dafür kaufen. Man hatte ihn zu lächerlichen zwanzig Dollar Strafe verurteilt.
Ich notierte mir seine Namen und seine Adresse.

Dr.Briller hatte seine Untersuchung beendet. „Sie können sich jetzt wieder anziehen, Mr.Turner.“
Ich schlüpfte in mein Hemd. „Seit ich das letzte Mal hier war, ist wohl kein neues Wundermittel entwickelt worden, was ?“
Er lachte voller selbstzufriedener Gutmütigkeit. „Nein. Ich fürchte nicht.“ Er sah mir zu, wärend ich mein Hemd zuknöpfte. „Ach - übrigens, haben Sie schon einen Entschluß gefaßt, was Sie mit der Ihnen verbleibenden Zeit anfangen wollen ?“
Das hatte ich wohl, aber ich hielt es für besser, zu antworten: „Noch nicht.“
Er war verwirrt. „Das sollten Sie aber tun. Wirklich. Jetzt bleiben Ihnen nur noch drei Monate. Und bitte, vergessen Sie nicht, es mir mitzuteilen, wenn sie sich entschlossen haben.“
Während ich mich fertig anzog, setzte er sich hinter seine Schreibtisch und blickte auf die Zeitung, die vor ihm lag. „Der Killer scheint ziemlich beschäftigt zu sein, nicht wahr ?“
Er blätterte die Seite um. „Aber das Überraschenste an  diesen Verbrechen ist das Echo, das sie in der Öffentlichkeit hervorgerufen haben. Haben Sie einmal die Leserzuschriften gelesen ?“
„Nein.“
„Es hat ganz den Anschein, als würden die Morde in weiten Kreisen der Öffentlichkeit gebilligt. Einige der Schreiber deuten sogar an, daß sie dem Mörder selbst ein paar Namen zur Verfügung stellen könnten.“
Ich würde mir eine Zeitung kaufen müssen.
„Und nicht nur das“, fuhr Dr.Briller fort, „sondern gleichzeitig hat auch eine Welle allgemeiner Höflichkeit in der Stadt eingesetzt.“
Ich zog mein Jackett an. „Soll ich in zwei Wochen wiederkommen ?“
Er legte die Zeitung aus der Hand. „Ja. Und versuchen Sie, der Tatsache so optimistisch wie möglich ins Auge zu sehen. Wir alle müssen einmal sterben.“
Aber sein Tag war unbestimmt und wohl in weiter Ferne.

Mein Besuch bei Dr.Briller hatte am Abend stattgefunden, und es war fast zehn Uhr, als ich aus dem Bus stieg und den kurzen Weg zu meiner Wohnung einschlug.
Als ich zur letzten Straßenecke kam, hörte ich einen Schuß. Ich bog in die Milding Lane ein und entdeckte einen kleinen Mann, der sich über einen leblosen Körper beugte.
Ich blickte ebenfalls auf die Leiche hinunter.
„Mein Gott. Ein Polizist.“
Der kleine Mann nickte. „Ja. Was ich getan habe, mag etwas extrem erscheinen, aber sehen Sie, er hat mich mit einer Flut von Schimpfworten überschwemmt, die dem Anlaß keinesfalls entsprochen haben.“
„Aha“, bemerkte ich.
Der kleine Mann nickte wieder, „Ich hatte meinen Wagen vor einem Feuerhydranten geparkt. Ganz unabsichtlich, das kann ich Ihnen versichern. Und dieser Polizist wartete hier, als ich wieder zu meinem Wagen zurückkam. Dann stellte er auch noch fest, daß ich meinen Führerschein vergessen hatte. Ich hätte bestimmt nicht so drastisch gehandelt, wenn er mir einfach einen Strafzettel ausgestellt hätte - denn ich war natürlich schuldig, Sir, und ich bin bereit, das anzuerkennen. Aber damit war er nicht zufrieden. Er machte höchst unangebrachte Bemerkungen über mein Sehvermögen, meine Intelligenz, die Möglichkeit, daß ich den Wagen gestohlen haben könnte und schließlich sogar auch noch über die Legitimität meiner Geburt.“ Er blinzelte nervös mit den Augen. „Meine Mutter war ein Engel, Sir. Ein Engel.“ Ich erinnerte mich an einen Tag, als mich ein Polizeibeamter bei irgendeinem kleinen Verkehrsvergehen erwischt hatte. Ich hätte gutwillig die übliche Warnung hingenommen, ja ich hätte auch bei einem Strafzettel keineswegs gemeutert, doch statt dessen hielt der Hüter des Gesetzes mir in Gegenwart einer grinsenden Menge höchst interessierter Fußgänger einen endlosen Vortrag. Es war zutiefst erniedrigend gewesen.
Der kleine Mann blickte auf den Revolver in seiner Hand. „Ich habe ihn erst heute gekauft, und eigentlich hatte ich vor, dem Hausmeister des Hauses, in dem ich wohne, eins auf den Pelz zu brennen. Ein richtiger Grobian.“
Ich pflichtete ihm bei. „Fürchterliche Kerle.“
Er seufzte. „Aber jetzt werde ich mich wohl der Polizei stellen müssen.“
Ich überlegte. Er beobachtete mich.
Dann räusperte er sich. „Oder sollte ich einfach einen Zettel schreiben ? Sehen Sie, ich habe in der Zeitung über …“
Ich lieh ihm mein Notizbuch.
Er schrieb ein paar Zeilen, setzte seine Initialien darunter und steckte das Blatt Papier zwischen zwei Knöpfe in der Jacke des toten Polizeibeamten. Dann gab er mir das Notizbuch zurück. „So eines muß ich mir auch zulegen.“
Er öffnete die Wagentür. „Kann ich Sie ein Stück mitnehmen ?“
„Nein danke“, lehnte ich ab. „Es ist ein schöner Abend. Da gehe ich lieber zu Fuß.“
Ein netter Kerl, dachte ich, als ich weiterging. Schade, daß es nicht mehr von seiner Sorte gibt.



Gelesen in :
Alfred Hitchcocks Kriminalmagazin Band 15
Ullstein Buch Nr. 1021